Einzelbild herunterladen

stimmen und Reynaud und Chamberlain hoffnungs­los in die Defensive geraten sind. Das ist entschei­dend. W i r bestimmen den Ort und die Zeit des kriegerischen Geschehens. Wir zwingen die Gegner, nach unseren Wünschen zu tanzen. Daß sich der deutsche Stoß in erster Linie gegen England richtet, müßte doch wohl jetzt sogar Reynaud klar geworden sein. Aber wenn der Herzog fällt, muß der Mantel nach! Wenn Albion zerbirst, wird sein kleiner Hand­langer Reynaud samt dem Dominion Frankreich natürlich mit in den Abgrund gerissen. E. S.

Oer Wehrmachtsbericht vom Mittwoch.

Berlin, 27.März. (DNB.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Im Westen gelang es bei einem Stoßtrupp- unternehmen im Grenzgebiet südlich Pirmasens mehrere Gefangene zu machen. Der Feind erlitt außerdem Verluste an Toten und Verwundeten.

nördlich Weißenburg wurde ein feind­licher Stoßtrupp unter Verlusten a b - gewiesen.

Trotz starker feindlicher Jagd- und Flakabwehr erzielten die zur Aufklärung über Frank­reich eingesetzten deutschen Flugzeuge wichtige Lrkundungsergebnisse.

In der Nacht vom 25. auf 26. TNärz flogen meh­rere feindliche Flugzeuge in Nord- und Westdeutsch­land ein. hierbei wurde erneut in mehreren Fällen dänisches, niederländisches, belgisches und Luxem­burgisches Hoheitsgebiet bei Ein- und Aus­flügen verletzt.

Im Laufe des 26. Wärz versuchten feindliche Flug­zeuge mehrfach die deutsch-französische Grenze zu überfliegen. Deutsche Jagdflugzeuge vertrieben den Gegner und schossen ohne eigene Verluste ein bri­tisches Hurricane- und ein französi­sches Moräne-Flugzeug ab.

England

und Frankreich isoliert."

Jeden Tag eine neue Illusion verloren.

Mailand, 28. März. (DRV. Funkspruch.) lieber die italienisch-ungarischen Besprechungen in Rom und ihre Rückwirkungen schreibt die Turiner Ga^etta del Popolo", in London und Paris seien die Anzeichen von Nervosität unverkennbar. Irgend etwas sei nicht in Ordnung: jeden Tag gehe eine neue Illusion für d i e We st Mächte verloren. England und Frankreich glaubten, die diplomatischen Lorbeeren des Weltkrieges wieder zum Grünen zu bringen und sich wie damals an die Spitze einer Koalition von Völkern zu stellen, um Deutschland diesmal endgültig niederzuwerfen. Aber niemand nehme die ausdrückliche oder still- schweigende Einladung an, und niemand lasse sich durch Drohungen einschüchtern. Sieben Monate seien vergangen, aber England und Frank­reich blieben allein. Jetzt könne man auch sagen, sie seien isoliert. Kein Volk wolle für sie kämpfen. Dies sei der Grund für die Nervosität in den westlichen Hauptstädten.

Für die englisch-französischen Pläne sei die ita­lienisch-ungarische Zusammenkunft durchaus negativ verlaufen, denn die Westmächte seien auf der Suche nach Verwicklungen. Ohne solche Verwicklungen sei es ihnen unmöglich, die wirtschaftliche Blockade ge­gen Deutschland wirksam durchzuführen. Vom Lande aus könne die Belieferung Deutschlands nur dann verhindert werden, wenn man die an das Reich angrenzenden Staaten in den Krieg treiben würde. Der Schlag sei im Norden gescheitert, im Südosten noch nicht, weil man dort noch mit dem Trugbild der Armee des Generals W e y g a n d manövriere und weil die Westmächte hofften, die türkische Karte ausspielen zu können. Aber die Balkan-Völker verstünden die gegen den Krieg gerichtete Politik immer mehr zu schätzen.

