Ausgabe 
30.10.1902 Erstes Blatt
 
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15S. Jahrgang

Erstes Matt.

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guten Gründen der Lmken derart imponieren, daß er schließ­lich ganz farbenblind wurde und nur noch zwei Farben, das schwärzeste Schwarz und das weißeste Weiß sah. Also ge- blendet unternahm er seinen .Ausflug ins Sittliche". Und er hatte Glück damit. Die Zensurbehörden mehrerer deutscher Städte nahmen Anstoß an dieser tendenziösen dramatischen Sittenpredigt und verboten sie. In Frankfurt durste sie nicht im Schauspielhause zur Aufführung gelangen, doch gelang es sonderbarer Weise, wenn ich mich recht erinnere, im Früh­ling vorigen Jahres einem dort im Orpheum gastierenden Ensemble nach vielen Mühen die Bedenken der Frankfurter Polizei zu zerstreuen. Und ähnlich ging es in Berlin, wo lange Kämpfe von der Direktion des Leffingtheaters gegen die Zensur geführt wurden, die nach vielem Hinundher mit einer kläglichen Niederlage der letzteren endeten. Damit war natürlich dem Stücke der beste Dienst erwiesen und ihm von der Zensurbehörde eine natürlich höchst unbeabsichtigte Re­klame gemacht worden.

3. Für den Bezirk Lich - Hungen: Mittwoch den 12. November d. Js., vormittags 10 Uhr, in der .Traube" zu Hungen.

Die Herren Referenten werden gebeten, ihre Referate bereit zu halten. An die Konferenzen schließt sich ein ein» faches Mittageffen an.

Wir beauftragen Sie, die Lehrer Ihrer Gemeinden ent­sprechend zu bedeuten.

Dr. B r e i d e r t.

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

Gießen, 28. Ottober 1902.

Betreffend: Errichtung und Einrichtung von Fortbildungs­schulen.

Die

Grotzh. Kreis-Schulcommission Gießen

an die Schuwor,runde des tueiiee.

Nr. 255

OrlAetnt tSgtlch auuei Sonntag*.

Dem Lietzener Änzetger werden tm Wechsel mit dem SeMlchen Landwirt die Gietzener Kamillen- blätter viermal In bet Woche beigelegt.

-totattonSdruck u. Ver­lag der Brühl 'ichen Unwerl.'Buch- u.Sletn* brudcret (Pietsch Erben- tfebafhon, ErpedMor» und Drucferet:

Gchnlftratze 7.

Adresse Kh Depeschent Anzeiger Gießen.

grrnIprrchanlLlußNr 51

Dreyer und Otto Ernst mit dem .Probekandidaten" und dem .Flachsmann" in dasselbe Fahrwasser gerieten. Tendenzstücke von so schroffer Einseitigkeit sind geradezu volksoerführerisch. Engel stellt alle die Personen, die die von ihm bckäinpfte | Richtung verkörpern, als typische Vertreter einer zu jeder

Gießener Stadttycater.

Der Ausflug inS Sittliche.

Konwdie in 4 Akten von Georg Engel.

ES war ein lustiger Einfall von unserer Theaterleitung, fust für den Tag der hessischen Wahlmännerwahlen eine Komödie zu wählen, in der nicht nur vieles geredet wird von Wahlkämpfen und Wahlagitation, sondern die sich in erster Linie den Anschein gibt, den im heffischen Landtage so oft zu Tage getretenen und erörterten Gegensatz von Stadt und Land unter scherzhafter Hülle ernsthaft be­handeln. Gar schön wäre es gewesen, wenn uns gerade an diesem Tage ein guter .Engel" emporgetragen hätte in die lichten Höhen der reinen Sittlichkeit, jenseits von Stadt und Land, wenn wir dann, gestärkt und gekräftigt von einem Ausfluge ins wahrhaft Sittliche, einsichtsvoller und mit ver- edelterer, beruhigterer, friedvollerer und geklärterer Lebensbe­trachtung in uns selber zurückgekehrt wären. Jedenfalls hätten wir gestern gern manchen unserer eifrigsten partetgängertschen Landboten im Zuschauerraume des Gießener Stadttheaters gesehen, denn es gab da für ihn viel Interessantes zu hören.

