Nr. 200 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) 24-/25. August 1940
Aus der Stadt Gießen.
An der Dreschmaschine.
Wenn wir jetzt durch die Dörfer wandern, hören wir überall das eintönige Summen der Dreschmaschinen. In unserer Jugendzeit weckte uns der Klan-g des Dreschflegels. Klipp, klapp! ging es am frühen Morgen, wenn wir uns schlaftrunken die Augen rieben. Schon um drei Uhr begann die Arbeit der Drescher beim trüben Oellämpchen. Durch lange Wochen hindurch riß die Arbeit in der Scheune nicht ab.
Heute hat die Dreschmaschine die Herrschaft auf der ganzen Linie. Sie ist wohl die erste Maschine, die sich in der Landwirtschaft heimisch gemacht hat: denn der Vorteil des Dreschens mit der Maschine ist so in die Augen springend, daß einer schon sehr am Alten hängen müßte, wenn er auch heute noch seine Frucht mit dem Flegel ausdreschen wollte.
Schön ist die Arbeit bei der Dreschmaschine freilich nicht. Wohl sehnt der Landmann den Tag herbei, an dem er seine Vorräte dem Dreschwagen übergeben kann, aber noch froher ist er, wenn der Tag vorüber ist. Die Maschine krönt ja gewisser- niahen die Erntearbeit, indem sie das Getreide fein säuberlich in die aufgehängten Säcke schüttet, und je mehr es gibt, desto mehr lacht das Herz des Bauern. Aber es ist doch ein harter Tag für alle, für Frauen und Männer: denn es sind gar viele Hände nötig, um die Arbeit bei der Dreschmaschine fortlaufend zu bewältigen.
Schon früh am Tage wird begonnen. Kaum steht die Maschine auf ihrem Platz, da fahren schon die hochbeladenen Leiterwagen heran. Die Pfeife ertönt, langsam setzt sich das Schwungrad der Maschine in Bewegung, und der Dreschwagen wird lebendig. Die Garben werden vom Wagen herübergereicht, eingeschoben, und die Hämmerchen im Innern vollbringen in kurzer Zeit die Arbeit, die mit den Dreschflegeln nur langsam vonstatten geht. Die goldnen Körner werden in die angehängten Säcke gesammelt, das Stroh kommt an der Hinterseite heraus, unter dem Dreschwagen häuft sich die Spreu.
So geht es ununterbrochen bis xur Mittagszeit. Es gibt nur einen kurzen Halt, wenn andere Siebe und Walzen beim Fruchtwechsel eingesetzt werden müssen. Scheint die. Sonne sehr heiß, bann mischt sich unter den unendlich vielen Staub, der überall, in der Scheuer, im Hof, im Garten aufwirbelt, viel viel Schweißt Wie sehen die Gesichter der Helfer am Abend aus! Denn eine Familie kann in den seltensten Fällen die Arbeit bewältigen. Da muß die ganze Verwandtschaft,, auch der Nachbar, mithelfen.
Frisch und tatfroh griffen alle an, als in der Morgenfrühe die Maschine chren Pfiff ertönen ließ. Abgehetzt, verstaubt, mit entzün^ten Augen vorn Schmutz, sagen alle am Abend: Endlich!
Aber ist der Tag noch so schwer, der Abschluß gleicht wieder alles aus, und ein Nachtessen am Dreschtag ist nicht zu verachten. Das ist recht so. Frisch gewaschen, mit gutem Appetit versehen, erscheinen die Arbeitsleute dann bei Tisch.
Beim Dreschernachtessen wird alle Mühe vergessen, und eine laute Unterhaltung kommt in Fluß. Manck>e Schnurre wird erzählt und manche alte Geschichte wieder aufgewärmt. —h.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Die drei Codonas". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ihr erstes Erlebnis". — Bezirks-Turn- und Sporttag: 16 Uhr auf den Städt. Tennisplätzen: Tenniswettbewerbe.
