Ausgabe 
30.5.1902 Zweites Blatt
 
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Deutsch-Oth angetragen hat. Danach wurde der Luxem­burgische Staatsangehörige Goury aus Villerupt bei dem Versuche, die französische Grenze auf Umwegen zu überschreiten, wahrscheinlich um Schmuggel zu treiben, von den französischen Grenzwächtern auf deutschem Boden feftgenonunen und mißhandelt, am folgenden Tage aber gegen 500 Fr. Kaution freigelasien. Das Amtsgericht zu Sieben* Hofen nahm gestern den Thatbesland an Ort und Stelle auf.

Anstand.

Loudon, 29. Mai7 Die heutigen Morgenblätter ent­halten eine Meldung aus Petersburg, die im Zareu- palaste zu Zarskoje Selo angestellte Spezialpolizei habe am Montag eine junge Frau verhaftet, bei der man in einem Handtuch versteckt eine Höllenmaschine ge­sunden habe. Tie Persönlichkeit der Frau sei noch nicht sestgestellt. Tie Beamten beobachteten in der Angelegen­heit strengstes Schweigen.

London, 29. Mai. (Unterhaus.) Bei Beratung des Kredits für Flottenbauten erklärt Parlarnentssekr^äv der Admiralität Arnold Forster: Seit April 1901 seien 35 Schisse fertiggestellt. Gegenwärtig seien 75 Schiffe, dar­unter 14 Schlachtschiffe und 24 Panzerkreuzer im Lau. England verwende neun Millionen Pfund allein auf Neubauten für die Flotte, während das ganze beutle Marinebudget sich auf zehn, das französische aus 12 Millionen Pfund be­läuft. Tie Admiralität sei entschlossen, das Tempo der Schisssbauten nicht herabgehen zu lassen und das ausgestellte Flottenprogramm durchzusühren. In der Ueberwindung der Verzögerung, die im Schiffsbaubetrieb und der Beschaff­ung von Panzermaterial eingetreten sei, seien befriedigende Fortschritte gemacht worden.

Paris, 2d. Mai. Tie Exkönigin Natalie von Serbien soll ihr gesamtes Vermögen einem fran­zösischen Kloster vermacht haben. Diese Nachricht habe in Serbien Erbitterung hervorgerufen, da man all­gemein annahm, daß das Millionen betragende Vermögen der Königin nach Serbien kommen werde. Serbische Blätter sagen, es wäre Pflicht der Exkönigin gewesen, ihr Ver- mögen dem Staate zu hinterlassen.

Alls Stadt und Land.

Gießen, den 30. Mai 1902.

Parlamentarisches. Wie eingeweihte Kreise wissen wollen, ist der Landtagsschluß für den 21. Juni vor­gesehen, da der Großherzog zu den am 25. in London beginnenden Krünungsfeierlichkeiten abreisen wird und vorher den 31. Landtag zu schließen beabsichtigt. Gestern tagte der 4. Ausschuß unter Vorsitz des Abg. Zinßer.

* * Ordensverleihungen. Der Großherzog hat dem Stabs­auditeur a. D. Justizrat Schenck, seither Mitglied der Militär-Witwen- und Waisen-Kommission, die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse und dem Rittmeister a. D. Suer- mondt, seither im 2. Großh. Dragoner-Regiment (Leib- Drag.-Regt.) Nr. 24, das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienst­ordens Philipps des Großmütigen verliehen. Dem Frhrn. Heyl zu Herrnsheim wurde vom Großherzog von Baden das Kommandeurkreuz 1. Klasse mit dem Stern des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen. Der Kaiser hat dem Hauptmann z. D. Blecken v. Schmeling, Bezirksoffizier beim Landwehrbezirk Siegen, die Erlaubnis zur Anlegung des demselben verliehenen Ritterkreuzes 1. Klasse des Ver­dienstordens Philipps des Großmütigen erteilt.

