Einzelbild herunterladen

Aus der Stadl Gießen.

September.

Mit tiefem Ernst tritt das deutsche Volk diesmal in den September ein, jährt sich doch der Tag, an dem der uns aufgezwungene Krieg begann, der zu so gewaltigen Ereignissen führen und eine Schick- salswende nicht nur für uns, sondern für ganz Europa einlesten sollte. So wird der 1. September für uns Deutsche immer ein Tag bleiben, an dem große Erinnerungen wachgerufen werden.

Es ist nicht das erstemal, daß der Anfang (Sep­tember deutsche Schicksalstage brachte. Der Sedan­tag, nicht der 1. September, der eigentliche Schlacht­tag, sondern der 2., der die Gefangennahme Napv- leons mit seinem ganzen Heer ergab und damit den Krieg von 1870 im Grunde entschied, war m all den Jahren bis zum Weltkriege ein Freudenfest für das ganze Volk, für die Schuljugend besonders ein Höhepunkt im Jahr mit Schulfeier, Ausflügen, Spielen und Fackelzügen. Nun hat der September feine neue Bedeutung für uns bekommen und sei­nen Ruf gefestigt, daß gerade er ein wichtiger Monat im Kreislauf des Jahres ist.

Seit alter Zeit waren mit dem September aller­hand Dolksbräuche verknüpft, die ihn als den ersten Erntemonat auszeichneten. In ihm feierten die Ger- mnnsn ihr Herbstfest, das mit dem Opfer von Tier­köpfen und Opferschmäusen begangen wurde; auch verschiedener Abwehrzauber spielte dabei mit. Der näherkommende Winter mahnte, ein Totenfest zu feiern, das aber mit einem Erntedankfest verbun­den war. Das erste lebt in dem Fest des Heiligen Michael weiter, das zweite in den Kirchweihfesten. Die Verquickung der beiden Feste zeigt die Tat­sache, daß am Lechrain üblich war, am Kirchweih­montag ein Seelenamt für alle Verstorbenen aus der Gemeinde abzuhalten, und gerade an diesem Seelenamt wurde von den Bauern mit außer- ordentlicher Hartnäckigkeit festgehalten, so daß es oft zu Zwistigkeiten mit dem Pfarrer kam, wenn der Montag auf einen Tag siel, an dem nach den kirchlichen Dorschriften kein Seelenamt gehallen werden durfte. Lieber verzichteten die Bauern auf die ganze Nachkirchweih als auf ein Verschieben des Seelengottesdienstes. Auch daß im September die meisten' Wallfahrten stattfanden, erinnerte noch an das allheidnische Opferfest, zu dem man von weit her im Umkreise zusammen kam. Und während im Hundertjährigen Kniender für die drei vorher­gehenden Monate Maßhalten im Essen und Trin­ken angergten wird, ist darin der festlichen Ernte- Kirchweihstimmung im September durchaus Rech­nung getragen, denn wenn auch vor Uebermaß in allem Obstgenuß gewarnt wird, so wird doch ge­raten,sich der Gänse, Kapaunen, Indian und Reb­hühner, auch Schnepfen, Fasanen, Grammetsvögel, Wachteln und Staren zu bedienen".

Das Wetter spielt im Mänat der Tag- und Nacht­gleiche im Volksglauben eine wichtige Rolle, vor allem haben der 1., der 17. und der 21. Septem­ber Vorbedeutung für das ganze Herbstwetter. Nebel und Gewitter werden als günstig angesehen. Aber der September bringt uns oft noch die schön­sten Tage, gerade wenn die vorhergehenden Mo­nate uns enttäuscht haben. Dann ist die Welt noch in leuchtenden Sonnenglanz getaucht, Bäume und Büsche sind ungebrochen in ihrem dunklen Grün, in das sich erst gegen den Schluß hin die gelben Töne des eigentlichen Herbstes stärker mischen. Als Bringer reicher Gaben steht der September bei den Kindern in hoher Gunst. Es kommen oft genug noch warme Tage, an denen jede blanke Wasserfläche zum Bade einlädt, und auch der Septembersonne wohnt noch eine bräunende Kraft inne. Verklärung und Reife liegt in diesen Tagen, gerade der frühe Morgen, wenn der Glanz der aufsteigenden Sonne den am Boden lagernden Nebel durchdringt, wirkt in dieser Zeit einen besonderen Zauber,^ und es lohnt sich, ein Frühaufsteher zu Jein. Beim Weg über die Fluren wird dem Wanderer dann vielleicht Eduard Mörikes Preislied eines Septembermorgen in den Sinn kommen, das am schönsten den Zauber dieser Jahreszeit und Morgenstunde besingt:

Im Nebel ruhet noch die Welt, Nock ttäumen Wald und Wiesen: Balo siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen." C. K. Wieder Feldpostpäckcken.

