Ausgabe 
3.5.1940
 
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deutsche Karnpffliegerverbände den Engländern in Namsos selbst schwer zu schaffen, zahlreiche Truppen­transportschiffe wurden bei den Landungsmanövern versenkt, Hafenanlagen und Truppenunterkünfte zer­stört, so daß den Engländern die Lust vergangen sein dürfte, von hier aus den Vorstoß auf Drontheim zu wiederholen.

Eine strategisch weit größere Bedeutung war dem zweiten Landungsversuch der Engländer bei An- dalSneS südlich von Drontheim zugedacht, aber die ungeheure Schnelligkeit des deutschen Vormarsches von Oslo nach Norden und die zu völliger lieber» raschung der Engländer erfolgende Versorgung der deutschen Truppen auf dem Landwege haben den strategischen Plan der Engländer auch hier schon in der Anlage ins Stocken gebracht. Statt mit gesamter Kraft auf Drontheim zu marschieren, mußten die in Andalsnes gelandeten Engländer starke Truppen­kontingente nach Südosten werfen, um zu ver­suchen, die Bahnstrecke OsloDrontheim vor den Deutschen in die Hand zu bekommen. Es gelang den Engländern, den Bahnknotenpunkt Dombas zu erreichen und mit der Bahn kleinere Abteilungen in das durch seine landschaftlichen Schönheiten be­rühmte Gulbrandsdal aufwärts bis nach Lille­hammer vorzuschieben, um hier den Widerstand der vor den deutschen Truppen nach Norden aus­weichenden Norweger zu verstärken und die Deut­schen an der Störung der britischen Operationen gegen Drontheim zu hindern. Aber es kam sehr anders, als es sich die Engländer gedacht hatten. Trotz der gewaltigen Entfernungen und der Schwie- riakeiten, die das Gelände, zumal bei durchaus mütterlichen Temperaturen in Schnee und Eis, dem Vormarsch bot, war es der deutschen Truppen­führung gelungen, den Nachschub in einem Umfang sicherzustellen, daß mit der deutschen Infanterie auch Panzertruppen eingesetzt werden konnten, um in unaufhaltsamem Angriffsschwung den zähen, auf Straßensperren, Brücken- und Felssprengungen ge­stützten Widerstand der Norweger zu brechen, so daß die in Lillehammer ausgeladenen Engländer an­scheinend höchst überrascht waren, hier bereits auf die deutsche Spitze zu stoßen und sich schnell in ein heftiges Gefecht verwickelt zu sehen, das für sie mit einer sicheren Niederlage und der Gefangennahme ihres Brigadestabes endete, mit dem den Deutschen das aufschlußreiche Dokumentenmaterial in die Hände fiel, dessen Veröffentlichung in aller Welt so ungeheures Aufsehen erregt hat. Doch auch nach diesem ersten Zusammentreffen bei Lillehammer hat das unaufhaltsame Vorwärtsstürmen der deutschen Truppen Den Engländern keine Atempause gelassen. Während Einheiten der deutschen Luftwaffe die rückwärtigen Bahnverbindungen der Engländer, und namentlich den Eisenbahnknotenpunkt Dombas mit Bomben belegten, drangen die deutschen Truppen ins Gudbrandsdal über Otta, wo große britische Vorratslager erbeutet wurden, auf Dombas vor, daS sie am Dienstagmittag erreichten. Vorher schon war ein deutscher Truppenverband in das parallel zum Gudbrandsdal verlaufende Glommadal näch Norden vorgestoßen und hatte hier Röros nahe der schwedischen Grenze erreicht. Bon Tynset nach Nordwesten abzweigend, gelangten deutsche Abtei­lungen an die Hauptstrecke DrontheimOslo und konnten hier südwestlich Stoeren den Truppenteilen die Hand reichen, die inzwischen von Drontheim aus nach Süden an der Bahn entlang bis Opdal vor- gestoßen waren. Aber auch nach diesem Erfolg gönnten sich unsere tapferen Truppen nicht einen Augenblick eine Kampfpause. Sie blieben dem ge­schlagenen Feind hart auf den Fersen und drängten ihn in heftigen Verfolguugskämpfen von Dombas das Romsdal abwärts, immer enger an den Aus- aangsppnkt seiner Landungsoperation Andalsnes heran, wo bereits am Donnerstagnachmittag die Reichskriegsflagge gehißt werden konnte, nachdem der englische Rückzug in wilde Flucht ausgeartet war.

