Nv. 281
Orl^ctnt täglich uubei SonmugS.
Den» Gietzener Änznger werden im Wechsel mit dem Kefsttchea Landwirt d»r Siebener Familien, blüller dermal in bei Woche beigelegL ftoiaiiouebrucf u. Verlag bei Blüh l'leben Umverl.-Bllch- u.Slem- biudviei ('ihetldjlirben) fUöufhon, <tipeönu>R unb Trudeiet;
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Dibieile tüi Tepeldjenx Anzeiger Gtetze».
Feriilv>eckan>chl»ih')tr 51
Erstes Blatt.
152. Jahrgang
Samstag 29. November 1NOS
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger v
Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
yezo gSpretgi monatlich 7b'UL, oiectek täbrheb Mk. 2.20; du«rh Abhole- u. ^rvetgfteÜe» monatheb 6o Pl.; durch die Post 'Dlt. 2.— otertel» jährt. au«ld)L Bestellg. Annahme von Anzeige« für die TageSmuiimet di« oormitiag« 10 Uhr« yctlenpirifl; lokal 12'U1W acrflroäria 20 Pjg.
tß«iantroeilhd)i für den poltt u. allgem. Teil; P. Wiitko; lüt .Stadt unb Vanb* und ltierid)t6|aar Curt Plato; tüt den An- jieiqenleil: Han « Beck.
'Neue Tumulte im Aeichstag.
Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt ttnterm 28. November:
Tie Szenen der gestrigen ReichStagssitzung haben das Publikum begierig auf die Fortsetzung gemacht. So gab eS heute einen förmlichen Sturmlauf auf die Tribünen. Welche taktischen Manöver mag die Linke im Schilde führen? Wird die Regierung in den Kampf eingreifen? Tiefe Fragen wurden auf den Galerien mit Leidenschaftlichkeit erörtert, als noch das Parquet leer, im trüben Zwielicht, dalag . . . Ter Eröffnung der Sitzung ging eine längere private Ms- einandersetzung zwischen Graf Balle st rem und dem Mg. Singer (Soz.) am Präsidententisch voraus. In der Erörterung über die geschäftsordnungsmäßige Zulässigkeit des Antrags v. Kar do rff (en bloc-Annahme des Zolltarifs) erhielt zunächst daS Wort Mg. Spahn (Ztr.). Er suchte die Zulässigkeit des Antrages, eines ,.Aktes der Notwehr, nachzuweisen und that dies eindringlicheren, entschiedeneren Tones, als man sonst von ihm gewohnt ist.
Tie Sozialdemokraten standen dichtgeschart an der zur Kednerbühne führenden Treppe, doch sie verhielten sich zunächst verhältnismäßig ruhig. An „Randbemerkungen" fehlte eS zwar nicht, aber sie waren nicht drohender, erregter Art. Herr Spahn richtete sich mit seiner Argumentation an den kühl erwägenden Verstand. Noch mehr galt dies vom Abg. Schrader (Freis. Berg.), der nach Tr. Spahn sprach und den Mehrheitsparteien begreiflich zu machen sich bemühte, daß der Bundesrat einem „ungiltigen" Gesetz — das würde der Zolltarif nach Annahme des Antrags v. Kardorff sein — die Zustimmung versagen werde.
Mit solcher Auffassung rief Herr Schrader Heiterkeit im Kompromißkager hervor. Tort weiß man sehr wohl, daß von Seiten der Regierung keine Gefahr droht, weil eben die Regierung ihren Segen den Vereinbarungen gegeben hat. Wenig angenehm berührte in den Reihen der Nationalliberalen, daß Herr Schrader die heutige scharfe Kritik der „Nationalztg." (siehe unter Pol. Tagesschau) an den beteiligten nationalliberalen Führern zitierte. Der von der „Nationalztg." gewählte Ausdruck der „Empörung" ist allerdings gegen hervorragende Vertreter der eigenen Partei angewendet, noch nicht dagewcsen. Von Hand zu Hand wurde das Blatt gereicht. Prinz Schönaich-Karo l a t h und der Sohn des Fürsten Hohenlohe, Prinz Alexander, der neben ihm Platz genommen hatte, studierten es mit Staunen immer wieder.
