Montag, 2b. August 1940
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
M. 201 Zweites Blatt
Aus der Stadt Gießen.
3<n Heimatmuseum
Was ist eigentlich ein Museum? Als ich ein Kind danach fragte, lautete die Antwort: „Och, so'n alter Kram!", während der Brockhaus, der ja über alles Bescheid weiß, meine Frage folgendermaßen beantwortete: „Museum, den Musen geweiht, Sammlung von Werken oder Gegenständen aus allen Wissensgebieten."
Als ich an einem sonnenhellen Sonntag durch die Räume des Oberhejsischen Museums ging, freute ich mich zuerst einmal über die Räume, in dem all diese Schätze untergebracht sind. Richt wie sonst so oft bei solchen Museen lag ein großer, nüchterner Saal neben dem anderen, sondern hier erlebt man Ueberrcrschungen: man geht durch einen geheimnisvoll engen Durchgang in einen Kellerraum, man kommt über einen richtigen alten Schloßhos, durch die grünumrankten Butzenscheibenfenster sieht man auf hohe alte Bäume, und in den kleinen, oft winkeligen Räumen glaubt man noch den Geist früherer Bewohner zu spüren.
Und wenn man nun die ausgestellten Dinge betrachtet: „alter Kram"? O nein, wie lebendig ist alles! Eine solche Lebensfülle dringt daraus auf uns ein, das ganze, erfüllte Leben unserer Ahnen und Urahnen. Die Madonna auf der Treppe ist uns gleich ein Wahrzeichen der ewigen Mutter und der nie abreißenden Kette von Kindern und Kindeskindern, diese unendliche Kette, die bis in das graue Dunkel der Vorzeit zurückreicht, wenn wir sie zurückblicken.
Und so stehen wir voll Andacht vor den Geräten,
Heimatvereinigung „Schiffenberg*.
Am gestrigen Sonntag hielt die Heimatvereinigung „Schiffenbera" auf dem Schiffenberg ihre diesjährige gut besuchte Jahres-Hauptversammlung ab.
Beigeordneter Obersorstmeister Nicolaus (Gießen) als Vorsitzender begrüßte die Heimatfreunde, wies in seinen einleitenden Worten auf das große Geschehen der heutigen Zeit hin und hob vor allem die gewaltigen Waffentaten unserer jungen Wehrmacht hervor. Er gedachte ferner der Opfer des Krieges, die im Kampf um Deutschlands Größe ihr Leben gaben, sowie der im abgelaufenen Rechnungsjahr verstorbenen Mitglieder.
Aus dem vom Schriftführer W. G e i l f u ß erstatteten Tätigkeitsbericht ging hervor, daß die Heimatvereinigung trotz der durch den Krieg eingetretenen Schwierigkeiten ihren Aufgaben auch im verflossenen Jahre durchgeführt hat. Es wurde weiter bekanntgegeben, daß der Kreisstelle Gießen des Deutschen Roten Kreuzes eine Spende von 50 RM. überwiesen wurde.
Sodann wurde von dem Rechner Kirchner der Kassebericht verlesen, der eine Jahreseinnahme von 420,35 RM. und eine Ausgabe von 488,80 RM. ergab. Der Kostenvoranschlag für 1940/41 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 280 RM. ab. Der
Mitgliederstand hat im aügelaufenen Jahr keine Verminderung erfahren. Der Jahresmitgliedsbeitrag von 1 RM. blieb bestehen. Der geschäftsführende Vorstand erfuhr keine Veränderung.
An den geschäftlichen Teil der Jahreshauptversammlung schloß sich eine Familienzusammenkunft an, die mit einem flotten Marsch eröffnet wurde. Im weiteren Verlaufe wechselten Musik, Gedichte und Chöre des Schülerchors Watzenborn-Steinberg unter Leitung von Lehrer Philipp in bunter Reihenfolge ab. Frau Steiner (Hausen) sang, am Klavier begleitet von ihrem Gatten, das von den Eheleuten Steiner gedichtete und vertonte „Schiffenberglied", das mit großem Beifall ausgenommen wurde.
