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Plutokratien retten könnten, ohne aus den Erfah­rungen des ersten Kriegsjahres zu begreifen, daß Englands Wagen durch all solche Experimente, die nicht inneres Kraftgefühl, sondern nackte Verzweif­lung eingeben, nur immer tiefer und hoffnungs­loser in den Sumpf gerät, in den schließlich auch das Empire selbst mtt hineingezogen wird. Der Dreierpakt ist aber über diese aktuelle Bedeutung hinaus ein wesentlicher Beitrag für die Neuord­nung der Welt, denn er legt das Verhältnis der drei Mächte, die im europäisch-afrikanischen Raum einerseits, im großasiatischen Raum anderseits die Führung bei der Schaffung einer neuen Ordnung beanspruchen, zueinander in knappen und klaren Sätzen eindeutig fest. Er stellt überdies klar, daß die Beziehungen der drei Mächte zu Rußland von diesem Vertrag nicht berührt werden. Das verständ­nisvolle Echo, das der Dreierpakt in Moskau ge­funden hat, wo man über den Gang der Verhand­lungen fortlaufend unterrichtet worden war, hat in London die törichten Hoffnungen curf eine deutsch­russische Entfremdung schon über Nacht zerstreut. Englands Politik, Mißtrauen zu säen zwischen den Völkern und Regierungen, um selber um so sicherer im Sattel der Weltherrschaft zu bleiben, hat endlich ihren Meister gefunden.

Wenn alle Welt spürt, daß in diesen Tagen inten­sivster Fühlungnahme in Berlin und Rom und nun auf dem Brenner Entscheidungen von größter Trag­weite sowohl für die Zukunft des europäischen Kon­tinents wie für bie Beziehungen der sich abzeich­nenden politischen Großräume untereinander getrof­fen werden, so ist es verständlich, daß in diesen Stunden der Entscheidung diejenigen Nationen nicht abseits stehen, die sich nach ihrer politischen Weltan­schauung wie nach ihrem geschichtlichen Schicksal den beiden Achsenmächten auf das engste verbunden fühlen. Dazu gehört in erster Linie das Spa­nien Francos. Es war deshalb auch nicht ver­wunderlich, daß gerade jetzt der spanische Staats­chef einen Mann, der als sein Schwager, als alter Mitstreiter des Frecheitskampfes uno Oberhaupt der Falange, der Partei, die den autoritären Staat des neuen Spaniens trägt, sein besonderes Ver­trauen genießt, den Innenminister Serrano S u - n e r nach Berlin und Rom entsandte, um hier in enger Aussprache mit den leitenden Staatsmännern der Achsenmächte alle die Fragen zu klären, die bei der sich anbahnenden Neuordnung das besondere Interesse Spaniens finden. Suners Besuch bekräf­tigt nur eine Freundschaft, die im spanischen Bür­gerkrieg bereits ihre Feuerprobe bestanden hat. Schon der Vater des Gründers der Partei, deren Chef Serrano Suner heute ist, der einstige Dik­tator General Primo de Rivera lenkte bewußt die spanische Außenpolitik aus den engen Bindungen zu den westlichen Demokratien, die die liberalen Politiker gepflegt hatten. Er knüpfte die freund­schaftlichen Beziehungen zu Italien an, die in dem Abschluß eines Freundschafts- und Nichtangriffsvak- tes zwischen den beiden Mittelmeermächten iyren Ausdruck fanden. In Paris hat man nach dem Sturz Primo de Riveras und des Königtums und in der dann folgenden demokrattsch-anarchistischefi Aera alles getan, diesen Pakt, den man als Älp- druck für die Sicherheit der Verbindungswege zwi­schen Nordafrika und dem Mutterland empfand, zu beseitigen, aber man konnte es nicht hindern, daß das aus dem blutigen Chaos des Bürgerkrieges sich kraftvoll erhebende nationale Spanien die enge Solidarität mit den autoritären Mächten Mittel­europas, deren Freiwillige die Freiheit Spaniens hatten miterkämpfen helfen, bei jeder sich bieten­den Gelegenheit bekräftigte.

