Nv. 805
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EvsteS Blatt. 153. Jahrgang Dienstag 80. Dezember 1908
' Ä vezuusyret»:
monatlich 7bPf., viertel^
GlchenerAnzeige Seneral-Anzeiger v ** Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Jedermann wird
in den jetzige« Mntermonaten mir ihren langen Wenden daraus bedacht sein, eine Zeitung zur Hand zu haben, die ihn nicht nur mit Hilfe eines umfassenden Depeschen- und Telephondienstes und eines weit ausgedehnten Netzes von Berichterstattern
über alle wichtigen Ereignisse
in Stadt und Land orientiert, sondern ihn auch über die wichtigen Reichstagsverhandlungen, wie Uber die bedeutsamen Beratungen in der Zweiten hessischen Kammer
schnell und zuverlässig unterrichtet
ihm aber auch in spannenden Erzählungen, anregenden mrd fesselnden Romanen, sowie einer reichten Auswahl au- der bunten Tageschronik eine geeignete, gern gelesene Iamilienlektüre bietet. Alle diese .Vorzüge genießt der Leser durch den „Gießener Anzeiger", der im 152. Jahrgang steht und nicht nur die älteste, sondern auch
bie reichhaltigste, größte nnb beliebteste Zeitung
Oberhessens ist. Bestellungen auf den „Gießener Anzeiger" für das neue Vierteljahr werden bei allen Postanstalten, Zweigstellen, von den Zeitungstrügern und Briefträgern entgegengenommen. Ten Postabvnnenten empfehlen wir, das Abonnement noch schnell u erneuern, damit keine Unterbrechung in der Zustellung stattftndet.
Politische Tagesschau.
Der PfeU im Kocher.
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 29. Dezember:
Nach den „Münch. N. Nachr." soll eine völlige Aende- rung der Geschäftsordnung des Reichstags sogleich nach Beendigung der parlamentarischen Ferien in bie Wege geleitet werden. Die „Nctt.-Zig." hält die Mitteilung — u. a. sollen Zentrum und Konservative bereits den betreffenden Antrag Spahn (Ztr.) unterschrieben haben — in dieser Form für wohl nicht zutreffend. Auch wir haben Grund, dies zu bezweifeln. Ter Antrag, der eine radikale Umgestaltung der Geschäftsordnung bezweckt, wird existieren. Aber er ist ein im Köcher gebliebener Pfeil, der in der Hitze des Zolltarifgefechts gefertigt wurde, um für äußerste Halle bereit zu sein. Es ist kaum anzunehmen, daß man nach den Ferien ohne zwingende Veranlassung einen neuen Feldzug gegen die Minderheit einleiten wird. Eine so dauerhafte Präsenz, wie sie hierfür erforderlich wäre, ist äußerst schwer gerade zu Besinn des Jahres zu erzielen. Erst bei entscheidenden Abstimmungen über Positionen des Reichshaushaltsetats finden sich nach Und nach die Ferienfvohen ein. Praktische Bedeutung würde unseres Erachtens der Antrag Spahn dann vielleicht gewinnen, wenn die Sozialdemokratie ihre Ankündigung wahr machte, beim Etat eine lange Reihe namentlicher Abstimmungen herbeizuführen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, ben 30. Dezember 1902.
•* Gedenktage. Am 80. Dezember 1892 starb der Geschichtsforscher Karl Ritter von Höfler. Er erhielt im Jahre 1841 eine Professur in München, wurde aber am 26. März 1847 ihrer durch einen Gewaltstreich ohne Urteil enthoben. 1861 folgte er darum einem Rufe nach Prag als Professor der Geschichte. In dem nationalen Kampfe zwischen Deutschen und Lzechen in Böhmen bewies sich Höfler stets als ein mannhafter Vertreter des Deutschtums. 1872 als Mitglied in das österreichische Herrenhaus berufen, wurde ihm durch Verleihung des Ordens der eisernen Krone der erbliche Adelstand verliehen.
** Provinzial-Ausschuß. Samstag, den 3. Januar 1908, Vormittags 81/, Uhr findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes hier, Brandplatz No. 9, eine öffentliche Sitzung des Provinzial-AuSschusies der Provinz Oberhessen mit folgender Tagesordnung statt: 1. Die Nebenbahn Lauterbach—Grebenhain—Crainfeld; hier: Enteignung von Gelände. 2. Gesuch des W. R. Schneider zu Ober-Mörlen um Erlaubnis zur Errichtung eines Ringofens in der Gemarkung Nieder-Mörlen.
** Auszeichnungen. Von S. K. H. dem Groß- herzöge wurde dem Schmiedmeister Philipp Simon zu Viernheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift ,Für treue Dienste* verliehen.
