Nr. W Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
30. April /l. Mai
Aus der Stadt Gießen.
Oeutfche Maifeiern.
Wenn nach langer Winterstarre die Erde sich wieder mit frischem Grün und festlich bunten Blüten und Blumen bekleidet, wenn unter der warmen Frühlingssonne alles freudig treibt und sproßt, dann kreist auch das Blut des Menschen in schnellerem, freudigem Rhythmus und spült alte Winterschlacken aus Leib und Seele fort. Der Mensch ist in den großen Kreislauf des jahreszeitlichen Geschehens einbezogen, und in alten Zeiten, als die Menschen der Natur noch viel näher standen als heute, spürten sie auch diesen Zusammenhang unmittelbarer. Der Ablauf des Jahres bestimmte auch den Rhythmus des menschlichen Lebens in Tätigkeit und Ruhe, in seiner Arbeit und seinen Festen. So feierten unsere Väter schon in vorgeschichtlicher Zeit ihre Feste an den großen sichtbaren Einschnitten des Jahres, sie feierten die Erneuerung- des Lichtes an feinem tiefsten Punkt, feierten zu Mittsommer die Höhe des Jahres, im Herbst ihre großen Schlacht- und Erntefeste und im Frühling das Wiedererwachen der Natur zu neuer Fruchtbarkeit. Wie alle diese Feste, so waren die Frühlingsfeste kultische Feiern, die nicht an einen einzelnen Tag gebunden waren.
Diel von diesem alten kultischen Frühlingsbrauchtum ist bis in unsere Tage lebendig geblieben, angefangen von dem Karnevalstreiben, mit dem das erste vorfrühlingsmäßige Erwachen begleitet wird, bis zur vollen lenzlichen Entfaltung in den Maifeiern. Die Maifeiern des Mittelalters und der Neuzeit haben sich zum Teil um die christlichen Feste kristallisiert, die meist in den Mäimonat fallen, um Himmelfahrt und Pfingsten, zum Teil haben sie sich selbständig erhalten und werden dann in der Regel am 1. Mai des Monats oder am ersten Maisonntag gefeiert. Vor allem in den bäuerlichen Gegenden des südlichen und westlichen Deutschland ist der Einzug des Mai als Fest begangen worden. Die Form des Festes hat sich in den verschiedenen Gegenden verschieden ausgestaltet. In Süddeutschland steht mehr der Maibaum im Mittelpunkt, ant Rhein die Umzüge mit Maikönig und Maibraut an der Spitze. In beiden lassen sich die Reste alten germanischen Kultgutes unschwer aufspüren.
Die Verehrung des Baumes ist uraltes Germanenerbe; in heiligen Hainen verehrten unsere Vorfahren ihre Götter, an bestimmten heiligen Bäumen hängten sie ihre Weihegaben auf. Der Baum war für sie Symbol des Lebens schlechthin, und diese Anschauung ist noch in unserer Weihnachtstanne so gut lebendig wie im Maibaum. Das Einholen des Maibaums, seine Entrindung und Ausschmückung gehört zu den größten Ereignissen des bayerischen Dorfes, heute wie vor Jahrhunderten. Das Schmücken ist in der Hauptsäche Aufgabe der Mädchen, die schon in der letzten Aprilwoche gemeinsam die Kränze dafür gewunden haben, und es geschieht am Abend vor dem 1. Mai, in der früher von geheimnisvollem Hexenspur durchwalteten Walpurgisnacht.
Am Rhein hat sich an manchen Orten noch die seltsame Sitte des „Mailehens" erhalten. Die Mai- tönigin wird dort durch eine nach strengen Regeln sich abspielenden „Mädchenoersteigerung" gewählt. Am letzten April werden die Mädchen ausgeboten. Von 20 Pfennigen steigt der „Preis" der verhandelten Schönen auf 1, 2, 5, 10 Mark. Das Mädchen, das den höchsten Preis erreicht, ist Maikönigin und gehört dem Meistbietenden. Seine Rechte und Pflichten ihr gegenüber und überhaupt die jedes Burschen an seinem erhandelten Mädchen dauern bis zur Kirchweih, aber nicht selten wird dieses Verhältnis zum Lebensbund verlängert. Am Maitanz steht die Maikönigin mit ihrem Partner im Mittelpunkt.
