Ur. 29 Zweites Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
5./4. Zebruar 1940
Aus der Stadt Gießen.
Bahnhofsdienst.
Es ist allgemein bekannt, daß die NSV. einen regelmäßigen Bahnhofsdienst eingerichtet hat, den Gießener Frauen ehrenamtlich ausführen.
Der Aufenthaltsraum, der sogar Liegestühle und einen Wickeltisch für reisende Babys enthält liegt gleich neben dem Bahnsteig und ist gemütlich warm. Daneben ist eine kleine Küche, mit Gasherd, Vor- ratsschrank und Spültisch, also allem, was eine Hausfrau braucht! Was da gekocht wird?, fragen Sie mich Oh! Herrliche Sachen! Zum Beispiel eine dicke Reisfuppe, oder eine schöne Grießsuppe, aber auch die Brotsuppe ist nicht zu verachten Dann aber vor allem: Kaffee! Dieses Labsal, das immer und zu allen Gelegenheiten und zu jeder Tages- oder Nachtzeit paßt. Schön schwarz ist er und vor allem heiß! Und unser Absatz darin in diesen kalten Tagen ist geradezu fabelhaft. Gut, daß wir keine Umsatzsteuer zu bezahlen haben!
Was wir sonst noch zu tun haben? Ja, da will ich noch etwas aus der Schule plaudern: Da kommt gerade eine junge Soldatenfrau, die zu ihrem Mann fahren will und die durch eine Zugverspätung ihren Anschluß verpaßt hat. Das ist nun freilich schlimm, nicht wahr, wenn man jung ist und der Mann wartet! Zuerst kriegt sie einen Teller beiße Suppe, daß sie wieder auftaut, dann wird sie, da sie sich als Fremde bei der Dunkelheit allein nicht zurecht findet, in ein Gasthaus zum Uebernachten gebracht, nachdem der passende Zug für den anderen Morgen ausgesucht ist. Inzwischen platzt ein Urlauber herein, der nur einige Minuten Aufenthalt hat, und der uns bittet, ein Telegramm für ihn aufzugeben: seine Gertrud muß doch wissen, daß er kommt!
Kaum ist das Telegramm mit vielen guten Wünschen unterwegs, kommt ein junges Mädel, dessen Koffergriff abgerissen ist: diesem Verkehr war er nicht gewachsen! Aber schnell ist mit Hilfe eines Paketknebels ein Ersatzgriff festgemacht, und nachdem sie eine Tasse Kaffee zur Erwärmung getrunken hat, zieht die Besitzerin zufrieden ab. Aber schon öffnet sich wieder die Tür und herein stürmen eine Menge Soldaten, Fronturlauber, frisch vom Westwall! Ach! was haben sie für einen Durst! Und da ihre Aufenthaltsdauer unbestimmt ist, werden ihre Trinkbecher in aller Eile gefüllt.
Aber nun kommt was Hübscheres, zwar auch in Uniform: eine Arbeitsmaid. Sie hat auch ihren Anschlußzug verpaßt und will nun die Lagerführerin anrufen. Auch sie wird zum Uebernachten weggebracht.
Doch schon wieder ist der Raum voll: zwei Frauen mit kleinen Kindern wollen sich bis zur Weiterfahrt wärmen und ausruhen, außerdem ist ein Junge eingetrudelt, der hier umsteigen mußte und der nun mit seinem Gepäck in den richtigen Zug gesetzt wird.
Eine junge, hübsche Frau kommt weinend herein: was ist denn los?" Unter Tränen lächelnd gesteht sie, daß ihr etwas ins Auge geflogen ist! Und nun wird der Fremdkörper sorgfältig entfernt. Bis der Zug fährt, wird sie in eine dunkle Ecke gesetzt, daß sich das Auge beruhigt. Natürlich bekommt auch sie zum Trost eine Schale „Mokka". Und noch einmal wird die Tür aufgerissen, wieder Soldaten. „Was, den ganzen Tag' noch nichts Warmes? Bei dieser Kälte!" Und schnell wird die heiße Reissuppe, die herrlich duftet, in Teller gefüllt. „Eine Scheibe Brot dazu, bitte?"
