Nr. 52 Zweites Blati
Oietzener Anzeiger iSeneral-Anzelger für Oberhessen)
Donnerstag. 6. Juni 1940
Sur noch Trümmer bedecken den feindlichen Flughafen.
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Auf einem französischen Feldflughafen, der von unseren Fliegern bombardiert und später vom unseren Truppen besetzt wurde: Kein einziges Flugzeug blieb hier unbeschädigt, die meisten wurden am Boden zerstört. — (PK.-Smolarczyk-Scherl-M.)
Nach der Einnahme von Calais.
Um die französische Hafenfestung Calais wurde erbittert gerungen, bis es den deutschen Truppen gelang, jeden feindlichen Widerstand zu brechen und die Stadt zu erobern. Unsere Aufnahme wurde während der Durchsuchung feindlicher Widerstandsnester in Calais gemacht. Mit erhobenen Armen kommt hier ein Trupp Engländer unseren Soldaten entgegen. — (PK.-Horter-Scherl-M.)
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Das Arbeitseinkommen von Krieaerfrauen.
Aenderung des Anrechnungsverfahrens.
Der Reichsinnen- und der Reichsfinanzminister haben durch einen Runderlaß oom 23. Mai 1940 das Anrechnungsoerfahren für das Einkommen aus Arbeitsverdienst bei Kriegerfrauen, die Familienunterhalt bekommen, neu geregelt. Das bisherige Verfahren war sehr kompliziert und führte vielfach zu Härten. Die wichtigste Neuregelung liegt darin, daß es in Zukunft nicht mehr zweifelhaft sein kann, ob die Werbungskosten abgesetzt werden müssen oder nicht. Nach dem neuen Erlaß müssen nämlich von dem Nettoarbeitsentgelt der Frau zwei Drittel außer
Ansatz bleiben. In diesen zwei Dritteln sind die Werbungskosten mitenthalten. Damit ist eine ganz klare Berechnungsgrundlage für die Anrechnung d"<-s Arbeitseinkommens geschaffen. Der Reichsfinanzminister ist hierbei von den höchstmöglichen Werbungskosten ausgegangen, hat aber für Mütter mit Kindern, die während der Arbeitszeit in eine Kinderkrippe gegeben werden, noch eine weitere Vergünstigung geschaffen, indem nämlich die Hälfte der Unterhaltssätze, die der Kinderkrippe für Verpflegung und Unterhalt zu zahlen sind, auch noch außer Ansatz bleiben können. Die obengenannten zwei Drittel des Arbeitseinkommens, die schon sowieso außer Ansatz bleiben, erhöhen sich also noch um die Hälfte der Unterhaltssätze
Aus der Stadt Gießen.
Der (Sommer blüht.
Der Juni bringt Fülle! Die Mannigfaltigkeit der Farben und der Formenreichtum wirken uberwäl- tiaend. Der Sommer schmeichelt sich ins Herz mit seinen Pflanzen, seinen Tieren, macht es weit Und aufnahmebereit: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldenen Ueberfluß der Welt!" Blumenprangend breitet sich im Sonnenglast die Wiese. Fast regungslos steht Gras bei Gras, zierlich und fein und doch von erstaunlicher Biegungs- und Tragfestigkeit. Durch die Röhrenform der Stengel ist mit geringem Materialverbrauch die höchste Festigkeit erzielt: ein Röhrenhalm ist viel schwerer zu biegen oder gar zu brechen, als ein in sich gefüllter Stiel oder Stab.
Bei Beobachtung der Wiesenbesucher, unter denen die nektarholenden Insekten überwiegen, kann man überraschende Erkenntnisse sammeln. Fast jeder Tagfalter hat seine Lustfarbe. Grün und Blaugrün werden wenig beachtet. Lockende Farben, vor allem Rot, sind hingegen stark begehrt. Unsere beiden Füchse, der große und der kleine, ferner das allbekannte Pfauenauge gehen vorwiegend Blau und Gelb an; Zitronenfalter, Weißlinge, Schwalbenschwanz streben dem Blau und Purpurrot 311. Bienen erweisen sich als rotblind, bestimmte Farbstufen des Rot scheiden für sie ohne weiteres aus. Die een Blutströpfchen oder Zigeunerchen, die die oft massenhaft bevölkern, verharren bei wolkigem Himmel regungslos auf Blüten, oft mehrere gesellig vereint. Bei Sonnenschein geistern sie in leicht schwerfälligem Fluge umher. Die roten Tropfen auf ihren bläulich-dunkeln Flügeln leuchten weithin.
