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28./ZY. Dezember 1940

Nr. 506 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Viktor Lutze.

Zum 50. Geburtstag des Stabschefs der SA.

Wenn am 28. Dezember der Stabschef der SA Viktor Lutze, seinen 50. Geburtstag begeht, dann sind die Gedanken des deutschen Volkes voll Dank­barkeit auf eine Persönlichkeit gerichtet, die sich die höchsten Verdienste um Bewegung und Volk er- wyrben hat. Viktor Lutze ist Aktivist. Für ihn hat es Zeit seines Lebens keine Halbheiten und keine Kompromisse gegeben, stets ist er, ohne nach rechts oder nach links zu schauen, den Weg gegangen, den ihm sein Gewissen vorschrieb. Dieser Weg war gekennzeichnet durch steten Einsatz für die Nation, her er immer gedient hat: vor dem Weltkrieg, in

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den Jahren 1914 bis 1918 und in den zwei Jahr­zehnten, die mit dem Kampf und dem Sieg der Bewegung so eng verknüpft sind.

Viktor Lutze wurde in Bevergern in Westfalen geboren. 1912 wurde er Soldat und im Weltkrieg Offizier, in dem er stets in vorderster Front­stellung mehrfach schwer verwundet wurde und zahlreiche hohe Auszeichnungen erhielt. Nach dem Zusammenbruch von 1918 gehörte er nicht zu denen, die tatenlos beiseite standen. Bereits 1922 trat er der NSDAP, bei und nahm 1923 aktiv am Ruhr- kampf teil. 1925 wurde er,SA.-Führer im Ruhr­gebiet, 1930 in Hannover, 1933 Oberpräsident der Provinz Hannover und am 30. Juni 1934 Stabs­chef der SA. Als solcher ist er Reichsleiter der NSDAP.

In diesen kurzen knappen Angaben ist der Le­bensweg eines Mannes enthalten, der unter den schwierigsten Umständen den Kampf für die Be^ sreiung Deutschlands aufnahm. Gerade der Platz, an den er, durch das Vertrauen des Führers be­rufen, gestellt worden war das Ruhrgebiet erforderte den vollen Einsatz einer Persönlichkeit, die zutiefst von der verantwortungsvollen Aufgabe, die es gerade hier zu erfüllen galt, durchdrungen war. Das Ruhrgebiet war damals eine Domäne der marxistischen Parteien, Schritt um Schritt wußte in mühevoller Kleinarbeit um jeden deut­schen Menschen gekämpft werden. Und wenn es Viktor Lutze verstand, durch seinen beispielhaften Einsatz gerade hier die Masse der deutschen Ar­beiterschaft für die Idee des Führers zu gewinnen, dann beweist dies, mit welcher Tatkraft und Ent­schlußfreudigkeit er ans Werk gegangen ist.

Das Vertrauen des Führers berief ihn am 30. Juni 1934 an die Spitze der S25. Der neue

Zer Optiker am ffaljnhof |

Stabschef sah sein Ziel darin, diese große Organi­sation bis zum letzten Mann mit jenem SA.-Geist zu durchdringen, der in den Jahren des Kampfes um die Macht, vor allem auch in der ersten Zeit in München, so oft seine Feuerprobe bestanden kalte. SA.-Mann sein, heißt Kämpfer sein und durch das Beispiel der Pflichttreue und Einsatzbe­reitschaft den andern als Vorbild dienen! Mit dieser inneren Einstellung ging der Stabschef ans Werk und schuf dem Führer in der SA. jenen Typ des politischen Soldaten, der jetzt ein fester Begriff ge­worden ist. Daß neben der weltanschaulichen Schu­lung die körperliche Ertüchtigung hingewiesen sei nur auf die NS.-Kampfspiele, die mit so gro­ßem Erfolg auf den letzten Reichsparteitagen in Nürnberg zum Austrag gelangten nicht zu kurz kam, liegt auf der Hand.