Die politischen Gegensätze zwischen Stadt und Land machten sich schon im alten Rom fühlbar, Goethe beobachtete sie scharf, und die Gegenwart sicht um ihretwillen ihre schwer­sten sozialen Kämpfe aus. Schade nur, daß so viele unbe­rufene freiwillige Mitfechter auf dem Kampfplatze erscheinen, die ihr verwirrend Tröpflein Weisheit dazuzuspenden für gut und klug erachten. , ^.Vl

HerrGcorgEngel, seines Zeichens deutscher Dichter aus dem schönen Lande Pommern, der übrigens laut Kürschners Litteraturkalender gestern gerade seinen 36. Geburtstag beging, hat offenbar die Leitartikel, die im Winter 1900/1901 in allen deut­schen Landen aus Anlaß der unseligen lex Heinze-Beratungen und der Gründung des Goethebundes geschrieben wurden, mit ®tfer gelesen. Da sah er in den agrarischen Blättern die unaufhör­liche Variation des Themas von der .sittlichen Verwilderung und Entartung in den Städten. Aber er sah auch, daß man in der Preffe der extremen Linken derartige Ausführungen sehr übel nahm und mit ebensolcher .schlagenden" Beweis­kraft das strikte Gegenteil bewies. Der objektive parteilose Beobachter sammelte alle diese Erörterungen unter seine kri­tische Lupe und fand, daß man auf beiden Seiten, wie immer, arg übertrieb. Herr Engel aber ließ sich damals von den

Donnerstag 30. Ottober 1002

vezng»pret»,

MH monamch7bPft viertel*

. jährlich Mk. 3.20; durch

A Abhole- u. Zweigstellen

monatlich 6o Pf.: durch

werden tönnen.

Denjenigen Schülern, die in Gießen arbeiten und die die Schule chrer Heimatgemeinde besuchen, ist eine vom Vorsitzenden oder Lehrer unterschriebene Be­scheinigung einzuhändigen, wo sie unterrichtet werden, damit zie sich den Polizeibeamten gegenüber ausweisen können.

diePost Alk. 2. viertel- jährt. auSjchl. Beltellg. Annahme von Anzeige» für die lageSnummet bi* vormittags 10 Uhr, MeilenprciS: lokal 13 Pf, auswärts 20 Pjg.

Verantwortlich» für den pollL u. aQgetn, Teil; P. Witiko: füi .Stadt und Land" und GenchlLjaal' Eurt

Plato, füi den An­zeigenteile Hans Beck

Damit wir in der Lage sind, den Unterricht in der Fortbildungsschule möglichst fruchtbringend zu machen, sehen wir uns veranlaßt, eine Anzahl Vorschriften zu geben, die sich aus praktischem Skburpiis ergeben haben:

Tie Ueberweijungen von Schülern während der Schul­periode nach GiegLN sollen nicht an den Schulvorstand, sondern an Herrn Rektor Hahn adressiert werden. Ebenso wird dieser umgekehrt im Namen des Schul­vorstandes an Sie überweisen.

Genehmigungen von einer späteren Unterrichtszeit (nach 7 Uhr abends haben nur für das betreffende Schuljahr Giltigleit und währenddessen auch nur so lange, als die überwiegende Mehrheit der Schüler auswärts arbeitet. Wenn bei Eintritt schlechter Witte­rung mehrere Schüler nach Hause zurückkehren, sind sofort die früheren Abendstunden für den Unterricht zu benützen und uns entsprechend Bericht zu erstatten. Diejenigen Schüler, die den Unterricht bald in dieser, bald in jener Gemeinde besuchen, sind darauf auf­merksam zu machen, daß sie bei jedem Wechsel ihre Hefte mitzunehmen und an dem neuen Schulorte vorzuzeigen haben.

Tie in Gießen beschäftigten Schüler der Nachbar­gemeinden sind darauf hinzuweisen, daß ihnen der Unterricht in der Stadt für ihren Beruf mehr bietet wie der auf dem Lande. Sie sollen womöglich in Gießen die Schule besuchen.^ Dabei sind sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich bis zum 15. Oktober des betreffenden Jahres spätestens anzu­melden haben, da sie sonst nicht mehr ausgenommen

kommt und in der ihm eigenen perfiden Weise diejanze Jeschichte an die jroße Jlocke" hängt. So ein verfluchter Hallunte! Kommt der Kerl da mitten hinein in die Gründer­sitzung; und nicht mal allein, er bringt sich auch noch ein Mädel mit, die Dvrthe als Schutzpatronin desVereins zur Hebung der Stttlichkeit auf dem Lande"! Die Lage des Herrn Landtags-Kandidaten wird nun etwas bedenklich; aber sie wird hinter der Szene gerettet durch die überzeugende Beredtsamkeit seines Freundes, des Ober­försters, den allem Anschein nach das famofe Hausfräulein, wenn der Herr Hauptmann als Abgeordneter in der Stadt weilt, für seine Treue redlich belohnen wird. Wodrow ist wieder oben auf, und in erhabener Reinheit könnte er nun wo es chm beliebt, schlafen gehen, wenn nicht oh Schänd­lichkeit der Welt dieser Teufelskerl, der Götz, mit der Gutsnachbarin, dem schönen Fräulein v. Satten, auf und davon ginge, in einem Schlitten, unter einer Decke, fest an einander geschmiegt.- Das ist zwar nicht gerade unsittlich", aber esverletzt doch sein Schamgefühl".

