Ausgabe 
30.10.1902 Zweites Blatt
 
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Donnerstag 30» Oktober 1903

ISS. Jahrgang

Zweites Matt.

Nr. SSS

rfftetst täglich außer Sonntag6.

Dem Gtehener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessische« Landwirt bte Stetzener SamiHtn» blätter piemal in der Woche betgelegL

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Are heutige Mmmer umfaßt 16 Seiten.

Ate hessischen Wahimänuerwahlen.

Gießen, 30. Ott. 1902.

Soweit die Ergebnisse der gestrigen Wahlmännerwahlen biS zur Stunde sich überblicken lassen, wird das Resultat keine sehr wesentliche Verschiebung der Parteien mit sich bringen. Nur scheinen die Nationalliberalen durch ihre Haltung gegenüber der Wahlrechtsreform einige Einbußen zu erleiden. In unserer Landeshauptstadt Darmstadt selber haben die Nationalliberalen und Freisinnigen einander hart bekämpft. Anfangs schien es, als ob die letzteren mit nur sechs Stimmen Mehrheit glatt als Sieger hervorgehen sollten, eine genauere Zählung aber ergab Stimmengleichheit und nun wird angenommen, daß doch die Freisinnigen wahrscheinlich mit ganz geringer Majorität die beiden Man­date erlangen werden. Freisinnig wählte ferner die Stadt Friedberg, wo der Beisitzende Damm den sehr rechts­nationalliberalen Justizrat Jöckel geschlagen hat und auch der Landkreis Friedberg scheint sich für seinen bisherigen Vertreter, den liberalen Bürgermeister Joutz entscheiden zu wollen. In Butzbach selbst wurden gewählt Gemeinde- rat Muth (nat.-lib. 95 St.), Gemeinderat Grüningen (94), Gemeinderat Sommerlad (95), Gemeinderat Theis (95), Ge- meinderat Grauer (95), Kaufmann K. Hadermann (95), Ehrtstof Melchior (96), sämtlich freisinnig. Ferner erhielten Bürgermeister Küchel, Realschul-Direktor Jäger, Gerber, Karl Plach, (alle nat.-lib.), Wilhelm Steinhäuser, Zimmer­meister Oehlschläger (fteis.), sämtlich je eine Stimme. Die Wahl wurde nur von 97 unter 466 Stimmberechtigten vor­genommen; ein Wahlzettel war ungiltig. Diese geringe Be­teiligung ist, wie unser dortiger §-Korrespondent meint, nicht zum wenigsten auf die geringe Sympathie zurückzuführen, die gegen unser veraltetes indirektes Wahlsystem besteht. Im Allgemeinen herrscht bei der Butzbacher Bevölkerung die An­sicht, daß die 7 Gewählten für Joutz eintreten werden. In Holzheim haben von 288 Stimmberechtigten 47 von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Die beiden gewählten Wahlmänner dort wollen auch für Joutz eintreten.

Bei der Wahlmännerwahl für Alsfeld siegten die Wahl- männer für den deutschfreisinnigen Rechtsanwalt Reh mit 255 Stimmen über die für den parteilosen Lehrer Rudolph mit 149 Stimmen.