* * Ernennungen. Ernannt wurde der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Siet) Kloos zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Bingen mit Wirkung vom Tage des Dienst­antritts seines Nachfolgers an und der Oberfahnenschmied im 2. Großh. Dragoner-Regiment (Leib-Dragoner-Regiment) Nr. 24 zu Darmstadt H o ck zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Lorsch mit Wirkung vom Tage seines Dienst­antritts an.

* * Oberhofpredigcr P. Bender. Gestern nachmittag wurde der verstorbene Oberhofprediger D. Bender unter sehr zahl­reicher Teilnahme von Leidtragenden in Darmstadt zur letzten Ruhe bestattet. Der Einsegnung im Trauerhause durch Hofprediger Ehrhardt ivohnten der Großherzog und Graf und die Gräftn zu Erbach-Schönberg bei, welch letztere noch längere Zeit nach der Einsegnung im Trauerhause ver­blieben. Dem Leichen,vagen mit dem von Kränzen und Blumen bedeckten Sarge folgten außer den. Angehörigen re. Vertreter der Geistlichkeit und die Diakonissen des Elisabethen- stiftes. Auf dem Friedhöfe hatte sich eine große Zahl von Leidtragenden eingefunden, welche dem Verstorbenen das letzte Geleit gaben.

* * Die theologische Konferenz, die gestern in Steins Garten tagte, war and dem ganzen Konferenzgebiet, das das Großherzogtum Hessen, die Provinz Hessen-Nassau und den Kreis Wetzlar umfaßt, sehr gut besucht. Die manchmal ge­hegten Besorgnisse, als ob ihre Zeit vorüber sei, war damit glänzend widerlegt. Allerdings standen auch ungemein in­teressante Themata auf der Tagesordnung, und die Er­wartungen, mit denen die Konferenzteilnehmer hierher ge­kommen waren, wurden nicht enttäuscht. Zuerst bok Prof. D. Budde aus Marburg ein sehr instruktives und anregen­des Referat über den Stand der Frage:Das Alte Testament und die Ausgrabungen". Diese Frage aus einem der großen Oeffentlichkeit sonst ferner liegenden Gebiet hat neuerdings infolge des von Prof. Fr. Delitzsch in Berlin vor dem Kaiser gehaltenen VortragsBibel und Babel" weitere Kreise zu bewegen begonnen. Der Referent hatte es sich weniger zur Aufgabe gesetzt, ein Bild von dem Stand der Ausgrabungsarbeiten und ihrer Ergebnisse zu entwerfen, als oielmchr den Kreis dessen, was besonnene Forschung als sicheres Resultat betreffs der Abhängigkeit der biblischen Ge­dankenwelt von der babylonischen anzuerkennen vermag, sorg­fältig abzugrenzen, von allzu weitgehenden Erwartungen m dieser Richtung zu warnen und die Linien aufzuweisen, auf denen sich die Forschung zu bewegen hat, wenn sie, aller­dings auf viel weniger einfacher Weise, als es der oberfläch- lichen Betrachtung erscheint, zu gesicherten Ergebnissen für die Religionswissenschaft kommen könne. Geradezu glänzend war der zwecke Vortrag, den Pfarrer Ino. Eck aus Offenbach a. M. überGoethes religiös-sittliche Anschauung in b er Zeit seines Alters" hielt. In überaus geistvoller Weise und fesselnder Diktion sprach der Redner völlig frei eiroa l1/, Stunden lang über sein Thema. Nicht denalten" Goethe führte er vor, sondern den in seiner Lebensan­

