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123; 5 Heinz Brunotte. Tv. W -Niedergirmes, 122 Punkte.

Sechs - Karnpf d e r HI. - Klasfe A: 1. Gün­ter Jubt, To. Sinn, 130; 2. Kurt Neuser, Tv. 1846 Gießen, 125; 3. Albert Pfeisfer, To. W.-Nieber- -irmes, 116; 4 Alfried Henning, Tv Heuchelheim. 112,5; 5. Albert Rinn, Tv. Heuchelheim, 104 P. Ä

Sechs . Kampf d e r HI.-Klasse B: r Werner Kreiling, To. Heuchelheim, 132,5; 2. Gün- tl)er Lehr, To. Herborn, 130; 3. Theo Pfaff, To. Herborn, 123; 4. Ernst Adolf Alles, Tv. Herborn, 121; 5. Günter Becker, To. W.-Niedergirmes, 120 Punkte.

Acht-Kampf der Turnerinnen-Ober- st u fe: 1. Margret Seim, Mtv Gießen, 151; 2.

Erika Schneider, Tv Wetzlar, 148; 3. Hilde Lang, To. Dillenburg; 119, 4. Maria Kühn, Tv. 1846 Gießen, 113; 5. Anna Sack, Tv. Heuchelheim, 108 Punkte.

Acht-Kamps der T u r n e r i n n e n - Un­ter st u f e: 1. Emmi Reinstädtler, Tv. Heuchelheim, 134; 2. Gerda Eppert, To. Wetzlar, 129; 3 Gretel Welsch, Tv. Oberscheld, 127; 4. Hildegard Krom­bach, To. Wetzlar, 118; 5. Margret Bremer, Tv. Hohensolms, Tilli Stoll, Tv. Lang-Göns, je 116 P

Sechs-Kampf der BD M.-Klasse: 1. Emmy Kröck, Tv. Heuchelheim, 119; 2. Enne Bud- dig, Tv. Wetzlar, 116; 3. Edelgard Goethe, Tv. Dillenburg, 115; 4. Hildtrud Pfeiffer, Oberscheld, 114; 5. Hildegard Stein, Tv. Alsfeld, 113 Punkte.

Die Radfahrer im Wettbewerb.

Bezirksmeisterschast über 120 Kim.

Am Sonntag, 7.25 Uhr, wurden die Fahrer zur Mei­sterschaft über 120 km auf die 30 km lange Rennstrecke GießenSteinbachLichHattenrodBurkhards­feldenOppenrodGießen, die sie viermal zu durch­fahren hatten, vom Bezirksfachwart gestartet. Herr­liches Rennwetter ließ die Fahrer gleich ein gutes Tempo einschlagen. Auf dem Radfahrweg, nach Stein­bach, der einer Rennbahn gleicht, wurde mancher Vorstoß unternommen, aber die Kräfte waren noch zu gleichmäßig. Steinbach wurde geschlossen passiert. Kurz vor Lich wurde ein zweiter Ausreißversuch ge­wagt, aber ohne Erfolg. In gleichmäßiger Fahrt wurde die Steigung von Lich nach Hattenrod in An­griff genommen, ohne aber einen Fahrer abschütteln zu können. So wurde die Straße OppenrodGießen erreicht, manch hartnäckiger Spurt ausgetragen, denn jeder wollte zuerst Gießen erreichen. Nach einer Fahrzeit von 1,03 Stunden wurde die erste Runde abgeschlossen.

In der zweiten Runde versuchten P r e i ß und Becker, ihre anderen Konkurrenten zu zermürben, das durch dauerndes Spurten auch bald erreicht wurde. Baumann und F o r st e r mußten kurz vor Gießen das Feld ziehen lassen. In der dritten Runde mußte R e u s ch l i n g das Feld ebenfalls ziehen lassen, obwohl er immer wieder versuchte, den Anschluß zu erretqjen, merkte man doch, daß es bei der gleichmäßigen Fahrt der Spitzengruppe aus­geschlossen war, noch einmal nach vorn zu kommen. Die restlichen Fahrer blieben bis kurz vor Oppenrod zusammen, wo Becker Reifenschaden am Hinterrad batte, der für die anderen ein Zeichen zum Los­spurten war. P r e i ß schüttelte noch seine Konkur­renten ab und erreichte als unangefochtener Sieger die Bezirksmeisterschaft.

