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Nr. 180 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 1. Angnst 1940

Das Gauergebms der Heilkräuter-Sammlung.

Oer Gauleiter sprach den besten Schulen seine Anerkennung aus.

In einer kurzen Feierstunde im Adolf-Hitler- Haus wurden die Schulen des Gaues, die in der Heilkrauter-Sammlung 1939 die besten Ergebnisse aufweisen konnten, vom Gauleiter besonders aus­gezeichnet und den Kreissachbearbeitern, die sich in dem Aufgabengebiet besonders hervorgetan haben, die Anerkennung ausgesprochen. Die Schulen, die als Auszeichnung ein mit Widmung versehenes Führer-Bild erhalten, sind

die Volksschule Trösel i. Odw., Niederliebersbach und Unterflockenbach;

die Goetheschule Gießen;

die Volksschule Münster bei Butzbach;

die Hebbel-Mädchenschule (Kreis Wiesbaden);

die Oberschule für Jungen, Kreis Bingen;

die Oberschule in Nidda und

die Volksschulen Eckelshausen (Kreis Biedenkopf) unb Allendorf (Kreis Biedenkopf).

Die Kreissachbearbeiter Dr. Schumann, Bens­heim, Lehrer O ß w a l d , Bad-Nauheim, Studienrat Bayer, Bingen, Lehrer B ö v e r s e n , Eckelshau­sen, fanden für ihre erfolgreiche Arbeit besondere Anerkennung.

Nach der Begrüßung des stellv. Leiters des Gau­amtes für Volksgesundheit, Gauamtsleiter Dr. Zöckler, behandelte der Gauleiter das In­teresse des Nationalsozialismus an der natürlichen Heilweise, das durch die Förderung des Stellver­treters des Führers besonders in Erscheinung ge­treten sei. Er verwies alsdann auf die Tatsache, daß ehedem ein großer Teil der Heilkräuter, so z. B. selbst Brennesseln und Hagebutten, aus dem Ausland importiert wurden. Die von der Partei angeordnete Sammlung von Heilkräutern hilft neben ihrem Dienst in der Volksgesundheit folglich auch dazu mit, unseren Devisenmarkt zu entlasten. Heber die Schaffung von Werten, die die Heil­kräutersammlung erbringe, liege ihre Bedeutung jedoch vor allem in der Verbreitung der Kunde

von der wohltuenden gesundheitsfördernden Wir­kung der Heilkräuter. In großangelegter Breiten­arbeit bekomme heute die Jugend damit Kenntnis von der Anwendung dieser uns von der Natur zur Verfügung gestellten Gesundheitsmittel. Nach der Auszeichnung der Schulen und Ehrung der Kreis­sachbearbeiter und nach einer besonderen Anerken­nung, die der Gauleiter dem Gausachbearbeiter Dr. Ripperger aussprach, versicherte er, daß er der Aktion, die im Bewußtsein des Dienstes an der Volksgesundheit und damit des kostbaren Gutes unseres Volkes durchgeführt werde, auch weiterhin jede Förderung zuteil lassen werde.

Die ausgezeichneten Schulen haben von Beginn der Aktion an durch ihren freiwilligen Einsatz nicht nur eine absolute Höhe des Sammelergebnisses er­reicht, sondern durch die hervorragende Sauberkeit und peinliche Behandlung des Sammelgutes wirk­lich beste Arzneidrogengewinnung durchgeführt. Der Umstand, daß an der Aktion sowohl 12klassige Ober­schulen, wie einklassige Dorfschulen beteiligt sind, wurde, wie die Liste der Ausgezeichneten beweist, selbstverständlich berücksichtigt. Neben den durch den Gauleiter geehrten Schulen werden weitere Schulen für ihren erfolgreichen Einsatz Diplome erhalten.

Oas Ergebnis

der Goetheschule Gießen.

Nachstehend geben wir das Sammelergebnis der Goetheschule bekannt, für das die Schule nunmehr die Auszeichnung erhielt:

63,450 kg Hirtentäschel, 39,550 kg Schachtelhalm, 7,250 kg Holunderblüten, 6,850 kg Blüten und Stengel der Schafgarbe, 1 kg Blätter der Schaf­garbe, 4,260 kg Kamillenblüten, 1,150 kg Taub­nesselblüten, 1 kg Birkenblätter, 0,800 kg Löwen­zahnblätter, 1,150 kg Spitzwegerichblätter, 235 kg Stengel und Blätter des Beifuß sowie 230 kg frische Hagebutten.

