Hilmbericht aus dem Horden.
3n den deutschen Lichtspielhäusern läuft nun als Wochenschau der erste Filmbericht von der deutschen Schutzaktion in Dänemaark und Norwegen. Dieser Film ist eine Sensation. Nicht nur deshalb, weil hier zum ersten Mal eine Landungs- Operation größten Stils zehn Tage später im bewegten Bild der Oeffentlichkeit vorgeführt wird, sonoern>auch weil es den feldgrauen Kameramännern gelungen ist, die Vielfalt der militärischen Ereignisse vor dem gewaltig-ernsten Hintergrund der Nordlandberge und der Nordsee zu einer einzigartigen, geschlossenen Wirkung zu bringen. Die Größe des geschichtlichen Augenblicks, die zu erleben in früheren Zeiten ein Vorrecht der han- delnden Personen und weniger Augenzeugen war, — sie pakt uns unmittelbar und sie wird auch allen kommenden Geschlechtern in direkter Anschauung übermittelt werden. Es ist nicht das Wunder der technischen Leistung, die uns in Erregung versetzt, es ist etwas anderes, unsagbares. Der Mythos der ewigen deutschen Kraft und Unbezwingbarkeit weht durch diese Bilder, die den modernen Wikin- Ban fremde Felsenküsten schildern. Das n der Bomben und Granaten, die auf das Küstenfort im Oslofjord niederfallen, ist wie der Widerhall des Schlachtenlärms aus alten germanischen Heldensagen. Wir blicken vom Flugzeug aus über die geheimnisumwitterte Urweltlandschast der skandinavischen Schneegebirge, wir sehen die Fjorde und Häfen, wir sehen, wie hier deutsche Soldaten an Land gehen, wie sie Stoßtrupps bilden, wie sie Pferde, Kraftwagen, Tanks, Geschütze aus den Schiffsbäuchen holen, wie sie sich zur Verteidigung einrichten, wie sie dann singend in langen Kolonnen durch die Stadt und ins Innere des Landes ziehen. Wir sehen aber am Rande des militärischen Geschehens noch etwas anderes, was uns nach- deutlich macht. Es sind die Gesichter der Dänen und Norweger, die das überraschende Schauspiel mit ihren Blicken verfolgen. In diesen Blicken liegt manchmal Verblüffung und kühle Reserve, doch weit häufiger der Wille zum freundlichen Entgegenkommen. Wir sehen auf dem Rathausplatz in Kopenhagen, wo die Menge den Weg unserer Truppen dicht umsäumt, winkende, grüßende Hände, wir sehen, wie ein deutscher Offizier vom Bürgersteig aus dem auf seinem täglichen Morgenritt befindlichen König Christian die Ehrenbezeigung erweist, wir sehen viele Szenen, die von dem Vertrauensverhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und der deutschen Besatzungstruppe erzählen, und die beweisen, daß der deutsche Soldat als Beschützer, nicht als Feind empfangen wurde. Diese Bilder sind vielleicht der eindrucksvollste Teil der Wochenschau, weil sie Zeugnis ablegen gegen jene Politiker, die sich um ihrer Englandhörigkeit willen haben verleiten lassen, die Interessen ihres Landes und Volkes zu vergessen.
Aauerscher Gesangverein, Giehen.
Mittwoch hielt der Bauersche Gesangverein, der im abgelaufenen Dereinsjahr die Feier seines 75jäh- rigen Bestehens begehen konnte, im Anschluß an die regelmäßige Singstunde seine diesjährige Jahreshauptversammlung im Dereinslokal „Burghof" ab.
Nach einem kurzen Tätigkeitsbericht über das abgelaufene Vereinsjahr im Dienste am deutschen Lied, den Vereinsführer Sgb. H. L e y gab, erstattete der verdiente langjährige Rechner Sgb. H. L i ch, Bericht über die Rechnungsführung und Kassenlage, die von den Rechnungsprüfern als vorbildlich bezeichnet werden konnte. In der Mitgliederbewegung war keinerlei nennenswerte Veränderung zu verzeichnen.
