Der Teufel und die Weltkugel.
Von Richard Gerlach.
Er balanciert sie auf der Spitze seines Degens, jener gemütliche Teufel aus einer Zeit, als keiner mehr an ihn glaubte. Ich habe ihn geerbt: er sitzt im Kostüm des Mephistopheles in einer geräumigen bronzenen Muschel, selbst aus Bronze, aber wenn er frisch geputzt ist, hat er fast das Ansehen von Gold. Der Leser errät schon, daß es sich um einen Aschbecher von falschem Renaissance-Stil.handelt. Ich habe einmal Ibsens Wohnung in Oslo gesehen, dazu hatte er gepaßt. Er verschwindet immer wieder eine Weile nn Schrank, weil ich ihn eigentlich nicht leiden mag; aber weil die neuartigen Gefäße dieser Art nicht so dauerhaft sind, kommt er, wenn wieder eins aus geschliffenem Glas oder gebranntem Ton zerbrochen ist, von Zeit zu Zeit auf den Tisch.
Ich streife dann an seinem Degen meine Zigav- renasche ab, und er läßt sich den Spaß gefallen wie irgendeine Karnevalsfigur. Feuer und Asche liebt er ja; wir wissen das von der frommen Helene, die Wilhelm Busch schließlich auch schmoren, ließ, weil sie in Rotwein gebadet hatte, bevor sie die Schuhe der demutsvollen Seelenruhe benützte. Der arme Teufel hatte es damals nicht leicht. In der Zeit der satten Bürgerlichkeit lächelten Leute aus ihrem gesicherten Dasein heraus nur noch herablassend und beinahe wohlwollend über ihn, obwohl seine Rolle, wie sich später zeigen sollte, keineswegs zu Ende gespielt war. Die Dichter ließen die freundliche Allegorie von den Engeln gelten, jedoch der Höllenfürst war seit dem „Faust" wenig mehr bemüht worden. Man empfand das grimmig Diabolische nur noch matt als wirkende Kraft und setzte den Geist der Finsternis auf den Aschbecher.
Der alte Satan aber hatte die verräterischen Pluderhosen längst abgelegt. Schon Peter Schlemihl begegnete er als unauffälliges graues Männchen. Später betätigte er sich unerkannt abwechselnd als Erdölmagnat, Rüstungsfabrikant und Devisenhändler, zog sich den weißen Erfinderkittel an, um das Giftgas zu erzeugen, und ehe man's gedacht, hatte er die Weltkugel doch wieder auf feiner Degenspitze und ließ sie Dort mit infernalischem Grinsen sich drehen. Die unheimliche Macht des Bösen erschien plötzlich niemand mehr als eine harmlose Posse, der Schwefelphul des Dämons zischte und brannte wieder, unb er trieb's so munter wie je.
So kommt es, wenn man die beharrlichen Symbole für den Hausgebrauch zähmt und zurechtbiegt und wähnt, er und seine Großmutter wären Diener, während sie das Garn zu mannigfacher Verstrickung über den Erdball strudeln lassen.
M. 20 Zweites Blatt
Nomone der Flaschenpost
Man weiß auch heute noch nicht, wie weit eine olche Flasche reisen kann. Eine wurde bei Kapstadt ns Meer geworfen und 4V2 Jahre später an einer Shetland-Insel aufgefischt. Reisen dieser Flaschenposten auf Strecken bis zu 20 000 Kilometer sind berichtet worden, und man schätzt, daß die durch- chnittliche Geschwindigkeit einer solchen Flasche etwa i Kilometer in der Stunde ist. Einige Romane, die mit Flaschenposten verknüpft sind, leben in der Gerichte der Schiffahrt fort, so zum Beispiel der des Ostindienfahrers Kent, der im März 1825 in der 3ai von Biscaya in Brand geriet. Es waren Truppen an Bord, die nach Indien bestimmt waren, und 'm letzten Augenblick kam noch Hilfe. Ader vorher alte schon ein Major McGregor fein letztes Lebewohl an feine Familie einer Flasche anvertraut. Die Jotschaft wurde im Herbst des folgenden Jahres in i<r Nähe von Barbados in Westindien aufgefischt.