Tageskalendec für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Die drei Codonas"; 11 Uhr Wochenschau-Sondervorstellung. — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ihr erstes Erlebnis". — Bezirks-Turn- und Sporttag: 7 Uhr, Schützenhaus: Radrennen: 9 Uhr, Universitäts-Sportplatz: turnerische und leichtathletische Mehrkämpfe, Schwerathletik, Tennis- und Radwettbewerbe: im Militär- Schwimmbad: Schwimmen; 13.30 Uhr: leichtathletische Bezirksmeisterschaften, Handball- und Fußballspiele: Geräte-Kürturnen und Kinderturnen: 17 Uhr: Siegerehrung — Heimatvereinigung Schiffenberg: 16 Uhr auf dem Schiffenberg Jahreshauptversammlung mit anschließender Familienzusammenkunft.
Aufruf.
An alle Betriebsführer der fireifes Wetterau. Den Vetriebsjugendwaltern zur Kenntnisnahme!
Gemeinschastsempfang der berufstätigen Jugend.
3m Rahmen der Aktion „Weltanschauliche und geistige Betreuung der Jugend im Kriege" spricht am kommenden
INonlag, 26. August, vormittags 8 Ahr Gauleiter Greiser
in einer Reichssendung zur deutschen schaffenden Jugend.
Sämtliche Betriebsführer wollen aus diesem Anlaß sofort in Verbindung mit dem Vetriebsjugend- matter alle Vorbereitungen zum Gemeinschasts- empfang treffen.
Das Antreten zu diesen Appellen hat jeweils in HI.- bzw. BDM.-Aniform zu erfolgen.
3« Gießen fleht den Betrieben und Schulen, welche nicht in der Lage sind, einen Gemeinschaftsempfang durchzuführen, das Haus der DAI., Schanzenstrahe Rr. 18, zum Gemeinschaftsempfang zur Verfügung.
Die hierfür in Frage kommenden Betriebe wollen sich sofort mit dem Kreisjugendwalter der DAF. in Verbindung sehen.
heil Hitler!
3.v.: gez. Schmidt, Kreisobmann.
Oie DersorguugSlage im Rhein-Main-Gebiei.
Das Landesernährungsamt Hessen teilt u. a. mit: Die Rodung der mittelfrühen Kartoffeln, die in diesem Jahre verstärkt angebaut wurden, ist in vollem Gange. Die Nachfrage zu Einkellerungszwecken hat noch nicht eingesetzt, da aber die Kartoffeln voll ausaereift sind, ist die Gefahr des Verderbs nicht zu fürchten. Am Obstmarkt ist für die Belieferung der Mittelstädte eine Verbesserung der Transportverhältnisse für Obst und Gemüse im Gange. Auf den Viehmärkten nimmt das Angebot von Großvieh efipas ab. Auch die Schweineauftriebe gingen, wie alljährlich um diese Zeit, zurück. Durch Umleitungen von Märkten außerhalb Hessen-Nassaus und Zuschußlieferungen der Reichsstelle für Tiere werde solche Saisonerscheinungen ausgeglichen, ohne dem Verbraucher besonders zum Bewußtsein zu kommen. Die Qualitäten waren bei Großvieh mittel bis gut, bei Schweinen und Kälbern mittel. Milch, Oele, Fette und Käse sind in ausreichendem Maße zur Bedarfsdeckung innerhalb der Kartensätze vorhanden. Die Ausgabe der letzten drei Eier wurde vorwiegend mit dänischer, deutscher und teilweise schwedischer Frischware durchgeführt.
Bacon in Gießen.
Am heutigen Samstagvormittag sind zwei Waggons Bacon-Schweinefleisch in Gießen eingetroffen. Das Schweinefleisch, das bekanntlich aus Dänemark kommt, wird von der Fleischerinnung an die hiesigen Metzgereien verteilt und vom kommenden Montag ab in der üblichen Weise, d. h. gegen Abgabe der Fleischmarken, zur Ausgabe gelangen.
Gießener Wochenmarktpreise.
