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über durch den Sieg Kitcheners bei Omdurman mit ägyptischen Truppen im Jahre 1898 zurückerobert worden. Trotz des Charakters als Kondominium betrachtete England den Sudan als feine ausschließ­liche Domäne und erzwang nach der Ermordung des Sirdar, des britischen, vom Khediven ernannten Oberbefehlshabers der ägyptischen Truppen, Sir Lee Stack durch ägyptische Nationalisten im Jahre 1924 den Abzug aller ägyptischen Truppen und Beamten aus dem Sudan. Der Bündnisvertrag vom Jahre 1936 hat an der tatsächlichen Alleinherrschaft Englands im Sudan nicht viel geändert. Der Sudan hat eine Bevölkerung von 6,1 Millionen auf 2,5 Millionen Quadratkilometer, was fast dem Zehn­fachen des Umfanges von Großbritannien und Nordirland entspricht. Neben Gummi, Erdnüssen, Datteln, Sesam, dessen Oel ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Margarine und Seife ist, liefert der Sudan die beste Baumwolle der Welt, im Jahre 1937 waren es 71 000 Tonnen im Werte von 5,5 Millionen Pfund, mehr als die "Hälfte da­von ging nach England in die Baumwollspinnereien von Lancashire. Durch große Staudamm-Anlagen am Weißen und Blauen Nil haben die Engländer die Bewässerung der riesigen Baumwollvlantagen ficherzustellen gesucht. Aus der Geschichte des Abes­sinienfeldzuges ist noch in aller Erinnerung, wie empfindlich man in London war, als die Italiener in das Gebiet des Tanasees vordrangen, dessen Ab­fluß der Blaue Nil ist, der wie die übrigen aus Abessinien kommenden Gewässer vom Gebirge her den Schlamm mit sich führt, dem neben Aegypten auch der Sudan seine Fruchtbarkeit verdankt. Man kann sich also vorstellen, mit welchen Gefühlen man in England italienischen Operationen gegen den Sudan entgegensah. Sie ließen nach der Kriegs­erklärung Italiens nicht lange auf sich warten.

Der britische Oberbefehlshaber im Sudan war nicht untätig geblieben. Schon nach dem Abessinien­feldzug, der das Reich des Negus aus seiner Zwitter­stellung zwischen den in Ostafrika interessierten drei Großmächten dem italienischen Imperium einfügte, hatte England seine Garnisonen im Ost-Sudan ver­stärkt, Grenzbefestigungen angelegt und weiße Trup­penverbände in die wichtigsten Punkte gelegt, vor allem nach K a s s a l l a, einer Stadt von 31 000 Ein­wohnern, dicht an der italienischen Grenze, die nicht nur durch ihre Lage den Oberlauf des Atbara, des wichtigsten rechten Nebenflusses des Nils beherrscht, sondern auch als Station der aus dem Baumwoll­gebiet des Blauen Nils nach Port Sudan, dem be­deutendsten sudanesischen Ausfuhrhafen am Roten Meer, führenden .Bahnlinie und Ausgangspunkt wichtiger Karawanenstraßen nach Berber und Khar­tum von größter wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung ist. Die Engländer hatten deshalb auch hier die natürlichen Hindernisse, die die bis zu 1300 Meter ansteigenden Bergzüge einem Vormarsch mach Westen entgegenstellen, durch Befestigungswerke ver­stärkt. Diese Rüstungen des Feindes sowohl wie die Schwierigkeiten, die allen Operationen in diesem Landstrich aus dem Klima erwachsen, das in den Sommermonaten bei großem Wassermangel Tem­peraturen von mehr als 45 Grad aufweist, erforder­ten besonders sorgfältige Vorbereitungen des Feld­zuges durch die italienische Heeresleitung. Dor allem mußten Eingeborenentruppen Eritreas bereitgestellt werden, weil weiße Truppen in dieser Jahreszeit die Hitze kaum ertragen hätten. Wegen der Wasser­versorgung konnte der Vormarsch auf Kassalla nur abschnittsweise vonstatten gehen, unter Umgehung der Hauptstellung aus den Bergen ostwärts der Stadt wurde Kassalla dann in den ersten Julitagen in kühnem Angriff genommen. Ein zweiter Vorstoß führte etwa 300 Kilometer weiter südlich zur Ein­nahme der ebenfalls von den Engländern stark be­festigten Grenzstadt Gal la bat, die schon im Abessinienfeldzug eine damals für die Italiener recht unbequeme Rolle gespielt hat, weil die Straße, die von der Bahnlinie Port SudanKassallaGedaref El Obe'id ü6er Gallabat nach Gondar ins Gebiet des Tanasees führt, die wichtigste Eingangspforte für das Kriegsmaterial war, mit dem die Briten den Negus unterstützten. Eine dritte Stoßrichtung führte südlich des Älauen Nil zur Einnahme von Ghezzan und Kurmuk, mit denen ebenfalls die Ausgangspunkte einer wichtigen Einfallstraße