Kehren wir zurück von unserem Ausflug, stellen tou uns auf den Boden der trockenen Kritik. Nun, ein Kunst­werk tm Sinne der Aesthetik ist diese Komödie nicht. Will sie aber auch vielleicht gar nicht fein. Sie ist eine krafttge Satire, die sich nur leider von der Grenze der Karikatur nicht fernzuhalten weiß. Des Satirikers vornehmster Beruf ist es gewiß, die Laster seiner Zett zu erfassen und fest­zuhalten. Ist Georg Engel das gelungen? 9hut, es ist nicht eben alles neu, und noch weniger alles richtig, was man ba hört. Aber eS ist doch anerkennenswert, daß er eine Frage, die so lange in der Luft schwebte, die alle sittlich denttnden Menschen seit Jahren beschäftigte, mit kühner Hand ergriff und auf die Bühne stellte. Das hat er mit großem Geschick befor gi und uns eilte unterhal'.ende Komödie geschenkt. Aber Hermann Bahr, der bekannte Wiener Poet und Kritiker, hat doch nicht unrecht, wenn er in seinen .Premisren" (München 1902, Alb. Langen) zu bedenken giebt, wie gefähr­lich e§ für die Kunst ist,wenn sich das Publikum angewöhnt, Theaterstücke als Leitartikel zu betrachten". Das ist die Att von sinanziell betriebsamen Litteraten vom Schlage Philippis, und es ist bedauerlich, daß talentvollere Männer wie Max

Dolilische Tagesschau.

Zur Rückkehr des Erbgrotzherzogs

nach Karlsruhe wird aus Freiburg gerieben:Es gehl ein merkwürdiges Gemurmel und Gewisper durch das badische Land, als habe es zwischen Berlin und Karlsruhe etwas gegeben mid sei der Erbgroß,- Herzog deshalb von Koblenz weggegangen. Diese allge­meine Ansicht dürste nicht ganz grundlos sein. Ter Erbgroßherzog hat ein warmes und lebhaftes Gefühl für seine badische Heimat; man kann auch unbedenklich sagen, oaß das badische Volk eine ganz besondere Herzensneigung zu seinem sympathischen Kronprinzen hege. Da scheint cs i n keiner Weise verwunderlich, wenn die Ernennung nach Koblenz bei dem hohen Herrn sowohl wie in der badischen Bevölkerung sehr geteilte Gefühle erregte. Zu diesem Heimweh, das auch die Erbgroßherzogin empfand, trat noch hinzu, daß das Koblenzer Klima dem Erbgroß­herzog offenbar nicht zusagte. Ein nicht unbedenklicher Rückfall in ein früheres schmerzhaftes Leiden bringt den unwiderleglichen Beweis dafür, daß die feuchte Lage an zwei Strömen gefahrbringend war. Aus diesen Empfin­dungen und Umständen heraus entwickelte sich der dringende Wunsch, vom Rheinland wegzukommen und zur Heimat zurückzukehren. Was lag da näher, als das Streben, in Baden die gleiche Stelle zu bekleiden, wie am Rhein? Man trat in Unterhandlungen ein, welche die Ernennung des Erbgroßherzogs zum Eommanbierenben General des 14. Armeekorps bezweckten. Allein der Erfolg blieb aus. In Berlin sowohl wie in Karlsruhe befanden sich Gegner dieser Idee, welche denn auch den Sieg davon­trugen. Es scheiterten auch Versuche, in anderer Form die Rückkehr des Erbgroßherzogs in die Heimat zu er­möglichen. Daher kommt es, daß die militärische Lauf­bahn vorerst verlassen wurde, was um so bedauerlicher erscheint, als der Erbgroßherzog nicht nur mit Passion Soldat ist, sondern auch für das Waffenhandwer? ins­besondere für die Führung eine ausgesprochene Begabung besitzt. Inwieweit nun eine momentane Abkühlung in den Beziehungen zwischen Berlin und Ba­den etwa vorhanden ist, oder vorhanden war, entzieht sich der Besprechung in öffentlichen Blättern, wie auch daraus verzichtet werden muß, diejenigen Jntriguen zu schildern, welche in diese an -ssich ziemlich einfachen Vor­gänge hineingeflochten worden sind."

