Ausgabe 
29.12.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 304

«rschei ««glich «mH« Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Üeffischtn Landwirt die Siebener Familien. Hattet viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der BrÜhl'schen Untvers.-Buch- u.Stein- druckeret (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Vchulstrahe 7.

Adresse für Depeschen: Hnzeiger Siehe«.

tzernsprkchanschluß Nr. Kl.

Montag AV.Dezember 1908

158. Jahrgang

Zweites Blatt.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen

vezugSPretSr monatlich7bPf., viertel^, jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2 viertel- jährl. mrsschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen lür die Tagesnummeo bis vormittags 10 Uhr, ZeilenpreiS: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für, den polit. u. aNgem. Teik t.V.: Fr.Hannemann; MrStadt u. Land* und .Gerichtdsaal*: Eurt Plato; für den An- zeigenteil: Hans 93 ed?J

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Sie heutige Yummer umfaßt 10 Seiten.

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KeKaimtmachung.

Zur Verhütung von Ruhestörungen und Unglücksfällen während der ReujahrSnacht und am Neujahrstage bringen wir in Erinnerung, daß das Schießen, sowie das Abbrennen von Feuerwerkskörpern inner­halb der Straßen und Hofraiten der Stadt ver­boten ist. Zuwiderhandlungen sind in § 367 und § 368 des Reichsstrafgesetzbuchs mit Geld- oder Haftstrafe bedroht. Auch tritt Wegnahme der Schußwaffe ein.

Gleichzeitig machen wir die Händler mit explo­siven Stoffen, Feuerwerkskörpern rc. darauf auf­merksam, daß das Abgeben solcher Stoffe an Personen, von welchen ein Mißbrauch zu befürchten ist, insbesondere an alle Personen unter 16 Jahren verboten ist (Verordnung für da3 Großherzogtum Heffen, betr. den Ver­kehr mit Sprengstoffen vom 21. Dezember 1893, § 26) und daß Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschrift nach § 367 des Reichsstrafgesetzbuchs mit Geldstrafe bis zu IbOMk. oder mit Haft bestraft werden.

Gießen, den 29. Dezember 1902, Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Allerlei Iiuanzpolitisches aus Kessen. IL

R. B. Darmstadt, 28. Dez.

Ten Löwenanteil der Anforderungen an die Staats­mittel stellt naturgemäß das Ministerium deS Innern. Die Einnahmen sind hier gegen das Voriabr um 217 020 Mk. gefallen, die Ausgaben dagegen um 21ö 861 Mk. gestiegen, was eine Differenz von über 430 000 Mk. ergiebt. Ins­gesamt belaufen sich die Einnahmen auf 4 519 477 Mk., die Ausgaben dagegen auf 15126 899 Mk. Eine recht empfind­liche Mehrausgabe bildet hier die Steigerung des Zuschuß­bedarfs für die Gendarmerie um 60700 Mk., die im neuen Etat insgesamt 530 200 Mk. erfordert und die Er­höhung der Beitrüge zu den Polizeikosten der Ge­meinden um 49 000 Mk. beides Folgen des in der jüngsten Session beschlossenen Gesetzes über die Besoldung der Gendarmen und Polizeikosten. Diese fast 110 000 Mk. dauernden Mehrausgaben sind wiederum ein Beweis dafür, wie fühlbar sich jede Veränderung von Gehaltssätzen für größere Beamtenrategorien im Haushaltsetat äußert und wie vorsichtig man daher in der Bewilligung solcher Wünsche zu Werke gehen muß.

Die Gesamtposten für die Landesuntversität und die Technische Hochschule weisen gegen das Vorjahr nur unerhebliche Abweichungen auf. Tie Mehreinnahmen, welche die Universität im nächsten Jahre an Studiengeldern u. s. w. abwersen dürste, wird reichlich durch höhere Aus­gaben ausgewogen, sodaß sich der Gesamtubschluß um 8000 Mark ungünstiger stellt, als im Vorjahr. Der Etat der Technischen Hochschule weist sowohl eine Steigerung der Einnahmen, wie der Ausgaben aus, die sich beide auf zirka 38 000 Mark belaufen.