in den Sudan genommen wurden. Die italienische Luftwaffe hat, wie ja schon im Abessinienfeldzug, auch jetzt bei der Vorbereitung und Einleitung der Operationen gegen den Sudan eine wichtige Rolle gespielt, indem sie vor allem Port Sudan und die Bahnlinie und damit die wichtigste Nachschub­straße der Engländer mit Bomben belegte.

Italiens dritter Kriegsschauplatz in Ostafrika ist die britische Kronkolonie Kenia, an die Abessinien im Süden, Jtalienisch-Somaliland im Westen gren­zen. Kenia ist erst seit 1890 britisch, bis dahin ge­hörte es zum Herrschaftsbereich des Sultans von Sansibar. Witu und das Uganda-Protektorat, der westliche Teil der Kolonie, waren durch den großen deutschen Kolonialpionier Karl Peters für die deutsche Schutzherrschaft gewonnen, aber im Helgo­land-Sansibar-Vertrag den Engländern überlassen worden. Heute zählt Kenia ohne Uganda 3,3 Mil­lionen Einwohner auf einem Raum von mehr als einer halben Million Quadratkilometer und Uganda sogar 3,6 Millionen auf 240 000 Quadratkilo­meter. In beiden sind neben weißen Farmern viele Araber und Inder als Händler seßhaft. Kenia ist, um einen treffenden Ausdruck Paül Rohrbachs zu gebrauchen, das Land des britischen Gentleman- Farmers, den das angenehme Klima, die guten Jagdgelegenheiten und die Freigebigkeit der briti­schen Regierung bei der Zuweisung großer Landge­biete für billiges Geld hierher lockten, während das Uganda-Protektorat das Land schwarzer Grundbe­sitzer ist, die mit Lohnarbeitern eigener Rasse ihre Baumwollkulturen betreiben und ausgedehnte Selbstverwaltung genießen. In Kenia hatten sich auch einige hundert deutsche Farmer halten können. Angebaut werden Kaffee und Tee, deren Kulturen sich hervorragend entwickelt haben, daneben Baum­wolle, Sisalfasern und Mais. Am Magadisee an der Grenze Deutsch-Ostafrikas werden große Natron- lager abgebaut. Derkehrspolitisch ist das Rückgrat der Kolonie die Ugandabahn, die über insgesamt rund 3000 Kilometer aus dem westlichen Seenge- biet über Nairobi, mit 61 000 Einwohnern die Hauptstadt der Kolonie, nach dem Hafen Mombassa führt. Kenia ist in seinem nordöstlichen Teil ein Hochland, zum Teil vulkanischen Charakters, das mit dem Keniaberg bis zu 5000 Meter aufsteigt, nach Westen in eine baumlose Grassteppe abfällt.