Als sie weg sind, wird sich erschöpft einen Augenblick hingesetzt und der Strickstrumpf zur Hand genommen Aber dann muß gespült werden, eine Menge Geschirr wartet, und der Boden muß gekehrt oder ausgewaschen werden, denn soviel Schuhe den ganzen Tag über machen ihn nicht gerade sauberer. Wir schaffen, als wenn wir es bezahlt bekämen, aber dann kommt die Ablösung, und froh und zufrieden über das Geleistete, aber auch ehrlich müde, geht's nach Hause. E. L. St.
Ein Aufruf des Kreisleiters.
Zur 4. Reichsstraßensammlung am heutigen Samstag und Sonntag.
Die letzten Strahenfammlungen im Monat Zanuar haben ein bisher noch nicht erreichtes Ergebnis gezeitigt. Der kreis Detterau gehört damit zu den neun besten kreisen, deren Sammelergebnis über dem Gaudurchschnilt liegt.
Partei- und Volksgenossen! Die beiden kommenden Tage sollen wiederum den Beweis erbringen, daß unsere Opserbereitschast unbegrenzt ist!
Heil Hitler!
Backhaus. Kreisleiter.
Winter im Dorf.
Wohl die meisten Städter behaupten, daß sie auf den abgelegenen Dörfern nicht leben könnten. Da haben sie kein Theater, kein Kino, kein Konzert. Die Langeweile würde sie erdrücken. In den Dörfern ereignet sich nichts, die Tage schleichen langsam dahin, man hört und erlebt nichts.
Ist das nicht ein großer Irrtum? Gibt es wirklich noch abgelegene Dörfer? Haben sie nicht alle Post- oder gar Bahnverbindung? Gehen nicht auch die Telephondrähte in jedes Dorf? Haben wir nicht die Zeitungen, den Rundfunk?
Es ist ein Märchen, daß viele Dörfer im Dornröschenschlaf liegen. Man denkt bei diesem Schlafe wohl an jene Sommerabende, die man auf dem Lande verleben konnte. Wenn nach Sonnenuntergang die Luft sich etwas abgekühlt hatte und groß und klein nach vollbrachtem Tagewerk vor dem Hause faß und eine müde Unterhaltung im Gang war, wenn hier und da ein Hund bellte, oder in der Ferne ganz leise ein Volkslied auf der Mundharmonika gespielt wurde, dann fühlte man den Zauber des ruhigen Sommerabends auf dem Lande und dankte dem Schicksal, daß hier die aufgeregten Nerven zur Ruhe kamen.
Und dieses Bild von der dörflichen Stille nimmt man mit in die laute Stadt, denkt manchmal vielleicht mit Sehnsucht an jene Tage, möchte aber um alles in der Welt nicht dort sein Leben verbringen. Was bietet einem die Stadt dagegen! Welche Fülle von Ereignissen, von Neuigkeiten, stürzen auf den Menschen ein! Da gibt es jeden Tag etwas zu sehen, da fühlt man den Strom des Lebens, man wird mitgerissen, glaubt, mitten drin im Leben zu stehen. Auf dem Dorfe aber: Ruhe, Stille, Langeweile!
Wir Landbewohner lächeln über diesen Glauben. Wir kennen hier nur eine große Melodie, nach deren Tcrkt unser Dorfleben abrollt, das ist das
Lied der Arbeit. Dom ersten Ruf des Hahnes bis spät in den Abend herrscht hier Leben, Arbeit, und im Sommer sind es nur wenige Stunden, in denen sich der Landwirt Ruhe gönnt Da kann keine Langeweile aufkommen.