Ueberraschend ist der Zeitsinn mancher sich öffnender Blüten, man kann fast die Uhr danach stellen. Das gemeine Habichtskraut hält sein Wirtshaus von 8 bis 9 und 13 bis 14 zum Empfang von Gästen bereit, der echte Löwenzahn hingegen von 6 bis 7 und 14 bis 15, der Ehrenpreis hat Sprechstunde von 9 bis 10 und 17 bis 18, der scharfe Hahnenfuß von 6 bis 8 und 17 bis 18 Uhr: es gibt also regelrechte Frühaufsteher und ebenso auch Langschläfer unter den Kräutern. Wer Muße hat, kann die Blumen daraufhin beobachten. Es eignen -sich aber nur sonnige, nicht regnerische Tage dazu, denn bei feuchtem Wetter schließt die Mehrzahl der Pflanzen ihre Hüllen, um ein Naßwerden des Pollens und der Narbe zu verhüten. Kostbares Gut ist zu schützen, die Nachkommenschaft hängt davon ab.
Nicht alle Wiesenpflanzen holen sich ihres Leibes Notdurft aus dem Erdboden. Es gibt auch Räuber, die bei den Nachbarn stiebitzen. Wer möchte es dem zierlichen Augentrost mit seinen blassen, dunkelgestreiften Blütchen ansehen, daß er ein Dieb ist, ein richtiggehender Dieb, wenn auch ein herziger. Mit seinen Würzelchen umklammert er die Saugorgane der ihm benachbarten Wiesengräser und nimmt, was er braucht. Freilich ist er immerhin noch bescheiden und giert nur nach dem Rohsaft; zudem kann er, dank seiner grünen Blätter, selbständig sich Kohlenstoff erarbeiten. Nicht minder eifrig ist als „Halbschmarotzer" der Klappertopf auf trockner Wiese oft massenhaft vertreten und auffällig durch seine gelben rachenförmigen Blumenkronen.
Wo die Wiese in ein Moor übergeht, stoßen wir aus den Sonnentau. Die aufrechtstehenden Drüsenhaare der runden Blättchen scheiden einen klebrigen Saft aus und fangen damit unvorsichtige Insekten, die 'mit ihrem Eiweiß der Fangpflanze zum Stick- stofflieferanten werden. Viele Mücken, fürwitzige Ameisen und ab und an sogar ein Kohlweißling geraten in die Blattfalle, in der sie rettungslos kleben bleiben und vergehen.
Still ruht der See. An seinem sandigen Gestade möchte man liegen und träumen. In der Tiefe des Wassers tummeln sich Fische in Menge. Die Brut hält sich näher zum Rande. Schlei und Karpfen, Zander und Plötze beenden ihre Laichzeit. Stunde
um Stunde blüht neues Leben auf, anderes erlischt. Die Ruhe, die die Natur atmet, wenn das Schilf steht und steil emporragt aus dem unbeweglich blanken Spiegel, läßt einen fast vergessen, daß draußen Kampf tobt, schwerster Kampf um die Heimat. • Dr. E. S.
Tageskalender für Donnerstag.
NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude": 15 Uhr kostenlose Führung durch den Botanischen Garten. — Volkstümliche Vorträge der Landes-Universität: 20.15 Uhr im Landwirtschaftlichen Institut, Professor Dr. S e s s 0 u s über „Pflanzenkrankheiten und Pflanzenart"; 20.15 Uhr im Physikalischen Hörsaal,
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Stephanstraße 34, Professor Dr. Vogelsang über „Deutscher Soldatenglaube in den letzten drei Jahrhunderten". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein Robinson". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Es war eine rauschende Ballnacht".
Notizen für den 7. Juni.
Sonnenaufgang 5.05 Uhr, Sonnenuntergang 21.43 Uhr. — Mondaufgang 6.44 Uhr, Monduntergang 22:30 Uhr. Mond in Nordwende.
Ortsgruppe Gießen-Ost.
Am morgigen Freitag, 7. Juni, veranstaltet die Ortsgruppe Gießen-Ost der NSDAP, eine Kundgebung in der Neuen Aula der Universität. Im Mittelpunkt der Kundgebung steht eine Ansprache von Professor Dr. K ö t t e r i tz aus Freiburg i. B. über das Thema „Mit unseren Fahnen ist der Sieg".