schauung gereiften Mann, der sich durch die französische Re­volution in seinem in Italien gefaßten Lebensideal einer ruhigen humanistischen Bildung" bedroht sieht, sich aber im Unterschied von dem alten Erasmus, der sich vor dem An­sturm der Reformation in seine Studierstube flüchtet, nicht gegen die andrmgende neue Zeit abschließt, sondern von ihren Forderungen den Ausgang zu einer folgenreichen Weiter­entwicklung feiner eigenen Lebensauffassung nimmt, deren Bild vor allem in Wilhelm Meisters Wavderjahren und im zweiten Teil des Faust erkennbar ist. In geistvoller Weise schilderte der Referent diese Entwicklung nach ihren ver­schiedenen Stufen: das wachsende Verständnis Goethes für sittliche Fundamentierung der Bildung, die Auffassung des Sittlichen vor allem als hilfreiche, soziale That, die Erkennt­nis, daß die auseinander treibenden Kräfte ein einigendes Gegengewicht bedürfen, und die Entdeckung dieses Gegen­gewichts in derPietät", der Ehrfurcht, die das Wesen der Religion ausmacht, und die sich in der Ehrfurcht vor dem, wasunter uns ist", d. h. den Leiden und Widrigkeiten des Lebens und in der sie kraftvoll übemmtbenbenGebulb" nach bem Vorbckb Christi, vollenbe. So sei Goethe in seinem innersten Denken unb Fühlen christlich bestimmt unb ein Führer unb Bahnbrecher auf bem Weg echt christlicher Lebens- bilbung. Es barf nicht verhehlt werben, baß bie Darstellung des Referenten neben ber ihm von Professor Bubbe gespen- beten begeisterten Zustimmung aus der Versammlung auch gewichtigen Widerspruch sand, als ob er in Goethe zu viel hinein getragen habe. Diese geistvoll aus seinen Schriften lönstrilierte Entivicklung können doch den Eindruck nicht verwischen, als ob Goethe sich, wie den vaterländischen, so auch den religiösen Dingen gegenüber vornehm zurückhaltend gestellt habe. So berechtigt diese Einivendungen auch sein mögen, so können sie den tiefen Eindruck des Gehörten nicht verwischen, baß burch- Vertiefung in Goethe noch viel für Gewinnung einer christlichen Lebensanschauung zu erstreben ist.

* * Einbruchsdieb stähle. In ber Nacht vom 28. zum 29. wurde in einem hiesigen Chokolabengeschäft ein­gebrochen und ein kleiner Geldbetrag aus der Ladenkasse sowie Ehololade und Zuckersachen entwendet. Dietrich und Schlüssel hatten die Diebe an dem Thatort zurückgelassen. Das Merkwürdigste bei der Sache ist, daß sie den größten Teil des Geldes in der klaffe unberührt ließen. Ein zweiter Einbruch wurde heute nacht in den Comptoirräumen eines hiesigen Geschästes verübt, wo die Diebe sämtliche Pulte und Tischschubladen erbrachen. Es siel ihnen ein Geld­betrag und Zigarren in die Hände. Bewohner des Hauses, welche ourch das Geräusch aufmertjam wurden, benach­richtigten, nachdem sich die Diebe entfernt hatten, die Polizei, ber es gelang, bie Einbrecher in ber Person eines hiesigen berüchtigten jungen Menschen, der erst kürzlich wegen Ein- bruchsbiebstahls eine Gefängnisstrase verbüßt har, sowie eines von auswärts Stammenben am hiesigen Bahnhofe festzunehmen.

* Jus Wafser gefallen. Gestern abend gegen halb 7 Uhr siel in ber Ostanlage hinter bem Garnisonlazaret ein vier Jahre alter Junge m den Schoorgraben. Er wurde etwa 140 Schritte im Wasser fortgetrieben. Zwei bie Ostanlage passierenbe Arbeiter wurden auf das Geschrei des sechs Jahre alten Schwesterchens des Jungen hin, das diesen begleitet hatte, aufmerksam. Einer von ihnen durchwatete die ganze überwölbte Strecke des Schoorgrabens, woraus sie den Knaben, der bereits bewußtlos war, aus dem Wasser zogen unb ihn alsbalb in ärztliche Behanblung brachten. Der Junge bürste mit bem Schrecken baoonfommen. Die Stelle, wo er in ben Schoorgraben siel, ist vollstänbig cingefriebigt.