Bei uns in G i e ß e n wurden abgegeben von 2878 Stimm­berechtigten 1020 Stimmen. Davon entfielen 668 auf die Wahlmänner der bürgerlichen Parteien, 334 auf die Kandi­daten der Sozialdemokraten. Die Wahlmännerliste für den bürgerlichen Kandidaten Justizrat Dr. Gutfleisch weist dem­nach 34 086, die für den Sozialdemokraten Krumm 16 697 Stimmen auf. Zersplittert sind 10 Stimmen. 1 ist ungiltig. Daß die Wahl von Dr. Gutfleisch außer Zweifel ist, stand von vornherein fest. Vor sechs Jahren, am 23. Oktober 1896, gaben hier von 2573 Wählern 923 ihre Stimmen ab. Damals hatten wir indes nur eine, nämlich die freisinnige Kandidatur von Justizrat Metz, dessen Wahl bekanntlich später angefochten wurde. Die Sozialdemokraten hatten überhaupt keine Liste aufgestellt. Sie wollten diesmal den Stadtverordneten Krumm in unser Landes-Parlament bringen, haben aber damit keinen entscheidenden Erfolg ge­habt. Immerhin ist die Stimmenzahl, die sie trotz geringer Agitation erhielten, sehr beachtenswert und wird die bür­gerlichen Parteien veranlassen, das nächste Mal mehr auf dem Posten zu sein als bisher. Gleichgültigkeit ist immer ein großer Fehler und Optimismus in politischen Dingen eine Untugend. Dadurch wird oft ein unbegründetes Froh­locken des Gegners hervorgerufen, das durch größere Reg­samkeit überhaupt nicht hätte zu Tage treten können. Man ermutigt nur unnütz den, dem man überlegen ist, und Mut giebt Kraft!

Im 6. Wahlbezirk (Grünberg) scheint man sich für den Antisemiten Hirschel entscheiden zu wollen. In Steinbach wurde als Wahlmann gewählt: Heinrich Haas III., (Antis.), mit 36 Stimmen.

Aus dem Kreise Schotten geht uns bie drahtliche -Nachricht zu, daß dort vier Wahlmänner gewählt wurden, die für den Oberförster Dr. Weber stimmen werden. Auch aus den andern größeren Orten jenes Kreises verlautet, daß der parteilose Weber über den Bauernbündler Weidner den Sieg davontragen dürfte. Aus Ulfa liegt uns die Nachricht vor, daß dort von 264 Stimmberechtigten nur 21 Gebrauch von ihrem Stimmrecht gemacht haben. Gewählt wurden Gastwirt Joh. Lenz HI. und Lehrer Ludwig Dem als Wahlmänner. Die Stimmung ist dort für Weidner.

Das (Zentrum wird sich in Bingen und Ingel­heim behaiipten, ebenso in Dieburg. Es siegte ferner in Waldmichelbach der katholische Pfarrer Blum über den ncttionalliberalen Dr. Heidenreich. , ,

Die Sozialdemokraten siegten m Mainz nut Unterstützung der Demokraten und Freisinnigen mit 2982 Stimmen. Die Centrumskandidaten erhielten 1379, die Nationalliberalen 690 Stimmen. An den Wahlen beteiligten sich 50 Prozent der Wahlberechtigten. In Off en dach (Stadt) erhiUren die Sozialdemokraten eine Mehrheit von 225 klimmen. Auch in Offenbach Land dürste der sozial­demokratische Kandidat gewählt werden.

Aus WormS meldet uns ein eigener Draht- bericht: Die Nationalliberalen siegten vollständig auf der ganzen Linie. DaS Centrum, die Deutsch-Frei- sinnigen und die Sozialdemokraten hatten Wahlenthaltung proklamirt. Der nationalliberale Abgeordnete Reinhardt wird also wieder seinen Sitz im Landtage einnehmen. Die Wahlbeteiligung betrug 25 Prozent.

Bewegte ILeichstagssttzung.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 29. Oktober:

