Blau-
Im
Wenn die Sonne den Höhepunkt ihrer Jahresbahn überschritten hat und die Tage langsam wieder kürzer werden, mehren sich mit der früher emsetzenden Dunkelheit auch die Beobachtungsmöglrchkerten für den Sternfreund. In der ersten Hälfte des Monats beherrscht das prachtvolle Sternbild des Skorpions den Südhimmel. Wir finden es Anfang Juli gegen 23 Uhr, Mitte Juli gegen 22 Uhr Sommerzeit m geringer Höhe über dem Südhorizont. Da es wegen seiner südlichen Stellung immer nur wenige Stunden sichtbar ist und seine für uns günstigste Stellung gerade zur Zeit der kürzesten Nächte erreicht, ist es bei uns allgemein noch viel zu wenig bekannt. Größere Beachtung schenkten ihm die Griechen und Römer des Altertums, denn am Sternenhimmel der Mittelmeerländer steigt 'der Skorpion bedeutend höher empor als bei uns und bildet eines der auffälligsten Sommersternbilder des Tierkreises.
Den hellsten Stern im Skorpion nannten dre Griechen wegen seiner roten Farbe Ant-Ares, das bleutet soviel wie Ares- oder Marsähnlicher. Bewegt sich der Planet Mars im Skorpion und hat er ungefähr die gleiche Helligkeit wie Antares, so sind beide Sterne in der Tat zum Verwechseln ähnlich, da beide auch in annähernd gleich roter Farbe leuchten. In wundervollem Gegensatz zu dem roten Antares stehen die übrigen blauweißen Sterne, die strahlenförmig angeordnet den Hauptstern umgeben und dem Sternbild des Skorpions seine eigentümliche Gestalt verleihen. , „ ,
Antares ist ein roter Riesenstern von ungeheurer Größe. Seine wahre Natur ist erst bekannt, seitdem es Michelson vor rund 20 Jahren gelang, den Durchmesser des Sternscheibchens mit dem Interferometer zu messen; er ergab sich zu 0,04 Bogensekunden. Daraus folgt, daß bei einer Entfernung von 300 Lichtjahren der wirkliche Durchmesser dieses Uebergiganten 400 Sonnendurchmesser beträgt. In die Mitte unseres Planetensystems gestellt, würde Antares noch weit über die Marsbahn hinausreichen. Wie bei allen roten Riesen ist die Oberflächentemperatur mit<3200 Grad verhältnismäßig niedrig (Sonne 5900 Grad). Trotzdem strahlt Antares wegen seiner großen Oberfläche etwa 3000mal so viel Licht aus wie die Sonne. Die den Riesenstern in weitem Abstand umgebenden Staubwolken'leuchten in seinem Licht rötlich, wie man in neuester Zeit auf Aufnahmen mit rotempfindlichen Platten feststellen konnte.
Rechts vom Skorpion und nur wemg höher bemerken wir die beiden hellen Sterne der Waage und im Südwesten die Spika in der Jungfrau. Zusammen mit dem dicht über dem südlichen Horizont befindlichen Schützen geben uns diese Sternbilder die jetzige tiefe Lage des Tierkreises an, wie sie der Son- 'nenbahn im Winter entspricht. Vom Schützen steigt in zwei Armen die Milchstraße empor, deren zarter Lichtschimmer aber wegen der Hellen Nächte noch nicht recht zur Geltung kommt. In der Milchstraße fällt besonders das von den drei Hellen Sternen Wega, Deneb und Atair gebildete gleichschenklige Dreieck auf, dqs den ganzen Sommer hindurch bis in den Herbst hinein dem Südhimmel sein Gepräge gibt und daher auch Sonnendreieck genannt wird.
Zwischen Wega und Arkturus, dem sehr Hellen, goldgelb funkelnden Riesenstern im Bootes, sehen wir
den Herkules und die Nördliche^Krone, Sternbilder ohne besonders Helle Sterne, für deren genauere Beobachtung man daher zweckmäßig einen Feldstecher oder ein Opernglas benutzt.
