Nr. 231 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 30. September W
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lange Hosen wie Erwachsene, die Füße ohne Schuhe, glichen sie eher Kindern eines alten Germanenstammes aus der Völkerwanderung. Auf abschüssiger Wiese suchten sie das Holz für den Mittag
heitsträger im Kreise Wetterau, Kreisleiter Backhaus, bei, was allseitig freudig begrüßt wurde. Die Steinfurter Sänger ließen ihm einen Rosenstrauß überreichen. ,
An das Singen schloß sich eine Heldengedenkfeier an, die allseitig tiefen Eindruck hinterließ. Außer dem „Union-Club" Wetzlar unter Leitung seines Dirigenten Hugo Lotz, der auch die ganze Feier gestaltet hatte, wirkten noch mit: Wetterauer Sänger, das Wetzlarer Streichquartett, ein Knabe und Mädchen als eindrucksvolle Sprecher, beide ebenfalls aus Wetzlar. Die Feier wird in ihrer vorbildlichen Art gewiß überall Nachahmung finden.
Die Besprechung der Leistungen fand am Nachmittag statt. An sie schlossen sich verschiedene Ehrungen. So wurde von dem stellv. Sängergauführer Schulrat Born (Darmstadt) besonders begrüßt und geehrt der 80jährige Sänger des Giehener „Liederkranz", Kam. Albrecht, der über 60 Jahre der Sängersache bis auf den heutigen Tag treu geblieben ist. Der Gießener „Liederkranz" selbst erhielt für seine mehr als 100jährige Arbeit am deutschen Lied die von Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels ausgegebene Zelterplakette in Gold überreicht. In seiner Ansprache betonte Schulrat Born, daß solche Verleihungen nicht nur ehren, sondern auch verpflichten, er er» warte, daß nach dem Kriege der gute Sängergeist der oberhessischen Sänger sich weiter bewähre zum Segen des deutschen Liedes. Mit dem Treugelöbnis an den Führer schloß das Gauleistungssingen.
zusammen.
Eine städtische Dame, Sommerfrischlerin, kommt den Weg vom Wald herunter, schwitzend, mürrisch. Immerhin tut ihr die offenbare Armut der beiden Jungen leid. Sie holt ein Stück Kuchen aus ihrem Täschchen und ruft die Buben heran.
। Sie kommen sogleich, Kuchen hat es noch nicht oft gegeben in ihrem Dasein, städtischen noch nie.
Aber es dauert ein bißchen, bis sie den steilen Berg hinauf sind. So lange kann die dicke Dame nicht warten. Ungeduldig und verdrießlich wirft sie das Stück Kuchen den Buben an die Erde und ruft: „Da! Hebt's euch auf!"
Aber meine Tiroler Buben? Mir stand das Herz still vor Furcht, was sie tun mürben. Aber sie standen so still wie mein Herz, sahen noch einen Augenblick nach dem goldenen, leuch enden Stück Kuchen im Gras hin, kehrten dann um, zu ihren kleinen Holzbündeln. Ohne ein Wort, ohne sich auch nur durch einen Blick untereinander zu verständigen.
Sie ließen sich nichts hinwerfen. Sie hoben nichts von der Erde auf.
Das find meine fünf Tiroler Buben. Sie gehören mir, ich trage ihr Bild in mir, wohin ich gehe. Sie stärken mich wie Schutzheilige für allen eigenen Kampf des Lebens.
Elf Gesangvereine hatten sich am gestrigen Sonntag in der oberhessischen Badestadt den Begutachtern Professor Dr. N o a ck (Mannheim), Professor Dr. Temesvary (Gießen) und Kreischorleiter Grim (Darmstadt) zur Kritik gestellt. Die zu lösende Aufgabe bestand aus einem modernen Chor und einem Soldatenlied. Das Ergebnis der Wertung wurde in Noten 1—4 festgelegt. Die meisten der teilnehmenden Vereine standen von einer schweren Aufgabe, denn die Sangerzahl war durch Einberufungen zur Wehrmacht oft zusammengeschmolzen. Trotzdem waren die Leistungen zum Teil recht beachtlich. Erfreulich ist, daß die beiden Vereine aus unserem Kreis („Arion" Klein-Linden und „C ä c i l i a" L i ch) durch gutes Singen auffielen und mit in vorderster Linie standen. Die beste Leistung erzielte der „Union-Club" Wetzlar.