Die Annahmesperre für Feldpostpäckchen wird mit Ablauf des 31. August 1940 aufgehoben. Vom 1. Sep­tember 1940 an werden demnach Feldpostpäckchen bis zum Gewicht von 1000 Gramm allgemein wieder zur Beförderung angenommen.

Güterwagen

Auf jeden Güterwagen kommt es an Hilfe geleij

Dem Güterverkehr auf der Reichsbahn find durch den Krieg erheblich größere Ausgaben gestellt wor­den, als er in Friedenszeiten zu erfüllen hatte. Die Versorgung unserer Wehrmacht in den besetzten Ge­bieten, die kriegs- und ernährungswirtschaftlichen Erfordernisse in der Heimat und die großen Trans­portleistungen für das befreundete und neutrale Ausland stellen an den Güterverkehr der Reichs­bahn so gewallige Anforderungen, daß alle früher gewohnten Maßstäbe jetzt keine Gültiakett mehr haben. Es ist daher auch nur natürlich, daß die Zahl der Güterzüge auf unseren Bahnstrecken im Vergleich zu den Friedensverhältnissen außerordent­lich angewachsen ist. Die Reichsbahn hat alle Kräfte angespannt, um ihren vielfach größeren Pflichten im Güterverkehr stets entsprechen zu können. Für den bevorstehenden Herbst und Winter sind jetzt schon alle Vorbereitungen getroffen worden, um neben den Transporten für die Wehrmacht alle Sendungen für die Volksernährung, die Brennstoff- versorgung, die Kriegswirtschaftsbetriebe und alle übrigen Unternehmungen schnell und pünktlich be­fördern zu können. Dabei gilt als wichtigster Grundsatz das Wort: Güterwaaen müssen schnell um laufen! Dieses Ziel kann die Reichsbahn mit ihren allerdings knappen Wagen­beständen nur dann erreichen, wenn alle Verfrach­ter und Empfänger von Gütersendungen durch ver­ständnisvolle Mitarbeit- die Bahn unterstützen. In den meisten Fällen wird dies ohne Mehrbelastung möglich fein, wenn man sich als besondere Ver­pflichtung vor Augen hält, daß die Kriegsverhält­nisse von jedermann Sonderleistungen erforderlich machen und rechtfertigen.

*

Es dürfte den meisten Volksgenossen, auch den am Güterverkehr der Reichsbahn beteiligten Wirt­schaftskreisen, wohl nicht bekannt sein, daß ein Gü­terwagen in einem Zeitraum von 300 Tagen an 200 Tagen für den Absender und^den Empfänger zum Be- und Entladen auf dem Bahnhof bereit­steht und daß nur 100 Tage aus die Beförderung des Wagens durch die Reichsbahn entfallen. Wenn man sich diese Zahlen und ihre wirtschaftliche Be­deutung gründlich überlegt, wird man zu dem Er­gebnis kommen, daß schon geringe Beschleunigungen beim Be- und Entladen'sich bei den Hunderttausen- den von umlaufenden Güterwagen in einem schnel­leren Umlauf auswirken müssen, also' erheblich mehr Wagen für die Bedienung des Güterverkehrs zur Verfügung stehen können. Diesem erstrebens­werten Zielen muß alle Arbeit nicht nur bei der Be­ladung, sondern auch beim Entladen der Wagen ent­sprechen. Jeder Empfänger eines Güterwagens sollte sofort nach der Bereitstellung des Wagens mit dessen Entladung beginnen, damit die von der Reichsbahn gestellte Frist eingehalten wird. Der Güterwagen darf nicht als ein Lagerraum angesehen werden, in dem der Empfänger das angekommene Gut ungebührlich lange liegen läßt, auch wenn er dafür Standgeld auf das die Reichsbahn gar nicht scharf ist bezahlen muß. Zur Beschleunigung der Abfuhr aller Güter hat die Reichsbahn die Voravisierung eingeführt. Dadurch ist es möglich, den Empfänger von Warensendungen in Güter­wagen abends noch vor Geschäftsschluß von der An­kunft auch solcher Wagen in Kenntnis zu setzen, die erst während der kommenden Nachtstunden ein» neben werden. Der Empfänger kann also schon am Abend vorher alle Vorbereitungen treffen, damit am folgenden Morgen früh mit dem Entladen be­gonnen werden kann. Uebeigens sei hier noch dar­auf hingewiesen, daß für die Empfänger von Wa­genladungen auch für die Sonntage die Pflicht zum Entladen der Wagen besteht, damit der Wagen­umlauf auch auf diese Weise beschleunigt werden kann.