Die anschließende Berufung des Vorstandes ergab die bisherige Zusammensetzung. Lediglich für den im Dienste des Vaterlandes stehenden 2. Verems- führer Sgb. A. Schneider wurde zur Vertretung Sgb. W. Wadenpfuhl und für die gleichfalls einberufenen beiden Schriftführer Sgb. Hederich und H. Köhler, der Sgb. I. B e t h g e für die Dauer des Krieges neu hinzuberufen. In den Verwaltungsrat der Georg-Toot-Stiftung wurde für den ausscheidenden Sgb. F. Zöller der Sgb. A. Bayer gewählt.
Sgb. Bethge gab dann einen Ueberblick über den Besuch der regelmäßigen Proben. Rechner Sgb. L i ch konnte noch bekanntgeben, daß ans der Georg-Todt-Stiftung bisher über 1200 RM. aus den Zinsen satzungsgemäß an Unterstützung für unverschuldet in Not geratene Sangesbrüder ausgezahlt wurden. Die Georg-Todt-Stiftung wurde am 60. Stiftungstage zu Ehren des damals sein 50jäh- riges Sängerjubiläum begehenden und heute noch
Lebensmittel richtig verbrauchen!
(Sin Gebot der Stunde.
NSG. Die Verbrauchsreaelung, die in Deutschland mit der Einführung der Lebensmittelbewirtschaftung sich so segensreich ausgewirkt hat, muß laufend durch die Derbrauchslenkung unterstützt werden. Es wird bei jeder Rationierung Verbraucher Seben, für die diese Rationen knapp sind, da sie nach mrchschnittsfätzen festgeleat wurden. Tatsächlich werden aber auch eine Reiye von Nahrungsmitteln von vielen Verbrauchern nicht aufgebraucht.
Die Lenkung des Verbrauchs muß somit durch eine Lenkung der Verwertung ergänzt werden, wozu vor allem das wichtige Gebiet der Kochtechnik, überhaupt der Zubereitung der Speisen gehört. Daraus ergibt sich die Derbrauchsberatung, die die Parole „Kampf dem Verderb" so vertiefen muß, daß jedes Nahrungsmittel in der Küche zur vollen Auswirkung kommt.
Zu dem Verbrauch der wichtigsten Nahrungsmittel gab Staatssekretär Backe jetzt grundsätzliche Richtlinien. Die Zuteilungen von Brot und Mehl liegen im allgemeinen recht hoch, so daß die Bevölkerung vielfach die ihr zustehenden Mengen nicht verbraucht. Kein Verbraucher darf mehr einkaufen, als er wirklich benötigt. Brotreste find gut aufzubewahren und zweckmäßig zu verwerten. Brot- und Mehlmarken, die nicht genutzt werden, sind an bie NSV. abzugeben. Keinesfalls dürfen diese Marken dem Bäcker übergeben werden, da das zu einer unerwünschten Ausweitung des Kuchenverbrauchs führt. Brot darf auch grundsätzlich nicht an Tiere verfüttert werden. Besonders notwendig ist es, das Roggenvollkornbrot zu bevorzugen, da Roggen in Deutschland immer am reichlichsten vorhanden und das Vollkornbrot wegen seines größeren Dita- mingchaltes gesünder ist.
Die Kartoffeln sind bisher nicht rationiert wor- den. Es ist auch nicht beabsichtigt, wie Staats
sekretär Backe betonte, dies in Zukunft zu tun. Abgesehen von den Schwierigkeiten, die der Frost bei der Versorgung bereitet hat, verfügen wir immer über reichliche Kartoffelvorräte. Das darf freilich in keiner Weise zur Verschwendung verleiten, denn jede Kartoffel, die nicht verbraucht wird, muß der Schweinehaltung, also der Steigerung der Fleischund Fetterzeugung zugute kommen. Außerdem müssen die Kartoffeln möglichst dünn geschält werden, noch besser sind Pellkartoffeln zu verwenden, zumal sich die Vitamine unmittelbar unter der Schale befinden.
