Ausgabe 
30.6.1902 Erstes Blatt
 
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Im übrigen wäre es gar öde und langweilig jcht im

ivie sich ein alter

Konrad

Küster,

neuerdings in einer UniversiLätszeitung über die

Studentische Mensuren.

Es wird gewiß manchen unserer Leser interessieren, den

Das Unkraut im Gefolge der Mensuren ist so bedeuten!), daß die Vorzüge nicht nur gedämpft, sondern sogar vollständig überwuchert werden. Die Individualität ist bei der Mensur vollständig verloren gegangen, Herdenweise werden Füchse und Burschen zur Bestimmungsmensur geschleppt. Hier müssen sie wie im Schraubstocke maschinenmäßig schlagen Weh« ihnen, wenn sie unwillkürlich mit dem Kopfe oder auch nur mit der Backe zucken. Es handelt sich um eine Dressur, nicht um Ausprägung einer Persönlichkeit. Ist jemand genügend ab ge­richtet und sicher auf der Mensur, so ist ein Älp von ihm ge­nommen. Nun fühlt er sich anderen sogar überlegen. Er sucht jetzt sogar Mensuren. Tas bisher bescheidene Wesen ver­wandelt sich häufig genug in das Gegenteil. Man ist vorlaut, schnoderig und fordert in unverschämter Weise heraus. Mit der Mensur wird ja alles wieder gut gemacht. Von einer Erziehung zu ritterlicher Gesinnung kann kaum die Rede mehr sein. Alan muß nur einmal das Gebühren der Sekundanten auf einer Mensur sehen und hören. Wer am meisten schnauzen kann, der schießt den Vogel ab. Von dem Vertreten einer edlen Gesinnung oder einer Anschauung, für die man mit dem Schläger in der Hand eintritt, von einer selbst­ständigen Abwehr gegen ein empfangenes Unrecht ist kaum noch die Rede. Tie Mensur ist zu einem Sport, zu einer Spielerei herabgesunken. Man schlägt gegen unbekannte, äleichgiltige Menschen Bestimmungsmensuren und Anerkennungsmensuren, man verabredet sogar mit dem Freunde eine Mensur. Es ist kein Ernst bei der Sache.

Auch dem Initiativantrag Haas auf Errichtung einer Landwirtschaftskammer stimmte der Land­tag zu, und diesem Projekte steht auch die Aegierung keineswegs ablehnend gegenüber, sondern nur abwartend. Am Freitag hat in Mainz eine auf An­regung des Ministeriums einberufene Ausschußsitzung des dortigen landwirtschaftlichen Vereins stattgesunden, die ein Wertvolles Material zu Tage gefördert hat. Die rhein- hessischen Landwirte wünschen u. a das direkte Wahlrecht zur Laudwirtschaftskammer. (Vgl. die Korrespondenz aus Mainz in unserer heutigen Nummer.) DieHess, landw. Zeitschrift" bringt dagegen in ihrer neuesten Nummer nur ein kritikloses Referat über den Bericht des dritten Sonderausschusses zu dieser Frage. Wir wollen hier kurz die Tendenz des Haasschen Entwurfs zusammenfassen. Die aus 36 Abgeordneten bestehende Landwirtschaftskammer be­zweckt die Schaffung einer gesetzlich geregelten Vertretung der Gesamtinteressen der hessischen Landwirtschaft. Sie soll daher das Recht haben, aus eigener Anregung Anträge hei der Regierung im Interesse der Landwirtschaft zu stellen, sich über Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung im Bereiche chres Wirkungskreises zu äußern und die von der Regierung geforderten Gutachten zu erstatten, die mit i der Förderung der Interessen des landwirtschaftlichen Be-1 rufsstandes befaßten Behörden durch Mitteilungen, Gut­achten und Anträge zu unterstützen und innerhalb chres Wirkungskreises die zur Hebung der Lage des ländlichen Grundbesitzes und des landwirtschaftlichen Betriebes dien­lichen Einrichtungen und Veranstaltungen zu treffen und zu fördern. Die Vorlage ist nach dem preußischen Muster zurechtgestutzt. Die Regierung ist der Ansicht, das preu- , ßische Gesetz passe nicht aus die süddeutschen Verhältnisse, und scheint auch den umständlichen und kostspieligen Apparat einer Landwirtschaftskammer nicht für durchaus -notwendig zu erachten angesichts der in Hessen bereits bestehenden landwirtschaftlichen Vereinigungen, die das 'Interesse des Bauernstandes wahrnehmen. Aber auch Land-I wirte selber sind diesem Projekt des Herrn Haas-Darm- stadt nicht besonders hold, zumal die Kosten durch eine neue Steuer gedeckt werden sollen. Hervorgehoben zu wer­den verdient eine Aeußerung des Abg. Weidner, der in der Landwirtschaftskarnmer nichts als eine neue Bauern­steuer zu erblicken scheint. Er sagte: die Höhe des Beitrages, den nach dem Haasschen Entwurf jeder Landwirt zu zahlen verpflichtet würde, seizwargering- fügig, doch habees der Bauer nicht gern, wenn es ans Zahlen gehe. Darum, so meint er, wäre es am besten, die Entscheidung über diese Frage dem näch sten Landtage zu überlassen, d. h. wohl, sein Wunsch ist im Grunde, die ganze Angelegenheit auf die lange Bank Ku schieben, und ad calaendas Graeeas zu vertagen. Schließ­lich fanden sich bei der Abstimmung fünf Gegner des Haas­schen Antrages. Die Regierung hatte sich an der Debatte richt beteiligt.