Es war eine Flaschenpost, die die Welt über das Schicksal des Dampfers „Präsident" unterrichtete. 2as Schiff hätte im März 1841 in Liverpool ein- i-effen müffen, war aber längst überfällig. Schließlich wurde von einem Schiff auf dem Meer eine I Flasche aufgefunden, die eine Botschaft des ein ft be- । tonnten Schauspielers Tyrone Power enthielt, sie Mite mit, daß das Schiff in einem Sturm unter- I kshe. Vor vielen Jahren ermordete der schwarze Jod) an Bord des englischen Schiffes Buckingham isn Kapitän. Das Schiff befand sich in der Nahe ter Küste von Bermuda, und ein Matrose setzte s nen Bericht des Verbrechens auf und verschloß I 'm in einer Flasche; diese wurde 8000 Kilometer ' ^e-it entfernt an einer der Shetland-Inseln fast drei "ahre später aufgefunden.
In diesen Tagen wurde der gute Erfolg einer Flaschenpost berichtet, die ein junges Mädchen mit ihren Heiratswünschen dem Meere anoertraut hatte und die ihr einen Kapitän als Gatten brachte. Es gab eine Zeit, in der die Flaschenpost in der Schiff- fahrt eine gewisse Rolle spielte; wurde sie doch, als man noch nicht drahtlose Botschaften von einem Schiffsunglück aussenden konnte, dazu benutzt, um letzte Kunde von einem sinkenden Fahrzeug den
Az
> N w 30 frj >!5
A«e,g« . nctüw* z ib fidele
• w
’ Mi
■ Hl# 15121I
S|
X Kur
h- ch.
Mv
M. uZH ।
Aus der Stadl Gießen.
Verschlossene Ohren.
Eigentlich sollte es ja keine verschlossenen Ohren geben. Wenigstens nicht im übertragenen Sinne Denn es ist bekanntlich nicht gut, tauben Ohren zu predigen, aber taub sind die Ohren in Wirklichkeit "Uch nicht, von denen hier die Rede fein soll Sie [mb nur verschlossen, und zwar so dicht, daß' von ihnen mchts mehr sichtbar ist.
muß ein praktischer Mensch gewesen sein, der zuerst den Gedanken hatte, Ohrenklappen anzufertigen. Gewiß, Ohrenklappen an Pelzkappen und ^?ortm"tzen hat es schon vor langen Zeiten qe- geben. Aber der heute übliche Herrenhut ließ keine Möglichkeit für Ohrenklappen zu, womit die Männer sich bei niedrigen Temperaturen wohl oder übel abfinden mußten und deshalb häufig mit rotgeschwollenen Ohren herumliefen. Schön war dieser Zustand nicht, weshalb jener praktische Mensch den guten Einfall hatte, solche Ohrenklappen herzustellen, die sich für jede Kopfbedeckung verwenden ließen. Und siehe da: der Erfolg war unbeftreitbar. Die mit einem einfachen Bügel aus Metall versehenen Ohrenklappen erwiesen sich als ganz vortrefflich. Bei erträglicher Temperatur ließen sie sich in die Tasche stecken und bei empfindlicher Kälte schützten sie eben die Ohren.
Weshalb wir jetzt jahrein, jahraus im Winter das Schauspiel der verschlossenen Ohren genießen können. Wenigstens bei den Männern. Es gibt Aestheten, die von diesem Anblick nichts wissen wollen und sich um der Grundsätze willen lieber kalte Ohren holen. Andere wiederum verulken die Ohrenschützer als Kopfhörer und meinen, daß man doch nicht fortwährend am Radio hängen solle. Aber wie dem auch fei: die meisten Männer wissen das Angenehme dieser Vorrichtung zu schätzen und laufen in dieser Zeit mit verschlossenen Ohren umher.