Dem Singen, das im dichtbesetzten Kursbaussaal stattfand, wohnte als Vertreter der Partei der Ho-
Skürme der SA.
GtreMeifer Backbaus
Am gestrigen Sonntagnachmittag fand im Rahmen einer eindrucksvollen Feierstunde die Ueberweisung von über 800 Hitlerjungen im Kreise Wetterau in die SA. statt. Die Feier, die diesmal auf dem großen Platze an der Curtmannstraße stattfand, vereinigte nicht nur die Angehörigen der Partei und ihrer Gliederungen, sondern auch eine große Zahl von Volksgenossen, die den Platz umsäumten, zu einem starken Bekenntnis für den Führer und sein Werk.
Um 15.45 Uhr erfolgte vom Standartengebäude in der Senckenbergstraße aus der Abmarsch der Politischen Leiter, der Stürme der SA. und der Formationen der Hitler-Jugend und des Jungvolks unter Vorantritt des Spielmannszuges und des Musikzuges der SA.-Standarte 116 über den Hitlerwall durch die Schottstratze, Steinstraße, Neustadt, Bahnhofstraße, Horst-Wessel-Wall, Seltersweg, Neuenweg, Neuen Bäue, Gartenstraße, Ludwigsplatz, Kaiserallee zur Curtmannstraße. Der Platz und die umliegenden Häuser trugen festlichen Flaggenschmuck. Der Aufmarschleiter, SA.-Sturmhauptführer Walter, konnte hier dem Kreisleiter B a ck h a st s die zum Appell angetretenen Formationen melden. Unter den Klängen des Musikzuges schritt Kreisleiter Backhaus in Begleitung des SA.-Brigadefuhrers Schwarz und des Bannführers T a e s l e r die Front der in einem großen Viereck aufmarschierten Einheiten ab.
Danach leitete ein Fanfarenmarsch der Pimpfe über zur Ansprache des
Bannsübrers Taesler,
durch die Kraft der nationalsozialistischen Idee auch auf die rückhaltlose Mitarbeit jedes einzelnen Deutschen ankomme, schloß der Kreisleiter seine packenden Worte an die Jugend.
Nach einem Vorspruch, von einem SA.-Führer gesprochen, erfolgte die Aufnahme der Hitlerjungen in die Stürme der SA. durch den
Brigadeführei- Schwarz.
der in feiner Ansprache die jungen Kameraden ermahnte, allezeit ihres geleisteten Eides für den Führer eingedenk zu sein. Gerade das hinter uns liegende erste Kriegsjahr habe gezeigt, daß das deutsche Volk den Ausspruch wahrgemacht habe, daß die größte Zahl an Freiwilligen zug'tich die Größe eines Volkes kennzeichne. Wie die Führer der Partei und der SA. an der Front bewiesen hätten, daß sie stets und überall freiwillig für Führer und Volk sich bis zum letzten einsetzen, so müsse auch der in die SA. eintretende Hitlerjunge sich immer diesem Dienst für Führer und Volk verschreiben. Das erste Kriegsjahr sei zugleich ein Jahr der Bewährung für die Kämpfer aus den Reihen der SA. gewesen, denen die jungen Kameraden immer nacheifern müßten.
Der Brigadeführer rief dann die jungen Kameraden zu restlosem Einsatz in den Reihen der SA. auf, damit sie ebenso wie die älteren Kayieraden ihre Pflicht beim Kamps um die Neugestaltung Deutschlands erfüllen.
Die Kundgebung fand mit dem Treugelöbnis für den Führer, in dem sich die SA.-Kameraden, die Jugend und alle Volksgenossen vereinigten, ihren Abschluß.
