Ausgabe 
30.11.1940
 
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Ur. 284 Drittes Blatt

ßieftener Anzeiger (Aeneral-Anzeiaer für Gberbesfen) 50 November /L DezemberR40

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Gebet* ikesseh

Aus Oer Stadt Gießen.

Poesie her Adventszeit.

Auf dem Bürgersteig steht ein kleines Mädchen lind drückt ein Tannenreislein an sich Das Reis- ein ist von einem Lastkraftwagen herunterge,allen, ler in rafcher Fahrt vorbeiratterte. Der Wagen uhr dicht am Straßenrand, so daß der kleine )weig hart am Büraersteig niederfiel, und zwar -erade an der Stelle, wo das Mädchen einen Augenblick verweilte. Zunächst war es ganz über- tascht. Dann hat es den Zweig aufgehoben, und tun steht es ganz beglückt da und preßt das biß­chen Tannengrün, als bedeute es eine Seligkeit.

Sicher ist der Tannenzweig als köstlicher Schatz »ach tiaufe getragen worden, und sicher hat er ort einen Ehrenplatz bekommen, wo ihn das kleine Mädchen nun als Sinnbild der vorweihnachtlichen leit verehrt und ihn vielleicht sogar mit einem ichtlein verziert In wieviel Fällen wird jetzt in hnlicher Weise die Freudenstimmung ausgekostet, e uns die Wochen vor dem weihnachtlichen Fest escheren. Mit der Adventszeit ist die. Poesie in -des deutsche fiaus eingekehrt und hat es mit stil- m Glanz erfüllt

Mit einem Schlage sind bei den Erwachsenen kstliche Kindheitserinnerungen wach geworden, die fr an die Adventszeit knüpfen Wußte nicht die Jlutter damals die Dämmerstunde so wundervoll ir gestalten mit ihren Märchen und eigenen Er- bd) hingen? Gab es etwas Schöneres, als in den hmklen Nachmittagsstunden im warmen Zimmer ji sitzen und die ersten Weihnachtslieder zu fingen? hnd hatte es nicht einen verlockenden Reiz, von il dem Schönen zu träumen, das sich sicher zum Deihnachtsfest begeben würde?Und wieder nun lißt aus dem Dunkeln die Weihnacht ihre Sterne finfeln?" Wieder ist das Haus erfüllt von jener Akheimnisvoll köstlichen Stimmung, und wieder sind L die Kinder, für die die Adventszeit ihren schön- f|?n Zauber bereithält

Jedes kleine Licht, das in diesen Tagen von Kin- btrbanb entzündet und sorgsam gehütet wird, jeder foön geschmückte Adventskranz, der im Scheine sicher Kerzen erstrahlt, ist ein Symbol für das a eberfebrenbe Himmelslicht besten Kratt wir in

diesen dunklen Wochen entbehren müssen. Aber !rabe ber starke Gegensatz zwischen tieffter Dun« lheit unb strahlendem Licht schafft erst die ge- hlsmäßige Voraussetzung für das beglückende Er« liien, das uns die Adventszeit vermittelt. Und bar« vn sind die Stimmungswerte von so unverfälschter fraft, daß sie sich in Wahrheit zu jener Poesie er» fyben, ohne die wir uns die Adventszeit nicht vor- Pstellen vermögen. H. W. Sch.

Jetzt schon?

Mit ein paar großen Tüten im Arm steuerte Frau Regler ins Haus hinein.Wer hat denn bei Ihnen Geburtstag?" rief die Nachbarin im Parterre aus l|rem Fenster.

Frau Ziegler drückte die Tüten liebevoll an sich: Vas ist zu Weihnachten für meine beiden Jungen in Felde!"

,Zetzt schon die Weihnachtspäckchen für die Sol­lten?" strich sich die Hauswartin ein verwundertes Lckchen hinters Ohr.Ist das nicht etwas früh?"

Aber nein! Wäre doch schade, wenn meine Weih- nochtsüberrascAmg erst zu Neujahr anfäme!"