Am Schluß der Veranstaltung dankte der Vorsitzende allen Mitwirkenden und schloß dann die Veranstaltung in der üblichen Weise.
Pimpfe singen und spielen für da« Rote Kren,.
Am vorgestrigen Samstag fand ein Volksgemeinschaftsabend des Fähnleins 19/116, Gießen-Wieseck, zu Gunsten des Roten Kreuzes statt. Der große Saal des Gasthauses A. Schepers war bis zum letzten Platz von einer erwartungsvollen Menge besetzt. Nach einem frischen Soldatenlied begrüßte Hauptjungzugführer Keßler die Gäste. Dann begann ein buntes, abwechslungsreiches Programm, für dessen Gelingen sich die Pimpfe mit größtem Eifer einsetzten, wollten sie doch auch ihren Teil für un
sere verwundeten Soldaten beitragen. Schöne ^Soldatenlieder wechselten mit humorvollen Vorträgen, an denen sich die Gäste sehr erfreuten. Mit dem gemeinsam gesungenen Lied: „Ade zur guten Nacht" fand der Abend seinen schönen Abschluß. Es konnten 161,70 RM. als Ertrag dem Roten Kreuz zu- geführt werden.
*♦ Dienstjubiläum. Dem Telegraphen, infpektor Otto Krüger wurde das Treudienst- Ehrenzeichen in Gold und dem Telegraphenbauhandwerker Ludwig Müller das Treudienst-Ehrenzeichen in Silber verliehen. In Vertretung des Amtsvorstehers des Telegraphenbauamts Darmstadt beglückwünschte Postamtmann Stockhardt in einem würdig ausgestalteten Betriebsappell die Ju- bilare und überbrachte ihnen die Glückwünsche des Neichspostministers und des Präsidenten der Reichspostdirektion Frankfurt a. M.
** Gesangskonzert für Verwundete und Kranke. Der Großsche Männerchor Gießen in Gemeinschaft mit der Sängervereinigung 1925 Wieseck gab in der Medizinischen Klinik und anschlie- ßend im Reseroelazarett II für die Verwundeten und Kranken ein Konzert, bei dem Chöre und zum größten Teil Volkslieder zu Gehör gebracht wurden. Die schönen gesanglichen Darbietungen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Die beiden Vereine haben sich bereiterklärt, im September wiederum vor unseren verwundeten Soldaten zu singen, um ihnen dadurch ein Freude zu bereiten.
Bezirks-Turn- und Sporttag in Gießen.
den Waffen und Gefäßen aus der vorgeschichtlichen Zeit. Wie glatt und kühl liegt der Faustkeil in unserer Hand! Wie sah die Hand wohl aus, die ihn mühsam formte und die ihn dann hielt zum tödlichen Stoß? Wie sah die Frau aus, die jenen Armring trug? Wie schön sind die Gefäße, die diese Urmenschen formten und auch sogar schon verzierten! Die Halsketten, die man fand, aus flachen, durchbohrten Kieselsteinen, sagen uns, daß die Frauen auch damals schon sich gern schmückten. Für wen wohl? Und wenn wir in einem anderen Saale eine buntbemalte Spanschachtel sehen, auf der unter einem Bild eines jungen Paares der Spruch steht:
„Darf ich mich wohl unterstehen Neben Ihnen her zu gehen?"
so wird wohl der Zweck dieses Geschenkes derselbe gewesen sein wie bei der Halskette aus Kieseln!
Ein Wirtsschild „Zum goldenen Löwen" in feiner schmiedeeiserner Arbeit grüßt uns im Vorraum, wieviele Menschen mögen schon fröhlich unter ihm gezecht haben! Hier eine Totenkrone aus Utphe. Wie lange mag schon jene Hand ruhen, die sie einst band. Und doch leben noch jetzt die Nachkommen und freuen sich ihres Lebens, bis man auch ihnen eine Totenkrone auf das bleiche Haupt drückt. Dort steht ein großes geschnitztes Himmelbett. Sieht man nicht richtig das buntgewürfelte Bettzeug darinnen, wie es die Bäuerin fein glattgestrichen hatte, und guckt nicht aus der schönen breiten Wiege davor ein rundes, lachendes Kindergesicht?
