Unveränderte Lebensmittelrationen.
Aus der Stadt Gießen.
Sparsam wirtschaften - bester leben!
Wenn man mit einer praktischen und tüchtigen Hausfrau spricht, kann man immer nur hören: „Knappheit kenne ich nicht. Wir haben nicht nur genug, sondern auch gut zu essen. Man muß nur einteilen können." Diesen Worten werden viele fähige deutsche Frauen zustimmen. Wer sparsam und sorgsam wirtschaftet, kann sich mehr Nahrungsmittel erhalten.
Nur geringe Mühen und ein wenig Ueberlegung sind nötig, um die Lebensmittelvorräte zu vermehren. Sparen hat sich schon immer bewährt, und das sparsame Umgehen mit Eßwaren macht sich im Kriege für den einzelnen, wie auch für die Volksgemeinschaft besonders bezahlt, ist es doch ein Beitrag zur Ernährungssicherung auf weite Sicht. Denn viele Wenig, die in Millionen Haushalten durch die Achtsamkeit der Frauen vor Verlust gerettet werden, machen ein Viel, ein bedeutendes Plus in der Ernährung unseres Volkes. Es bedarf nur offener Augen und der Anwendung einiger vor Verderb schützender Handgriffe und kleiner Kniffe, die schließlich mehr noch als der Gesamtheit dem einzelnen Haushalt dienen.
Bei der Morgenmahlzeit beginnt die wirtschaftliche Kunst der Hausfrau. Brot und dünner Kaffee sind weder billig, noch genügend sättigend und keinesfalls lebensmittelsparend. Wie viel mehr Erfolg erzielt eine kräfttge Morgensuppe! Die zahlreichen, der Oeffentlichkeit gegebenen Anleitungen, gute und beliebte Gerichte mit wenig Fett und Fleisch zum Mittag herzustellen, haben schon vielen Hausfrauen geholfen. Weniger weit verbreitet ist die Erfahrungstatsache, daß zum Abend eine warme Kost billiger und meist nährstoffreicher und damit sparsamer ist als viele Butterbrote; auch sie verdient praktische Anwendung. Sehr wichtig ist vor allem die Zubereitung der Speisen, bei der die Hausfrau durch kleine Kniffe die Verminderung des ursprünglichen Nährwertes vermeiden kann, so beim Waschen und Putzen und beim Kochen der Lebensmittel.
Zum richtigen Kochen gehört auch die wohlbedachte Einteilung. Es ist eine einfache Regel, nie mehr Brotscheiben abzuschneiden, als unbedingt gebraucht werden. Manches Stück Brot wird so gespart. Das Schulftühstück ist auch ein besonderes Kapitel der Lebensmittelverluste. Selbstverständlich müssen die Kinder über den Wert des Brotes aufgeklärt werden. Aber die Mutter kann schon der Unsitte des Fortwerfens von Brot vorbeugen, indem sie ihren Kindern nicht zuviel mitgibt, möglichst wenig Wurstbrote, die am leichtesten betroffnen und am ehesten in den Papierkorb wandern.
Bleibt einmal etwas übrig von der warmen Mahlzeit oder an Brot, so brauchen diese Nahrungsgüter noch lange nicht verloren zu gehen. Zu Salaten, Suppen, Klößen und zu den verschiedensten schmackhaften Gerichten lassen sich Reste verwerten.
Auch die Aufbewahrung der Nahrungsmittel im Keller oder im Speiseschrank erfordert die Sorgfalt der Hausfrau. Der Frost ist — außer Schmutz und Staub, außer Fliegen und anderen Insekten, Feuchtigkeit, schlechter Luft und Lichteinwirkungen — jetzt der gefährlichste Feind unserer Nahrungsgüter. Dor ihm muß geschützt werden. Laufend muß die Hausfrau untersuchen, ob keine Mauerlöcher oder Risse den Frost hereinlassen können. Der Frost kann schwere Verluste zufügen, denn durch Kälte süß gewordene Kartoffeln sind ungenießbar, und auch erfrorene Aepfel, die weich und geschmacklos werden, können nur noch schwer verwendet werden. Achtsamkeit verlangt auch die Uebergangszeit vom Frost zum Tauwetter. Wir müssen versuchen, die Lebensmittel diesen schädlichen Klimaeinwirkungen zu entziehen.