* G i e ß e n , 24. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, V» kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, ausländische Eier 11^, Kartoffeln, kg 6,1, 5 kg 60 Rpf., 50 kg 4,70 RM., Wirsing, % kg 7 bis 8 Rpf., Weißkraut 5, Rotkraut 10, gelbe Rüben 7, Spinat 20, rote Rüben 8, Römischkohl 10, Bohnen (grün) 15 bis 18, (gelb) 16 bis 21, Erbsen 30, Tomaten 20, Zwiebeln 14, Rhabarber 10, Kürbis 7, Pilze 50, Frühäpfel 20 bis 25, Falläpfel 7, Birnen 20 bis 35, Pflaumen 20 bis 25, Zwetschen 20 bis 25, Mirabellen 30 bis 35, Renekloden 20 bis 25, Blumenkohl, das Stück 10 Rpf. bis 1 RM., Salat 8 bis 10 Rpf., Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken 1% bis 4,
Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Sellerie 30 bis 50, Rettich 10 bis 15, Radieschen, das Stück 10 Rpf.
** Auszeichnung von Angehörigen der Langemarck-Schule. Studienrat Ernst H ö l z e l, Inhaber des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse und des Hausordens von Hohenzollern aus dem Weltkrieg, wurde als Major und Bataillonskommandeur für seinen Einsatz in diesem Kriege im Westen mit den Spangen zum E. K. I. und II. Klasse ausgezeichnet. — Als Anerkennung für 40jährige treue Dienste verlieh der Führer dem Studienrat Professor Dr. Otto E m m e l das Goldene Treudienst. Ehrenzeichen.
** 25 Jahre Kraftfahrlehrer. Am kom- menden Montag, 26. August, kann der Kraftfahrlehrer Heinrich Appel, Kaiserallee 49, Inhaber der Fahrschule Appel, auf eine 25jährige Tätigkeit als Kraftfahrlehrer zurückblicken. Herr Appel war am 26. August 1915 zum Militärkraftfahrlehrer ernannt worden, dann betreute er nach kurzer Tätigkeit in Frankfurt a. M. als Feldwebel eine motorisierte Fahrzeugkolonne im Felde. Sein vorbildliches Wirken als Militärkraftfahrlehrer wurde damals in einem Divisionsbefehl der 1. Garde-Jnfanterie- Divifion besonders anerkannt. Nach dem Weltkriege übte er den Beruf als Kraftfahrlehrer auch im Zivilleben aus, im Jahre 1926 gründete er seine Fahrschule, welche die staatliche Konzession erhielt. Seit 1933 hat Herr Appel neben seiner Ziviltätigkeit als Fahrlehrer auch noch viele Kraftfahrer der Wehrmacht ausgebildet und dafür besondere Anerkennung von militärischer Seite erhalten. Heinrich Appel ist als alter Weltkriegssoldat Inhaber des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse und der Hessischen Tapferkeitsmedaille.
** Berkehrssünder. In der Zeit vom 9. bis 15. August schritt die Polizei im Bereich der Polizeidirektion Gießen (einschl. des Polizeiamtes Bad- Nauheim-Friedberg) gegen Kraftfahrzeugführer mit 1 Anzeige ud 2 gebührenpflichtigen Verwarnungen, gegen sonstige Fahrzeugführer mit 7 Anzeigen, 1 gebührenpflichtigen und 2 gebührenfreien Verwarnungen, gegen Radfahrer mit 1 Anzeige, 40 gebührenpflichtigen und 12 gebührenfreien Verwarnungen, gegen Fußgänger mit 1 gebührenpflichtigen und 12 gebührenfreien Verwarnungen ein.
Zum Einkochen von Obst ungeeignet.