Wir sehen Möbel und Hausgerät, Trachten und Bilder, Werkzeuge und Stammbücher, Studentenmützen und Friedhofsschmuck: aus allem steigen uns Bilder vergangenen Lebens auf, mit aller Deutlichkeit imb Eindringlichkeit! E. L. St
Vornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die drei Codonas".— Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Heimat".
Ortszeit für den 27. August.
Sonnenaufgang 6.28 Uhr, Sonnenuntergang 20.24 Uhr. — Monduntergang 15.56 Uhr, Mondaufgang 0.04 Uhr.
AG.-Krauenschast / Krauenwerk Ortsgruppe Gießen-Süd.
Arbeitsbesprechung der Amtswalterinnen Dienstag, 27. August. Gemeinschaftsabend für Zellen 1 bis 6 am 10. September, für Zellen 7 bis 13 am 17. September. Alle Veranstaltungen beginnen pünktlich 20 Uhr in der „Stadt Wetzlar".
Als Höhepunkt der sportlichen Arbeit in diesem Kriegsjahre fand am Samstag und am gestrigen Sonntag der Bezirks-Turn- und Sporttag in Gießen unter außerordentlich starker Beteiligung der Turner und Sportler und in Anwesenheit einer großen Zuschauermenge statt.
Zu den Wettkämpfen der Fachämter Turnen, Leichtathletik, Schwimmen,, Radfahren, Schwerathletik und Tennis lagen insgesamt über 1500 Meldungen von Turnern und Sportlern aller Altersklassen und besonders von der Jugend vor. Die Vorbereitung der Wettkämpfe erforderte riesige Arbeit. Während am Samstag auf den Tennisplätzen schon gekämpft wurde, mußte — da der große Universitäts-Sportplatz die Masse der Wettkämpfer nicht aufnehmen konnte — noch der VfB.-R.-Platz im Walde hergerichtet werden, auf'dem die Jugend, die über 500 Meldungen allein für den volkstümlichen Dreikampf abgegeben hatte, diesen austrug. Die fast 200 Jugendlichen für den gemischten Mehrkampf des Fachamtes Turnen füllten mit ihren älteren Kameraden das obere Feld des Universitäts-Sportplatzes.
Nach der Sitzung der Kampfrichter standen wir am Sonntagmorgen auf dem Universitätssportplatz und sahen dort ein Durcheinander von Hunderten von Sportlern. Aber schon in kürzester Frist kam in diese Masse Ordnung, und nach kurzen Kommandos standen die Teilnehmer zur F l a g g e n h i s - sung angetreten. Dabei wurde mit besonderer Freude festgestellt, daß Kreisleiter Backhaus schon in aller Frühe erschienen war. Unter dem Spruch von Jahn „Ewig mahnet von Anbeginn des Werdens das heilige Wort Vollkommenheit", das von Bezirksführer Stein gesprochen wurde, und dem Kommando .Heißt Flagge" gingen die Fahnen zum Zeichen des Beginns des Turn- und Sporttages an den Masten hoch.
Schon in kürzester Frist hatten dann die Wettkämpfe begonnen. Auf dem Waldtsportplatz befanden sich ungefähr 500 Hitlerjungen und BDM.° Mädel im Kampf um den Sieg der jeweiligen Klasse. Die Leitung der Kämpfe lag in den Händen des Hauptstellenleiters 2 der Hiller-Jugend F o n t i u s und der L.-Stellenleiterin des BDM. Fuhry. Auf der Strecke Gießen—Steinbach hatten wir Gelegenheit, die A-Klasfe der Radfahrer und die Jugendklasse im Kampf zu sehen. Trotzdem erst zwei Runden gefahren waren, war das Feld der X-Klasse schon gesprengt. Vier Fahrer befanden sich nur noch in der Spitzengruppe. Auf den Tennisplätzen sahen wir gerade noch den Kamps der Zwi-
schenrunde der Männer, in dem Hamann soeben Becker ausschaltete. Die Vertreter der Hitler-Jugend standen bereits in den Endkämpfen. Auf dem Gelände des Militär-Schwimmbades führte das Fachamt Schwimmen unentwegt seine Kämpfe durch. Nachdem wir uns den Endkampf im 50-Meter- Kraulen und Rückenkraulen angesehen hatten, kehrten wir zu der Hauptkampfstätte, dem Universitäts- sportplatz, zurück. Hier konnten wir feststellen, daß das Fachamt Leichtathletik und Fachamt Turnen, ebenso das Fachamt Schwerathletik die Kämpfe in vollem Umfange abwickelten.