Wohl sind es dieselben Menschen, denen wir täglich begegnen, aber wir nehmen Anteil an ihrem Leben und ihrem Wohlergehen. Wir grüßen sie und fragen nach ihrer Arbeit, wir sprechen über das Wetter, über alle Ereignisse. Und in der Stadt? Stumpfen die vielen Eindrücke nicht so schnell ab, wird seihst das Ungeheuerliche nicht bald als gewöhnlich empfunden, weil schon wieder etwas Neues kommt? Wenn bei uns jemand krank wird, nimmt das ganze Dorf Anteil daran, wenn eine Verlobung stattfindet, wünschen wir alle Glück. Ist es nicht so, daß wir in der Stadt jahrelang jeden Morgen auf dem Weg zum Büro Menschen begegnen, die wir äußerlich kennen, denen wir aber kaum einen Gruß zunicken? Sind die langen Wege in der Stadt nicht viel ereignisärmer als nur ein kurzer Gang durch eine Dorfgafse?
Nirgends gilt das Wort Wilhelm von Humboldts, daß erst die Verbindung mit den andern Menschen dem Leben seinen Wert gibt, mehr als auf dem Lande. Wir wohnen zwar nicht so dicht zusammen wie in der Stadt, wir können uns wohl gelegentlich in den Hof schauen. Das ist alles, und trotzdem sind wir mit allen Gemeindeangehörigen viel enger verbunden als die Städter unter sich. Das bringen die ähnliche Arbeit, das gemeinsame Erleben so mit sich.
Die Landwirte kennen nur eine Stelle, der sie sich voll und ganz unterordnen. Das ist die Natur. Mit ihr sind sie aufs innigste verwachsen. Und wer will behaupten, daß in unserer Natur kein Leben — auch mitten im Winter — herrscht? Nein, wir sind nicht abgeschnitten von der Welt, vom Ge-
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Stille Dorfgasse im Schnee.
schehen. Wohl haben wir nicht alle Errungenschaf- ten der Neuzeit in unfern stillen Häusern. Das macht gar nichts An den langen Winterabenden kommt uns die Erkenntnis, wie wertvoll treue Freunde und gute Nachbarn sind. —
Manche Leute behaupten, daß die Winter in früheren Jahrzehnten strenger gewesen wären. Wenn wir Aelteren an unsere Kindheit zurückdenken, will es uns auch fast so scheinen Wir konnten uns doch immer wochenlang mit den Schlittschuhen auf dem Eise tummeln und in den letzten Jahren kam es vor, daß es kaum an einigen Tagen gefroren hatte. Jedenfalls ist uns ein strammer Winter immer willkommen Es freuen sich nicht nur unsere Wmtersportler, sondern vor allem auch unsere Kinder. Der Bauer aber sagt: „Wintert's nicht, so sommert's auch nicht!"
Und heuer, im Winter 1939/40 kann sich niemand beklagen, daß er nicht „stramm" genug ist. Die Kinder können rodeln, Schneemänner bauen und Schneeballschlachten veranstalten. Die Alten sitzen am warmen Ofen.
In den Bauernstuben hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig geändert. Da steht fast noch überall
Dorfrand als Rodelbahn.
Rodeln in der Dorfstraße.
Gießener Gtadttheater.
Gsell und Martin: „Bengalische Zukunft".