Der Krieg, der Deutschland im Herbst des ver­gangenen Jahres aufgezwungen wurde, fand die meisten Führer und Männer der SA. in der deut­schen Wehrmacht. Der Hundertsatz der unter Waf­fen stehenden SA.-Männer lag schon in den ersten Kriegswochen in'den einzelnen SA.-Gruppen zwi­schen 50 und 80. In den Verbänden des Heeres, der Luftwaffe und der Kriegsmarine erfüllen sie als Soldaten ihre Pflicht. Zu einem geschlossenen Einsatz von SA.-Einheiten kam es in den östlichen Grenzgebieten. An der Wehrhaftmachung und Ver­teidigung Danzigs, der Sicherung des ostoberschle­sischen Industriegebietes, der Säuberung Südpolens

von Heckenschützen ist wesentlich der Einsatz bewaff­neter Einheiten der SA. beteiligt. In den besetzten Gebieten des ehemaligen Polens übernahmen Ver­bände der SA. Aufgaben des Grenzschutzes und Wachdienstes sowie Aufräumungsarbeiten. Auch Sondereinheiten der SA. (Nachrichten-, Pionier-, Marine-, Sanitätsstürme) wurden hier eingesetzt. Obgleich der größte Teil des SA.-Führerkorps unter Waffen steht, führen die in der Heimat verblie­benen Verbände den vom Führer erteilten Auftrag der vormilitärischen (freiwilligen) Wehrerziehung, die Schulung und Ausbildung des für die SA. und den Wehrmannschaftsdienst erforderlichen Unterfüh­rernachwuchses und den allgemeinen SA.-Dienst in vollem Umfange durch. Die SA. schafft damitxeine für die Wehrmacht wesentliche und von ihr auch gewünschte und geforderte Grundlage für den Waf­fendienst. Daneben leistet sie vermehrten Dienst im Führung?- und Organisationsapparat der Partei. Als politische Soldaten des Führers erfüllen die SA.-Männer auch im Kriege ihre Pflicht unter Verzicht auf den größten Teil ihrer Freizeit und neben einer heute mehr und mehr angespannten Berufstätigkeit. So kann Viktor Lutze, dem das deutsche Volk noch viele Jahre erfolgreiche Arbeit im Dienste an Führer und Nation wünscht, mit Stolz auf ein Werk zurückblicken, das untrennbar mit dem Kampf und Sieg der Bewegung verbun­den ist.

Oie Waffen

Seit Beginn dieses Krieges begegnet der Lefer in feiner Zeitung immer wieder dem Wort:Waffen- ff". In Berichten und Bildern schildern die Bericht­erstatter der ---Propaganüakompanien den Einsatz dieser jungen Truppe. Durch diese Ausführung soll nun ein Ueberblick über die Waffen-^, ihre,Ge­schichte und Aufbau aegeben werden. Dem deutschen Jungen und dem wehrhaften Manne soll dieser Be­richt zugleich zeigen, wie man zur Waffen-^ kom­men kann, und welche Laufbahnen sich dort'eröff­nen.

Im Jahre 1923, das für die Bewegung schicksal­haft wurde, entstand die Schutzstaffel, die mit einer vielgebrauchten Abkürzung aenannt wird. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich Darin, durch kleine, aber energisch geführte Gruppen den Schutz der Versammlungen zu übernehmen. Anfang des Jahres 1929 ernannte der Führer seinen alten Mitkämpfer Heinrich Himmler zum Reichsführer-^. Die nun folgenden Jahre, die im Zeichen des Enokampfes um die Macht im Reich standen, waren ausgefüllt mit zielbewußter Arbeit. Zu der betont soldatischen Haltung trat eine straffe geistige Ausrichtung. Der Reichsführer-ff gab feiner Truppe die Gesetze der Auslese und des Schutzes der Ehre; mit demHei­ratsbefehl" wies er feinen Männern fajon im Jahre 1931 den Weg zur Erhaltung und Pflege wertvollen Blutes.