Wer noch vor einem Jahrzehnt sich an einer solchen ländlichen Maifeier als dem letzten Ueber- rest einer aussterbenden Sitte erfreute, hätte nicht zu hoffen gewagt, daß so bald schon an diesem 4. Mai das ganze deutsche Volk, in allen seinen Stämmen'und Schichten geeint, zum großen Feiertag der Nation antreten würde. Aus der ländlichen Maifeier, die uralte germanische Ueberlieferung durch die Jahrhunderte hinübergerettet hat, und in bewußter Umkehrung des marxistischen Maigedankens ist das große Friedensfest des deutschen Volkes
geworden, ein Fest, dem die Arbeit der schaffenden Volksgemeinschaft in Stadt und Land, am Pfluge uno in der Werkstatt, in Fabrikhalle und Schreib- stube, seinen Sinn, seine Würde und seine Freude verleiht. c K.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Iphigenie auf Tauris". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Stern von Rio". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die goldene Maske". — GRG.: 20 Uhr Mitgliederversammlung unteres Bootshaus.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Stern von Rio." — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die goldene Maske".
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Stern von Rio". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die goldene Maske".
Neuinszenierung Im Stadttheater.
Am heutigen Dienstag kommt im Stadttheater die Neuinszenierung von Goethes „Iphigenie auf Tauris" zur ersten Aufführung. Spielleitung Dr. Hannes Razum. Bühnenbild: Karl Löffler. Es wirken mit: Hilde Heinrich, Hans Caninenberg, Gert Geiger, Friedrich Gröndahl, Viktor von Gschmeid- ler. 29. Vorstellung der Dienstag-Miete.
BDM., Unfergau 116, Wetterau
Standort Gießen.
Betr. Mitgliedsausweise. Alle Mädel, die ihren Mitgliedsausweis zum Untergau brachten zwecks Eintragung der Berechtigung, das Traditionsarmdreieck der HI. zu tragen, holen den Ausweis am Freitag, 3. Mai, zwischen 15—17 Uhr, hier wieder ab, entweder persönlich oder durch Vertretung.
Stelle für Leibeserziehung, betr. BDM.-Lei ft ungsab zeichen. Heute abend, 30. 4., beginnt um 20 Uhr im Möferheim ein Kurzsanikurs für das Leistungsabzeichen.
Betr. BDM. - Gerätemeisterschaften, Untergauentscheid. Der Untergauentscheiü beginnt Sonntag, 5. Mai, pünktlich um 11 Uhr, in der Turnhalle der Schillerschule, Gießen. Ich erwarte, daß die. Mädel des Standorts Gießen sich den Wettkampf ansehen.
BDM.- Werk-Gruppe Ia/116, Sport und Gymnastik. Heute abend, 30. 4., ist Appell für die gesamte Gruppe. Antreten pünktlich um 20 Uhr vor der Goetheschule.
Z M.-Untergau 116 Wetterau.
Die Jungmädel des Standortes Gießen machen am 1. Mai (bzw. heute) nachmittag um 17 Uhr auf dem Kreuzplatz ein offenes Liedersingen. Kommt alle und singt mit!
Die Jungmädel der JM.-Führerinnenanwärterin- nen-Ausbildungsschaft treten am Mittwoch, 1. Mai, vormittags um 9.30 Uhr, mit ihren Jungmädelgruppen am Ludwigsplatz an und nehmen nachmittags am offenen Singen teil.
Die Glücksmänner sind wieder da.