Recht erheblich sind die Ausgaben in der Etatsposition Gymnasien, Oberrealschulen rc. gestiegen. Sie beziffern sich im neuen Etat aus 908 707 Mk., oder im ganzen um 82000 Mark mehr, wovon allein 13 500 Mark als Mehr­kosten für die Trennung des Offenbacher Gymnasiums von der dortigen Oberrealschule angesetzt sind.

Für die V o l k s s ch u t e n ist der Mehrbedarf gegen das Vorjahr noch wesentlich höher, er beträgt 104 500 Mk.; die Gesamtausgabe für diese Position erfordert 2 078100 Mk. Als Folge des Volksschullehrergehalts-Gesetzes und der Ver­mehrung der Lehrerstellen sind 70 000 Mk. als Zuschüsse für die bedürftigen Gemeinden angesetzt, daneben wurde der Fonds für die Schulhausbauten bedürftiger Gemeinden um 20000 Mk. erhöht, auch noch ein Dispositionsfonds in Höhe von 10 000 Mk. für Zulagen an Lehrer in ungünstig gelegenen Orten angesetzt. Von Interesse ist hier, daß für die vom Landtag wiederholt geforderte Uebernahme der Kosten des Fortbildungsschulwesens durch den Staat ein Etastposten nicht vorgesehen ist, eine solche also vorläufig nicht beabsichtigt zu sein scheint. ..

Ten Wünschen der Kammer hinsichtlich der Beer- stellung der 5) o f m u s i k - M i t g l i e d e r ist im neuen Etat insofern Rechnung getragen worden, als eine Anforderung von 12100 Mk. für nicht penfwnSsährge Tienpalters-Zu- laaen eingestellt wurde. Es erscheint uns einigermaßen fraalich, ob dieser Posten nicht vei der Kammerberatung eine Abänderung re,p. Verschiebung erfahren wird, da es lick bier nicht um Staatsbeamte, sondern um Hofbeamte bandelt In der Begründung dieser Forderung wird ge­sagt daß diese Zulagen nur ]o lange aus der Staatskasse bewilligt werden sollen, als aus den Einnahmen des Hos- theaters keine Mittel dafür flüssig gemacht werden können Tas Kapitel des tzoftheaters wird voraussichtlich demnächst überhaupt zu sehr eingehenden Debatten uno Erörterungen in der üammer Veranlassung geben, da die Großh. Regie­rung inzwischen die schon in der vorrgen Session eingebrachte Regierungsvorlage über den kostspieligen Umbau des tzoftheaters mit dem Ersuchen um thunlichste Berück­sichtigung wieder cingereickt har. Für diesen Urnbau, der insgesamt 768 000 Mk. erfordert, q'L'2!00 xarm-

ftabt die respektable Summe von 120000 Mk. dazu bcizu- teuern bereit ist und aus Getündeverkauf rc. noch etwa 45 000 Mk. zu lösen sind, noch die Bewilligung von 40-1 J10 Mark verlangt. Man neigt nun besonders in den Kreisen ver ländlichen Abgeordneten der Ansicht zu, daß diese

Der Konflikt mit Venezuela.

Tie offizielle Bestätigung der Nachricht, daß Präsident Roosevelt die Uebernahme des Schiedsrichteramtes in der venezolanischen Streitfrage abgelehnt habe, wurde dem Berliner Auswärtigen Amt am Samstag Vormittag durch den amerikanischen Botschafter überreicht. Das Auswärtige Amt sprach sein tiefstes Bedauern darüber aus, daß Präsident Roosevelt den Vorschlag Deutschlands und Englands, das Schiedsrichteramt zu übernehmen, nicht annehmen könne. Roosevelt war von Deutschland in Vorschlag gebracht wor­den, und die deutsche Regierung erblickte darin die weitest­gehende Anerkennung der Monroedolrrin, die die Verein. Staaten nur wünschen konnten.