Das Gesetz über die H a nd e l s k a m m e r n, das deren Wirksamkeit auf das ganze Land ausdehnt und ihre Befug­nisse erweitert, gelangte ohne erhebliche Debatte zur An­nahme, einschließlich dem Wunsche Gießens, daß Berg­werksgesellschaften, die nicht die Rechte einer juristischen Person besitzen, in die Handelskammerorganisatiou als wahl­berechtigt ausgenommen werden, und einschließlich auch des WahlrechtesderFrauen, was wir durchaus billigen.

Heer und Flotte.

Die Ueberfü-hrung der Leiche des General* majors Nirrnheim, welcher, wie schon mitgeteilt, an einem Herzschlage in Wetzlar plötzlich gestorben ist, fand am Samstag Abend 8 Uhr in aller Stille nach Magde­burg statt. In der Leichenbegleitung befand sich ein Sohn des Verstorbenen, welcher Marineoffizier ist, sowie mehrere sonstige Anverwandte der Familie.

Der bei dem Untergang des Torpedobootes 8 42 auf der Elbe vom Tode ereilte Kapitänleutnant Rosen stock von Rhöneck war dazu ausersehen, den Kaiser auf seiner diesjährigen Nordlandsreise zu begleiten. R. v. Rhöneks Vater steht in Diensten des Landgrafen von Hessen-Philippsthal.

Militärdienstnachrichten. Gerstner, Geheimer Baurat, Jntend. und Baurat von der Jntend. 8. Armeeeorps und Schwenck, Jntend. und Baurat von der Jntend. 18. Armeecorps gegenseitig versetzt. Klein, Garn.-Bauinsp. zu Frankfurt a. M., zum 1. Juni 1902 als technischer Hilfs­arbeiter zur Jntend. 18. Armeeeorps versetzt. Löffler, Zahlmeister vom 3. Bat. Jnf.-Leib-Regts. Großherzogin (3. Großh. Hess.) Nr. 117, zum 2. Bat. 5. Großh. Hess. Jnf.-

Regts. Nr. 168 versetzt. Hahn, Zahlmeister, dem 2. Bat. Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 infolge Versetzung, bezw. Ernennung zugeteilt«

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 30. Juni 1902.