Wer die Nahrungsmittel vor Schädlingen bewahrt, wer dem Verderb einen verstärkten Kampf an sagt, der spart für den eigenen Magen und für die Ernährung des ganzen Volkes. I. K.
Gießener Wochenmarktpreise.
* G i e ß e n , 29. Febr. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Yi kg 1,60 RM., Matte 25 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, Wirsing, Vi kg 13 bis 15, Weißkraut 10 bis 11, Rotkraut 13 bis 15, gelbe Rüben 12, Spinat 40, Unterkohlrabi 8, Zwiebeln 12, Meerrettich 40 bis 60, Aepfel 10 bis 35, Nüsse 52, Sellerie, das Stück 5 bis 20 Rpf. ___________
Verteilung von Kunsthonig, Konserven,
Die dem Verbraucher für die Zeit vom 11. März bis 7. April 1940 auf Karten zustehenden Lebensmittelmengen bleiben gegenüber den Rationen der Zuteilungsperiode vom 12. Februar bis 10. März grundsätzlich unverändert. Gewisse Veränderungen ergeben sich jedoch:
1. für die Butter- und Margarinerationen bei gleichblerbender Gesamtfettzuteilung
2. durch eine Sonderzuteilung von 125 Gramm Kunsthonig an alle Versorgungsberechtigte,
3. durch die Möglichkeit an Stelle von 250 Gramm Nährmittel: Konserven, Trockenpflaumen oder Kondensmilch zu beziehen.
Der Aeltbezug.
Die Versorgungsberechtigten erhalten die Möglichkeit, an Stelle eines Teiles ihrer Margarineration die gleiche Menge Butter und an Stelle eines Teiles ihrer Butterration die gleiche Menge Margarine nach ihrer Wahl zu beziehen. Die Ge- samtfetttationen bleiben jedoch unverändert, lieber die näheren Einzelheiten werden die Verbraucher durch ein Merkblatt unterrichtet, das jedem Hcms- halt zusammen mit den Lebensmittelkarten ausgehändigt wird.
Die Verteilung von Kunsthonig.
In der Zeit vom 11. März bis 7. April 1940 erfolgt eine Sonderzuteilung von 125 Gramm Kunsthonig an alle Versorgungsberechtigten. Der Kunsthonig wird auf die Abschnitte Fl 1 der Reichsfleischkarte für Normal-Verbraucher und der Reichsfleischkarte für Kinder bis zu sechs Jahren abgegeben. Zur Erleichterung des Warenbezuges tragen diese Abschnitte den Aufdruck: „125 g Kunsthonig, Sonderzuteilung". Durch diese Sonderzuteilung wird die über die Reichsfettkarte für Kinder vorzunehmende laufende Verteilung von ebenfalls 125 Gramm Kunsthonig je Kind nicht berührt. Jedes Kind bis zu 14 Jahren erhält also in der Zeit vom 11. 3. bis 7. 4.1940: 250 Gramm Kunsthonig, und zwar je zur Hälfte auf feine Fleisch- und Fettkarte. .
Konserven, Trockenpflaumen und Kondensmilch.
Den Versorgungsberechtigten wird die Möglichkeit gegeben, anstelle von 250 Gramm Nährmitteln nach ihrer Wahl entweder eine 1/i=2)ofe Obst- oder Gemüsekonserven, oder 250 Gramm Trockenpflaumen (Backpflaumen) oder eine große Dose bzw. 2 kleine Dosen Kondensmilch zu beziehen. Die Ausgabe dieser Waren kann nur im Rahmen der vorhandenen Vorräte erfolgen. Es besteht also weder ein Anspruch auf Lieferung einer bestimmten Ware (Kon-
Trockenpftaumen und Kondens-Milch.
serven, Trockenpflaumen oder Kondensmilch), noch überhaupt auf den Bezug einer dieser Waren anstelle von Nährmitteln. Nährmittel können jedoch in jedem Falle bezogen werden.