L. Darmstadt, 29. Mai. Der Großherzog kam heute nachmittag 3 Uhr 28 Min. von Schloß Wolfsgarten hier an unb fuhr, nachbem er der Einsegnung der Leiche des Ober- hospredigers 1). Bender beigewohnt hatte, 5 Uhr 28 Min. über Bensheim zur Jagd nach Lorsch a. d. B., von wo er erst morgen abend zurückkehren wird. Der Oberstallmeister Kammerherr v. Riedesel ist gestern nachmittag nach Coburg abgereist. Man bringt diese Reise mit einem voraussichtlich in 14 Tagen erfolgenden Besuch ber Prinzessin Elisabeth in Darmstadt in Zusammenhang. Die seit zwei Jahren am hiesigen Hoftheater engagierte Primadonna Frau H. geht mit ber Absicht um, sich von ihrem Manne, ber Schriftsteller ist, wegen gegenseitiger unüberwindlicher Abneigung scheiden zu lassen. Die vorbereitenden Schritte sollen bereits gethan sein. Man bringt ihre Beziehungen zu einem hiesigen Arzte damit in Verbindung. Der 42 Jahre alte Schuhmacher- meister Nik. Hübner, ein Witwer, wurde gestern unter bem Verbucht der Notzucht, begangen an ber eigenen 15 Jahre alten Tochter, verhaftet. Die Stadtverordneten-Versamm- lung bewilligte gestern für ben Umbau ber Anlage ber Stadt- abwässer, Anlegung von Klärbecken :c. 84 000 Mk.

Darmstadt, 29. Mai. Die hiesigen Papier- unb Schreibwarenhändler beschlossen, während der Sommer­monate, vom 1. Juni bis 1. September, Sonntags bie Läben zu schließen.

Worms, 29. Mai. Die hiesige Polizeiverwaltung bittet um Festnahme des flüchtigen Fabrikanten Sinsheimer, der bekanntlich Wechselfälschungen in Höhe von mehr als 200 000 Mk. begangen hat. Sinsheimer ist am 28. März 1856 in Bürstadt, Kreis Bensheim, geboren, etwa 1,70 Mir. groß, hat schwarzes, glattgescheiteltes Haar und schwarzen Schnurr- und Spitzbart.

fc Frankfurt a. M., 29. Mai. Hier wurden heute mehrere Personen vom Hitzschlag getroffen.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Oberstleutnant a. D. Ernst Friese ist in Darmstadt im 58. Lebensjahre gestorben.

Vermischtes.

* Berlin, 29. Mai. Die beiden Einbrecher, die kürzlich aus der Himmelfahrtskirche mehrere von der Kaiserin gestiftete Tauf- und Abendmahlsgeschenke stahlen, sind dingfest gemacht. Die Verhaftung erfolgte in dem Augenblick, als sie das cingeschmolzenc Edelmetall verschärfen wollten. Einer ber Verhafteten, Kutscher Ull­rich, war ftüher Missionsschüler. Er hatte sich den Kirchen­raub zur Spezialiität gemacht.

Paris, 29. Mai. Gestern abend entlud sich über ber Stadt ein heftiges öe mitt er , verbunden mit Wolken­bruch.

* Paris, 29. Mai. Wie der Gouverneur von Mar­tinique in einem Telegramm aus Fort de France vom 23. Mai meldet, begab sich die von der Regierung entsandte

Abordnung nach Guadeloupe, um seskzusteti.en, ov'vrese zur Ausnahme einer bestimmten Anzahl Einwohner von Martinique geeignet ist. Kontreadmiral Ser van teilte dem Marineminister mit, daß der italienische KreuzerCa­labria" in Fort de France angekommen sei. Der Kreuzer ist von seiner Regierung entsandt, um bei der Uebersührung der Bewohner behilflich zu sein. Die vom Ministerium ber Kolonien eröffnete Subskription für die Opfer der Katastrophe ergab dis jetzt über P/2 M illioney Francs.