** Auszeichnung. Dem Uebergangsstelleverwalter und ehemaligen Ortseinnehmer Georg Adam Miß back zu Seckmauern ist das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift Für treue Dienste" verliehen worden.

** Zur Feier der 1000. Immatrikulation. Die in der Samstagsnummer ausgesprochenen Befürchtungen, daß das Waldfeft im Philosophenwald sich nur sehr geringer Beteiligung erfreuen werde, scheinen sich nicht zu verwirklichen. Es sind einschließlich der Gäste bereits nahezu 2 0 00 Teilnehmer gemeldet und die Anmeldungen gehen auch zur Zeit noch so zahlreich ein, daß, wenn das Wetter Stand hält, ein frohes, fröhliches Treiben sich draußen im Wald entwickeln wird. Es ist ja auch für Unterhaltung ge­nügend gesorgt. Vor allem konzertiert unsere Regiments- Kapelle und begleitet die gemeinsam zu singenden Lieder, zwischen denen mehrere Reden eingeschoben werden. Ferner find zwei große Tanzböden aufgeschlagen und auf einem zwecken Musikpodium wird die Kapelle Bauer zum Tanz auf­spielen. Für Speise und Trank ist reichlich gesorgt und wer besonders kulinarischen Genüssen flöhnen will, dem bietet die Leib'sche Wirtschaft dazu vollauf Gelegenheck. Von Eintritt

Aktrengesellschaft gedacht. Zu ihr soll nicht nur der Staat, sondern auch die öffentlichen Sparkassen, die Gemeinden -und öffentlichen Verbände hinzugezogen werden. Die Bank soll dem Hypothekenkreditbedürfnis, soweit nicht Meliora­tionen in Betracht kommen, und zwar nicht nur den land­wirtschaftlichen Stärrden, sondern allen Berufsarten dienen. Sie gewährt unkündbare Darlehen auf Amortisation und soll hierdurch zur Entschuldung des Landes führen. Das .Gesetz fand einstimmige Annahme, obwohl der national­liberale Abgeordnete Koch sich dagegen ausgesprochen hatte, der die Hypothekenbank für eine unliebsame Konkurrenz der Sparkassen erklärte. Alle übrigen Volksvertreter waren -dagegen mit der Regierung der Ansicht, daß dieses Gesetz wesentlich beitragen werde zur Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes und eine segensreiche Einrichtung für das Land bedeute. Angenommen wurde dann nach unwesent­licher Debatte das Gesetz über die La n d e s k r e d i t ka s s e. iEine verdienstliche Großthat haben Regierung und Kammer mit dem Gesetz betr. die Wohnungsfürsorge geleistet. Wir sprechen darüber heute in besonderem Artikel.

der Ernten in Ihren Departements genau unterrichtet zu . ^^l0en tuäre es gar öde und langweilig jetzt im sein. Schreiben Sie mir, wie gedörrte Pflaumen, die n Ä^'^bNN UUA hrn-nb ,lD.^er e\n $ u / * r e « * § o I * u n b e r b ä u m e, bie jungen Ulmen und das Unter- ÖmÄnKen'X"Äugel °15 Ä und di- Ananas-

haste Politiker und große Zeitungen führen kann, beweist der , 8U.Je.^c füllen. Ist die

Fall der Verlegung der 11. Düsseldorfer Husaren nach Kaffee-Ernte schon und wird die Schokoladenernte Krefeld. Es war doch von vornherein klar, daß der Kais ev befriedigend ausfallen? Empfehlen Sie doch unseren Bauern, die von uns mitgeteilte Anekdote von den Tänzern der die noch immer sehr zurück sind, Orchideen und Wein- 'Krefelder Iungftauen an einen militärischerseits längst ge- reben als neues Viehfutter. Sehen Sie zu, daß sie hegten Plan anknüpste, und nicht etwa, um den Dämchen ihre Mauern für die Anpflanzung von Kletterpflanzen erneu galanten Gefallen zu erweisen, Regimenter versetzte (Hafer, schwarzer Rettich, Gartensalat oder Morcheln) be- au3ein<nit>erxig. _ He Annahme met-l lulljcn. Sagen Sle ihnen, daß sie die Brnnnenkress7 nicht zu eher als sonst^wahl geschch-7'würe zur°Sp?ach« b-gichon Ä @$ie'C liebt trockenen Baden,