Abstimmung! Tas frisch-fröhliche Treiben im Par­kett ließ erkennen, wie erwünscht der Mehrheit der Parla­mentarier die Befreiung von der Verpflichtung war, immer neue, aber nichts Neues bringende Reden über die Vieh- zölle anzuhören. Tie Beschlußfähigkeitsziffer war weit überschritten, der Antrag auf Schluß der Tiskussion konnte deshalb mit Erfolg gestellt werden und. fand mit 180 gegen 85 Stimmen Annahme. Nun folgte Abstimmung auf Ab­stimmung, weil die Linke bei jeder Position nam ent- l i ch e Entscheidung verlangte. Tie Schriftführer kamen derart in Zug, daß der Namensaufruf in immer kürzerer Zeit bewirkt wurde. An erheiternden Zwischenfällen fehlte es nicht, so, als der Name des Abg. Graf Kanitz (kons.) aufgerufen wurde. Ter Graf saß, allen sichtbar, auf einer der letzten Reihen des rechten Flügels, doch er antwortete nicht, auch dann nicht, als der Schriftführer nochmals mit aller Kraft den Namen rief. Ter Traumgott hatte den parlamentarischen Kämpen der rauhen Wirklichkeit entrückt, und erst den Unisono-Rufen seiner politischen Freunde ge­lang es, ihn zu ermuntern. Einigermaßen erstaunt drein­blickend, aber mit einem überzeugtenJa!" votierte als­dann Graf Kanitz für die Bindung des Zolles auf Schafe, entsprechend dem Beschluß der Kommission. Der Regie- rung sentwurf fiel auf der ganzen Linie. Mit 161 gegen 120 Stimmen wurde der Mimmalzoll auf Rind­vieh, mit 161 gegen 129 der auf Schafe, mit 162 gegen 135 der auf Schweine, mit 162 gegen 132 der auf Fleisch ange­nommen. Ter Namensaufruf erwies beiläufig die An­wesenheit zweier im Reichshause sonst sehr seltenen Gäste, der M>gg. Tr. Böckel (Antis.) und Ahlwardt (Antis.). Beide vertreten Wahlkreise mit überwiegend bäuerlicher Bevölkerung. Tieiser Umstand und die Nähe der Neu­wahlen mag die etwas saumseligen Mandatsinhaber an ihre Pflicht erinnert haben, denn beide beabschtigen wieder zu kandidieren.

Nach Erledigung der Vieh- und Fleischzölle kam es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen dem Prä­sidenten und der Linken über die weitere geschäftliche Be­handlung des Zolltarifs, gewissermaßen zu einer Kraft­probe. Tie Linke verlangte Vertagung der Sitzung, erklärte ichüberrascht" und widersprach aufs entschiedenste der

zusammenfassenden Erörterung mehrerer Positionen (pslanz- iche Erzeugnisse).Sie wollen wohl an bestimmten Ab- timmungstagen den Zolltarif im Ramsch erledigen!" rief mit Stentorstimme. Abg. Singer (Soz.) den Mehrheits- rarteien zu. Graf Balleftrem nahm die letzterer gegen )en Vorwurf, ein Komplott geschmiedet zu haben, energisch n Schutz. Tie lange und erregte Geschäftsordnungsdebatte )ie den Rest der Sitzung füllte auch Zentrum und Bündler gerieten hart aneinander, gab einen Vorge- chmack von den erbitterten Kämpfen, die sich im weiteren Verlauf der Zolldebatte zwischen Mehrheit und Minder­heit abspielen werden. Ter Schluß brachte noch eine namentliche Abstimmung die siebente in dieser Sitzung über den Antrag Singer auf Vertagung der Diskussion. Ter Antrag wurde mit 210 gegen 81 Stimmen abgelehnt, aber die äußerste Linke erreichte ihre Absicht trotzdem, denn ie hatte durch Entsendung ihrer redefrohesten Mitglieder yte Erörterung in die siebente Stunde ausgedehnt. Taß man auf Anregung des Zentrums über den Anttag des Frhrn. v. Wangenheim: Mindestzölle auf Gärtnerei­erzeugnisse, zur Tagesordnung überging, wird der Bund der Landwirte dem Zentrum sobald nicht vergessen. Ter Vorstoß des Bundesdirektors Abg. Tr. Hahn gegen den Abg. Herold (Ztr.) nahm sich wie eine regelrechte Drohung aus. Sogar der so besonnene Präsident Graf Ballesttem wurde durch die allgemeine Aufregung zeitweilig in gelinde Nervosität versetzt.

Aie Icryastmrg von Aamen.