Tie äußerste Linke schickte heute zuerst den Mg. Haase ins Feuer. Unter Führung Bebels bildete sich ein dichter Kreis von Genossen in der Nähe der Rednertribüne. Herr Haase appellierte des öfteren an die Juristen des Zentrums, die nach einigen Tagen Ueberlegung das Widerrechtliche deö Antrages Kardorff einsehen müßten ,und gab eine Sammlung von Aussprüchen des Grafen Ballestrem zum besten, um zu beweisen, wie eifrig der Präsident bei anderen Gelegenheiten die Bestimmungen der Geschäftsordnung hochgehalten habe. Graf Ballestrem war von dieser Anrufung seiner Autorität, ungewöhnlich bei einem Mit- gliede der äußersten Linken, mehr ergötzt als erbaut. Ein paarmal schien es, dap sich die Lärmszenen von gestern wiederholen würden. Mer Herr Haase winkte seinen Freunden, die mit dröhnenden Rufen Bemerkungen des Präsidenten unterbrachen, hastig ab.
Nachdem Mg. v. Normann (kons.) kurz und bündig erklärt hatte, mit seiner wuchtigen Kommandostimme die Aeußerungen des Zornes links übertönend, daß seine Fraktion geschlossen für den Antrag Kardorff stimmen werde, trotz materieller Bedenken, ergriff unter allgemeinem, erwartungsvollem Schweigen Mg. Richter das Wort. Gleich bei den Eingangssätzen, die sich entschieden gegen die Zulässigkeit des Antrags Kardorff wandten, wurden die Mienen der Herren im Zentrum cknd rechts länger. Tie Betroffenheit wuchs von Minute zu Minute, denn man hatte von dem Führer der Freisinnigen Volkspartei nach feiner bisherigen fast neutralen Haltung gegenüber dem Zolltarifentwurf keine so schroffe Stellungnahme erwartet. Reservierte Genugthuung bei den Sozialdemokraten — vielleicht knüpfte Richter einen Angriff geyen die „unglückliche Obstruktionstaktik" an und machte diese für das Zustandekommen der Zoll-Verständigung verantwortlich. Tuch dies geschah nicht.
Abg. Bassermann, der Führer der Natronallibe- ralen, holte seinerseits das Versäumte nach, indem er in seiner Rede, die den zustimmenden Beschluß der großen Mehrheit seiner politischen Freunde zum Antraa Kar- dorsf begründete, Stellen aus der „Freis. Ztg." wider die Obstruktion verlas. Diese Rede wurde sv häufig und so hastig von den Sozialdemokraten unterbrochen, daß Vice- präsident Graf Stolberg fast nach jedem Zeiten oder dritten Absatz die Glocke schwang und energisch bic Störungen sich verbat. Als Herr Bassermann, der sich wie der Abg. Spahn auf dem Standpunkt gebotener Notwehr gegen die Obstruktion stellte, die „Freis. Ztg." zitierte er,chollen von der äußersten Linken immer dringender die Rufe: „Nationalzeitung! Natwnalzeitung!" Und Abg. Singer begab sich feierlichen Schrittes zur Rednertribüne und legte mit den Worten: „Er soll sie lesen!" em Exemplar des Parteiorgans direkt neben den Redner hin. Strahlend vor Vergnügen ob dieser That entfernte , ich Langer, emen Beifall heischenden Blick zu den Tribunen richtend.