Ueber dem Osthorizont sind gegen 23 Uhr Sommerzeit die Sternbilder Pegasus und Andromeda heraufgekommen. Im Nordosten fällt die Kassiopaia auf, deren fünf Helle Lichtpunkte ein lateinisches W an den Himmel zeichnen. Der den rechten Fußpunkt des W bildende Stern, Schedir genannt, ist ein gelber Riesenstern von veränderlicher Helligkeit. Die übrigen Sterne der Kassiopaia sind weiß, aber ebenfalls Lichtriesen im Vergleich zur Sonne. Tief am Nordhorizont flimmert die Kapella im Fuhrmann. Den Himmelswagen im Großen Bären sehen wir links vom Polarstern in absteigender Bewegung.
Am Abendhimmel sind die Planeten verschwunden. Venus löst sich in den ersten Julitagen aus der Morgendämmerung und wird bald als Morgenstern ein sehr auffälliges Gestirn am Osthimmel. Ende des Monats geht der Morgenstern bereits 2% Stunden vor der Sonne 'auf. Die beiden großen Planeten Jupiter und Saturn stehen nahe beieinander im Sternblld des Widders; sie gehen Anfang Juli gegen 2 Uhr, Ende Juli kurz nach Mitternacht auf.
Die Erde durchläuft am 4. Juli den sonnenfernsten Punkt ihrer Bahn. Ihr Abstand von der Sonne beträgt dann 152,4 Millionen Kilometer gegenüber 146,9 Millionen Anfang Januar. Dementsprechend ist der scheinbare Sonnendurchmesser im Juli um 64 Bogensekunden oder 3% v. H. kleiner als im Januar. Für die Wärmezufuhr spielen die Aende- ruygen des Sonnenabstandes nur eine sehr geringe Rolle. Entscheidend ist die Höhe der Sonne über dem Horizont und die Tageslänge.
Der Mond zeigt im Juli folgende Lichtgestalten: Neumond am 5., erstes Viertel am 12., Vollmond am 19. und letztes Viertel am 27. Juli.
Der FC. Schalke 04 gewann sein letztes Gruppenspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft gegen den Mülheimer SD. mit 8:2 (2:1) und qualifizierte sich damit endgültig für die Vorschlußrunde. Dem Treffen wohnten in Erfurt 25 000 Besucher bei.
Deutscher Handball-Kriegsmeister wurde der SV. ßintfort, der in Halle vor 6000 Zuschauern das Endspiel gegen Polizei Magdeburg mit 9:6 (4:4) Toren gewann.
wurde.
Die Platzbesitzer verlegten von Anbeginn an das Spiel m des Gegners Hälfte. Zahlreiche Torge-
Aus der engeren Heimat.
Gedern und General von Iransecky.
Lpd. Gedern (Oberhessen), 7.Juli. Alljährlich erfüllt die Stadt Gedern eine Pflicht der Dankbarkeit und Anhänglichkeit an ihren großen Sohn, den nn November 1807 in ihren Mauern geborenen, nachmaligen bedeutende» Heerführer General von F r a n s e ck y , indem fie jeweils am 3. Juli, dem Tage der Schlacht von Königgrätz, des Generals als des Siegers von damals gedenkt. Sein Denkmal, der „Fransecky-Brunnen", in Gedern, hat nunmehr einen neuen Schmuck erhalten.
Landkreis Gießen.
= Staufenberg, 7. Juli. Ludwig hieran (der Sohn unseres frühere« Burgwirtes), Feldwebel in einem Jagdgeschwader, wurde zum Oberfeldwebel befördert.
* Lollar, 7. Juli. Am Sonntag kam das Bundeswettkampfschießen im NS.-Reichskriegerbund der Kriegerkameradfchaft Lollar zum Abschluß. Insgesamt waren hierzu 11 Gruppen mit 44 Mann angetreten. Es konnten gute Ergebnisse erzielt werden. Die 5 besten Schützen waren: Adolf Göttlich, 54 R.,
Der Sternenhimmel im Juli
Von Dr. Erwin Koffinna.
letzten Meisterschaftsspiel gelang den weißen ein klarer Sieg über Rodheim, womit die im Vorspiel erlittene Niederlage wieder wettgemacht
als unversiegelte Wertpakete versandt werden. Außer der Paketgebühr (im Höchstfälle 50 Rpf.) ist die Wertangabegebühr von 10 Rpf. zu entrichten.