Italien hat mit Kenia eine alte Rechnung zu be­gleichen. Durch den Londoner Vertrag vom 26. April 1915 hatte sich England zur Abtretung des 0st- djubalandes mit der Hafenstadt Kismajo verpflichtet, nach langem Drängen hat England sich schließlich auch dazu bereitgesunden, und dieser Streifen ist mit Jtalienisch-Somaliland vereinigt worden, aber weitere zum Djubalanü gehörige Gebiete sind bei Kenia verblieben. Die italienischen Truppen schicken sich nun an, diese Gebiete zu besetzen. Mittelpunkt der britischen Verteidigung von Kenia war die Stadt M o y a l e an der Nordgrenze der Kolonie mit dem Fort Harrington. Von hier führt eine in der trockenen Jahreszeit brauchbare Auto­straße nach Nairobi. Den Engländern war die stra­tegische Bedeutung Moyales bewußt, sie hatten des­halb neben Eingeborenentruppen auch Verbände ihrer besten Kolonialsoldaten, der Kings Asrican Rifles, eingesetzt. Die Grenze der Kenia-Kolonie schnitt zwischen Abessinien und Somaliland einen breiten Keil aus dem italienischen Gebiet heraus, mit seiner Spitze zielte er auf den italienischen Ort Dolo. Die Operationen der italienischen Wehrmacht zielten daraus ab, diesen Keil einzudrücken. Trotz heftiger britischer Gegenwehr ist diese Operation ge­lungen, der Dolo-Zipfel ist beseitigt, Moyale ge­nommen und damit die Front um etwa 300 Kilo­meter verkürzt wordem Es ist kein Zweifel, daß damit die Italiener einen ersten bedeutsamen Erfolg davongetragen haben, strategisch sowohl wie poli­tisch. Die Engländer hatten Moyale, das über den Rudolf-See auch die Verbindung zum Sudan schlägt, offenbar als Ausgangspunkt einer Offensive gegen Aethiopien bestimmt. Der Exnegus war be­reits aus seinem Londoner Exil hervorgeholt und im Flugzeug, zum Schutz gegen Luftangriffe in Decken wohlverpackt, nach Afrika verfrachtet, wo er wohl auf den britischen Sieg warten sollte, um seine Rolle als Thronprätendent von Englands Gnaden

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wird aufgefordert, von der Erlaubnis lebhaft Ge­brauch zu machen. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß Brieftauben, welche von englischen Flug­zeugen über dem Kanal ober Feindesland abgelas- sen worden waren, niemals ihre Schläge erreichten, weil Pilgerfalken sie auf dem Heimweg gejagt und getötet hatten. Angeblich wichtige Infor­mationen sollen daher nicht selten unbekannt ge­blieben sein. Man erklärt, daß die Pilgerfalken in­direkt imT)ienst des Feindes stünden und da­her abgeschossen werden müßten.

zu übernehmen. Er wird nun auf diesen Sieg ver­geblich warten, denn die Einnahme von Moyale und das Vorrücken der Italiener aus dem Dolo- Zipfel nach Südwesten haben die Briten zu einem allgemeinen Rückzug auf den Tana-Fluß gezwun­gen. Der Krieg verläuft also dank der Initiative der italienischen Heeresleitung und dem schneidigen An­griffsgeist der italienischen Kolonialtruppen auch aus allen Kriegsschauplätzen Ostafrikas sehr wesent­lich anders, als man es sich in London gedacht hatte. Den Italienern kommen dabei die Erfahrun­gen zugute, die sie im Abessinienfeldzug sammeln

konnten, und es zeigt sich, daß es erprobte Kolo­nialsoldaten sind, die mit dem Marschall Bado- aljo als Generalstabschef und mit dem Marschall Graziani als Oberkommandierendem in Afrika an leitender Stelle den Gang der italienischen Ope­rationen beeinflussen. So sieht auch hier sich Eng­land in die Verteidigung gedrängt. Wie die deutsche Wehrmacht in Europa, so hat der italienische Bun- desgenosse auf afrikanischem Boden das Gesetz des Handelns an sich gerissen und wird es nicht wie- der aus der Hand geben.