Heber 30 Kim

Bei dem Rennen der HI. über 30 Kilometer wur­den die Fahrer mit Wulstreifen zuerst auf die Bahn, geschickt; eine Minute später starteten die Fahrer auf Schlauchreifen, die sofort versuchten, den Anschluß herzustellen, was auch kurz vor Steinbach gelang. Hier hatte Wenzel einen kleinen Schaltungsdefekt, der schnell behoben war. Hans Werner versuchte nun mit zu enteilen, aber die anderen paßten gut auf. Jetzt hatte auch Wenzel wieder Anschluß be­kommen. Hinter Lich machten sich Wenzel, Wer- n e r und Wolf frei und enteilten den anderen Kon­kurrenten. Geschlossen kamen sie in Gießen an, wo Wenzel (Aßlar) den Spurt vor Wolf (Alsfeld) und Werner (Gießen) gewann.

Die Saalwettbewerbe wurden in der Halle des VfB.-Reichsbahn unter Leitung von Saalfachwart Häßler durchgeführt.

Oie Srgebniffe.

Ueber30Kilometer:l. Erwin Wenzel '(HI. Aßlar), 1:1,14 Stunden; 2. Helmut Wolf (Radfahrer- verein Alsfeld), 1:1,15; 3. Hans Werner (Streifen- HI. Gießen), 1:1,16; 4. Oswald Mehl (HI. Hochel­heim), 1:4,15; 5. Helmut Ulrich (Mot.-HJ. Gießen), 1:4,16.

Bezirksmeisterschaft über 120 Kilo­meter: 1. Ernst Ludwig Preiß (Gießen), 4:0,2 Stunden; 2. Emil Kraft (Dutenhofen), 4:3,47; 3. Hermann Becker (Gießen), 4:8,35.

Einer-Kun st fahren: 1. Hans Engel (HI. Wetzlar).

Zweier-Radball: 1. W. Engel-W. Hagner (HI. Wetzlar); 2. W. Roll-W. Schmidt (Wetzlar).

Jugend-Radball: 1. Kleemann-E. Wenzel (HI. Aßlar); 2. Alfred Vogel-A. Loth (HI. Wieseck).

Aus der engeren Heimat.

Warnung vor dem Genuß von ^habarberblätterspinat.

Sich widersprechende Veröffentlichungen, die einerseits die Verwendung von Rhabarberblatt­spreiten zur Herstellung eines spinatartigen Ge­müses empfehlen, anderseits vor ihrem Genuß warnen, geben dem Reichsgesundheitsamt zu fol­gender Klarstellung Anlaß:

Der Gehalt an Oxalsäure, die für etwaige Ge­sundheitsschädigungen infolge Rhabarbergenusses in Betracht kommt, ist im Blattstiel und in der Blattspreite annähernd der gleiche. Während aber Klagen über Gesundheitsstörungen nach dem Ge­nuß von Kompott oder Marmelade aus Rhabar- Mrblattstielen nicht vorliegen, sind nach dem Ge­

nuß von Spinat aus Rhabarberblattspreiten, ins­besondere im Ausland, nicht nur wiederholt ernst­hafte Erkrankungen beobachtet worden, sondern auch vereinzelte Todesfälle vorgekommen. Inwie­weit dieses unterschiedliche Verhalten von Blattstiel und Blattspreite und anscheinend verschiedene Be­kömmlichkeit der Blattspreiten auf die Art und das Mengenverhältnis der oxalsauren Salze, auf die Rhabarbersorte, auf den wechselnden Oxalsäurege­halt der Spreiten zu verschiedenen Tageszeiten und auf die unterschiedliche Empfindlichkeit der verschie­denen Personen zurückzusühren sind, bedarf noch weiterer Klärung.

Bei dieser Sachlage muß das Reichsgesundheits- amt von der Verwendung von Rhabarberblättern zum menschlichen Genuß vorsorglich abraten, wenn ihnen nicht zuvor ein Teil der oxalsauren Salze

entzogen wird Zu diesem Zweck kocht man die Blattmasse mit reichlich Wasser Stunde, läßt an­schließend mindestens 1 Stunde ziehen, gießt das Kochwasser ab, spült nochmals mit heißem Wasser nach und bereitet nun die Blätter am besten mit gleichen Teilen Kartoffeln zu

Auf jeden Fall ist es falsch, Soda oder Natrium­bikarbonat dem Rhabarber zum Abstumpfen der Säure zuzusetzen, wenn man nicht nachträglich das Kochwasser fortschüttet. Durch diese Zusätze wird nämlich die Löslichkeit der im Rhabarber vorhan­denen schwerlöslichen Oxalsäureoerbindungen und damit ihre Wirksamkeit erhöht.

