152. Jahrg
Nr. 355
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint ISgUch mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Siebener Zamlllendlätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hfßsche Landwltt- erscheint monatlich einmal.
Verantwortlich für den allgemeinen Tellr P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben). Gießen.
Abg. Sittart (Str.): Auch mir tft eS durch den Schluß der Debatte unmöglich gemacht, näher auszufuhren, wie der prerißische Landwirthschaftsminister, Herr v. PodbielSki, durch ferne wenig
Sie haben hier ganz neue Pflanzenklasten geschossen, (^eitcrrctij Der Herr Präsident bat sich daraufhin vielleicht den Antrag nod) nicht angesehen, es würde mich freuen, wenn er sich meinen Bedenken anschlösse. (Heiterkeit.) Jetzt, am Schlüße einer in Folge so vieler namentlichen Absttmmungen so arbeitsreichen Sitzung Heiterkeit), halte ich es nicht für opportun, noch in eine DiSkusswn einzutreten. Jedenfalls möchte ich die Anttagsteller bitten, statt der zu verzollenden Strichelchen (Heiterkeit.) lieber rn den Antrag hineinzuschreiben, um was es sich handelt.
Mg. Singer: Mein Antrag auf namentliche Mstimmung über den ganzen Antrag Wangenheim steht gar nicht in Widerspruch mit der Thatsache, daß wir auf eine Diskussion über den Antrag in diesem Augenblicke nicht gefaßt waren. Die Absicht, über die Wangenheimschen Anträge jetzt zu verhandeln, ist ja bei Ihnen erst in letzter Stunde reif geworden. Heute Mittag haben Sie noch gar nicht daran gedacht. (Unruhe rechts.) Sie haben nur die Gelegenheit benutzt, um unS zu überrumpeln. (Unruhe rechts.)
Präsident Gras Ballestrem: Die Absicht der Ueberrumpelung dürfen Sie Mitgliedern des Hauses nicht vorwerfen.
Abg. Singer (fortfahrend): Vielleicht gestattet dann der Herr Präsident den Ausdruck „Ueberraschung". (Heiterkeit.) Wir wollen dafür sorgen, daß die wichtigsten Gegenstände genügend zur Be. rathung kommen, und ich bitte Sie, solche Ueberraschungen in Zukunft zu unterlassen. (Unruhe rechts.) Ich muß noch meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, daß zu dieser Sache keiner von Ihnen das Wort nimmt. Sie scheinen die Maxime zu haben, nicht selbst zu reden, sondern nur uns reden zu lassen. (Andauernde
eine halbe oder eine ganze Stunde reden lasten und dann Schluß macken, und Sie haben dann eine Reihe wichtiger Gegenstände abgescklachtet, ohne daß das Volk weiß, aus welchen Gründen die Zölle erhöht werden, es sei denn. Sie wollen die Thatsache verbergen, daß kein anderer Anlaß dazu vorliegt, als der. Den Agrariern die Taschen zu füllen. (Umuhe rechts.) Ich beantrage deshalb, heute die Sitzung zu vertagen und morgen getrennt über die einzelnen Positionen zu debattiren.
Präsident Graf Ballestrem: Bevor ich daS Wort weiter ertheile, muß ich doch sagen, daß die Gegenstände, die ich zusammenzuziehen vcrgescklagen habe, nicht so heterogener Natur sind (Sehr richtig I) Herr Singer sagt, es hätte kein Mensch geglaubt, daß heute noch die Anträge Wangenheim zur Verhandlung kommen, um so merkwürdiger ist es, daß er selbst mir einen Antrag auf namentliche Absttmmung über alle diese Positionen des Absatzes II eingereicht hat. Große Heiterkeit.) Er war also der Meinung, daß dieser Absatz doch noch heute erledigt wird. (Erneute Heiterkeit. Zuruf von den Soz.: Nein, morgen!) Ich halte meinen Vorschlag für ganz aeeeptabel, will aber abwarten, was das HauL beschließt. (Zuruf rechts: Die Obstruktion beginnt!)