Anschließend sand in der unteren Kaiserallee ein Vorbeimarsch der Formationen vor Kreisleiter Backhaus statt, in dessen Begleitung man SA.» Brigadeführer Schwarz, Bannführer T a e s l e r, als Vertreter der Wehrmacht Major Graf Münster, ferner Landrat Dr. Lotz und Major der
1 Schutzpolizei Hellwege Emden bemerkte.
betonte in seiner eindrucksvollen Ansprache „ die Notwendigkeit, daß unsere Jugend schon in früheren Jahren durch die HI. und anschließend durch die Gliederungen der Partei gehe, um dort ihre politische Erziehung zu erhalten. Er erinnerte sodann an die Jugend in der Kampfzeit, die sich damals der Bewegung des Führers angeschlossen habe, weil sie Verständnis und Empfinden für die straffe Erziehung durch die Partei hatte. In diesem
der nach dem Gruß an den Hoheitsträger, Kreis- leiter Backhaus, die große Bedeutung dieses Tages ür die aus der Hitler-Jugend in die Gliederungen der Partei übertretenden jungen Kameraden betonte. Er wies dabei besonders darauf hin, daß dieser Jahrgang der HI. die Jungen umfasse, die ich noch freiwillig zum Dienst in der HI. einge- unden hätten. In diesem Zusammenhang erinnerte er an den Totalitätsanspruch der Partei auf unsere heutige Jugend, von der in Zukunft kein Junge mehr der HI. fernbleiben werde.
Im weiteren Verlaufe feiner Ansprache machte der Bannführer mit berechtigtem Stolz darauf aufmerksam, daß im jetzigen Kriege von der Führerschaft der HI. rund 95 v. H. im Felde mit der Waffe für Führer und Volk gegen die Feinde des Deutschtums eintrete, viele dieser Kameraden in den Kämpfen an allen Fronten ihr Leben für Führer und Volk hingegeben hätten. Wie draußen im Felde, so erfülle aber auch die deutsche Jugend in der Heimat treu ihre Pflicht, stehe in fester Gemeinschaft zusammen und marschierte >nut großem idealistischem Schwung nach den Weisungen ihres größten Vorbildes, unseres Führers, in die deutsche Zukunft hinein. Diese Jugend werde es sich zur besonderen Aufgabe machen, das große Vermächtnis, das durch die Siege an der Front erkämpft und vom Führer für unser deutsches Volk gestaltet wurde, für alle Zeiten zu erhalten und dafür zu sorgen, daß in unserem Volke der Geist des Nationalsozialismus ewig lebendig bleibe. Mit , dieser Versicherung entließ der Dannführer die Kameraden der Hitler-Jugend, tund 800, Stadt Gießen und im Kreis Wetterau
In Friedenszeiten ist es üblich, die gesangliche Arbeit in den Gesangvereinen alljährlich in Wer- tungs- und Leistungssingen durch Fachleute einer Kritik unterziehen zu lassen. Daß aber der Gau XII (Hessen-Darmstadt) als einziger im Deutschen Sängerbund seine Vereine auch im Kriege zu r"*** solchen Veranstaltung aufgerufen hat, zeugt von besonderen Leben und Streben, das gerade herrscht. Es hatten sich ungefähr 40 Vereine den Landschaften Rheinhessen, Starkenburg Oberhessen gemeldet. Die drei Singen fanden in Darmstadt, Mainz und Bad-Nauheim.
Meine fünf Tiroler Buben.
Don Wilhelm Schmidtbonn
Dem ersten begegnete ich im Walsertal. Ich kam aus einer Schlucht herab, mit einer Menge Steinstücke zugleich unter den Nagelschuhen, rechts Felswand, links ein tosender Fluß: die anbrechende Nacht hatte schon Fels, Fluß, Tannen zu einem grauen Nichts zusammengeschüttet.