** Aus dem Theater-Bureau. Auswärtige Theaterfreunde seien ganz besonders darauf aufmerksam gemacht, daß oui Neusatz rstage nochmals eine Nachmittagsvorstellung stattftndet, in welcher wiederum eine der beliebtesten Saisonnovitäten, das dreiaktige Blu- menthal-Kadelburgsche Lustspiel „Das Theaterdors" in Szene gehen wird. Die „Rößl"-Verfasser haben mit dieser Stovttät ein ganz amüsantes Stück aus die Bühne gebracht, in dem man sich für einige Stunden recht gut unterhalten kann. Namentlich der zweite Akt ist von drastischer Wirkung^ Billets zu ermäßigten Preisen sind im Vorverkauf bei Herrn Ernst Challier ju Haden (Loge 1,30 Mk., Saal 80 PsgJ. Die Kassenpreise betragen für Loge 1,50 Mk., Saal 1 ML, Galerie 40 Pfa.
** Evauge 1 ischer Arbeiterverein. Die Weihnachtsfeier am 28. d. M. bot wieder das Bild eines schönen, harmonisch adgestimmten Famllienabends. ssärch einem Gesang des Gemischten Chors begrüßte der Vorsitzende, Pf. Euler, die Anwesenden. Er gedachte auch des er- jchütternden Eindrucks, den der Tod unseres allverehrten Dr. Gr ein allerorten gemacht.habe und der ganz besonders iur Verein nicht so bald zu verwischen sein werde. — Die eigentliche Festansprache hielt Pf. Scheune mann, der sich durch vortreffliche Ausführungen über den Weihnachts- geoanken schnell die Sympathie der Zuhörer zu gewinnen wußte. Weitere gemischte Chöre, zwei allerliebste Kinderduette, von einer der nein en Künstlerinnen selbst auf der Zither begleitet, ein Weihnachtslied, vom Kinderchor gesungen, sowie eine dankbar aufgenommene Deklamation des Herrn Schufst füllten den weiteren Abend.
** Reichsbank. Dym 1. Januar 1903 ab werden die bei den Kassen der Reichsbank vorhandenen und eingehenden Vereinsttzaler nicht mehr verausgabt. An dem
selben Tage wird die in Dresden bestehende Neichsbank- stelle in eine Reichsbank-Hauptstelle um gewandelt.
— Die Gießener Aktienbrauerei hat für ihn Kunden Abreißkalender Herstellen lasten, die recht geschmackvoll ausgestattet sind. Die Kalender werden von der Brauerei an ihre Kunden gratis abgegeben.
*♦ Billige Weißbinderarbeiten. Die Gemeinde Hungen läßt einen Anbau an ihr AmtögerichtA- gebäude errichten. Die dabei nötigen Bauarbeiten, welche vom Hochbauamt in Gießen geleitet werden, sollen nur von Hungener Handwerkern ausgeführt werden. Bei der am 15. d. M. abgehaltenen Submission der Weißbindern arbeiten standen Die Angebote der drei Mindestforderwi den in so offenbarem Mißverhältnis zu den verlangten! Leistungen, daß infolgedessen keine tüchtige Ausführung erwartet werden konnte. — Die Angebote blieben mel)r ate 50 Prozent unter dem Voranschlag. — ES wurde deshalb beschossen, ein neues Submissionsverfahren einzu- leiten.
Elektrische Bahn Wiesbaden — MainA —> Biebrich. Mit der Absteckung der elektrischen Bahn von Mainz nach Biebrich, Schierstein und Wiesbaden toirfo in den ersten Tagen des Januars begonnen werden. Di« diese Arbeiten bethätigeuden Ingenieure der „Süddeutsch«, Eisenbahngesellschaft" haben bereits ihr Quartier in Mchnz aufgeschlagen. Bekanntlich hofft man, im Herbst 1903 die Linie M a mz—Schierst ein in Betrieb nehmen zu können.
t. Leihgestern, 29. Dez. Ein zweijähriges Kind spielte mit seinem in der Wiege liegenden ^jährigen Schwesterchen, und steckte ihm einen Patent-Hosenknopf m den Mund. Die Eltern konnten trotz aller Mühe den Gegenstand nicht entfernen, erst einem herbeigeholten Heilgehilfen gelang e§, den Knopf zu entfernen und das Kind, das beinahe schon erstickte, zu retten.
da. Grebenhain, 29. Dez. ES ist bis heute amt* lich noch nichts bekannt, wann mit dem Bah »bau Grebenhain-Gedern begonnen werden wird, trotzdem schon viele Arbeiter, Schachtmeister rc. sich in der Nähe der Orte, die die Bahnlinie berührt, Wohnungen gemietet habe», und diese auch schon längere Zeit bewohnen. Wie gerüchtweise verlautet, soll erst anfangs März 1903 mit dem Bau begonnen werden. Es wird an dieser Verzögerung, wie man annimmt, schuld sein, daß die Genehmigung vom ReichSeisen- bahnamt noch fehlt.