Unsere Jugend im Gemeinschastsdienst.

Ausgleichsdienst.

Abiturienten (innen) mit Studiumabsicht müssen vor Beginn des Studiums den Reichsarbeitsdienst ableisten. Für die Abiturienten (innen) und Stu­denten (innen), die wehruntauglich (wehrdienstun­tauglich) sind, hat der Reichserziehungsminister den Ausgleichsdienst" eingeführt und mit der Durch­führung die Reichsstudentenführung beauftragt. Die wehruntauglichen Abiturienten leisten den Aus­gleichsdienst im Reichsluftschutzbund vor Beginn des Studiums. Der Ausgleichsdienst der Abiturientinnen wird bei der NSV. im Rahmen des Hilfswerks Mutter und Kind durchgeführt. Die Abiturientinnen, die nicht arbeitsdiensttauglich find, werden auf diese Weise im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit für die Aufgaben der Volksgemeinschaft eingesetzt. Der Aus­gleichsdienst dauert wie der Reichsarbeitsdienst ein halbes Jahr.

Pflichtjahr.

DasPflichtjahr" ist eine Arbeitseinsatzmaß­nahme. Nach der.Anordnung vom 23.12.1938 dür­fen ledige weibliche Arbeitskräfte unter 25 Jahren, die bis zum 1. 3.1938 noch nicht als Arbeiterin oder Angestellte beschäftigt waren, von privaten und öf­fentlichen Betrieben und Verwaltungen als Arbei­terin oder Angestellte nur eingestellt werden, wenn sie mindestens 1 Jahr lang mit Zustimmung des Arbeitsamtes in der Land- oder Hauswirtschaft be­schäftigt waren und dies vom Arbeitsamt im Ar­beitsbuch förmlich bescheinigt ist. Das Pflichtjahr ist also eine Arbeitseinsatzmaßnahme für die weib­liche Jugend mit dem Ziel, den Mangel an Kräften in der Hauswirtschaft und Landwirtschaft zu min­dern und die Mädel hauswirtschaftlich zu ertüchti­gen. Das Pftichtjahr stellt die Arbeit in der Familie, vor allem in der landwirtschaftlichen Familie, in den Vordergrund. Vom Lande stammende Mädchen müssen das Pflichtjahr auf dem Lande ableisten,

während die Ableistung auf dem Lande für Mäd­chen aus der Stadt anzustreben ist. Die Ableistung ist Pflicht für alle, die als Arbeiterinnen od-er An­gestellte in das Erwerbsleben eintreten. Bei Ab­schluß eines Lehrvertrages kann es unmittelbar nach der Lehrzeit abgeleistet werden. Arbeitsdienst, Land­hilfe, Landdienst, ländl. Hausarbeitslehre und Haus- wirtschaftliches Jahr finden auf das Pflichtjahr An­rechnung. Das Landjahr wird bis zur Dauer eines halben Jahres auf das Pflichtjahr an gerechnet. Die Durchführung des Pflichtjahres obliegt den Arbeits­ämtern, die mit den Dienststellen des Reichsnähr­standes, des Deutschem Frauenwerkes und des BdM. eng zusammen arbeiten.

hauswirtschaftliches Jahr.

