Partei nicht angehörenden Richter in Privatangelegenheiten einen Brief geschrieben hat, der nebenbei auch der jüngsten Vorgänge in Braunschweig gedenkt. Unrichtig sei dagegen, daß dieser Brief irgend eine Bemerkung enthält, welche auf die Beurteilung der staatsrechtlichen Erörterungen durch das Reichsjustizamt oder durch den Bundesrat Bezug hätte.
— .Der „Reichsanz." veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung zur Ausführung des Patentgesetzes und eine Bekanntmachung des Reichskanzlers betreffend die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Walz- und Hammerwerken.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." beantwortet die Frage eines gestrigen Artikels her „Dtsch. Tagesztg.", ob Deutschland etwa England versprochen habe, daß Deutschland zuerst seine Entscheidung über die Brüsseler Zuckerkonvention treffen werde, kurz dahin, daß eine derartige Zusage niemals verlangt noch zugegeben wurde. Düe „Nordd. Allg. Ztg." sagt ferner, sie müsse es dahrn gestellt sein lassen, ob die in dem Artikel kritisierten Aeuße- rungen des Staatssekretärs Posadowsky in vertraulicher Verhandlung der Zuckerkommission, welche eine Vertagung der Beratung angeblich als „außerordentlich verhängnisvoll für die Stellung der deutschen Regierung gegenüber dem Auslande" bezeichnet haben, nicht unvollständig und unrichtig wiedergegeben seien. Jedenfalls dürften sie nur den Sinn gehabt haben, daß eine Vertagung mehr oder weniger mit einer Ablehnung der Konvention gleichbedeutend sein würde. Die „Nordd. Allg. Ztg." setzt hinzu: daß aber eine Ablehnung der Konvention und die alsdann zu befürchtende differentielle Behandlung unseres Exportzuckers die Gefahr handelspolitischer Verwickelungen brächte, wurde schon mehrfach, auch in der Denkschrift der Vorlage, aus geführt.
— Im Abgeordneten Hause stand heute der Antrag von Boüelberg (cons.) um Bewllligung von 12 Millionen Mark zur Errichtung lleiner Rentengüter für die Zwecke der inneren Kolonisation zur ersten Beratung. Der Antrag ging nach längerer Debatte an die Kommission für die Vorlage betreffend die Ausgestaltung der Generalkommission. Derselben Kommission wurde ferner überwiesen die Rechnung über die Verwendung der Zwischeukredite aus dem Rentengüter-Reservefonds und die Nachweisung über die Getreidelagerhäuser. Alsdann wurden noch Kommissionsberichte und Petitionen erledigt.
— lieber das deutsch-holländische Kab el-Ab- kommen wird mitgeteilt, daß die Verhandlungen, soweit sie diplomatischer Natur waren, abgeschlossen sind. Soweit aus holländischen Kreisen bekannt ist, wird sich eine starke Majorität für die Annahme des Abkommens im hollän- di-schen Abgeordnetenhause finden, und da dasselbe auch von deutscher Seite der Fall sein dürfte, so kann man bereits heute das Abkommen als gesichert ansehen.
Dresden, 30. Mai. Die Zweite Kammer nahm heute die Vereinigungsbeschlüsse über das Einkommensteuergesetz und die Vermögenssteuer an. Die Vermögenssteuer trifft das landwirtschaftliche Ve- Lriebsvermöigen, wenn mit ihm eigene Grundstücke bewirtfchaftet werden, nicht, wohl aber das Industrielle. Aus diesem Grunde stimmten die Nationalliberalen geschlossen gegen die Vereinigungsbeschlüsfe.
Dietenhofen, 30. Mai. Wie die „Lothr. Nachr." zuständigerseits erfahren, hat die in dem Grenzzwischenfalle Houry an Ort und Stelle vorgenommene Untersuchung nicht mit Sicherheit seststellen können, ob die Festnahme Hourys, wie dieser behauptet, wirklich auf deutschem Boden erfolgte. Man nehme vielmehr an, daß die französischen Beamten ihre Befugnisse nicht überschritten
Houry vielmehr aus französischem Boden verhaftet haben. Dieser befindet sich gegenwärtig im Untersuchungsgefängnis zu Villerupt.