Mit dem 1. Mai erscheinen wieder die Glücksmänner der Reichslotterie der NSDAP, für das Kriegshilfswerk in den Sttaßen und Plätzen. Die Losverkäufer sind in diesem Sommer für die Reichslotterie der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt tätig und tragen wieder ihre braune Uniform. Auch diesmal hat die Reichslotterie wieder sofortigen Gewinnentscheid. Jede Serie ist eine in sich abgeschlossene Lotterie, jn der 1 Million Reichsmark Gewinne und Prämien ausgespielt werden. Für 50 Pfennige schon kann man 1000 Reichsmark gewinnen, abgesehen von den vielen Gewinnen zu 500 Reichsmark, 100 Reichsmark, der großen Anzahl kleinerer Gewinne, und noch dazu die Prämienscheine. Am 31. August 1940 werden in jeder Serie eine" Sonderprämie zu 5000 Reichsmark und Prämien zu 500 Reichsmark und 100 Reichsmark verlost. Der Prämienschein hat auch in diesem Jahre wieder den Kontrollstempel, der den Gewinn oder das „Nichts" des Loses wiederholt, sodaß die Gewinnauszahlung unter doppelter Kontrolle er- -folgt.
1. Mai-Spenden an das Kriegshilfswerk für das Deutsche Jtofe Kreuz.
NSG. Der Reichstreuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen teilt folgendes mit:
Am 1. Mai finden in diesem Jahre die Betriebsfeiern nicht in dem sonst üblichen großen Rahmen statt. Der deutsche Arbeiter wird gern in der heutigen Zeit für diese Einschränkung Verständnis aufbringen und diesen Tag zur Erholung und inneren Sammlung benutzen.
An mich ist nun vielfach die Frage herangetragen worden, was mit den Beträgen geschehen soll, die in den vergangenen Jahren für die Betriebsfeiern vom Betrieb aufgewandt wurden. Da diese Beträge und auch Zuschüsse, die an einzelne Gefolgschaftsmitglieder für chte Maifeiern gezahlt wurden, nach dem Wunsch der Betriebe nicht von diesen einbehalten werden sollen, halte ich es für eine selbstverständliche Pflicht, diese Beträge dem Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz, für das nach dem Willen des .Führers im Kriege besonders hohe Spenden aufgebracht werden sollen, zuzuführen. Eine große Anzahl von Firmen im Gau Hessen-Nassau ist dieser Aufforderung bereits nachgekommen.
Auszeichnung für treue Dienste.
In Anerkennung ihrer langjährigen treuen Dienste hat der Führer den nachstehend genannten Beamten des Landes Hessen das Treudienst-Ehrenzeichen I. Stufe für 40jährige Dienstleistung verliehen: Bürodirektor Emil Kinkel, Dberbi- bliothekar Dr. Hugo H e p d i n g, Studienräte Dr. Wilhelm H e g m a n n und Heinrich Hey- mann, Berufsschullehrer Otto Schneider und Vermessungsinspektor Wilhelm G o n t r u m, sämtlich in Gießen; ferner den Rektoren Ludwig Döll in Laubach, Richard Ulrich in Schotten, sowie den Lehrern Wilhelm B echthold in Laubach und Philipp D e b u s in Ruppertsburg.
Gießener Schlachtviehmarkt.
^Auf dem gestrigen Gießener Schlachtviehmarkt (Schlachtvieh-Verteilungsmarkt) in der Diehv ersteige- rungshalle Rhein-Main kosteten: Ochsen 45,5, Bullen 34,5 bis 43,5, Kühe 15 bis 43,5, Färsen 42,5 bis 45,5, Kälber 25 bis 64, Schafe und Hämmel 20 bis 43 Rpf. je Vs kg Lebendgewicht. Für Schweine wurden je kg Lebendgewicht folgende Preise bezahlt: Klasse a (150 kg und mehr) 1,09, bl (135 bis 149,5 kg) 1,09, b2 (120 bis 134,5 kg) 1,09, c) 90 bis 119,5 kg) 1,07, d (80 bis 89,5 kg) 1,07, e—f (60 bis 79,5 kg) 1,01, gl (fette Specksauen) 1,09, i (Altschneider) 1,09, g2 (andere Sauen) 1,01, h (Eber) 1,01. Marktverkauf: Regelmäßig, alles zu- geteilt.
** Die Pfingstferien der Schulet dauern vom 11. Mai (erster Ferientag) bis 15. Mar einschließlich.
** Mieterjubiläum. Der Vorschlosser i. R< Friedrich Diehl und Frau wohnen am morgigen 1. Mai 30 Jahre in dem Hause Liebigstraße 97. Diese langjährige Mietdauer ist ein schönes Zeichen! des guten Einvernehmens zwischen Mieter und Vermieter.