Mit der Machtübernahme durch den Führer er­weiterte sich das Aufgabengebiet der ff, die in­zwischen zu einem starken und wohldisziplinierten Teil der Bewegung herangewachsen war. Gegen manchen Gegner innerhalb und außerhalb der Be­wegung stand sie ihren Mann. Die Sicherung des Reiches im Innern wurde nunmehr dem Reichs­führer- ff und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler und seinen bewährten Männern übertra­gen.

Diese Aufgabe war ganz auf das Innere des Reiches gerichtet. Es galt, politische und kriminelle Gegner von Reich und Volk unschädlich zu machen. Bei einem Einfatz nach außen jedoch, der das ganze Volk umfassen mußte, wäre die Organisation der Schutzstaffel auf ihr innerpolitisches Arbeitsgebiet beschränkt geblieben. Sie wäre damit verhindert ge­wesen, an der Erfüllung der großen Aufgabe: das Reich mit der Waffe zu verteidigen, mitzuwirken. Um dieser Möglichkeit vorzubeugen, befahl der Führer die Schaffung einer kasernierten Truppe, der heutigen Waffen-ff.

Zunächst entstand Anfang 1933 die heute zu einem Begriff gewordeneLeibstandarte ff Adolf Hitler", es folgten die aktiven Standarten:ff Deutschland" undff Germania", nach Eingliede­rung der Ostmark in das Reich, die Standarte ff Der Führer". Die technischen Einheiten (Pionier-

und Nachrichtensturmbann) sowie die ff-Junker- Schulen, die den Führernachwuchs heranbilden, wurden aufgebaut. Zu gleicher Zeit wurde mit der Aufstellung der ff-Totenkopfstandarten begonnen.

Diese sorgfältig ausgebildete ff-Truppe wurde an allen geschichtlichen Abschnitten des Dritten Reiches eingesetzt, das Saargebiet, die Ostmark, der Sudetengau und das Memellanü kehrten heim in das Reich, der tschechische Brandherd wurde ausge- räumt, und mit den Truppen, die den Schutz des Reiches brachten, marschierten die Regimenter der Waffen-ff. Die Ordensschnalle manches ff-Mannes mit ihren zahlreichen Bändern ist ein sichtbares Zeichen dafür, daß ihr Träger an diesen historischen Ereignissen teilnehmen durfte.

Am 1. September 1939 war mit dem Ausbruch des Krieges auch für die Waffen-ff der Zeitpunkt der Bewährung gekommen. Im Polenfeldzug, an der Bzura, bei Modlin und Socharczow, kämpften ff-Regimentern in vorderster Front. Die große Of­fensive, die im Frühjahr 1940 über Holland und Belgien nach Frankreich hineinführte, und die mit der Niederlage unseres stärksten Gegners zu Lande endete, sah die ff-Divisionen in den ersten Wellen der vorstürmenden deutschen Armeen. Heute stehen die Truppenteile der Wast^n-ff, (Älied für Glied, eingereiht in die starke Kette der deutschen Wehr­macht mit dieser in der Front gegen England, die sich vom Nordkap, bis zum Golf von Biskaya er­streckt.

Es ist notwendig, daß eine so vielseitig einzu­setzende Truppe neuzeitlich ausgerüstet und bewaff­net ist. Die Divisionen der Waffemff sind voll motorisiert. Sie umfassen neben Infanterie- und Artillerie-Regimentern, alle Spezialtruppen wie Panzer (Aufklärungsabteilungen'), Pionier-Batail­lone, Nachrichtenverbände, Panzerjäger, Infanterie­geschütz-Kompanien, Flak- und Sanitäts-Einheiten. Die Spielmannszüge und Musikkorps sollen nicht unerwähnt bleiben. Zwei ff-Reiter-Regimenter füh­ren die Tradition dieser alten und stolzen Waffe fort.