So war Spaniens Neutralität zu Beginn der großen Auseinandersetzung zwischen den demokra­tischen Plutokratien und den autoritären Mächten von jener besonderen Art, die amar darauf ver­zichtete, zu den Waffen zu greifen, einen Stand­punkt aber seinen politischen Interessen und ideellen Freundschaften gemäß eindeutig bezog. Der Ueber- gang von der Neutralität zurNichtkriegführung" wenige Tage nach der Kriegserklärung Italiens an die Westmächte war eine deutliche Absage an Eng­land und Frankreich, die alle Anstrengungen mach­ten, die einst verscherzte Freundschaft Spaniens wiederzugewinnen. Spanien weiß, daß es die eng­lische Tücke war, wenn es heute nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe einer beide Hemi­sphären umspannenden Weltmacht ist, und daß Frankreich immer nur ein schwaches Spanien ohne eigene politische Aspirationen als willfährigen Bum desgenossen gebrauchen konnte. Spaniens imperiale Forderungen sind in großen Zügen bekannt, sie richten sich ausschließlich an die Adresse Englands und Frankreichs. So ist Spanien an der Neuord-

Es brauchten nicht zwei Jahrzehnte zu vergehen, bis sich erwies, daß in Versailles auch nicht ein einziges Problem, das sich aus dem Verhältnis von Raum und Volk in Europa ergab, mit Ernst und Verantwortungsgefühl angepackt worden war. Ja, es zeigte sich vielmehr mit erschreckender Deutlichkeit, daß Haß und Unverstand in Versailles staatliche Gebilde geschaffen hatten, die künstlich aufgebläht, aber in sich lebensunfähig in der ersten Existenz- vrobe zerbrachen. Daß sich schon im Augenblick der Verkündung der Pariser Friedensdiktate auch der Ruf nach einer Revision erhob, und nicht nur bei den damals unterlegenen Völkern, daß all die Jahre seitdem die europäische Politik im Zeichen des Kampfes um diese Revision stand, ist gewiß der beste Beweis für die Minderwertigkeit des Machwerks von 1919.

Heute liegt die Neuordnung Europas in den Händen zweier Staatsmänner, die diese Revision vom ersten Tage ihres Eintritts in das politische Leben an als das Grunderfordernis für die Siche­rung der Zukunft ihrer Völker, aber auch für ein gesundes und fruchtbringendes Zusammenleben der Nationen des seit Jahrhunderten sich in Zwietracht zerfleischenden Erdteils erkannt haben. Beide sind sich seit langem über die Grundprinzipien dieser notwendigen Neuordnung klargeworden und haben bereit bei den ersten Schritten dazu bewiesen, daß sie sich von Vernunft und Gerechtigkeit und einer tiefen Einsicht in die ethnograpyischen und wirt­schaftlichen Zusammenhänge und Bedingtheiten leiten lassen. Beide haben auch den großen lieber» blick und die schöpferische Phantasie, me in Räumen sowohl wie in Jahrhunderten denkt und deshalb ein neues Weltbild gestaltet, das mit dem unseliaen politischen Partikularismus und der wirtschaftlichen Zersplitterung auf räumt und «n die Stelle des Gegeneinanders politisch und wirtschaftlich alle Kräfte zusammenfaßt und in lebensfähige Gebilde ihrer Eigenart entsprechend, in billiger Abwägung aller Interessen sinnvoll gliedert. Beide Staatsmänner ind auch zutiefst durchdrungen von der Verantwor- ung, die sie vor der Geschichte tragen nicht nur iir die Zukunft der eigenen Völker, sondern auch ür das funktionelle Zusammenwachsen der großen Räume, in denen planvolle Arbeitsteilung und lebendige Wechselwirkung an die Stelle von neid- erfülltem Kampf aller gegen alle und an die Stelle einer von verblendeter Eigensucht diktierten Ab­sperrung der von der Natur füreinander bestimm- ten Wirtschaftskörper treten werden. Nach der Ver­schiedenheit ihrer völtisch-nattonalen Art, ihres kul­turell-sozialen Status und der Aufgaben, die ihnen im großen Ganzen zufallen, verschieden organisiert, aber organisch ineinander gefügt, werden in diesen sich nun schon deutlich abzeichnenden Räumen alle Teile sinnvoll zusammenwirken zum höchsten Wohl ihrer selbst wie zum Wohl des Ganzen, in dem sich ihnen im Jahrhundert der raumüberwindenden Technik unter neugearteten Daseinsbeb ingungen polittscher wie wirtschaftlicher Natur eine neue Zu­kunft auftut.