Die Nervosität in London und Paris sei wohl zu verstehen, noch verständlicher aber sei es. daß die nicht direkt in den Krieg verwickelten Völker sich weigerten, sich für-den höheren Ruhm des englisch­französischen Imperialismus hinrichten zu lassen.

Ein Schmetterling erwacht aus -em Winterschlaf

Don Friedrich Schnack.

Zwischen den Fugen einer verwitterten Feld- mauer am Ende des Dorfes, wo die Wildnis mit Heckenrosen, wilden Pflaumenbäumen und dem Ge­zücht der Dornen beginnt, hatte sich die zähe Wur­zel des Stachelbeerstrauches eingezwängt und ihren runden Busch angesiedelt. Im Frühjahr, wenn der Wind noch kalt durch die Dorfgassen wehte und auf den Hängen am Wald die gelben Staubtroddeln der Haselstauden unwirsch ausbeutelte, war es bei der grauen Mauer, dem Lieblingsplatz der Eidech­sen im Sommer, schon recht behaglich. Beinahe den ganzen Tag lag die Sonne auf ihr, die Steine er­wärmten sich, und die krumme Wurzel knarrte und krachte insgeheim vor Lebenslust. Das Gras in den Ritzen war noch faul und flau: doch zu Füßen der Mauer hatten die Veilchen ihre blauen Traumblicke aufgetan. Unter der Sonne war auch ein Stachel­beerblut munter geworden, es war in das Holz aeftiegen und feuerte im Geäst so wild, daß die Knospen neugierig ihre Augen aufschlugen: Leben lugte zartgolden, die kleinen Blüten öffneten die Herzen, bald loderte der ganze Busch.

In diesen Busch auf der Mauer hatte sich der O-Falter, der Vetter von Tagpfauenauge und Fuchs, verliebt. Den Winter hatte er im Dorf verbracht. Dort stand eine Bauernkirche mit hohem Schiefer­dach und offenen, vom Wetter eingeschlagenen Bodenfenstern. War es nicht das Kirchendach ge­wesen, das ihm Unterschlupf bot, so war es eine der luftigen Scheunen hinter den Bauernhäusern gewesen. Sie waren das Winterasyl der Fleder­mäuse, die an warmen Juliabenden den Schulgar­ten durchhuschten. Nun hingen sie stocksteifgefroren am Gebälk.

Als der Falter erwachte, schliefen sie noch, und das war gut: sie hätten ihn sonst geschnappt, wie er schwerfälligen Fluges an ihnen vorübertaumelte. Die Sonnenwärme hatte ihre starren Abendseelen noch nicht aufgetaut. Aber der C-Falter, aus einem feineren Stoff gebildet als diese dunklen Gesellen, spürte den Wellenschlag des Lichtes aus dem Lust­meer der Welt. Er entschlüpfte seinem Bau uvd

Rußlands Voischaster in Paris abberufen

NeynaudsAktion" gegen Sorvjetrußland.

Moskau, 27. März. (DNB.) Der französische Geschäftsträger in Moskau, Payart, hat dem Volkskommissar für die auswärtigen Angelegen­heiten Molotow erklärt, daß die französische Re­gierung den russischen Botschafter in Paris, Suritz, njcht mehr als persona grata ansehe. Als Begründung dieser recht unüblichen diplomatischen Aktion wird ein Telegramm ange­führt, das Botschafter Suritz anläßlich der Be­endigung des russisch-finnischen Konfliktes an S t a - l i n sandte. Dieses Telegramm, das im offenen Wortlaut der französischen Post zur Beförderung übergeben worden war, enthielt einen Passus, in dem es hieß, daßdank der Roten Armee die Pläne der englischen-ftanzösischen Kriegstreiber, die sich bemühten, den Krieg im Nordosten Europas anzufachen, wiederum gescheitert sind". Dieser Passus wird von der ftanzösischen Regierung, wie Herr Payart Herrn Molotow mitteilte, als inkorrekt und als Einmischung in innerfranzösische Angelegenhei­

ten angesehen. Der französische Zensor hat denn auch die Weiterleitung des Telegramms verhindert, und das französische Telegraphenamt hat den un- gewöhnlichen Weg der Uebermittlung durch den ftanzösischen Geschäftsträger in Moskau gewählt.