Tja aber . .. So ein Päckchen braucht doch höch- stms eine Woche!"

Kann man wissen, ob es beim weihnachtlichen Tastenbetrieb nicht Verzögerungen gibt? Die kichspost selbst hat übrigens mitteilen lasten, baß Veilmachtspäckchen spätestens bis zum 15 Dezember aufgegeben werden sollen, besser mch in der ersten Dezemberwoche, dann sind sie gmz sicher rechtzeitig da."

Was nun, Frau Ziegler, wenn Ihre Päckchen |ton sagen wir mal am 20 Dezember ober Nkch früher bei Ihren Söhnen eintrudeln? Das rrf)t doch auch keinen Spaß?"

Warum nicht?" machte Frau Ziegler ein spitz- bibisches Gesicht, als habe sie einen ganz schlauen SdankenIch schreibe auf jede§ Päckchen: Erst zi Weihnachten öffnen !"Z.

Reichtum in der Vorweihnacht

Von Wilhelm von Scholz.

Db es b»n anderen Leuten auch so geht wie mir, dich ich freilich nicht, aber ber und jener hat es üir doch schon beftätigt: daß so vom November <n und mit jeder Woche mehr, je mehr die Tage lüig und dämmerig werden, die Zeit und die Ge- hiuen und die Gefühle immer ausgesprochener auf 8iihnachten Aueilen; und viel eifriger und erfüllter f<is auf irgendeinen anderen Tag oder ein anderes fo'l des ganzen Jahres.

Das ist wohl auch im Kriege so, wenigstens für ke die in der Heimat find und nur mit dem Helzen, dem Willen unb ihrer Arbeit an dem gro- ter Geschehen draußen teilnehmen

9ewih, es geht um diese späte, verträumte unb visonnene Herdstzeit, wenn die Bäume kahl und h Fernen mit feuchter, nebliger Luft verhängt sind, tot Braun der beperlten Stauden, verschossene Hl»rn. ein paar rötliche Zweige die letzten Farben Kien, wenn der frische Winter mit Schlittschuh- unb «tneeschuhlaus, mit Rodeln und der sportlichen Be- tötigung in der reinen klaren Kälte, in B»r"f"nn<> äI auf spiegelndem Eise noch nicht begonnen hat, Üech auf zwei wichtige Feste zu: Weihnacycen uni) aeijahr!

SLber diese beiden Feste find doch im Grunde M! ein einziges, ein so großes unb gewaltiges Fest, M es sich vor Fülle in zwei teilen mußte, um mit |nrer Uebermacht nicht zu erdrücken. Denn der herbeginn des Lichtes, das Wiederaufsteigen der 6ome empor aus ihrem tiefsten Stande und mal» fai en Nebeln, der sich später mit der lieben fronv it?/ christlichen Geschichte verschmolzen hat, ist der Urbrungsjinn sowohl von Weihnachten q>ie von br alle Verhältnisse des Lebens berührenden Iah- ds rneueruna.

V ielleicht ist es in alter Zeit nur eine Unausge- Phenheit, eine nicht Übereinstimmende Rechnung Ui Kalender gewesen, die dazu geführt hat, daß fist dasselbe Fest wenige Tage nacheinander noch öiinal kommt. _

£t)er es hat auch möglicherweise die Kirche Weih» Seiten ein wenig vom Jahreswechsel abgerürft, hin it- ber neue Sinn, den es schon in heidnischer lotaeit hatte unb der hell vom Lichterbaum iun» lill eben der Wiederkehr und ber Wiederauf- trf^bung der Sonne überblendet und verdeckt irbe. Und es ist wirklich zuviel an hoher Bebeu

die das winterliche Fest in sich jchließt, als

3n drei Wochen ist Weihnachten!

Kleine häusliche Bilder in der Adventszeit.