Nach einer Meldung derDaily News" aus Washington loäre den Vereinigten Staaten die Aufhebung der Blockade gegen Venezueli und die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den verbündeten

Summe in der jetzigen Zeit der Finanznot noch reichlich hoch bemessen sei. Auch müsse ein Institut, das mit so großen Mitteln arbeitet und sich der ausaedehntesten Für­sorge deS Großhi Hauses sowohl, wie der Residenzstadt und ihrer wohlhabenden Gesellschaftskreise erfreut, bei um­sichtiger, rationeller Leitung sehr wohl in der Lage sein, für eine ausreichende Besoldung seiner Kräfte selber zu sorgen. Tie Kammer wird sich ledenfalls eine sehr eingehende Prüfung der ganzen Sachlage Vorbehalten I

Die Itucht der sächsischen Kronprinzessin.

Zu dem Ehedrama am sächsischen Königshofe ergreift auch bereits der Vatikan das Wort. Tas römische Blatt ,^8oce della verita" veröffentlicht eine offiziöse Rote des Vatikans, worin eS heißt, daß der Papst die Ehe des sächsischen Kvonprinzenpaares nicht lösen könne, da die­selbe valid' (in rechtSgiltiger Form) geschlossen sei.

Von weiterem Interesse ist heute eine Publikation deSBrüsseler Petit bleu", welche eine Unterredung eines Redakteurs mit dem Sprachlehrer Giron schildert. Girou erklärte, er sei an den Dresdener Hof berufen worden, nachdem er sich an den Brüsseler deutschen Gesandten Grafen Wallwitz gewandt hatte, um die Lehrerstelle zu erhalten. Er habe die Kronprinzessin früher weder in Paris noch in der Schweiz gesehen, er sei erst in Dresden mit ihr bekannt geworden. Während der ersten drei Monate seines Aufenthalts in Dresden habe sich kein Zwischenfall ereignet. Er sei in die intimeren Verhält­nisse erst bei dem Aufenthalt in Wachwitz eingeweiht wor­den, wo sich auch dann daS Liebesverhältnis entspannen habe. Weiter erllärte Giron eS für unrichtig, daß man der Kronprinzessin Hausarrest auferlegt habe; einmal aller­dings habe man ihr untersagt, auf dem Zweirade ausl- zufahren. Ferner sei es uurichftg, daß er wegen seiner Beziehungen zur Kronprinzessin entlassen worden sei, da letztere vollständiges Geheimnis waren. Tie Oberhof­meisterin entdeckte dieses Verhältnis zum ersten Male und ersuchte Giron am 12. November, ohne Skandal den Hof zu verlassen, da sie sonst dem Könige Mitteilung machen müsse. Tie Kronprinzessin habe sich am 19. ytovember nach Salzburg begeben, wo Giron mit ihrem Bruder dem Erzherzog Leopold Ferdinand zusammengetvoffen sei und denselben über die Lage seiner Schwester informierte. Am 12. Tezember 12i/z Uhr nachts packten der Erzherzog und die Kronprinzessin ihre Sachen und verließen un­gesehen das Schiloh. Ein Wagen brachte sie von der Resi­denz nach dem Bahnhof, wo sie, um nicht gesehen zu werden, im Wartesaal 3. Klasse den Eilzug nach Innsbruck erwarteten, der um 3 Uhr nachts ab fuhr. Bon Innsbruck kamen sie nach Zürich Durch Briese, welche Giron nach Sachsen und Oesterreich sandte, wurde die Polizei auf eine falsche Spur gebracht. Ter Hofmarschall und die HauA- Hofmeisterin begaben sich nach Brüssel, wo sie Giron zu treffen hofften. Sie entdeckten die Flüchtlinge in Zürich und versuchten, die Kronprinzessin mit allen Mitteln zur Rückkehr zu überreden. Erzherzog Josef stattete am 22. Tezember in Genf der Kroriprinzessin einen Besuch ab und kehrte sofort wieder zurück Tas Gerücht von einem Duell Uvischen dem Erzherzog Leopold Ferdinand und dem Kronprinzen sei vollständig unbegründet. Giron erllärte schließlich, der sächsische Hof habe den Beweis für seine Vaterschaft betreffs des sechsten Kindes durch einen Bries von ihm, der angehalten und geöffnet worden sei, ge­wonnen. Zum Schluß bat Giron, die böswilligen Gerüchte zu dementieren, wonach Fräulein Adamovicz eine ftühere Künstlerin und Tänzerin gewesen sei; sie entstamme zwar einer unvermögenden, aber sehr achtbaren ungarischen Familie.

