Nr. 250 Drittes Blatt_______________Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)_____________28./20. September I04Ü
Gefährliche Giftpflanzen unserer Heimat.
Ihre Kenntnis schützt vor Gefahren.
schildförmigen Staubblättern. Die urnenförmigett weiblichen Blüten stehen einzeln auf kurzen Stiel- chen und werden ebenfalls schon im Herbst angelegt. Aus der befruchteten Samenanlage entwickelt sich der olivenbraune, erbsengroße, nackte Same, der im unteren Teil von einem becherartig erscheinenden, fleischigen, korallenrot leuchtenden, süßen Sa-
Don Dozent Or. Kar» Heidt, Botanisches Institut, Gießen.
(Fortsetzung aus Nr. 218 und Schluß.)
Neben den beschriebenen Nachtschattengewächsen wären aus der Familie der Doldengewächse die Hundspetersilie oder Gleiße (Aethusa cynapium) zu nennen, die uns im Garten an Zäunen und Gebüschen umgibt, und der Gefleckte Schierling (Conium maculatum), den wir an Rainen und Schutthalden ebenso treffen wie an Wegrändern und am Waldrand.
Wie sich aus den häufigen Anfragen bei Führungen ergibt, ist bei den Hausfrauen die Hunds-
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Hundspetersilie oder Gleiße.
vetersilie ihrer „täuschenden Ähnlichkeit" mit Der echten Petersilie wegen besonders gefürchtet. Sie unterscheidet sich jedoch von der Gartenpetersilie eindeutig durch mehrere Merkmale. Sie hat eine dünne spindelförmige Wurzel, wird bis etwa 60 cm hoch und ist oben gabelig verzkveigt. Ihre Blätter sind auf der Unterseite stark glänzend (Gleiße — Glänzende), die der Petersilie dagegen matt. Im blühen-
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Gefleckter Schierling.
den Zustande wird sie leicht an den weißen (bei der Petersilie gelblich-grünen) Kronblättern und an den drei verlängerten, einseitig herabhängenden Hüllchen- blättern erkannt. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist schließlich darin zu sehen, daß die Hundspeter- ilie nie gekräuselte Blätter aufweist, wodurch die meist verwendete krausblättrige Form der Gartenpetersilie ausgezeichnet ist. Darüber hinaus gibt die Hundspetersilie, besonders beim Zerreiben mit den Fingern, einen unangenehmen, die Petersilie dagegen tets den charakteristischen würzigen Geruch ab. Vergiftungen auch mit tödlichem Ausgang sind bei Men- chen und Tieren öfter beobachtet worden. Als Gift- toff enthält sie Coniin. *
Von Sokrates' Tod ist uns die Giftwirkung des Gefleckten Schierlings bekannt, der ein tattliches Doldengewächs von 1 bis 2 m Höhe dar- tellt. Dieser Schierling wurde im Altertum häufig zum Giftmord, als Tötungsmittel für Verbrecher und mit Opium gemischt, als zum Teil staatlich abgegebenes Gift benutzt.
Die Pflanze ist oben stark verästelt, kahl, der Stengel bläulich-grün bereift, und im unteren Teil unregelmäßig rotbraun gefleckt. Ihre Blüten sind weiß und stehen in flachen 10—20strahligen Dolden. Stengel und Blätter besitzen, besonders im Hochsommer und nach Zerreiben einen von Coniin herrührenden, widerlichen Mäusegeruch, ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal von ähnlichen Doldenblütlern,
Zweig der Eibe mit Früchten.
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z. B. dem auch oft rotbraun gefleckten Knolligen Kälberkropf.
Alle Teile der Pflanze sind giftig und enthalten das Alkaloid Coniin. Vergiftungserscheinungen setzen bei großen Dosen schon nach wenigen Minuten ein und äußern sich zunächst durch Brennen im Mund, Kratzen im Hals, Zungenlähmung, Puptl- lenerweiterung (Sehstörungen) und schließlich als Hauptsymptome aufsteigende Lähmung, gleichzeitiges Kalt- und Gefühlloswerden, Schluck- und Sprachlähmung, schließlich Tod an Atemlähmung. Eine untergeordnete Rolle spielt wegen seiner selteneren Verbreitung der Wasserschierling (Cicuta virosa), den man an seinen nur wenig geteilten Blättern und seinem gekammerten Wurzelstock erkennt.