Der Nachwuchs aller Einheiten besteht aus Män­nern, die sich aus Liebe zum Waffendienst freiwil­lig melden. Es können bestimmte Jahrgänge auf Kriegsdauer eingestellt werden, im allgemeinen werden jedoch nurLängerdienende" angenommen, die sich zu 4'/2jähriger Dienstzeit verpflichten. Tüch­tigen ff-Männern ist nach Ablauf dieser Dienstzeit die Möglichkeit gegeben, sich zu insgesamt ^jähri­ger Dienstzeit weiterzuverpflichten. Sie schlagen da­mit die Unterführer-Laufbahn ein, in der sie als höchsten Rang den Dienstgrad eines ff-Hauptschar- ttihrers (gleich Oberfeldwebel) erreichen können. Nach Ablauf der Dienstzeit haben die Ausscheiden­den Anspruch auf Versorgung nach dem ff-Für-

sorge- und Dersorgungsgefetz, entsprechend der Wehr­machtsversorgung. Es besteht die Möglichkeit, in Die Beamtenlaufbahn der Schutzpolizei, Gendarmerie, Geheime Staatspolizei, Kriminalpolizei, Grenz­polizei und des Zolldienstes übernommen zu wer­den. Ganz besonders unterstützt wird die Ueber- nahrne einer Siedlung in den neu zum Reich ge­kommenen Gebieten. Die hier anzusiedelndenff- Wehrbauern" sollen Männer sein, die ihrem Vater- land mit der Waffe in der Hand gedient haben um) stets wieder zum Einsatz bereit sind.

Der Führernachwuchs der Waffen-ff wird ge­stellt aus Abiturienten, die fick um Einstellung irt oie Führerlaufbahn bewerben, sowie aus überdurch­schnittlich veranlagten ff-Männern und Untersüh^ rern. Letztere werden in ihrer Entwicklung so ge­fördert, daß sie von der Truppe auf einen Lehr- ' gang der ff-Junker schulen geschickt werden können^ Entscheidend sind also charakterliche Haltung und soldatisches Können. Außer der Laufbahn des ak­tiven Führers in der Truppe (Offizier) wird noch Nachwuchs eingestellt für die Laufbahnen: Sani- tätsführer (Truppenarzt), Verwaltungsführer, Waf« fenmeifter und kraftfahrtechnischer Führer.

Die Einstellungsbedingungen verlangen volle kor« perliche und geistige Leistungsfähigkeit, ein Alter von 17 bis höchstens 40 Jahren, Mindestgroß^ von 1 68 Meter mit 17 Jahren, steigend bis auf 1,72 Meter für 21jährige und alle älteren Jahr« gänge.

Genaue Einzelheiten der Einstellungsbedingunaen sind aus einem Merkblatt zu ersehen, das von jeder ff-Ergänzungsftelle angefordert werden kann. Dort werden auch Merkblätter über die Führerlaufbahnen ausgegeben. Ein Meldezettel ist dem Merkblatt an« gefaltet.

Wer den Entschluß gefaßt hat, als Freiwilliger trt die Wasfen-ff einzutreten, gibt feine Meldung unter genauer Angabe der Anschrift und des Geburtsdatums an die für ihn zuständige ff-Ergänzungsftelle Rhein (XII) Wiesbaden, Hindenburgallee 59 ab. Sie be­findet sich am Standort des Armeekorps (Wehr« freifes). Meldungen werden ständig angenommen^ Nach Eingang der Meldungen wird der Freiwillige zur nächsten Annahmeuntersuchung herangezogen, die von einer Kommission der Waffen-ff durchge­führt wird. Diese Untersuchungen finden von Zeit zu Zeit in allen größeren Orten statt, im allge« meinen in allen Wehrmeldeamts-Standorten.

Damit wäre in großen Zügen ein Ueberblick über Geschichte und Aufbau dieser Truppe gegeben, wel­cher der Führer in den Jahren des innerpolitischen Kampfes um die Macht den Wahlspruch gab:

ff-Mann, deine Ehre heißt Treue."