Dr. Fr. W. Lange.

Vom italienisch-britischen Kriegsschauplatz in Sstasrika.

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Unser Bild zeigt Offiziere und Eingeborene der italienischen Kolonialarmee an einem nun überflüssig gewordenen Grenzstein z w i s chen Jtalienisch-Somaliland und B r i t i s ch - K e n i a, wo die italienischen Truppen bereits beträchtlichen Raum gewinnen konnten. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Drei Shurchill-Mmsier im Sturm der Kritik.

Stockholm, 26. Juli. (Europapreß.) In Lon­don würde man sich nicht wundem, wenn Winston Churchill in Kürze gezwungen wäre, drei Minister fallen zu lassen. Sir Kingsley Wood muß seit der Vorlage seines neuen Staatshaushaltes eine immer heftigere Kritik über sich ergehen las­sen, weil er die hohen Einkommen zu wenig und die niedrigen Einkommen zu hoch besteuert hat. Die heftigsten Kritiker sind dabei in den Oppositions­reihen zu suchen. Sir I o h n A n d e r s o n hat sich unbeliebt gemacht wegen seiner radikalen Methoden zur Unterdrückung jeder Meinungsäußerung und wegen der rücksichtslosen Ausländer-Internierungen. Der Unglückseligste unter ihnen ist jedoch Duff Cooper, der ehemalige Erste Lord der Admira­lität, der als Jnsormationsminister in der letzten Zeit zahlreiche Schlappen erlitten hat. Seine Kam­pagne des Schweigens ist ebenso zusammenge- brochen, wie sein Kampf gegen Mutlosigkeit und Defaitismus und wie dieMoral-Unter­suchungen", sein jüngster Versuch, etwas Origi­nelles zu bieten. Sein Ministerium schickte Beamte in die Privathäuser und ließ sie zum Zwecke stati­stischer Erhebungen Fragen stellen wie:Wie würden Sie eine Invasion hinnehmen?",Haben Sie bereits eine Seifenreferve angelegt?",Werden Sie nervös, wenn <Äe in den Luftschutzkeller müs­sen?" oderSind Sie immer fröhlich?". Aus der­artigen Fragen sollte die Stimmung des englischen Volkes registriert werden. Jedoch erklärte die eng­lische Presse eindeutig, daß es niemanden ein- falle, ernsthaft auf derartige lächerliche Fragen zu antworten. Das Ergebnis dieser Moral-Unter­suchung könne daher überhaupt nicht diskutiert werden, und Duff Cooper müsse alles tun, um nach dem Scheitern dieser Aktion seine Stellung inner­halb der Regierung etwas auszubessern. Die eben­

falls von Duff Cooper inszenierteKampagne des Schweigens" mußte vor einigen Tagen abgeblasen werden, weil sie, wie in der englischen Presse er­klärt worden war, sich als zu lächerlich erwiesen hatte. -

Das englische Kriegsministerium hat nunmehr bisher völlig unbekannte Angehörige der Fünf­ten Kolonne entdeckt. Es handelt sich bei diesen neuen Staatsfeinden um die Pilgerfalken, die bisher unter Staatsschutz standen und nicht ab­geschossen werden dursten, weil sie im Aussterben waren. Nun hat das Kriegsministerium beim In­nenministerium durchgesetzt, daß diese Falken doch abgeschossen werden dürfen und die Bevölkerung

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.

Von Friedrich Ireksa.

Es war vor Jahren. Ein wackerer, rheinischer Geschäftsfreund meines Vaters begegnete mir in München im alten Franziskaner, schüttelte mir die Hand, zog mich nieder an seine Seite und sagte: Also du bist jeck jeworde! Unter die Dichter jerate! Ein brotloses Gewerbe! Gott erhalte dir deine gute Laune, aber die ist ja bei euch lustigem Künstler­völkchen in München selbstverständlich. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst, das weiß ja jeder. Kannst du mich nicht auf irgend eines der Atelier- feste mitnehmen? Die sollen doch hier großartig sein!"