Werden Konserven, Trockenpflaumen oder Kondensmilch abgegeben, so haben die Verteiler die Abschnitte N 2 und N 3 zusammenhängend abzutrennen.
Werden jedoch Nährmittel abgegeben, so haben die Verteiler die Abschnitte N 1 und N 2 zusammenhängend abzutrennen.
Einzelne Abschnitte NI, N2 oder N3 sind ungültig. Es gilt also stets nur der Abschnitt N 2 in Verbindung entweder mit dem Abschnitt N1 oder mit dem Abschnitt N 3.
Rejchseierkarke und Reichskarke für Marmelade und Zucker.
Die Reichskarte für Marmelade, Zucker und Eier ist aus Zweckmäßigkeitsgründen in zwei Karten aufgeteilt worden, nämlich in eine Reichseierkarte und in eine Reichskarte für Marmelade und Zucker. Selbstversorger in Eiern erhalten die Reichseierkarte nicht. Durch ein besonderes Merkblatt werden die Selbstversorger über die sie berührenden Fragen aufgeklärt. Als Selbstversorger gelten Personen, die Hühner oder Enten zum Zweck der Eigenversorgung mit Eiern oder gewerbsmäßig halten, wobei die Zahl der gehaltenen Hühner oder Enten gleichgültig ist. Die Reichseierkarte wird auch nicht für die Zeit ausgehändigt, in der die gehaltener; Hühner oder Enten nicht legen. Die Gültigkeit der Reichseierkarte erstreckt sich auf sechs Zuteilungsperioden. Werden Versorgungsberechtigte während der Laufzeit der Reichseierkarte Selbst- oerforger in Eiern, so haben sie die Karte ihren Ernährungsämtern zurückzugeben.
Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Abgabe kartenpflichttger Waren ohne Karten verboten und strafbar ist.
Ebenso ist es nicht zulässig, unausgenutzte Kartenabschnitte dem Einzelhändler zu überlassen, ohne darauf Ware zu beziehen.
Die Bestellscheine sind in der Woche vom 4. bis 9. März 1940 bei den Verteilern abzugeben. Bei der Reichseierkarte, die sechs Bestellscheine enthält, von denen je einer für eine Zuteilungsperiode bestimmt ist, ist nur der Bestellschein 1 abzugeben.
Es liegt im eigenen Interesse der Verbraucher, wenn sie die Bestellscheine möglichst frühzeitig von ihren Verteilern ab trenn en lassen, da diese hierauf ihre Waren beziehen.
Schulungsabend der Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Die Ortsgruppe Gießen-Mitte hielt am Mittwoch im „Burghof" einen Schulungsabend ab. Propagandaleiter Kern konnte hierzu eine sehr große Anzahl Politischer Leiter, Walter und Warte begrüßen.
Kreispropagandaleiter Rahner sprach über die tieferen Gründe dieses Krieges. In anschaulicher Weise ging er auf die großen Probleme ein, die unsere Zeit zu lösen hat, und erläuterte, wie sich daraus für uns Deutsche der Kampf um die deutsche Seele herauskristallisierte. Der Jude hatte schon Hunderte von Jahren vor unserer Zeit erkannt — und seine maßgeblichen Männer haben es ausgesprochen —, daß die Rassenfrage der Schlüssel zur Weltgeschichte ist. Der Jude schuf nicht nur die Rassengesetze für sein Volk, sondern er war auch immer wieder der Antreiber bet den vielen Waffengängen, zu denen das deutsche Volk antreten mußte. Der Weltkrieg war das sprechendste Beispiel dafür. Militärisch war das deutsche Volk nicht niederzuringen, und nur durch die Einflüsse von außen her entstand damals die Gruppe der Verräter, die schuld daran waren, daß die Heimat versagte. Die Juden schrieben selbst, daß sie 3 Millionen Helfer im Lande hatten. Diesmal ist es aber anders.