Mannheim, 30. Mai. Der hier stattgehabte An ar ch ist en-Ko n g r e ß war von 41 Delegierten aus allen Teilen Deutschlands besucht. Nach dem Geschäftsbericht macht die anarchistische Bewegung allgemein im Lande Fortschritte. Der Förderation revolutionärer Arbeiter Deutschlands sind im Jahre 1901 600 Arbeiter beigetreten. Es wird beabsichtigt, eine eigene Druckerei für die Anar- chisten-Litteratur zu gründen. Konstatiert wird, daß die An ar ch ist e n-Pr e s s e in Württemberg, Hessen und in den Kohlen-Revieren guten Eingang findet. In Schlesien bethätigen sich Die Anarchisten in Görlitz hervorragend an der Agitation, in Hirschberg ist sie zurückgegangen. Textilarbeiter Frauböse-Berlin wurde zum Lttter der Föderation ernannt. Die „Freiheit" wird dem Anarchistenblatt „Neues Leben" als Beilage einverleibt. Es erlangte eine Resolution zur Annahme betreffend die Organisationen. Der nächste Anarchistenkongreß soll Ansang 1903 trotz des früheren Verbotes in Berlin abgehalten werden. Die Verhandlungen des Kongresses wurden von einem Polizeikommissar und einem Wachtmeister überwacht, aber nicht unterbrochen.
Ausland.
Kopenhagen, 30. Mai. Bezüglich, des in curslän- dischen Blättern verbreiteten Gerüchtes, daß der König von Dänemark dem Präsidenten der französischen Republik einen Gegenbesuch versprochen habe, stellt Ritzaus Bureau fest, daß lvährend des Besuches Loubets in Kopenhagen von einem Gegenbesuche keine Red e gewesen sei und ein solcher somit als unwahrscheinlich angesehen werde.
London, 30. Mai. Anläßlich der Feier des Geburtstages des Königjs, welche England auf den 30. ds. festgesetzt hat, fand heute auf der Parade der tzorse- guards die als trooping of the eolours bekannte Zeremonie statt. Derselben wohnten bei der König und die Königin, Prinz und Prinzessin von Wales, der Herzog von Cambridge, der Herzog und die Herzogin von lÄnnaught, der Prinz und die Prinzessin Karl von Dänemark, Prinzessin Heinrich von Battenberg, Feldmarschall Roberts und die fremden Militärattaches.
Amsterdam, 30. Mai. In Gegenwart der Königin- Mutter fand heute in Hellendoorn die Einweihung einer Lungenheilstätte statt. Tie Lbönignr-Mutter äußerte sich dahin, daß bet Gesundheitszustand der Königin sich bedeutend gebessert habe.
M a r s ch au, 30. Mai. Hiesigen Blättern zufolge halten Vertreter russischer und preußischer Eisenbahnen demnächst eine n?uc Beratung ab, um die Frage der Fortführung der Bahn bei der preußischen Grenze nach Kalisch zu entscheiden.
Haag, 30. Mai. Tie Zweite Kammer setzte heute die Beratung des Gesetzentwurfs über die Disziplin im H e e r e un£r"in der Marine fort und nahm einen Antrag an, eine/iiber einen Soldaten verhängte Strafe ausz^usetzen, falls der Betreffende se'inerseits
Klage erhebt, bis die Klage in erster Instanz abge- urteilt ist.
Paris, 30. Mai. Dä in der Zusammenkunft zwischen einer Abordnung des Bundes der Tab akar b eiter und dem Minister Cailloux letzterer die Forderungen der Arbeiter nicht befriedigen konnte, forderte die Abordnung alle Tabakfabriken des Staates in der Provinz telgraphisch auf, die Arbeit morgen oder Montag einzustellen.
Wien, 30. Mai. Im Herrenhause sagte Minister- rräsident v. Körber über den Ausgleich mit Ungarn: Die terminmäßig notwendig gewordene Ausgleichung der beiderseitigen Ansprüche im Zoll- und Handelsbündnis und im Zolltarif wird so sehr erschwert, daß er dem Hause seine Besorgnis über den Ausgang der schon o lange schwebenden Verhandlungen nicht verhehlen darf. Tie österreichische Regierung wolle dem ungarischen Besitz- tand nicht nahetreten, aber sie halte es für unerläßlich, die Unklarkeiten zu beseitigen, damit eine fernere Deutung zu Ungunst en Oesterreichs unmöglich sei. Ebenso sei im Tarife eine gewisse Rücksicht aus unsere wirtschaftliche Existenz nötig. Davon werde die Regierung in keinem Falle abgehen. Wir wollen bis zur äußersten Grenze des Entgegenkommens gehen, um die Gemeinschaft und Freundschaft aufrechtzuerhalten, aber wir werden nicht die Hand bieten zu einer Gemeinschaft, die uns zu keiner Ruhe kommen läßt und die fast keine Gemeinschaft ist .