** Wanderungen des Westerwald« Vereins. Der Westerwaldverein setzt nach wie vor seine Wandertätigkeit fort. Kürzlich wurde' eine Halbtagswanderung unternommen, die von der Lahnbrücke aus über den Bismarckturm nach Abend- ftern führte. Bei Mitglied D u i l l fand eine 93er« fammlung statt, in deren Rahmen verschiedene Mitglieder für rege Beteiligung an den Wanderungen! ausgezeichnet wurden. Am vergangenen Samstag wurde eine Zusammenkunft abgehalten, in deren; Mittelpunkt der Vortrag eines Kameraden übet»
Das ist die richtige Methode*
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Allmählich an die Sonne gewöhnen und langsam bräunen. Mit Nivea-Creme!
Wer aber unbedingt länger in der Sonne bleiben und schneller braun werden will, braucht Nivea-Ultra-Ol mit verstärktem Uchtschutz.
feine Erlebnisse in Polen stand. Mit besonderer Herzlichkeit wurden diejenigen Kameraden begrüßt die im feldgrauen Rock auf Urlaub weilten und art der Zusammenkunft teilnahmen. Dankbar gedachten die Kameraden der schriftlichen Verbindung, die der Verein mit ihnen halt. Am vergangenen Sonntag wurde ein Waldgang unternommen, der unter starker Beteiligung zur Rindsmühle führte. Dabei wurde der Wunsch laut, daß auch fernerhin solche Wanderungen unternommen werden sollen. Der Verein wird auch in Zukunft seine Tätigkeit im Dienst der Förderung von Heimatliebe fortsetzen.
Gießener Wochenmarklpreise.
* G i e ß e n, 30. April. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Safe, das Stück 6 bis 10, deutsche Eier 12 Rpf., Kartoffeln, 50 kg 3,90 RM., Gelberüben, % kg 12 Rpf., Roterüben 10 bis 14, Spinat 25 bis 30, Spargel 110 bis 130, Unterkohlrabi 8, Zwiebeln 12, Meerrettich 30 bis 70, Schwarzwurzeln 35, Löwenzahn 20, Rhabarber 25 bis 30, Aepfel 15 bis 35, Blumenkohl, das Stück 30 bis 45, Salat 30, Salatgurken 100, bis 130, Lauch 5 bis 15, Sellerie 10 bis 40, Rettich 10 bis 20, Radieschen, Bund 25 bis 30 Rpf.
Aus der engeren Heimat
Kreissüngertag in Grünberg.
+ Grünberg, 28. April. Am Sonntag fand im „Rappen" ein Sängerta g des Ohm- Lu mda-Sängerkreises statt. Kreischormeister D a u p e r t (Ulrichstein) • begrüßte die Sangeskameroden und stellte den Gaubeauftragten für Oberhessen Dr. Schmidt (Bad-Nauheim) als kommissarischen, Kreis sichrer vor.
Dr. Schmidt überbrachte Grüße der Gaufüh- rung sowie des früheren Provinzführers W e n d' l e r (Bad-Nauheim). Nach einem Chor des Gesangvereins „Sängerkranz" (Grünberg) folgte durch den Kreisführer ein Gedenken der Gefallenen. Stehend hörten die Sänger dann den Chor des Gesangvereins „Sängerkranz" „Es geht bei gedämpfter Trommeln Klang".
Kreisgeschäftsführer Becker (Grünberg) erstat- tete hierauf den Jahresbericht. Danach fangen im Jahre 1938 insgesamt 28 Vereine, feit Kriegsausbruch ruhte bei den meisten Vereinen die Tätigkeit, da neben Sängern auch Chorleiter eingezogen wurden. Im Jahre 1939 hielt der Kreis fein Wertungs- fingen an zwei Orten ab: Ober-Ohmen und Weiters- hain, womit die heimischen Vereine ihre Jubiläumsfeiern verbanden. Der seitherige Sängerkreisführ^r, Lehrer Dönges (Merlau), legte fein Amt wegen Arbeitsüberlastung nieder. Da die Frage eines Nachfolgers noch nicht geklärt werden konnte, Übernahm vorerst Gaubeauftragter Dr. Schmidt (Bad-Nauheim) kommissarisch die Kreisführung.