Gleiche Grundsätze gelten für die Verwendung^des Zuckers. Jedes ersparte Kilo Zucker dient der Steigerung der Schweinefleisch- und Fetterzeugung. Zucker ist daher möglichst nicht als Süßstoff, sondern als Nahrungsmittel zu betrachten. Er dient vor allem der Verwertung der Obsternte, daher heißt es: für den Sommer und Herbst sparen. Wegen der Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Konservendosen, Weckgläsern, Gummiringen usw. ist das Obst, soweit nur irgend möglich, auch im Haushalt zu dörren oder zu trocknen. Freilich darf die Konservierung erst beginnen, wenn die Märkte reichlich beschickt sind. Zu frühes Einmachen ist zu teuer, schädigt die lausende Versorgung und führt zum Verderb.
Die Versorgung mit Gemüse, dessen Erzeugung erheblich gesteigert ist, erfordert eine bessere Ausnutzung als bisher. Außerdem sind wildwachsendes Gemüse, Kräuter, Pilze, Tees usw. zu erfassen. Zur vollständigeren Verwendung des Gemüses gehört z. B. die Verwertung der Außenblätter und des Gemüsekerns (Strunk), ferner das sorgfältigere Putzen und schonende Kochen zur Erhaltung aller Nährstoffe.
aktiv mitwirkenden 86jährigen Ehrenvorsitzenden Georg Todt aus freiwilligen Spenden aller Mitgliederkreise errichtet.
Zur Metallspende des deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers wurde ein stattlicher Beitrag geleistet durch Ablieferung von Preisen und Iubi- läumsgaben, wie der Vereinsführer Ley berichtete; mit großer Zustimmung wurde diese Mitteilung ausgenommen.
Nach Verlesung verschiedener Eingänge von ein» berufenen Sangesbrüdern, Ermahnung an alle Sänger, auch weiterhin tatkräftig mitzuwirken an der Pflege des deutschen Liedes, fand die gut verlaufene Jahreshauptversammlung den üblichen Abschluß, nachdem zuvor noch allen Sängern, Vorstandsangehörigen und insbesondere dem verdienten, außerordentlich rührigen musikalischen Leiter, Kreis-Chormeister Blaß, der Dank für die bisherige Mitarbeit durch den Vereinsführer ausgesprochen worden war.
Siehen-Klein-Linden.
Der Gesangverein Harmonie" hielt in der Wirtschaft „Zur Burg" seine Generalversammlung ab, die vom stellvertretenden Vereinsführer geleitet wurde. Dieser widmete den im verflossenen Vereinsjahr verstorbenen Mitgliedern ein herzliches Gedenken. Der Verein feierte, wie aus dem Geschäftsbericht zu entnehmen war, im verflossenen Jahr ein wohlgelungenes Sommerfest, an dem sich die örtlichen und benachbarten Vereine in starkem Maße beteiligten. An Führers Geburtstag und am Tag des deutschen Liedes erfreute der Verein die Einwohnerschaft mit Gesangsvorträgen auf den Plätzen unseres Vororts. Der Verein zählt 54 aktive Sänger und 32 Sängerinnen. Den Rechnungsbericht gab der Kassenwart, Sangesbruder Ludwig Langsdorf. Die Rechnung mit einem erfreulichen Kassenbestand wurde genehmigt und dem Rechner der Dank für mustergültige Kassenführung ausgesprochen. An dem (Saufängertag am 7. und 8. April in Darmstadt nahmen einige Vereinsmitglieder teil. Der Schriftführer erstattete Bericht über diese Tagung. Da von vielen Seiten der Wunsch geäußert wurde, die Uebungsstunden wieder aufzunehmen, soll in den ersten Tagen mit der Arbeit begonnen werden.
** E i n Achtzigjähriger. Am morgigen Sonntag, 21. April, kann unser Mitbürger, Polizeiwachtmeister i. R. Hermann Schäfer, seinen
80. Geburtstag feiern. Der Jubilar ist seit dem Jahre 1885 treuer Leser des Gießener Anzeigers. Wir beglückwünschen ihn herzlich zum Geburtstag.
** Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 5. bis 11. April ein gegen Kraftfahrzeugführer mit 3 Anzeigen und 5 gebührenpflichtigen Verwarnungen; gegen sonstige Fahrzeugfüh- rer mit 3 Anzeigen und 12 gebührenpflichtigen Per- roarnungen; gegen Radfahrer mit 23 gebührenpflichtigen Verwarnungen; gegen Fußgänger mit 8 gebührenpflichtigen Verwarnungen.
Jahresbericht der Ziotviehzüchter.
In Verbindung mit der 4. Eltte-Versteiaerung von Rotviehbullen und -Rindern in der Rhein-Main- Versteigerungshalle fand im „Hotel Hop selb" ein Züchterabend statt.
Der Geschäftsführer der Abteilung 5, Ober-Land- wirtfchaftsrat Dr. Tornede (Büdingen), legte den Jahresbericht für 1939/40 vor, der in jeder Hinsicht einen Aufstieg ausweisen kann. Die Zahl der eingetragenen Tiere wies u. a. auch in Hessen- Nassau und Kurhessen eine Zunahme auf. Auf der 5. Reichsnährstandsausstellung in Leipzig wurden außerordentliche Erfolge erzielt, wobei der Verband 4 Ehrenpreise, 27 la- und 1. Preise, 20 2. Preise, zwei 3. und einen 4. Preis erzielen konnte. Auf 14 Zuchtviehversteigerungen wurden von 448 aufgetriebenen Bullen 385 abgesetzt. In Gießen kamen drei Landesversteigerungen zur Durchführung, die hinsichtlich der Materialauswahl, des Absatzes, der Preise und der Angebote stets einen sehr guten Erfolg zu verzeichnen hatten.
Die Versteigerungen von weiblichen Tieren wurden in Frankenberg und Nordhausen mit Erfolg eingeführt und sollen nun überall durchgeführt werden. Jeder Bullenzüchter ist verpflichtet, auf je drei zur Versteigerung gebrachte Bullen ein weibliches Zuchttier zu liefern.
Außer den Absatzveranftaltungen für Bullen, Kühe und Rinder wird mit der Abhaltung von Ochsenmärkten gerechnet, da die Nachfrage nach Rotvieh-Fahrochsen wieder sehr groß war. Die Betriebe haben mit Erfolg einen Rotvieh-Ochsen neben ein Warmblutpferd spannen können, wobei die Ochsen ein flottes Schrittempo einhielten.
Die Pflichtmilchkontrolle wurde in den meisten Verbänden durchgeführt, so daß etwa 100 000 Rotviehkühe unter Kontrolle stehen. Die Durchschnittsleistung der Herdbuchtiere betrug 1937/38 = 3000 Kilogramm Milch und 115 Kilogramm Fett. Für
das Kontrolljahr 1939/40 dürften die Gesamtdurch- schnittsleistungen höher liegen. In das Rinder« Leistungsbuch sind 125 Rinder eingetragen, weitere Eintragungen stehen bevor.
Im Institut für Tierzucht und Molkereiwesen an der Universität Gießen wurden an 7 Rotviehkälbern Aufzuchtoersuche im ersten halben Jahr durchgeführt, die Aufschluß darüber geben, daß sich die Jugend- entwicklung des Rotviehs gegenüber anderen Rinderrasfen günstig gestaltet. l)ie Versuche werden fortgesetzt. Ferner konnten Untersuchungen über die Frage der Arbeitsleistung der Milchkühe abgeschlossen werden, die sehr günstig ausfielen.
Die Rotviehzucht hat sich in Hessen-Nassau, besonders im Kreise Biedenkopf und in Oberhessen, sehr gut entwickelt und ausgezeichnet verbreitet.
Bauer Brand berichtete über die neuesten Anordnungen, nach denen zur Schließung der Fettlücke nun auch von den Bullenmüttern ein 3,7 v. H. Fettgehalt der Milch als Mindestforderung aufgestellt wurde. Bei den Bullenversteigerungen ist für die Wertklasse 1 in Zukunft der Nachweis von 3,8 v. H. Fettgehalt erforderlich. Zu diesem Zweck werden 4 Wertungsklassen geschaffen. Ferner wird der Reichsverband zur Förderung für das Rinder- leistungsbuch geeigneter Tiere eine Bedeckungsprämie einführen, die es Züchtern von ausgezeichneten Rindern ermöglicht, sie einem ebenso ausgezeichneten Dcttertier aus dem Nachbarverband zuzuführen.