Nach Abschluß der Vorkämpfe, die bis zum Mittag erledigt waren, kamen die Hauptkämpfe zum Austrag. Sie brachten durchweg schönen Sport bei guten Leistungen. Um 14 Uhr' wurden die Spiele mit einem Kampf zwischen Hochelheim und Garbenheim begonnen. Nach einem sehr temperamentvoll geführten Kampfe siegte Garbenheim 11:9. In der Pause sahen wir die Bezirksriegen. Der Beifall der in großer Anzahl erschienenen Zuschauer galt hervorragenden Leistungen einer geschlossenen Ge-
Tennis.
Im Rahmen des Bezirkssporttages hielt das Fachamt Tennis seine Wettkämpfe auf den Plätzen hinter dem Schützenhaus ab. Sie bestanden aus Fraueneinzel, Männereinzel, Männerdoppel, BDM.-Einzel und HJ.-Einzel. Nachstehend die Ergebnisse:
Fraueneinzel: 1. Sieg: Förster; 2. Sieg: Werner.
Männereinzel: 1. Sieg: Hamann; 2. Sieg: Dönges; 3. Sieg: Schwalbe und Beckert.
Männerdoppel: 1. Sieg: Becker-Bayer;
2. Sieg: Hamann-Dönges.
BDM.-Einzel: 1. Sieg: Scharmann; 2. Sieg: Spaar.
H J.° E i n z e l: 1. Sieg: Bayer; 2. Sieg: Schuster.
Die Schwimmwettkä'mpfe.
Die Wettbewerbe im Schwimmen wurden im Militär-Schwimmbad durchgeführt. Wie immer, hatte sich auch hier wieder eine stattliche Zahl von Schwimmerinnen und Schwimmern eingefunden, die mit großer Freude und Einsatzbereitschaft sich zum Start zu den ausgeschriebenen Wettbewerben mel-
samtteistung. Dann liefen die Fußballer auf. Das Spiel endete 3:2 für die Stadtmannschaft Gießen.
Nachdem in der Pause noch die Schwerathletik ihre Entscheidungskämpfe abgewickelt und die einzelnen Disziplinen ebenfalls die ersten Sieger ermittelt hatten, sprach der Bezirksführer Stein zu den angetretenen Wettkämpfern. Nach einer kurzen Würdigung der Arbeit der einzelnen Fachämter, und nachdem er die Vertreter von Partei, Staat und Wehrmacht begrüßt hatte, ergriff der Hoheitsträger im Kreise Wetterau, Kreisleiter Backhaus, das Wort. Er wies darauf hin, daß es Aufgabe des NSRL. fei, auch in Zukunft neben der Partei-Organisation den sportlichen deutschen Menschen zu formen.' Gerade die in Zukunft gestellten Aufgaben erforderten, daß man sich nicht auf Erreichtem ausruhe, sondern unermüdlich weiter arbeite. Dies sei die dem NSRL. vom Führer gestellte Aufgabe, und sie müßte restlos erfüllt werden. Nachdem der Kreisleiter die Siegerehrung vorgenommen hatte, wurde mit den Liedern der Nation der Bezirks-Turn- und Sporttag beendet.
beten, die unter der sachgemäßen Leitung von Be- zirksfachwart Sauer abgewickelt wurden. Unsere Schwimmerinnen und Schwimmer waren eifrig bei der Sache und lieferten sich im einzelnen schöne Kämpfe. Es war ein Leistungswettbewerb für die Trainingsarbeit in diesem Jahre. Nachstehend die Ergebnisse der einzelnen Wettbewerbe:
100-m-Bru st schwimmen HI.-Kl ässe At 1. Karl Ed. Wallenfels, M.-chJ. 1/116, GSV., 1:36,8; 2. Hans Schuchard, Gießen, F.-HÄ. (GSV.), 1:49,2; 3. Karl Runkel, Alsfeld,. HI. 21/304, 1:51,5.