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Von den Giftpflanzen aus der Familie der Liliengewächse wollen wir nur die H e r b st z e i t l o s e
Garten-Wolfsmilch. — (Aufn. [4]: Dr. Heidt.)
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(Colchicum autumnale) nennen, die eben mit ihren bleichen und fahlen Blüten unsere feuchten Wiesen überzieht. Friedrich Rückert hat uns ihren Namen gedeutet:
„Welch eine Pflanze trägt im Frühling ihren Samen,
Da ihre Blüten erst hervor im Herbste kamen? Die Zeitlos' ist hierin der Blumen Widerspiel, Daß sie am Anfang ist, wo jene sind am Ziel."
Als eine der lockendsten, verführerischsten, aber auch gefährlichsten Giftpflanzen wird sie besonders unserer blumenliebenden Kinderwelt zum Verhängnis. Für so giftig hielten die Alten das Kraut, daß sie es Chemeron, d. h. das an einem Tage den Tod herbeiführende, nannten. Alle Teile der Pflanze sind giftig und enthalten als einziges Alkaloid das kristallisierende Colchicin, das in der modernen Zellforschung und Pflanzenzüchtung eine bedeutende Rolle spielt. In größter M<ä»;e (0,4 bis 1,3 v.H.) finden wir es in den Samen, etwas weniger in den Knollen und Blüten, am wenigsten in den Blättern.
Vergiftungserscheinungen äußern sich in unangenehmem Kratzen und Brennen in Mund und Rachen, in Koliken, Kreislaufstörungen und allmählich zunehmender aufsteigender Rückenmarksläh- mung, schließlich Tod durch Atemlähmung, der schon nach sieben Stunden eintreten kann.
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Unter den giftigen Bäumen wäre im Rahmen unserer Betrachtung vornehmlich die Eibe (Taxus baccata) zu nennen. Sie ist ein Nadelbaum, der früher in Deutschland erheblich weiter verbreitet war, als heute, wie aus dem gelegentlichem Vorkommen von fossilem Eibenholz in Mooren und aus vielen Ortsnamen aus heute eibenfreien Gegenden hervorgeht, in denen uns der Stamm Eib, Jb, Ueb, Iw u. dgl. entgegentritt. Ihres langsamen Wuchses wegen ist sie aus dem heutigen Kulturwald verschwunden, nur vereinzelt treffen wir noch in Deutschland größere Bestände wie den bei Dermbach in der Rhön. Mit strauchartigem, buschförmigem Wuchs wird sie bei uns in Park- und Gartenanlagen, auch auf Friedhöfen und in Hecken gepflanzt. An etwas hängenden. Zweigen stehen die 2 bis 3 Zentimeter langen und 2 Millimeter breiten Nadeln, die denen der Edeltanne etwas ähneln, jedoch weicher und spitz sind und auf der Unterseite keine weißen Wachsstreifen aufweisen. Die Eibe ist zweihäusig, d. h. männliche und weiblich Blüten stehen auf zwei verschiedene Exemplare verteilt. Ihre männlichen Blüten werden schon im Herbst in den Achseln der jüngsten Blätter angelegt; sie bilden gelbe kugelige Köpfchen mit 6 bis 15
menmantel umschlossen ist.
Die Giftigkeit der den Todesgöttern geweihten Eibe war schon im Altertum bekannt. Die jungen Triebe, Blätter und Samen sind giftig, sie enthalten das Alkaloid Taxin. Der beerenartige rote Samenmantel dagegen ist ungiftig und läßt sich zu Gelee verarbeiten. Verhältnismäßig häufig sind meist tödlich verlaufende Vergiftungen bei Haustieren, insbesondere Pferden, die, an Taxushecken oder -sträuchern angebunden, Gelegenheit zum Fressen der giftigen Zweige hatten.
Sadebaum (Juniperus Sabina) und Goldregen (Cytisus Laburnum) sollen als giftige Bäume noch beiläufig genannt werden.
Pflanzen, die bei bloßer Berührung vielen Menschen gefährlich werden können, sind die wegen ihrer Reichblütigkeit und langen Blühdauer als Zimmerpflanze geschätzte G i f t p r i m e l (Primula obconica) und der in Deutschland leider stellenweise in Gärten und Parkanlagen, sogar in Hecken und als Wandbekleidung angepflanzte und zum Teil chon verwilderte G i f t s u m a ch (Rhus toxicoden- dron).