Strafkammer Gießen.
Der W. K. aus Frankfurt a. M., zur Zeit in Untersuchungshaft, war beschuldigt, mit männlichen Personen unter 21 Jahren unzüchtige Handlungen vorgenommen zu haben. Der Sachverständige hält den Angeklagten für vermindert zurechnungsfähig. Dem Antrag des Anklagevertreters entsprechend wurde der Angeklagte zu einer Gefängnisstrafe von 8 Monaten, abzüglich 3 Monate Untersuchungshaft, verurteilt, und zwar unter Zubilligung des Schutzes des § 51II StGB.
Der H. G. in Butzbach, 18 Jahre alt, zur Zeit in Untersuchungshaft, war beschuldigt, am 16. März in Butzbach mit einer Person unter 14 Jahren unzüchtige Handlungen vorgenommen zu haben. Der geständige Angeklagte wurde dem Antrag des Anklagevertreters entsprechend zu einer Gefäng- nisftrafe von 9 Monaten, abzüglich 1 Monat Untersuchungshaft, verurteilt.
Landkreis Gießen.
* Großen - Linde n, 20. April. Am kommenden Montag, 22. April, kann unsere Mitbürgerin Frau Kaspar A l b a ch Witwe ihren 8 0. G e - burtstag feiern. Wir beglückwünschen herzlich!
s. Lang-Göns, 18. April. Am heutigen Tage ft a r b unser ältester Einwohner, Maurermeister Anton Schäfer, Hundstaatenstraße. Er stand im 89. Lebensjahr und war bis vor einigen Monaten immer rüstig und gesund. Im Dezember 1937 starb Zimmermeister Heinr. K i e f e r, der allerdings beinahe 93 Jahre alt wurde. Nun ist Frau Anna Müller Wwe., Amthausstraße, die im Juli ihr 89. Lebensjahr vollendet, die älteste Einwohnerin unseres Dorfes. — Das Westwall-Ehrenzeichen wurde "vor einigen Wochen dem hiesigen Arbeiter Gustav Keller verliehen. Er ist feit April 1939 ununterbrochen am Westwall beschäftigt.
Schweinemarkt in Homberg.
—.— Homberg, 18. April. Der gestrige Schweinemarkt war mit 162 Ferkeln befahren. Es wurden für 6 bis 8 Wochen alte Ferkel 35 bis 40 RM., für 8 bis 10 Wochen alte 40 bis 45 RM. pro Stück gezahlt. Das Geschäft verlief schleppend, so daß Ueberstand verblieb.
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9. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)
Jupp hebt den Kopf. Hinter der Laube, die mit der Rückwand gegen den Grasgarten abschließt, bewegt sich etwas. Ein Karnickel, beruhigt sich Jupp, weil er nichts mehr hört. Er wäre ja auch viel zu faul, um aufzustehen und nachzusehen.
Täte er es, würde er Hermann dort entdecken. Er benutzt die Rückwand der Laube als Lehne und streckt die Beine in den Grasgarten hinaus. Seine Augen suchen den Himmel ab. lieber dem zweiten Deichselstern im Wagen soll ein Komet austauchen — außerdem hat in der Wega ein Stern plötzlich doppeltes Licht bekommen. Sternenkatastrophe. Hermann hat-es im Blatt gelesen.
„Du, ich hab's 'raus", sagt Erni zu Jupp, „was mit der Tante Lena los ist."
„So, was denn?" Jupp schmeißt mit der Schuh- spitze Kies über die dicken, bunten Knollenbegonien.
„Laß das, die knicken doch ab!"
„Ra, denn rede endlich! Eh' du endlich was 'rau sb ringst!"
„Wenn du frech bist, tannft du ja sehen, woher du's erfährst."
„Richtiger Weiberquatsch — lange Vorrede und nichts dahinter!"
„Du —" Eine Weile erbostes Schweigen. Schließlich beginnt Erni wieder versöhnt.
„Natürlich ist sie verlobt —'
„Wer? Die Lena? Ach, so was Blödes! Das hält' ich von der nicht gedacht!"