Was wiederum die Frauen nicht schlafen ließ und sie veranlaßte, in gründlicher Weise darüber nachzugrübeln, wie man den Männern auch in dieser Beziehung den Rang ablaufen könnte. Und tatsächlich war es bald geschafft: eines Tages erschien die erste Kapuze im Stadtbild. Die Kapuze war schön bunt und hatte ein nettes Streifenmuster. Sie umschloß den ganzen Kopf einschließlich der Ohren und ließ nur noch die Gesichtspartie frei. Zuerst wurde die Kapuze kritisch gemustert, vor allem von den Frauen selber. Aber dann wurden rasch weitere Exemplare sichtbar, und jetzt ist sie bereits in einer erstaunlichen Zahl vorhanden, wobei eine immer noch bunter erscheint als die andere.
Damit ist also erreicht, daß nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen mit verschlossenen Ohren Herumlaufen. Man könnte auch sagen, daß solchermaßen manche Evastochter jetzt unter die Haube gekommen ist. Unter eine Haube jedenfalls, die die Eigenschaft hat, ihre Trägerin an Kopf und Ohren warmzuhalten. Was von den Ohrenschützern der Männer leider nur in bedingtem Maße gesagt werden kann. H. W. Sch.
Amtliche Bekanntmachungen im Anzeigenteil.
Zur (Erfüllung staats politisch wichtiger Aufgaben muß die deutsche Presse in Befolgung bestehender Bestimmungen eine klare Trennung von Text- und Anzeigenteil durchführen. Der Gießener Anzeiger wird darum von jetzt an alle behördlichen und offiziösen Verlautbarungen mit Bekanntmachungs- chavakter im Anzeigenteil veröffentlichen.
Wir weisen unsere Leser auf die notwendige Regelung hin und bitten, die Bekanntmachungen im Anzeigenteil zu beachten.
Verlag und Schriftleikung des Gießener Anzeigers.
ein
glich &ei Lohns^ si»°
Mill 1W eßen,,,
O>
'S
Wogen anzuvertrauen. Man findet solche Flaschenposten in Marinemuseen aufbewahrt; es sind Nachrichten, manchmal mit Kohle oder sogar mit Blut auf Hemdstücke oder auf mit Salzwasser vollgesoge- nes Papier geschrieben. Die verzweifelten Männer, die mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte diese Worte hinkritzelten und in der Flasche verschlossen, wußten, daß nur eine schwache Möglichkeit dafür bestand, daß anäöige Strömungen durch die ungeheure Weite der Ozeane die Botschaften nach Monaten an eine dewohnte Küste befördern würden.
nge. Slum, nb die ^ro. Sport Han; leigen:
sch in Beßlich 15 $ "Stag; r Seit gültig,
'6D
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Tierseuchen im Kriege.
Wehrwissenschastlicher Vortrag der Universität.
Die Reihe der wehrwifsenschaftlichen Vorträge unserer Universität wurde gestern abend mit einem weiteren interessanten Vortrag fortgesetzt. Die Der- anftaltung war gut besucht. Insbesondere sah man eine stattliche Anzahl Studierender unserer Universität unter den Hörern, aber auch Angehörige der Partei, sowie viele Offiziere und Soldaten nahmen ted und folgten den Ausführungen des Redners mit größter Aufmerksamkeit.
Professor Dr. Beller,
der Direktor des Tierseucheninstituts unserer Universität, sprach frus reichem Wissen und ebenso reicher praktischer Erfahrung über das Thema „K r i e g s t i e r s e u ch e n". Seinen Darlegungen sei folgendes entnommen:
Der Begriff „Kriegstierseuchen" bedeutet keine Beschränkung auf die seuchenhaften Erkrankungen der unmittelbar am Kriegsgeschehen beteiligten Tierarten, in erster Linie also der Pferde, Maultiere und Maulesel, sondern stellt eine ursächliche Beziehung Zum Kriege her. Wie man Bodenseuchen, Wasserseuchen, Hungerseuchen, Handelsseuchen unterscheidet, so gibt es Tierseuchen, die gewissermaßen durch den Krieg bedingt werden, sei es, daß der Ansteckungsstoff nur in Kriegszeiten bei uns Eingang ftndet, fei es, daß feine Verbreitung infolge der veränderten Verhältnisse erleichtert wird.