Damit ist diese Operation auf die in strategischer wie moralischer Hinsicht die Engländer so große Hoff­nungen gesetzt hatten, in vollem Umfange gescheitert. Es ist den Engländern nicht gelungen, Drontheim ein­zunehmen und damit den wichtigsten Eckpfeller der deutschen Stellung in Norwegen herauszubrechen. Immer wieder war die über die deutschen Erfolge in Norwegen lebhaft beunruhigte Oeffentlichkeit m England und Frankreich mit dem Hinweis vertröstet worden, daß der englische Gegenschlag nicht ausbleiben werde, er aber einer sorgfältigen Vorbereitung be­dürfe. Und tatsächlich hatten die Engländer erst un­geheure Vorräte an Kriegsmaterial und Verpflegung m und um Andalsnes und Weller an der Bahnstrecke

Der Briien-Rückzug durch das Gudbrandsdal.

DNB........,2. Mai. (PK.) Seit der Ein­

nahme von Lillehammer befinden sich die Briten im Rückzugdurchdas Gudbrands­dal nach Norden. Hartnäckig versuchen sie, sich immer wieder festzusetzen. Nicht ein einziges Mal ist es ihnen aber gelungen, zum Angriff zu schreiten. Ständig sind sie durch den deutschen Angriffsschwung in die Verteidigung gedrängt. Trotz des gerade für die Abwehr vorzüglich geeigneten Geländes weichen sie vor dem ungestümen Dorwärtsdrang der deut­schen Kräfte zurück, deren Truppen hier in einem unvergleichlich kühnen und todesmutigem Einsatz Stück um Stück des Tales erobern. Um das Gud» brandsdal, Norwegens Schlagader , legt sich mit eisernem Griff die harte Faust des deutschen Heeres.

Bei dem Dorf Kvam öffnet sich das Tal zu einem breiten Kessel, dessen nördlicher Rand von steilragenden Felshöhen eng zusammengedrückt ist. In kaum mehr als 500 Meter Breite verläuft hier die Front. Zu beiden Seiten des Flusses an den Berghängen und über die Wiesen und Ackerpläne der Talsohle geht Infanterie vor. Auf und an der Straße folgen Artillerie, Infanterie- und Pakge­schütze, Panzerwagen. Ueber dem Kamm der ost- wärtigen Höhenzüge hinweg decken Gebirgsjäger die rechte Flanke.

In dem Dorf Kvam und in den Felswänden haben sich die Engländer eingenistet. Die erste deutsche Angriffswelle empfängt der Geg­ner mit Gewehr- und MG.-Feuer. In ihren Nestern bald erkannt, prasselt auf die Briten ein Hagel schwerer Maschinengewehrgarben nieder. In einem Waldstück am Osthang des Gebirges trifft deutsche Infanterie auf feindliche Vorpostenstellungen. Mit

Gewehr- und MG.-Feuer und mit Handgranaten wind die Stellung aufgerollt. Der Tommy räumt nach schwerem Kampf den Platz und läßt zahlreiche Tote zurück. Drüben am jenfeitigen Talhang wird der Engländer gleichfalls zum Rückzug genötigt. Schritt für Schritt arbeiten sich die Landser durch Wald und Felsen vor. Granatwerfer des Gegners setzen Gebälk und trockenes Geäst in Brand. Kni­sternd und schwelend frißt sich das Feuer am Boden entlang, geht an den Bäumen hoch und legt sich qualmend, gleich einem Nebel, zwischen die kämp­fenden Linien.