NSG. Eingehende Prüfungen und praktische Versuche im Laboratorium wie in Haushaltungen haben gezeigt, daß die zur Zeit für die Haushaltskonservierung verwendeten lackierten Schwarzblechdosen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit und Qualität sehr große Unterschiede aufweisen, und daß die vorhandenen, für Weißblechdosen bestimmten Verschlußmaschi« nen zum Verschließen von lackierten Schwarzblechdosen vielfach nicht gaüz geeignet find. Diese Umstände und der Mangel an Kenntnissen und praktischen Erfahrungen auf feiten der Hausfrau, dig noch in der Entwicklung befindlichen lackierten Schwarzblechdosen demgemäß richtig zu behandeln und zu verwenden, machen die größte Sorgfalt sowohl beim Einkauf wie bei der Benutzung der Dosen! dringend erforderlich.
Die lackierte Schwarzblechdose ist zum Konservieren von Fleisch, insbesondere von fettigem Fleisch und von Wurst, hinreichend geeignet, zum EinkocheN
Die gepflegte Küche verwendet
PAHIERMEHL
von Obst dagegen gänzlich ungeeignet. Bei sehr sorgfältiger Konservierung wird die Lagerdauer Dort Fleischkonserven in lackierten Schwarzblechdosen mit etwa sechs bis neun Monaten angegeben. Zum Einkochen von Gemüse ist es zweckmäßig, galvanisch verzinnte Blechdosen zu verwenden: diese Dosen! ähneln den Weißblechdosen: äußerlich erkennbar sink» sie an der matten, etwas stumpfen Blechoberfläche^ Die galvanisch verzinnten Blechdosen werden in! einigen Wochen in den Handel kommen.
Aus den hier angedeuteten Gründen und auch deshalb, weil bei dem derzeitigen Entwicklungsstand die lackierte Schwarzblechdose im allgemeinen nuK einmal verwendet werden kann, wird empfohlen, für die Haushaltskonservierung möglichst galvanisch verzinnte Blechdosen ober Glasgefäße zu verwenden^ Im übrigen ist es ratsam, die alten und bewährten Konserierngsmethoden nicht zu vergessen.
Vezirks-Turn- und Sporttag in Gießen.
Oer Einsatz der Radfahrer.
Am morgigen Bezirks-Tum- und Sporttag starten die Radfahrer zu ihrem Wettkampf um 7 Uhr in Gießen am Schützenhaus. Die Wettfahrt geht über eine Strecke von insgesamt etwa 120 Kilometer von Gießen (Schützenhäus) über Lich — Hattenrod — Burkhardsfelden — Oppenrod nach Gießen (Schützenhaus): diese Strecke muß von den Mannschaften viermal durchfahren werden.
Ilm 9 Uhr starten die von der HI. eingesetzten Radfahrer, die einmal die etwa 30 Kilometer lange Strecke Gießen (Schützenhaus) — Lich — Hattenrod — Burkhardsfelden — Oppenrod — Gießen (SchiHenhaus) durchfahren.
Die Mannschaft der HI. wird gegen 10.15 Uhr am Ziel erwartet, die übrigen Manschasten dürften etwa von 11 Uhr an am Ziel eintreffen.
Am Sonntag von 14 Uhr ab werden die Radfahrer Radballspiele und Kunstfahren in der Halle des VfB.-Reichsbahn zeigen.
Dom Fußball.
Stadtmannfchaft
gegen WahenbornSteinberg-Grohen-Bufeck komb.
Wie schon in der allgemeinen Vorschau darauf hin- geroiefen wurde, spielen die Gießener gegen diese Kombination. Bei der von Spiel zu Spiel sich nach oben bewegenden Leistungskurve der Stadtmannschaft kann man auch unter Berücksichtigung einer etwas abgekürzten Spielzeit von ihr eine ansprechende Leistung erwarten. Man hat bei der Stadt- mannschaft bewußt darauf verzichtet, um die Einheitlichkeit des Mannschaftsgefüges nicht zu gefährden, neue Spieler einzustellen, da die Kombinierten keine
Zeit zu Versuchen eines Sichzusammenfindens lassen! werden. Don den Kombinierten werden wir bestimmt ein Spiel zu sehen bekommen, das ausschließlich auf den Erfolg eingestellt ist. Eine glückliche Mannschaftsaufstellung bietet die Gewähr für diese Annahme. Genannt sind folgende Mannschaften: Kombiniert: Mohr (Gr.-B.)