Da kommt vom Eingang der Schlucht, die wie eine offene Tür in den noch dämmernden Talkessel hinausführt, ein Bub herauf Nicht höher als ein Stiefel, wie sie die Hariflößer tragen, wenn sie im Wasser stehen. Neben ihm eilt Bernhardinerhund, fast ebenso hoch wie der Bub. Gleichwohl hielt das Bürschchen den knurrenden Riesen fest am Halsriemen, um ihn von mir abzuhalten.
Ich sah ihn mir an: Verwirrtes Haar unter spitzem Hut, die Jacke über die linke Schulter gehängt wie ein Baumfäller, nackte Füße in Schuhen, die um das Doppelte zu groß waren, wahrscheinlich von einem älteren Bruder vererbt. In der freien Hand hielt er, so sehr noch Kind, ein goldenes Heiligenbild.
Ich frage den fünfjährigen Kerl: „Wohin noch so spät?"
Er nannte den Namen eines Gehöfts, aus dessen Brunnen ich vor vollen zwei Stunden getrunken hatte und über dem schon nah die letzten Wetter- tannen und das nackte Gebirge stehen. Ich erschrak, obwohl ich Tiroler Jungen viel zutraue.
„Du? Allein? So spät? In einer halben Stunde ist Nacht."
Er sieht mich mit keinem Blick mehr an, schiebt feinen Hund von der Stelle, sagt im Weitergehen nur noch: „Do wer'n wir bald oben fein."
Und kletterte mit Hund und Bild weiter den Steig hinauf, der ins schwarze Nichts führte.
Den zweiten Jungen erlebte ich in Kitzbühel. Seine Mutter, schon Witwe, war eben gestorben. Sechs Kinder, elternlos, scheu und verwirrt, saßen in der Nebenkammer ayf einerriBettfteüe und hörten die Nachbarn beten.
Den nächsten Tag wird es regnen. Die Nachbarn kommen überein, das wenige Gras der Witwe in aller Früh unter Dach zu bringen, damit es nicht verkommt. ~
Als die Männer in der Früh auf die Wiese treten, um schnelles Werk zu tun — sehen sie den ältesten Knaben der Witwe, zehnjährig, mit einer anßen Sense und wuchtigem Schritt schon bei der Arbeit.
„Hast a Schneid?" riefen sie in gutmütigem Spott.
„Schneid gnu", antwortete er stolz und ernst, wie einer ihresgleichen. Es hat schon fast die ganze Wiese hinter sich gebracht. „Schafft's jetzt.ihr 's Gras z'samm! Ich geh derweil den Kindern ihre Suppen kochen."
Furchtlos, ein neuer Hausherr, hatte er sein Amt angetreten, das nicht lang dauerte. Denn wenige Tage darauf mar das Haus versteigert und die Kinder nach allen Himmelsrichtungen an der Hand fremder Mütter hinausgeholt.
Der dritte Bub war der einzige Sohn einer Witwe und wohnte mit feiner Mutter in einem verlassenen Häuschen bei Fieberbrunn, aus sogenannter christlicher Barmherzigkeit. In Wirklichkeit hatte die Mutter genug Arbeit im Feld dafür zu leisten. Das Bürschlein war bleich und feingliebrig, durfte nichts anrühren, ging sauber und unzerrissen gekleidet, das war der Mutter Stolz und einzige Erinnerung an frühere bessere Zeit.
Aus dem Ort entwickelte sich schnell eine Sommerfrische, und aus dem entlegenen, regendurchlässigen Häuschen wurde gleichwohl eine Wohnstätte für Fremde gemacht. Mutter und Junge sollten in hen leeren Ziegenstall ziehen, der weiß aus- getündjt wurde.
Sie saß, ohne zu meinen, auf ihrem Holzkoffer vor dem Stall und sagte nur, roenn einer ihr zuredete: „In den Stall geh ich nit mit meinem Jungen. Wir sind Menschen, kein Vieh."
Als die Sommerfrischler ahnungslos ankamen, mit Kindern, Gepäck, Hund, Kanarienvogel und Grammophon, trat das elfjährige Bürschchen mit einer verrosteten Flinte hinter der Hausecke hervor.