Für die Einführung des Hauswirtschaftlichen Jah­res waren die Gesichtspunkte der Betreuung und beruflichen Ertüchtigung der weiblichen Jugend maßgebend. Die Ableistung des Hauswirtschaftlichen Jahres ist in der Form vorgesehen, daß tüchtige Hausfrauen schulentlassene Mädchen zum Anlernen ein Jahr zusätzlich in ihre Haushaltungen aufneh­men und sie die Grundlage der Hauswirtschaft und Kinderpflege lehren. Das Hauswirtschaftliche Jahr sichert in besonderem Maße die Betreuung und Er­ziehung des jungen Mädchens im Familienhaus­halt. Es ist eine Einrichtung, die den Mangel an ausgebildeten hauswirtschaftlichen Kräften mindern hilft. Die Durchführung und Ueberwachung des Hauswirtschaftlichen Jahres obliegt den Arbeits­ämtern gemeinsam mit der NS.-Frauenschaft (Deut­sches Frauenwerk). Für den Einsatz im Hauswirt­schaftlichen Jahr kommen in erster Linie schulent­lassene Mädchen in Frage; deren Einsatz in be­zahlten Anfängerstellen aus besonderen Gründen- nicht möglich ist oder nicht erwünscht erscheint. Das Pflichtjahr kann im Hauswirtschaftlichen Jahr abge­leistet werden.

Aus der Stadt Gießen.

Erntemonat August.

Eins ist gewiß: mit dem Juli waren wir in die­sem Jahre nicht sonderlich zufrieden. Seine tradi­tionelle Hitze ließ er uns nur gelegentlich und an­deutungsweise verspüren. Es tut uns nicht weh, wenn er von bannen gezogen ist. Dafür wenden sich seinem Nachfolger sogleich alle Sympathien zu, denn der August enttäuscht selten. Die Beständig­keit seines Charakters wird vielmehr häufig ge­rühmt, und in der Tat führt er gewöhnlich alles in feinem Gefolge, was sommerliche Pracht und sommerliches Glück bedeutet.

Dafür ist er allerdings auch der letzte Sommer­monat. Er reißt die leuchtenden Fahnen des Som­mers noch einmal hoch, ehe sie vor den farben­prächtigen Bannern des Herbstes eingezogen wer­den müssen. Zugleich aber sorgt er auch für die Vorbedingungen, die das Hereinholen der Ernte ermöglichen. Denn er ist der Ernting unter den deutschen Monaten. Seine zündende Glut gibt dem Getreide die letzte Vollendung, das dann geschnit­ten und in die Scheunen gebracht werden muß.

Die hohe Zeit des Jahres bringt deshalb für den Bauern notwenigerweise ein nimmermüdes Schaf­fen, das vielfach vom ersten Hahnenschrei bis in dW sinkende Nacht währt. Es ist eine harte Ar­beit, die viel Schweiß erfordert, aber es ist auch eine 'Tätigkeit, die Befriedigung verheißt. Denn die (Erträ^niffe des Bodens, die jetzt einaebracht wer­den, sind der Lohn für die Sora en und Mühen des ganzen Jahres. Es ist dafür gesorgt, daß in diesem Jahre, wo der Ernte noch mehr Bedeutung zukommt als in allen anderen Jahren, dem deutschen Bauern­volk Hilfskräfte in ausreichendem Maße zur Ver­fügung stehen. Weite Schichten der Bevölkerung tragen durch ihre Erntehilfe dazu bei, daß der für die gesamte großdeutsche Nation so wichtige Ernte­segen in planvoller Weise geborgen werden kann.

Inzwischen rückt der große Sonnenzeiger immer weiter. Die Zeit der hellen Nächte ist vorbei, und allmählich wird es spürbar, daß die Tage schon wieder im Ab nehmen begriffen sind. Aber in dem vollen Laub der Bäume reift das Obst, und an der Landstraße leuchtet das feurige Rot der Eber­eschen. Es ist die schöne Zeit der sommerlichen Er­füllung, die ihren weiten Bogen gespannt, ehe der Herbst mit seinem letzten glutvollen Farbenrausch den Abgesang kündet. H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Bal par6". Licht­spielhaus, Bahnhofstr.:Die unheimlichen Wünsche".

Oie ritterliche Haltung der Tlation.

Zur 5. Haussammlung für das Deutsche Rote kreuz.

Wie durch all die Monate hindurch, so sind auch heute die Gedanken an unsere Feldgrauen in uns lebendig. Diese Gedanken umfassen nicht nur die be­sonders Nahestehenden, Söhne und Väter, Ver­wandten und Freunde, wir fühlen uns allen, die im Einsatz für Deutschlands Ehre und Freiheit stehen, kameradschaftlich verbunden. Es drängt uns, dieses starke Gefühl durch die Tat auszudrücken, durch eine Tat, die Ausdruck soldatisch-ritterlicher Grundhaltung des deutschen Volkes ist. Das Opfer, das wir den Angehörigen der Wehrmacht im Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz barbringen, ist bie Aus­führung bes Befehls, ben wir uns selbst geben.