Schon die Achse BerlinRom, die Basis der sich anbahnenden Neuordnung im europäisch-afrikani­schen Raum, konnte nur erwachsen aus dem gegen­seitigen Vertrauen zweier großer Männer, die weit genug dachten, um die Ergebnisse einer geschicht­lichen Entwicklung als Gegebenheiten anzuerkennen ünd darüber hinaus die gemeinsame Aufgabe der beiden großen, trotz ältester Kultur so spät zur Ein­heit gelangten, krafttrotzenden und energiegeladenen Nationen Mitteleuropas zu sehen und chre Völker in diesem Geiste des Zusammenwirkens an einer großen Aufgabe zu erziehen. Der Krieg, den die westlichen Plutokratien in völliger Verkennung der tatsächlich bereits vor 1939 gänzlich verschobenen Machtverhältnisse begonnen haben, weil sie in ihm das letzte Mittel sahen, die stürmisch ins Rallen ge­kommene Revision der Pariser Friedensdiktate ab­zubremsen und ihre alte Herrschaft über einen zer­splitterten Kontinent wiederaufzurichten, hat die Schicksalsgemeinschaft der beiden Achfenvölker sich in der Feuerprobe bewähren lassen. Er hat aber auch durch die glanzvollen Siege der deutschen und italienischen Waffen auf europäischem und afrika­nischem Boden dazu geführt, daß sich die Politik der beiden Achsenmächte zu einer schöpferischen Akti­vität entfalten konnte, die eine ungeahnte An­ziehungskraft ausstrahlt. Da« augenfälligste Ergeb­nis dieser politischen Auswirkung der militärischen Erfolge der Achsenmächte war der Dreierpakt mit Japan. Er ist nicht nur eine ernste War­nung an die Illusionisten in aller Welt, die sich immer noch der törichten Hoffnung hingeben, daß eine Kriegsausweitung und Kriegsverlängerung, fei es um welchen Preis auch immer, die Sache der

nung im Mittelmeerraum ebenso brennend inter­essiert, wie es im Atlantik die seiner harrenden Aufgaben sieht. Beides wird in engem Zusammen­wirken mit den Achsenmächten die Berücksichtigung finden, auf die Spanien seiner ihm zukommenden Stellung im europäisch-afrikanischen Raum nach Anspruch erheben darf. Suners Besprechungen in Berlin und Rom werden ebenso wie der herzliche Empfang, den die Bevölkerung beider Hauptstädte dem Abgesandten des Caudillo bereitet hatte, das spanische Volk in der Gewißheit bestärkt haben, daß die Ausschaltung Englands aus der europäischen Politik auch für Spanien eine neue Aera herauf- führen wird. . Dr. Fr. W. Lange.

Englische Bomben auf Schweden.