100-m-Bru st schwimmen HJ.-Kl ässe Bi 1. Gernot Funk, Gießen; Mot.-HJ., 1:35,8; 2. Wolfgang Beckert, Gießen, SRD. (GSV.), 1:37,8; 3. Paul Haas, Gießen, M.-HI. und GSV., 1:56,4.
5 0-m°Kraulschwimmen HI.-Klasse At 1. Hans Kirstein, Gießen, HI. 3/116 und GSV. 34,8; 2. Karl Runkel, Alsfeld, HI. 21/304, 45,8. Außer Konkurrenz: Flieger Urban Assenmacher 37,6.
50-m-Kraulschwimmen HI.-Klasse Bt 1. Gernot Funk, Gießen, Mot.-HJ. und GSV^ 37,6; 2. Rolf Dickore, Gießen, SRD und GSV., 39,2; 3. Ernst Hagen Franz, Gießen, Mot.-HJ. 2/116, 40,4.
„Schroeder", sagt er, „Sie waren immer ein anständiger Kerl, aber--" sein Auge fliegt über die
oorgebeugte Gestalt, die welken Hände und die etwas zitttigen Augen, „--wir sind voll besetzt,
wir können Sie wirklich nicht einstellen!"
Schroeder fühlt das Unausgesprochene. Er weiß, daß das Werk seit Wochen neue Arbeitskräfte sucht und nicht bekommen kann.
„Warym sagen Sie mir nicht die Wahrheit, Herr Holms? Sie glauben, ich bin--zu alt?"
„Zum Donnerwetter, Mann,--ja, wenn du
es durchaus hören willst!" Der Oberingenieur setzt sich auf eine Werkzeugkiste und legt dem alten Mann beide Hände auf die Schultern. „Sieh mal, Schroe- der!" sagt er, „du weißt, daß eine alte, wackelige Drehbank zuviel Ausschuß macht. Wir schreiben unsere Werkzeugmaschinen nach fünf Jahren ab. Der Mensch hält länger, aber nicht ewig. Zu dieser Arbeit gehören starke Fäuste, scharfe Augen, ruhige Hände, und die hat man eben nicht immer. Also, nimm’s nicht so schwer und geht jetzt wieder nach Hause zu Mutter Sina!"
Der alte Arbeiter schluckt. Er wendet sich sttll ab und schlurft davon. Bevor er 'aber den Maschinenraum verläßt, dreht er sich noch einmal um, und fein Blick gleitet über alle Dinge, die ihm durch die Arbeit seines Lebens so vertraut geworden sind.
Der Oberingenieur Holms ruft indessen den Betriebsführer der Halle II zu sich.
„Die Kreiselpumpen des Maschinenhauses arbeiten seit heute früh mit einer um 30 v. H. verminderten Leistung. Können Sie sich das erklären?"
„Jawohl!" sagt der Betriebsführer. „Die Dichtungsringe sind verbraucht. Man müßte sie durch neue ersetzen!"
„Na los! Worauf warten Sie noch?" Der Oberingenieur ist nicht gerade freundlich. „Soll ich es vielleicht selbst tun?*
„Können!" sagt der Betriebsführer ungerührt. .Können! Soviel ich weiß, sind unsere Vorräte an Dichtungsringen aufgebraucht. Wir haben kernen Ersatz mehr!"
Der Oberingenieur braust «uf. „Warum wurde nicht rechtzeitig bestellt?"
„Wurde ja. Aber die Lieferung hat sich um eine Woche verzögert!"
„So. Und wie stellen Sie sich jetzt alles weitere vor?"