Ein anderes Mittel zur vollkommenen Aus­nützung der Güterwagen besteht darin, die Wagen nicht nur früh am Tage und rechtzeitig, sondern auch bis zur Ladegrenze zu beladen. Der Wagen- raum muß restlos ausgenutzt werden. Dabei ist vor allem auch auf eine zweckmäßige Stapelung der Güter im Wagen zu achten. Von großer Bedeu­tung ist die Anordnung der Reichsbahn, daß im innerdeutschen Verkehr die Güterwagen bis zu 1 Tonne = 20 Zentner über die angegebene Trag­fähigkeit hinaus belastet werden können. Diese Heraufsetzung der Lademöglichkeit sollten sich mög-

müssen rollen!

- Auch in Gießen kann wesentliche let werden.

lichst viele Verfrachter nutzbar machen. An sich nicht allzu bedeutende Ueberschreitungen der früher zu- gelassenen Höchstbelastungsgrenze werden dann nicht etwa in einem anderen Güterwagen Raum eqfcr» dem, den die Bahn für einen anderen Versender verfügbar halten kann, sondern die gute Auslattung des Güterwagens macht sich auch für den Verfrach­ter selbst bezahlt, weil sich die Frachtsätze mll besse­rer Ausnützung des Ladegewichts ermäßigen. Wenn viele Versender von Frachtgut diese Heraufsetzung der Lademöglichkeit in Anspruch nehmen werden, ergibt sich für den Güterwagenumlauf der Reichs­bahn der bedeutende Vorteil, daß der durch Mehr­ladung freigehallene Wagenraum anderen Sendun­gen zugewiesen werden kann, so daß auch aus diese ißeife eine Beschleunigung der Güterbeförderung ohne Mehrbeanspruchung von Güterwagen erreicht werden kann. Würden z. B. 20 Versender die zu chrer Verfügung stehenden Güterwagen mit je einer Tonne über die angegebene Tragfähigkeit hinaus belasten, so würde diese Mehrbelastung der 20 Wagen schon den Raum für einen weiteren sonst in Anspruch genommenen Güterwagen frei machen. Auf die Gesamtheit des täglich auf der Reichsbahn rollenden Gütermaterials bezogen, kann auf diesem Wege gewaltig viel Wagenraum für andere Trans­portzwecke frei gemacht unD der Wagen» und Güter­umlauf beschleunigt werden.

*

Für den Güterbahnhof Gießen ist die hier gekennzeichnete Förderung durch die Empfän­ger und Versender von Frachtgut ebenfalls dringend erwünscht. Wie wichtig diese Unterstützung sein kann, wird allein schon dadurch bewiesen, daß un­sere Güterabfertigung täglich mit einem Eingang von annähernd 300 und mit einem Ausgang von etwa 250