Strafkammer Gießen.
Die Sofie Charlotte Lapp in Vilbel war durch Urteil des Amtsgerichts Vilbel vom 8. Mai d. I. zu einer Geldstrafe von 150 RM. verurteilt worden. Sie hatte als Jüdin i. S. der Verordnung vom 14. Nov. 1935 und als deutsche Staatsangehörige sich geweigert, den vorgeschriebenen Anttag auf Ausstellung einer Kennkarte zu stellen. Gegen das Urteil legte sie Berufung ein.
Durch die Beweisaufnahme wurde feftge;teilt, daß die Angeklagte bis zum Jahr 1938 als Jüdin zu gelten hatte. Dem Anttag des Anklagevertteters entsprechend wurde die Berufung als unbegründet verworfen.
Postschaffner Schieferstein wurden für 25jährige Treue im Dienst mit dem silbernen Treudienst- Ehrenzeichen bedacht.
♦♦ Bestrafte Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 21. bis 27. Juni im Bereich der Polizeidirektton Gießen (einschließlich des Polizeiamtes Bad-Nauheim/Friedberg) wiederum gegen eine stattliche Anzahl Verkehrssünder ein. 1 Kraftfahrer, 2 sonstige Fahrzeugführer und 3 Radfahrer wurden angezeigt, 2 Kraftfahrer, 10 sonstige Fahrzeuglenker und 28 Radfahrer gebührenpflichtig verwarnt. 2 Kraftfahrer, 9 Radfahrer und 14 Fußgänger kamen mit gebührenfreier Verwarnung davon.
** Pakete gegen ermäßigte G e b ü h r. Postpakete mit Kleidungsstücken und Gegenständen des persönlichen Gebrauchs der zum Heeresdienst Einberufenen, der Arbeitsmänner ufw. können auch
Um die Vammeißerschast im Schwimmen
Hitler-Jugend im Schwimmbad Klein-Linden.
nungen im bargeldlosen Zahlungsverkehr Das Bank, aeroerbe sichert sodann den nattonalwlrtschastuch erwünschten Arbeitseinsatz des Geldes. Durch feine erprobte Kreditbereitschaft erhält das. Bankgewerbe die Liquidität des Produktionsapparates, indem es Die ihm anoertrauten Gelder an die Stellen des drm- gcnften Bedarfes leitet.
Kommt diesen Leistungen nun tn Krlegszetten eine Bedeutung zu, daß wir von einer kriegswichtigen Banktätigkeit sprechen können?
Wir dürfen hier, um die richtige Antwort zu sm- den auf die Bedeutung der Nachschubsicherung für die Kampfkraft der Wehrmacht verweisen. DieNach- schubsicherung setzt voraus, daß der auf Kriegsbedarf umgestellte Produkttonsapparat der Heimat weiterläuft. Es müssen aber, wenn dieser Apparat intakt arbeiten soll, alle Zahlungsvorgänge pünktlich erledigt werden; sonst ist eine geordnete Material- und Rohstoffzufuhr unmöglich. .
Die Produktions- und Umsatzoerlagerungen setzen an verschiedenen Stellen der Wirtschaft Gelder frei, die durch zweckmäßige Anlage in den Dienst der Kriegsfinanzierung zu stellen sind. Die Durchfuh- hrung dieser Aufgabe ruht auf den Schultern der Banken. Ebenso ist es Aufgabe der Banken, die ersten Fäden zu den Zahlungsinstituten der wieder mit dem Reich vereinigten und von ihm betreuten Gebiete zu knüpfen. Die> Verlagerung des Außenhandels auf neue Bezugs- und Absatzgebiete macht eine finanzielle Betreuung der Ein- und Ausführhändler erforderlich, die wiederum voy den Banken geleistet wird, die damit die Anfuhr wichttgster Kriegsrohstoffe ermöglichen.