Stockholm, 3. Okt. In der Nacht zum Don­nerstag ist schwedischer Boden von englischen Ma­schinen bombardiert worden. Amtlich wird bestätigt,

ein Flugzeug englischer Nationalität war von Westen her über o t e Schonenküste bei Hoell« oifen nach Schweden eingeflogen. Die Maschine schwenkte nach Westen ab, um dann über Malmö drei Bomben abzuwerfen. Durch den Einschlag wurden Krater in den Parkrasen des Schlosses von Malmö gerissen. Nach dem Bombenabwurf setzte die Maschine chren Kurs in südlicher Richtung fort und warf noch eine Bombe über schwedischem Territo­rialgewässer ab. Die Luftabwehr trat in Tätigkeit, konnte das englische Flugzeug jedoch nicht ab­schießen. Bezeichnend ist, daß der Engländer sich vor dem Bombenabwurf erst durch den Abwurf einer Leuchtbome orientiert hatte. Der schwedische Gesandte in London ist angewiesen worden, schar- fen Protest wegen der Verletzung der Neutralität Schwedens einzuleiten und Schadenersatzforderun­gen zu stellen.

Aus der Kadmettskrisis in die SlaaisWs.

Oer Zigmenwechsel in der Churchill-Regierung.

Das Wasser steigt Churchill bis an den Hals. Um sich vorläufig zu erleichtern, hat er den 71jährigen Neville Chamberlain geopfert und etliche allzu bla­mierte Versager mit ihm. Als Winston Churchill am 10. Mai 1940 die traurige Erbschaft seines Vor­gängers Neville Chamberlain übernahm und damit das Ziel feines Ehrgeizes, die Ministerpräfident- jchaft erreichte, wurde der zäh an Parlaments-- ämtern hängende Chamberlain auf den Posten des Lordpräsidenten des Geheimen Rates abgeschoben. Damit war der Mann, der mit Bibel und Regen­schirm den politischen Biedermann gemimt hatte, nur offiziell kaltgestellt, in Wirklichkeit hatte Chur­chill längst seinen Frieden mit den Churchillianern gemacht, deren kriegshetzerisches und wirres Ober­haupt er einst kurz und bündig als verrückt, als mack", bezeichnet hatte.

Chamberlains Rücktritt räumt nun eines der letzten Hindernisse aus dem Wege, die einer Dik­tatur Churchills noch im Wege standen. Alle Neu­besetzungen im Ministerium und besonders die Zu­sammensetzung des Kriegskabinetts unterstreichen die Entmachtung der konservativen Parteiorganisa­tion. Mit Chamberlain haben vor allen Dingen die industriellen Kreise der Midlands und Nordeng- lands ihre letzte Verbindungsmöglichkeit mit dem Kriegskabinett verloren. Unter der nunmehr auf acht erhöhten Zahl der Mitglieder des Kriegskabi­netts können nur Halifax und Schatzkanzler Kingsley Wood als Vertreter der Konserva­tiven Partei betrautet werden. Churchill selber ist niemals wirklich heimisch in der Konservativen Partei geworden, der er erst seit 1925 wieder an­gehört, und diese ihrerseits hat wegen feines mehr­fachen Fahnenwechfels stets Mißtrauen hinsichtlich feiner Loyalität gehabt. Lord Beaverbrook ist von Haufe aus Kanadier und hat zur Zeit Bald­wins einen erbitterten Kampf gegen die Partei­leitung geführt, die in ihm stets nur einen poli­tischen Abenteurer gesehen hat. Sir John Ander- s o n ist von Hause aus Beamter und kein Partei­mann, der in der Organisation der Partei Wurzeln gefaßt hatte.