Hinten hat inzwischen deutsche Artillerie in das Gefecht einbegriffen. Brummend richten sich die Rohre der Kanonen auf die Widerstandsnester der Engländer. Gefährlich fauchen dazwischen die breiten Mäuler der Infanteriegeschütze. Hell und scharf bellt die Pak auf. Unheimlich rauschend tacken die MGs.; surrend, singend, zir­pend fliegen die Gewehrgeschosse umher. Rollend und grollend bricht sich an den Felsschluchten das millionenfache Echo dieses höllischen Lärms. An vielen Stellen schon niedergerungen, sitzt der Eng­länder noch hinter einer Sperre am Dorf­eingang, mit einem Panzerabwehrgeschütz gut getarnt hinter einem Holzstoß. E i n Pionier- trupp wird zum Sturm auf das Hindernis an­gesetzt. Geduckt und im Straßengraben gedeckt, geht es vor. Wenn einer der Männer ein wenig den Kopf hebt, fegt rasendes MG.-Feuer über den Trupp hinweg. 100 Meter vor der Sperre liegen die Pioniere fest. Erst als erneut schweres deutsches Feuer den Gegner für Minuten niederhält, gelingt ihnen der Einbruch. Zugleich mit der von den Seiten umfassenden Infanterie bringen sie in das

Dorf ein. 30 bis 40 Engländer können sich mit ihrem Gros nicht mehr vor dem deutschen Angriff lösen und werden gefangen.

Schwarzblau wälzt sich eine dicke Rauch­wolke durch das Gudbrandsdal, zwängt sich zwi­schen den Felsen durch. Die Artillerie verfolgt mit ihren Granaten die weichenden Briten, legt bersten­des, krachendes Feuer auf ihren Weg. Dann brechen Panzer vor, erreichen den Nordrand des Kessels und lassen die zweite Angriffswelle der Infanterie vorbei.

Kvam i ft genommen. Ein Aufklärer kurvt suchen und beachtend im Tal. Er schießt als verein­bartes Zeichen Leuchtkugeln ab, die blitzend in dis Schluchten des Gudbrandsdales sinken. Auf dem Grat der Berge klimmen deutsche Alpenjäger über vergletschertes Bergwasser. Und hoch über dem Ge­birge zieht achtunggebietend eine Staffel deutscher Bomber nordwärts. In einer Gefechtspause hört man aus der Ferne dumpfe Detonationen. B e i Otta und Dombaas wird der Verbindungs­weg des englischen Expeditionskorps in Trümmer gelegt.

Wie ein Stück der Erde selbst liegen die Infante- r-jien auf dem kühlen Boden des norwegischen Lan­des. Heiß aber brennt über ihnen die Sonne und heiß ist der Lauf des Karabiners in ihrer Hand. Einer erhebt sich und springt vor, der andere erhebt sich und stürmt, und noch einer, und noch einer eine Gruppe, eine Kompanie, eine feldgraue Welle. Sie brandet durch das Gudbrandsdal, be­gräbt unter sich die verlorene britische Brigade in Norwegens Bergen.

Leutnant Kiekheben-Schmidt.

entlang aufgestapelt, aber diese sind bereits entweder von deutschen Bomben zerstört oder den deutschen Truppen in die Hände gefallen. So sind das eng­lische Landungsmanöver von Andalsnes und der Einkreisungsversuch von Drontheim überhaupt, die daS nach der deutschen Besetzung Norwegens so sehr reparaturbedürftige Ansehen Englands vor der eige­nen Oeffentlichkeit und in den Augen der Neutralen wiederherstellen sollten, zu einer neuen schweren Niederlage geworden. Des deutschen Volkes Dan? für diesen weiteren großartigen Erfolg der deutschen Truppen auf norwegischem Boden hat der Führer in seinem Tagesbefehl ausgesprochen. Wir können die Mühen, die es gekostet hat, chn zu erringen, gar nicht hoch genug einschätzen. Denn es war ein Gebirgs­krieg m des Wortes wahrster Bedeutung, den unsere tapferen Truppen noch dazu zu durchaus winterlicher Jahreszeit zu bestehen hatten. Sie haben ihn in den

vereisten Felsschluchten, auf den schneebedeckten Hoch­landstraßen in zwanzig Tagen unaufhörlich harten Kampfes mit einem jeden Geländevorteil zäh ver­teidigenden Feinde über Gebirgsstöcke von 1300 und 1500 Meter hinweg, dabei eine Entfernung zurück­legend, die der Strecke BerlinNürnberg entsprechen mag, mit derselben unvergleichlichen Zähigkeit, dem gleichen vorwärtsdrängenden Siegeswitten bestanden, wie ein halbes Jahr zuvor die großen Umfassungs­operationen in der sengenden Herbstsonne der weiten polnischen Ebene. So zeigt sich die deutsche Wehr­macht, Führung wie Truppe, allen ihr gestettten Aufgaben gewachsen. Das verbürgt ihr auch den Endsieg, den sie, getragen vom Vertrauen des deut­schen Volles, auch gegen neue Anschläge unserer Feinde, wo immer es sei, mit gleich kühnem Elan erstreiken wird. Dr. Fr. W. Lange.