So werden wir in jedem Kapitel kriegswichtiger Tättgkeit, fei es im Handel, in der Warenerzeugung, im Außenhandel eine Zone bankmäßiger Bette u- lunsarbeit finden, deren Bewältigung die Kriegs- wichtigkett der Bankleistung besonders deutlich macht.
Karl Krombach 53 R., Hrch. Struck 51 R. Karl Kaletsch 51 R., Hrch. Diehl 50 Ringe. Das Ehrennadelschießen soll an den nächsten Sonntagen statt- finden.
Kreis Bübingen.
e. Schotten, 7. Juli. Der Gemeinderat befaßte sich in seiner jüngsten Sitzung mit dem Gemeindevoranschlag für das Rj. 1940. Dieser schließt in den Einnahmen und Ausgaben mit je 273 E ^M. ab. Größere Projekte könne« eben mit Rücksicht auf die Kriegsverhältnisse nicht durchgeführt werden. Die einzelnen Rubriken des Voranschlags wurden durchgesprochen. Auch der Wasserwerksvoranschlag 1940, der mit je 18 340 RM. abschließt, wurde behandelt. Ebenso wurde der Voranschlag des städtischen Krankenhauses, der eine Einnahme und Ausgabe von je 121 000 RM. aufweist, besprochen und angenommen. — Der Schottener Sommer- markt vom 12. bis 14. August soll auch in diesem Jahr abgehalten werden.
Wirischast.
Sanfen als kriegswichtige Betriebe.
Es kommt in der Volkswirtschaft durchaus nicht nur auf die sichtbaren unb greifbaren Produktionsoorgänge an, vielmehr gehören zur unentbehrlichen Leistungsapparatur der nationalen Produktionsgemeinschaft auch eine Reihe von kontrollierenden, bewegenden und messenden Arbeitsleistungen, die als Klammern des Gesamtzufammenhanges wirken.
Unter den Dienstleistungsgewerben, die für einen solchen Zusammenhang der einzelnen Produkttonsvorgänge wirken, steht das Bankgewerbe mit an erster Stelle. Als wichtigster Träger des binnenwirtschaftlichen Zahlungsverkehrs gewährleistet es die Sicherheit der Leistungsvergütung, das will sagen, die pünktliche und ordentliche Bezahlung der Rech-
legenheiten boten sich dem Sturm, der sie jedoch nicht verwerten konnte. Einesteils war es die zahlreiche und aufopfernd spielende Hintermannschaft der Gäste und wenn sie wirklich einmal ausgeschaltet wurde, das ungenaue Schießen, so daß bis zur 25. Minute das Spiel noch 0:0 steht. Erst da gelang es Kraft durch geschicktes Täuschen des linken Verteidigers zur Führung einzuschießen. Mit diesem Ergebnis ging es in die Pause. Nach dem Wechsel blieben die Blauweißen auch weiterhin feldüberlegen. In der 60. Minute erhöhte Pechauschek auf 2:0. Wenig später erzielte Kraft nach vorausgegangener guter Kombination des Jnnensturmes den dritten Treffer. In der 75. Minute hieß es durch Kraft 4:0 und nachdem sich die Gäste bei Fischer auch einmal in Erinnerung gebracht hatten, stellte Kraft das Ergebnis auf 5:0.
Rvdheim, körperlich den Platzbesitzern klar überlegen, brachte nicht die spielerische Leistung auf, um die mit Fischer, Schneider, Goß, Stteler, Jäger, Bischoff, Kraft, Hans, Pechauschek, Kraft II., Heeg, Nachtigall anttetenden Blauweißen ernstlich zu gefährden.
Kurze Sportnotizen.
Deutschlands Radsportler kamen im Länderkampf gegen Italien bei der Fernfahrt München—Mailand (597,7 km) zum Sieg in der Länderwertung, während Italien in Morigi den Einzelsieger stellte.
Das herrlich gelegene Schwimmbad des Stadtteiles Gießen-Klein-'Linden war am Sonntagvormittag das Ziel der Hitler-Jugend im Bann 116. Aus allen Teilen des Kreises Wetterau waren Teilnehmer zum Wettkampf angetreten, um ihre Kräfte im Schwimmen zu messen. Daß das neuzeitliche Bad für Wettkämpfe besonders geeignet ist, konnte am Sonntag festgestellt werden. Die Ergebnisse waren im allgemeinen als gut anzusprechen.