Abg. Dr. Barth (frei). Vergg): Niemand konnte darauf gefaßt sein, daß Herr von Wangenheim sckue Anträge zu einem so großen Theil, wie es geschehen, zurückziehen würde. Wir konnten nur darauf gefaßt fein, daß demnächst die wichtigsten Theile seines Antrages, z. B. die Position „Kartoffeln", zur Beratung gestellt werden würden, aber diese Position ist mit vielen anderen zurückgezogen. Wenn das nicht geschehen wäre, dann wären wir eventuell geneigt gewesen, noch heute mit der Diskussion, die allem für Kartoffeln sicher wenigstens drei Tage beansprucht hätte (Unruhe rechts), noch heute zu beginnen, und der erste Redner hatte in zwei Stunden dann vielleicht heute noch fertig werden können. Für die setzt noch in dem Anträge verbliebenen Positionen sind wir aber heute gar nicht mit Material versehen. Deshalb würde es höchst unzweckmäßig sein, in überstürzter Weise jetzt in eine Diskussion darüber einzutreten. Was die Verbindung der einzelnen Posittonen anlangt, so möchte auch ich trotz allem Respekt vor der Person unseres Herrn Präsidenten es bezweifeln, ob beispielsweise Cyeaswedel und Weintrauben innerlich mit einander so nahe verwandt find (Heiterkeit).
wohlwollende Behandlung eine- dringenden und wohlbegrundeten < Gesuchs meines Wahlkreises um Zulassung eines bestimmten Kontingents Schweine unter Wahrung aller Sicherheitsmaßregeln es möglich gemacht hat, daß ich aus einem Freunde em Gegner der Viehzölle geworden bin. (Glocke des Präsidenten.)
Es folgen die Abstimmungen über die Mmimalsatze, und zwar zuerst über die Sätze für Rindvie h.
Dec Antrag Frhr. v. Wangenheim auf einen Mindestzoll von 18 Mark für Rindvieh für den Doppel-Centner wird in einfacher Abstimmung gegen die Stimmen der Antisemiten und der meisten Konservativen abgelehnt.
A d g e l e h n t wird auch ein neu eingelaufener Antrag der Sozialdemokraten, die Mindestzölle nach dem Schlachtgewicht zu berechnen. .
Die Abstimmung über den KommissionSbesch l u ß , 14,40 Mark für den Doppel-Centner, ist etne namentliche.
Von 284 anwesenden Abgeordneten stimmen 161 dafür, 120 dagegen, 3 enthalten sich der Abstimmung. Dafür stimmen das Gentrum mit wenigen Ausnahmen, darunter die Abgg. Sittart, Stütze!, FuSangel, Letocha, Muller-Fulda, ferner die Konservativen, die meisten Antisemiten, die Polen und die National-Liberalen v. Kaufmann - Helmstedt, Graf O rt o l a, Börner, Haas und Hische. D,e übrigen Parteien stimmen dagegen, ebenso der Präsident Graf B a l l e st r e m.
Die Minimalzölle für Rindvieh sind also entsprechend den Kommis fionsbef chlüf fen angenommen. , _ . — . y
Die nächste Abstimmung bezieht sich auf den Minimal - 3 °1 Die" hierzu vorliegenden Anträge Wangenheim und Albrecht ftItb Der^K o°mm i ssi o n s a n tr a g (14,40 Mark pro Doppel- Centner) wird in namentlicher Abstimmung bet Anwesenheit von 294 Abgeordneten mit 161 gegen 129 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen angenommen. Die Parteigruppirung ist dieselbe wie bei der vorigen Absttmmung.
Uebcr den Minimalzoll für Schweine wird gleichfalls namentlich abgesttmmt, und zwar, da die Anttäge Wangenheim und Albrecht zurückgezogen sind, über den Vorschlag der Kommission (Mimmalzoll 14,40 Mark pro Doppel-Centner Lebendgewicht).
Der Kommissionsantrag wird angenommen. Anwesend sind 301 Abgeordnete. Dafür stimmen 162, dagegen 135, der Abstimmung enthalten sich 4 Abgeordnete. Die Partei- ' gruppirung hat sich wiederum nicht geändert.
Es folgt die namentliche Abstimmung über die von der Kommission beantragten Minimalsätze für Fleisch, die, je nachdem das Fleisch nicht zubereitet, einfach zubereitet oder für feinere 1 Tafelzwecke zubereitet ist, auf 36 bezw. 48 bezw. 96 Mark pro Doppel-Centner nomirt sind. (Für Schweinespeck ist kern Minimal-
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
206. Sitzung vom 29. Oktober.
12 Uhr. DaS Haus ift gut besetzt.
«m Tisch deS Bundesraths: Graf Posadowsky u. A.