„Tu mir nicht, als ob das das Schlimmste wäre, wenn sich jemand verlobt. Großartig ist bas und fabelha ft intereffant!"
„Mist ist das! Kommt gar nichts dabei 'raus, bloß Krach! Man sieht es ja bei Rudolf."
„Es muß doch nicht immer so quer gehen. Und außerdem, da gibt's nichts: Rudolf und Jutta, die sind schrecklich glücklich. Ich hab' mich vorgestern mit Jutta getroffen. Oben am Berge. Der Rudolf kam auch dazu. Du, wie die sich manchmal angucken!"
„Hör' bloß auf damit! Hebel kann einem habet
werden. Nee, von der Lena hätt' ich so was m*. gedacht. Woher willst du denn das überhaupt wissen?"
„Hat mir’s selber gesagt, heute früh. Jcb hab' ihr das mal beigebracht, daß sie ganz hieroleiben soll, weil sie doch eine Oettekingsche ist."
„Na ja und?"
Erni zuckt die Achseln.
„Da ist eben nichts zu machen. Oben in Ostpreußen hat er ein Gut, ganz nahe an der Grenze. Dort muß es wahnsinnig einsam sein. Weit und breit kein Mensch. Wie sie dort gebraucht wird, hat sie erzählt. Wie er niemanden hat und sich immer nach einer Aussprache sehnt, der Gottfried, der arme Kerl."
„Gottfried? Was denn für 'n Gottfried?"
„Menschenskind, das ist ,er’l Ein Bruder übrigens von ihrem Bräutigam, der Flieger war und abge- ftürzt ist."
„Flieger? So? Das ist Sache. Einen Flieger hätte sie meinetwegen heiraten können."
„Ach Gott, der ist längst unter der Erde. Und nun nimmt sie seinen Bruder und geht nach Ostpreußen. Und unser ganzer schöner Plan fällt ins Wasser. Das wär' was gewesen, wenn sie ganz bei uns geblieben wäre, die Lena ..."
Jupp bohrt seinen Schuhabsatz in den Kies.
„Du", fragt Erni nach einer Weile, „was wird denn der Große dazu sagen, wenn der das erfährt?"
„Was geht denn das den Großen an! Die Lena ist doch eine von Uns Oettekings. Einen Quark geht den das an!"
„Du, der ist doch mächtig hin! Ganz futsch in die Lena."
„Na, so ein Quatsch! Das ist ja nun wieder Mädelart, was du dir da zusammenphantasierst!"
„Na, du merkst auch gar nichts —"
Jupp steht auf. „Ich geh' jetzt schlafen, du hast mir die ganze Laune verdorben. Hundemüde bin ich —"
Auch Erni steht auf und geht. Nur der Mann hinter der Klematislaube bleibt. Die Sterne sieht er nicht mehr, obwohl sie nach wie vor leuchten. Er hat die geballten Fäuste auf den Knien liegen. Seine Augenbrauen sind zu einem einzigen harten Strich zusammengezogcn. Er sitzt, bis seine Joppe feucht vom Nachttau ist, ganz still auf einem Fleck.
Dann erhebt er sich, als sei er lahm, und geht mit schwer zu dämpfenden Schritten ins Haus.
*
Ein paar Tage später sagt Lena Oetteking, sie müsse nun wieder abreifen. Das letzte Fuder sei ja heute herein, und die Pferde seien frei, da möchte sie am liebsten morgen am zeitigen Vormittag nach Löbau an die Bahn gebracht werden, damit sie nachmittags noch nach Breslau komme.
Wie auf Kommando heben sie alle die Köpfe. Jeder wartet, daß der andere was sagt. Und so kommt es, daß niemand redet.
Erni schielt auf Hermann; der stochert in seinen Kartoffeln, sieht mit einemmal ganz elend aus, der Große.
Jupp bricht endlich das Schweigen. „Hättest wohl Noch ein bißchen bleiben können , mault er. „Ein so kurzer Besuch ist überhaupt gar kein Besuch —", und er denkt daran, daß ihm nun niemand mehr abends vor dem Schlafengehen noch was zum Schleckern aufs Zimmer bringen wird.