Wißt ihr, was bas ist?" fragt die Mutter beim Mittagessen unb hebt etwas Weißes hoch: sie ist ganz rosig im Gesicht und scheint sich auszuregen ober zu freuen, und es muß etwas Besonderes sein, das merken die Kinder gleich, aber ehe die bedäch­tige und schon ziemlich oerftänbtge Hannelore etwas sagen kann, ist der kleine Heinz-Jürgen ihr zuvorge- kommen: mitau ja" undich weiß" will er eine längere Rede beginnen, aber weil er schon als ganz kleines Kind von heftigem Temperament war unb natürlich den letzten Löffel voll Suppe noch gar nicht unten hat, verschluckt er sich fürchterlich und hustet wild und krächzt und wird dunkelrot im Gesicht, und die gute Mutti muß ihm die Aermchen hochheben und ihn mit allerlei erprobten kleinen Künsten dem Leben roiebergeben. Hannelore, die ein Jahr älter ist und sich.infolgedessen sehr erwachsen Dorfommt, hat große Äugen, weil sie sich erstens über das Weiße, bas inzwischen unter den Tisch gefallen ist, neugierige Gedanken macht und weil sie außerdem mit sachlicher Aufmerksamkeit die mütterlichen Bemühungen um Heinz-Jürgens Wie­derherstellung in allen Einzelheiten verfolgen muß Es dauert ein Weilchen, bis der kleine Bruder (im­mer muß man auf ihn achtgeben, und wenn man mal nicht hinguckt, gleich macht er etwas Dum­mes) bis der Kleine also sein normales Aus­sehen und seine noch unvollkommene, aber laute unb immer ein wenig heisere Sprache wiedergefun­den hat. Durch seinen Verkehrsunfall ist er jedoch im geschwisterlichen Wettstreit ins Hintertreffen ge­raten, unb Hannelore verkündet, ehe er loslegen kann, mit strahlendem Gesicht, daß das Weiße hier ein Brief vom Vater sei, ein Brief aus Frankreich

Jetzt bekommt ber Kleine runde Kulleraugen: Frankreich, das ist beinahe so weit wie Afrika, und er besinnt sich, was der Vater ihm erzählt hat zwei ganze Tage und zwei ganze Nächte muß er in dem großen Urlauberzug, wo die Soldaten drin sitzen, unterwegs fein, bis er in der fremden Stadt ankommt, wo er jetzt wohnt. Da lacht die Mutter und mckt, und es ist wirklich ein Brief aus Frank­reich vom Vater, und das Allerschönste an diesem Brief ist gleich der erste Satz, den die Mutter den beiden oorliest, unb ba steht gewiß unb wahrhaftig, baß ber Vater zu Weihnachten auf Urlaub nach Hause kommt

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Das Mittagessen ist in stürmsicher Freube unb ohne weitere Sensationen zu Enbe gegangen, unb von diesem Zeitpunkt an hat bas Leben Der Kin­der (von ber Mutter wollen wir hier gar nicht reben) nur noch ein einziges, großes, leuchtenbes Ziel 2Iih dieses Ziel hin leben sie mit aller In­

brunst, Erwartung unb Gläubigkeit ihrer kleinen Herzen. Das mit goldenen Kerzenflammen fun- kelnoe, von silbernem Engelshaar blitzende Ziel ihrer Wünsche und Hoffnungen heißt W e i h n a ch - t e n .. wie alle Jahre, seit sie auf dieser Welt smd. Aber in diesem Jahre wird Weihnachten dop­pelt schön jein, zwiefach gesegnet mit Erfüllung, weil nicht nur das Christkind kommen wird, son­dern auch zugleich unb gewissermaßen Hand in Hanb mit ihm. ber gute Vater Hannelore, die em nachdenkliches Kind ist, neigt dazu, sich dieser Vor- Heilung hinzugeben unb ihre Phantasie spazieren­gehen zu lassen ohne alle Bedenken: für sie ist das Wunderbare noch ganz greifbar möglich in vielerlei Gestalt unb wenn man sie nicht stört und auf» scheucht aus ihren Träumen, wozu ihr Bruder ab­sichtlich ober von ungefähr jeberzeit bereit ist, dann sieht die kleine Hannelore m ihrer ausschweifenden Phantasie an einem dunklen Winterabend vor Weih­nachten den unendlich langen k^u-Zug aus Frank­reich in die Bahnhofshalle rollen, unb wie er nun hält, ba steigt klappernd unb knarrend ein ganz be parfter Soldat aus dem Wagen, unb obwohl er in ber einen Hanb schon em großes, geheimnisvolles Paket schleppt und auch sonst noch allerlei an sich herumbaumeln hat, führt er an der andern noch etwas Kleines, Weißes, Strahlendes: ba kom­men sie, ber Vater unb bas Christkind Hand in Hand.