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten De- ratbung deS Zolltarifgefetzes, und zwar des § 1 bet den Minimalzollcn für Vieh (14 Mk. 40 Pf. für den Doppelzentner) und Fleisch (36, 48 und 96 Mk. für den Doppelcentner). Hierzu liegt ein Antrag der Sozialdemokraten auf Zollfreiheit, ferner ein Antrag deS Abg. Frhrn. v. Wangen- beim (kons.) vor, der für Vieh Minimalzölle von 18 Mk. pro Doppeleentner, Fleisch 45, 60, 120 Mk. festgesetzt wissen Will.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt
Abg. Müller-Sagan (freif. Vp.): Im Namen deS Herrn Kollegen Ritter-Merseburg, der heute verhindert ist zu erscheinen, habe ich zu erHören, daß Der Herr Abgeordnete am 23. Oktober, an dem Tage, an welchem die Absttmmung über den Antrag Heim (bett, den Minimalzoll für Getreide) stattfand, überhaupt nicht tn Berlin gewesen ist, daß also die Feststellung der Herren Schriftführer, er hätte bei der Abstimmung über diesen Antrag mit Ja gestimmt, auf einem Jrrthum beruhen muß. Der Herr Kollege Ritter erklärt ferner, daß, wäre er an jenem Tage anwesend gewesen, er in Uebereinstimmung mit seinen politischen Freunden mit Nein gestimmt hätte. v
Präs. Graf Ballesttem: Damit ist der Jrrthum der Herren
daß man sie gemeinsam berathen kann.
Abg. Stadthagen (Soz.): Es läge auch im Jnteresie bcS Antragstellers, wenn wir vertagten; wir würden ihm dadurch wenigsten- Zeit geben, seinem Antrag eine verständliche Form zu geben. (Heiterkeit.) WaS soll daS z. B. heißen: Küchengewächse 2,50 Mk.. dann folgen ein paar Sttichelchen 20 Mk., dann wieder ein paar Strichelchen (Heiterkeit) 4 Mk.? Bei den lebenden Pflanzen heißt es: I — 80, II = 20, III = 40, IV — 15 Mk. WaS bedeuten diese römischen Zahlen? In der Kommissionsvorlage ist nirgendS eine Pflanze zu finden, die unter die Klasse römisch I u. s. w. fallt.
Pflanzenklassen geschaffen. (Heiterkeit^) ch daraufhin vielleicht den Anttag noch
Schriftführer berichtigt.
Das Haus tritt in die Tagesordnung ein.
Dbg. Dr. Müller-Meiningen (freif. Vp.): Der Abg. Trimborn hat in Köln als Kölner, hier im Reichstage aber als Zöllner gesprochen. (Weiterleit und Rufe: Au!) Der Staatssekretär Graf PosaoowSky hat endlich gestern hier als erster Regierungsvertreter geredet, denn der Staatssekretär v. PodbielSki war eher ein Verteidiger der Kommissionsbeschlüsse, er hat nur eine Reihe von Lufthieben gegen die Linke geführt und gegen die Kom- missionSbeschlüsse und die Rechte kein Wort des Angriffs gehabt. Die Darstellung, die Graf PosadowSky von der Entwickelung.der englischen ländlichen Verhältnisse gegeben hat, beruht jedoch auf Jrrthum; er sollte doch wissen, daß die Ausbreitung der Latifundien in England sich gerade unter der Herrschaft der Kornzölle vollzogen hat. ES ist auch nicht richtig, daß Dänemark ein vorwiegend Viehzucht treibendes Land ist, und gerade auf seiner Zollfreiheit für die meisten Getteidearten beruht seine blühende Landwirthschaft. Die Quintessenz der Ausführungen des Grafen Posadowsky toar: Bewilligt höhere Kornzölle zu höheren Arbeitslöhnen! Da liegt mir der Vergleich nahe mit einer Kaffeehausgeschichte. Ein Kellner in einem Wiener Cafe ließ ein Tablett mit vielem Geschirr fallen. Darüber stelltt sich der Besitzer sehr betrübt, und als er von einem Gaste gefragt wurde, weshalb er denn so traurig fei, er sei doch ein racher Mann, da erwiderte er: Es ist ja nicht meinetwegen, sondern wegen deS armen Kellners, denn der muß Alles ersetzen. (Heiterkeit.) Die Agrarier befinden sich hier in der Rolle^ des