Um zehn Uhr begannen unter Leitung von Bann- fachwart K le i n k e - Gießen die Wettkämpfe der Jugend beiderlei Geschlechts, denen von der Einwohnerschaft unseres Vorortes und auch aus der Stadt Gießen lebhaftes Interesse entgegengebracht wurde.
Vom Stab der Hitler-Jugend wohnten Untergau- fiihrerin Käthe Töpelmann und Bannführer Odenweller mit besonderem Interesse der Äer- anstaltung bei. Als Kampfrichter hatten sich bewährte HI.-Führer in den Dienst der guten Sache gestellt. Die Wettkämpfe nahmen besten Verlaus, und da eine Uebung die andere schlagartig ablöste, so konnten schon nach drei Stunden die Kämpfe beendet werden, so daß der sonst am Sonntagnach- mittag sehr stark einsetzende öffentliche Badebettieb keine Unterbrechung erfuhr. Die Wettkämpfe brachten erneut den Beweis, auf welch breiter Grundlage die Arbeit in der Hitler-Jugend aufgebaut ist. Die Hitler-Jugend will nicht in erster Linie Spitzenleistung fördern, sondern körperliche Durchbildung recht vieler Teilnehmer erreichen und damit allgemein an der körperlichen Ertüchtigung der gesamten Jugend arbeiten. Die Ergebnisse folgen!
Letztes Meisterschaftsspiel.
1900 — Rodhelm 5:0 (1:0).
(Nachdruck verboten!)
36. Fortsetzung.
Seine Spur von Hauck
Roman von Lharlotte Kaufmann.
würden ihre täglichen Sorgen allein ihm gehören.
Bei Stollens Kartoffelacker tauchte ein Radfahrer auf. Der Junge vom Fischer Ketelsen!
„Hallo", schrie er schon von weitem, als er sie am Fenster entdeckte. „Sie sollen nach Stein kommen, auf Post, möglichst gleich." Er sprang gar nicht ab. Auf dem Rain noch machte er kehrt.
Auf die Post von Stein?
Sie zog ihren Mantel an, die Handschuhe, wollene Handschuhe, von Huith zu Weihnachten geschenkt.
Sie holte ihr Rad aus dem Schuppen und machte sich auf den Weg nach Stein.
Fast schien es, als wollte die Sonne gegen Mittag herauskommen. Den Strand entlang flogen Möwen.
Die Post von Stein bestand lediglich aus einem Zimmer im Haufe des Wirts. Ein Telephon stand darin und zwei Regale mit Formblättern.
„Was sollte ich?^ fragte Sibylle. Sie war erhitzt, denn sie hatte sich beeilt.
„Es ist angerufen worden", gab man ihr Bescheid. „Sie sollen die Nummer 77 832 antelephonie- ren, möglichst bald, hat es geheißen."
Arufen? Hatte Joachim ... keine Zeit heute abend? Aber das war ja nicht Joachims Telephonnummer, auch nicht, soviel sie sich erinnerte, die Nummer der Scheffield-Werke.
Sie ließ sich verbinden.
Es meldete sich das Rechtsanwaltsbüro von Dr. Mjölln.
„Frau Hauck, sind Sie am Apparat?"
„Ja, ich bin es. Wer ist dort?"
„Wassili" ... dieser kleine treue, stille Freund, der sie so oft über grundlose Tiefen geführt hatte.
War es nicht fast so, als habe er sie absichtlich verlassen ... weil sie im Begriff war, Vergangenes zu vergessen? Vielleicht hatte seine hölzerne Seele gedacht, daß er nun überflüssig sei und daß ie ihn nicht mehr gebrauchen würde, wenn sie erst ein Haus in Heikendorf besaß oder eine Wohnung in der Stadt.
Sibylle lief den Strand entlang bis nach Stein.
„Ihren Kahn, Frau Hauck?" Nein, niemand hatte etwas davon gesehen. „Vielleicht ist er in den Hafen der Stadt hineingettieben worden, wer weiß."