Gute Ergebnisse des bisherige

Die Kreiswaltung Wetterau der Deutschen Ar­beitsfront, Abteilung für Berufserziehung und Be­triebsführung, wendet sich heute mit einem neuen Arbeitsplan des Berufserziehungs- werks für den kommenden Winter an die Oeffent- lichkeit. In diesem Arbeitsplan wird allen schaffen­den deutschen Menschen, gleich welchen Alters und Berufes, eine Fülle von weiteren Ausbildungsmög­lichkeiten geboten, bei deren Benutzung alle Männer und Frauen sich im Rahmen von Lehrgemeinschaften beruflich immer mehr vervollkommnen können. Bei dieser Weiterbildung handelt es sich nicht etwa um einen rein schulmäßigen Betrieb, bei dem ein Lehrer vorträgt und die Teilnehmer nur zuhören, sondern hier sind Lehrgemeinschaften am Werke, bei denen alle praktisch arbeiten nach dem grundlegen­den Gesichtspunkt: Aus der Praxis, für Die Praxis! Durch diese Arbeitsgemeinschaft werden die Ziele der Weiterbildung von jedermann praktisch erarbeitet.

Vor dem Beginn des neuen Arbeitsabschnitts der Uebungsstätte Gießen ist es interessant, rückschauend zu sehen, wie diese Einrichtung der Deutschen Ar­beitsfront im Kreise Wetterau bisher in steigendem Maße in Anspruch genommen wurde. Im Sommer 1939 konnte das Berufserziehungswerk 25 Lehr- gememschaften mit rund 900 Teilnehmern durchfüh­ren, im Winter 1939/40 waren es bereits 38 Lehr­gemeinschaften mit rund 1200 Teilnehmern, im Sommer 1940 zählte man 43 Lehrgemeinschaften mit rund 1350 Teilnehmern. Die Lehrgemeinschaften vom Sommer 1940 gliederten sich in folgender Weise auf: Gruppe Handel (kaufmännische Fächer) 30 Lehr­gemeinschaften mit 860 Teilnehmern, GruppeEisen und Metall" 4 Lehrgemeinschaften mit 120 Teilneh­mern, GruppeHausgehilfinnen" 2 Lehraemein- schasten mit 20 Teilnehmern, ferner die Lehrgänge Heize richtig!" in 7 Lehrgemeinschaften mit 250 Teilnehmern. Daneben wurden noch einige weitere Lehrgemeinschaften mit kleinerer Beteiligung durch­geführt. Im Winter 1939/40 fanden außerdem 15 Lehrgemeinschaften in Betrieben mit rund 350 Teil­nehmern statt, bei denen die Angehörigen der be- treffenden Betriebe unter Berücksichtigung der Be­triebseigenart zu geschlossenen Lehrgemeinschaften zusammengefaßt waren.

Die Weiterbildung in den Lehrger. . üischasten er­folgt unter Leitung erster Fachkräfte, die als

bis 270 Guterwagen zu rechnen hat. Es sind also tag. ljch 9 bis 10 Güterzüge, zu je 60 Waaen gerechnet, auf den Gleisanlagen bei der Güterabfertigung zum Ent- und Beladen vorhanden, eine Menge, die wirklich sehr respektabel ist. Daß bei diesem großen Ausmaß von Güterwagen die Empfänger und Ver­sender Durch schleuniges Ent- und Beladen viel zur Förderung des Wagenumlaufes beitragen können, liegt auf der Hand. Leider hat es bisher noch manche Zahlung von Standaeld gegeben, Die an sich nicht nötig gewesen wäre. Auch hier sei betont, daß die Reichsbahn gar kein Gewicht auf Standgeld legt es ist ihr im Gegenteil viel lieber, wenn die

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

Güterwagen stets in kürzester Frist be- und ent­laden werden. Dazu haben die beteiligten Firmen und Werke in Gießen an allen Tagen, auch an Sonntagen, von morgens bis abends Gelegenheit, Denn Die Reichsbahn sorgt Dafür, daß alle Wagen zum Be- und Entladen immer rechtzeitig zur Stelle sind und Das erforDerliche Bahnpersonal auch stän- dia zur Stelle ist. Die Reichsbahn in Gießen hat sogar ihre Kraftwagen, die früher im Fernverkehr eingesetzt waren, jetzt für Die Versender und Emp­fänger von Frachtgut mit bereitgestellt, um ihnen bei Dem An- und Ab fahren Der Güter Hilfe zu leisten, Damit auch hierdurch Der Wagenumlauf be­schleunigt wird. Zu dem gleichen Zwecke stehen die von Der Fahrbereitschaft Gießen eingesetzten Kraft­fahrzeuge den Gießener Wirtschaftskrerfen und Der Bahn zur Verfügung. Es sind also in Gießen alle Möglichkeiten vorhanden, um Den Güterverkehr auf der Bahn noch stärker als bisher zu beschleunigen, jum Nutzen aller Beteiligten, vor allem auch der Empfänger Der SenDungen. Von Diesen Möglich­keiten sollten alle Interessenten reichlich Gebrauch machen. ?

i durch die OAF.