Gebürligkeit der Reichsbevölkeruug.

Rach b»m Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 sind von der Neichsbevölkerung, die 56 376178 beträgt, 98,5 v. H. ( 55 529 229) im Deutschen Reich geboren

6. Schüler, welche mehrfach hintereinander den Unter­richt unentschuldigt versäumen oder ftetig zu spät erscheinen, sind uns alsbald anzumelden.

Dr. B r e i b e r t.

Freilich, ein Familienstück istDer Ausflug ins Sitt­lich^' nicht oder vielmehr doch, wie man's nimmt; denn zum guten Tett spielt bas Stück in einer sog.guten" Familie. Zu Hauptmann Wodrow, auf dessen pommersches Rittergut führt uns der Autor ein hochrenommiertes Haus, in dem nurbeste" Gesellschaft verkehrt. Darum wünscht man auch in ihm den Neffen Götz so fern als möglich, denn er ist ein Entgleister, einSozialdemokrat", einAnarchist", einZeitungsschreiber". In Wahrheit ist er allerdings nichts als ein anständrger Menschein Mensch" könnte man einfach sagen, wenn man üb er ein tarne, alle anderen mitLeute" zu bezeichnen.Leute", das geht, ,Leute" hat nichts dirett Ehrendes und ist auch keineswegs entwürdigend. Trotzdem wird man nicht umhin können, den Hauptmann Wodrow mit dem landläufigen Epitheton Schweinehund" zu belegen. Der Mann, dem eine so gute, treue Seele als Gattin zur Sette steht, wenn sie auch ein bischen alt ist, der sollte doch wohl nicht Hofmagde in fatale Situationen versetzen (noch dazu so scheußllche, wie diese Törthe) und auch nicht Haussraulerns die höchst persönliche Bewachung ihrer Zimmerthür versprechen, -^as Schlimmste aber ist, daß dieser Biedermann den Mut be­sitzt, sich zum Vorsitzenden eines von ihm selbst ins Leben gerufenen Vereins zur Hebung der Sittlichkeit aus dem Lande wühlen zu lassen, was srettich ihm nur Mittel zum ££ I

werden! Setzr fatal, daß dieser Neffe hinter [eine Schliche I dar, wahrend umgekehrt der Held, der die Ansichten deS

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Daubringen.

Montag, den 17. November l. Js. findet die Ueberweisung der neuen Grundstücke und die Versteigerung der Maffegrundslücke vom 1L Felde der Gemarkung Daudrmgen an Ott und Stelle statt.

Zusammenkunft vormittags 10 Uhr am Bureau der Großh. Bürgermeisterei zu daubringen, woselbst auch die Versteigerungsbedingungen bekannt gegeben werden.

Die Ueberweisung erfolgt vorbehältllch der im lieber* Weisungstermin bekannt zu gebenden weiteren Bedingungen unter folgenden:

1. Meliorationsarbeiten können auf den überwiesenen Grundstücken auch fernerhin oorgenommen werden.

2. EigentumSoeränderungen, die infolge der Ausfüh­rung von Meliorationsarbeiten, der Anlage von Wegen und Gräben und dergleichen innerhalb der Zeit der Ausführung dieser Arbeiten notwendig werden, müssen die neuen Eigen­tümer dulden. Ein hierdurch bedingter Ab- und Zugang von Gelände wird dem neuen Eigentümer nach dem Bonttäts- wett vergütet bezw. zugeschrieben.

Friedberg, den 28. Oktober 1902.

Der Großherzogliche Beremigungskommiffär: Spam er, Kreisamtmann.

Gießen, den 28. Ottober 1902. Betr.: Faseleber.

Das Größtmögliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises

Wir beauftragen Sie mit ihunlichstcr Beschleunigung hierher mitzuteilen, wieviel gekörte Eber und von welchem Schlage in ihrer Gemeinde, sei es von der Gemeinde oder von Privaten, am L Oktober L I. gehalten wurden.

Dr. Breidert.

Gießen, 29. Oktober 1902.

Betr.: Lehrerkonferenzen.

Die Grotzh. Kreisschulkommission Metzen

an die Schulvorstände und Bürgermeistereien des Kreises.

Im Herbste dieses Jahres sollen folgende Konferenzen staüsinden:

1. Für den Bezirk Grünberg: Samstag den 8. Novbr. d. Js., vormittags 10 Uhr, im Hotel ,zum Hirsch" zu Grünberg.

2. Für den Bezirk Gießen: Dienstag den 11. November d. Js, vormittags lOVi Uhr, im Lass Ebel zu Gießen.