Goldenes DoktoriubUäum.
Der Frauenarzt und frühere außerordentliche Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität Gießen Dr. Heinrich Walther konnte am Dienstag sein goldenes Doktorjubiläum begehen. Seine Magnifizenz der Rektor, Professor Dr. Kranz, und der Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Dr. Rieh m, überbrachten dem Jubilar das anläßlich dieses Jubiläums erneuerte Doktordiplom und übermittelten chm die herzlichen Glückwünsche der Universität und der Fakultät. Professor Dr. Walther hat sich durch sein Wirken im Dienste der Universität und der von ihm begründeten Hebammen - Lehranstalt, sowie als praktischer Arzt große Verdienste erworben. Er erfreut sich in weiten Bevölkerungskreisen in Stadt und Land der höchsten Wertschätzung.
Wiederum ausgezeichnetes Ergebnis der Note-Kreuz-Samm<ung.
Die NSV.-Kreisamtsleitung Wetterau kann wiederum ein ausgezeichnetes Sammelergebnis melden. Die jüngste Sammlung für das Deutsche Rote Kreuz am vergangenen Sonntag erbrachte im Bereich des Kreises Wetterau den stattlichen Betrag von 105 000 RM. Innerhalb der Stadt Gießen wurden 22 000 RM. aufgebracht. Da noch nicht alle Meldungen vorliegen, ist zu erwarten, daß sich das (Ergebnis noch etwas erhöht. Der Ertrag dieser Sammlung liegt um etwa 25 v. H. höher als der der vorausgegangenen Sammlung für das Deutsche Rote Kreuz.
Heilpflanren-ptwtowelibewerv.
Um unsere Jugend mit den heimischen Heilkräutern bekannt zu machen, veranstaltet der NS- Lehrerbund einen Heilpflanzen-Photowettbewerb. Es sollen farbige Aufnahmen von Heilpflanzen in der
Bismarck und Birchow unter der Feder.
In Zehlendorf sprachen wir mit Dr. Fritz B u r m e i st e r , der als ehemaliger Steno- Sraph im Reichstage wie im Herren- und
Lgeordnetenhause Bismarck, Rudolf Virchow und Robert Koch persönlich kennengelernt hat. Angesichts des Tobisfilms „Robert Koch, der Rekämpfer des Todes", verdienen die Erinnerungen des alten Herrn besondere Beachtung.
Wenn sich Dr. Burmeister so mancher bedeutsamen Begegnung aus dem vorigen Jahrhundert erinnert und dabei immer wieder auf die liebste von allen, auf das Erlebnis B i s m a r ck s, zu sprechen kommt, dann geschieht es mit jener Begeisterung, die ihn an einem Augusttage des Jahres 1892 erfüllte, als es hieß, der Kanzler fei mit feinem Salonwagen im Stettiner Bahnhof eingetroffen. „Sie hatten die Studenten fehen müssen, wie sie heranfluteten und nicht aufhören wollten, dem Fürsten zu huldigen. Unvergeßlich, wie er sich dann, ausnahmsweise in Zivil, mit folgenden Worten an uns wandte: ,3br wollt wohl, daß ich eine Rede holte? Ich habe schon soviel geredet, daß ich es gar nicht mehr verantworten kann ...' Dabei spielte Bismarck auf mehrere Ansprachen an, die er, von Wien kommend, wo sich sein Sohn verheiratet hatte, in den otaöten München, Augsburg, Jena uni) Stendal gehalten
Aber dies war nur eine Episode. In der Erinnerung Burmeisters leben wesentlichere Begegnungen, die er seiner Tätigkeit als Stenograph im Reichstage wie im Herren- und Abgeordnetenhause verdanken darf. „Was Bismarck m dem1 sehr gehaltvollen ,Koch"-Filrn sagt, habe ich gleichsam noch im Original erlebt. Auf der Leinwand hält er eine Rede, die in dieser Weise zwar nuQt unbedingt historisch, dennoch nicht falsch ist. Der Drehbuchautor hat lediglich, wohl aus dramaturgischen Notwendigkeiten, die Sätze verschiedener -ois- marck-Reden zu einer einzigen zusammengezogen Leicht war es nicht, dem Kanzler stenographisch zu folgen. Er sprach meist sehr leise, seine Stimme war dünn und nicht weittragend. Erschwerend kamHur den Stenographen hinzu, daß der ^urft niemals im Tonfall einen Unterschied machte Sachen W ch- tigern und Unwichtigem .. . Zeit zur Vorbereitung einer Rede fand er selten, aber wer das Thema beherrschte, meinte er einmal, der rede aus eden Fall gut und eindrucksvoll. Unvergeßlich ist mir, wie er