Die übrigen drei Mitglieder des Kriegskabinstts aber sind Mitglieder der Arbeiterpartei. Ihr Ge­wicht ist durch die Hinzuziehung des Avbeitsmini- fters Ernest Benin gestärkt, oa dieser eine viel stärkere Persönlichkeit ist als Attlee und Green- wood, außerdem als führender Mann der Gewerk- chaftsbewegung eine starke Hausmacht in die Waag- chale werfen kann. Churchills Taktik, die Wider- tände gegen feine diktatorischen Methoden, die von )er konservativen Parteiorganisation kommen könn­ten, durch Hinneigung zur Arbeiterpartei auszu­gleichen, findet in der Hinzuziehung Benins zum Kriegskabinett ebenso Ausdruck, wie in der Betrau- ung Herbert Morrisons mit dem Innenministerium, zugleich der Luftschutz obliegt. Morrison ist langjähriger Führer der Londoner Arbeiterorgani- satton. Andersons unzureichende Luftschutzmaßnah­men hatten allzu große (Erbitterung unter der ärme­ren Benölkerung hernorgerusen.

Mit Sir Andrew Duncan, dem bisherigen Handelsminister, übernimmt ein Vertreter der Großindustrie das Ministerium für Kriegsmaterial- befchaffung, womit zweifellos die in den Kreisen der Schwerindustrie bestehenden Bedenken gegen Churchills Kriegspolitik und sein Kokettieren mit der Arbeiterpartei beschwichigt werden sollen. Oliver

Littleton ist ein politisch völlig unbeschriebenes Blatt. Sir John Reith' Beauftragung mit dem neuen Ministerium für öffentliche Arbeiten und Bauten bringt eine energische Persönlichkeit vor die riesigen Aufgaben, die durch die deutschen Bom­benangriffe geschaffen worden sind. Oberst Moore Brabazon, der das Verkehrsministerium über­nimmt, war 1923/24 und wieder von 1925 bis 1927 parlamentarischer Sekretär in diesem Mini­sterium. Die (Ernennung Lord (Eranebornes zum Dominionminister (Eraneborne ist der Sohn des in konservativen Kreisen einflußreichen Lord Salisburn stellt eine Art Rückversicherung ge­genüber dem hocharistokratischen Flügel dieser Par­tei dar, ohne jedoch Churchills Kriegspolitik zu gefährden, da (Eraneborne, der früher unter Eden parlamentarischer Unterstaatssekretär im Außen­ministerium war, mit Eden und Duff Cooper zu der Clique der erbittertsten Deutschenhasser gehört.

Blasenleiden

Das Wasser habe ich als Arznei be­trachtet, und auf diese Weise bin ich die Entzündung der Blase losgewor­den. Mein Leiden habe ich jetzt 17J. u. mich so durchgeschl. Ihr Wasser heilt.

M.A.Fecker, Kfm., Jöhlingen/B., Bahnhofstr.28.12.838. 25 große Flascnen Rrt». 14.-, 60 große Maschen RM. 24.-, dazu Pfand. Lieferung frei Haus. Heilquelle Karlssprudel, Biskirchen 267A

Einer Rücksichtnahme auf den aristokratischen Flü­gel der konservativen Partei dürfte auch die Bei­behaltung von Lord Halifax zuzuschreiben fein, obgleich dieser von manchen Kreisen der Linken, wegen seiner angeblichen Lauheit angegriffen wor­den ist. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, daß Halifax auf eben so schwankem Ast sitzt wie Kriegsminister Eden, und eine politische und mili­tärische Skandalaffäre wie etwa die von Dakar ist ja nur eins von vielen Beispielen gewesen für die absolute Unfähigkeit dieser beiden Minister. Sie alle find gehorsame Jünger ihres Herrn und Mei­sters Churchill, der allem Anschein nach so ziemlich am Ende seiner listenreichen Weisheit angelangt ist. Dafür liegt ein untrügliches Merkmal in der Tat­sache, daß er zwei Arveiterparteiler in das eigent­liche Kriegskabinett aufgenommen hat, mitten im Sturm der Vernichtung aller englischen Hoffnun­gen wechselt Churchill die Gäule. Als letztes oer- zweifeltes Rettungsmittel für sich, das aber mit Naturnotwendigkeit seinen eigenen Untergang be­siegelt. Churchills Spekulation auf die Arbeiter­partei als Isolierschicht gegen die bedrohliche Kri- fenftimmung in England und' gegen die öffentliche Belastung der plutokratisch-konfervativen Kaste wird genau so trügen wie die Spekulation mit einer Stimmungsoffensive, hinter der sich bereits die Kriegskrise, wenn nicht gar die große Staatskrise Englands abzuzeichnen beginnt.