Mit einer Komödie, die in chrer Idee dem« erfolgreichen Schriftsteller und Theaterleiter Heinrich Laube (1846—1867 künstlerischer Direktor des Wiener Hofburgtheaters) zuzuschreiben ist, bereitete gestern das Stadttheater zwei Stunden der angenehmsten Unterhaltung. Die Wahl des Stücks darf ein glücklicher Griff genannt werden. Die politisierende Komödie, denn um eine solche handelt es sich, wird besonders in der Gegenwart gut verstanden, denn sie charakterisiert mit sicheren Strichen und von einer heiteren Seite her die englische Politik zu Zeiten der unmittelbaren Nachfolger eines William Pitt. Das Stück ist eine interessante Persiflage auf das Intrigenspiel in Englands Politik im eigenen Hause, es bringt kraftvolle Seitenhiebe auf den Krämergeist der Briten und seinen Einfluß auf die englische Politik. Dabei geht es eigentlich nur um den Posten eines Statthalters von Bengalen. Dieser Posten soll aus familiären Gründen einem Dummkopf zugeschoben werden, der mit der Hauptfigur der Iobsiade verteufelte Ähnlichkeit hat. Das Salz in der Suppe bedeutet aber ein zweiter Bewerber um diesen Statthalterposten, Sir Philipp Francis, der unter einem Pseudonym manchen Mißstand öffentlich anprangert, durch seine Kluaheit und Treffsicherheit höheren Orts heftig auffällt und in der Familie des Ministerpräsidenten (der der protegierte Dummkopf angehört) allerlei Verwirrung anrichtet, zudem er außerdem noch mit der Tochter des Hauses, mit der hübschen Junia, korrespondiert. Zum Schluß gibt es einen glücklichen Dummkopf, der hellfroh ist. nicht StatthaUer von Bengalen werden zu müssen, es gibt einen entlassenen Ministerpräsidenten, der über den klugen Publizisten Sir Philipps aus dem Amt stolperte und schließlich eine Verlobung, die sich, auf das Ganze gesehen, gut ausnimmt.
Die Aufführung, die die Komödie durch die Darsteller unseres Stadtcheaters erfuhr, verdieMe rückhaltlose Zustimmung. Den Herzog von Grafton, den Ministerpräsidenten in tollen Derlegenhellen, verkörperte Herr Do Ick mit gutgespielter Pedanterie und Hilflosigkeit. Hilmar Manders mimte den Dümmling Lord John Waterford mit einer wundervollen Konsequenz und lieber,^eugungstrart. Den Mitbewerber um den Statthalterposten, Sir Philipps, gab Hans Caninenberg mit imponierender Sicherheit des mimischen und sprachlichen Ausdrucks. Eine überaus dankbare Rolle fand Viktor Vv2 Gfchmej-lLL in dex BM des ollen Wil
liam Pitt, der sich an allen Ränken beteiligt und für eine Fülle treffsicheren und bissigen Humors zu sorgen hat. Der Darsteller baute seine Rolle geradezu zu einem Kabinettstück aus. Frau Rose Stirl stand ihm als Lady Leocadia, die Hermginwitwe, kaum etwas nach. Hilde Kneip war Die intrigante und lüsterne Lady Diana, Jngeborg Riehl eine feine, liebenswerte, ernste Junia, und Elisabeth Leip- recht die geschickte Gesellschafterin Sackville. Gert Geiger gab der geschichtlichen Person des Lord Robert Clive eindringliche Züge einer weltabgewandten, schon jenseitigen Resignation. Außerdem wirkten Hans Albert S ch e w e, Gerhard Reuter, Walter E r l e r und Friedrich Gröndahl mit.
Der äußere Rahmen der Komödie versetzte in das ausgehende 18. Jahrhundert. Herr Löffler schuf ein Bühnenbild von klaren Linien. Fräulein Strom» beck hatte für die Kostüme sichtlich sorgfältige Studien gemacht. Die Regie von Dr. Hannes R a z u m faßte alle mitwirkenden Kräfte zu einer schönen künstlerischen Gesamtleistung zusammen. Den Darstellern wurde zum Schluß durch anhaltenden und herzlichen Beifall lebhaft gedankt.
Heinrich Ludwig Neuner.
Von Der frohen Zuversicht.
Von 3ofef Maanus Wehner.