„Oh, Tante Lena", sagt dann auch Erni. Und obwohl sie doch längst von der geplanten Abreise weiß, ist auch sie bestürzt.
Der Hausherr rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Sogar er gewinnt es über sich zu sagen: „Schade, daß du schon wieder weg willst. Du hast von unserer Gegend doch noch gar nichts gesehen."
Ja, richtig, sie war noch nicht einmal auf dem Hutberg. Kennt nicht den Ausblick von dort über das Land. Wenn die glitzernden Flächen der Seen in der Sonne liegen und der Wald sie dunkel umrandet. So hoch ragt der Hutberg über das leicht- gewellte Land, daß man zur Sonnenwende dort die lodernden Feuer anzündet. Ja, sie kennt auch das Schloß Plessen-Roda nicht, nicht den Park, den verwunschenen Teich, das versteckte Mausoleum.
Hätte sie nicht von sich aus einmal zu den Messens hinübergehen müssen? Versuchen, die Sache in Ordnung zu bringen? Schließlich ist Rudolf ein Oetteking, Dem man beistehen muß. Warum fand man diese Entschlußkraft nie? Jetzt ist es zu spät. Jetzt muß sie fort.
„Es tut mir auch leid", sagt Lena. „Aber ich werde in Breslau erwartet. Eigentlich schon seit Tagen —" Es ist, als wolle Lena Oetteking noch mehr sagen. Vielleicht von Ostpreußen. Von einem einsamen Gut. Von jemandem, der darauf wartet,
daß sie seine Frau wird. Aber vor den Männern hier fällt das schwer. Lena ist merkwürdig gehemmt. Sie sieht Erni an und nickt. Erni weiß es ja, warum sie fort muß. Mag die es erzählen.
„Ja, wenn es durchaus nicht anders geht", meint Christoph Gräfe unsicher, „wir würden dich gern noch hier behalten —' Er sieht zu Hermann hinüber, als warte er auf dessen Zustimmung. Der Große pflichtet ihm doch immer bei.
Aber Hermann sitzt mit einem verschlossenen Ge- sicht da. Als ob ihn die ganze Sache überhaupt nichts angehe. Nur daß er so erschreckend blaß ist--
Dinge, die einem am brennendsten am Herzen liegen, kann man oft am schlechtesten in Worte kleiden. So geht es Lena. So dem Hermann, ja, selbst Christoph Gräfe geht es nicht anders. Du, würde er jetzt gern zu feiner Schwägerin sagen, mir ist das verdammt peinlich, daß du schon wieher fort willst. Ich habe eigentlich ein aanz schiech- tes Gewissen dir gegenüber, hätte mich mehr um dich kümmern sollen. Aber dein Hiersein war so selbstverständlich. Du wirst uns sehr fehlen, wenn du nicht mehr da bist--
Und der Hermann, wie gerne würde der las- brechen! Eine ganze Flut wirb da zurückaedämmt. Man sieht, wie das Blut in feinen Schläfen pocht. Die hellen Augen sind ganz dunkel vckr Qual, daß man nicht Himmel und Hölle in Bewegung fetzen kann — um Lena festzuhalten.
Nichts geschieht. Alles unterbleibt. Hermann sitzt da wie ein Klotz. Schweigt, unglaublich unhöflich schweigt er.
Lena sieht hinüber. Sieht dieses Gesicht, das den Adel alter eingesessener Geschlechter zeigt. Jahrhundertelang auf eigener Scholle. Immer Herr. Das prägt sich ein, mischt sich in Hermann Gräfens Gesicht mit einer wissenden Nachdenklichkeit, macht es so anziehend. Aber bann mutz Lena schnell wegblicken. Diese Augen kann sie nicht ertragen, die haben ein Feuer, bas aus einer Tiefe bricht, vor der man sich fürchtet.
Es ist wie eine Erlösung, als Hermann von einem Arbeiter in bie Brauerei hinübergerufen wirb. Als er bas Zimmer verlassen hat, finbet man wieher ben Mut zum Reben.
(Fortsetzung folgt)