Wir wissen, baß ber einzelne nur geringes ver­mag, sowohl in ber Aufbringung ber gelblichen unb sonstigen materiellen Werte, wie in ber richtigen Steuerung ihres Einsatzes zum besten Erfolg. Heber uns steht bie Erkenntnis, baß bie Gemeinschafts- leiftung entscheidenb ist für bie Macht, Kraft unb ben endgültigen Sieg bes Großbeutschen Reiches.

Wir werben am kommenden Samstag, 3., und Sonntag, 4. August, durch unsere Opfer bei der Haus­sammlung für das Kriegshilfswerk die Beschaffung von weiteren Mitteln ermöglichen, die das Deutsche Rote Kreuz zur Pflege und Betreuung unserer Sol­daten braucht. Wir wollen dieses Opfer nicht zu klein bemessen, sondern alles geben, was wir nur irgend­wie erübrigen können.

Ein deutscher Mäzen.

Zum 125. Geburtstag des Grafen Schack am 2. August.

Das Leben des 1876 in den Grafenstand er­hobenen Adolf Friedrich von Schack gehört zu denen, bei denen Urfprung und eigenes Streben seltsam gegeneinanderwirken und schließlich ein Er­gebnis hervorbringen, das von beiden etwas ent­hält, als Ganzes aber ein durchaus Hnvorherge- sehenes darstellt. Schack ist in die deutsche Geistes­geschichte vor allem als Kunstmäzen eingegangen, mit feinem Namen verbindet die Nachwelt in erster Linie die Vorstellung jener köstlichen kleinen Galerie in München mit Perlen aus den Werken von Feuer­bach, Böcklin, Schwind und ben vorzüglichen Ko­pien italienischer unb spanischer Meisterwerke von Lenbach. Schack selbst hat sich sein Leben lang vor allem als Dichter gefühlt, als Hebersetzer, Gelehrter, als Vermittler spanischer und orientalischer Poesie für Deutschland. Der mecklenburgische Junker aber, als ber er 1815 auf dem Gute Brüsewitz bei Schwe­rin zur Welt kam, schien weder für bas eine noch für bas anber bestimmt. Schacks Freunbin Hedwig Dragenborff, bie in seinem Elternhaus als Erziehe­rin seiner Schwester angestellt und die erste Be­schützerin seiner Muse war, berichtet, wie ihr von ben Eltern Schack Vorwürfe gemacht würben, baß sie bie dichterischen Neigungen bes Knaben begün­stigte.

Von hinterwälblerischer Abgeschlossenheit war frei­lich biefes Elternhaus ebenfalls fern. Schacks Vater war Hofmann unb Diplomat. Er vertrat Mecklen­burg beim Bunbestag unb nahm seinen Sohn mit nach Frankfurt, ber auf biefe Weise früh in Be­rührung mit ber großen Welt kam. Nach bem Stu- bium ber Rechte in Bonn unb Heidelberg trat Adolf Friebrich von Schack ebenfalls in ben diplomatischen Dienst feines Heimatlanbes. Aber biefe Tätigkeit fesselte ihn wenig. Früh zog es ihn zur Dichtung, unb auf Reisen suchte er Anregung. 1848 finden wir ihn als Legationssekretär am Bundestag. Dort regte sich bei ihm mächtig die Sehnsucht nach einem einigen und freien Deutschland, aber das Gerede in ber Paulskirche enttäuschte unb ernüchterte ihn rasch. 1852 nahm er endgültig seinen Abschied aus dem Staatsdienst.