„Niemand kommt da herein", rief er noch bleicher als sonst und keuchend.
Vor seinem erregten Gesicht und noch mehr vor der Flinte standen die Sommerfrischler so entsetzt, daß sie nicht einmal davonzulaufen magten.
Ein Nachbar nahm dem Jungen das Gemehr ab. „Geladen a na", sagte er und schoß das Gemehr in die Lust ab. .
„Glaubst du, Bauer, ich schieß ungelad n? sagte der Bub. „Aber 's macht nix. Wann du mi nit schießen läßt, zünd i ’s Häusl an in der Nacht."
Die Sommerstischler räumten Mutter und Sohn ein Zimmer der Wohnung ein, so große Furcht hatten sie vor dem Buben.
„Jetzt ist ’s recht", sagte er, „nur in den Stall gehen mir nit."
Die beiden letzten Jungen mären zwei Bruder m St. Anton, 1300 Meter hoch, außer Fels nur ein bißchen Gras und Tannen. Arm, zerrissen, ohne .Hut, die Haare ungeschmtten bis auf die Schullern«
Zusammenhänge gedachte der Kreisleiter mit ehrenden Worten der zahlreichen Hitlerjungen, die für den Führer und seine Idee ihr junges Leben Hingaben und damit eine starke Verpflichtung für die ganze deutsche Jugend schufen. Mit stolzer Genugtuung mies er dann auf den Ausbau der HI. und ihr bisheriges Wirken hin, die auch jetzt im Kriege mährend von ihrer Führerschaft der meitaus größte Teil im Felde stehe, immer wieder ihre Aufgabe erfüllt und neue Kräfte heroorgebracht habe, die zur Führung der HJ.-Einheiten befähigt feien. Die Jugend solle auch künftighin von der Jugend geführt merden, die Partei und die SA. würben ihr bei biefer Arbeit stets gerne förbeirnb zur Seite stehen.
Zu ben aus ber HI. in die SA. übertretenden Hitlerjungen gewandt, betonte der Kreisleiter deren Verpflichtung, in ihrem Eifer für den Dienst in der Gliederung nie nachzulassen. Für unser ewiges Deutschland müsse gerade die Jugend, wie auch alle übrigen Volksgenossen, jederzeit für den Dienst bereit sein. Die von den jungen Kameraden dem Führer geschworene Treue gelte nicht mit einer zeitlichen Begrenzung, sondern sie binde allezeit an den Führer und sein Werk. In diesem Zusammenhänge wies Krersleiter Backhaus auf die großen Ereignisse des verflossenen ersten Kriegsjahres hin, die sich mit einer Schnelligkeit und Größe entwickelten, wie sie von keinem Deutschen je geahnt worben mären. An bem Zusammenbruch Frankreichs machte er über- zeugend beutlich, mohin ein Volk kommt, roenn es den Glauben an sich selbst verloren hat. Aus diesem Vorgang, aber auch aus unserer eigenen Geschichte am Schlüsse des Weltkrieges 1914/18, ergebe sich für alle Deutschen die Erkenntnis, daß der neue Geist in unserem Volke einen November 1918 niemals wieder möglich machen werde.
Mit der Ermahnung an die jungen Kameraden, sich allezeit der hohen Verpflichtung gegenüber dem Führer und der deutschen Volksgemeinschaft bewußt zu sein und danach zu handeln, weil es bei dem großen Werk der künftigen Neuordnung in der Welt
Hitlerjungen werben in bie Gliederungen übergeführt
Eine eindrucksvolle Feierstunde in Gießen.