Während die Mutter in ber Küche ist, spielen die Geschwister bas schöne unb unerschöpfliche Spiel Ich sehe was, was bu nicht siehst"Schwarz", sagt Hannelore und hat große Last damit, ihren Bruder davon zu überzeugen, daß schwarz auch eine Farbe ist Der Kleine lieht es endlich em unb sucht sich blind bis die Schwester mit spitzem Fin­ger auf ein kleines Kalenderblatt an der Wand und auf die kleine schwarze Zahl 30 weist Ader jetzt ist Heinz-Jürgen dran, und er denkt lange und sorgfältig nach ehe er seine Schwester suchen läßt. Röt'" kräht er mit seinem verschmitzten Gesicht, und jetzt, sucht sich nun die arme Hannelore halb blind unb finbet unb findet nicht das Richtige. Ihre Schürze ist es nicht, unb das Bilderbuch nicht und auch nicht das rote Puppenmützchen ihres kleinen Lieblings Ursula.Hier in unserem Zimmer?" er­kundigt sie sich mißtrauisch. Der Kleine nickt trium­phierend, als die Schwester ihre Ratlosigkeit ein­gestehen muß, und hebt spitzbübisch das Kalender­blatt mit ber schwarzen Dreißig hoch, unb barunter kommt wahrhaftig eine schöne leuchtend rote Eins zum Vorschein.

Jetzt werben gleich Tränen fließen.Die kannst hu doch noch oor mrbt sehen", schreit Hannelore ent.

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rüstet, nachdem sie sich von ihrem Staunen und ihrer Ueberraschuna erholt hat, und-wenn nicht die Mutter m diesem Augenblick dazu käme, bräche im Kinderzimmer em gewaltiger Lärm aus. Die kluge Mutter hat aber eine Menge zu dem Streitfall zu bemerken: wie ganz befonbers verwerflich, zum Beispiel, gerade m diesen Tagen ein Krach im Kinderzimmer fei, wo doch die Wunschzettel eben erst geschrieben unb das Christkind und der gute Vater so bald zu erwarten seien. Und was es denn überhaupt mit dieser roten Eins um die sie sich hier entzweien wollten, für eine Bewandtnis habe: wenn sie morgen, allen sichtbar, erscheine, sei der erste Advent, und in drei Wochen ober in 24 Tagen sei Weihnachten, unb ob sie benn. wenn sie das bedächten, nicht am Ende etwas anderes zu tun wüßten als dieses gefährliche SpielIch sehe was, was bu nicht siehst"? Die Kinder schauen sich an unb blinzeln, unb als bie Mutter roieber in bis Küche gegangen ist. bleibt es ganz still im Zim­mer, unb die beiden sitzen sehr einträchtig und sehr neheimmsnoll beieinander am Tisch unb sind hin»

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daß es nicht mehrere Tage und.dazwischen noch einmal ein Atemholen brauchte, um durch und durch erlebt zu werden.

Der chrisllich-kirchliche Sinn hat sich dabei in unserem Volke unmerklich verwanbeltt in den des reinsten und innigsten Familienfestes: er hat sich mit der Gefühlswelt der Familie, des Sich-heimisch- und-geborgen,ühlens mit den nächsten Menschen, mit Eltern, Kindern, Geschwistern so tief erfüllt, daß Weihnachten das eigentliche deutsche Familien­fest geworden ist. Das, worauf sich das Auge vor allem heftet, wurde eberf die heilige Familie, ein­fach als Familie, die ihr gemeinsames Schicksal hat, die in Armut und Not sich aneinander aufrichtet, tröstet und Zuversicht faßt, in ber Freube sich mit­teilt, sich liebt und beschenkt.