Diese Meinung der Draußenstehenden habe ich hundertmal im Leben über Kunst und Künstler ge­hört, in allen Variationen, denn tatsächlich kommen die lieben Mitmenschen mit Künstlern meistens nur dann zusammen, wenn Theater gespielt wird. Aus- stellungen eröffnet werden, Karneval stattsindet, ein bedeutender Dichter etwas vorliest und gefeiert wird. Das sind hochgestimmte, heitere Stunden. Aber von der Arbeit, von der inneren Qual und Pein eines Menschen, der seine Kunst ernst nimmt, davon wird zumeist geschwiegen.

Es war ein großer Maler, der sich in seiner Ju­gend durchgehungert hatte und endlich als Meister anerkannt ward. Er erlebte auf einer Auktion, daß eines seiner kraftvollsten Bilder einen Preis er­zielte, der märchenhaft hoch war. Die Freunde be­glückwünschten den alten Herrn. Er sagte:Hätte man mir das vor dreißig Jahren für das Bild be- zahlt, wie ruhig hätte ich arbeiten können und wie schön und angenehm schaffen. Ich glaube, soviel, wie das Bild heute bringt, habe ich von meinem zwanzigsten bis zu meinem sechzigsten Jahre ins­gesamt nicht verdient. Ja, ernst ist das Leben und bitter die Geldfrage für den Künstler, der nicht gewöhnt ist, sich anzupassen, wie es so schön heißt."

Da war ein Münchener Meister vor dem Welt­kriege, der nicht den beliebten dunkelbraunen Ate­lierton anwandte, sondern helle, lichte Töne ge­brauchte. Es wurde über diesen Impressionisten weidlich geschimpft. Ein junger Mann kam zu ihm, um sich als Schüler zu melden. Da sagte der schon leicht Ergraute:Ich mache Sie darauf aufmerk­sam, daß ich nicht im Atelierton male, nicht mit der Patina der alten Meister! Dieser goldbraune Ton verbürgt dem Käufer den altmeisterlichen Stil. Glau­ben Sie, so ein Sammler hängt sich ein Bild von mir hin und läßt die Jahrhunderte daran arbeiten? Nein, die Leute wollen gleich das stilechte alte Bild

fertig haben! Wenn Sie bei mir Schüler wer­den, müssen Sie auf Geldoerdienen verzichten. Sie werden narrisch geschdlten. Aber einen Vorteil ha­ben Sie: Sie gelten als Münchener Original! Und das bringt auch manchmal eine freundliche Ein­ladung zu einer Halben und einer Weißwurscht ein!"

Ober aber, wie ging es meinem Freunde, dem Dramatiker, der heute einen großen Namen hat? Er notete sich mühselig durchs Leben mit kleinen Zeitsatiren, die er im Kaffeehaus schrieb. Nachts arbeitete er an feinen großen Sachen, die kein Ver­leger und kein Theaterdirektor nehmen wollte. Aber endlich kam der durchschlagende Erfolg einer präch­tigen Komödie. Als er am Nachmittag auf dem Diwan lag und sinnierte, trat feine Zimmerwirtin ein, überreichte ihm einen Veilchenstrauß und sprach: Das hab' ich Ihnen nie zuge traut! Wann haben Sie das nur gemacht? Wann ich Sie sehe, liegen Sie auf dem Diwan und faulenzen! Aber ich gratu­liere schön zu dem großen Erfolg und möcht' Sie noch erinnern, daß Sie mir zehn Mark achtzig schuldig sind."