„Ich bemühte mich nun", so berichtet Kerner, „dieses wahrhaft zum fliegenden Blatt gewordene Lied viele Stunden lang, selbst in Begleitung eines charfsehenden Jägers, in Wäldern und Feldern auf« zusuchen, aber vergebens. Der Verlust war mir um so empfindlicher, als die Sammlung schon zum Druck gegangen und eine schnelle Nachsendung des Eichendorst-Liedes notwendig war. — Am andern Tag kam ein mit Maultrommeln, Armbändern und Fingerring handelnder Tiroler zu mir, und siehe da, ich erblickte da- Blatt um einen Fingerring ge- wickelt. Er erzählte, daß er das Papier bei Kaisersbach, eine Stunde von Welzheim, auf einem blühenden Flachsfelde gefunden und diesen Ring darein gewickelt habe. Daß ich ihm, sehr vergnügt das Papier behaltend, ein Dutzend seiner Maultrommeln entnommen, ist wohl begreiflich ..."
So wurde das Lied vom zerbrochnen Ringlein vor dem Untergang gerettet, und ein seltsames Spiel des Zufalls wollte es, daß es, um einen Ring gewickelt, zurückkehrte.
Sieben Jahre später, an einem regnerischen Herbstnachmittag, saß dex Lehrer und Tondichter Friedrich Silcher in seinem Stübchen in Tübingen. Schwermut und Trauer hat ihn ergriffen, die Post hatte ihm einen trüben Brief gebracht: die Nachricht vom Tode eines teuren, Jugendfreundes.
Der Sturm heulte, in großen Tropfen schlug ber Regen durch das offene Fenster in die Stube hinein. Silcher stöstelte, er ging zum Fenster, um es zu schließen. In diesem Augenblick wehte ber Wind ein vom Regen durchnäßtes Blatt Papier herein.
Silcher hob es auf — es war ein vergilbtes Blatt, bas aus einem alten Buch herausgerissen worben war. Er sah die halbverwischten Zeilen eines Gedichtes, über dem die Überschrift „Kriegs- lieb" staub. Silcher las:
,^ch halt' einen Kameraben, einen bessern findst du nit ..."
Ganz unten stand der Name des Dichters: Ludwig Uhland.
Seltsam gerührt von diesem Gedicht, dessen Worte seiner eignen Stimmung so schlicht ergreifenden Ausdruck gaben, vertonte Silcher noch am gleichen Abend das Lied vom guten Kameraden. Es wanderte rasch durch das Land und wurde ein echtes Volkslied. Die Soldaten fangen es schon in den Kriegen von 1864, 66 und 70 — es erklang seitdem an allen Gräbern gefallener deutscher Soldaten.
Ohne Wind besäßen wir es kaum — zumindest nicht als sangbares Lied. Denn das Buch, in dem es schon 1809 erschienen war, war bereits ausver- kauft und nicht neu aufgelegt worben, als Silcher das. Gedicht las.
Aus der Stadt Gießen.
Höflichkeit tut not.
Viele behaupten, daß die Erziehung zur Höflichkeit der Charakterbildung unzuträglich sei, da sich aus ihr leicht Unaufrichtigkeit und Heuchelei bilden könnten. Um also ganz aufrichtige Menschen heran- i zuziehen, glauben daher manche Eltern, die Frage ,
der Höflichkeit bei der Erziehung der Jugend ängst- (
lich vermeiden zu müssen. Jedoch handelt es sich da- ,
bei um die verkannte Höflichkeit, die nur zu oft mit ,
Kriecherei verwechselt wird.
Zu letzterer hat Theodor Storm einmal ein recht passendes Wort geprägt: „Doch erftischend sind zu Zeiten goldne Rücksichtslosigkeiten". Wohlgemerkt handelt es sich hier nur um ein „Zuviel", um ein kriecherisches Lobhudeln und Süßholzraspeln. Das allerdings hat mit wahrer Höflichkeit gar nichts zu tun. Man soll aufmerksam und höflich gegen andere sein, ohne dabei selbst zum Duckmäuser herabzusinken.