Zum Ausbruch einer Seuche bedarf es nicht nur eines Ansteckungsstoffes. Vielmehr sind für das Kommen und Gehen von Menschen- und Tierseuchen die verschiedenartigsten technischen, wirtschaft- lichen und selbst soziologischen Bedingungen von ebenso großer Bedeutung wie der Erreger, und zwar in positiver wie in negativer Beziehung.
Seuchen sind Massenerscheinungen, die in ihrem Werden und Vergehen von Massenwirkungen aus- gehen, wie sie beim Aufmarsch der Armeen auf engsten Raum . auf treten. Die Truppenverschiebungen bringen eine erhebliche Vermehrung der Be- rührungs- und damit der Uebertragungsmöglich- feiten ansteckender Krankheiten mit sich. Unter Umständen sind damit so einschneidende klimatische und ernährungsphysiologische Veränderungen verbunden, daß Seuchenveranlagungen entstehen, die aus sonst unbedeutenden und örtlich beschränkten Seuchen- herden Epizootien und Panzootten werden lassen können. Wechselbeziehungen zu anderen Tierarten und zum Menschen, die Boden- und Wasserverhältnisse und selbst die Handelspolitik können von Einfluß auf die Verbreitung der Tierseuchen werden.
Deutschlands zentrale Lage in Europa brachte es mit sich, daß feine Tierbestände bei allen europäischen Seuchengängen stets stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die oft langen Kriege früherer Jahrhunderte, die stets große Menschenmassen mit ihrer ganzen Habe in Bewegung brachten, sorgten für eine weite Verbreitung der Seuchen.
Auch im modernen Kriege spielt das Der feine große Rolle. Einerseits stehen heute im FeDheer trotz der Motorisierung mehr Pferde als früher. Anderseits sind die Rinder- und Schweinebestände
für die Ernährungssicherung der Front und Heimat höchst lebenswichttg.
An Hand von Kurven ging der Vortragende auf einige der hn Kriege wichtigsten Tierseuchen ein, so z. B. auf den Malleus (Rotz), die Rinderpest, die Maul- und Klauenseuche, die Tollwut, Die Pferderäude und vergleichsweise auf den Milzbrand, der im Weltkriege keine Zunahme, sondern im Gegenteil mit dem Stocken der Häute- und Futtermitteleinfuhr einen raschen Rückgang fand.
Manche von ihnen gewann mittelbar strategische Bedeutung. So hat z. B. die Räude der Pferde 1812 Napoleons Zusammenbruch in Rußland und 1871 die Niederlage der französischen Revolutionsarmee mit besiegest. Auch im Weltkrieg 1914/18 spielte die Räude an einzelnen Frontabschnitten eine schwerwiegende Rolle. Ihre vorbeugende Ueber- wachuna ist im jetzigen Krieg eine der Hauptaufgaben des Deterinäroienstes.
Das gleiche gilt vom Malleus, dem Pferderotz, der bis in den Weltkrieg in jedem größeren Feldzug, zumal im Osten, eine Rolle spielte und strengste Vorbeugungs- und Abwehrmaßnahmen erforderte (Tierblutuntersuchungsstellen). Nach Kriegsschluß 1918/19 ist die Veterinärpolrzei seiner rasch Herr geworden.
Die andere Geißel früherer Kriege war die ebenfalls aus dem Osten kommende Rinderpest, von der wir im Westkriea wie durch ein Wunder verschont blieben. Eine ähnliche Rolle spielt heute für uns die Maul- und Klauenseuche, deren heftiges 2hif treten in den letzten drei Jahren uns wohl für die nächste Zeit trotz des Krieges vor einer größeren Gefahr schützen wird.