Schweinemarkt in Butzbach.

* Butzbach, 27. August. Aus dem heutigen Schweinemarkt standen 358 Ferkel zum Ver­kauf. Es kosteten bis sechs Wochen alte Ferkel 14 bis 16 RM., sechs bis acht Wochen alte 16 bis 19 RM., acht bis zehn Wochen alte 19 bis 24 RM. pro Stück. Der Handel verlief anfangs langsamer, später wurde das Geschäft flotter.

Landkreis Gießen

Lollar, 26. Aug. Nachdem unser seitheriger Bürgermeister Kurt Böhm durch den Reichsinnen­minister nach dem besetzten Gebiet im Westen ab­geordnet wurde, versieht der 1. Beigeordnete Her­mann Schwalm die Bürgermeistergeschäfte.

* Lollar, 25. Aug. Am Samstagabend hielt die Kriegerkameradschaft Lollar im Ka­meradschaftslokal (Nuhn) einen Monatsappell ab. Der Kameradfchastsführer begrüßte die Kameraden und insbesondere das z. Z. auf Urlaub weilende Kameradschaftsmitglied Feldwebel Ernst Schmitt. Das Ergebnis des Bundeswettkampfschießens im Sommer wurde dahin bekanntgegeben, daß die daran beteiligten 40 Schützen einen Durchschnitt von 8,5 Ringen schossen und daß die vier besten Schützen Adolf Göttlich, Heinrich Vie hl, Heinrich Struck und Karl Kal et sch als beste Gruppe mit 10,5 Ringdurchschnitt am Endkampfschießen in Gießen teilnehmen wird. Den Kameraden wurde durch Vorlesen von Karten und Briefen einberufe­ner Kameraden wiederum die enge Verbundenheit zwischen Heimat und Front gezeigt. Kamerad Feld­webel Ernst Schmitt hielt dann einen ausführ­lichen Vortrag über seine Kriegserlebnisse im We­sten, insbesondere über das rasche Vorgehen unserer siegreichen Truppen. Hierfür wurde ihm Dank durch den Kameradschaftsführer ausgesprochen. Der im Kriege gefallenen Kameraden und insbesondere des für Großdeutschland im Westen gefallenen Ka­meradschaftsmitgliedes Adolf Zecher, sowie des seit dem letzten Appell verstorbenen Ehrenmitgliedes Rektor i. R. Sehrt wurde in ehrender Weise ge­dacht. Nach Bekanntgabe einiger interner Angelegen­heiten wurde der Appell in her üblichen Weise ge­schlossen.

sLang-Göns,27. Aug. Eine der ältesten Ein­wohnerinnen unserer Gemeinde, Frau Anna Elisa­beth Euler Witwe, Hundstatenstraße, kann am 30. August ihren 8 6. Geburtstag bei verhält­nismäßig guter geistiger und körperlicher Frische feiern. Wir wünschen ihr viel Glück zu diesem Tage und für ihren weiteren Lebensabend.

)( Ruppertsburg, 25. Aug. Die NS.-Ge- meinschaft .Kraft durch Freude" veranstaltete, am vergangenen Samstagabend im Saale des Gast­wirts Wagner einen F i l m a b e n d, der außer­ordentlich stark besucht war. Von den Heldentaten unserer tapferen Soldaten verkündete die Wochen­schau durch die FilmeDie Schlacht bei Dün­kirchen",Die Waffenstillstandsverhandlungen im Walde von Compiögne" undDer Einzug in Paris". Es lief sodann noch der Film ,Zruxa".

Achtet auf den barfuß gebenden Mann.