Ein Redakteur desEcho de Paris" hatte mit dem in Begleitung der Kronprinzessin von Sachsen entflohenen Sprachlehrer Giron ein Interview, wobei Giron folgendes erllärte: Tie Prinzessin interessierte sich für den Unterricht, welchen ich ihren Kindern erteilte. Ich wohnte den Fa­milienmahlzeiten bei und 6di dieser Gelegenheit hatten wir des öfteren Gespräche zusammen. Tie Kronprinzessin teilte mir ihre Sorgen mit und schließlich entspann sich zwischen uns ein Liebesverhältnis, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Nach Monaten, als sich bei dem Kron­prinzen Zweifel erhoben, entschloß ich mich freiwillig, die Familie zu verlassen. Am 14. November reifte ich ab. Aus die Frage, was sie beide nun zu thun gedächten, ant­wortete Giron:Wir wollen uns verheiraten und dann wahrscheinlich nach Paris ziehen. Vorläufig aber bleiben wir in Genf, weil diese Stadt die einzige ist, wo man uns nicht verhaften darf. Wir hoffen, daß der sächsische Hof nunmehr die Auflösung der Ehe mit dem Kronprnizen beim Papste nachsuchen wird.Echo de Paris" berichtet weiter aus Gens, daß der Sprachlehrer Giron erllärte, er habe, damit die Juwelen der Kronprinzessin ihm nicht entwendet würden, dieselben an seinen Bruder nach Brüssel gesandt, um sie bei einer dortigen Bank nieder­zulegen. Sein Bruder habe jedoch die Annahme des Pakets verweigert, infolge des Gerüchtes, daß die Kronprinzessin Kronjuwelen mitgenommen habe.

Wie der ,Lokalanz." aus Tresden meldet, ist in der Angelegenheit der Kronpriiizeifm von Sachsen eine weitere amtliche Erklärung er t dann zu erwarten, wenn die Tinge definitiv geregelt und die .Verhandlungen zwischen den beteiligten Höfen abgeschlossen sein werden, und auch dann dürste nur eine kurze, den ganzen Vorfall abschließende Erllärung veröffentlicht werden.

TieLeipziger Neuesten Nachrichten" bringen noch schwere Anklagen gegen die entflohene Fürstin: Man er­zählt, daß Maria Luise eine lebhafte, geistreiche Frau war, deren sprühendes Temperament sich nicht an die Fesseln des höfischen Lebens gewöhnen wollte, man stellt sie dar

als das Opfer einer Ebe, in der sie nicht verstanden wurde, man sucht Nachsicht für sie auf Kosten deS Mannes^ dev sie an seiner Seite auf den Thron erheben wollte Wohh es mag sein, daß die, die also erzählten, recht Haden; es mag sein, daß die Frau, die jetzt dovonfloh, sich glück-, lichssr gefühlt hätte als schlichte Hausfrau eines schlichten Mannes. Aber wir alle, die wir auf dem Boden der Mutter, Erde wandeln, finb unfrei, wir sind Sklaven des gesell­schaftlichen Zwanges, der harten Not, der eigenen Anlage und der Geburt. Wie beim, wenn die Lehre, die Maria Luise so eindringlich predigt, doppelt eindringlich, weil diese Lehre uns von den Stufen eines Thrones herab ent­gegenklingt, auf genommen wird von all den Anderen, die doch auch das gleiche Recht des Herzens haben! Wenn die Frau des Mttgers, wenn die Frau des Knechtes sich von ihrem Gatten löst und hinausstürmt in die Welt? Was jetzt an Schaden der Volksseele zugefügt worden ist, wird nicht in Wochen und Monaten geheilt werden können. Jetzt wird daS Zischen und Raunen beginnen, geschäftig wird man nachforschen in allem Vergangenen; jedem Blick den man erhaschte, jedem Wort, das man vernahm, wird man eine besondere Auslegung geben, der Klatsch wird bte Herrschaft führen und den Glauben zerstören. Darum wünschen wir eines vor allem, sw hart auch daS Heil­mittel sei: Volle und klare Wahrheit.