Die Giftprimel ist eine Staude mit gesttelten, am Rande lappig gezähnten oder fast ganzrandigen herzförmigen Blättern. Die rot oder blaßlila gefärbten Blüten mit kennzeichnendem becherförmigem Kelch, stehen in langgestielten reichblühenden Dol- den. Alle grünen Teile der Pflanze tragen Dvüsen- haare, die ein gelblichgrünes Sekret enthalten Dieses giftige Sekret gelangt nur durch unmittelbare oder mittelbare Berührung aber nicht durch Verwehen von Drüsenhaaren ober gar „Ausdünstung" der Primeln, wie man gelegentlich hört, auf die menschliche Haut, wo es ohne Gewebszerstörung
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unter Bläschen- und Knötchenbildung starke Ent« zündungen bewirkt, die von heftigem Jucken begleitet sind. Die Empfindlichkeit gegen das Primelgift, wie auch gegen das des Giftsumachs, ist sehr verschieden, besonders gefährdet sind blonde, hellhäutige Menschen. Unsere deutschen Schlüsselblumen und andere Primelarten sind völlig ungefährliche
Der Giftsumach ist ein niedriger Strauch mit sehr ästigem Stamm, aufsteigenüen Zweigen und großen, langgestielten, dreizähligen Blättern. Alle Teile der Pflanze führen einen weißen, an der Luft schnell dunkel werdenden Milchsaft, der Toxicodendrol enthält, das noch in stärksten Verdünnungen auf der Haut Entzündungen mit Bläschen ausschlag hervorruft. Da die Milchröhren an den Stengeln und Blättern mit den feinen ihnen aufsitzenden Haaren in Verbindung stehen, genügt schon das Berühren zur Verursachung einer sehr schmerzhaften und tiefgehenden Hautentzündung, die mit Juckreiz, starken Schwellungen und sogar ^Fieber einhergehen kanm,
Zu gefährlichen Giftpflanzen werden unsere einheimischen Wolfsmilcharten (Gartenwolfsmilch, Zypressenwolfsmilch, Kreuzblättrige Wolfsmilch, Teufelswolfsmilch und Sonnenwendige Wolfsmilch), wenn ihr Milchsaft beim Verspritzen ins Auge gelangt. Im Garten oder Acker als Unkraut fast stets anzutreffen ist die G a r t e n w o l f s m i l ch (Euphor< bia Peplus). Meist ist sie nur 15 bis 30 cm hoch, mit niederliegendem oder aufrechtem Stengel, gestielten Blättern und doldenartig verzweigten dunkelgrünen Aestchen. Die sonderbar gebauten Blütenstände stehen in kleinen grünen Bechern (Cyathien), an deren Rand bei manchen Arten rundlich eiförmige, bei anderen halbmondförmige Honigdrüsen zu fihben sind. Aus der Mitte des Cyathiums ragt einseitig herabhängend der dreiteilige Fruchtknoten. Alle Teile der Pflanze enthalten einen scharfen, weißen, unter Druck stehenden und deshalb beim Abreißen oder Ab- schneiden der Pflanze sofort austretenden Milchsaft, der von Giftstoffen Euphorbinsäure und Euphorbon enthält. In einem der letzten Hefte der „Klinischen
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Roman von Helene Kalisch
Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München
34. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er war mit Dietmuthe fertig gewesen. Wie eine überstandene Krankheit war seine unselige Leidenschaft von ihm abgefall^n. Heute war er sich klar unb deutlich dessen bewußt geworden — an einem Tage rätselhaften und gewaltsamen Geschehens, das auch ihsi beinahe in das Dunkel hinabgerissen hätte, in das nun jäh und unvermittelt Dietmuthes glanzvolles Leben gestürzt war.
Wie der fremde Eindringling in die Wohnung gekommen war, weiß er sich nicht zu erklären. Allen erscheint dieser von ihm Geschilderte als seine Erfindung — der ,^roße Unbekannte", der bei so vielen Verbrechen auftaucht ...
Wenn der Morgen kommt, werden alle Zeitungen mit dick gedruckten Ueberschriften die Ermordung der gefeierten Sängerin verkünden, und ein Sturm von Erregung unb Abscheu wird losbrechen. Aus den Berichten wird zu entnehmen sein, daß ein berliner Zahnarzt der abscheulichen Bluttat dringend verdächtig erscheint. „Dieser Doktor B. ..." so wird da erzählt werden — „soll die schöne Künstlerin umschwärmt und seine eigene Frau vernachlässigt haben. Er wurde in der Wohnung der Ermordeten — am Ort der Tat — verhaftet."