Lpd. Limburg, 26. Aug. Wie bekannt, wurde vor vier Wochen ein Mädchen aus Frankfurt a. M.,

das auf einer Wiese in der Gemarkung Schwickers­hausen bei Cambera saß und las, von einem frens- den Mann überfallen und durch 31 Messerstiche übel zugerichtet. Seitdem wird nach einem verdäch­tigen Mann gefahndet, der barfuß geht. Verdäch­tige Gestalten tauchten in letzter Zeit in Aull und Ä)upbach auf. Nun ist ein fremder, herunterge­kommener Mensch, der barfuß ging, in der Gemar­kung Mensfelden, Kreis Limburg, gesehen worden. Anscheinend hatte er Hunger, denn er suchte Aepfel, die er sofort verzehrte. Es muß sich um einen sehr scheuen Menschen handeln, denn auch in diesem Falle war der Verdächtige trotz gründlicher Nach­suche nicht mehr zu finden. Das Publikum wird er­neut aufgefordert, auf alle verdächtigen Personen, die sich im Wald herumtreiben und besonders solche, die barfuß gehen, zu achten und sogleich der näch­sten amtlichen Stelle Mitteilung zu machen.

3m Odenwald rauchen die Meller

Lpd. M i ch e l st a d t i. O., 26. August. Wer letzt in der Ferienzeit durch den tieferen Odenwald wan­dert, begegnet immer wiederschwarzen Männern", die in ihren rauchenden Meilern Holzkohle brennen. Die Arbeit erfordert viel Aufmerksamkeit und hand­werkliches Feingefühl, Kenntnis der Holzsorten und genaue Beobachtung des Brennvorganges, so daß die Kohlenbrenner oft auch Nachts hier oder eine Strecke weiter weg das Feuer regulieren müssen. Neben der für industrielle Zwecke gebrauchten ge­wöhnlichen Holzkohle wird auch pharmazeutische Holzkohle benötigt, die ausleichtem Holz" entsteht, und wir glauben es den Köhlern gerne, daß duf­tendes Lindenholz ober würzige Tannenäste ganz andersschmecken" als winterhartes Eichen- ober kräftiges Buchenholz.

Elektrisches Rücklicht au jedem Fahrrad.

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Im Zuge der plan- und disziplinvollen Durchorgani­sation des Verkehrs ist v o m 1. Oktober ab für alle Radfahrer zur Pflicht gemacht, ein den neuen polizeilichen Vorschriften entsprechendes elektrisches Rücklicht zu führen, das das bisherige Katzenauge ablöft. Gleichzeitig empfiehlt sich der Tretstrahler, das sind die selbstleuchtenden Me­talleinlagen in den Pedalen. Beide der Sicherheit des Radfahrers dienende Vorrichtungen veranschaulicht unser Bild. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Klilänglndita

Roman von Helene Kalisch

Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München

6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

In der Morgenfrühe liefen sie in Bremerhaven ein. Die Jacht war stark mitgenommen. Klaus Tja­den wurde verhaftet. Sein Schicksal hatte ihn nicht zum Mörder werden lassen, so unheilvoll es sich auch gestaltete. Eckström war nicht ertrunken. Ein Fracht­dampfer hatte ihn aufgefischt und durch Funkspruch die Hafenbehörden verständigt.

Es war wie ein Wunder, aber es machte keinen Eindruck auf Klaus. Seine Tat blieb für ihn die­selbe, wenn auch höhere Mächte sie in ihrer Wir­kung abgefchwächt hatten. Das wurde bei der An­klage der Staatsanwaltschaft als erschwerend her­vorgehoben; auch daß er sie nicht bereute. Dennoch hatte die abgeschwächte Wirkung Einfluß auf Urteil und Strafmaß. Auch noch manches andere sprach für ihn in dieser Tragödie menschlicher Leidenschaften.

Ihm war das alles gleichgültig. Er war an die Schwere seines Blutes gebunden, das, einmal ent­fesselt, jede Hemmung verloren hatte. Und mit der ernsten Selbstverständlichkeit seiner schlichten Natur nahm er die Folgen seiner Tat auf sich, wenn ihm auch die Seelenzerfaserung der Verhöre eine Mar­ter war. Warum bemühten sich die Richter so, alle Triebe freizulegen, die Bewußtseinshintergründe zu durchforschen, wenn er doch geständig war und wahrheitsgemäß alles aussagte, was zu sagen war?

Diese Frage richtete er einmal an den Verhand­lungsführenden, und es wurde ihm hierauf in Form eines Verweises klargemacht, daß er hier nur zu antworten und nicht zu fragen hatte.