Dr. Schmidt erklärte anschließend, daß nach dem plötzlichen Aufhören der Sangestättgkeit bei Kriegsausbruch schon nach kurzer Zeit das Singen wieder aufgenommen wurde. Wenn dies auch bedingt durch mancherlei Schwierigkeiten zunächst nur vereinzelt geschah, fo singt heute doch wieder über die Hälfte der Vereine.
Bei der Feststellung der Beschickung des Sänger- tages ergab sich, daß von den 34 Bundesvereinen 28 Vereine Vertreter entsandt hatten, nämlich Allen- dorf (Lda.), Atzenhain, Beltershain, Bleidenrod, Burg. Gemünden, Deckenbach, Flensungen, Geilshausen, Gö- belnrod, Groß-Eichen, Grünberg (2 Vereine), Harbach, Homberg (Ohm), Kesselbach, Lauter, Lehnheim, Londorf, Lumda, Nieder-Ohmen, Ober-Ohmen, Querfborn, Rein'hardshain, Ruppertenrod, Saasen, Stockhausen, Weickartshain und Weitershain. Nicht vertreten waren die Vereine von Babenhausen II, Merlau, Nieder-Gemünden, Nordeck und Rüddinashausen, der Verein Maulbach ruht schon längere Zeit.
Es fingen 6 Vereine, besondere Veranstaltungen hat kein Verein abgehalten, einige Vereine haben Beiträge zum WHW. geleistet, ebenso zur Metall» spende. Der Kreisführer richtete an die hier noch ausstehenden Vereine die Bitte, das Versäumte nachzuholen. Weiterhin bat er um pünktliche Erledigung der Bestandserhebung. Die Veftandserhebung für den Kreis Ohm-Lumda zeigt folgendes Bild zu Beginn des Jahres 1939: 34 Vereine, davon 3 nicht gemeldet, mit 982 aktiven Sängern und 713 unterstützen-
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Nomon von Martina öckartchelm
17. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)
lieber Lena ist das Erkennen wie ein Blitz gekommen. Sie sieht in Gottfried seinen Bruder, den sie einst geliebt und mit vielen Schmerzen hinge- geben,hat. Gottfried aber steht suchend vor der Frau, nach der er sich wachen- und monatelang gesehnt hat. Er sucht den Goldglanz der Haare, der wie eine unverlierbare (Erinnerung an ihr erstes Treffen geblieben war, sucht nach der Frische und Straffheit erster Jugend, nach dem Glanz der Augen, der erst langsam, zusammen mit dem Rot der Wangen wiederkehrt.
Ihre Hände liegen ineinander und wissen eigentlich nichts voneinander. Nur die Augen reden, diese forschenden, suchenden Augen. Wie belanglos sind dagegen ihre Worte:
„Gottfried — da bist du also! So frisch, so gesund —" So jung, will sie sagen, so wie dein Bruder Georg einstmals war.
Gottfried lacht leise auf. „Kunststück: von früh bis spät an der frischen Luft!"
„Und daß du auf einmal hier bist, in Roda ..."
„Ich wollte dich in Breslau überraschen, Lena! Als ich kam, warst du fort. Deine Karte an Mutter sagte mir, wo du wieder eingekehrt bist. Dieses Gräfehaus muß es dir angetan haben!"
„Die Menschen sind es, Gottfried, mit ihren Leiden und Freuden — meine einzigen Verwandten! Sie stehen mir so nahe, und ich hatte bisher keine Zeit, mich um sie zu kümmern. Du wirst mich hoffentlich verstehen, Gottfried."
„Ich verstehe dich schon, Lena. Es ist ja auch gut so. Wenn du aber einmal bei mir bist, -werde ich dich nicht mehr ffvrt lassen."
„Bei dir", sagt Lena und drückt nun seine Hand fester und bewußter.
„Es soll schön werden bei uns, Lena!"