CafehausbesitzerS, denen die Arbeiter doch wieder Alles ersetzen müsien. Den größten Schaden von der Dertheuerung des Zuchtviehs durch die Zölle wird der kleine Dauer haben. Der Großgrundbesitzer hat keinen Anlaß zur Klage, er hat eS selbst verschuldet, daß die Qualität des Fleisches zurückgegangen ist, und daß er daher zu Zeiten keine Abnehmer gefunden hat; der Grund liegt in dem System der Schnellmästung, das jetzt im Schwange ist. Die Agrarier benutzen eben ihre Kartoffeln statt zur Viehfütterung lieber zu der lohnenderen Volksvergiftung durch Branntweinbereitung. Herr von Oldenburg wünscht und hofft, daß die Fleischnoth bis zum Frühjahr gehoben sein werde. Ja, sollen denn die Arbeiter von den Wünschen und Hoffnungen deS Herrn von Oldenburg leben? Graf Kanitz sprach viel sachlicher, aber bei den vielen zahlenmäßigen Nufstellungen, die er uns brachte, hat er einen wichtigen Punkt zu konstatiren vergessen, nämlich die Thatsache, daß nächst Nordamerika Deutschland die höchsten Viehzölle hat. In der Schweiz beträgt der Viehzoll 12 Mk., in Italien 4 Mk., in Schweden 28 Mk., in Oesterreich 24 Mk, dagegen wird er nach der Regierungsvorlage im Durchschnitt 60 und nach der Kommissionsvorlage sogar 90 Mk. pro Stück betragen. Redner kommt sodann auf das mit Borsäure präparicte Fleisch zu sprechen. Graf Posadowsky hat die diesbezüglichen Ausführungen deS Kollegen Zwick nicht im Mindesten widerlegt. Die Reichswissenschaft, wie sie im ReichSgesund- heitSamt betrieben wird, und die dort angestellten Versuche haben den Spott und daS Kopfschütteln der ganzen wissenschaftlichen Welt hervorgerufen. Ter arme Reichssalpeterhund war vor Anstellung deS eigentlichen Versuches dermaßen ausgehungert, daß er auch ohne die Borsäure nicht hätte leben können. Noch schlimmer erging eS dem eigentlichen Reichssodahund. Der war zuerst mit kohlensaurem Natron überfüttert worden daß er nachher überhaupt nichts mehr vertragen konnte. Hätten sie ihm ein Pfund Pflaumen statt Borsäure gegeben, so wäre er auch gestorben, und man hätte dann ein allgemeines Pflaumenverbot erlassen können. (Heiterkeit.) Und aus solchen nichtigen Gründen vergrößern Sie die Fleischnoth. Allerdings, Sie behaupten ja, ein Viehmangel bestehe nicht. Ja, weshalb schaffen Sie denn das Vieh nicht in die Schlachthöfe? In einem Artikel der „Augsburger Postzeitung" — der offenbar von einem Parlamentarier herrührt — wird offen erklärt, die Bauern hielten ihr Vieh zurück. Der Artikel schließt mit den Worten: „DeS Bauern größter Feind ist der Bauer!" WaS würden Sie wohl sagen, wenn wir etne solche Behauptung aufstellen wollten! (Abg. Hilpert (bair. Sb.) ruft: Der Freisinn ist der größte Feind des Bauern!) Wenn wir nur endlich eine ordentliche Statistik über die Viehversorgung hätten! Sw verteuern dem Bauern seine Produktionsmittel. Cstese unheilvolle Dertheuerungspolitik werden wir mit allen Mitteln bekämpfen nicht nur im Interesse der Konsumenten, sondern gerade auch iin Interesse der produzirenden bäuerlichen Besitze^ (Beifall linkst
Die Abgg. Rettich (kons.) und v. Grand-Ry (Centt.) beantragen Schluß der Debatte.
Die Abstimmung über diesen Schlußanttag ift auf Antrag deS Abg. Singer (Soz.), Der von der ganzen Linken unterstützt wird, eine n a m e n t l i ch e. An der Mstimmung betheiligen sich 268 Abgeordnete, von denen 180 für 85 gegen Schluß stimmen während sich 3 der Absttmmung enthalten. Gegen den Schluß stimmen die Sozialdemottaten, die freisinnigen Parteien, die Polen und einige National-Liberale.