Kreispr opagandctteiter Rahner hob dann hervor, wie noch kein Volk grausamere Methoden im Kampfe erfunden hat, als Juda und in dessen Schlepptau die Engländer, die sich mit ihrer Abstammung von Juda brüsten. An Hand von Zah
len schilderte der Redner die Folgen der englischen Blockade im Wettkriege, so daß die Juden ihre Absicht, Deutschland um jeden Preis zu vernichten, damals bald wahrgemacht hätten. In einer Zeit, in der dem deutschen Menschen jede Aussicht auf eine bessere Zukunft versagt und er kaum noch in der Lage war, auf ein neues Deutschland zu hoffen, als die Arbeitslosig'keit den Menschen zermürbt hatte, kam der Führer im letzten Augenblick zur Macht, um das deutsche Volk von dem Abgrund, in den seine Feinde es hineinzutreiben versuchten, zurückzureißen. In wenigen Jahren wurde mit Umsicht und Weitblick aüfgebaut. Es kam, was kommen mußte: der Krieg. Chamberlain hatte ihn, als er nach München kam, nur aufhalten wollen. Aber der Führer hatte vorgesorgt. Ueber- raschend kam das Abkommen mit Sowjet-Rußland. Beide Völker hatten eingesehen, daß ein Kampf gegeneinander nur ihr Verbluten zum Nutzen Englands bedeuten würde. Der Führer hat in der Wehrmacht ein Machtinstrument geschaffen, das jeden Anschlag auf das Reich zusammenschlagen wird. Das deutsche Volk muß sich klar darüber sein, daß in diesem Kriege rücksichtslos und Ohne Gnade gekämpft werden muß; denn es muß eine Entscheidung herbeigeführt werden. Es darf nicht sein, daß unsere Kinder in 20 Jahren wieder von dem englischen Jnselvolk überfallen werden. Der Führer hat es ausgesprochen, daß, wenn unsere Feinde uns angreifen wollen, nicht Deutschland, aber Juda in Europa vernichtet werden wird.
Abschließend rief Kreispropagandaleiter Rahner
die Mitarbeiter der Ortsgruppe Mitte zu restlosem Einsatz für unser Volk aus. Er stellte die Keinen Sorgen der Heimat den großen Opfern jener Män« ner gegenüber, die an der Front Tag für Tag bereit finö, ihr Blut für unser Volk zu opfern, und forderte die Volksgenossen in der Heimat aus, jetzt durch die Tat zu beweisen, daß sie Nattonalsozia- listen, daß sie die Aktivisten der Bewegung sind. Er hob hervor, daß wir stolz darauf fein dürfen, einer Generation anzugehören, die den größten Deutschen, den Führer, zu den Ihrigen rechnet, und ihm wollen wir Glauben mit Glauben und Vertrauen mit Vertrauen vergelten. Anhaltender Beifall dankte dem Redner.
Ortsgruppenleiter und Kreisgeschäftsführer Hans Weber gab der Begeisterung der Zuhörer Aus- druck und schloß dann den Abend mit dem Treugruß an den Führer.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Populärwissenschaftliche Vorttäge der Universität: 20.15 Uhr im Großen Hörsaal des Chemischen Instituts Professor Vogelsang über „Die Wirkung der großen Kriege auf die deutsche Frömmigkeit". 20.15 Uhr im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts Professor Süß über „Der Dichter Vergil . — Gloria-Palast (Seltersweg): „Weltrekord im Seitensprung". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Kriminal-Kommissar Eyck".
M-WnW M M W Steuöe
Sporfamf Detterau. ftbJ.-Sporf!
Für Frauen:
Donnerstags, 20.30 bis 21.30 Uhr, Schillerfchule. Für Männer und Frauen: 995D
Hallensport (insbesondere Hallenspiele): Donnerstags, 18 bis 19 Uhr, Goetheschule. Zehn Regeln für den Einkauf.
Die Reichsfrauenführerin, Frau Scholtz-Klink, hat folgende zehn Regeln für das Verhalten der Volksgenossen beim Einkauf auf gestellt, die überall beherzigt werden sollen:
Die eintaufende Hausfrau soll: 1. nicht aufbegehren, wenn im Augenblick im Laden das Gewünschte nicht vorhanden ist, 2. nicht mehr haben wollen als andere bekommen, 3. keine Anbiederungsversuche gegenüber dem Kaufmann machen, 4. kein Wettrennen von Laden zu Laden unternehmen, um das zu erhaschen, was man auch in Friedenszeiten nie gekauft und gebraucht hat, 5. nicht in den allerletzten Verkaufs-stunden einkaufen, 6. Rücksicht auf die berufstätige Frau und chre knapp bemessene Einkaufszeit nehmen, 7. mehr Verständnis für Ladenschluß- und Ladenzwischenschlußzeiten haben.