, Wirkens im Kreise Wetterau.

Uebungsleiter alle Gewähr für gute Ausbildung bieten. Das Ziel Der Lehrgemeinschaften besteht Darin, die Teilnehmer durch höchstmöglichen Aus- bildungsstand zu befähigen, einen Arbeitsplatz ein­zunehmen, auf dem sie die höchsten Leistungen für die Gemeinschaft vollbringen können. Jeder Teil­nehmer an Den Lehrgemeinschaften erhält nach' ab­geschlossenem Besuch eine Bescheinigung über seine Mitarbeit in diesem Kreise. Das Berufserziehungs-- werk führt für die Teilnehmer Der Lehrgememschaften auch eine Berufs-Laufbahnberatung durch, Die Den Teilnehmern aute Möglichkeiten für ihr Fortkom­men eröffnen soll. Bei genügender Beteiligung wer­den vielleicht auch in kleineren Städten des Kreises Wetterau Derartige Le h r g em ein scha ften durchgeführt werden.

Die bisherige gute Steigerung bei Der Benutzung dieser Einrichtung zeigt, daß bas Bewußtsein, in diesem Rahmen sich ist ausgezeichneter Weise fort- bilden zu können, immer breitere Bevölkerungs­kreise durchdringt. B.

/--------

WödteKtlieli

aiM Dosa /K iL

--v/3 der schmackhaften und leicht verdaulichen NESTLE KINDERNAHRUNG erhält die Mutter für ihr Kind bis zum Alter von 1'/, Jahren gegen Berechtigungsschein, den das Ernährungsamt bzw. die Karten­stelle ausstellt.

BroschüreRatschläge eines Arztes" kostenlos und unverbindlich durch die

DEUTSCHE AKTIENGESELLSCHAFT FÜR NESTLE ERZEUGNISSE l BERLIN-TEMPELHOF .

Roman von Helene Kalisch

Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Elchacker, Gröbenzell bei München

10. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Bergholz macht auch einen Weg durchs Zimmer und wieder zurück, setzt sich und blättert in der Abendzeitung. Er findet die Besprechung Der ge­strigen Tristan-Aufführung. Beim Lesen bekommt er einen roten Kopf. Die Aufführung wird als großes musikalisches Ereignis gewürdigt. Vieles wird gelobt, einiges auch getadelt, lieber Di et- rn uthe Röhls Leistung läßt sich der Betrachter fol­gendermaßen aus:

Frau Röhls Isolde war gesanglich sowie dar­stellerisch hervorragend. Doch fehlt dieser hoch­begabten Sängerin, Die uns schon mit mancher Probe ihres großen Könnens erfreut hat, leider nur eins, was freilich von keiner noch so fertigen Hebung ersetzt werden kann: Die Beseelung ist es! Diese prachtvoll gesungene Isolde war dennoch nicht Isolde. Auch bei dieser Rolle hat sich Frau Röhl nicht in Gefühlsunkosten gestürzt..."

Hans Bergholz zerknittert wütend die Zeitung zu einen Knäuel.So ein Frechlina! So ein un­verschämter Geselle!" schimpft er aufspringend und ballt Die Fäuste, als gelte es. Den Urheber dieser Verunglimpfung anders nennt er die Bemerkung nicht auf Der Stelle zu züchtigen. Da wird er zu Tisch gerufen und kommt zur Besinnung. Er folgt em wenig betreten dem Ruf.

Für Frau Erna hat sich inzwischen Die sie beson­ders beunruhigende Tatsache des gestrigen Aus­gehens ihres Mannes aufgeklärt, wenn sie auch noch nicht Zeit gefunden hat, das Erstaunliche zu über­denken. Sie ist neugierig, aber auch voll neuen Miß. trauens. Der Mutter, Die bereits wieder beginnt, für Hans Partei zu nehmen, hat sie heftig geantwortet.