gekommen ist, läßt sich iroch rechfertigen. Vomp e r f ö n J 3°, aÜcm a.^er ^en zu, meine Herren, daß sie auf den 1 ichen Regiment" gerade aus diesem Anlaß zu reden ^nbau von Karotten verzichten, weil gegenwärtig auf diesem

ist denn noch mehr, als selbst in der Zeit der sauren Gurken Gebiete Ueberproduktion herrscht." Herr Mougeot las den

gestattet. Uird wenn Frhr. v. Zedlitz in dem von uns Dries noch einmal durch und sagte stolz:Geradezu groß-

auszüglich wiedergegebenen Artikel derHamb. Nachx." von artig." In diesem Augenblick trat fein Sekretär ein.Sie

bem Krefelder Husarenstreich aus auf Vie Mi l itar i si-Isehen schlecht aus, Herr Minister," sagte er.Vielleicht über* xung des preußischen Ministeriums zu sprechen kommt arbecket?" O, es ist nichts, nur etwas Phyllorera" ant- ?ui°'nmat .^hatsachc als tief betlagenswcrt wartete Herr Mougeot freundlich.

hinstellt, so rst bicjc Verschlererungspollttk denn doch zu durchsichtig, um nicht beit Kern des Lamentos erkennen1 Sv lassen Das Correlat zum Frhrn. v. Zedlitz ist die preuß Kan alvor läge, und hier kann man von einem in der. Regierung bemerkbar werdenden persönlichen Willen aller- c""" empören, den anderen erfreuen, i dings reden, wenn man sich erinnert an die Stelle im taijer- Vu rs ch ens cha fter, der Geh. Sanitätsral lichen Handschreiben an den scheidenden v. Th ielen, wo Küster, i_____L...o2 _ ll..

heißt:Ich kann es mir nicht versagen . . . Ihnen ins--j studentischen Mensuren ausgesprochen hat. Er schreibt:

»m schnell zum Ende und m die Ferien zu kommen Man I besondere für die mannhafte Art, mit der Sie jederzeit hat un Gegentell z. B. über bte Wohnungsfürsorge nicht meinen Intentionen gefolgt sind . . . den wärmsten nur viel, sondern auch gut gesprochen, und nur die letzten Dank auszusprechen." Hierdurch ist ftellich der starke Ein- Vorlagen, die die Landwrrtschaftskammer- und die Handels-1 fluß, den der Kaiser auf seine Minister auszuüben bestrebt imraneqragc betrafen, summarischer und weniger gründlich ist, .affen dokumentiert. Nun hat bekanntlich Minister

. Budde als früherer Chef der Eisenbahnverwaltung im

Ser Dienstag galt ausfchlwßllch dem Sparkassen- Großen Generalstabe seiner Zeit im preußischen Landtage gefetz, das man aisbaib erledigte. Alle Parteien waren!die Kanalvorlage vom militärischen Standpunkte aus mit inm vorn her ern der Regierungsvorlage günstig gestimmt, großer Energie verteidigt.

1U7>.. b) ,jl% stlbndiger Arbeit war das Sparkassengesetz- Trotz alles Weltmachtsdünkels kann man einem gewissen aemniDe o,vandesunter Dach und Fach" und die recht- Heroismus, den England und gerade jetzt auch sein König ereil beste geregelt, zur Schau trägt, die Anerkennung nicht versagen.