Vorn Kaufmann wird erwartet: 1. daß er bis zur letzten Minute liebenswürdig bleibt, und 2. seine persönlichen Sympathien und Antipathien nicht allzu deutlich zum Ausdruck bringt.
Alte Soldaten sammeln für das Kriegs-WOD.
Zu der fünften Reichsstraßensammlung am 2. März hat der Reichskriegsopferführer die gesamte Organisation der NSKOV. dem Reichsbeauftragten für das WHW. zur Verfügung gestellt. Mehr noch als in den vergangenen Jahren muß in diesem Kriegsjahr alles daran gesetzt werden, um dieser Reichsstrahensammlung zu dem denkbar größten Erfolg zu verhelfen. Wie im vergangenen Jahr, wird ganz besonders auch in diesem Jahre jeder Kamerad und jede Kameraden frau durch persönlichen Einsatz bei der Sammelaktion mithelfen, um sie wiederum zu einem großen Erfolge zu gestalten. Die Volksgenossen werden gebeten, von den alten Soldaten statt eins mindestens zwei Abzeichen zu kaufen und so zum guten Gelingen der Sammlung beizutragen. Darüber hinaus werden fremde ober alte Münzen jeder Art, also auch alte Kupfer-, Nickel- oder Aluminiummünzen usw., gern von den Sammlern zuzüglich in Empfang genommen.
*
* * Er hat nichts damit zu tun. Zu dem Bericht über die Verurteilung eines Sittlichkeitsverbrechers W. N., der vor einigen Tagen von der Gießener Strafkammer eine längere Freiheitsstrafe erhielt, bittet uns Herr Wilhelm Nau, Gießey, Marburger Straße 22, mttzuteilen, daß er mit dieser Sache nicht das geringste zu tun hat.
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27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Mit leiser, aber nicht zu überhörender Stimme sagte sie den Satz, der wie ein Messerstich ins Herz fein mußte: „Mein Vater sagte: wenn du jemals deine Großmutter kennenlernen solltest, mein Kind, erwarte nichts von ihr als Abneigung. Sie ist kein schlechter Mensch, aber sie hat vom Leben nichts gesehen. Siehst du, sagte er und hielt meine Hand, deshalb konnte ich nie mit ihr sprechen. Von deiner Mutter nicht und nicht von dir."
Es war eine Weile still. Frau Henriette Carlotti saß wie eine Statue. Ihre Hände preßten sich im Schoße so fest gegeneinander, daß das Blut daraus wich. Sie waren schneeweiß. „Als wenn Sie die Sätze auswendig gelernt hätten!"
„Sie haben sich mir eingeprägt. Ich erkannte meinen Vater dahinter. Ich hatte ihn viele Jahre gehaßt, um meiner Mutter willen. Jetzt verstand ich ihn. Er war schwach. Er vermochte es nicht, sich gegen Sie aufzulehnen. Sie waren der starke, große Wille in der Familie. Dagegen kam er nicht einmal in feinen Gedanken auf."
„Er war verheiratet, mein Kind. Sie sehen das falsch. Er hatte Rücksicht zu nehmen auf seine Frau."
Jwanka nickte. „Julia ist ihr Name", sagte sie. „Er hat mir von ihr erzählt. Er liebte sie. Sie soll eine gute, weiche Frau sein. Ihr könnte ich alles sagen, Jwanka, sagte er zu mir, aber ich darf es nicht. Nicht nur ich, auch sie hätte dann die Hölle auf Erden."
„Und da richtete er Ihnen die Wohnung ein, da beschenkte er Sie und bestahl seine Frau?" Frau Henriette Carlotti empörte sich: Dieses Mädchen war unerzogen und frech. Sie wagte Worte zu sagen, die ihr nicht zukamen. Man mußte sie ducken!