„Na, die eine Woche werden mir eben mit der um 30 v. H. verminderten Leistung Weiterarbeiten!"
DieKreiseipumpen lausen wieder
Von Kurt Günther von Fischer.
Im Maschinenhaus der EFKA.-Werke singen die Transmissionen, die Lichtbündel der elektrischen Tiefstrahler flirren in den Schwungrädern, und die Automaten-Drehbänke rattern, dem deutschen Soldaten die Waffen zu formen, deren er bedarf.
Holms, der Oberingenieur, steht inmitten der schwingenden Hebel und zischenden Wolfram-Messer und überwacht den Arbeitsvorgang. Plötzlich blickt er auf. Die Tür hat sich geöffnet und ein weißhaariger Arbeiter tritt aufrecht ein, grüßt und nähert sich zögernd dem Oberingenieur.
lieber Holms' Mienen gleitet ein freudiges Auf- zucken. Sofort erkennt er den alten Schroeder wiener, der über 40 Jahre lang dem Werk angehörte, aber schon seit drei Jahren die redlich verdiente Altersrente genießt.
„Grü Gott, Schroeder!" sagt der Dbermgemeur und klopft dem Alten freundlich auf die Schulter. „Das ist nett, daß Sie uns nach langer Zeit wieder besuchen! Wollen sich mal wieder Ihren alten Arbeitsplatz ansehen, oder haben Sie sonst was auf dem Herzen?" „ _, .
„Jawohl, Herr Holms!" druckst der alte Schroeder verlegen herum. „Ich möchte — wieder — arbeiten.
„Arbeiten?" Der Oberingenieur zieht erstaunt sie Brauen hoch. „Aber lieber Schroeder, Sie sind doch schon--, na, wieviel sind Sie denn?"
„Achtundsechzig." ,.
„Na sehen Sie! Da gehen Sie nur ruhig nach Hause und rauchen Ihr Pfeifchen. Haben es ja auch ehrlich verdient und sich das ganze Leben geplagt. Zur Arbeit sind die Jungen da!"
Aber der schlohhaarige Schroeder geht nicht. Er starrt zu Boden und dreht verlegen die Mutze in den Händen. „Die Jungen", sagt er, „die Jungen sind an der Front. Und ich hab noch Kraft. Ich fühl' mich noch gar nicht so alt, mies im Tausschein steht. Jeden Morgen, menn ich Mutter Lina das Holz zerhacke, spür ich's genau. Karl, denk ich mir, Karl, in deinen Fäusten steckt noch was drm, die könnten ruhig in der Fabrik arbeiten. Unö mas machst du, sag ich mir, während die jungen draußen ihr Leben einsetzen? Du sitzt im Park herum und weiß nicht, was du mit deiner Zelt ansangen
Der Dberingenieur hat ihr« wohlwollend zugehört.
Die Stirn des Oberingenieurs zeigt eine steile Falte. „Das sagen Sie so ruhig? Und unsere Lieferfristen? Ja, Mann, wissen Sie denn nicht, was ein 3Oprozentiger Abfall in Zeiten wie den heuttgen bedeutet? Die Verantwortung dafür können Sie ja gar nicht übernehmen!" Seine Sttmme wird schneidend. „Ich erwarte von Ihnen, daß die Kreiselpumpen morgen wieder mit ihrer alten Leistung laufen, oder es gibt einen Krach, wie ihn das Werk noch nicht erlebt hat!"
Er macht brüsk kehrt und läßt den Bettiebsführer stehen, der sich mit verzweifeltem Gesicht auf die Werkzeugkiste niederläßt.
Plötzlich zupft ihn jemand am Aermel. Als er sich umdreht, erblickt er einen weißhaarigen Mann im blauen Kittel. Der alte Schroeder hat den ganzen Aufttitt mitangehört. „Herr Betriebsleiter", sagt er, „ich glaube, ich kann die Kreiselpumpen bis morgen reparieren!"
„Mann, reden Sie keinen Unsinn!" sagt der Betriebsführer. Er weiß, daß die Reparatur ohne neue Dichtungsringe unmöglich ist.