Der stellvertretende Volkskommissar des Aeußern, Loszowski, hat am Dienstag dem französischen Geschäftsträger in Moskau die Antwort der sowjet­russischen Regierung zu den Vorstellungen übermit­telt, die besagt, daß die Sowjetunion die Gründe nicht einsehen könne, daß die französische Regierung den Sowjetbotschafter Suritz nicht mehr als per­sona grata anzusehen vermag, weil er ein Tele­gramm nach Moskau aufgegeben habe, in welchem die französische Regierung überhaupt nicht erwähnt wurde. Da jedoch die franzö­sische Regierung gegenüber dem Botschafter Suritz die formelle Vertrauensfrage erhoben habe, sei der Botschafter der Sowjetunion in Frankreich feines Amtes enthoben.

Reue Opfer des Seekrieges.

Französischer Zerstörer gesunken.

Rom, 27. März. (DNB.) Agenzia Stefani mel­det aus Tanger: Man erfährt erst jetzt einen neuen schweren Verlust der französischen Kriegs- marine. Der ZerstörerLa Railleuse" ist, als er Samstag, 15.30 Uhr, auslaufen wollte, von einer furchtbaren Explosion zerrissen wor­den und sofort gesunken. Die Zahl der Toten, Verletzten und Vermißten beläuft sich auf etwa hundert. Die Behörden hatten versucht, das Ereignis zu verheimlichen, so daß die Blätter erst am Mittwoch die Explosion eines Schleppers er­wähnen.

Der ZerstörerLa Railleuse", der zwischen 1926/27 gebaut wurde, ist der erste einer Klasse, der weitere 13 Einheiten angehören. Wasserverdrängung: 1378 Tonnen. Geschwindigkeit: 34 Knoten. Bewaffnung: Vier 13-em-Geschütze, zwei 3,7 Flak und sechs 55-cw-Torpedorohre.

Französisches Torpedoboot aufgelaufen

Brüssel, 27. März. (DNB.) Wie derPeuple" meldet, ist ein französisches Torpedoboot am Dienstag gegen 22.30 Uhr im Kanal von Zuyd- cote in unmittelbarer Nähe der belgischen Grenze aufgelaufen. Von Dünkirchen wurden Schlep­per zur Hilfeleistung ausgesandt.

Englische Verlustliste.

Amsterdam, 27. März. (DNB.) Wie Reuter zugeben muß, ist der britische O.eltanker D a g h e st a n" (5742 BRT.) in der Nordsee d e r - senkt worden. 16 Besatzungsmitglieder landeten am Dienstagabend an der Nordostküste von Schott­land.

Der 5500 BRT. große britische Dampfer B a r r h i l l", der nach einem ß u f t a n gr i f f auf Strand gesetzt werden mußte und in Brand geraten mar, ist auseinandergebrochen, während die Feuerwehr noch tätig war.

Reuter sieht sich genötigt, den Verlust des bri­tischen DampfersC a st l e m o or " (6574 BRT.) zu^ugeben. Das Schiff ist solange überfällia, daß es als verloren gelten muß. Die Mannschaft bestand aus 62 Mann.

Verluste der anderen.

Das holländische KüstenmotorschiffSa- b a" (397 BRT.) ist seit einer Woche überfällig. Man befürchtet, daß das Schiff gesunken ist.

Der italienische Dampfer t a l o B a l b o" (5114 BRT.) ist Mittwoch früh vor der Südostküste Englands mit einem dänischen Dampfer zusammen­gestoßen. Der italienische Dampfer mürbe hierbei schwer beschädigt.