Zuversicht und Glück stehen in einem wechsel- fertigen Verhältnis zueinander. Der zuversichtliche Mensch scheint vorn Glück befruchtet zu fein; der freudige Glanz auf feinem Antlitz zeigt an, daß er mit dem Glück schon heimliche Hochzeit hatte, ehe er zur Tat schritt. Dieser Glanz verläßt ihn auch während der Arbeit nicht; er singt, während die anderen mit mürrischem Gesicht über ihrem Werke hängen, als hätte er eine heimliche Liebe, und lockt mtt seiner Fröhlichkeit den Erfolg herbei. Denn so schwer wich der Erfolg zu erringen ist, so setzt er sich doch am liebsten zu den Menschen nieder, die froh an ihn glauben Da ist ihm wohl, dem ernsten Mann, denn da wird ihm ja schon im voraus gedankt; und wohlgefällig zieht er die Krone aus der Tasche und setzt sie dem Zuversichtlichen auf.
Zuversicht ist- Dankbarkeit auf Vorschuß. Und wir wir selber am liebsten jenen Menschen Geschenke machen, die von Herzen dankbar sein können, so fallen auch die großen Geschenke des Lebens am liebsten der Zuversicht in den Schoß. So köstlich Mühe und Arbeit fein können, so ist es mit dem Schweiße allein nicht getan, der uns von der Stirne rinnt, wenn unter dieser Stirne nicht auch ein Paar fröhliche, schelmische Augen lachen. Durch die Zu- verLÄ nämlich erhebt LÄ der MM üdZc Le
harte Arbeit, über die Rauheit des Lebens; er ist ja mehr als der Knecht seiner Arbeit, er ist ein freies, sittliches Wesen, die Arbeit ist sein Panzer und seine Waffe im Widerstand gegen die feindliche Welt, er selber aber ist der freie Mensch im Panzer, der Ritter seines Volkes, der durch das Kampfgewicht hindurch dem großen Feierabend entgegenreitet.
Das Licht dieses Feierabends aber sollen wir hinter jeder Mühsal leuchten sehen. Wir schaffen alle für das schöne Licht, das einst auf unserem Tische und auf dem Tische unserer Kinder brennen soll, wenn wir den Panzer treuer Arbeit ablegen dürfen. Wann diese Stunde kommen wird, hat uns das Schicksal nicht verraten. Denn das Schicksal ist stolz und liebt den Mann, der freiwillig dient, ohne ängstlich nach dem Ende zu fragen. Wenn wir aber einen zuversichtlichen, tapferen und ausdauernden Charakter haben, dann nehmen wir mit der Zeit das Schicksal gleichsam in unseren Willen auf, Schicksal und Charakter werden eins: wir werden selber zum Schicksal.
Das ist ein aroßes, ja ungeheures Wort, und nur der wahrhaft tapfere und zuversichtliche Mensch darf es für fein ganzes Volk ausfprechen. Aber in den höchsten Augenblicken der Geschichte wie auch in den höchsten Augenblicken eines großen Menschenlebens ist es schon oft Wahrheit geworden; oft schon sind große Männer, große Völker anderen Menschen, anderen Völkern zum Schicksal geworden, und es bän$t nur von der Stärke unserer gläubigen Zuversicht ab, ob auch in dieser Zeit der Bewährung unser Charakter und unser Schicksal zu einer siegreichen Einheit verschmelzen. Die Verantwortung hierfür liegt nicht nur beim Heere zu Lande, zu Wasser und in der Lust; sie erprobt sich nicht nur weit draußen an unserer Grenze oder jenseits unseres Hoheitsbereiches: sie liegt ebenso stark in deiner eigenen, einzelnen Hand, in deinem eigenen klopfenden Herzen, mein lieber Mitmensch, und in deiner eigenen, frohen Zuversicht.