Chamberlains Gchuldkonio.

Genf, 4. Okt. (Europapreß.) Zu der Ausboo­tung Chamberlains schreibtTribüne de Lausanne": Wenn Chamberlain jetzt ausscheidet, so muß man nochmals feststellen, daß einer der größten Fehler, die in der Zeit Chamberlains gemacht wurden, von Baldwin begangen worden ist. (Es ist die Beauftragung des jungen und hitzigen Eden mit den auswärtigen Angelegenheiten. Dieser un-

Hexenmeisters Besen.

Don Hans Friedrich Blirnck.

Einer meiner engsten Jugendfreunde war eines Pastors Sohn. Er siel jung in den Karpaten, aber es ist einer der Fälle, wo Die Toten den Lebenden nicht sterben. Dadurch, daß ich einige der eindrucks­reichsten Jahre mit ihm verbrachte, und dadurch, daß wir uns im gereiften Alter nicht mehr begeg­neten, sind wir in meinen Gedanken um so öfter beisammen. Er lebt weiter nach dem Bild, das ich mir von ihm machte und das ich vor mir sehe.

Es war eines der innerlich reichen Pfarrhäuser, in dem der Freund aufwuchs. Ein Haus ohne angst- redende, unedle Frömmelei, wie sie zuweilen das Leben junger Menschen bedrückt. Wie damals, vor der Jahrhundertwende, die Försterhöfe die deutsche Musik pflegten, so wurde unsere klassische Dichtung in vielen Häusern unserer Geistlichen gehütet. Ja, der Vater meines Freundes war so sehr Nachbar der Künste, daß er sich später vor frömmelnden Stifts­fräulein in den Ruhestand zurückziehen mußte.

Auch die Frau des Geistlichen, eine Lübecker Kauf­mannstochter, meiner eigenen Mutter in der Pflege der Zeichenkunst zugetan, war gut belesen und in der Geschichte wohl bewandert. Viele Bücher ent- nahm ich ihrem Schrank, der ihren Kindern und deren engeren Freunden offenstand.

Die Erinnerung an schöne Stunden und manch drolliges Jugenderlebnis knüpft sich an jenes Pfarr­haus. Habe ich dort nicht den ersten Zank mit einem hübschen Mädchen nur wegen des verwünschten Krick- balls gehabt, Fanny hieß sie, eben fällfs mir einl Habe ich dort nicht Stachelbeerwein panschen gelernt, und die Flaschen der Pfarrin mit Leitungswasser nachgefüllt, nur weil der schöne Saft uns Jungen fo gut mundete? Ja, heute, nach vierzig Jahren, sei es bekannt: daß alle Pfropfen hochgingen, daß der saubere Keller des Pfarrhauses wie ein schmutziger Bottich roch, war unsere Schuld. Mein Vater, der dem Herrn Pastor sein eignes Rezept und die beste Hefe geschickt hatte, schüttelte den Kopf und knurrte, der Teufel habe sich unter des Pastors Flaschen ver­steckt, das hätten die Pfropfen nicht ausgehalten. Es war unehrerbietig gesagt, wie er überhaupt in geist­lichen Dingen feine Zunge nicht wahrte, fo daß

Mutter oft mahnte:Laß die Jungen das nicht hören!" Und ob die Jungen die Ohren aufsperrten! Sie nahmen den Teufel in Schutz, aber sie verrieten kein Wort.