Sie ging wieder nach Hause, tat ihre Arbeit, räumte im Atelier auf, machte Feuer und kochte. Alle die Dinge, die jeden Tag getan werden mußten, die das Leben ausmachten.
Sie goß die Kakteen am Fenster. Sekundenlang starrte sie über die winterlichen Aecker des Landes. Am Aoend würde Joachim kommen, und dann
Joachim ...
Sibylle nahm das Purliputzelchen von den Kissen auf, griff in seine schwarzen Fuchspelzhaare, warf es wieder zurück, während der Sturm an den Sparren des Hauses rüttelte, als stünde jemand draußen in der Nacht und begehre^Einlaß.
Als Sibylle am nächsten Morgen aufftanb, war der Wind fortgezogen. Die Luft war still und kalt. Das Wasser stand hoch, es leckte beinahe an der Tur ihrer Kate. , ri
Der Sturm war fortgezogen nach Westen hinüber, aber er hatte den Kahn „Wassili" mitgenommen.
Sibylle konnte es nicht glauben. Sie lief den Sttand entlang und schaute auf die hochgehenden Wogen. Nirgends war ein brauner Punkt zu sehen, nirgends lag das Boot. Das Wasser, das in der Nacht mehr und mehr von draußen in die Bucht hineingepreßt worden und höher und höher gestiegen war, hatte ihn aus dem Sand hochgehoben w,d mitgenommen.
„Da ist ja schon Teek." Die Bettina atmete auf.
Der Wind ließ nach, als sie in die Beuge des schützenden Hafens einliefen. Der Motor schnurrte, verstummte. Das Boot hielt am Kai. Helfend hob Sibylle ihre Hand.
„Schönen Dank, daß Sie mich Mitnahmen, Frau Hauck."
„Nichts zu danken."
Bettina verschwand im Dunkel der Straße, hinter dem Strandhotel.
Und das Boot „Wassili" suchte sich seinen Weg wieder hinaus aus dem schützenden Arm des Hafens.
Als Sibylle mit fast instinktmäßiger Sicherheit das Boot auf der Höhe ihres Hauses gegen den Sttand laufen ließ, war es zehn. Die See bedeckte den grellen Sand bis fast hinauf zu den Dunen, lieber all den erstarrten Trichtern, über die tagsüber noch die Nebelkrähen getippelt waren, liefen jetzt Wellen. v m ,
Sibylle sprang ins Wasser und zog den Kahn weit herauf, damit er nicht von den Wassern fortgenommen würde. _
Durchnäßt trat sie ins Haus und machte Licht. Im Wohnraum lag noch ein Dust von dem Parfüm des blonden Mädchens Jngeborg Petersen, deren Bild im Atelier drüben auf der Staffelei lehnte.
„Doktor Mjölln selbst. Frau Hauck, ich wollte Sie etwas fragen. Hoffentlich habe ich Sie nicht zu un- anft von Ihrem Kochherd vertrieben. Aber der Weg zu Ihnen hinaus ist so weit, und Briefe chreiben ist umständlich. Da dachte ich. Sie haben vielleicht nicht allzu weit nach Stein."
„Ja, das war sehr gut gedacht, und ich bin ja auch hier. Was wollten Sie von mir?"
„Ja, ich will ... Sie eigentlich nur rasch etwas fragen."
„Und was ist das?" Sie stand allein in dem Amtszimmer, neben dem Tisch, auf dem eine grüne Schreibunterlage mit Reißnägeln befestigt war.
„Ich wollte Sie fragen, ob Ihr Mann früher einmal in der Türkei gewesen ist."
„3n der Türkei? Wie kommen Sie daraus?"
„In Konstanttnopel oder etwa in Beirut."
„Ja, das war ... früher. Vor sehr langer Zeit. Ich kannte ihn damals noch nicht. Aber warum ... weshalb fragen Sie? Haben Sie ... wissen Sie ..."
„Nein, nein. Ich muß nur alles zusammensuchen. Sie wissen ja, ein Detektiv, und in Ihrem Falle bin ich so etwas Aehnliches, muß immer alles wissen und jeder Spur nachgehen. Also er war einmal in Beirut. Ist er dort krank gewesen?"