bei der Versicherung, unsere Beziehungen zu Rußland seien durch das Erlebnis von 1866 in keiner Weise getrübt worden, feine Ausführungen plötzlich unterbrach. Er könne solange nicht stehen, meinte Bismarck beiläufig, um dann fitzend — und nun erstmals vorlefend — m feinen Ausführungen fortzufahren. Diese Rede war offensichtlich an die Adresse des Zaren gerichtet und da wollte sich der Kanzler nicht auf die Eingebungen des Augenblicks verlassen ... Ungemein interessant, aber sehr schwierig gestalteten sich für den Stenographen die Kolonialdebatten, wo es darauf ankam, die schwierigsten Namen der afrikanischen Westküste, einem bis dahin ganz ungeläufig, richtig zu Papier zu bringen. Damals lernte ich auch den Dezernenten für Südwestafrika, den Wirklichen und Geheimen Segationsrat Göring kennen, den Vater unseres Generalfeldmarschalls. Er galt als einer der vornehmsten Beamten des Auswärtigen Amtes ..."
Der alte Stenograph, den eine Fülle von Erinnerungen mit der Vergangenheit verbindet, ist heute vierundsiebzig Jahre alt. Als er sich kürzlich den „Koch"-Film ansah, fand er gewissermaßen gute Bekannte auf der Leinwand Ob es nun der Titelheld selbst war oder Rudolf Virchow, ob der Chirurg 0. Bergmann oder der alte Kaiser — alle diese Persönlichkeiten, die schauspielerische Kunst nun nachgebildetet hatte, hatte er noch im Original erlebt. „Dieser Abend im Kino war einer der interessantesten meines Lebens. Als ich Hannings sah, war es, als sei Robert Koch auferstanden. Neben der erstaunlichen Aehnlichkeit im Aeußeren traf er — was wohl ein Zufall war — d e n Klang der Stimme ganz genau. Ich sah und hörte Robert Koch bei einem Dortraa über feine Afrikareife. Sein Kampf galt damals der Tsetse-Fliege, diesem gefürchteten Insekt, das ganze Herden von Rindern vernichtete.
Besser als Robert Koch kannte ich dessen berühmten Kollegen Virchow, den Arzt und Wohltäter der Menschheit. Er sah in den letzten Jahren seines Lebens wohl jugendlicher aus, als ihn Werner Krauß bargeftellt hat. Virchow, dem unter anderem die Planung großer Krankenhäuser, die Schulhygiene wie auch der Fortschritt der Kanalisation zu danken ist, war den Stenographen wegen seiner gleichmäßigen, dabei immer klaren Redeweise sehr willkommen. So sind seine Bücher — allen voran „Die Lehre von den krankhaften Geschwülsten" und die „Die Cellularpathologie" — aus den Stenogrammen einiger Studenten entstanden. Virchow war ein sehr scharser Kritiker, dabei aber nie über
heblich. Er hatte immer etwas von Bonhomie an sich. Seine besondere Liebe galt den Tieren, wie er trotz seiner beruflichen Ueberlaftung — er arbeitete von früh um sieben bis nachts um eins — es sich nie nehmen ließ, seine Rosenbeete in der Schelling- straße, wo er wohnte, sorglichst zu pflegen."
Sehr lebendig und beschwingt werden diese schönen Erinnerungen vorgetragen. Don einem Manne, der noch den Fürsten Bismarck kannte, noch Robert Koch und Rudolf Virchow — Treitfchke und Mommsen, dürfte man mit Fug und Recht die Kennzeichen des Alters erwarten. Indessen — grau- schwarze Haare bedecken den mecklenburgischen Schädel und eine glatte, sonnverbrannte fyaut läßt das Gesicht um fast zwanzig Jahre jünger erscheinen als es tatsächlich ist ... Dr. Burmeister meidet auch heute, an seinem Lebensabend, die Arbeit nicht. Seine Erinnerungen werden bald im Druck erscheinen und dann lebendige Brücken schlagen in jene Zeit, da Robert Koch und Rudolf Virchow ihr großes Werk vollendeten. Kurt Künkler.