— Abgeordnetenhaus. Im Einlaufe befinden sich die Interpellationen Chor und Genossen, und Duszynski und Genossen betreffend die fortgesetzten Ausweisungen von österreichischen Staatsangehörigen aus Preußen. Die Interpellanten tragen mit Bezug darauf, daß seitens des Ministeriums des Aeußern keine ernste Aktion in dieser Angelegenheit unternommen ist, ob der Ministerpräsident den Minister des Auswärtigen ersuchen wolle, gegen solche Ausweisungen auf das Energischste einzuschreiten.
Budapest, 30. Mai. In der heutigen Sitzung der ungarischen Delegationen interpellierte der Delegierte Ra- koszy wegen der alldeutschen Bewegung und zitierte einen Zeitungsartikel, nach, welchem die Fäden der pangermanischen Agitation in Ungarn in den Händen eines deutschen Konsuls liegen. Ministerpräsident v. Szell bekämpfte die Behauptung, indem er sagte, daß gegen den gegenwärtigen deutschen Generalkonsul eine solche Beschuldigung nicht erhoben werden dürfe, da derselbe, wie er, Szell, genau wisse, die Agitation nicht billige. Ter Minister, Baron Kallay, erklärte, daß Graf Goluchowsky die alldeutsche Bewegung ebenso bedauere und mißbillige, wie der ungarische Ministerpräsident. Der Minister des Aeußern habe auf feine wiederholten Reklamationen von den deutschen Behörden auf die loyalste Weise die Versicherung erhalten, daß die deutsche Regierung der alldeutschen Bewegung nicht nur sernstehe, sondern sie aus das Schärfste mißbillige. Rakowsky erklärt, von der Aeußerung Kallays nid> befriedigt zu sein, da die aus eine Zerteilung der Monarchie gerichtete Bewegung von Vereinen ausgehe, welche die deutsche Regierung genehmige. Redner wünscht, daß der Minister des Aeußern in Berlin Vorstellungen mache. Gras Stefan Tisza erklärt, Ungarn sei stark genug, um die Quertreibereien und Agitationen der Alldeutschen mit Geringschätzung behandeln zu dürfen. Insofern diese Bestrebungen im Innern zu tage treten, müsse man mit Repressionsmaßregeln vorgehen. Eine Reklamation bei der deutschen Regierung würde nicht zum Ziele führen, da gegenüber den Aeußer- ungen der Presse und den gesellschaftlichen Tendenzen die Anwendung von Machtmitteln nicht gefordert werden könne. Kallay erklärt, der Minister des Aeußern habe in konkreten Fällen bei der deutschen Regierung bezüglich der alldeutschen Bewegung reklamiert und größtes Entgegenkommen gesunden. Er werde zukünftig bei konkreten Anlässen in gleicher Weise vorgehen. Darauf wird das Budget des' Ministeriums des Aeußern angenommen.
Petersburg, 30. Mai. In der gestrigen Eröffnungssitzung der 7. internationalen Konferenz des Roten Kreuzes teilte Generaladjutant Richter mit, daß die Kaiserin-Mutter 10 000 Rubel gespendet habe, mit der Bestimmung, die Zinsen des Kapitals zu Preisen für die besten Projekte zum Aufsuchen von Verwundeten zur ersten Hilfeleistung aus dem Schjachtselde zu verwenden.
N e w y o r k, 30. Mai. Anläßlich. des Tages der Gräber- schmückung hielt Präsident Roosevelt beim Nationaldenkmal eine Rede, in der er sagte, der alleinige Zweck der Union auf den Philippinen fei eine stabile Regierung auf einer bürgerlichen und nicht militärischen Basis, wie es andere Nationen machten. Tas amerikanische Volk als Weltmacht sei schon hoch über den Horizont gekommen und werde in Zukunst mächtiger und größer werdens nd dazu müsse es die Philippinen und die Vorherrschaft im Stillen Ozean behalten.
AriedensLlünge.