^rie.^y^ann kte Alverte Kammer den Entwurf Ed uard VU. ist schwer krank und vor allem: er ist schon betreffenb bte ^^chlung emer hessischen Pfandbrief- länger schwer krank und hat große Schmerzen und die immer ?n ^ovm jriner | roeiter um sich greifende gefährliche Krankheit mit Stand- """" " ~ Hastigkeit abzuwehren versucht, um die Krönungsfeierlich­

keiten nicht zu stören, bis ihn die Kräfte verllepen und er aufs Krankenlager sank, von dem er sich bis jetzt nicht wieder erhoben hat und auf das er voraussichtlich lange noch gefesselt sein wird. Die amtlichen Krankyeitsberichte lauten seit ein paar Tagen günstiger. Es bestätigt sich, daß der König wieder lesen und hier und da eine Cigarette rauchen darf, doch wird ihm dies hauptsächlich gestattet, um zur Verhütung einer nervösen Depression in ihm selbst feine zu ernsten Vorstellungen seines Zustandes aufkommen

zu lassen. Der Wnig sieht fortgesetzt seine nächsten Ver­wandten um sich Es wird jetzt zuversichtlich mit der Mög­lichkeit einer Krönungsfeier in kleinerem Maßstabs im Frühherb ft gesprochen. Es ist natürlich noch viel zu früh, um mit Zuversicht sprechen zu dürfen, aber in Anbetracht aller Umstände scheinen die besten Hoff- Inungen gerechtfertigt. Wie aus der Abwesenheit aller beunruhigenden Symptome hervorgeht, sind keinerlei skep­tische Erscheinungen eingetreten. Die Aerzte konstatierten keinerlei Unterbrechung in dem vorzüglichen Fortschritt der I Besserung, aber die volle Zeit muß erst vergehen, ehe sie das Fortfällen jeder gefährlichen Komplikation proklamieren können. Dieser Ausspruch ist heute (Montag) zu enuarten.

Wie nur die frommen Buren die Londoner Kunde aus­genommen haben mögen! Ohne den Kausalnexus anzuer- kennen, muß man doch sagen, daß die Tragödie in Süd­afrika ein ungeahnter zweiter Teil folgte. Der König, mit dessen Willen und Zustimmung tausende von Menschen ihr Leben auf dem Schlachtfelde lassen mußten ober auf dem Krankenbette an Kummer und Entbehrungen dahinsiechten, I weiß es schließlich durchzusetzen, daß an seinem höchsten Ehrentage die Sonne des Friedens über seinen Ländern scheint. Bedenkt man bie verhältnismäßig geringe Machet, die Englands Herrscher gegenüber der Macht eines Cham­berlains und seines Parlaments besitzt, so kann man leicht ermessen, daß fein Wille, durch, günstige Bedingungen die Buren zum Frieden zu bewegen, auf harten Widerstand ge­stoßen ist. Und nun, nachdem sein berechtigter Wunsch er- füllt, England und die Völker seiner Kolonien zur Huldi­gung in die Hauptstadt geeilt sind, die Fürsten der fremden Höfe dem Ruse zur Teilnahme an dem glänzenden Feste folgten., sinkt der König selber aufs fcEjroerfte getroffen darnieder! Der materielle Schaden, den London durch den Aufschub der Krönung erleidet, wird auf Millionen ge­schätzt. All die Vorbereitungen vergebens! Die Fürsten und Fremden verlassen eilends das Land, die halbsertigen Dekorattvnen werden hemntergerissen, die massenhaften Zu­fuhren von Lebensmitteln liegen unberührt und verderben: wahrlich, eine deprimierende Stimmung muß die Eng­länder überfallen! Zu diesem wenig beneidenswerten Ge­fühl kommt noch das Unbehagen über die Ungewißheit des Zustandes des Königs. Kurz, man kann ihnen und ihrem Oberhaupte dies-mal eine Regung sympathischen Mitem­pfindens nicht versagen, und dies wäre sicher noch stärker, wenn wir annehmen könnten, daß die brittsch-maßlose Arroganz durch solche belehrenden Unglücksfälle auf jenes natürliche Selbstbewußtsein zurückgeführt würde , das einem starken Volke ziemt und ihm gut zu Gesicht steht. Mit solcher Hoffnung hat's aber, wie mit mancher ähnlichen, wohl nochi gute Weil'.