Sein großes Vermögen erlaubte ihm, sich fein

Leben ganz nach feinem Gutdünken einzurichten. Er nutzte diese Freizeit zu weiten Reisen, die ihn bis tief in den Orient führten. Von den europäischen Ländern war Spanien das Land seiner Liebe, bem er auch bie meisten seiner wissenschaftlichen Arbei­ten gewidmet hat. Schon 1845 waren seine großen Werke über dieGeschichte ber bramatischen Lite- tur unb Kunst in Spanien" unb basSpanische Theater", sowie Hebersetzungen aus ber spanischen bramatischen Dichtung erschienen. Später folgte bie Poesie unb Kunst ber Araber in Spanien unb Si­zilien" unb mit Geibel zusammen herausgegeben Romanzero ber Spanier unb Portugiesen". Vom Arabischen kam er zum Persischen unb Jnbischen. Namentlich mürbe er ber Heberfetzer ber persischen Helbenbichtung bes Firdusi. Eine große Formge- wanbtheit erleichterte ihm bie Hebersetzungsarbeit, führte ihn aber auch zu nur äußerlicher Glätte unb ließ wirkliche Tiefe, Kraft unb Hrsprünglichkeit ver­missen. Wenn auch bie künstlichen orientalischen Sprachformen über biefen Mangel noch hinweghal­fen, so traten sie um so peinlicher an Schacks eige­nen Dichtungen zutage, an seinem DramaTiman- bra" ebenso wie an ben epischen DichtungenLo- har" unbDie Plejaben". '

Dieses ganze Leben war zu rastlos, zu angefullt mit einem kaleiboskopartigen Reichtum von Ein­brücken, Landschaften, Gestalten, von Bildungsstoff und Kultursensationen, um wirklich in die Tiefe wachsen zu können. Schacks Reichtum erlaubte ihm, fast jedem auffeimenben Wunsch nachzugeben ber größte Wunsch seines Lebens, als Dichter anerkannt zu werben, blieb unerfüllt. Dasjenige feiner Werke, bas heute für uns bas größte Interesse erweckt, ist seine SelbstbiographieEin halbes Jahrhunbert". Fast alle Größen seiner Zeit läßt er hier an uns vorüberziehen: König Friebrich Wilhelm IV. unb Alexanber v. Humbolbt, Hhlanb unb Rückert, Tieck unb Chamisso, Schopenhauer und Richard Wagner, den Bürgerkönig und seine Staatsmänner Guizot und Thiers, Chateaubriand und Dumas, Victor Hugo und Delacroix, Papst Pius IX. und Mazzim, vor allem natürlich den ganzen Münchener Dichter­und Künstlerkreis.

Schon 1855 hatte Schack auf Anregung des Königs Max feinen dauernden Wohnsitz in Mün­chen aufgeschlagen, wo Gedon ihm in edlem Stil sein Haus erbaute. Hier entwickelte er allmählich das Mäzenatentum, bas feinen Namen ber Nachwelt aufbewahrt hat. Marees, Feuerbach, Böcklin gingen mit Aufträgen von ihm nach Rom, 1863 trat er

Lenbach nahe, ber fein künstlerischer Berater blieb, ein in diesem Fall wichtiges unb notroenbiges Amt, ba Schack, wie wir aus seiner Kurzsichtigkeit, seinem manchmal befrembenben Verhalten ben von ihm ge­sicherten Künstlern gegenüber unb enblich auch aus Lenbachs Aussage schließen können, kein unmittel­bar persönliches Verhältnis zur Kunst hatte. Schacks Verstänbnislosigkeitseinen" Künstlern, namentlich bem unglücklichen Feuerbach gegenüber ist ihm aus Künstlerkreisen oft zum Vorwurf gemacht worben. Doch bas finb menschliche Hnzulänglichkeiten, bie bie Zeitgenossen bewegen, für bie Nachwelt aber ver­sinken. DieSchackgalerie", bie 1894 beim Tobe ihres Stifters nach feinen Bestimmungen an ben beutschen Kaiser fiel unb jetzt Staatsbesitz ist, ist eine Kulturleistung, für bie wir bem Begründer allen Dank schulden. C. K.

Heimat.

Don Hermann Hesse.

Zwischen Bremen unb Neapel, zwischen Wien und Singapore habe ich manche hübsche Stadt gesehen, Städte am Meer und Städte hoch auf Bergen, und aus manchem Brunnen habe ich als Pilger einen Trunk getan, aus bem mir später bas süße Gift bes Heimwehs wurde.