Man schreibt uns aus Berlin, 29. Oktober:

Die näheren Mitteilungen, die in den Berliner Abend­blättern über die ungerechtfertigte Verhaftung einer Dame in Weimar, des Fräulein Tr. jur. Anita Augs­pur g aus Berlin, vorliegen, müssen auf das entschiedenste der Forderung Nachdrucc verleihen, daß endlich Durch­greifendes geschieht zur Beseitigung der Unsicherheit, denen allenthalben die Frauen ausgesetzt sind. Vor kurzem erst der ganz ähnliche, weithin Aussehen erregende Fall in Wiesbaden, nun das neue Vorkommnis auf dem Gebiete polizeilichen Uebereisers und polizeilichen Irrtums. Es braucht nur eine aus der Straße ohne Begleitung gehende Dame durch ihre Toilette oder durch die Art ihrer Be­wegungen einem Polizeibeamtenverdächttg" vorzukommen und in einem rührigen Polizeibeamten kann sehr leicht und durch manches Verdacht erregt werden, was anderen Beobachtern kaum aussäUt und harmlos erscheint, so ist der betreffende Beamte auf Grund des Gesetzes tn der Lage, die peinlichsten, beschämendsten Fragen zu stellen und Dame zur Wache zu führen. So verfugt es der 8 361 Nr 6, des Str.-G.-D., der der Polizeibehörde das Recht giebt, auch nicht derAussicht unterstelltes weibliche Personen,.un sie den zur Sicherung der öffentlichen Ord­nung unb bei vjf.nttich-n Anstandes erlassenen Vorschriften

zuwiderhandeln, zu verhaften und der Bestrafung entgegen* zuführen. Auf allen Frauenkongressen ist seit langem min­destens eine Abänderung dieser Bestimmung verlangt wor­den. In der That, wohin soll es führen, wenn derart einem Schutzmanne, der innerhalb eines begrenzten Kreises ganz verdienstlich wirken mag, ein solches Maß von Be­fugnis anvertraut ist, das ihn zu einem für den Augenblick unumschränkten Gebieter über die ohne Begleitung befind­lichen weiblichen Passanten macht. Man tann auch nur wenig auf den Schutz vertrauen, den etwa die Oeffentlich- keit einer irrtümlich verfolgten Dame gewähre. Ten ruhigen Bürger schreckt die Strafe ab, die ihm wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt droht, und die bei derartigen An- läffen von allen Seiten herbeiströmende Schar von Neu­gierigen und Müßiggängern pflegt mit schadenfrohem Be­hagen den Ereignissen zuzusehen. Diesmal ist der Polizei­beamte ja an eine Same herangetreten, die kaltblütig und resolut durch die Erfahrungen ihres Berufes rasche Anf- llärung, freilich auch erst auf der Polizeiwache, herbeizu­führen wußte. Es ist aber die Möglichkeit vorhanden, daß bei einem neuen Vorkommnis dieser Art, auf das man immer gefaßt sein kann, die zu Unrecht Verdächtigte aus Scham unb Bestürzung sich widersetzt und vielleicht den ernstesten Schaden an ihrer Gesundheit durch die ausge- slandene Aufregung erleidet. Es wird auch hier, wie über­haupt im Rechtslebeii, noch viel zu wenig mit der kom­promittierenden Wirkung gerechnet, die eine Verhaftung unter allen Umständen für den Betroffenen herbeiführt, zu­mal aber eine Verhaftung, die wie ein Lauffeuer sich tm Publikum verbreitet und ein förmliches Spießrutenlaufen zur Folge hat. Tie bürgerliche Freiheit der Frau ist ein nicht minder wertvolles, nicht minder zu schützendes Gut wie die bürgerliche Freiheit des Mannes. Es erscheint sehr angezeigt, daß im R e i ch s t a g die Regierung befragt wird, auf welche Weise gegen die Unzuträglichkeiten, die sich aus der Anwendung des § 361 ergeben, Ab Hülse zu schaffen ist. Solchen Eventualitäten, bemertt mit Recht eine Ber­liner Zeitung, sehen sich Frauen zu jeder Stunde und in jeder Stadt ausgesetzt. Eben deshalb ist der Reichstag berufen, dies Thema zur Sprache zu bringen. Tie in Wiesbaden verhaftete Teilnehmerin am Frauen- longreß machte sich dem Polizeibeamten durch einReform- loftüm" das doch keine seltene Tracht ist- und durch zu langsames Gehen" verdächtig. Was dem Weimarer Beamten an Frl. Tr. Augspurg nicht gefallen hat, ist noch nicht aufgeklärt. Genug, diese Sicherheits-, oder richtiger Unsicherheitszustände bedürfen dringend der Besserung. Zu­nächst aber wird man wohl erwarten dürfen, daß allent­halben von den vorgesetzten Behörden Anweisungen ergehen, die den Schutzleuten unter Hinweis auf die Vorkommnisse größte Vorsicht und Zurückhaltung zur Pflicht machen.