Nach einer Londoner Depesche ist die aus 11 Mitgliedern bestehende Bur e n k o in m i s s i o n, welche Pretoria am Mittwochabend verlassen hat, unter Eskorte einer Ehrenwache von schottischer Garde in Vereeniging wieder ein getroffen. Aus der Stimmung und dem Verhalten der Kommissionsmitglieder bei der Abreise schließt man, daß, wenn nicht die Buren im letzten Augenblick etwa noch völlig anders sich besinnen sollten, auf endgiltige allgemeine Annahme der englischen Bedingung e n zu rechnen ist. Der parlamentarische Berichterstatter des „Standard" meldet, daß England in Sachen der Aufhebung der Verbarluungs-Proklamation und der Berufung der Burenführer in den Beirat w e i t e r g e h e n de Konzessionen gemacht habe. Auch bestätigt sich die Meldung einer die Buren befriedigenden Entscheidung der Frage des Waffentragens. Dagegen soll die Amnestie- frage n o ch, immer nicht erledigt sein. — In uilker- richteten Kreisen wird versichert, daß die letzten aus Südafrika eingetroffenen Meldungen die Situation als gebessert bezeichnen.
Dr. Leyds aber erklärte, wie aus Brüssel gemeldet wird, trotz der optimistischen Kommentare der englischen Presse über die Rede Balfours beharre er bei der Ansicht, daß im besten Falle nur ein Waffen still ist and für zwei oder drei Monate zu erwarten sei. Allem Anschein nach werde die Antwort-Frist der Buren, ob sie auf die Unabhängigkeit verzichten, erst Sonntagabend ablausen.
Die Pariser Börse war am 30. d. M. >ehr fest, da die Erklärung Balfours im Londoner Unterhause einen sehr günstigen Eindruck gemacht hat und man fest glaubt, daß die Antwort der Burendelegierten günstig ausfallen werde.
Edward Grey, einer der eifrigsten Anhänger Lord Rosebery's, hielt in einer liberalen Versammlung zu Alnwick eine Rede, in der er ausführte, er würde es gern fetzen, wenn den Buren kräftige Hilfe, zu
teil würde, damit sie ihre Farmen wieder nufbauen und das Land auf den früheren Zustand bringen könnten. Er hoffe, wenn der Friede zu stände gekommen sei, werde die Regierung Mittel finden für eine koloniale Selb st- regierung in Südafrika. Der Redner befürwortete eine große föderative südafrikanische Kolonie und drückte die Ansicht aus, daß weder die gegenwärtige, noch irgend eine andere Regierung im stände sein könnte, )ie Politik der bedingungslosen Uebergabe einzuschlagen. Schließlich sprach Grey gegen den Getreidezoll, der zu der Einführung von Vorzugszöllen zwischen den englischen Kolonien und dem Auslande führe.
Die Schlußfeier des ersten 1902 er Kursus der landwirtschaftlichen Haushaltungsschule zu Lindheim
and — so wird uns von geschätzter Seite geschrieben — Freitag den 30. Mai 1902, nachmittags 2 Uhr, in dem An- taltsgebäude daselbst statt. Als ich mit anderen die Reise zu dieser Feier antreten wollte und zmn Oberhessischen Bahnhof ging, knipste der kontrollierende Beamte ohne von seiner Arbeit aufzusehen meine Fahrkarte und sagte mechanisch nach jedem Knipsen: „Unne dorch". Ich begriff! Hätte der Mann ein umständliches Deutsch gesprochen, so würde er mich vielleicht angesungen haben: „Fremdling, du sindest den Bahnsteig, wenn du den Tunnel durchwanderst." Unne dorch, ürz und gut, wie es die Zeit erfordert, von der der moderne Mensch behauptet, daß sie Geld sei!
Wir kamen glücklich zu der Feier in Lindheim an. Als Vertreter der Regierung war der Landesökonomierat Müller, als der Vertreter des Kreises Büdingen Regierungsrat Boeck- mann und als Vertreter des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen der Präsident desselben, Oekonomierat Schlenke erschienen. Der stellvertretende Vorsitzende des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Büdingen eröffnete die Feier in dem oberen größeren Raum des Anstaltsgebäudes. In Hintergründe hatten sich die scheidenden Schülerinnen auf- gestellt, den mittleren Raum nahmen die erschienenen Angehörigen der Schülerinnen ein. Unter diesen befanden sich Frauen aus der Gegend von Fritzlar in ihrer Landestracht: dunkler Rock mit Mieder, steife hohe spitze Haube mit lang- herabhängenden handbreiten dünken Bändern. Im Vordergründe des Raumes befanden sich der Aufsichtsrat der Haushaltungsschule, Damen und Herren, Lehrerinnen und Lehrer, Gäste und die oben genannten Herren.