Die schönste Stadt von allen aber, die ich kenne, ist Calw an der Nagold, ei« kleines, altes, schwä­bisches Schwarzwaldstädtchen.

Wenn ich jetzt etwa wieder einmal nach Calw komme, bann gehe ich langsam vom Bahnhof hinab­wärts, an der Kirche, am Abler und am Waldhorn vorbei und durch die Bischofttraße an der Nagold hin bis zum Weinsteg ober auch bis zum Brühl, bann über ben Fluß und durch die untere Leder­gasse, durch eine der steilen Seitengassen zum Marktplatz hinauf, unter der Halle des Rachauses durch, an den zwei mächtigen alten Brunnen vor­bei, tue auch einen Blick hinauf gegen die alten Gebäude der Lateinschule, höre im Garten des Kannenwirts die Hühner gackern, wende mich wie­der abwärts, am Hirschen und Rößle vorüber, und bleibe dann lang auf der Brücke stehen. Das ist mir der liebste Platz im Städtchen, der Domplatz von Florenz ist mir nichts dagegen.

Wenn ich nun von der schönen steinernen Brücke aus dem Fluß nachblicke, hinab und hinauf, bann sehe ich Häuser, von denen jch nicht weiß, wer in

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Achtung, Rückgeführte!

Die bereits angefünbigfen Abschiedsabende für die Rückgeführten finden unter Mitwirkung der Volkstumsgruppe Leihgestern, Mitgliedern des Sladttheaters Gießen und eines Musikzuges wie folgt statt:

Freitag, 2. August, 20.30 Uhr, für den Stadt- und Landkreis Gießen im Stadtthealer Gießen.

Samstag, 3. August, 20.30 Uhr, für den Stadt- und Landkreis Friedberg im Kurhaus in Vad-Rau- heim.

Alle Rückgeführten und ihre Quartiergeber sind herzlichst eingeladen.

Backhaus, Kreisleiter.

Frauenhilfsdienst.

Im Deutschen Frauenwerk ist ein Frauenhilfs- bienft für Wohlfahrts- unb Krankenpflege einge­richtet. Dieser Frauenhilfsdienst beruht auf Frei­willigkeit. Er ist Ehrenbienst am deutschen Volke. Er hat die Ausgabe, den augenblicklichen Mangel an Kräften in den sozialen Frauenberufen auszu­gleichen und die Durchführung ber Maßnahmen bes nationalsozialistischen Staates auf bem Gebiet bes Gesundheitsdienstes und der Wohlfahrtspflege zu ermöglichen. Der Frauenhilfsdienst wird zur Unter­stützung der pflegerischen Kräfte in den Berufen der Schwestern, Kindergärtnerinnen, Jugendleiterinnen und Volkspflegerinnen eingesetzt. Ein Teil steht für diese Aufgaben im Kriegseinsatz. Die Verpflichtung im Frauenhilfsdienst erfolgt auf zwei Jahre. Wäh­rend dieser Zeit wird Unterfunft, Verpflegung unb tägliches Taschengelb gewährt. Die halbjährige Ar- beitsbienstzeit wird auf den Frauenhilfsdienst voll angerechnet. Das Pftichtjahr kann durch den zw^- jährigen Frauenhilfsdienst abgeleistet werden. Die Angehörigen des Frauenhilfsdienstes können auf Antrag in bie ordentliche Ausbildung der pflege­rischen Berufe übernommen werden.

NS.-Frauenschast/Frauenwerk.

Gießen-Ost.

Die Sprechstunden fallen bis auf weiteres aus. Heil Hitler!

Frau L. Hummel, Ortsfrauenschaftsleiterin.

BOM.-Llntergau 116 Gießen.

BDM.-Werk-Gruppe 2a/116.

Heute, Donnerstag, 1. August, tritt die Gruppe um 20 Hhr an der Gummifabrik, Leihgesterner Weg 35, zur Heilkräutersammlung an. Mitzu­bringen sind Schere, Korb ober Tasche. Bei Regen finbet ber Dienst im Möserheim statt.

Am Montag, 5. August, treten alle Schaftsführe- rinnen um 20 Hhr auf dem Hniversitätssportplatz zum Hnterführerinnen-Dreikampf an.