Sich schlaflos auf dem primitiven Lager wälzend, sieht Bergholz solche und ähnliche Zeilen auf hun- derttausenden Blättern gedruckt. Morgen lesen es alle. Erna liest es und ihre Angehörigen. Nach dem ersten Erschrecken wird sich ein neugieriges Gruseln und bestimmt auch ein vorschnelles Urteilen und Verurteilen hervorwagen, aber auch Genugtuung.
Soweit ist es nun mit ihm also gekommen! . Dieser fürchterliche Mensch! ... Ein Glück nur, daß sich seine bedauernswerte Frau noch vor ihm in Sicherheit gebracht hat", wird es in dem Familienkreise heißen.
Wie werden andere Menschen es aufnehmen? Vielleicht fühlen seine Patienten einen kalten Schauder beim Lesen der Zeitungsberichte? Ist es möglich, daß das Ungeheuerliche geglaubt wird, daß man ihm diese Wahnsinnstat zutraut? ...
So sieht nun das Ende seines Abenteuers aus, das ihm viele dunkle Stunden, viel Verzagtheit und dumpfe Reue gebracht hat. Er hatte den Halt verloren — eine Zeitlang. Und jetzt, wo er im Begriff war, ihn wieder neu zu gewinnen, da kommt diese urchtbare Katastrophe! ...
Nach und nach klingt die Erregung wieder ab, die sich nochmals seiner bemächtigt hat. Ruhigere Gedanken kommen. Halb wieder im Einschlafen ent- tehen in seiner Vorstellung zum soundsovielten Male die Augenblicke kurz vor dem Mordanschlag auf Dietmuthe — entstehen jetzt, im halbschlafartigen Zustande, mit größerer Deutlichkeit als beim willensmäßigen Zurückrufen. Er sieht die Frau aufschrecken, hört ihren Aufschrei ... und da fällt ihm der Name ein, den sie gerufen hat ... „Klaus?... Du? ... Was willst du?" rief sie ...
Wie sich Berghylz so der Worte, die gefallen waren, wiedererinnert, wie er die Gestalten und die Gesichter der beiden Menschen mit aller Deutlichkeit vor sich sieht, weiß er im gleichen Augenblick auch, wo er diesem Mann, der heute etwa wie ein Chauffeur aussah, schon einmal begegnete — da hatte er wie ein Vagabund ausgesehen.
Nach der Tristan-Aufführung am 10. November war es gewesen, als er sich vor dem Bühneneingang der Oper herumdrückte, um Dietmuthe Röhl noch einmal zu sehen. Sie war gekommen, war an der Seite Heidenreichs zu dem wartenden Auto geschritten und da stand plötzlich, wie aus dem Dunkel herausgetaucht, ein sehr heruntergekommen aus- fehender Mann vor ihr und erschreckte sie. So unheimlich war ihr die Erscheinung gewesen, daß sie noch ein paar Wochen später, als sie in zahnärztlicher Behandlung bei chm war, mit unverkennbarer Furcht davon sprach.
Und diesen Mann, der — wie er sagte, gekommen war, um mit ihr abzurechnen, hatte sie mit „Klaus' angerufen.
Klaus? ... Hat er heute diesen Namen nicht schon einmal gehört? Nein, nicht gehört, aber gelesen...
Bergholz setzte sich auf. Plötzlich erhellt sich chm
ein schmaler Ausschnitt in dem Dunkel verworrenen Geschehens. Klaus ... Klaus Tjaden ... So lautete ja der Name auf dem merkwürdigen Brief in der Tasche der Lebensmüden ... „Unb in ihrem Merkbuch ist Dietmuthe Röhls Name und Wohnung eingeschrieben", murmelt er vor sich hin. Er sitzt unb grübelt.
Die Dunkelheit um ihn ist burchschnitten von einem geraben Lichtstreif. Durch einen Ausschnitt inmitten der Tür kann vom Gang aus in den Raum hineingesehen werden, in dem er sich befindet. Er starrt nach diesem Lichtkeil, während im schnellen Wechsel die Erinnerungsbilder des vergangenen Tages an ihm vorbeiziehen.