Dambmann (Gr.-B.) Fett (W.-St.)
Burger (W.-St.) Harbach Boller (beide Gr.-B.)' Martini Heil Schmitt Hochstein Harnisch
(sämtlich W.-St.) (Gr.-B.) (W.-St.)
Hofmann Funk Hörster Kraft Ehmann (beide VfB.-R.) (beide 1900) (VsB.-R.)
Pankok Jäger (beide 1900) Mattern (VfB.-R.) Goß (1900) Schlitz (DfB.°R.)
Fischer (1900)
Iugendfußball der Sp.-Dg. 1900.
1900 1. 3gb. — Sportverein 05 Wehlar 1. 3gb.
Die 1. Jugend der Spieloereinigung 1900 empfängt am morgigen Sonntag die 1. Jugend des Sportvereins 05 Wetzlar zu einem fälligen Rückspiel. Dis Gäste konnten im Vorspiel mit 2:1 Toren den Sieger stellen. Die Gießener schicken eine starke Mannschaft ins Feld. Der Kamps kann als vollkommen offen bezeichnet werden.
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
(Nachdruck verboten.)
4. Fortsetzung.
Roman von Helene Kalisch Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München
Er erhebt sich hastig mit schmerzenden Gliedern und stammelt: „Erschrecken Sie nicht! Ich habe ja nur ... Ach, erschrecken Sie doch nicht fo!
Warum springt er nicht vor, stößt die Ueberraschte Mr Seite und flieht hinaus in die Dunkelheit? ... Nein, er folgt dieser klaren Weisung seines Verstandes nicht, sondern wiederholt noch einmal bittend:-„Erschrecken Sie doch nicht ... Ich habe mich ,in der Nacht hier einge schlichen, weil ... ich kein Unterkommen hatte. Es war ekliges Wetter und ... mich fror ... Auch ein paar Aepfel habe ich nur hier genommen." Er steht scheu und geduckt neben dem Holzstapel — ein Bettler ...
Die Frau hat sich gefaßt. „Na, wissen Sie, da kann man ja den Tod auf der Stelle haben! ... Aber wenn Sie wirklich hier nichts weiter ... Äem Obdach haben Sie? ... Du lieber Gott, bet solchem Wetter!"
Ein wenig ängstlich, aber auch mitleidig sieht sie ihn an. Ihr Gesicht ist weiß und rosig, em Hauch von Sauberkeit und Frische scheint von ihr auszugehen.
Klaus greift nach ihrem Korbe. „Wollten Sie Hl>lz holen?" Als sie nickt, bückt er sich und schichtet die Holzscheite in den Korb. Seine steifgewordenen Glieder wollen ihm dabei nur schwer gehorchen.
„Na, da haben Sie sich gewiß krumm und lahm gelegen da auf der Erde? Und erbärmlich Ijaben Sie doch gewiß auch hier in dem r^och. bemerkt teilnahmsvoll bie «junge Frau und betrachtet ihn jetzt etwas zutraulicher.
„Draußen ist's schlimmer", entgegnet er, unD dann bedankt er sich, daß sie ttotz ihres Schrecks so viel Nachsicht mit ihm habe, ihm nicht gleich mit Geschrei Leute auf den Hals hetzt.
Sie schüttelt den Kopf. „Was ist da schon zu danken? Wenn's einem Menschen schon so schlecht geht, soll man ihn da auch noch schlecht behandeln.
Er blickt sie erstaunt an. „Das ist aber m Der Welt Brauch."
Sie nickt. „Js schon wahr ... Wo wollen Sie denn nun hin? Warum gehen Sie nicht ins Asyl für Obdachlose, wenn Sie keine Bleibe haben?"
„Da war ich schon öfters", entgegnete er. „Man darf nicht alle Tage kommen. Und es sind auch zu viele, die da .warten."
„Sie sind arbeitslos, nicht wahr? Aber die kriegen doch jetzt älle Unterstützung!"