Wieder folgte eine Ueberraschung. Abg. Liebermann o. Sonnenberg (Antist), von dem man sonst scharfe Konflikte mit der Linken gewohnt ist, sprach sich gegen den Antrag v. Kardorff aus, weil das Zollkomp^omiß durchaus nicht genügend die Interessen der Landwirtschaft berücksichtige. Durchschlagende Wirkung erzielte Herr von Liebermann, als er den Abg. Bebel an sein u>ort er
innerte, eS würde jeder „Genosse", der sich so benähme wie die Mitglieder deö österreichischen Parlaments, mit Schimpf und Schande aus der Partei gestoßen werden. „Nun stoßen Sie zu, Herr Bebekl'* Dröhnende Zustimmung und Heiterkeit der Mehrheit. Mg. Geyer (Soz.) zog es vor, über diese Apostrophe stil^lweigend hinwegzugehen und den Gegnern, lebhaft gestikulierend, den Tert zu lesen. Als „gemütlicher Sachse" hatte er einigermaßen zu ringen, um seinem Ton die „nötige" Schärfe zu geben. Er erlangte aber doch einen Ordnungsruf, weil er den hohen Reichstag mit einer „Schacherbude" verglich
Dem nächsten Redner, Mg. Tr. Bachem (Zentr.), der die Einwürfe der Opposition zu widerlegen suchte, wurde vom Mg. Stadthagen seine Aufgabe aufs äußerste erschwert. Ter Letztere unterbrach den Redner fortwährend, indem er, mit den Fäusten auf die Tischplatte schlagend, polternden Dones das Wort verlangte, weil seine Wortmeldung früher, als die Dr. Bachems erfolgt sei. Zwei Ordnungsrufe sausten auf den Störenfried hernieder, aber es bedurfte der eindringlichen Vorstellungen besonnener Parteifreunde, um ihn endlich zu beruhigen. Tr. Bachems Beweisführung zeichnete sich übrigens durch Gründlichkeit und Klarbeit aus. Taß auch er stellenweise in Harnisch geriet und ein Eingreifen des Präsidenten veranlaßte, war bei den sich immer wieder erneuernden Unterbrechungen von sozialdemokratischer Seite, die schließlich tumultuari- schen Charakter annahmen, begreiflich
Ein schier ohrbetLubendes Geschrei erhob sich, als Dr. Bachem des „klugen, besonnenen, alterfahrenen Politikers" Eugen Richter Erwähnung that. der die Obstruktion als Denkbar täppisch und ungeschickt" bezeichnet habe. Mle Bande der Ordnung aber lösten sich, als Dr. Bachem erklärte: „Wenn ich den Ausdruck nennen wollte, mit dem Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion urbi et. vrbi das in der Richtung der Hörigkeit sich bewegende Verhältnis der Freisinnigen Vereinigung zur äußersten Linken in der Obstruktionsfrage bezeichnet haben, dann. . ." Ein Lärm- Orkan sondergleichen brach be-i diesen Worten los; die Rufe „Namen nennen! Lügner!" wurden Herrn Tr. Bachem von den auf ihn eindringendcn Sozialdemokraten entgegengeschleudert. Vicepräsident Büsing teilte Ordnungsruf aus Ordnungsruf aus — umsonst; er versuchte es mit Zureden — umsonst. Tas Wutgebrüll der Linken verschlang Wort Und Glockenklang. Es blieb Herrn Büsing nichts übrig, als die Sitzung auf eine halbe Stunde auszu- setzen — das erste Mal seit Bestehen des Reichstags, was Herr Büsing mit schmerzlichem Ton konstatierte.
Aer Kaiser in KörliH.
Ter Kaiser ist am Freitag mittag in Görlitz einge- trosfen, um der feierlichen Einweihung der dort errichteten Ruhmeshalle und des Kaiser Friedrichs-Museums beizuwohnen. Er wurde empfangen vom Kultusminister Tr. Studt, dem Oberprgsidenten Fürsten Hatzfeld, dem Kommandeur des fünften Armeekorps, General der Infanterie v. Stülpnagel u. a. Nach der Begrüßung fuhr der Kaiser in offenem Wagen, von einer sehr zahlreichen Volksmenge stürmisch begrüßt, durch die festlich geschmückten Straßen nach der Ruhmeshalle. Bei der Feier dankte Bürgermeister Heyne namens des Komitees dem Kaiser als Markgrafen der Oberlausitz für die Errichtung der Lausitzer Ruhmeshalle und übergab die Halle der Stadt- gemeinde. Oberbürgermeister Büchtemann dankte dem Kaiser namens der Stadt. Er schloß mit den Worten: Tem Vaterlande unsere Liebe, den Bundesfürsten unsere Treue, dem Kaiser m,nser Herz und brachte ein Hoch auf den Kaiser aus. Ter Kaiser antwortete darauf: Ich danke dem Komitee für die Einladung. Neben dem Verdienst der beiden Heimgegangenen Kaiser um die Einigkeit Deutschlands war es die gemeinsame Arbeit des Volkes, die uns so stark gemacht hat. Neuerdings scheint sich ein Teil von dieser Arbeit auszuschließen. Es muß mit dem kategorischen Imperativ sich der Einzelne dem Ganzen unterordnen. Jeder, der die Ruhmeshalle betritt, wird sich bewußt sein müssen, daß auch er mitzuarbciten habe. Ich wünsche Freiheit in der Fortentwickelung der Religion, Freiheit im Denken und Freiheit für die Wissenschaften. Ich trinke ans das Wohl der Oberlausitz. Hieran schloß sich ein Rnndgang durch das Gebäude. Tie Mreise erfolgte um 12.50 Uhr.