Politische Tagesschau.

Ein sachkundiger Landwirtfchaftsmiuister.

Der neue französische Üandwirtschaftsmmister war, ebenso wie der preußische Landwittschaftsminister, vorher Minister des Post- und Telegraphenwesens. Während aber Herr o. Podbielski mit der Landwirtschaft, als seinem eigenen Ge­biete, vertraut war, soll der französische Minister, Mougeot, wie die Humoristen in der Pariser Presse sagen, von der Landwirtschaft auch nicht den blassen Schimmer einer Ahnung haben; er ist denn auch dem Schicksal nicht entgangen, daß sich die Presse über ihn luftig macht. DerFigaro" läßt Herrn Mougeot folgendes Rundschreiben an die Pro­fessoren der Landwirtschaft richten: Meine Herren! Mein Vorgänger hat sich durch die Verwettung des Alkohols im Automobilwesen populär gemacht. Ich meine, daß er zu exklusiv gewesen ist, und lenke Ihre Aufmerksamkeit auf die Benutzung des Nußöls und des Johannisbeerweins zu demselben Zwecke. Außerdem wünsche ich, über den Stand

Deutscher Kolonialrat.

ii.

Berlin, 28. Juni.

In der heutigen Vormittagssitzung des Kolonialrates wurde die Etatsbesprechung über Samoa erledigt. Eine 2(nfrage des Geheimrats Simon, betreffend das Verhalten der englischen Missionsgesellschasten in Samoa wurde vom Gouoerner Solf dahin beantwortet, die englischen Missionare feien feit der Flaggenhissung eifrig bemüht, sich den deutschen Verhältnissen anzupassen. Auf eine Auflage sagt die Regierung zu, gegenüber der Gefahr der Einschleppung von Schädlingen für den Kakaobau Schutzmaßregeln zu ermöglichen. Auf eine Anfrage des Konsuls Vohsen wurde geantwortet, die Mittel für die Unterhaltung der Deutschen würden im nächsten Jahre auf den Etat gebracht, auch der Ausbildung der Ein­geborenen in der deutschen Sprache durch die Missionsschulen werde Rechnung getragen werden. Bezüglich der nach dem Innern einzuführenden Arbecker wurden die Vorzüge ja­vanischer und chinesischer Arbeiter eröttert. Bei der Besprechung der Etats der Karolinen, der Palau- Inseln und der Marianen wurde gewünscht, den Gou­verneuren bessere Bereisung und Kontrolle ihrer Gebiete zu ermöglichen, indem ihnen Seefahrzeuge zur Verfügung ge­stellt würden. Nach Erledigung der Etatsbesprechung be­schäftigte sich der Kolonialrat mit der Vorlage betreffend die Errichtung von Versuchsgärten in den tropischen Kolonien. Ein darauf gerichteter Anttag Viktor wurde einstimmig angenommen. Es folgte die Vorlage betreffend die Ausbildung eines eigenen Beamten st andes für die Kolonien, wobei der Vorsitzende erklärte, die Kolo­nialverwaltung halte die Zeck «für gekommen, mit der Aus­bildung eines eigenen Beamtenstandes einen Versuch zu machen und die Grundzüge zu erörtern, wonach die Auswahl und Ausbildung zu erfolgen hätte. Der Kolonialrat stimmte der Vorlage im Ganzen bei. Ein Beschlußantrag des Geh. Regierungsrats Frhrn. v. Pucher, der obigen Standpunkt des Kolonialrats zum Ausdruck brachte, wurde einstimmig ange­nommen. Schließlich kam die Vorlage betr. die Satzungen für die deutschen Kolonial-Gesellschaften zur Sprache, die einer Kommission von 5 Mitgliedern überwiesen wurde. Da­mit ist die Tagung beendet.