„Damit hat es auch zuweilen Schwierigkeiten... Wenn man zum Beispiel im Gefängnis war ... Sie fragen einen da immer so viel."
Das Zutrauen der Frau erhält durch die letzte Erklärung sichtlich einen Stoß. Sie sieht ihn betroffen an; bann streift ein unruhiger und mißtrauischer Blick über die im Raum aufgestapelten Vorräte. <
Ein trübes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Nun kriegen Sie Furcht und denken, ich habe es aufs Stehlen angelegt ..."
„Bewahre!" wehrt sie gutmütig ab und lächelt, weil das Wort „St—ehlen", wie er es spricht, mit einem scharfen St am Anfang ihrem Ohr ungewohnt klingt. „Dahin kann einer ja auch wegen was anderem kommen!"
Er nickt und blickt zu Boden. Er kämpft mit sich und will sich nicht anwerken lassen, wie ihi Mitleid und ihr noch zaghaftes Zutrauen ihn erschüttern. „Ich will nun fort", murmelt er.
„Warten Sie man noch ein Weilchen", sagt sie rasch. „Ich habe mir eben Kaffee gekocht, davon können Sie was abhaben und sich erst noch auf« wärmen, ehe Sie sich wieder draußen 'rumtreiben. Ich bin gleich wieder hier!" Mit kräftigen Armen hebt sie Den Holzkorb an und enteilt ins Dunkel. Die Laterne hat sie stehenlassen.
Klaus Tjaden blickt um sich und reibt sich die Stirn. Ihm ist, als gaukle ein Traum ihm etwas vor von menschlicher Güte und Freundlichkeit. Er hat es verlernt, daran zu glauben. Er steht und horcht und vernimmt alsbald die flinken Schritte der jungen Frau wieder. Sie kommt mit einem Holzbrettchen in den Händen, aus dem ein dick eingehülller Topf steht und ein paar mit Butter gestrichene Brotschnitten liegen. Sie nimmt die Wollhülle von dem Topf, aus dem es dampft.
„So, nu setzen Sie sich her ... Nehmen Sie sich die kleine Kiste da! Trinken und essen Sie! Dann geht sich's nachher leichter in den Tag hinein", sagt sie munter
Klaus Tjaden glaubt ihr das unbedingt. Er meint sogar, daß er selbst ohne das ihm freundlich gespendete, seinem ausgehungerten Leibe so nötige Frühstück in einer anderen Verfassung als sonst in den Tag hinausgehen würde, denn er erlebt ja etwas, was er noch immer nicht recht begreift. Er umspannt den Topf mit seinen oerflammten Händen, trinkt mit vorsichtigen Schlucken, greift nach einer der Brotschnitten und bricht sie durch. Das abgebrochene Stück entgleitet seinen Fingern. Er hebt es auf und ißt — ißt gant langsam, seinen wütenden Hunger zügelnd. Er sucht Die Zeit zu dehnen bei dieser Mahlzeit, die ihn die köstlichste dünkt, die er jemals genossen hat. Er blickt dabei zu der Frau hin, die mit kräftigem Zufassen im Schuppen herumhantiert, verschiedenes unter den Vorräten auswählt und hinausträgt. Er hort, wie sich ihre Schritte nach dem Hause zu entfernen und wiederkommen. Einigemal ist sie so hin und her gegangen.
Dann ist die letzte Krume verzehrt und der Kaffeetopf leer. Klaus fühlt sich erwärmt und gestärkt; aber er ist traurig. Doch diese Traurigkeit ist etwas ganz anderes als die stumpfe Verzweiflung, das Elendsgefühl der Nacht, der Tage und Wochen, die hinter ihm liegen. Er ist jetzt traurig, weil er sich nun endlich davonmachen muß, von hier fortgehen muß, wo ihm wohl gewesen ist. War ihm jemals an einem Ort so wohl, wie hier in dieser letzten halben Stunde? Fortgehen aus her Nähe eines Menschen, der gut zu ihm ist — wie schwer ihm das fällt ... Aber das kommt wohl von der Schwäche her. Hunger und Kälte haben ihn zu sehr mitgenommen.