Budapest, 29. Mai. Der Wien-Budapester Eil zu g ist bei. der Station Scob auf einen anderen Zug aufgesahren. Tie Maschine des Eilzuges sowie vier Wagen des Vorderzuges wurden zertrümmert. Tie Reisen­den kamen mit dem bloßen Schrecken davon.

* Automobilfahrt P ar is-W i e n. Wie das55. T." aus Paris meldet, ist die Automobilfahrt Paris-Wien Heute früh durch Verfügung des Minister-Präsidenten Wal­deck-Rousseau genehmigt worden.

* Ein Zweikampf vor 200 Jahren. Am 15. MaL vor 200 Jahren fand bei Sinken au unweit Leipzig ein Duell statt, das den Beweis liefert, wie regellos damals, ohne Sekundanten, ohne Unparteiische, ohne vorherige Fest­stellung der Anzahl der auszutauschenden Schüsse, ein solcher Kampf auf Tod und Leben vor sich ging. Der eine der Duellanten, ein in polnischen Diensten stehender französischer Hauptmann, hatte sich verschossen und wollte mit dem Degen auf seinen Gegner losgehen, dieser aber, ein Leutnant von Schaurodt, schoß ihn einfach über den Hausen. Kein Wunder, wenn gegen solche rohe Aus­schreitungen die sächsische Regierung mit den strengsten Strasen vorging. Tie Mandate vom 30. Juni 1653, 14. Juli 1659, 22. Juni 1661, 19. Juli und 20. September 1665, 5. Oktober 1670, 14. Juli 1672, 3. März 1677, 15. April 1706, 2. Juli 1712, 4., 7. und 10. Märiz 1716, 3. Februar,- 30. Juni und 2. August 1717 und 19. Februar 1721, dazu die Verbote des unbefugten Degentragens vom 15. April 1706, 3. Juli 1712 und 29. August 1719 gehen zwar energisch, aber doch mit nicht großem Ersolge gegenalle Verbal- und Real-Injurien, Schlägerei, Ausfordern, Raufen, Balgen und Duellieren" vor, bestrafen die Uebertreteran Leib, Gut und Blut", belegen auch dieBeschicksleute^ (Sekundanten) und das bloße Herausfordern mit Strafe, lassen den im Duell gefallenen Edelmann ohne Sang und Klang auf ungeweihtem Boden bestatten, den Bürger­lichen aber durch den Nachrichter wegschleifen und an den Galgen henken, seinem bürgerlichen Gegner die rechte Hand abhauen und ihn selbst aushenken, dem Adligen den Degen zerbrechen und ihn selbst enthaupten, schreiben bei Beleidigungen die Form der össentlichen Abbitte unb Ehrenerklärung vor, nehmen den Verwandten der Du­ellanten, wenn sie um das Duell gewußt, die Hälfte ihres Vermögens weg, belegen die Bedienten, die die Waffen auf den Kampfplatz getragen, mit 12 jähriger Festungsbau-Arbeit usw. und konnten doch nichts ans- richten gegen dieses tief eingewurzelte Uebel.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Die Festnummer desGieß. Anz." aus Anlaß der Im­matrikulation des lOOOften Studenten an der Landes-Universität, als deren Verfasser sich ein HerrBr. zeichnet, enthält euren Ad-- schnitt über die Stellung der Veterinär = Medizin an unserer Uni­versität, gegen welchen ich hiermit als Dekan ber vereinigten medi­zinischen Fakultät Protest erhebe. Zunächst wurde durch verschiedene Umftänbe (Ankündigung ber Verteilung burch ben Hausverwalter bes Kollegiengebäubes, Bezeichnung alsFestnrunmer" re.) der An­schein erweckt, als ob es sich um eine von ben Universitätsbehörden ausgehende ober wenigstens genehmigte Veranstaltung handele. Diese Annahme ist nach den mir vom Rektorat aus Anfrage ge­machten Mitteillingen völlig falsch. Es handelt sich lediglich um eine sachlich größtenteils unrichtige Meinung eines Einzelnen, deren Aussprache, zudein in einer sogenannten Festnummer, völlig un- angebracht erscheint.