Der Schlußantrag ist also angenommen.
Zur Geschäftsordnung bemerkt , „ .
Abg. Dr. Müller-Sagan (freif. Vp.), daß e8 chm durch den Schlußanttag unmöglich gemacht sei. Den Abgeordneten Oldenburg und Graf Kanitz zu erwidern; er behalte sich das für etne andere
fafc vorgesehc°m) werden in Anwesenheit von
298 Abgeordneten angenommen mit 162 gegen 132 Stimmen. Der Abstimmung enthalten haben sich 4 Abgeordnete
Damit sind Die Mindestzölle erledigt.
Die entsprechenden Positionen des autonomen Tarifs für Vieh und Fleisch werden ebenfalls tn Der So m = Missionsfassung in einfacher Abstimmung a n - genommen. ..
Die Sozialdemokraten beantragen, tn Den neuen Zolltarif Die Bestimmung beS jetzigen Tarifs aufzunehmen, daß gmiz allgemein im Grenzverkehr 2 Kilogramm Fleisch 3 °1 Nach dem^neuen Tarif soll eine solche Zollfreiheit nur im Bedarfsfall vom BundeSrath angcorbnet werden können.
Der sozialdemokratische Antrag wird in n a m e n t l i ch e r A b st i m m u n g nut 190 gegen 105 Stimmen abgelehnt. Dafür stimmen nur Freisinnige, Sozialdemottaten, einige Centtumsmitglieder, einige National-Liberale, tote: Blankenhorn, Prinz S ch ö na i ch - C ar olath , Dr. En bemann, die Elsässer, Präsident Graf Ballestrem und Prinz zu Hohenlohe - Schtlltngsfurst (bet einer Stimmenthaltung).
Damit ist die neue Bestimmung des Tarifs angenommen.
Die sechs namentlichen Abstimmungen haben 3% Stunde ge- fe<1UCrgur Debatte stehen nunmehr die von Dem Abg. Frhrn. v Wangenheim vorgeschlagenen Mindestzölle für sammt- li'che landwirthschaftlichen Produkte, ca. 30 wettere sind zurückgezogen. ... .
Präsident Graf Ballesttem theilt mit, daß Abg. v. Wangenheim soeben noch einige Mindestzölle zurückgezogen habe und schlagt vor, zunächst zusammen zu debattiren über Die Positionen Äuchen- gewächse, Blumen, Blätter, CyeaSwebeln, Wemttauden und Aepfel.
An diesen Vorschlag knüpft sich etne GeschaftSord- nungSdebatte.
Abg Singer (Soz.): Ich erhebe gegen den Vorschlag des Präsidenten Widerspruch. Man Durfte nach Dem Verlauf der Debatte und nach verschiedenen Mittheilungen annehrnen, daß die Positionen deS AnttagS Wangenheim heute nicht mehr zur Diskussion gelangen. Die Diskussion ist aber von außerordentlicher Wichtigkeit, es muß uns die Möglichkeit gegeben werden, so eingehend zu diskutiren, wie wir es für nöthig erachten. Gute gemeinsame Erörterung würde die Diskusiion ungemein erschweren. Dazu kommt, daß durch den vorhin angenommenen Schlußanttag eS mehreren Antragstellern sogar unmöglich gemacht wurde, ihre Anträge zu begründen. (Hört, hört!! links.) Das nennen Sie (nach rechts) natürlich eine sachliche Berathung der Tarifvorlage (Sehr richtig! rechts.) Ziehen wir die Diskussion zusammen, so kommen die einzelnen Positionen nicht zu ihrem Recht. Es ist geradezu unmöglch, alle diese Gegenstände in einer Diskussion zu behandeln, es sei denn, daß die Redner, die dazu sprecken, über jede einzelne Position längere Ausführungen machen (Heiterkeit links) Wir können morgen mit Der Berathung der Anträge Wangenheim beginnen, aber nicht zusammengezogen, wie der Präsident es vorschlägt, sondern getrennt. Heute ist Der Retch-stag allerdings zahlreich versammelt. Sie scheinen sich jetzt Abstimmungstage einrichten zu wollen (Heiterkeit.), um — verzeihen Sie mir Den Du-druck — Alles im Ramsch zu erledigen. Sollte das Die Absicht der Mehrheit sein, so wird sie damit zur Abkürzung der Verhandlungen nicht beitragen. Die Öffentlichkeit hat von dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen erst sehr wenig erfahren. Um so mehr haben wir Die Pflicht, jetzt in der zwetten Le,ung Dem Volke die Gründe anzuführen, aus denen Sie (nach rechts) einen 1 Zoll wünschen, und aus Denen wir gegen die Zolle sind. Wollen Sie denn wirklich, obwohl wir hier öffentlich tagen, den Zolltarif unter Ausschluß der Öffentlichkeit verhandeln? (Unruhe und Lachen rechts) Wollen Sie dem Volke nicht die Möglichkeit geben, i die Ansichten seiner Ser tretet kennen zu lernen? (Erneute Unruhe rechts.) Heute haben Sie die Mchrhett, Sie werden noch
Unruhe rechts.)