Bergholz fühlt bet Tisch mehr Unsicherheit als vor­her bei Dem Gespräch mit seiner Schwiegermutter.

Ein paar Zeilen Zeitungstext haben ihm alle Ge­danken weit hinweggewirbelt von seinem belang­losen Ehezwist und den schwiegermütterlichen Schlichtungsabsichten. Er bemüht sich, Friedensbe- reitschaft zu zeigen, zwingt sich Gesprächigkeit ab und erzählt von einem komischen Zwischenfall bei Ausübung seiner Praxis, worüber Frau Gehrke quiekend lacht. Don Erna erhält er noch keine Ent­gegnung, Das kennt er; sie will anders gebeten sein. Aber er weiß, daß ihr das Schmollen und Un­gnädigsein selbst bald langweilig wird.

Nach dem Abendessen begleiten seine Frau und er die Mama heim. Frau Gehrke erklärt, zu Fuß gehen zu wollen, da sie sich noch etwas Bewegung machen müsse was Bergholz vollkommen ein­leuchtet nach ihrer Essensleistung, Der, wie er weiß, eine ausgiebige Schlemmerei in Der Konditorei vor­ausgegangen ist.

Deutlicher macht sich jetzt ein Umschwung in Der Stimmung seiner Frau bemerkbar. Sie spricht wie­der zu ihm, wenn auch noch fahrig und sprung­haft. Sie beginnt, Fragen nach seinem gestrigen Abenderlebnis zu stellen. Er antwortet erst gewollt ausweichend und zögernd, dann beginnt er zu über­treiben. Sie merkt Die Neckerei, die ihr wie stets Spaß macht. Er denkt befreit, es sei vielleicht gut, Der Sache einen kleinen Dreh ins Lächerliche zu geben.

Ist Denn die Sängerin hübsch? Ich meine auch so, ohne die Aufmachung Der Bühne?"

Bildschön ist sie!" behauptet' er mit Nachdruck und stößt seine Schwiegermutter leicht mit Dem Ellenoogen an. Frau Gehrke erstickt beinahe vor Kichern. Nach einem viertelstünDigen Weg scheidet sie höchst zufrieden und fühlt sich neu gestärkt für ihre Aufgabe, Hüterin Des Eheglücks Der jungen Leute zu fein.

Bergholz schlägt seiner Frau vor, noch eine Bar aufzusuchen, in Die sie öfters gehen. Sie ist gern dazu bereit. In einer Taxe erreichen sie in fünf Minuten Die Gaststätte. Eine dicke, von Tabaksrauch durchwolkte Luft schlägt ihnen entgegen. Im Hin- terarunde säuseln Geigen, quäkt Das Saxophon und rasselt das Schlagzeug. Die Tische sind zumeist be« setzt. Don einem wird ihnen zugewinkt.Sieh mal,

Hans, da ift ja Herr Riemschneider und sein Schwa­ger Brinkst ruft Erna lebhaft. Sie nehmen bei Den Bekannten am Tisch Platz. Rechtsanwalt Brink war alter Herr" in Bergholz' Studentenverbindung ge­wesen. Dessen Schwager, Der Börsenmakler Riem­schneider, ist in Rahnsdorf mit seinem Wochenend­häuschen ihr Nachbar. Bergholz hat an dieser Som­merfreundschaft schon reichlich genug; aber Erna freut sich über Die Begegnung. Sie wird sehr ver­gnügt. Wie weggeblasen ist aller Verdruß. Hans tanzt ein paarmal mit ihr. Sie schmiegt sich in seinen Arm, zwickt ihn ins Ohrläppchen, erklärt ihn für ein Scheusal unD raunt ihm zu, sie wolle über­haupt nie wieder etwas von ihm wissen. Dabei Sn ihre Augen, ihr Gesicht glüht, und die t Zähne blitzen hinter den roten, vollen Lip­pen.