Oer Urlaubsanspruch des Jugendlichen

Es ist allgemeiner Grundsatz des Arbeitsrechts, daß derjenige Beschäftigte, der infolge seines Aus­scheidens aus dem Betrieb den ihm noch zustehen- den Urlaub nicht in Gestalt bezahlter Freizeit er­halten kann, das entsprechende Urlaubs-entgelt ver­langen kann. Dieser Grundsatz hat auch für das Urlaubstzecht der Jugendlichen nach § 21 JSchG. Geltung. Daher kann der Jugendliche bei einem Arbeitsplatzwechsel nicht darauf verwiesen werden, den zweiten Betriebsführer zur Gewährung bes noch ausstehenden Urlaubs anzuhalten. Vielmehr bleibt bem Jugendlichen trotz Beendigung des Ar­beitsverhältnisses (abgesehen von § 21 Abs. a Satz 3 aaO.) ber Urlaubsanspruch bestehen und ist in Form der Urlaubsentgeltung zu verwirklichen. Al­lerdings können Umstände vorliegen, in denen das Verlangen des Jugendlichen auf Urlaubsabgeltung

Ja, das ist vernünftige

Allmählich on die Sonne gewöhnen und langsam bräunen. Mit Nivea-Cremel Wer aber unbedingt länger in der Sonne bleiben und schneller braun werden will, braucht Niveo-Ultra-Ol mit dem verstärkten Lichtschutz.

ihnen wohnt. Unb wenn aus einem der Häuser ein hübsches Mädchen blickt (die es in Calw stets ge­geben hat), dann weiß ich nicht, wie sie heißt.

Aber vor dreißig Jahren, da saß hinter allen diesen Fenstern kein Mädchen und kein Mann, keine alte Frau, kein Hund und keine Katze, die ich nicht genau gekannt hätte. Heber die Brücke lief kein Wagen und trabte fein Gaul, von dem ich nicht wußte, wem er gehöre. Und so kannte ich alles, die vielen Schulbuben und ihre Spiele und Spott­namen, die Bäckerläden und ihre Ware, die Metzger und ihre Hunde, die Bäume und die Maikäfer und Vögel und Nester darauf, die Stachelbeersorten in den Gärten.

Daher hat die Stadt Calw diese merkwürdige Schönheit. Zu beschreiben brauche ich sie nicht, das steht fast in allen Büchern, die ich geschrieben habe. Jch hätte sie nicht zu schreiben brauchen, wenn ich in diesem schönen Calw sitze« geblieben wäre. Das war mir nicht bestimmt.

Aber wenn ich jetzt (wie es bis zum Krieg alle paar Jahre einmal geschah), wieder eine Viertel­stunde auf der Brückenbrüstung sitze, über die ich als Knabe tausendmal meine Angelschnur hinab- hängen hatte, bann fühle ich tief und mit einer wunberlichen Ergriffenheit, wie schön und merk­würdig dieses Erlebnis für mich war: einmal eine Heimat gehabt zu haben! Einmal an einem kleinen Ort der Erde alle Häuser und ihre Fenster und alle Leute dahinter gekannt zu haben! Einmal an einen bestimmten Ort dieser Erde gebunden gewesen zu sein, wie der Baum mit Wurzeln und Leben an seinen Ort gebunden ist.

Wenn ich ein Baum wäre, stünde ich noch dort. So aber kann ich nicht wünschen, das Gewesene zu erneuern. Ich tue das in meinem Träumen und Dichten zuweilen, ohne es in der Wirklichkeit tun zu wollen.

Jetzt habe ich hie und da eine Nacht Heimweh nach Calw. Wohnte ich aber dort, so hätte ich jede Stunde des Tags und der Nacht Heimweh nach der schönen alten Zeit, die vor dreißig Jahren war, und die längst unter den Bogen der alten Brücke hin­weg geronnen ist. Das wäre nicht gut! Schritte, die man getan hat, und Tode, die man gestorben ist, soll man nicht bereuen.

Man darf nur zuweilen einen Blick dort hinein tun, durch die Ledergasse schlendern, eine Viertel­stunde auf der Brücke stehen, sei es auch nur im Traum, und auch das nicht allzu ost.