„Krank? Nein. Davon hat er nie gesprochen."
„Hat er nicht gesagt, daß er dort im Krankenhaus gelegen hat?" Erinnern Sie sich genau?"
„Nein, davon hat er nie gesprochen!" Sibylle war blaß und erstaunt. „Er sprach nur selten von den Moscheen dort und den Türmen. Ja, er hat auch Skizzen aus der Zeit in seinen Schubladen liegen ... er machte eine Jtalienreise damals wie die meisten Maler, und dann einen kurzen Abstecher nach der Türkei. Aber ... sagen Sie mir, wie Sie plötzlich darauf kommen?"
Mjölln räusperte sich. „So, so, er hat nie etwas davon gesagt, daß er dort krank gewesen ist. Na, übrigens kennen Sie die Wirtschaft zum Goldenen Horn?"
„Nein, Herr Doktor, den Namen höre ich zum erstenmal."
„Das ist so eine kleine Kellerwirtschaft hier in der Stadt. Sie steht im Adreßbuch. So, die kennen Sie nicht."
„Nein."
,Hst Ihr Mann nicht manchmal dorthin gegangen?"
„In eine Wirtschaft in der Stadt ist er nie gegangen. Er ist nie allein weggegangen in die Stadt, als ich
„Solange Sie mit ihm verheiratet waren meinen Sie. Solange er noch bei Ihnen lebte/
,Za, das wollte ich sagen."
„Nun, das ist merkwürdig. Na, dann schönen Dank, Frau Hauck."
„5>aben Sie eine Spur gefunden?" Sibylle war plötzlich erregt. „Sagen Sie mir, was Sie wissen, Herr Doktor."
„Das sind alles nur Vermutungen. Etwas Positives ist noch weit weg. Man kann noch gar nichts sagen."
„Aber Sie wissen, daß er noch lebt.. Sagen Sie mir doch etwas."
„Meine liebe Frau Hauck ... wir können es nur hoffen. Sie müssen geduldig sein. Schließlich sind drei Jahre vergangen, seit Ihr Mann verschollen ist... es ist nicht so einfach, hier Spuren zu finden. Aber Sie können sich natürlich darauf verlassen, daß wir alles tun werden, schon im Interesse von Herrn Kett, und außerdem sind wir das ja auch unserem Ruf schuldig. Jedenfalls nochmals vielen Dank, Frau Hauck."
„Bitte", fagte Sibylle tonlos. Sie hörte, wie Mjölln den Hörer auf die Gabel legte.
Eine Wirtschaft zum Goldenen Horn ...?
Ihre Füße waren schwer und müde, als sie wieder auf der Straße ging.
Dies hätte nicht kommen sollen. Nicht heute. Heute wollte sie nicht an Detlef erinnert werden ...
Auf der Straße, dort, wo der Weg in den Sttand mündete, traf sie unerwartet auf Karsten Huith.
„Ah ...", er zog feine Mütze. „Frau Hauck. Eben hörte ich, daß Ihr Kahn fortgeschwemmt wurde." Sie gaben sich die Hand. „Daren Sie auf der Post?"
,Ha ... ich habe Briefmarken geholt." Sie nickte.
„Ich bin gerade auf dem Weg zu Ihnen. Wollte Ihnen sagen, daß heute abend Die Schule ausfällt. Es ist nachmittags Unterricht heute. Es kommt eine Inspektion aus der Stadt."
,/So."
„3a, aber ich kann Sie ein wenig begleiten. Gibt es etwas Neues? Ich habe Sie feit vier Tagen nicht mehr gesehen."
„Nein, was soll es schon innerhalb vier Tagen Neues geben."
„Nun, ich dachte, weil es bei mir so viel Neues gibt."
„Bei Ihnen?"
„Doch."
„Was denn?"
Huith hatte kein Rad bei sich, und so schob Sibylle das ihre. Sie gingen ganz nahe nebeneinander auf dem schmalen Weg über die Höhe. Ganz nahe beieinander, so daß sich ihre Schultern ab und zu berührten. ee (Fortsetzung folgt)