Erhöhte Ausmerksamkett ist im Kriege auch noch der Tollwut zu schenken, die ebenfalls vorwiegend an der östlichen Grenze abgehalten werden muß.
Die Tierseuchenlage in Deutschland war zu Beginn des Krieges dank der Weltkriegserfahrungen günfttg und ist es bis heute auch nach dem Polenfeldzug geblieben. Für unsere Versorgung mit Fleisch und sonstigen tierischen Erzeugnissen sind also Rückschläge durch größere Seuchenschäden nicht zu befürchen. Das gleiche gilt für die Gespanntiere und bannt für die Schlagkraft unseres Feldheeres. Die uns feit Jahren aufgezwungene Nutzster-, Lebens- und Futtermittelversorgung aus eigener Erzeugung hat wesentlich mitgeholfen, unsere Lage besonders gegenüber den vom Ausland her kommenden Tierseuchen zu bessern und zu sichern. Die vom Führer erstrebte völkische und wirtschaftliche Zusammenfassung aller Deutschen in Europa und die Festigung des geschlossenen deutschen Lebensraumes stellt also auch von diesem Standpunkt aus eine biologische Notwendigkeit dar.
Der Dorttag, der "sehr beifällig aufgenommen wurde, erfuhr eine besondere Bereicherung durch die im Lichtbild wiedergegebenen graphischen Darstellungen des Verlaufs von Seuchenzügen. Neben solchen Darstellungen aus Deutschland zeigte der Redner auch Aufzeichnungen aus der Türkei, wo er mehrere Jahre in wissenschaftlicher Tätigkeit verbrachte.
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22.30 Uhr „Die Fledermaus". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Befreite Hände". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: ,^ongo- Expreß". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Foyer des Stadttheaters.
Stadttheater Gießen.
Am heustgen Mittwochabend wird die wegen mehrerer Erkrankungen am vergangenen Mittwoch
abgesagte Vorstellung der Operette ,^Die Fledermaus" von Johann Strauß nachgeholt. Musikalische Leitung Heinz Markwardt. Spielleitung Harry Grü- neke. Ehöre Richard Boeck. Tänze Thea Maaß. Bühnenbild Karl Löffler. 16. Vorstellung der Mittwoch- Miete.
Deutsches Frauenwerk.
Die Nähstube des Deutschen Frauenwerks findet zur Zeit nicht in der DAF., Schanzenstraße, statt, sondern in der Kreisgeschäftsstelle des Deutschen Fragenwerks, Frankfurter Straße 1.
Man berichtet, daß Columbus auf feiner Entdeckungsfahrt, als er fürchtete, daß feine kleinen Karavellen vom Meer verschlungen werden würden, einen Bericht seiner Reise auf Pergament nieder- schrieb und in einem Kasten über Bord warf. Es besteht freilich wenig Aussicht, daß dieses kostbare Dokument noch aufgefunden werden könnte. C. K.
Reue Fabeln.
Von Wilhelm Gcharrelmann.
Der Höher und der Dompfaff.
„Was für einen häßlichen Schrei du dir angewöhnt hast!" sagte ein junger Dompfaff zu einem Häher, der unablässig rätschend in einer Buchen- frone saß.
„D", antwortete der Häher, „wenn du vielleicht glaubst, daß du mit deinem Liede die Tiere des Waldes ebensogut vor Gefahren zu warnen vermagst, wie ich — bitte! Ich trete dir gern meine Stelle ab."
„Gefahren? Wiefo?" fragte der Gimpel. „Ich sehe keine."
„Das ist es eben!" antwortete der Häher, rätschte noch einmal und strick) eilig ab.
Eitel und selbstgefällig wollte der ahnungslose Gimpel gerade von neuem wieder feine Strophe beginnen, als ihn der Marder erwischte, vor dem ihn der Häher hatte warnen wollen.