Gerade für die Bildung einer festen Charakters ist das von großer Wichtigkeit. Man wird zur Selbstzucht und Beherrschung erzogen, was für uns in körperlicher wie geistiger Beziehung unbedingt notwendig ist. Es fällt oft schwer, höflich zu sein, wo das Herz anders spricht. Jedoch wie förderlich für den Charakter, wenn man sich dann selbst überwindet und — um Unannehmlichkeiten zu vermeiden — beherrscht und mit kühler Höflichkeit auch denen gegenübertritt, die eine solche Behandlung nach unserer Meinung nicht verdienen. Keine Falschheit ist damit verbunden, sondern wir beweisen nur wohlerzogene Beherrschtheit, durch die sich höherstrebende Menschen von der zügellosen Masse unterscheiden. Dor allem aber umgeben wir uns damit mit einem wirksamen Schutzpanzer. Fallen wir nämlich aus der Rolle, so entstehen durch unbedachte Aussprüche und Taten leicht Schwierigkeiten, die von uns später bitter bereut werden. Meist ist es aber dann zu spät, denn weder ein gesprochenes Wort noch eine begangene Tat lassen sich rückgängig machen. Es ergeben sich Reibereien, Beleidigungen, und nicht selten verhandelt das Gericht Affekthandlungen, die das Leben eines Menschen völlig zerstören. Mangel an Höflichkeit ist ein „Sich-gehen-lassen", eine Rücksichtslosigkeit gegen andere. Also Eigenschaften, die weder dazu beitragen, sich glücklich zu fühlen oder gar die Sympathie der Mitmenschen zu erregen. Es ist überdies reichlich selbstsüchtig, an anderen die eigenen Stimmungen — sagen wir lieber Launen — auszulassen. Gerade die im schwierigen Augenblick angewandte Höflichkeit mahnt uns daran, daß wir nicht allein auf der Welt sind, daß andere ebensoviel Recht auf Höflichkeit und Rücksichtnahme haben, wie wir sie mit großer Selbstverständlichkeit erwarten.
Darum sollen Eltern darauf bedacht sein, ihre Kinder zu gerader, wahrer Höflichkeit zu erziehen, nicht aber zu übertriebener Schmeichelei. Unendlich viel Aerger und Aufregung wird durch beherrschtes Verhalten vermieden, und der höflich erzogene Mensch stellt seine Beherrschtheit durch Höflichkeit und Rücksichtnahme unter Beweis. Aufrecht und stolz können sie durch das Leben gehen und werden die Bewunderung und Anerkennung anderer erregen. Gerade das ist für das spätere Leben oft von Bedeutung, denn Menschen, die beliebt sind, kommen leichter vorwärts. Man kann auch hier mit Recht behaupten: Eine Hand wäscht die andere: kommst du mir höflich und rücksichtsvoll entgegen, so bin ich gern bereit, für dich an wichtiger Stelle ein gutes Wort einzulsgen! H. v. L.
Ifornotuen.
Tageskalender für IHontag.
Universität: 20.30 Uhr im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße 34, Pco. Dr. Vollrath öffentliche Vorlesung über „Houston Stewart Chamberlain, der Künder deutschen Wesens". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Achtung! Feind hört mit!" — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Menschen, Tiere, Sensationen".____________________
„Der Wind hat mir ein Lied erzählt.. /'
Don Oskar G Ioerster.
In Silchers Volksliedern erschien 1825 ein Lied, ganz voll deutschem Empfinden und rührender Volksinnigkeit, das Lied vom zerbrochenen Ring- lein: „3n einem kühlen Grunde
1812 sandte Joseph von Eichendorff dies Gedicht dem Freund in Schwaben Justinus Kerner für eine Gedichtsammlung „Der deutsche Dichterwald".
Kerner wohnte damals in dem Walddorf Welzheim. Es war ein herrlicher Tag, Kerner las Eichendorffs Gedicht am offnen Fenster, die leise Wehmut der schlichten schönen Verse drang ihm tief ins Herz, er legte bas Blatt vor sich auf den Schreibtisch und ließ das zarte Lied enttäuschter Liebessehnsucht in sich nachklingen. Plötzlich kam ein Windstoß und wehte das dünne Blättchen vom Tisch durchs Fenster hoch in die Lust, über Bäume und Häuser dahig |U