Dann schloffen sich die Tore des Gefängnisses hinter ihm. Sein starker, gesunder Körper, der jeder Anstrengung gewachsen war, vertrug aber die Ge­fangenschaft schlecht. Er wurde krank. Und er ver­armte gänzlich in diesen Jahren. Die Zeit seines Zusammenlebens mit Dietmuthe hatte riesige 'Sum­men verschlungen. Bedenkenlos hatten sie beide in

ihrer Entrücktheit ihre Verträge gebrochen und hohe Vertragsstrafen zahlen müssen. In jeder Weise war er bestrebt gewesen, alle kostspieligen Wünsche seiner Frau zu erfüllen. Anfangs hatte er noch die zage Hoffnung gehabt, später alles wieder einholen zu können, ja daß der grollende Heijk sich wieder mit ihm versöhnen, wieder mit ihm arbeiten würde. Dann würden sich ihm neue Quellen des gleißenden Goldes erschließen, dessen die schöne, herrliche Diet­muthe so viel bedurfte.

Es war nun alles zerschlagen und vernichtet. Er lebte dumpf und gequält dahin ohne ober fast ohne Hoffnung; denn es liegt in der Natur des Menschen, vor allem in ber des jungen Menschen, daß die Hoffnung nicht völlig in ihm absterben kann.

So träumte er manchmal, wenn die Gefängnis­luft ihn auszehrte und Fieber in ihm entzündete, vom Meer seiner Heimat. Dann war ihm, als ob die engen, bedrückenden Wände seiner Zelle wichen and­er die weite glasig-grüne Meerflut sehe, ihren star­ken Odem fühlte, ihren Salzgeschmack auf feinen Lippen spüre. Da war noch ein Rest feines ver­dienten Geldes, ein sehr geringer Rest, an den nie­mand herankonnte. Er würde reichen, um damit ein kleines Haus zu erbauen oder zu erwerben, ein starkes Boot und Netze zu kaufen... So glitten zu­weilen matte Bilder durch das Dunkel feines Ge­mütes, und die Dumpfheit feines Innenlebens wurde von Gedanken erhellt, die hoffend an der Zukunft bauten. Die Zeit reihte Tage und Nächte zu Wochen, Monaten und Jahren. Und eines Tages war er wieder frei.

Bei der Bank, die fein Geld verwaltet hatte, er­fuhr er, daß fein Konto nicht mehr bestand. Er selbst hatte bereits während ber Untersuchungshaft feine Frau ermächtigt, es zu löschen, bas Geld abzuheben. Dieses Recht hatte sie auch auf jenen Rest bezogen, von dem er angenommen hatte, daß er nicht an­getastet werde könne. Das hatte er nicht erwartet. Damit waren die Stützen gebrochen, die seinem Ab­gleiten in die Tiefe hätten Halt bieten können.

Er war dann nach Berlin gekommen, um hier unterzutauchen. Es war die Zeit der großen Arbeits­losigkeit, und die Behörden wollten ihn wieder ab- fchieben. Dem wich er aus und kam dadurch in den Verlust verschiedener Urkunden. Seine wortkarge, finstere Scheu verschloß ihm die Menschen. Die vielen Fragen an den behördlichen Stellen und

manche Bemerkung, die sicherlich nicht immer bös­willig gemacht wurde, weckte in ihm die Qual der Verhöre wieder. Er fühlte sich geächtet, mied Be­hörden und Beamte. Bald mar dabei der letzte Gro­schen ausgegeben und seine Kleidung so abgerissen, daß ihm niemand mehr den elendesten Raum zur Unterkunft gab.

Er leistete wenig Wiberstand und hatte keinen Willen mehr. Als es Winter wurde, war er dem Untergang nahe; ber Grenze so nahe, baß es nur noch eines Schrittes bedurfte, um die Qual zu be- enben. Diesen Schritt vorsätzlich zu tun, hielt ihn eine seltsame Scheu zurück. Er brauchte es auch nicht. Eine Frostnacht würbe ihn bald hinweg­nehmen. Er sah bem 'Sterben entgegen wie dem Heimkehren nach langer Irrfahrt.