Die Freundschaft litt nicht darunter, weder bei den Aelteren noch bei den Kindern. Sie ertrug sogar eine starke Belastungsprobe, die mir eine der froh- lichsten (Erinnerungen ist. Denn wenn ich mit dem Freund und natürlich auch Tnit seiner Schwester unverbrüchlich zusammenhielt, wer vermag für das Herz einer Hausfrau zu bürgen, wenn oas beste Zimmer in eine Badestube umgewandelt wird?

Wir planten so begann es am Geburtstag des Hausherrn eine Aufführung. (Eine richtige wahr­heitsgetreue Aufführung mit verteilten Rollen. Mein Freund begeisterte sich für den Zauberlehrling; er hatte ihn für die Schule auswendig gelernt und wollte einmal zeigen, wofür er sich gemüht hatte. Gut, also man nahm sich vor, den Zauberlehrling zu spielen. Ich war der Hexer, der gerade noch zur rechten Zeit kam, um den Uebefmut mild zu mahnen und die Besen in die Ecke zu stellen. Damit waren die beiden Hauptrollen oerteilt Den weihen Bart kaufte ich mir für fünf Pfennige, und als Zauber- mantel schlug ich mir einen Treppenläufer um.

Aber die Besen, die das Wasser brachten? Und in der Studierstube des geistlichen Herrn? Die Schwester des Freundes sie war schon damals ein rechtes Mütterchen erbot sich, als sie sich, den Besen überm Kops, in ein altes Laken einhüllte, waren wir begeistert. Und das Wasser? Nun, man brauchte ja nur ein wenig zu spritzen. Aber well Eimer ober Tonnen das Spiel verdorben hätten, legten wir unter viel Geheimtuerei den Garten­schlauch von der Küche bis in die Studierstube; wohlverhüllt, denn wir meinten, daß jebeiner unfern Plan erraten würbe, wenn er nur Wasser sah.

Wie bas Unglück bann kam, weiß ich nicht recht. Wir spielten mit Begeisterung; wir spielten uns so sehr in unsere Rollen ein, baß alle (Einbilbung Wirk­lichkeit würbe. Pastors Stubierzimmer würbe zu einer echten Zauberkammer geheimnisvolle ben­galische Lichter erhellten ben Raum. Unb irgenbwo ftanb ber Besen unb sollte von Zeit zu Zeit ben Schlauch öffnen unb eine Hanbvoll Wasser aus­spritzen.

Mein Freund, der Zauberlehrling, sprach so gut, daß wir in unsere Rollen unterfanken. Und noch

echter in ihrem wackelnden (Eifer war die Besengestalt der Schwester. Auch sie von den Lichtern und Wor­ten zu höchstem Spiel entrückt. Sie war wirklich Wasserbringerin, sie spritzte nicht nur einige Trop­fen, sie lebte in der Ballade und ließ das Wasser aus dem Schlauchhahn strömen. Immer gibt es bei echten Schauspielern den Augenblick, wo das Spiel zur Wirklichkeit wird, und alles vergeht vor der Herrlichkeit der Entrückung.

Ich merkte beim Auftreten deutlich, daß ich Im Nassen patschte. Aber ich spielte meine Rolle, auch mir war alles einerlei. Und ich sagte:3n die Ecke, Besen, Besen!" und nahm in der Hoffnung, daß der Wasserspender jetzt einhalten würde, erst das Schlauchende, dann die Zuschauer fest ins Auge. Ich wollte nicht, daß unsere Aufführung durch erregte Schreie gestört würde.

Der Flur lag in geheimnisvollem Dunkel, das Licht schien schauerlich gegen die Decke, aber das Wasser strömte weiter. Die Zuschauer hatten den Unfall nicht ersaßt, sie hockten oder standen auf einem Treppchen, das in das Geheimnis des Studier­zimmers hinabführte. Sie merkten nichts, bis wir aus unserem Spiel zur Nüchternheit erwachten unb ZU britt flüsternb nach bem Scylauchenbe suchten. (Es war in seine Umwicklung unerreichbar zurück- gerutscht. Aber es gab Wasser, wie es seine Pflicht war. Lautlos, durch Binden und Decken quoll unb strömte es.