„Dachte ich es mir doch", rief dieser. „Die Stimme des Warners ist selten beliebt — aber nur der Törichte schilt, daß sie ihm nicht lieblich genug ins Ohr dringe!"
Die beiden Buchfinken.
Ein Buchfinkenmännchen war bei der Gattenwahl Der Vögel ohne eine Gefährtin geblieben und sah nun neiderfüllt einem Genossen zu, der eben beschäftigt war, seiner künfstgen Familie ein Nest zu bauen.
, Mit welchem Recht hat mich das Schick,al von dem Glück ausgeschlossen, welches du genießt?" klagte er. r
„Wie kann man nur so fragen?" antwortete ihm das andere verwundert. „Hast du das, was du dein Schicksal nennst, dir nicht selber bereitet?"
Ich mir selber bereitet? Wie kannst du mich für so 'töricht halten?" wehrte sich der Einsame, entrüstet über den Vorwurf, der in den Worten seines Gefährten lag. , _, , .,
„Dann habe ich wohl nicht recht gesehen, als ich dich im Kampf um das Weibchen, das du dir er-
wählt hattest, vor deinem Nebenbuhler fliehen und dich im dichtesten Buschwerk verstecken sah? Wie könntest du auch sonst erwarten, ein Glück zu genießen, das nun einmal erobert sein will und sich dem Feigen versagt?"
Der Storch und die Katze.
Ein Storch hatte im Dorübergehen eine Feldmaus erwischt und sie mit Appetit verschlungen. Eine Katze, die seit Stunden vergeblich vor einem Mauseloch gesessen, hatte ihm voller Neid dabei zugesehen.
„Was würden Sie sagen, wenn unsereins jetzt anfangen wollte, den Fröschen nachzustellen?" rief sie dem Storch zu. „Bleiben Sie also in Zukunft bei Ihrem Geschäft, wenn's gefällig ist, ja?"
Verwundert guckte sich der Storch nach ihr um und sagte: „Bitte, wenn Ihnen Frösche schmecken — nehmen Sie sich ruhig die Freiheit. Es sind genügend da."
,Lch danke?" sagte die Katze verärgert. „Frösche sind meine Sache noch nie gewesen."
„Schade!" bedauerte der Storch. „Vielleicht, daß die Anlage zum Neid dann in Ihnen nicht so groß geworden wäre, meine Beste! Denn je weniger Erfolg, desto größer die Mißgunst! sagte unsere Mutter schon, als sie uns Jungstörche zum erstenmal mit ins Feld hinaus nahm und wir dort anfingen, uns zu streiten."
„Ach, reden Sie nicht, erboste sich die Katze. „Erst stören Sie hier die Ordnung der Natur, und dann halten sie sich noch für berechtigt, anderen moralische Belehrungen zu erteilen!"
„Vortrefflich gesagt", antwortete der Storch. „Denn um seinen Egoismus und seine Mißgunst zu verbergen, gibt es kaum ein besseres Mittel, als sich den Anschein zu geben, eine höhere Idee verteidigen zu müssen."
Die Spinne und die Grille.
Eine Grille sah einer Spinne zu, die emsig beschäftigt war, ihr • halbzerstörtes Netz wieder herzurichten.
„Welch unnützer Eifer!" sagte die Grille. „Denn schon der nächste Windstoß wird dein Werk von neuem beschädigen, der nächste Regenguß es vielleicht völlig zerstören.
„Möglich", antwortete die Spinne. „Aber wenn wir jede Arbeit unterließen, nur weil mir wissen, daß unser Werk der Vergänglichkeit unterworfen ist — was meinst bu, daß unser aller Schicksal wäre?"
Mittwoch. 24.3anuar 19^0
Apotheker Theodor Schmieder f.