Nach stundenlangem Gehen erreicht Klaus Tjaden die Zentralmarkthalle, den Magen der Millionen­stadt, den ein ungeheures Arbeitsgetriebe zu füllen im Begriffest. Alle umliegenben Straßen sind im weiten Umfang mit Fuhrwerken vollgepfropft, die entlaben ober beladen werden. Das feuchte Dunkel des Novembermorgens liegt über dem brodelnden Gewimmel In einer Dunstwolke hundertfacher Ge­rüche lärmen, drängen, rennen, schleppen und packen unzählige Arbeitende

Nach einem Umhersuchen findet Klaus das Fuhr­werk mit bem Schecken, bemallerliebsten bunten Tier", und seinen Eigentümer, dessen Gesicht von einem fast handgroßen dunklen Mal über dem linken Auge gezeichnet ist. Dieser Pahl hat wirklich auf den ersten Blick etwas Wüstes und Unheimliches. Klaus steht vor einer schwerfälligen Gestalt, die den Kragen eines Schafpelzes hochgeschlagen hat und eine Fell­mütze mit Ohrenklappen auf bem Kopf trägt. Er sieht darunter ein dickes rotes Gesicht unb einen grauen, struppigen Schnurrbart. Aber es ist doch nur das entstellende bläulich-dunkle Mal, das den gutmütigen Ausdruck dieses Gesichts nicht gleich erkennen 4äßt.

Der Mann blinzelt mißtrauisch, als Klaus ihn an­spricht unb fragt, ob er Beschäftigung für ihn habe, mustert ihn mit einem prüfenden Blick und schüttelt den Kopf.Arbeet? Nee, die habe ick nid) zu ver­sehen."

Nun richtet Klaus die ihm aufgetragene Emp­fehlung aus, und in dem Gesicht des Fuhrmanns

mischt sich der Ausdruck des Mißtrauens mit bem des Staunens.Wat? Fräulein Ellrich schickt bir? -Die Marta Ellrich aus Friedenau? Mensch, wie kommt die denn bazu?"

Als Pahl auf diese Frage keine Antwort erhält, greift er langsam in die Tasche, holt ein winziges Steingutfläschchen hervor, schüttet daraus einen klei­nen Berg Schnupftabak auf feinen Daumenballen, verleibt ihn umständlich seinem Riechorgan ein, niest ein paarmal so kräftig, daß alle Pferde ber in der Nähe haltenden Wagen erschrocken mit den Köpfen rucken, schnäuzt sich in ein riesiges rotes Taschentuch und reicht dann Klaus das Steingutfläschchen mit dem aromatischen Nasenfutter hin. Der nimmt auch eine Prise. Unterdessen hat sich ber Fuhrmann bis Sache überlegt.

Na, denn, wenn se dir schickt... Ja, wie machen wir det nu? Nimm dir die Karre da vom Wagen! Kennste denn die Halle? Weeßte, wo Lauchnem sein Stand is? Wild und Jeslügel? Du weeßt bet nid)? Na, denn warte man, denn muß ick mitkom- men. Ick will bloß erst dem Schecken wat (eben."

Er schüttet bem Pferde ein gutes Haferfrühstück in den Futtereimer, zieht ihm die Decke höher und stopft sie an den Seiten fest. Dann stapft er neben Klaus her, der den niedrigen, auf zwei Eisenrollen laufenben, nur mit einer Rückwand versehenen Karren vor sich herschiebt, wie es die vielen Hallen­arbeiter und Abfahrer tun.

Zwcmzia Minuten später hat er einen starken Hirsch auf den Wagen seines neuen Arbeitgebers geloben und sein erstesRollgeld" verdient. Ein paar Groschen sind es nur, aber es ist ein Anfang.

Wieder taucht er hinein in den lebhaften Früh­betrieb ber Markthalle unb holt mit seinem Karren von verschiebenen, oft weit auseinanbergelegenen Stänben Ware, bie auf bem Wagen verstaut wirb. Bei ber neuen Arbeit kommt ihm sein sicherer Orts­sinn ßugute. Unb ber rauhe Verkehrston, ber im Gebränge ber Lastenschlepper, bem Gewirre ber Kraft- und Hanbwagen, bem Hasten unb Lärmen der Arbeiter und Händler herrscht, tut ihm nichts. Er muß Pahl auch nach bem ©üterboben ber Eisenbahn begleiten, um do* bort Ware zu holen, unb ber Fuhrmann erkennt an, baß er sichnid) allzu dämlich" anstellt.

(Forttetzung folgt.)

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