So stark ist die Kraft des Ganzen, des großen deutschen Volkes, des großen, umdrohten Reiches, daß du aus diesem Ganzen einfach nicht heraustreten kannst, ohne zu verwelken und zu verwesen wie ein herbstliches Blatt, das vom Baume fällt. Versuche es nur einmal, dich vom Ganzen fort- zudenken — und dein innerstes Herz steht still und du bist auch ohne lauten Urteilsspruch zum lebendigen Tode verurteilt, der jeden Abtrünnigen ereilt Wer abfällt, der stirbt wie das Blatt stirbt, das vom Baume fällt; denn die Gerechtigkeit, die das Leben eines Volkes durchwaltet, sitzt nicht nur sichtbar auf dem Richterstuhl in den steinernen Gerichtshöfen der Stadt, sie wirkt lautlos und ohne Täuschung in unserem Fleisch und Blut von Geschlecht zu Lejchlecht bis in Mers Nachkommen hirmb, x.
Wer aber dem Ganzen treu bleibt, der spürt den lebendigen Kräftestrom, der durch den Volkskörper fließt wie seinen eigenen Blutstrom, der durch seinen eigenen Körper fließt. Vom Ganzen her empfängt der wirkende Mensch feine Zuversicht, und zwar fo stark, daß man sagen kann: wer keine Zuversicht hat, ist abgefallen, wer aber zuversichtlich lebt, ist treu. Im zuversichtlichen Menschen ist ein Teil jenes Feuers, das als Blitz an der Front auf den Feind fällt, und das ist wahrhaftig kein zaghaftes Feuer, kein schleichender Blitz, kein leisetreterischer Donner, sondern ein furchtbarer Strahl, der mit der Kraft eines ganzen Volkes geladen ist.
Dieser Kraft schließe dich an, du Soldat in der Heimat, du Kämpfer im Panzer der Arbeit. Und wenn du auch manchmal zagst und unsicher wirst: deine Zuversicht wird um so freudiger wachsen, je selbstloser, entschiedener und freudiger du dich in das Ganze, in dein Volk hineinschließest und eins mit ihm wirst. Diese Zuversicht bedarf keines äuße- ren Befehls, sie bedarf nur, wenn sie schwankend wird, der eigenen Zurechtweisung, und die kann sehr still unter zwei Augen erfolgen: wenn du mit dir selber sprichst, hört dich niemand als der große Gott, der unser Volk erschuf und es von neuem auf den Weg geschickt hat, damit es groß und stark und leuchtend werde. Und Gott ist ein stummer Zeuge.
Blicke aber auch oft zu jenen Kameraden auf, denen die frohe Zuversicht gleichsam eingeboren wurde. Es sind gewiß deine besten Kameraden, denn sie machen dich nicht schwach, sondern stark. In ihnen rauscht der fröhliche Quell jenes Lebens, aus dem auch die Lieder sprudeln, die tapferen und weisen Sprüche unterer Vorfahren sowie alle guten und tüchtigen Dinge, die sich auch in der Not bewähren. Immer sind die zuversichtlichen Menschen auch die offenen Menschen, die Menschen des tief« sten Vertrauens, denn wie könnte man einem Menschen vertrauen, der selber kein Vertrauen hat?
Der Lebensgrund ist schwankend unb unsicher; aber sobald ihn ein zuversichtlicher Mensch betritt geschieht das Wunder: der trügerische Bode« festigt sich, die Riste schließen sich, es wird festes Land, das den Zuversichtlichen trägt. Ferne Erdteile, die jahrtausendelang unbekannt waren, bat der kühne Seefahrer entdeckt; der Zuversichtliche ist der Mensch an der dämmernden Grenzscheide zwischen Gegenwart und Zukunft, der Mensch des Morgenrotes, bas verheißungsvoll auf feinem Antlitz glänzt, der Führer zu neuen Ufern. Und selbst wenn er feine eigenen Schiffe hinter sich verbrennt, so weist die Hand, die den Feuerbefehlz gab, Im nächsten Augenblicks über alle Dämmerung hinweg, in den neuen Moi» gen, der sich seinem Glauben öffnet,