Aber in der Stimme des alten Arbeiters schwingt ein festes Vertrauen. „Wenn Sie mir drei Mann versprechen, will ich es versuchen!"
Der Betriebsführer springt auf. Der Alte hat vertrauenswürdige Auaen, vielleicht ist das ein Ausweg. „Drei Mann?. Goldene Berge verfpreche ich Ihnen, wenn die Pumpen morgen in Ordnung sind!"
Früh am Morgen des nächsten Tages betritt der Oberingenieur das Maschinenhaus. Sein erster Weg führt zu den Instrumenten. Er prüft sie sorgfältig, und seine Mienen Hellen sich auf. „Ausgezeichnet!" sagt er gutgelaunt, „der Wirkungsgrad der Kreiselpumpen ist wieder auf alter Höhe. Na, wer hat denn das Wunder ermöglicht?"
Der Betriebsführer deutet auf einen weißhaarigen Arbeiter, der lächelnd vor der riesigen Maschine steht.
„Schroeder, Sie?" Der Oberingenieur tritt überrascht auf ihn zu. „Das haben Sie ja fabelhaft gemacht. Können Sie denn Dichtungsringe aus der Luft herzaubern?"
„Das nicht, Herr Holms", sagt Schroeder bescheiden, „aber ich habe doch 40 Jahre, mein ganzes Leben, hier im Werk gearbeitet. Und da erinnerte ich mich jener Zeit vor zehn Jahren, als wir die Halle I abriffen und eine größere an ihre Stelle bauten!*
„So?" sagt der Oberingenieur ahnungslos. „Und was war denn damals?"
„Damals wurden doch alle Pumpen generalüberholt. Ich selbst habe damals die alten Dichtungsringe durch neue ersetzt!"
Der Oberingenieur beginnt sich zu erinnern. „Ach ja, Schroeder! Damals haben doch noch wir zwei die alten Dichtungsringe in einem grünen Holzkistchen aufgehoben. Wo haben wir es denn hingetan? Warten Sie mal ..."
„Soviel ich mich erinnern kann", sagt Schroeder, „in den Abfallschuppen rechts vom Hauptschomstein. Gestern habe ich mit drei Mann den ganzen Nachmittag gesucht, und schließlich sanden wir auch das Kistchen unter Schutt und Glasscherben. Ich habe die Ringe mit Seifenwasser restauriert und sofort eingebaut!"
Der Oberingenieur strahlt. „Und wie man sieht, funktionieren die Pumpen glänzend damit!"
„3a!" sagt Schroeder, „die Ringe haben zwar schon lange gedient, waren aber noch nicht zu alt!"
Der Dberingenieur wird nachdenklich. Dann nimmt er den alten Arbeiter bei den Schultern. „Lang gedient, aber noch nicht zu alt! Ich glaube, Schroeder, das Wort paßt auch auf Sie! Bringen Sie mir nachher Ihr Arbeitsbuch, Sie bleiben wieder auf Ihrem alten Platz!"
Und er schüttelt dem strahlenden Alten kräftig die Hände.
Soll die Jugend Tiere halten?
Im Rahmen einer farbig illustrierten Plauderei in Velhagen & Klasings Monatsheften über den Münchner Zoo kommt der Naturforscher und Forschungsreisende Professor Dr. Hans Krieg auch auf die Frage zu sprechen, ob die Jugend Tiere halten soll. Er schreibt: „Ich bin ein erklärter und heftiger Feind jeder Gefangenhaltung von Tieren mit unzulänglichen Mitteln und aus spielerischen oder eitlen Gründen. Und doch bedauere ich es, daß unsere heuttge Jugend nur noch selten Freude daran findet, Molche, Fische, Schlangen oder Schildkröten zu halten auf die Gefahr yin, daß diese Tiere eines Tages ein klägliches Ende nehmen. Denn gerade die Jugend lernt viel aus der Beschäftigung mit Tieren: Pflicht der Fürsorge, Beobachtung und Bewunderung des Lebendigen. Hier liegt eine Gefahr übertriebenen Naturschutzes. Beratung ist oft bester als Verbot.