Enttaufchnng and Kopflosigkeit in London

Amsterdam, 2. Mai. (Europapreß.) Die gro­ßen militärischen Erfolge Deutschlands während der letzten Tage haben in London große Ent­täuschung und Kopflosigkeit hervorge­rufen. Obwohl die offiziellen Stellen versuchen, den wirklichen Umfang der Mißerfolge der Oeffentlich­keit zu verheimlichen, sickert doch allmählich die Wahrheit über die wirkliche Lage durch.Daily Herald" bezeichnet die Meldungen über die Be­setzung von Dombaas durch deutsche Truppen als die bisher schlechteste Nachricht aus Norwegen.So­fern nicht genügende Verstärkungen eingetroffen sind oder sehr rasch eintreffen, um einen erfolg­reichen Gegenangriff und die Wiedereroberung von Dombaas zu ermöglichen, ist der ganze Zweck der Landung südlich von Drontheim durch die Schnelligkeit und das überlegene Gewicht des deut­schen Vormarsches zunichtegemacht worden."

Die Enttäuschung über die Mißerfolge hat sich sofort in eine scharfe Kritik, vor allem an der politischen Führung, umgeschlagen. Zu den Kriti- fern aus dem Regierungslaaer gehört auch King- Hall. In einem Brief an dieTimes" schreibt er u. a., man müsse aus den Fehlschlägen lernen, seiner Ansicht nach dürfe die Einsetzung eines klei­nen Kriegskabinetts aus vier bis fünf von Ressortarbeiten befreiten Ministern nicht länger auf«

aeschoben werden. Auch das viel zu niedrig ange­setzte Budget sei ein Zeichen für die Unzulänglich­keit des gegenwärtigen Kriegskabinetts. Die Miß­stimmung in der englischen Arbeiterbewegung kommt in einer Rede des führenden Gewerkschaft­lers Ernest B e v i n zum Ausdruck.

Bevin vergleicht England mit einem altge - wordenen Box-Champion, der glaube, den jungen Herausforderer mühelos Niederschlagen zu können und plötzlich erkennen müsse, daß e r selbst in Gefahr sei, k. o. geschlagen zu werden, und daß ein neuer Champion sich erhebe. Die britische Arbeiterklasse habe den Wunsch, daß der Krieg gewonnen werde, aber sie verlange eine Regierung, die die Natton über ihre Privatinter­essen stelle. Er könne sich nicht die Auffassung der Regierung zu eigen machen, wonach England den Krieg wegen seiner großen materiellen Hilfskräfte gewinnen müsse.Uns stehen die besten Hilfskräfte in der Welt zur Verfügung, aber wenn man nicht den Verstand und die Fähigkeit und den, Mut hat, sie wirksam zu benutzen, was sind sie dann wert?" Paris ruft nach der »Grand fleef"

Brüssel, 2. Mai. (Europapreß.) In der fran­zösischen Presse wird eingeräumt, daß die Ereignisse in Norwegen an einem kritischen Wendepunkt ange­

langt seien und die deutschen Truppenwenigstens provisorisch" in den Kämpfen die Oberhand behalten hätten. Bezeichnend für die Stimmung ist ein Ar­tikel des Generals Duval imJournal", der sich gegen dieKaffeehaus-Strategen" richtet, die wich­tige Punkte außeracht ließen. General Duval stellt weiter die Frage, wieweit die Landungen der West­mächte in Norwegen gediehen feien und was man bis jetzt habe an Land bringen können. Man dürfe nicht glauben, daß man große Kampfwagen, Last­wagen von fünf Tonnen und mehr sowie schwere Geschütze ohne weitere Umstände ein- und ausladen könne. Die Häfen, wo man gelandet sei, seien da­für wahrscheinlich nicht eingerichtet. Wenn man aber gewisse Reportagen lese, so könne man glau­ben, daß eine Division auf ein Schiff ein» und aus- geladen werde wie ein einzelner Reisender mit sei­nem Koffer. Anderseits müsse man überrascht sein über die offensichtliche Leichtigkeit, mit der die deutschen Transporte das Skagerrak p a s si e rt hätten. Man dürfe sich keinen zu gro­ßen Illusionen hingeben und nicht von der Seeherr­schaft wie einst in den Zeiten sprechen, wo man noch Segelschiffahrt betrieben 'habe.