Im siebzigsten Lebensjahre ist am Samstag nach kurzer Krankheit der in Gießen und weithin m der Umgegend bekannte ApothekerTheodorSchwie- d e r gestorben. Am gestrigen Dienstag wurde er, seinem Wunsche und seinem schlichten Wesen entsprechend, in aller Stille zur letzten Ruhe aebracht. Mit seinem Heimgang verliert unsere Stadt einen Mann, der sich mit ihr, seiner Wahlheimat, seit vielen Jahren eng verbunden wußte
Theodor S ch w i e d e r war am 11. Oktober 1870 in Frankenberg a. d. Eder als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Schon in seiner Jugendzeit kam er nach Gießen, um hier im Realgymnasium seine Schulausbildung zu erhalten. Nach deren Abschluß studierte er an der Universität Gießen. Hieraus ging er zur weiteren Ausbildung nach auswärts, kehrte aber im Sommer 1899 nach Gießen zurück, wo er die alte Engel-Apotheke käuflich erwarb, die sich damals in dem Hause Ecke Kaplaneigasse-Kirchen- platz befand, in dem heute ein Wollwarengeschäft betrieben wird. In Gießen fand er dann auch seine Lebensgefährtin, die der Familie Schwall entstammte und ihm vor etwa acht Jahren im Tode vorausging. Unter seiner Leitung nahm die alte Engel-Apotheke einen starken Aufschwung, so daß schon nach einigen Jahren die Räumlichkeiten in dem alten Hause nicht mehr ausreichten. Er kaufte daher die an der Ecke Schulstraße-Marktplatz gelegenen Grundstücke und errichtete dort das große Wohnhaus mit der jetzigen Engel-Apotheke, die er nach etwa zwanzigjähriger Führung an den jetzigen Inhaber ab gab. Durch seinen Beruf war er mit weiten Kreisen der Bevölkerung in Stadt und Land bekannt geworden, die ihm wegen seines volksverbundenen, charakterfesten und aufrechten Wesens große Wertschätzung entgegenbrachte.
Den kommunalen Vorgängen wandte er schon während feiner Berufstätigkeit als Apotheker großes Interesse zu. An vielen öffentlichen Ereignissen, die der Förderung unseres Gemeinwesens dienten, war er uneigennützig mit guten Ratschlägen und praktischen Anregungen beteiligt. Als warmherziger Freund der Pferde, die ihn schon in der Jugendzeit stark beschäftigten, wurde er in Gießen im Jahre 1907 in die städtische Pferdemarktdeputation entsandt, der er ununterbrochen ein Dierteljahrhun- bert lang bis zum Frühjahr 1933 angehörte. In dieser Deputation hat er sich um die Entwicklung der Pferdemärkte in Gießen und damit um die Förderung der Pferdezucht in Oberhessen große Verdienste erworben. Von 1923 bis Anfang 1933 gehörte er dem Gießener Stadttat an, in dessen Kreis er eine rege Tätigkeit entfaltete. Besonders wirkte er in der land- und forstwirtschaftlichen Deputation, in der Wohnungsdeputation, in der Schlachchofdepu- tation, im Marktausschuß, hier namentlich für die Pferdemärkte. Ferner war er mit großem Eifer tätig im Bauausschuß, in der Wohlfahrtsdeputation und in der Deputation für das Turn- und Sportwesen, sowie als Mitglied des Verwaltungsrats mehrerer Stiftungen, die von der Stadt als Vermächtnis treuer und fozialgesinnter Einwohner verwaltet wurden.
Am 10. März 1926 übernahm Theodor Schwie«
3n den Familienblättern beginnen wir heute mit dem Abdruck des neuesten Romans von Ernst Zahn: „Die tausendjährige Straße". In diesem Werk berichtet der wohl bekannteste Schweizer Erzähler der Gegenwart mit der ausgewogenen Klarheit und bedäch. tigen Güte des ins Greisenatter Tretenden von den untergründigen Wegen des menschlichen Herzens, von Treue und Liebe, haß und Rache, die in biederen Schweizer Bürgersleuten wie die Dämonen der alten Ribetungensage zu furchtbarem, unerbittlichem Kampf gegeneinander antreten.