lieber die Mittel, die der Prinzessin für die Zukunft zur Verfügung stehen, lauten die Angaben verschieden. Der Schmuck, den sie auf ihrer Flucht von Dresden mitnahm, ist angeblich 200 000 Kr. wert, doch soll sie außerdem und außer der notwendigsten Wäsche einen namhaften Geld­betrag bei sich führen und noch vor dem Zwist mit dem Gemahl erklärt haben, sie habe schon dafür gesorgt, daß sie nicht von der Gnade des sächsischen Hofes abhängig bleibe. Wie groß die Geldmittel sind, über die der Bruoed verfügt, darüber ist auch noch nichts Bestimmtes bekannt. Weitere Kreise, die dessen Verhältnisse kennen, nehmen an, daß er höchstens einige tauseiid Kronen sein eigen nenne, da der österreichiische Kaiser feine Finanzen schon einmal in Ordnung bringen mußte.

Von einer Persönlichkeit, die den sächsischen Hof- und Regierungskreisen nghe steht und gegenwärtig in Wien weilt, erhält dieN. Fr. Pr." nachstehende Eharakteristik der Kronprinzessin Luise von Sachsen. Als die Kronprin­zessin anfangs der neunziger Jahre nach Tresden tarn) da hat sie das große Dresdener Pubtkum weit schneller! für sich gewonnen als den Hof, und leider auch einer« großen Teil ihrer neuen Vertoandten. Namentlich war es bald kein Geheimnis mehr, daß zwischen der Kron­prinzessin und der alten Königin rein Einvernehmen erzielen war. Weit schneller erwarb sich Kronprinzessin Luise die Sympathien des Tresdener Publikums, das der spezifisch österreichische, gemütliche Zug im Wesen der Prin­zessin für sie einnahm, nachdem die erste Verwunderung über daS freilich mitunter recht etikettwtdrige Benehme!? der Prinzessin überwunden war.

Tie Prinzessin ist von Mittelgröße. Eine ziemlich üppige, ungemein bewegliche Erscheinung. Daß sie bei Hvf> ballen und anderen Veranstaltungen nicht gerade abge­neigt war, die Vorzüge ihrer Gestalt durch ihre Toiletts zum Ausdruck zu bringen, hat man ihr freilich in manchen Hofkreisen, speziell in der nächsten Umgebung der aftew Königin, sehr übel genommen. Wenn sie ins Plaudern und Lachen kam, drückte sie sich mit einer Ungezwungenheit auS, die mitunter erstaunlich war. Tie Kronprinzessin brachte eine Note, mondäner Eleganz an den Tresdener. Hof, die dort etwas neues war. Neu war auch ihr Doi- lettenluxus und leider auch die Höhe ihrer Doiletten-Rech- nungen.

Von ihrer Zuneigung zum Prinzen Friedrich August: wurden ungemein sympathische Züge erzählt, und wer das junge Paar, eng aneinander geschmiegt und heiter plau­dernd, durch die Straßen Dresdens gehen sah, wird an deren Wahrheit nicht gezweifelt haben. Sogar die strenge, Hofetikette wurde von der Liebe der Prinzessin zu ihrem Gemahl durchbrochen; ihr zum ersten Male gestattete König! Albert, auf den Hofbällen mit dem eigenen Gatten nach Herzenslust zu tanzen. Aber doch fand man ihre Natür­lichkeit und Ungezwungenheit, mit der sie alle Schichten der Bevölkerung bezaubert hatte, bei Hofe bald zu weitgehend. Sie machte öfters solche Verstöße gegen die Formen des hiesigen Hoflebench daß ihr sogar Hausarrest auferlegt wurde, so zum Beispiel, als sie das Radfahren gelernt hatte und, um ihre Kraft zu proben, auf der Straße ge­fahren war. Jhr^ sprühend temperamentvolle Lebhaftig^ feit, der dne Schiranken des Hoftebens mehr und mehr zu enge wurden, scheint längere Zeit das Glück ihrer lHe nicht getrübt zu haben, obgleich sie ihr streng und sehr fromm erzogener Gemahl weniger temperamentvoll ist.