Die Feier wurde eröffnet durch gemeinsamen Gesang der Schülerinnen, dem die Eröffnungsrede des Herrn Hahn- Tiergarten und die Uebergabe der Zeugnisse an die Schülerinnen folgte. Der Regierungsoertreter und einige andere Herren richteten weitere Ansprachen an die Schülerinnen, worauf eine derselben in wohlgesetzter Rede den Dank der Schülerinnen an die Aufsichtsratsmitglieder, die Lehrerinnen und die Lehrer aussprach und der Anstalt, in der sie so viel gutes und nützliches gelernt hätten, ferneres Blühen unb Gedeihen wünschte.
Hierauf besichtigten die Anwesenden sämtliche Räume der Anstalt und die im Arbeitszimmer offengelegten Handarbeiten. Die Räume sind durchaus einfach aber zweckentsprechend eingerichtet. Die noch wohlgefüllte Vorratskammer enthiell Speck, Schinken und Wurst aus der Hausschlachtung der Anstalt, die Backstube und der Backofen waren noch warm vom Backen des letzten Brodes und der Festkuchen; die einfache, geräumige und natürlich sehr saubere Küche enthält zwei moderne, freistehende Heerde, der Kleiderraum mit lauter Einzelschränken für jede Schülerin ist verständigerweise ohne jeden Luxus und nur für die notwendigen Kleider eingerichtet. Das Badezimmer entspricht allen Bedürfnissen. Ueberall zeigt sich Einfachheit, Sauberkeit und Ordnung. Die 23 Schülerinnen machen den besten Eindruck. Trotz der erschienenen ihnen meist fremden Herren bewegen sie sich ungezwungen in den heute zu engen Räumen, bescheiden machen sie Platz bei Begegnungen im Treppenhause. Mir ist bei all dem Durcheinander in den für die vielen Besucher kaum zureichenden Räumen auch nicht eine Ungeschicklichkeit bei den Schülerinnen aufgefallen. Ohne sich zu zieren geben sie auch dem Fremden klare gute Antworten. Die günstige Einwirkung der Lehrerinnen und der einzigen Dame des Aufsichtsrates, der Frau Oekonomierat Westernacher, die sich der Anstalt in selbstlosester und der geschicktesten Weise annimmt, auf die Schülerinnen, die meist aus den einfachsten Häusern stammen, ist unverkennbar. Man kann sich nur wundern, wie in dem fünfmonatlichen Kursus gerade in dieser Beziehung so viel hat geleistet werden können.
Im Arbeitszimmer interessierten mich ganz besonders die offengelegten weiblichen Handarbeiten, und von diesen gerade die Flickarbeiten. Tadellos waren die Flicken eingesetzt, die allzu großen Löcher an der Ferse der Strümpfe durch Einstricken einer neuen Ferse ausgefüllt. Es war außerordentlich erfreulich, zu sehen, wie auf diese Flick- und Strickarbett der Hauptwert gelegt zu sein schien. Leibwäsche aller Art, auch sonstige Kleidungsstücke waren neu gefertigt; nach den ausgelegten einzelnen Luxusgegenständen zu urteilen, war einzelnen besonders geschickten Arbeiterinnen ausnahmsweise gestattet, auch derartiges anzufertigen. So sollte- es auch in der Folge bleiben.
Wenn man sich freut über das Gedeihen einer solchen gemeinnützigen Anstalt, dann ist es am Platze, sich dankbar derer oder dessen zu erinnern, welcher die erste Anregung zur Schaffung einer solchen Anstatt gab. Etwa 1887 trat der junge liebenswürdige, im besten Andenken stehende Baron Adolph von Nordeck zur Rabenau, der leider zu früh sterben mußte, im landwirtschaftlichen Provinzialverein für jene Idee ein. Er sagte u. a.: die verschwenderische oder unerfahrene Frau des Landwirts könne mehr in ihrer Schürze hinaustragen, d. h. verthun, als der Landwirt auf dem vierspännigen Wagen herein — in die Hofraite — fahren könne. Die jungen Mädchen aus bäuerlichen Familien hätten einen geeigneten Unterricht in gut geleitetem Haushaltungsschilien ebenso nötig, als der Sohn des Bauern den Unterricht in der Ackerbauschule. Der Gedanke war neu, ungewöhnlich und fand Widerspruch. Aber wie das Gute sich stets Bahn bricht, so auch hier. Die Haushaltungsschule wurde gegründet, gut geleitet und man hoffte, daß man bald noch eine zweite für Oberhessen gründen müsse. Es ist eigentlich unbegreiflich, daß diese Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen ist, noch un-