Dieser verpflichtende Satz hat stets über der Ar« beit der Schutzstaffeln gestanden, und mit Stolz ver­nahm jeder ff-Mann die Worte, die der Führer nach Beendigung des Westfeldzuges in seiner großen Reichstagsrede aussprach:

Im Rahmen dieser Armeen (des Heeres) kämpften auch die tapferen Divisionen und Standarten der Waffen-ff."

Die deutsche Panzerwaffe hat sich mit diesem Kriege in die Weltgeschichte eingeführt. Die Män­ner der Waffen-ff nehmen an diesem Ruhm teil." Die höchste Anerkennung aber, hie einem Sol­daten des Führers tuteil werden Fann, war die Ver­leihung der Führerstandarte als Feldzeichen an diä Leibstandarte ffAdolf Hitler".

Neuer Präsident de« Statistischen ReichSomt«.

Der Führer hat auf Vorschlag des Reichswirt« schaftsminifters als Nachfolger des auf feinen An« trag in den Ruhestand versetzten Präsidenten Mini­sterialdirektor Dr Re ich ar dt den Ministerialrat im Reichswirtschaftsministerium Godlewski zum .Präsidenten des Statistischen Reichsamtes ernannt. Gleichzeitig hat der Reichswirtschaftsminister dis Professoren Burgdörfer, Hunke und W a g e» mann beauftragt einen Plan zur Ausrichtung der statistisch-wissenschaftlichen Arbeit auf die Bedürf« nisse des großdeutschen Raumes oufzu« stellen.

ADOX

Meine Mutter.

Von Karl Heinrich Waagerl.

Meine Mutter war Näherin, in ihren besten Jahren die einzige im ganzen Tal, die sich noch daraus verstand, einen Miederleib richtig zu nahen und alles, was zur alten Tracht gehörte. Diesem Umstand verdankte ich selber einige Kenntnisse m der Schneiderkunst. Und soviel ich davon auch wie­der vergessen habe, ich kann mir doch heute zuweilen noch den Spaß erlauben, die Weibsleute bet ihren Einkäufen auf dem Jahrmarkt zu beraten, was Die Güte des Tuches betrifft ober die Machart eines Ueberrockes. , .... ...

Die Mutter hatte ihr Handwerk freilich nicht ordentlich erlernt. Aber wie sie alles im Leden be- derzt und entschlossen angriff, so nähte sie eben auch, was in unserem dürftigen Hauswesen notig war, einen Kittel für mich, ein Sdnntagshemd für den Vater ober eine Schürze für sie selbst. Hemd und Schürze waren aus einerlei billigem Zeug gAchntt- :en. und dennoch hatte jedes Stück, das der Mutter aus der Hand ging, etwas Besonderes an sich Ihr dewegliches und erfinderisches Wesen war nie mit dem 'Gewöhnlichen zufrieden. Darum konnte der Vater beim Kirchgang eine gefältete Hemdbrim eben lassen, wie es keine in der ganzen Gemeinde ;ab, und die Krause am Schürzenlatz der Mutter war ein Mirakel für die Nachbarin. Die wollte nun iud) so eine Schürze haben, aus Seide, versteht sich Aber Seide oder Kattun, am Ende machte es der Ver- ianb, den Gott auf seine Weise verteilt, zum Gluck ür die armen Leute. Die Mutter konnte ja nicht in Musterbüchern nachschlagen und nichts auf dem Zeichenbrett entwerfen, sie mußte sich alles m ihrem ^opf ausdenken. Und wenn sie auch mich mageren Däumling manchmal auf den Tisch feßte, um einen nalsfragen ober eine Busenschleife an mir zurech Nuftetfen, so hatte sie boch keine richtige Hilfe daran meine äußere^Erscheinung war schon damals nuyi *as Beste an mir. Der Vater ließ sich noch weiger gebrauchen, benn in biesem ruhig-ernsten Mann teckte ein heimlicher Drang zu kindischenSpaße. Wenn er abends einmal in die Schurze der N ch- □arin schlüpfen sollte, gleich war er die dicke Nach oarm selber und blähte sich auf, und das brachte d e Mutter zur Raserei. Denn im Grunde haßte sie oie