Jwankas Augen wurden kleiner. Was will sie von
mir? dachte sie. Ich habe sie nicht tennenlernen wollen. Vater hat mich gewarnt. Sie soll wieder gehen. Ich will sie nicht.
Ihr Schweigen ermutigte die alte Frau. „Und Sie sagten Danke schön und nahmen, nicht wahr? Dabei fanden Sie, daß das alles so in der Ordnung fei!"
Jwankas Augen schossen Blitze, aber ihre Stimme kam beherrscht. Sie war auch im Leben eine gute Schauspielerin.
„O nein", sagte sie, „in Ordnung war das damit nicht. Das versicherte mir Vater viele Male. Er wußte, daß er damit nur einen Bruchteil der Schuld gutzumachen versuchte. Aber er tröstete mich. Er wies auf ihr beträchtliches Alter hin, und daß mit ihrem Tode alles anders und besser werden würde."
„Sie lügen! Er war mein Sohn! Er trachtete mir nicht nach dem Leben!"
„Nein, ganz gewiß nicht", sagte Jwanka kühl. Ihre Worte, sie waren die Wahrheit, hatten die von ihr gewünschte Wirkung gehabt. Frau Carlotti stand auf.
„Sie wollen gehen?"
„Nach dem, was Sie mir gesagt haben."
„Auf Ihren ausdrücklichen Wunsch", stellte Jwanka fest. „Ich wäre niemals zu Ihnen gekommen und hätte Ihnen nie ein Wort gesagt."
„Das ist richtig." Frau Henriette Carlotti blieb stehen. So konnte sie ja wohl hier nicht weglaufen. „Ich war gekommen. Ihnen meine Hilfe anzu- bieten."
„Danke, ich brauche keine Hilfe."
„Das soll man niemals sagen, Fräulein Jwanka."
„Fräulein Gospik, wenn ich Sie bitten darf."
„Sie find stolz, mein Fräulein."
„Hoffentlich, gnädige Frau."
„Gehen mir also als Feinde auseinander?" Frau Henriette sah ihre Mission, die sie sich selber gestellt hatte, völlig gescheitert. An Handelsschule und Stenographie war fein Gedanke mehr. „Muß das wirklich sein?"
„Wir gehen wohl nicht als Feinde auseinander, sondern als Fremde."
„Hm." Frau Henriette zögerte noch. Ich kam, um Ihnen die Hand zu bieten. Sie sind meine Enkelin. Es muß Blut von mir in Ihren Adern sein. Verstehen Sie nicht, daß das eine Nötigung ist und eine Bindung schafft, die wir nicht hinwegdisputieren können?"
„Wenn Sie noch länger sprechen wollen, gnädige Frau, setzen Sie sich bitte noch einmal."
„Seien Sie nicht so schnippisch, Kind. Sie sind ein Kind! Muß ich als alte Frau mich rechtfertigen? Sie machen mir Vorwürfe ..."
„Mit keinem Wort. Ich würde mir das nie erlauben."
„Doch streiten Sie es nicht ab. Es gibt schweigend gemachte Vorwürfe. Ihre ganze Existenz ist ein Vorwurf gegen die Art, wie ich meine Söhne erzogen habe. Wollen Sie mir glauben, daß ich von dem Leben Ihrer Mutter keine Ahnung hatte? Ich erfuhr vor Jahren, zwanzig sind es ja wohl her, daß Ludwig sich in Dalmatien in ein Mädchen verliebt habe. Ich ließ ihn sofort nach Hause kommen."
„Warum?"
„Das verstehen Sie nicht. Es ging nicht gegen Ihre Mutter. Die fahnte ich ja gar nicht. Ich hatte auf meinen neunzehnjährigen Sohn aufzupassen."
„Er sollte nach Ihren Wünschen groß werden, sich nach Ihren Wünschen entwickeln und die Frau heiraten, die Sie ihm aussuchten, nicht wahr? Sie wollten nicht nur die Mutter fein, sondern auch Schicksal und Vorsehung spielen."
„Wie reden Sie denn, Kind?"
„War es nicht so?"