Nach einem Bericht des Londoner Korresponden­ten vonAstenposten" ist das norwegische SchiffCo meta" (3794 BRT.), gebaut 1921, der Bergener Dvmpfschiffahrtsgesellschast gehörend, in der Nordsee aus noch nicht bekannter Ursache untergegangen. Die Besatzung nebst einigen Passagieren, insgesamt 37 Personen, seien gerettet.

DieMauretania" weiter auf der Flucht.

A m ft e r b a m, 27. März. (DNB.) Der Ozean­dampferM a u r e t a n i a" ist, wie der Lon­doner Nachrichtendienst berichtet, nach dem Passieren des Panamakanals weiter nach Australien ab­gedampft. Um die Flucht des Dampfers zu be­mänteln, gibt man bekanntlich an, daß er dort als Truppentransportschiff in Dienst gestellt werden soll.

England spürt den Krieg.

Amsterdam, 27. März. (DNB.) Wie die hol­ländische ZeitschriftVet-en-Vleeschhandel" berichtet, hat England, um Devisen zu sparen, die Ein­fuhr von holländischem Speck und Schweinefleisch stark herabgesetzt. In der vergangenen Woche seien nur noch 6500 Schweine nach England ausgeführt worden, gegen 13 000 im Wochendurchschnitt des Vorjahres. DasHan­delsblad" stellt hierzu fest, daß England wegen Mangel an Devisen die Butter- und Speck­einfuhr aus Holland und Dänemark ständig herab­setze.

Amerikanische Schiffe für England.

Washington, 27. März. (DNB.) Nach einer Meldung der Associated Preß hat die Bundesschiff­fahrtsbehörde den Verkauf von acht ameri- kanischenFrachtdampfern^nenglische Reedereien gutgeheißen. Es handelt sich um Schiffe von 5000 bis 6000 Brt.

Englischer Ltebersall auf russischen Dampfer.

Nach Hongkong emgeschleppt. Rußland Protestiert.

A m st e r d a m, 27. März. (DNB.) Wie Reuter meldet, wurde der sowjetrussische Dampfer W ladimir Mayakowsky" von einem eng­lischen Kriegsschiff angehalten und zwecks Durchsuchung von Bannware in den Hafen von Hongkong gezwungen. Der Dampfer, der nach Wladi­wostok unterwegs ist, hat in dem mexikanischen Hafen Manzanillo eine Ladung Kupfer an Bord genommen. Hierzu verlautet, die russische Regierung habe gegen diesen Piratenakt protestiert, die Freilassung des Schiffes verlangt und sich das Recht Vorbehalten, Schadenersatzansprüche zu stellen. Der Dampfer Wladimir Mayakowsky" ist bereits das zweite russische Schiff, das im Stillen Ozean von den Briten gekapert wurde. Der erste Dampfer war dieSelenga", die am 13. Jan"?.r bei Formosa auf dem Wege nach Wladiwostok von einem eng­lischen Kriegsschiff aufgebracht wurde.

Aufruf Or. Leys.

Wo Schaffende sammeln, geben alle Schaffenden."

B e r I i n , 27. März. (DNB.) Reichsorganisations. leiter Dr. Ley hat zur kommenden Reichsstraßen- sammlung einen Aufruf erlassen, in dem es u. a. heißt:

Die Deutsche Arbeitsfront führt am 30. und 31. März 1940 die letzte Reichsstraßensammlung für das erste Kriegs-Winterhilfswerk 1939/40 durch. Jeder schaffende Deutsche in der Heimat wird dem Ruf zum Einsatz für dieses große soziale Hilfswerk mit starkem und freudigem Pflichtbewußtsein folgen.

Männer und graue nber Deutschen Arbeitsfront! W o Schaffende sammeln, geben alle Schaffenden! Sie werden durch bas Ergebnis der letzten Sammlung für das erste Kriegs-Winter- Hilfswerk 1939/40 erneut der unbeugsamen Zuver- sicht der Nation auf den sicheren Sieg Ausdruck geben! v

DieAltmark" in der Heimat

Berlin, 27. März. (DNB.) Das bekannte Re­gierungsschiffAltrnar k", das am 17. Fe- bruar der versuchten Kaperung im Jössingfjord durch britische Seestreitkräfte entging, ist am Mitt­wochnachmittag wohlbehalten in einen deut­schen Hafen eingelaufen.