Und nun erst sprechen sie langsam und stockend von ihrem künftigen Leben, wie sie es einrichten wollen. Sie gehen miteinander weiter. Zuweilen zittern ihre Stimmen, gern würden sie ihre Erregung verbergen. Sie halten sich <m den Händen^
und Gottfried denk: diese Hand ist wunderbar; wenn man sie hält, fühlt man sich geborgen, wohlversorgt. Sie wird alles glätten, diese Hand.
Sie gehen den Pfad, der immer weiter odwärts- gleitet und schließlich auf die Gräfewiesen führt. Es ist ein sonderbares Paar. Sucht nicht die Einsamkeit zu traulicher Aussprache, sondern dieses Haus da unten, das Gräfehaus, das mit feinen Fenstern wie aus vielen Augen herüb ersieht. Das Haus, das so vieles in sich birgt und so vieles aufnimmt, so daß es immer der Schauplatz leidenschaftlichen Lebens ist. Erst an der Schwelle des Hauses lassen Lena und Gottfried ihre Hände los. Sie sehen sich an und nicken sich zu, und einer verbirgt vor dem anderen hinter einem Lachen von Glück eine kleine Bangigkeit, ein unruhiges Suchen.
Zum Abendbrot erscheinen alle, auch Hermann. Ein Gast ist im Hause, sollte darum die (Stimmung nicht festlich sein? Noch dazu ein Gast mit freundlicher Miene und einem heiteren Wesen. Leider ist die Stimmung getrübt. r
Lenas Bräutigam? Ein Mann, der Anspruch auf sie erhebt? Der sie vielleicht wegholen will? Das Gespräch schleppt sich hin, als läge es an schweren Ketten. Der alte Gräfe neigt den Kopf tief über feinen Teller und ißt wortlos. Kann einer sagen, weshalb auch der Große keinen Ton redet, sondern nur mürrisch an ein paar Brotrinden taut und der drallen, fetten Magenwurst nicht zuspricht? Jupp weiß es. In seinem Gesicht blitzt es vor Schadenfreude. Platzen tut der Große vor Eifersucht weil ein anderer neben Lena sitzt!
Daß dieser andere allerdings ein Bräutigam ist und noch dazu Tante Lenas Bräutigam, das findet Jupp allerdings auch recht peinlich. Jawohl, so peinlich findet er es, daß ihm die Ohren anlaufen. Und dann die Erni! Was hat denn die eigentlich? Laßt den Kopf hängen wie ein altes Weib. Jupp ärgert sich schrecklich. Sich ein gutes Essen so verleiden zu las en - Gurkensalat und Magenwurst!
,Sie wollen uns also die Lena wegholen? sagt der alte Gräfe nach einer langen Schwelgepause. Er macht fein sehr freundliches Gesicht.
„Fortholen?" Gottfried sieht Lena in das er- rötende Gesicht. „Ich hoffe, Lena kommt gern mit,
Lena legt ihre Hand beschwichttgend aus die ferne. „Wir besprechen noch alles, Gottfried.
" ^Jch wäre sehr froh. wenn du meine wenigen
Urlaubstage mit mir verbringen würdest. Mutter freut sich schon sehr daraus, daß ich dich ihr wieder- bringe. Wenn wir vielleicht morgen schon — du könntest dich in Breslau noch ein paar Tage erholen."
„Erholen? Oho, Lena kann sich auch hier erholen! Und morgen schon? Kommt gar nicht in Frage! Jetzt bleiben Sie nur erst mal bei uns. So schnell lassen wir feinen aus dem Gräfehaus fort."
Wenn Vater Gräfe spricht, so ist das ein Machtwort. Widersprechen kann man da nicht. Lena und Gottfried lachen sich an.
„Wenn es dir recht ist, Gottfried?"
„Ja, darf ich denn so ohne weiteres Ihre Gast- freuiHschaft in Anspruch nehmen?"
Christoph Gräfe brummt, der junge Mann solle keine Flausen machen. Erni aber sagt übertrieben eifrig, das Gastzimmer sei schon bereit. Und nun richten sich alle Augen auf Ernis verlegenes rotes Gesicht.