Gedern, 29. Dez. Hier und in der Umgegend treten infolge der nassen Witterung Influenza und HalS- krankheiten unter Kindern und Erwachsenen stark auf. Ganze Haushaltungen sind an das Bett gefesselt.
p. Friedberg, 29. Dez. Der vor etwa 12 Tagen in der Sandgrube bei Schwalheim verschüttete Arbetter Rühl, genannt Bismarck, konnte erst am Samstag, mittags, als Leiche geborgen werden. Man war bereits am 1. Feier- tag auf ihn gestoßen, aber neue Rutschungen verhinderten weitere Arbeiten, Man fand Rühl in halbliegender Stellung in einem Schacht von etwa 12 Meter Tiefe. Gestern fand seine Beerdigung in Schwalheim statt._____________________
Vermischtes.
• Berlin, 26. Dez. Nach einten Anschlag am schwane» Brett der Börse gehören zu ben durch den Depotverwalter
Die Kaiserkrönung in Indien.
In Delhi, der altindischen Krönungsstctt>t, in der nach unserer gestrigen Meldung aus Darmstadt jetzt auch Se. Könial. Hoheit unser Grotzherzog ein getroffen ist, haben die glänzenden Krönungsfeierlichkeiten gestern ihren An- sana genommen. Ern Mitarbeiter des „B. B.-C.", Herr Georg Halber, benutzt diesen Anlaß zu folgenden inter- essanten Betrachtungen: .
Welch' ein anderes Bild als eine Königskronung am Strande der Themse! Da beleuchtet die glühende Sonne des Südens ein Märchenschauspiel; mehr als 400 mdftche dürften von Schwärmen von Dienern begleitet, versammeln sich 'zur Huldigung; Diamanten alitzern auf ihren Gewändern wundersame, ftemdartige Webereien schmücken ine Schabracken ihrer Tiere. Schwarze,^braune gelbe, weiße Menschen schauen, tummeln sich jubeln; Elefanten bilden mit klugen Augen über das Gewimmel hm. Die Pr^ht und der Märchenzauber des indischen Orientes toirb diesem Krönungsfeste Den Stempel aufdrücken; und was ihm noch £tn ganz besonderes Relief verleiht, das ist die Stätte fjr freier Das ist die Majestät, Die Meitze und der Ruhm der Krönungsstadt an der Dschumna, wo Generationen v^l Herrschern gekrönt und Dynastien zu Grabe getragen wo Wunderwerk menschlichen KunstiinneS und
unerhörte Thaten menschlicher Verworsenheit verübt wor-
j>o„bo7 ist^nun"fthon eine recht ehrwürdige Stadt, „brr S ift ein Kind gegen Rom; und als an der Stell« d^s „ewigen" Rom aller Wahrscheinlichkeit nach noch kaum eine Dürftige Schäferhütte stand, beiläufig ein Jahrtausend vor der Gründung der Stadt, da regierten in Delhi die Uindukönige und es wird erzählt, daß m dieser L>tadt bamaJ die Straßen mit Gold gepflastert waren und mll hflSümiertem Wasser besprengt wurden. Dazumal hieß Delhi aber Jndrapastha und lag mehrere Kilometerweit üom heutigen Delhi entfernt. Das stolze Jndrapastha ist beute nur nodj ein mächtiger Schutthausen, und wie ihm, so ist es nacheinander noch fünf anderen Delhis gegangen, hie anbere Dynastien, andere Herrscher begrunbeten, bie
Macht und Glanz prangten und nun Ruinen, freilich
zum Teil wunderbare Ruinen sind, bis Dann im 17. Jahr- > hundert der Großmogul Schah Jehan das heutige Delhß nahe an den heiligen Wassern der Dschumna begründete. | In jener Zett hatte Delhi noch mehr Einwohner als London, und feine Herrscher wußten vielleicht kaum von der Hauptstadt jenes Nebellandes; heute ist Delhi die Sklavin der Themsestadt und huldigt dem fremben, weißen König...