Wieder kommt die Frau von draußen herein. „So", sagt sie, stützt die Hände in die Seiten, sieht sich um und blickt dann auf ihn. Er versteht: Ihre Arbeit hier ist getan; er darf sie nicht länger aufhalten. Da bedankt er sich. Mühsam nur findet er die Worte, es zu tun. Sie macht eine abwehrende Handbewegung, wobei ein prüfender Blick über ihn hingeht. „Jetzt müssen Sie für Ihren Mann noch einmal Kaffee kochen", sagt er. Da lächelt sie und schüttelt den Kopf. „Ich habe keinen Mann! Das Geschäft da vom im Hause gehört meinem Vater oder vielmehr meiner Stiefmutter. Die ist schon in die Jahre gekommen und so dick und schwerfällig. Da ist's ihr mit der Arbeit zuviel geworden. Und mein Vater kann schon gar nichts mehr richtig tun. Dec is in den Sechzigern und hafs fo mit
dem Rheuma. Aber sie dachte an die Pension, als sie ihn nahm. Na, und nun mache ich hier alles. —- Js auch nich immer leicht, das können Sie mit! glauben!"
Klaus Tjaden hört ernst und teilnehmend zu, wie sie offen und zutraulich wie zu einem Freunde spricht — zu ihm, dem obdachlosen Vagabunden, dem entlassenen Sttäsling.
Wieder mustert ihn ein schräger Blick. „Sagen Sie mal, wollen Sie eigentlich arbeiten, ober .. ♦ machen Sie sich nich viel daraus, wie so mancher? ■ Ihre Frage klingt streng und ein wenig mißtrauische
Er blickt zu Boden. „Ich will schon, und es wäre mir auch ganz gleich, was ich tue. Zuerst, als ich 'rauskam, hatte ich ein paarmal einen kleinen Verdienst. Jetzt ist das vorbei. Man muß jedesmal zum Arbeitsamt, und die fortwährende Fragerei da ..." Er schüttelt mit verdüstertem Gesicht den Kopf. „Ich gehe da nicht mehr hin."
„Wollen Sie nicht mal in der Zenttalmarkthattö nachfragen? Da werden immer Leute gebraucht."
„Da bin ich auch schon gewesen und wurde abgewiesen", entgegnet er auf ihre Bemerkung. „Aber wenn Sie meinen, kann ich ja heute nochmal hin; es ist ja gleich, wo ich hingehe."
„Ich meine nicht, daß Sie da aufs Geratewohl Herumfragen sollen", sagt sie eifriger. „Da is nämlich ein Bekannter, ein Fuhrmann Pahl, der bringt mir immer die Ware. Manchmal fahre ich auch auf seinem Wagen mit nach der Halle. Er hat hier weiter draußen ein kleines Grundstück und 'n Häuschen. Er steht mit seinem Fuhrwerk jeden Tag bei der Zentralmarkthalle — nahe dem Eingang in der Rochstraße. Und Sie würden ihn nicht schwer finden, denn sein Pferd is eine Schecke, so ’n allerliebstes buntes Tier. Und der Pahl sieht auch ’n bißchen komisch aus, auf den ersten Blick fast zum Fürchten, weil er so ’n großes dunkles Mal hier über dem linken Auge hat. Aber er is ein guter Kerl! Ein sehr anftänoiger Mensch! Also den suchen Sie mal auf und bringen ihm 'ne Empfehlung von Fräulein Ellrich. Das bin nämlich ich! Und ob er nid) ’ne Hilfskraft brauchen könnte ober Ihnen jagen könnte, wo es für Sie in der Halle ein paar Grojchen zu verdienen gibt. Ich ließe ihn recht schön bitten, sagen Sie, nicht wahr? Wenn der das möglich machen kann, tut er’s — schon mir zu Gefallen, denn er hält viel von mir."
(Fortsetzung folgt.) ,