Regierungsumbildung in Finnland.

Helsinki, 27. März. (Europapreß.) Die Be­setzung der wichtigsten Posten in dem neuen f i n Nischen Kabinett, mit dessen Bildung wieder- um Premierminister R y t i beauftragt wurde, nach­dem er am'Mittwochnachmittag beim Zusammen­tritt des finnischen Parlaments mit seinem ganzen

Nivea für fleißige Hände «

Hausarbeit hinterläßt leicht häßliche Spuren, ober Nivea mochfs wieder gut. Schnell sind die Hände wieder glatt und geschmeidig und von frischem, gepflegtem

Dosen und Tuben > 22-90 Pf.

-?uz e ri > h altlnThTrr-r---

^2-*---g^ngutverwandU^^|£y

Kabinett demissioniert hatte, ist jetzt bekanntgegeben worden. Das Kabinett setzt sich in den wichtigsten Aemtern wie folgt zusammen: Ministerpräsident: Ryti; Außenminister: Witting; Justizminister: Lehtonen; Innenminister: Baron von Born; Wohl- fahrtsminister: Tanner: Verteidigungsminister: Go- neralmajor Walden; Finanzmimster:r Pekkala.

EnglischeHumanität" in Indien.

Schüsse gegen indische Arbeiter.

Bangkok, 27. März. (DNB.) Die Engländer haben am Mittwoch die Leidensgeschichte Indiens um ein weiteres Kapitel vergrößert. Als Tausende indischer Straßenarbeiter als Protest gegen die Ausbeutung durch die brittsche Verwal­tung einen Demonstrationszug durch die Straßen von Kalkutta veranstalteten, ging die britische Polizei plötzlich zum Angrift über und versuchte, den Zug zu sprengen. Wie amtliche englische Stellen zugeben, hat die Polizei meh­rere Salven aus die wehrlosen Streif k enden abgefeuert. Diele Flauen und Kinder, dvr den Zug begleiteten, wurden von den Kugeln ge- troffen. Die Zahl der Toten und Verletzten steht noch' nicht fest. Es kam zu schweren Zusammen­stößen, wie sie Kalkutta seit zehn Jahren nicht mehr erlebte. Die britischen Polizisten sollen 18 Anführer der Streikbewegung verhaftet haben.

Wie hierzu bekannt wird, haben über 15 000 Straßenarbeiter die Arbeit niedergelegt. Wie kürz­lich beim Streik der Textilarbeiter und Textilarbei- terinnen, heben die Leiter dieser Streikbewegung hervor, daß die Arbeiter mit dem kümmer­lichen Lohn, den ihnen die englische Stadtver­waltung zahlt, kaum ihren Hunger stillen können. Sie fordern deshalb in Gestalt einer 25prozentigen Lohnerhöhung einen geringen Anteil an dem Reichtum, den Indien abwirft.

Haupftchriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange, Verlag und Druck: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, K.-G., Derlagsleiter: Dr. Erich Hamann, alle in Gießen.

flatterte mitten hinein in den Zwölf-Uhr-Mittags- glanz. Die Kirchenglocke klang, er hörte sie nicht. Betäubende Lichtempfindungen durchrieselten ihn. Vor Wonne wollte er fast vergehen. Am liebsten hätte er sich dex mütterlichen Sonne in das feurige Herz gestürzt. Ihre Strahlen durchdrangen seinen Leib und seine Flügel, sowie sie in der Bauem- kirche die Glasfenster glühend durchstossen. Doch im seligen Aufschwung riß ihn Schwäche nach unten. Er verspürte Hunger. Die Erde mußte ihn füllen.