Arbeit am Nähtisch. Manchmal geschah es, daß sie plötzlich alles hinwarf und einfach fortlief, irgendwo hinauf in die Berge ober auf eine Alm, bie Bauerntochter. Dann saß ber Vater einen Abenb lang mit mir allein bei schmaler Kost zu Hause, wir wußten schon Bescheib. Am anbem Tag kam die Mutter zurück, schweigsam und ein bißchen beschämt nahm sie ihr Tagwerk wieder auf. ,

Wohlverstanden: eine Schwierigkeit anzupacken, einem Einfall nachzutrachten, dem konnte sie nie widerstehen. Aber daß es dann so lange währte, Stich um Stich, den ganzen Tag in der engen Stube, das ging ihr gegen die Natur, gegen ihren unbändigen Trieb nach Freiheit und Bewegung. Etwas erfinden und etwas machen ist eben zweierlei.

Jedenfalls, sogar der Pfarrer selber hätte einen Talar für die Feiertage bei- ber Mutter bestellen können, er wäre nicht schlechter bedient worden als etwa sein Mesner, dem unsere Werkstatt eigentlich ihren Ruf in der ganzen Gegend verdankt.

Der Mesner trat eines Abends in die Stube, mit zwei Roßdecken und einer Schafkeule unterm Arm. Er gehörte zu unserer weitläufigen Vetternschaft, und die Mutter hielt große Stticke auf 'ihn, weil es doch Immerhin wertvoll war, einen Verwandten un­ter dem Gesinde des Herrn zu haben. Und nun setzte der Mesner sein umständliches Anliegen aus­einander Er käme allmählich in die anfälligen Jahre, meinte er, in denen man das Knien auf dem Kirchenpflaster und die Zugluft in der Glocken­kammer schlecht vertrüge, von den Versehgängen gar nicht zu reden, seit die Leute die verdammte Gewohnheit angenommen, immer bei Nacht und Unwetter zu sterben. Und darum habe ihm die Vor­sehung diese beiden Roßdecken für einen warmen Rock ^ugewendet und die Schafkeule auch, die wolle er aber als Machlohn dreingeben.

Männergewand zu'nähen gehört zum Schwierig­sten in der -ganzen Schneid-rkunst, ich weiß das aus Erfahrung, denn ich habe mich auch darin versucht. Als ich im Felde diente, beschloß ich einmal, mir selber eine neue Hose zu machen Ich dachte, wenn ich von ber alten bas Beste nähme und meinen Mantel unten herum abschnitte, bliebe mir genug Zeug bazu. Das wohl, aber ber Schnitt ge­riet mir schlecht, und bie Näherei auch, zuletzt be­saß ich nur noch ein paar Streifen Tuch für Ga° I waschen unb statt des Mantels eine kurze Jacke,

an ber zu beiben Seiten bas Taschenfutter bau­melte, eine wunberliche Tracht für einen kaiserlichen Fähnrich.

Die Mutter freilich kümpste mit anderen Schwie­rigkeiten. Der Mesner war nicht sehr ebenmäßig gebaut, sondern schief und bucklig vom vielen Ver­neigen und Kreuzesschlagen ober wovon sonst bie Diener bes Herrn alle krumm geraten, obwohl er sie boch auch gerabe erschaffen hat. Was aber das Anliegen betraf, mit bem Gott feinen Knecht zu meiner Mutter schickte, so waren freilich bie Lilien auf bem Felbe leichter zu Fleiben als biefer ver­wachsene Mesner. Der Vater entwarf zwar sofort einen Riß mit seinem Zimmermannsblei, aber es würbe boch nur eine Art Dachstuhl daraus, nicht zu gebrauchen. Nein, bie Mutter behalf sich lieber selber, unb noch einigen gewittrigen Tagen war ber Rock auch wirtlich fertig, man Fonnte ihn gleich einem Panzer in bie Ecke stellen. Der Mesner, meinte der Vater, werbe darin hängen wie der Schwengel in der Glocke.