Auch Der Dicke Riemschneider tanzt mit ihr und kaust ihr einen koten Kinderluftballon. Der gute Brink ist ein bißchen ledern und kramt juristtsche Fälle aus, Die außer ihn niemanDen am Tisch er­wärmen können. Und Riemschneider quasselt über­haupt nur. Was er vorbringt, ist teils albern, teils anstößig. Man lacht Darüber, na ja ... Man muß es nehmen wie es kommt. Auch der geistige Gehalt der Geselligkeit kann nicht allerorts Der gleiche fein unD soll es gar nicht sein. Und Erna übertreibt heute ersichtlich ihr Vergnügen daran. Das Glitzern ihrer Augen verrät Bergholz, daß sie sich heimlich freut, ihm seinen gestrigen Bummel und Die ihr Damit angetane Kränkung heimzahlen zu können. Mag sie! Er wird müde, gähnt immer häufiger und mahnt mehrmals zum Aufbruch. Erna will davon nichts hören. Sie lacht schadenfroh, erwidert anzüg­lich und spitz. Er fügt sich.Also bleiben mir noch ..

Sie beobachtet heimlich, wie er öfters nach einer Der Bardamen hinüberblickt einem üppigen, rot- blondeN-Wesen. Sich vorbeugend, zischelt sie ihm ins Ohr:Sieht Die Da so aus wie Deine Sängerin? Die Röhl ist doch auch rothaarig, nicht wahr?"

Er zuckt leicht zusammen, seine Stirn rötet sich. "Du kleines Schaf!" murmelt er. Doch er ist be­troffen. Wie ist Das nur möglich? Wie errät Die Frau solche Dinge, ehe sie ihm selbst klar werden?

Wie im Halbschlaf hat er nach Der Rotblonden hmter Der Theke hinübergestarrt. Unter seiner quä­

lenden Müdigkeit glimmte noch etwas Suchendes, Dürstendes. Ohne es zu wissen, hat er in der üppi­gen Frau Da Drüben das Bild einer andern gesucht, vergleichsweise, als erinnere ihn Der Anblick eines grell bemalten Plakates an eine wundervolle Schöp­fung hochbegnadeter Kunst.

Er reißt sich zusammen, redet eifriger und tut es, ohne zu denken. Dabei nimmt Der Druck um feinen Schädel zu, seine Lider hinter den Brillengläsern röten sich, und sein Gesicht bekommt einen Zug äußerster Abspannung, der auch seiner Frau nicht entgeht.

Während der kurzen Heimfahrt verharren sie beide in verdrossenem Schweigen. Als er das Haus­tor aufschließt, fragt Erna:Was hast Du denn nun wieder? Man kennt sich nicht mehr aus mit dir!"

Ich bin nur müde, weiter ist nichts", entgegnet er gähnend.

So? Gestern aber warst du nicht müde!?" Beim Hinaufgehen macht sie noch mehr anzügliche Be­merkungen, auf Die er jedoch nicht eingeht. Die kaum beigelegte Verstimmung ist wieder Da. Sie leiben beiDe Darunter und messen sich gegenjeitig Die SchulD Daran zu. In Erna flackert wieder auf, mas noch unter Der Asche glimmt. Sie kann sich nicht beherrschen unD nicht mäßigen. Sie reizt Den Mann, Der längst nicht mehr Herr seiner Nerven ist. Damit zum Aeußersten. Plötzlich stürzt er auf sie zu, packt sie an den Armen und zwingt sie in Die Knie, ©ein kalkweißes Gesicht ift über ihr. Sie sieht in feine flackernden, rotgeränoerten Augen unD schreit gellend auf:Hilfe!"

Er preßt seine Hand fest auf ihren Mund.Wenn Du noch einen Ton von Dir gibst, Dann ..."

<5ie keucht, erstickte Laute quellen unter Dem Druck feiner Finger hervor. Da läßt er sie los unD stürzt aus Dem Zimmer. Er rennt' draußen gegen Das Mädchen Lina. Jetzt schreit Die auch noch ...

"$e.n d^e Den Mund!" fährt er sie an und ruft Dem Weißlichen, Schattenhaften, das vor ihm flüch­tet, nach:Sie brauchen nicht die Polizei anzurufen, aber meiner Frau können Sie Baldriantropfen bringen!" Auf Dem Ruhebett im Behandlungszim­mer verbringt er Den Rest der Nacht.

(Fortsetzung folgt.)