Unruhig suchend durch schlenderte er die Dorfgasse, schlug einen Haken und ging hinter einem zer­brochenen Zaun auf einen Schuttplatz nieder, wo Huflattich wuchs, der schon erblüht war. Er setzte sich auf einen Goldteller und nahm den ersten Honig des neuen Jahres. Der Saft hatte Stärke und er­wärmte den Trinker. Die Schwäche seiner Muskeln ließ nach, der Heißhunger war beschwichtigt. Da es jedoch in dem Winkel recht zugig war, blieb der L-Falter nicht länger als nötig. Er tat noch einen würzigen Schluck und flog in den Lichtstrom davon. Der trua ihn aus dem Ort hinaus. Mit Licht und Luft reisend, gelangte der Schmetterling über die Aecker zur alten Feldmauer. Hier, wo eine Wand von Wärme füll stand, bummelte er hin und her.

Schön und leicht segelte es sich. Er war der ein­zige Flieger am Ort. Fünf, sechs Längsflüge legte er zurück, dann wurde es ihm langweilig. Schade, daß kein zweiter C-Falter auftauchte, mit dem er ein wenig herumschwänzen hätte können! Auch aus der Verwandtschaft der Füchse und Tagpfauen­augen, die wie er überwinterten, kam keiner ange­tanzt, und es war doch so hübsch hier.

Die grüne Stachelbeerflamme schimmerte ihn an. Er zog über den Busch, auf dem er einst seine Rau- penzeit verbracht hatte, eine lustige Schleife und glitt auf den schönsten Zweig, auf ein scharf gefäl­teltes, von Dornen umstacheltes Runzelblatt Dicht vor ihm bot sich eine Blüte. Er verschmähte sie nicht. Sie hatte einen feinblumigen Wein- und Frühlings­geschmack. Die ausgelappten und gegipfelten Flü­gel standen schräg: auf ihren Membranen brachen sich die Sonnenstrahlen, und die Funken der Wärme besprühten den Falterleib. Da leuchtete der rot- gelbe Schuppenschmelz nut den braundunklen Zier- tupfen, und die hellgelben Keilflecken der Ränder flimmerten frühlingshaft, mochten sie auch aus dem vorigen Sommer stammen.

-----

Aepfel aus Krone.

23on Hans Munin.

Die Apfelbäume sind schon längst kahl. Der Wind pfeift vom Fuschler Tor über den Wolfgangsee. Die Uferstraße entlang radelt der Postbote, eine ganze geheimnisvolle, bunte Welt in seiner Lebertasche unb seinem Rucksack. In vielen breitgiebeligen Bauernhäusern wirb er erwartet. Hat ber Alois geschrieben unb ber Xaver und der Gustl? So mancher Mann unb junger Bursch ist draußen, unb in den tiefen Frieden, der über den stillgeworbenen Tälern unb Breiten bes Salzkammerguts liegt, bringt ber radelnbe Postbote einen Hauch von ber roilbberoegten Welt unb dem großen Geschehen, ohne bas hier niemanb seiner ftieblichen Arbeit nachgehen könnte.

Unb ba ist ber Postbote auch bei unserem Häusl. Er hat heute nichts weiter als ein Paket, ein ge­wichtiges, vielfach verschnürtes unb verknotetes Pa­ket, das eine weite Reise gemacht zu haben scheint.

Der Winb faucht um ben Giebel. Im Herb prasselt bas Feuer. Ich sehe mir bas Paket an, bas im Halbbunkel ber Küche geheimnisvoll, beunruhigen!) wirkt. Ein Paket von Tante Klara! 25 Jahre ist es her, baß ich bie bamals schon weißhaarige Frau gesehen habe. Unb jetzt ...Es kribbelt mir in ben Fingern. Ritsch-ratsch, ber zähe Binbfaben ist durch- schnitten. Tante Klara würde vorwurfsvoll den Kopf schütteln. Es ist ihre Art, alles zehnmal zu sichern, aber auch die festesten Knoten mit zäher Geduld zu lösen. Aber ich brenne jetzt vor Ungeduld, den geheimnisvollen Inhalt des Pakets zu erfahren, und ich reiße bie Augen weit auf, als ich rotbäckige Aepfel vor mir sehe, einer immer schöner als ber anbere, zerknittertes Papier bazwischen, baß sich die blankgewichsten, schönen Aepfel ja nicht aneinander reiben ...