Er kam denn auch zum Samstagabend unb schloff in fein Gehäuse, schnaufend schüttelte er sich darin zu recht. Als er aber merkte, daß er alle Gliedmaßen gebrauchen konnte, war er zufrieden unb ging bavon, eine riesige Schildkröte kroch die Gasse hinunter.

Wegen biefes Meisterstückes geriet spater unsere ganze Familie in langwierige Händel mit der Sipp­schaft des Schneiders, der- nach dem Urteil meiner streitbaren Mutter überhaupt der roiberroärtigfte unter ihren vielen Feinben war, feit sie ihn in ber Jugend als Brautwerber ausgeschlagen hatte. Gott­lob. daß sie diesem Unglück enttarn, es hätte ja auch mich gewissermaßen das Leden gekostet.

Aber alle Feindschaft und Tücke konnten den Ruhm der Mutter nicht mehr schmälern, die Leute liefen ihr schon von weither zu. Es half dem Schnei­der gar nichts mehr, daß er bie Mutter unb ben Mesner zuletzt auch noch vor bas Gericht schleppte. Der Richter war ein verständiger Mann, er meinte, es seien beide Teile genug gestraft, die Mutter, weil sie den Rock nähen und der Mesner, weil er ihn tragen mußte. Ich aber nahm furchtbare Rache an bem Unhold, ich zog mit meiner Schleuder aus und schoß ihm ein Dutzend Kampferkugeln in seine Bie­nenstöcke.

Die Reihenfolge.

Eines Tages erkundigte sich der Alte Fritz' sehr interessiert bei bem Pagen, ber bie Obhut über bie Windspiele hatte, ob auch bie Hunde gut verpflegt würben. Kurz und militärisch kam Die Antwort:

Erst Sie, bann bie Hunde und bann ich!"

Diese Antwort gefiel dem König über die Maßen. Am nächsten Morgen empfing er den Pagen mit ben Worten:Mir Tee, meinen Hunben Biskuit und dir diese Dose!"

Zeitschriften.

D a s I n s e 1 s ch i f f", eine Zeitschrift für1 die Freunde des Insel-Verlags zu Leipzig. Das Weihnachtsheft, das eben recht 3um Fest erschienen ist, wird mit Aufzeichnungen RilkesAus dem Florenzer Tagebuch" (Frühjahr 1898) eingeleitet. Unter bem überraschenden TitelGoethe unb bis Generale" hat Professor Dr. Erich Weniger einen Beitrag zu einerPolitischen Geschichte ber Deut­schen Bewegung" geliefert: Vorstudien auf einem Gebiete,bas bisher als ber Welt Goethes am wei­testen entlegen galt: bem des Soldatentums und der politisch-strategischen Führung"; der Insel-Verlag will die Arbeit, reich mit Bildern ausgestattet, im kommenden Jahre vorlegen. Don dem jungen Er­zähler Andreas Zeitler erscheint das ProfastückEin Blatt aus dem Kriege". Aus Earl Gustav Carus' Gedanken über große Kunst" lesen wir die Betrach­tung über Claude Lorrain. Ein Kapitel aus Edzard Schapers neuem RomanDer Henker" heißtDas Glück zu leben". Den zahlreichen Freunden ber Galgenlieder", Palma Kunkels und Korfs werden bie hier mitgeteilten Briefe Christian Morgensterns ein neues Bilb bes geliebten Dichters liefern. Nietz, iches Abhanblung über Oedipus unb Prometheus ist derGeburt der Tragödie aus bem Geiste ber Musik" entnommen, Stifters TraktatWirkungen der Kunsts bem 6. Banbe ber neuen Gesamtausgabe bes Insel« Verlages. Dom übrigen Inhalt bes vorzüglich redi­gierten unb ausgeftatteten Weihnachtsheftes feien bie Bilbwiebergabe berDienftbotenmaria" aus dem Wiener Stefansdom und zwei leckere, altdeutsche Lieder um die Martinsgans hervorgehoben.