Das heutige Delhi also entstand im Jahre 1638. Der Großmogul beschloß, seine Residenz in ein neues Schloß zu verlegen, und die ganze gewaltige Stadt wanderte dem Schlosse nach, wie ein Zeltlager. Noch heute aeigt ihre Anlage einen großen Zug. Eine mächtige, gerade Hauptstraße durchzieht sie: sie ist platzarttg breit und heißt Mond- ftrahb-Markt; ihre Lange übertrifft die Berliner Friedrichstraße fast um das Doppelte. Diese Straße macht einen großartigen Eindruck, Tausende von Menschen beleben sie und bie englische Verwaltung sorgt für angenehme Reinlichkeit. Sonst sind die Sttaßen meist eng.
Aber alle Leistungen unserer gepriesenen abend- ländisc^n Kultur verblassen, wenn wir unsere Blicke auf die Wunderwerke indsicher Kunst richten, mit Denen viele Generationen Die KrönungsstaDt geschmückt haben. Im heutigen Delhi ist es vor allem jenes Schloß des Schatz Jehan, Das wie ein Wirklichkeit gewordener Märcheuoau anmutet. Zu Der Zeit, als Deutschland sich im Dreißigjährigen Kriege verblutete, wurden hier im fernen Osten diese herrlichen Marmorsale geschaffen, deren Decken Säulen von Der edelsten Form tragen. Pfeiler und Wände glänzen in reichfarbiger Steinmosaik, die Kassetten der Decken waren mit herrlichem Silber- und Goldftligranwerk geschmückt. Der Marmor ist zu Ornamenten von der Zartheit venetia- nischer Spitzen bearbeitet, in den prächtigen Höfen sprangen kühle Brunnen, die Haremsräume funkelten von Edelsteinen, Die BaDezimmer waren mit unzähligen Spiegel- Itückchen ausgelegt. Im Diwan-i-Khas, einer wunderbaren Halle, in der Kraft unD Leichtigkeit zu einem idealen Bunde vereinigt sind, stand jener berühmte Pfauenthron, der von unerhörter Pracht, von Gold, Perlen und EDelsteinen geradezu sttotzte, und von einem europäischen Juwelier, Der ihn sah, auf 200 Millionen Livres geschätzt wurde.
Den Pscmenthron hat Nadir Schah 1738 als gute Beute nach Persien entführt, bie Dynastie der Großmoguln ift gesunken, aber ihre Besieger neigen sich vor ihren Werken, und durch die Hallen dieses Schlosses schreitend, die $um großen Teile noch so frisch und neu erscheinen, als wären sie gestern vollendet, empfinden sie die große Wahrhett, daß der Orient Wiege unD Hüter aller Kunst ist. Ex Oriente lux... .
Rings um Delhi wieviel Trümmerstätten, wieviel Denk» maler großer Zetten, gewaltiger Kämpfe!
Die Dynastten lösten hier einander ab; ein Sklave, Namens Tuglak, ermordete seinen Käiser, bestieg selbst den Thron und begründete eine neue Residenz, Tuglakabad, die er mit wahrhaft cyllopischen Mauern umgab. Er war ein finsterer Wüterich und sein Grab ist eine düstere Moschee, von einer starken Zitadelle und Sümpfen ringsum oehütet. Seine gewalttge Stadt stürmte Der furchtbare Tamerlan, fünf Tage lang ließ er in ihr schlachten und plündern und wilde Tiere sind seitdem ihre Bewohner. Neue' Residenzen entstanden auf diesem ftädtezeugenben Boden. Der zweite Der Großmoguln, Humayan, gründete seine Hauptstadt, Jndrapat, auf Dem Boden des alten arischen Jndrapastha; noch heute stehen die Moschee, Die Bastionen, die Thore dieser Stadt zum Teile wohlerhalten- und noch heut steht das Grabmal ihres Gründers, das Hesse-Wartegg das schönste von ganz Asien, mit alleiniger Ausnahme Der Tadsch-Mohal von Agra, nennt
Und immer wieder neue Ruinen, immer wieder neue alte Städte, Moscheen, Säulen, Gräber, Sternwarten/ heilige Wasserbecken. Das Riesenhafte ist ein Charakterzug dieses unermeßlich üppigen Landes, das Riesenhafte überwältigt auch hier. Es kommt uns beim Anblicke dieser in das tiefe Dunkel der Jahrtausende zurückreichenden G> schichtsbenkmale vor, als ob wir selbst gar keine Vergangenheit hätten. Hier ist ein wohlerhaltenes Mausoleum; der Wefier, der darin ruht, ist vor fast 150 Jahren gestorben, und noch heut werden täglich Blumen auf sein Grab geschüttet! Solche Züge verleihen Delhi eine unvergleich? liche Ehrwürdigkeit und machen es zu einer Krönungsstätte- die ihres Gleichen kaum auf Der Erde bat Aber sie PredigM