Deutsches Keich.

Berlin, 29. Oft An der gestrigen Abendtafel beim Kaiserpaar nahm der Kronprinz von Dänemark mit den Herren feines Gefolges teil. Heute morgen begaben sich der Kaiser und der Kronprinz von Dänemark nach Kummers- borf »aU einem Artilleriefchießen. In Kummersdorf wurde auch das Frühstück genommen.

Reichskanzler Graf von Bülow empfing heute den kaiserlichen Generalkonsul in Kalkutta Frhrn. Speck von Sternburg, welcher sich über Amerika auf seinen Posten zurückbegiebt.

Der Zustand des Abg. Rickert, der in den letzten Tagen eine Besserung erkennen ließ, hat sich seit der letzten Nacht wieder etwas verschlimmert. Der Kranke verweigert die Nahrungsaufnahme und das Allgemeinbefinden läßt zu wünschen übrig.

Die Kommission des Reichstages für den Kinder­schuh in gewerblichen Betrieben setzte heute die Beratung bei § 4 des Gesetzentwurfs, der die für fremde Kinder verbotenen Befchäfttgungsarten festsetzt, fort. In dem Ver­zeichnis derjenigen Werkstätten, in deren Betrieben, ab­gesehen vom Austragen von Waren und von sonstigen Botengängen, Kinder nicht beschäftiat werden dürfen, liegt eine Reihe sozialdemokratischer und freisinniger Anträge vor, die dieses Verbot auch auf andere Betriebe ausdehnen- wollen. Die Mehrzahl dieser Anträge wird angenommen und hierauf die Weiterberatung vertagt.

Oldenburg, 29.Ott. Die Mahl von sechs Sozial­demokraten in den nur au5 40 Mitgliedern bestehenden Oldenburgischen Landtag regt die unterlegenen Parteien heftig auf. Delmenhorst ist der Stein des Anstoßes. Daß die Umgegend von Wilhelmshaven sozialdemokratisch wählte, hat man als unabwendbar schon vorher hingenommen. Aber in Delmenhorst hatten die bürgerlichen Parteien eine kleine Mehrheit, denn die Fabrikstadt wählt in Gemeinschaft mit dem Amte fünf Abgeordnete nach einer Liste. Tie meist ländlichen Wahlmänner waren ihrer Sache sicher und wollten neben einem städtischen Fabrikanten lauter Land­wirte in den Landtag wählen. Sie bekümmerten sich aber gar nicht darum, ob sie auch sämtlicher bürgerlichen Wahl- mänr.er sicher seien. Das Zünglein an der Wage bildeten ein Dutzend Lehrer, und diese waren nicht geneigt, wieder Agrarier in den Landtag gelangen zu lasten. Sie stehen zwar selbst durchaus auf bürgerlichem Boden, halten es aber für nicht schlimm, wenn einige sozialdemo­kratische Hechte in den bäuerlichen Karpfenteich kommen. Ta nun bie anderen bürgerlichen Wahlmänner keine Miene zu einer Verständigung mit ihnen machten, schlossen sie ein Kompromiß mit den Sozialdemokraten, Kraft dessen drei der Letzteren und zwei Bürgerliche (der Bürgermeister und ein Lehrer) gewählt würden. Im letzten Augenblick, unmittelbar vor der Wahl, kamen bte Wort­führer der Dauern und wollten sich mit den Lehrern ver-