DerSntranifigeant" sagt, heute würden sich die Augen für die Wirklichkeit öffnen, nachdem man zuerst geglaubt habe, die ersten eng­lischen Abteilungen würden unmittelbar nach ihrer Landung nach dem Zentrum Norwegens vorstürmen können, um den deutschen Vormarsch aufzuhalten und die Gegend südlich von Drontheim zu säubern. Der Militärkritiker desPetit Parisien" meint, die Norweger hätten bei ihrem Rückzug die zahlreichen Kunstbauten im Oesterdal und im Gudbrandsdal zerstören sollen, dann wäre der deutsche Vor­marsch in diesen beiden Tälern unmöglich gemacht und die Konzenttation der Streitkräfte der 'West­mächte in der Provinz Drontheim erleichtert wor­den. DerJour" schreibt, die Situation bleibe be­sorgniserregend. Mehr als je sei in allerkürzester Frist eine starke Aktion der englischen Home fleet erforderlich. Die deutschen Minensperren dürften keine ernsthaftes Hindernis für die Marine einer großen Nation darftellen. DerMatin" bedauert die Methoden, die der französische Nachrichtendienst jetzt bei den Ereignissen in Norweaen an gewendet habe. Die Information sei eine zweischneidige Waffe, aber man müsse immer im Rahmen der Wahrheit bleiben.

Gießener Siadttheaier.

Goethes Iphigenie auf Tauris".

Wir begrüßen es, daß man uns nach dem Tasso", der im vergangenen Jahr aus Anlaß der Goethe-Festwoche hier aufgeführt wurde, so bald Gelegenhett gibt, auch dieIphigenie" zu sehen. Beide bedeuten ja nicht nur schlechthin die Voll­endung eines aus subtilstem Stilgefühl geborenen, bgi nur geringem äußeren Geschehen ganz auf die Gewalt der Sprache und die Kraft edler Gedanken in dramatisch bewegtem Dialog vertrauenden Kunst- Werks, sondern beide sind auch Zeugnisse aus der Ön Lebensepoche des Dichters, aus der gleichen rftimmung entstanden und von dem gleichen Sehnen geleitet, sich vom Herzen zu schreiben, was ihn damals zutiefst ergriffen hatte, nach Klarheit rmaento und Friede suchend. Wie derTasso" ist auch die Iphigenie" ein Werk der Selbsterkennt- nis und Selbsterziehung, mit dem Goethe sich frei- macht von dem, was ihn im aufwühlenden Erlebnis seiner leidenschaftlichen Liebe zu Charlotte von Stein bedrückt. Es ist nicht ohne tiefere Bedeutung, daß bei der ersten Aufführuna, die das Liebhaber­theater der Weimarer Hofgesellschaft am 6. April 1779 von der ersten Fassung der Iphigenie" ver- anstattete, Goethe selbst den Dreft spielte, den vom Fluch der Götter in Wahnsinn gestürzten, den der Schwesterreine Menschlichkeit" zum Glauben an die Liebe der Götter bekehrt hat und an seine Ent­sühnung durch ihre Gnade:

Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz, Die Eumeniden ziehn, ich höre sie, Zum Tartarus und schlagen hinter sich frie et)men Tore fernab donnernd zu. Die Erde dampft erquickenden Geruch Und ladet mich auf ihren Flächen ein, Nach ßebensfreub und großer Tat zu jagen.