Die Reorganisation des veterinär-medizinischen Unterrichts an ber Landes - Universität, bei welcher ein veterinär-medi­zinisches Kollegium an die medizinische Fakultät unter Bildung der vereinigten medizinischen Fakultät ungegliedert wurde, ist das gemeinsanre Wett ber mebizinischen Fakultät und der neu berufenen Professoren ber Veterinär-Medizin, nicht minder aber bes gesamten Senates ber Landes-Universität, von welchem die betreffenden Vorschläge ber Fakultät gebilligt worden sind, und in ausschlaggebender Instanz ber Großh. Regierung unter Zu­stimmung ber Landstände zu den erforderlichen Ausgaben.

Diese Reorganisation wäre auch dann sachlich nötig ge­wesen, wenn ein Zuwachs an it id) t hessischen Studierenden derV e l e r i n ä r -M ed i z i n überhaupt nicht 8 u erwarten gewesen wäre. Wenn diese in den letzten Semestern in so großer Zahl nach Gießen gekommen sind, so beweist dies nur, baß bie geschaffenen Einrichtungen bezw. die sie repräsentierenden Personen'selbst bet den z. Z. noch gestehenden bescheidenen Instituts-Verhältnissen im Stande sind, Studierende anzuziehem Die Aeußerung,warum gerade das kleine hessische Land berufen setn soll, selbstlos die Ausbildung der Veterinäre für einen großen Teil Deutschlands zu übernehmen", ist bei dieser Sach­lage als unbegränbet zu bezeichnen.

Den Studiereitden der Veterinär-Medizin zur Feier des 1000. Studenten, dessen rasches Erscheinen zum Teil, aber durch­aus nid)! allein durch diesen Zuzug bedingt ist, ben Mangel des Gymnasialreifezeugnisses, tueid)er bei fast/i ber Veterinär-Medizin-Studierenben vorliegt, vorzuwerfen, ist eine Handlung, deren Beurtetlung der Oeffentlichkeit anheim gegeben wird. Dabet ist zu betonen, daß die bestehenden Bestimmungen für dieses Fad) die Maturität n i d) t vorschreiben unb baß tr 0 tz- bem über 7. ber Stubierenden diese besitzt, daß ferner gerade von den Veterinär-Medizinern die aleid)en Vorbedingungen für ihr Fach- Studium angestrebt löcrben (Abgangszeugnis eines Gymnasiums oder Real-Gy m n asiums), wie sie für das Studium der Mensd)en°Heilkunde und andere Fächer bestehest. Es handell sich hierbei um eine vermutlich bald gelöste Frage, weld)e fd)on den Reichstag beschäftigt hat und 5. Z. auf Antrag der bayerischen Re­gierung dem Bundesrat vorliegt.

Es rst zu wünschen, daß die öffentliche Meinung diese ganze Sachlage im Auge behält und sich durch eilten derartigen Angriff mit der ungerechtfertigten Wetidung gegen die durch die Jm- matrikulatioit eo ipso gegebene (Meid)bered)tigung aUejr Studierenden nicht in einer Weise beeinflussen läßt, welche der Stellung und dem Attsbaii der Veterinär-Alediziit an der Landes- Universität und nicht minder der Universität als Ganzem nur schäd­lich sein kann. Prof. Dr. Sommer.

Um etwaigen irrtümlichen Vermutungen zu begegnen, sehen wir iin§ veranlaßt, un Anschluß an d:e obigen Ausführungen des Herrn Dekans der hiesigen medizinischen Fakultät zu er­klären, daß wir sowohl der Absaffung als dem Juhalte der als Festnummer" bezeichneten Beilage zu Nr. 119 desGieß. Anz." völlig fernstehen Die Redaktion desGieß. Anz."

Gerichtssaal.

w Gießeu, 30. Mai. Tie von beut früheren Rebatteur bet Deutschen Volksmacht", Reuther- Offenbach, gegen das Urteil