Am Ende dieses _ Abendessens ist trotz Gurkensalat und Magenwurst keiner so recht zuffieden. Man bleibt auch nicht noch eine Weile beisammen wie sonst. Jeder drängt zur Tür hinaus. Erni räumt rasch das Geschirr ab und verschwindet in die Küche, der Große murmelt etwas von Hänischlob und ist im Nu hinaus. Der Hausherr umbaut sich mit der „Oberlausitzer Presse", so daß keiner sein Gesichr mehr sehen kann. Das Brautpaar flüstert, und Jupp ist völlig sich selbst überlassen. Für ihn bleibt nur noch Hefenfranz als Rettung.
„Wollen wir noch ein Stück ins Freie gehen?" fragt nun auch Gottfried.
„Natürlich, furchtbar gern."
Lena ist erstaunt, wie sie alle so schnell auseinandergelaufen sind. Es ist eigentlich erschreckend rasch gegangen, und nun ist sie mit Gottfried allein. Selbstverständlich geht sie gern noch ein Stück spazieren, sie haben sich doch unendlich viel zu sagen. Aber schließlich wäre es nicht nötig, Gottfried ihr so auffällig zu überlassen.
Sie schlendern, erst im Hofe auf und ab. Dann will Gottfried noch ein Stück über die Felder gehen. Es ist ein schöner Abend. Die Sterne schimmern, und der Mond steht hell am Himmel. Der Weg führt sie zwischen den Lagerkellern hindurch hinaus zur Windmühle. Kein Windhauch ist zu spüren. Es ist auch nicht falt, gar nicht wie Herbst. Es ist eigentlich wie mr Frühling.
Zuerst sprechen Lena und Gottfried von den Gräfeleuten.
Merkwürdige Familie, deine Verwandten, Lena. Alles Köpfe, aber man hat das Gefühl, als stießen fie gern gegeneinander."
„Vier erwachsene Menschen, Gottfried. Mit Rudolf, der das Haus augenblicklich meidet, find es sogar fünf. Dazu fehlt das ausgleichende Element einer Mutter. Bedenke doch, was es da für Reibungspunkte gibt!"
„Mir scheint, sie klammern sich alle an dich, Lena."
,Zst das ein Wunder? Ich bin die Schwester ihrer Mutter, verstehst du das nicht?"
„Ich verstehe schon, Lena — ich kann mir gut vorstellen, daß Menschen an dir hängen." Er drückt ihren Arm fester. „Eines konnten wir aber nicht verstehen, Lena, daß du meine Mutter so schnell wieder verließest, um hierher zurückzukehren."
Gottfried ist stehengeblieben und sucht nun Lenas Augen. Der letzte Abendschein fällt auf ihr gerötetes Gesicht, auf ihre niedergeschlagenen Augen.
,Lch mußte aus einem ganz bestimmten Grunde noch einmal hierher fahren, Gottfried. Das war etwas, das mich schwer bedrückte. Ich bin es bis heute noch nicht losgeworden."
Sie erzählt ihm die Sache mit Ernis Sparkassenbuch. „Du kannst dir denken, wie sehr die Sache mir am Herzen liegt. Ich muß sie zu klären versuchen, bevor ich von hier fortgehe."
„Du hättest es deinem Schwager längst sagen müssen, Lena!"
„Das ist leicht gesagt, lieber dem Gräfehaus liegt ja noch eine andere schwere Sorge — die Autobahn." Sie gehen nebeneinander her und besprechen die Sorgen des Gräfehauses, wie ein Ehepaar sich vielleicht bespricht, wenn es abends noch ein Stück über die Felder geht. In Dunkelheit gehüllt ist das weite Land, auf einem kleinen Hügel vor ihnen greifen die Arme der Windmühle in den Himmel.
Etwas Bedrückendes liegt auf den beiden Menschen. Sie sind nicht fähig, von sich selbst zu sprechen. Sie finden keine Brücke zueinander. Lenas Herz schlägt schwer in einer unbegreiflichen Angst. Hermann ist ihr plötzlich eingefallen — seine Worte an diesem Nachmittag.
(Fortsetzung folgt.)