Da war das Ereignis des Nachmittags, das wie abgeschattet und ausgewechselt wurde von dem anderen, das ihm folgte — auch voll Gefahr für ihn, wie das erste. Er schüttelt den Kopf. „Wieso?" fragt er leise unb setzt hinzu, was er heute schon einmal ,sagte: 7,Man muß die Gefahr verneinen." Aber ein dunkler Zusammenhang zwischen den betben Ereignissen besteht, bas fühlt er mit Bestimmtheit. Er ist mit hineingezogen auf rätselhafte Weise. Zwar spielt er babei nur eine Nebenrolle, aber er hat eigentlich schon genug dabei abbekommen. Nun, es wird sich klären. Und dann? ... Dann wird alles überstanden sein. Wie er das denkt, kommt ihm — trotz seiner fragwürdigen Lage — etwas von dem neuen starken Gefühl des Zuftiedenseins mit sich wieder, das der heutige Tag ihm geschenkt hat. Und dann überschwemmt Müdigkeit alle Unruhe, er legt sich wieder hin und schläft fest ein.
Aus der zarten Helligkeit des frühen Morgens tauchen Wiesen, Felder, Wald und Hügel. Auf einer Landstraße, die zwei Reihen blühender Obstbäume säumen, wandert ein Mann. Weit vor ihm, wo eben noch bas Dämmergrau der weichenden Nacht wob, streckt sich aus jetzt weißlichem Dunst ein Kirchturm empor. Häuser einer Ortschaft werden sichtbar.
Der Mann verlangsamt seine Schritte und überlegt, ob er weiter auf den Ort zugehen oder eine andere Richtung einschlagen soll. Er entschließt sich zu dem letzteren, biegt in einen schmalen getretenen Weg ein, der halblinks erst durch feuchte Wiese, bann an einem Rapsfeld unb einem Kartoffelacker
vorbei zum Walde hinführt. Ein paar äsende Rehö heben die Köpfe bei seinem Nahen, strecken sichernd die Hälse, während die Lauscher spielen. Dann werfen sie sich herum und flüchten in das Dunkel einer} dichten Schonung.
An dem dicht stehenden jungen Stangenholz entlang geht der Mann, bis wieder der Wald sich weitet, dessen hohe Kiefernstämme jetzt von der ausgehenden Sonne rot angestrahlt werden. Eine Drossel singt laut und schmelzend. Andere Vogelstimmen erklingen leise noch und vereinzelt, und von drüben, jenseits der Felder her, läutet der Kuckuck.
Klaus Tjaden schlägt wieder die nordwestliche Richtung ein, von der er abgebogen war.
Wie besinnungslos, betäubt vom Schreck unb Entsetzen, nur dem einen Triebe folgend, der alle anderen Willensimpulse ausgeschaltet hat, war et gestern abend fortgeeilt.
In dem Augenblick, als er den von seiner Faust getroffenen Mann nach ein paar taumelnden Schritten wie eine Holzpuppe umfallen sah, krachten hinter ihm die beiden Schüsse — so nah, daß et es wie einen Schlag gegen Schläfe unb Ohr fühlte, fefunbenlang wie taub war unb wie gelähmt regungslos staub, währenb hinter ihm die Tür zu- geschlossen wurde und Schritte sich rasch entfernten.
Dann fiel die Frau, die vor ihm zurückgewichen war, vornüber zu Boden; unter ihrem Gesicht floß Blut hervor. Da hatte es ihn wie ein Wirbel erfaßt. „Fort!" schrie es in ihm. „Wenn sie dich hiet antreffen, giltst du als der Mörder!"
Seine tastende Hand fand die Tür hinter sich verschlossen. Da war er mit ein paar langen Schritten an der am Boden Liegenden vorbei in den Vorraum und zur Wohnungstür hinaus, war dis Treppe hinabgelaufen. Am Haustor hätte er beinahe eine eben eintretende Dame überrannt, er erkannte, als sie ihm aus wich, ihr Gesicht. — Die Springer war es ... Wie ein Peitschenhieb, der einem durchgehenden Pferde versetzt wird, war das für ihn.
Bei Pahls angelangt, kam er unbemerkt in feine Kammer. Der Alte war im Stall, die Frau wahrscheinlich einen Einkauf besorgen.
(Fortsetzung folgt.).