Aepfel aus Krone! Aus Krone an ber Brahe, bas in den Heeresberichten bes polnischen Feldzuges mehrmals erwähnt würbe. Unb ich starre bie Aepfel an, bie einen geheimnisvollen, erinnerungsschweren Duft verbreiten ...

Der Ferienzug aus Ostpreußen rattert gemächlich auf Bromberg zu. In einem ber riesigen Abteile ber vierten Klasse, bie es bamals noch gab, hocken wir Kinber auf ben Reisekörben in beängftigenber Enge. Eine kleine Beamtenfamstie kann sich nicht

ben Luxus ber britten Klasse leisten, unb bie Fahrt von Berlin nach Ostpreußen, ins sonnige Ermland, ist weit. Unb jetzt geht's zurück in bie große Stabt. Nur noch eine Etappe ber Kinberseligkeit liegt ba» zwischen: Bromberg unb bie Tante Klara, bie all- sommerlich von Krone an ber Brahe zu unserem Zua herüberkommt, um uns einen großen Korb voller Frühäpfel mitzugebeu. Unb so sehe ich sie noch heute vor mir, eine kräftige, breithüftige Frau mit frischem Gesicht unb großen strahlenben Augen, ost- preußischer Menschenschlag, im westpreußischen Krone fest eingewurzelt. Vor bem Onkel, einem voll- bärtigen Mann, bem Rektor ber Volksschule in Krone, hatte ich immer einen höllischen Respekt, aber bie Aepfel aus feinem Obstgarten mundeten mir wie etwas ganz Köstliches ...

Unb bann kam auch für Tante Klara bie bittere Stunbe bes Abschiebnehmens von Haus unb Hof unb ben vielen Obstbäumen, bie ihr Mann selbst gepflanzt unb gehegt. Ein polnischer Rektor nahm meines Onkels Stelle ein. Die ganze Bitterkeit bes Schmachftiebens von Versailles lernte unsere Tante Klara kennen. Im Hannoverschen bekam ber Onkel als Fluchtlingslehrer eine neue Stelle, aber fein mar in Krone geblieben, unb er starb bald. Ste Kinder heirateten, Tante Klara zog es in die £r^r, $aar mar jetzt ganz weiß geworden, ihre Kraft aber ungebrochen. In Allenstein lebte sie, jenseits des Korridors, ber ihr Schicksal unbarm- berzig zerschnitten. Unb jetzt sehe ich bie Aepfel aus Slrone vor mir. Ich brauche ben Begleitbrief, ben .Greisin rmit noch fester $anb geschrieben hat, gar n^t zu lesen, um ihr überschwengliches Glück zu begreifen. Die Aepfel leuchten wie ein Gnaden- sieschenk bes Himmels, wie bie Frucht bes Sieges, in miebergeroonnener Heimat gepflückt. Unb bann greife ich boch zum Brief unb lese, baß einer ber Schwiegersöhne ben Felbzug mitmachte unb burch eine Schicksalsfügung nach Krone kam. So viele Jahre hatten bie Polen geerntet, was deutsche Hand gesät. Tausende von Nächten mochten bie Traum- gebanfen ber geprüften Frau, bie so eine rechte Hausmutter gewesen war, nach bem alten Heim in STrone geroanbert sein, unb jetzt hatten boch mieber für sie bie knorrigen Aepfelbäume Frucht getragen würben weiterhin Frucht tragen für fern- deutsche Menschen. Unb vielleicht suchen bann wieder begehrliche Kmderaugen auf bem Bromberger Bahn- Hof nach einer Tante aus Krone w