„Gewiß, aber so kann man es nicht ausdrücken. Ein junger Mensch braucht Rat und Hilfe."
„Er wandte sich niemals an Sie um diesen Rat und diese Hilfe." Sie sah das zerstörte Gesicht der alten Frau. Irgend etwas in diesen hilflos gewordenen Zügen rührte sie. Meine Großmutter! dachte sie. Ich fitze ihr gegenüber, und nicht ich war es, die zu ihr kam. Vielleicht, ja sicherlich war es sehr schwer für sie, zu mir zu kommen. Man muß das anerkennen. Sie sagte, sie sei gekommen, mir ihre Hilfe anzubieten. Ich glaube, sie braucht mehr meine Hilfe. Und das ist gut. Ihre Hilfe hätte ich abgelehnt; die meine soll ihr werden.
Jwanka stellte sich um. Es gelang. Die innere Haltung wurde eine andere; da ergab sich alles von selbst.
Frau Carlotti erhob sich zum zweitenmal. Sie hatte Mühe dabei. Ihre Knie versagten.
„Bitte, bleiben Sie noch sitzen."
„Warum, es hat ja alles keinen Zweck. Wir reden wie aus zwei verschiedenen Welten."
Jwanka drückte sie in den Sessel zurück. „Bitte, noch eine kleine Weile."
„Warum?" Das kam müde.
„Weil Sie — meine Großmama sind." Das Wort stand da. Sie horchten beide dem Klang nach. Frau Henriettes Kiefer mahlten, es war, als spreche sie ohne Laut das Wort nach. „Und weil wir beide einen schweren Verlust gemeinsam zu tragen haben", fuhr Jwanka fort. „Ich habe meinen Vater geliebt, ich lernte ihn allmählich lieben, um ganz ehrlich zu sein; so sehr viel Zeit hatten mir ja nicht für einander. Im Anfang war Abneigung, manchmal, wenn ich an meine Mutter dachte, sogar Haß. Aber das ''s wandelte sich alles in Verstehen und sogar Liede, als ich erkannte, was für ein armer Mensch er war. Er konnte nicht aus sich heraus; er war verschüchtert, wenn das Wort paßt, in der Seele verängstigt. Vom Dasein", fügte sie rasch hinzu. Sie sagte nicht noch einmal die Wahrheit; jetzt war nicht der leiseste Wunsch mehr da, der alten Frau Carlotti weh zu tun. „Er liebte seine Mutter, er liebte seine Frau, | und er liebte mich. An diesem Zwiespalt zerbrach er innerlich." I
Sie machte eine Pause.
Frau Henriette zog ein Taschentuch und fing ein paar Tränen noch in den Augenwinkeln ab. „Jwanka, wie alt bist du?"
„Zwanzig, Großmama, Warum?"
Frau Henriette schwieg. Sie sagte nicht: Weil du mit zwanzig begriffen hast, was ich mit sechzig noch nicht erfaßte. Das brachte sie doch nicht über das Herz. Aber dieses geschmähte Herz, es konnte doch nicht aus Stein fein. Ludwig Carlotti mußte sich geirrt haben und vielen falschen Deutungen unterlegen fein. Frau Henriette sagte: „Jwanka, darf ich dich einmal umarmen?" Sie sagte es ganz leise und verschüchtert. Ihr Blick kam ängstlich bittend zu dem schönen großen Mädchen heraus, bas da vor ihr stand.
Jwanka nickte. Ihr war die Kehle zugeschnürt. Ich bin wohl neben der Gospik auch eine Carlotti, durchfuhr es sie. Dies da ist meine Art, hart und weich, biegsam, aber Stahl. Man muß uns zu nehmen misten. 11
Sie sah die alte Frau an. Sie hat Vaters Augen, U dachte sie, und feinen immer etwas traurigen Mund, der mich so oft rührte. Aber sie soll nicht mehr traurig sein. Ich will jedenfalls nicht der Anlaß sein. ‘
Es war im Grunde gar keine Absicht dabei. Sie )| ließ sich auf die Knie nieder. So war sie Gesicht an Gesicht mit Henriette Carlotti. (Fortsetzung folgt.)