Wenn der antike Mythus und das Drama des Euripides, dem Goethe seinen Stoff entnommen hat, Drefts Entsühnuna durch äußere Geschehnisse sich vollziehen ließen, so sah Goethe das Problem ganz von innen her. Nicht mehr der Raub des Götter- bübes der Diana soll denFluch der bösen Tat" verewigen, derfortzeuaend immer Böses mufj ge­bären", sondern die sittliche Kraft einfcr Fraumit reiner Hand und reinem Herzen", hie jeder List, jeder Unaufrichtigkeit entsagt, erlöst ihr ganzes Ge­schlecht von dem Unheil, das seit des Tantalus Sturz vom Olymp über ihm lastete, Iphigenie ver­

wirft den schlauen Plan des Pylades, der sich den listenreichen Odysseus zum Vorbild gewählt hat. Ihr widerstrebt 'es, den Taurierkönig zu hinter­gehen, der ihr nur Gutes tat und sie zum Weibe begehrt. Sie befreit sich von dem trostlosen Wahn der launischen Unbarmherzigkeit der Götter, wie er aus dem Parzenlied einen Augenblick in ihr auf» fteiat und den Vorstellungen antiker Mythologie entspricht. Sie glaubt an gütige Götter, die gerne dem Sterblichenihres eigenen ewigen Himmels mitgeniehendes, fröhliches Anschaun eine Weile gönnen und lassen". Und in diesem Glauben ver­traut sie auf die Kraft der Wahrheit, die dpn König überzeugen wird, daß er ihr den Weg ftelgibt, ihre hohe Mission zu vollenden. Thoas zeigt sich ihres Vertrauens würdig, als Dreft ihm noch einmal der Schwester reines Tun vor Augen stellt:

Gewalt und Lift, der Männer höchster Ruhm, Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele Beschämt, und reines kindliches Vertrauen Zu einem edlen Manne wird belohnt.

*

Die Regie Dr. Hannes R a z u rn s hatte die un­geheure innere Dramatik des Stückes sehr zu ver­lebendigen gewußt und die Anteilnahme über den großen Molog des vierten Aufzugs hinaus, der mit der Sinneswandlung Iphigeniens auf den Gipfel der Handlung führt und den stärksten Eindruck hinterließ, bis zumLebewohl" des Königs und seinem letzten Blick, den er den Scheidenden nach- sendet, unvermindert erhalten. Mit den Streichungen mußte man im Interesse dieser scharfen Konzentra­tion auf das Wesentliche der inneren Entwicklung einverstanden sein, wenn auch manch wohlverttaute Verse dabei hatten unter den Tisch fallen müssen. Aus dem im Programmheft wtedergegebenen Brief Schillers, in dessen leider nicht erhaltenen Bearbei­tung dieIphigenie" in ihrer letzten Fassung im Mar 1802 zum erstenmal in Weimar aufgeführt worden ist, mag man ersehen, mit welchen Schmie- rigteiten und Bedenken sich auch ein mit den Ge- danken und Absichten des Dichters so bekannter Dramaturg auseinandergesetzt hat, um geistigen Ge­halt und äußere Handlung zu bühnenwirksamer Einheit zu formen. Karl Löf f le r s Tempel mit feinem schwer lastenden Dach auf plumpen Säulen hob das Wild-Dämonische des Barbaren­landes gegenüber den lichten Griechengestalten gut heraus. Die geschickte Beleuchtung Remigius Kö­ln« ns unterstrich nicht unwesentlich die Span­

nung smomente der Handlung, namentlich in der Monolog-Szene.

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Hilde Heinrich spielte die Iphigenie. Hoch und schlank in weißem, fließendem Gewand mit falten­reichem, blaßrotem Ueberwurf, sprach sie sehr diszipliniert, mit nur sparsamen Gesten die wunder­vollen Verse Goethes, deren tiefen Gehalt sie ganz erschloß, das Parzenlied brachte sie sehr eindring­lich, vom Dämon des alten Mythus berührt. Un­geheuer lebendig, mit großer Gebärde gab Hans Caninenberg den Dreft. Mit befreiendem Jubel sprach er die schönen Worte der Entsühnung, die wir oben zitiert haben, und gab sich dann in der Schlußszene weit ausschwingend ganz dem Glück harmonischer Entspannung hin. Der Pylades Fried­rich Gründ ah ls schien uns um einen kleinen Akzent zu knabenhaft geraten für den Schüler des Ddysseus, den mehr kühler Verstand als impulsives Gefühl leitet. Viktor von Gschmeidler gab in großartiger Maske dem Thoas das Profil eines Herrschers von edler Männlichkeit. Ihm paßte sich der Arkas Gert Geigers unaufdringlich an. Das gut besuchte Haus zeigte sich für die würdige und eindrucksvolle Aufführung lebhaft dankbar.