Abrechnung mit der Mutter
Von Max Zungmckei
Der Schulweg führt den elfjährigen Peter an einer zoologischen Handlung vorüber. Da bleibt er jedesmal, heiß vor lauter Jungenglück und Entdeckerfreude, stehen. Beobachtet Die Affen, bewundert die Schlangen, jauchzt auf beim Tanz der Mäuse und ist entzückt über die Vögel, die wie große Blumen hinter Käfigwänden auffliegen. Es ist, als ob dem wilden, verwegenen Kerl plötzlich die Seele in die Augen kommt. Er sieht da in ein Reich hinein, das nahe jener Abenteuerwelt liegt, die er sich von den vielen Büchern vorerzählen läßt, die er mit klopfendem Herzen in sich hinein- schlmgtt
Und e^nes Tages wird der Wunsch in ihm groß: ein lebendiges fremdes Tier zu besitzen. Er hat sich innerlid? fest für einen Wellensittich entschieden. Jawohl, er ist sicher, daß er ihm das Sprechen und das Seiltanzen bald beibringen wird. Natürlich gehört auch ein blitzsauberer Käfig dazu. Ja, das wird eine große Sache werden. So ein beflügelter und kluger Kamerad ist wunderbar. Er muß ihn haben. Aber woher das Geld nehmen?! Weihnachten ist ja längst vorüber. Der Geburtstag liegt in weiter Ferne. Nein, darauf kann er nicht warten. Soll er zum Vater gehen und um Geld bitten? Ausgeschlossen! Zur Mutter? Ach, lieber nicht. Aber den Wellensittich muß er unbedingt
haben. Und einen guten Käfig dazu. Das steht fest, davon kann ihn niemand abbringen.
Und nun grübelt er hin und her. Tagelang. Sein Gesicht, das sonst einen unfertigen Ausdruck zeigt, legt sich auf einmal in Falten wie bei einem Erwachsenen. Ach, wenn ich nur wüßte: woher das Geld kommen könnte! Nach einigen Tagen findet die Mutter, nachdem er schon zur Schule gegangen ist, auf der Nähmaschine, in die große Nähnadel eingestochen, wie einen weißen Lappen, folgenden Zettel: „Bitte um Zahlung dieser Rechnung:
Für Kohlentragen . . . 2,— RM.
Für Botengänge .... 5,— RM.
Für Sonstiges.....3,— RM.
Zusammen 10,— RM.
Als die Mutter diese Rechnung lieft, lächelt sie zuerst vor sich hin. Auf einmal ist's ihr, als ob das Herz einen Schlag bekäme, so einen unvorbereiteten Schlag, der dem Herzen bitter weh tut. Und nun steht sie mit einem schiefen Lächeln da. Als Peter aus der Schule kommt, reicht sie ihm die zehn Mark hin, sieht ihn überhaupt nicht dabei an und überhört seinen Dank. Die Rechnung, die sie ihm gleichzeitig zuschiebt, greift er schnell und zerreißt sie lachend.
Am nächsten Morgen aber liegt neben seiner Kaffeetasse auch ein Zettel. Er erkennt sofort die zarte, sorgfältige Schrift der Mutter. Staunend nimmt er den Zettel. Tatsächlich, es ist eine Rechnung für ihn:
„Für Erziehung .....—,— RM.
Für Ernährung.....—,— RM.
Für Nähen, Flicken, Stopfen —,— RM. Für Krankheitspflege . . . —,— RM. Für beigefügten Kummer . . —>•— RM. Für Liebhaben .....—,— RM.
Zusammen —,— RM.
Als er das las, saß er auf einmal da wie eine ausgeblafene Kerze. Aller Jungenübermut, alle Wunschfreude waren auf einmal dahin. Ein nagendes Gefühl kroch in sein Herz. Schmerz und Verwirrung lagen in feinen Zügen. Und nun zog er sein Taschentuch heraus, knüpfte die zehn RM., die er darin eingebunden trug, mit bebenden Fingern heraus und gab sie der Mutter zurück. Hochrot und mit leuchtenden Augen stand er da, dann rannte er wie gejagt in feine Kammer. Dort legte er die Rechnung der Mutter dorthin, wo feine kleinen Jungengeheimnisse, Sehenswürdigkeiten und Erinnerungsstücke liegen. Und dort liegt die Rechnung noch heute.