Präsident Graf von Ballesttem: Ich muß meine Kollegen au8 Dem Reichstage in Schutz nehmen gegen den Vorwurf, daß sie eine Art Komplott geschmiedet hätten, um die ahnungslose Linke zu überfallen. (Heiterkeit.) Nein, diese Anttäge lagen als nächster Gegenstand der Behaiwlung feit mehreren Tagen bei meinen Reichstagsakten. DaS Präsidium mußte sie an diese Stelle bringen, denn sie gehören in den Absatz 2 des § 1.
Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Ich muß die Mehrheit des Reichstag? gegen den Vorwurf des Abg. Singer in Schutz nehmen, daß man die Linke durch den Schlußantrag rnundtodt gemacht hätte. Ich kann nicht annehmen, daß der Schluß der Debatte vorzeitig erfolgt ist, nachdem wir 3 Tage über diesen Gegenstand berathen und die Freunde des Herrn Singer drei Mal das Wort ergriffen haben. Diesen Vorwurf muß ich also zurückweisen. Dem Anttag des Herrn Singer auf Vertagung kann ich auch nicht beistimmen, ick kann nicht zugeben, daß die Herren Kollegen in den namentlichen Abstimmungen sich heute so sehr angestrengt haben (Heiterkeit), daß sie jetzt der Ruhe bedürfen. Dagegen bin ich allerdings Der Meinung, daß Herr Singer mit seinem Protest gegen Die ScrbinDung der verschiedenen Tarifstellen durchaus im Recht ist. (Hört) hört!) Ich kann nicht umhin, auch meinerseits hervorzuheben, daß ich nicht geglaubt hätte, daß eine solche Zusammenfassung stattfinden konnte. Wir sehen, daß die verschiedenarttgsten Gewächse zusammengenommen sind, die gar nicht zusammengehören. Wenn Sie die einzelnen Dinge wirklich auf die Verwandtschaft mit einander prüfen, so werden Sie mit mir Der Meinung sein, daß e5 bester ist. Die Diskussion zu theilen unD die Gewächse ander? zu gruppiren. Der Herr Präsident hat allerdings noch nicht erklärt, daß er mit den Positionen deS AnttagS Wangenheim auck Die entsprechenden Positionen des autonomen Tarifs mit behaiideln lassen wird; ich nehme aber an, daß er diese Absicht hat. (Präsident Graf Ballesttem schüttelt lächelnd den Kopf.) So, das ist etwas Anderes. Wir erfahren durch ein liebenswürdiges Kopfschütteln des Herrn Präsidenten, daß diese Absicht nicht besteht. Nun freilich könnten auch Sie von der Linken von Ihrem Widerspruch etwas nachlassen. Wenn die Tarifstellen nicht hineingezogen werden sollen, so ergiebt sich daraus, daß alle diese Posittonen nachher noch einmal an der Hand des Tarifs selbst durchberathen werden. Die Behandlung beim Antrag Wangenheim wäre also nur eine vorläufige. Tann kann ich aber Herrn von Wangenheim wirklich nur empfehlen, seine Anttäge zurückzuziehen. (Sehr, richtig! links.) Damit würde er den Verhand- lungen des Hauses einen großen Dienst erweisen und auch dem Herrn Präsidenten. Thut Herr von Wangenheim das nicht, so könnte gleichwohl die Linke sich zufrieden geben. Denn bann hat die Behandlung seines Antrages an dieser Stelle doch nur den Süm,
Donnerstag, 30. Oktober 1902
Giehener Anzeiger