Detlev Freiherr von ßiliencron, Hauptmann, Dichter und Baron wie es in einem kleinen Spottoers der Zeit hieß, langte auf einem Mün­chener Bahnhof an und wurde von den Abgeord­neten der Münchener Dichterzunft, von denen der eine Schaumberg und der andere Schaumberger hieß Positiv und Komparativ sagten die Mün­chener empfangen. Er trug auf dem Kopfe einen runden Strohhut, damals Kreissäge genannt, einen grauen Gehrock, darüber einen Lodenmantel, in der Hand eine Großmutter-Reisetasche aus festem Zeug, mit grünen Perlen bestickt, auf denen weiße Perlen den Wunsch anzeigten: Glückliche Reise. Es war vor dem Mittagessen, und die Führer, die des Lebens Ungunst kannten, händigten dem Dichter als Vor­schuß für seine drei Vortragsabende siinfzig Mark ein.

Dann wollen wir frühstücken!" sagte ßiliencron, und zu Dritt suchten sie das Caf6 Gisela in der Fürstenstraße auf, wo es neben gutem Kaffee ein anständiges Bier und auch Wein gab. ßiliencron lud die beiden Dioskuren zu einem kräftigen Früh­stück ein, ließ eine Flasche Rotspon austragen, ver­brauchte die für die damalige Zeit außerordentlich hohe Summe von fünfzehn Mark und reichte dem bedienenden Mädchen ein Zwanzigmarkstück: Trinkgeld inklusive!"

Da schauten sich Schaumberg und Schaumberger groß an, schüttelten die Köpfe und sagten:Wenn das so weitergeht?!" Sie kamen überein, am nächsten Tage nicht über zwanzig Mark Vorschuß hinauszugehen, um den Dichter, dessen häusliche Notlage sie kannten, vor sich selbst zu bewahren.

Was nun die Arbeit anlangt, ist das Verständnis

nicht groß. Spielt irgend ein bedeutender Klavier­künstler sein durchgefeiltes Konzert für sich selbst am Sonntagvormittag durch, so kann es freilich geschehen, daß die Nachbarn horchen und erfreut sind über den Kunstgenuß. Aber zumeist wird es so sein, daß es dem betreffenden Künstle^- geht, wie ich's einmal in ßeipzig, der Musikstadt, erlebt habe. Da war eine Meisterschülerin, die Tonleitern und ßäufe übte. Als die Tante aus Holstein das Mäd­chen besuchte, wurde sie von der Wirtin mit einer bekümmerten Miene empfangen:Nu heernse sich das an! Die wird's nie zu was bringen. Seit acht Da gen gommt fe über be Tonleitern nich wech!"

Ernst ist die Kunst! Das wußte schon der Inten­dant Franz von Possart, als er dem Schauspieler, der den Hamlet spielte und beiSein oder Nichtsein, das ist hier die Frage" im Monolog nach Wiener Sitte einen Fuß auf den Souffleurkasten setzte, zu­rief:Junger Freund, vergessen Sie nicht die Kunst ist nicht zum Spaß da!"

Aber der ewige Stoßseufzer bleibt der eines fröh­lichen Münchener Kumpans:Die Kunst wär schon fei schön, wann 's nur net alle soviel Trara ums Geld machten!"

Der Blaufuchs."

Gastspiel des Wiener Burgtheaters. ,

Dem Gastspiel eines Ensembles des Wiener Burg- theaters wurde von den Freunden des Theaters in unserer Stadt viel Erwartung entgegengebracht. Das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt. Nicht weniger groß war die Aufmerksamkeit, die der Aufführung gewidmet wurde. Die Gäste rissen rasch das lebhafte Interesse der Zuschauer an sich; sie spielten um des Spieles willen, gaben die Komödie um der Komödie willen und boten damit Theater im ureigentlichen Sinne. Die Erwartungen wurden, so könnte man sagen, also nicht enttäuscht. Ober doch!? Es war alles so sicher an dieser Aufführung, so gefeilt, so ausgeklügelt im Ton, in Bewegung, und in der Geste fast zu routiniert und effektvoll.