Dr. Fr. W. Lange.

Leber die Schwarzseherei.

Bon Mchard Gerlach

^Ein russisches Sprichwort spottet:Wenn du den Schnee schwarz schiltst, 'wie willst du bann den Dfenruß nennen?"

Die einen sagen, das Leben fei nichtig, eine schlechtere Wett könne es gar nicht geben, die Erde sei ein Jammertal, und nur in der Molltonart lasse sich fingen.

Die anderen behaupten, die Lust des Daseins sei unerschöpflich wie die Fruchtbarkeit des Ackers, das Bild b^r Schönheit führe die Jugend zu immer höherer Vollkommenheit, der Mut zur Heiterkeit und der Witte zur Gesundheit, der Glaube an die lebenswerte Wirklichkeit sei bas Glück.

Aber ber Pessimismus ist ebenso eine lieber- treibuna wie der Optimismus. Denn außer schwarz und rosenrot gibt es noch manche andere Farben.

Der optimistische Pessimist ist einer, ber im Grunde an ber Welt leidet und sie verneint, jedoch ohne die süßen Früchte, die sich ihm bieten, unge- pfftitft zu lassen. Er hott aus der schlechtesten aller

Welten immer noch das Beste heraus und kann sich auf dem Sonnenplatz, der ihm vergönnt ist, für eine Weile ganz behaglich einrichten.

Der pessimistische Optinttst ist davon überzeugt, daß alles gut gehen werde, nur geht es ihm nicht schnell genug, und so plagt er sich denn unzufrieden und zornig mit den Fußangeln und Hindernissen ab, die seinen beschwingten Schritt aufhalten wol­len, grollend über bas, was er als unbeträchtliches Hemmnis überspringen sollte. Weil er zu leichte Lösungen grundlos für möglich hält, muß er Ent- täuschungen hinnehmen.

Wir können uns nicht aussuchen, ob wir bas eine ober andere sein wollen. Die Gallenabsonderung, ein Zu viel ober Zuwenig an Schilddrüse, die inne­ren Abscheidungen ber Nebenniere beeinflussen un­ser Temperament so sehr, baß ber eine eben trüb­sinnig und der andere fröhlich rft. Es ist uns schon in die Wiege gelegt, ob mir Schwarzseher ober Rosigmaler werben sollen. Dann allerdings ver­teilt das Schicksal die Nackenschläge und Erfreulich- ketten, die Talente und Neigungen ja auch ver­schieden. Wenn man aber an eine Spur des freien Willens und ber felbstgewählten Entscheidung im Menschen glaubt, so ist man schon keiner mehr, ber die Flinte bei jeber Gelegenheit ins Korn wirft- Mit Verstimmungen läßt sich fertig werden, und fei es nach ber weisen Einsicht bes Wilhelm Busch: Wer Sorgen hat, hat auch Likör."

Ob unsere großen Humoristen, Fritz Reuter, Gott- frieb Keller, Johann Peter Hebel, Georg Christoph Lichtenberg, Grimmelshausen am Wert des Lebens zweifelten, also unbedingte Schwarzseher waren, wie man zuweilen über sie lesen kann, ist unbewie­sen. Wenn sie nicht durch tragisches Geschick und durch Elend und Leiden hindurchgegangen wären, hätten sie es auch nicht überwunden. Jedenfalls war ihnen der Himmel und der Wald keineswegs Pech und Ruß, ach, sie sahen alle die Abstufungen der vielen Farben, und sie beschränkten sich nicht auf eine oder .zwei. Warum auch hätten sie bas herrliche unb schreckliche Leben auf eine Formel bringen sollen? Schopenhauer sagt, daß Dante die Schilderung der Hölle anschaulicher gelungen sei als die des Himmels, weil die Vorbilder dazu leich­ter zu haben gewesen seien. Aber die Menschen sehen nicht alle die gleichen Ausschnitte von her Welt, unb so erscheint sie bem einen als ruchlose Verdammnis und dem anderen als liebliche Früh- lingswiese.