Dies: der Gedanke an die Familie und ber Ge­danke an die Erneuerung des Arbeitsjahres, des Abschlusses unb bes frischen Anfangs, bie wie von selbst sich einftellenbe Besinnung unb Rückerinne­rung an das abgelaufene wie schnell abgelau­fene 1 Jahr mit feinem Frühling unb seiner Sonne, seiner Sommers- unb Wanberzeit, die sehr vielen Deutschen selbst im Kriege beschieden war, mit dem erntereichen Herbst, dessen Wichtig­keit für das ganze Volk und sein Leben jetzt jedem wieder zu Bewußtsein gekommen ist, übergleitet die Seele schon vor dem Feste selbst, weil sie sich durch die kurzen grauen Tage so recht aus sich unb ihr Innenleben angewiesen sieht.

Wenn man in ber feuchtkühlen Abendbämmerung aus ber Werkstatt ober der Schreibstube ober bem Amtszimmer, dem Maleratelier ober der Fabrik heimwandert, dann muß man ja besinnlich wer­den. Man entdeckt da, daß alles Erleben eines Iah- res sich erst in diesen Tagen und Stunden vollen- bet und ganz unser wird Ehe etwas, das man sah unb erfuhr, mag es eine Freude oder ein Leid sein, nicht still in Gedanken unb heimlichen Gefühlen wiederholt worden ist, eher haben wir es nicht wirklich im Besitz.

Es ist so, Leben verlangt ein Doppeltes: nach dem äußeren Geschehen das innerliche, wodurch alles und hätte es uns im Augenblick, als es kam und da war. noch so begeistert und beglückt! erst unser dauernder Reichtum wird

Ich glaube, bas ist es, weshalb Weihnachten so schön ist: weil der Mensch in der Adventszeit, in Vorfreude und Vorsorge auf das Fest, an alles Gute, das ihm im abgelaufenen Jahre ward, an alles Leib, bas er mannhaft überroanb. lange ge­dacht, so wieder ein an Erlebnis gesättigtes Jahr sich zu eigen gemacht hat und nun reicher, gefestigter.

mehr verbunden den Seinen und seinem Volke vor den Lichterbaum tritt. Das ist auch im Kriege nicht anders da ist wahrlich die Fülle des Herrlichen, was wir Deutschen dem Jahr wieder und wieder danken, unvorstellbar groß!

Begegnung im Kriege.

Von Norbert Bruchhaufer.

Als ich ihn das letztemal gesehen hatte, war er mir ein wenig fremd oorgefommen: in Anzug. Haltung unb auch sonst im Aussehen schien mir nicht mehr viel von dem frischen unb lebensfrohen Bauernburschen übriggeblieben zu sein Er fuhr zwei schwere Pferde unb kutschierte für eine große Brauerei mit Bierfässern burch die Stadt Ich fragte ihn. wie ihm «eine Tätigkeit unb bas Stabt- leben gefielen. Er wich einer klaren Antwort aus. Er lobte seine Pferbe und schilderte mir ihre Vor­züge Von sich sprach er nicht. Ich wollte nicht wei­ter in ihn bringen und gab ihm bie Hand Ich sagte:Bleib gesund, Otto. Ich fahre am Sonntag heim ins Dorf: wenn es dir recht ist, will ich Grüße von dir ausrichten "

Die Mühe kannst du dir sparen", entgegnete er, ohne mich anzusehen:ich wüßte nicht, wer sich da noch von mir grüßen lassen möchte. Lieder nicht

Er hatte etwa Gedrücktes, als er das sagte Ich merkte daß es ihm wehtat, daß er mir etwas oer- schwieg Ich wußte nur: es war einer von den jungen Burlchen, die dem Dorf und bem Land ab­trünnig geworden waren, weil sie es in der Stadt besser haben woltten.