Herczegs KomödieDer Blaufuchs" ist ein Kon­versationsstück. Es lebt von den seelischen Spannun­gen der beteiligten Personen. Es geschieht nichts eigentlich Dramatisches. Die geschliffenen, oft kunst­voll gebauten Dialoge fesseln und belustigen vom Anfang bis zum Ende. Man will fein Wort ver­lieren, verliert auch Feins, denn die Darsteller spre­chen friftallflar und ungemein diszipliniert.

Der Inhalt der Komödie bewegt sich um eine Ehe, die in der Aullösung begriffen ist. Der Pro­fessor Paulus, Spezialist in der Fauna des Was­sers, merkt nicht oder will es nicht bemerken, daß seine schöne, junge, extravagante und Fluge Frau

Ilona nicht neben ihm geht. Erst der Freund des Hauses, Tibor, öffnet ihm die Augen, weil er sich dazu verpflichtet fühlt. Doch, dieser Dibor liebt Frau Ilona, quält sich, weil er glaubt, sie, die vordem Angebetete, habe sich an einen Unwürdigen ver- , schenkt. Die Che wird geschieden. Der Professor heiratet eine andere Frau. Tibor und Frau Ilona bleiben wie ein ungelöster Rest. Aber sie finden sich. Im letzten Akt spielt Frau Ilona ihre Trümpfe aus; sie tut es listig, spöttisch, grausam, ja, bedenk­lich frivol, um dann schließlich mit echten und war­men Tönen den Mann Tibor zu gewinnen.

Um dies alles zu veranschaulichen, wird heftig mit Worten umgesprungen und heftig wird dabei auch dem Zuhörer zugesetzt. Manchmal hauptsächlich in Betrachtungen des Verhältnisses zwischen Mann und Frau wird verallgemeinert. Das geschieht gütig und bissig, treffend und verzerrt, häufig scho­nungslos und hart. Aber das alles ist ja Spiel! Wie weit das Spiel in die Wirklichkeit hinüb ergreift, das zu beurteilen liegt beim Publikum.

*

Hilde Wagener als Ilona verkörperte über zwei Akte hinweg die Frau, die ihre Umgebung über sich in Zweifel ließ und alle Register zog, um ihre überlegene und zielbewußte Weiblichkeit zu bewei­sen, selbst in Zerknirschung und gespieltem Geständ­nis, bis ihr dann der dritte Akt Gelegenheit bot, alle Dissonanzen zu lösen und sich dem von Anfang an geliebten Manne zu verbinden. Die sehr bewußt nuancenreiche Darstellung der Künstlerin forderte zur Bewunderung heraus. Ihrer geistigen und äu­ßeren Beweglichkeit stand in auffälligem Kontrast und wohl absichtlich steifleinen Hellmuth Krauß als Dibor gegenüber, finster und böse, unversöhnlich scheinend, eine klare Charakterschilderung. Erik Frey (von den Hilpertbühnen Berlin) als ver­trauensseliger Professor und Ehemann, trug durch seine vollendet bargetane Unwissenheit zur Erheite­rung bei, ließ aber in den entscheidenden Augen­blicken wissen, wie sehr er im Grunde seine Frau und seine eigene Stellung zu ihr kannte. Er lieh seiner Rolle manchen feinen menschlichen Zug. Erna Michail als Lisi und Alexander Trojan konnten in kleinerer Aufgabe ihr darstellerisches Vermögen zeigen.

Die Spielleitung hatte Hellmuth Krauß. Das Bühnenbild (nach einem Entwurf von Reinhold S i e g e r t) war von Herrn Löffler sorgfältig ausgeftattet worden. Herr Konen wußte mit sei­nen neuen Hilfsmitteln die einzelnen Szenen fein differenziert zu beleuchten. Der Beifall der zahlrei­chen Besucher bedeutete dankbare Würdigung der künstlerischen Leistungen des Wiener Ensembles, trotz einer gewissen zwiespältigen Empfindung, die die allgemeine getftige Haltung in dieser Komödie notwendig auslöfen mußte. H. L Neuner,