Die Hausfrau hatte nichts vom Geburtstag chres Mannes. Uns selbst mürbe Unheimlich zumut. jetzt, wo ber Bann des Spiels vorüber war, fing der arme Besen an zu meinen, herzzerbrechend. Wie, soviel Lärm megen des bißchen Wassers? Bei einem Gedicht von Goethe?

Ich mar von ihrem Schluchzen hingerissen. Ich ver­suchte die Schmester des Freundes zu trösten und hätte ihr erklären mögen, daß sie munderschön ge­spielt habe, und daß ich entschlossen fei, sie gegen lebermann in Schutz zu nehmen.

Denn ich mußte nach biefem ersten Versuch, daß ich noch viele, viele Male schauspielern, oh, und auch Stücke schreiben mürbe, minbestens so viele roie ber Herr von Goethe! Da brauchte ich gemiß jemanben, ber in meinen Rollen auftrat. Oho, menn man bem armen Mäbchen Vorwürfe machen wollte, ftanb ich zu ihrer Verteidigung bereits

Aber man verzieh einem Kind, bas so herzzer­reißend meinte; ich brauchte nicht einzugreifen. Und' daß mir zum Wasserschülpen angehalten mürben nunf bas mar eigentlich schon mieber ein Riesenspaß.

Neuerscheinungen bei C. A. Seemann.

Der hauptsächlich burch feine ausgezeichneten Ver­öffentlichungen zur Kunstgeschichte bekannte Leip, ziger Verlag E. A. Seemann legt bie Liste seiner Neuerscheinungen vor. Das großartige Werk des Berliner Kunsthistorikers Wilhelm Pinder": Vom Wesen und Werden deutscher Formen" liegt jetzt in zmeiter Auflage in drei Bänden vor. Der vierte, mit bem Zeitalter Goethes schließen!), ist in Vorbereitung. Die ersten beiden Bände sind in ber neuen Auflage im Umfang dem dritten angeglichen morden, die Zahl ber Bilder mürbe erheblich ver­wehrt. In dritter Auflage erscheint auch Pinders Monographie:Das Problem der Generation in ber Kunstgeschichte Europas". Die Wiedereingliederung Böhmens in den deutschen Lebensraum lenkt unsere Blicke auf Peter Parier, den Dombaumeister von Prag, über dessen universale Kunst Otto Kletzl eine reichbebilderte Untersuchung oorlegt. In ber - Kleinen Bücherei zur Geistesgeschichte" finbet man Autoren roie Wölfflin, Hiltebrandt, Schumacher, Pinber und Waetzoldt. Das Thieme-Becker- scheKunstlerlexikon nähert sich mit dem an­gekündigten Band 34 feinem Av.cymtz. Victoria (Eontag vermittelt in dem WerkDie sechs be- rühmten Maler der Ching-Dynastie" die Bekannt­schaft mtt in Europa bisher unbekannten chinesischen Meistern, lieber den bekannten Kölner Goldschmied Karl Berthold legt Adolf F e u I n e r ein bebildertes Buch vor. KuglersGeschichte Friedrichs des Großen" mit den berühmten Illustrationen Adolf Menzels erscheint in einer vollständigen Neu- ausgabe. Ein Roman um die Königin Luise hat Else von Hollander-Lossoro geschrieben (Die unsterbliche Königin"). Interessante Reise- ducher sind Richard K ü a s :Hart am Wind" und Erich Dau tert:Auf Walfang unb Robben- jagb im Südatlantik". Ein schönes Bilderbuch über ben weiblichen Arbeitsbienst, dem ber Reichsarbeits- fuhrer selbst bas Geleitwort schrieb, hat Hans Retzlaff, der bekannte Lichtbildner, zusammen- gestellt.