Genau ein halbes Jahr später, im ersten Kriegs­monat, traf ich ihn bei einer Gefechtsübung im Westen Unsere Kompanie hatte die Feldwache in einem alleinstehenden Gehöft zu stellen. Als wir dabei waren, uns in dem Gehöft einzurichten, kam mir in der Scheunentür ein Artillerist entgegen mb begrüßte mich. Es war Otto Er lag feit Kriegsaus- bruch mit seinem Regiment hier vorne in Stellung

Es gab viele Fragen hinüber unb herüber Ich bot ihm zu rauchen anDanke" lachte er.hier sinb Heimatzigaretten. Probier mal So was Gutes hast bu wahrscheinlich lange nicht geraucht."

Er war roieber der frische und lebensfrohe Bauernjunge, wie ich ihn schon als Kind gekannt hatte Die Zigarette war wirklich vorzüglich Ich fragte ihn nach dem Absender.Ich faqe dir doch: Heimatzigaretten!" erwiderte er. Sein Wort von da»

mals fiel mir ein: Die Mühe kannst du dir sparen. Einen Augenblick war ich im Zweifel, ob ich an die wunde Stelle rühren solle. Da fing er von selber an.

Du weißt doch", sagte er,mir war es daheim nicht mehr gut genug. Ich wollte Geld verdienen. Ich wollte etwas vom Leben haben. Da habe ich die da­heim allein gelassen und mir eine Stelle gesucht. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Nach Drei Wochen hatte ich genug davon Lieber daheim auf dem Hof ein freier Mqnn, als in so einem Betrieb eine Nummer fein. Mehr war ich ja nicht. Und gespart habe ich auch nichts Im Gegenteil. Da mußte also etwas geschehen. Aber was? Heim das ging nicht, ich hätte mich geschämt, obwohl .ch wußte, sie sind gerat) in ber Ernte unb können m.ch gut gebrauchen. Wie bas so geht, wenn man sich einmal verrannt hat.

Er schnippte die Asche von seiner Zigarette und schaute nachdenklich an mir vorüber.Einen Aus­weg gab es: ich meldete mich zum 5)eeresdienst. Ich sagte mir: früher ober später kommst bu doch an bie Reihe, also besser jetzt gleich. Die Uebung war noch nicht zu Enbe, ba brach der Krieg aus. Kein Abschied von daheim, nichts Unb feitbcm bin ich hier Es ist ruhig, ber Dienst nicht sehr anftren- genb, ich bin bie meiste Zeit beim Erntekommando. Wir verstehen uns herrlich, bie Pfälzer Bauern unb wir! Wenn's einmal weggeht, wirb es em schwerer Abschied werben. Unb hier, ein paar Kilometer von der sreigemachten Zone entfernt bu weißt, was bas Wort für einen Bauern bedeutet! habe ich den ersten Schritt getan. Es war nicht so schwer, wie ich aefürchtet hatte. Ich brauchte denen daheim nur zu schreiben wie mir ums Herz war, unb Daß sie mir nicht mehr böse sem sollen. Sonst nichts. Die Zeit ist zu ernst für viel Gerede. Und was soll ich bir sagen: gestern habe ich bie Antwort erhalten. Alle haben an bem Brief geschrieben. Vater, Mut­ter unb Geschwister. Du kannst ihn lesen: es ft alles in bester Örbnung. Es kommt mir vor. als wäre mir bie Heimat neu geschenkt. Ich gehe herum unb bin wie besoffen oor Glück: kannst mir's glau­ben!"

Ich glaubte es ihm Wort für Wort.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, bann muß­ten wir uns trennen Beim Abschied sagte er: Jetzt habe ich nur einen Wunsch, mit heilen Knochen wieder heimzukommen, damit ich nachholen kann, was ich versäumt habe."

Und denk' mal", sagte ich,einen Krieg hat's gebraucht, um dich wieder zum Bauern zu machen/

Ja, für was ein Krieg manchmal gut ist!"