Ium Hode Krupps.
Tie tief gebeugte Gattin des Verewigten hat dem Direktorium der Firma Friedrich Krupp und der Stadtverwaltung von Essen mehrere Schreiben zugehen lassen, in denen eine Reihe wahrhaft fürstlicher Spenden für wohlthätige Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Tas erste dieser Schreiben lautet:
Einem Wunsche und einer letztwilligen Bestimmung meines verewigten Gatten entsprechend und getreu dem Beispiele, das der Entschlafene bev der Uebernahme der Fabrik im Jahre 1887 gegeben, stelle ich hiermit in Vertretung meiner minderjährigen Tochter Bertha Krupp ein Kapital in der .Höhe von drei Millionen Mark zur Verfügung für die der Fürsorge für dienstunfähige Beamte und Arbeiter gewidmeten Einrichtungen der Werke. Von diesem Betrage sollen verwendet werden zwei Millionen Mark für die Arbeiter zu Pensions- und Unterstü^ungs- zwecken, eine Million zu den gleichen Zwecken für die Beamten. Frau Margarete Krupp.
Ein zweites Schreiben lautet:
In Uebereinstimmung mit einem Wunsche und einer letztwilligen Bestimmung meines entschlafenen Gatten, und dem Beispiele folgend, das er bei der Uebernahme der Fabrik im Jahre 1887 gegeben hat, stell- ich hierdurch, in Vertretung meiner minderjährigen Tochter Bertha Krupp, für die Stadtgemeindc Eisen ein Kapital aus
von einerMillivn Mark zur Verwendung für gemein, nützige und wohlthätige Zwecke. Tie Grundsätze für dis Verwendung dieses Kapitals soll nach dem Wunsche des Verewigten eine Kommission feststellen, welche unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters aus Vertretern der Stadt» gemeinde und aus Vertretern der Fabrik in gleicher Zahl besteht. Zu Vertretern der Fabrik bestimme ich die Herren Finanzrat Klüpfel, Ingenieur Dicke, Obermeister Seelheim. Zu den Beschlüssen dieser Kommission behalte ich mir die Genehmigung vor. Frau Margarete Krupp.
Für die Zukunft des gesamten Werkes und die Fortführung der Geschäfte entscheidend ist das folgende Schreiben:
An das Direktorium der Firma Fried. Krupps Ich teile hierdurch mit, daß mit dem Ableben meines lieben Mannes, kraft der testamentarischen Bestimmungen des verewigten Herrn Alfred Krupp, des Vaters des Entschlafenen, die gesamte Fabrik mit allen Außenwerken und Zubehörungen ungeteilt in das Eigentum meiner ältesten Tochter Bertha Krupp übergegangen ist und ihre Rechte bis zu ihrer Großjährigkeit ich zu vertreten habe. Gleichzeitig be« stätige ich hiermit in Vertretung meiner Tochter Bertha die den Mitgliedern des Direktoriums von meinem entschlafenen Äatten erteilten Vollmachten in vollem Umfange, indem ich das feste Vertrauen hege, daß sie die Geschäfte der Firma im Geiste des Verewigten und mit der alten Pflichttreue weiterführen werden. Ich ersuche daS Direktorium, vorstehendes im ganzen Bereiche der Firma bekannt zu geben. Frau Margarete Krupp.
Zum alleinigen Testamentsvollstrecker Krupps ist, wie uns aus Chemnitz berichtet wird, der Vorsitzende des Auf- sichtsrats der Sächsisschen Maschinenfabrik, Gustav Hartmann ernannt worden, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen. Herr Hartmann wird auch der Witwe Krupps als Vertrauensmann bei der Verwaltung des gesamten Werkes zur Seite stehen, und besonders von dem Mitglied der Direktion der Firma Krupp, D-irektvr HauL unterstützt werden.
Frau Geheimrat Krupp hat übrigens noch ein weiteres Schreiben an die Direktion gerichtet, in welchem sie in ihrem und ihrer Kinder Namen den Angehörigen der Gußstahlfabrik und aller zur Firma gehöriger Werke für die allgemeine und tief empfundene Anteilnahme dankt, die ihr und ihren Kindern aus allen Kreisen der Werksangehörigen entgegengebracht worden sei. Tie Liebe und Anhänglichkeit an den Entschlafenen und an die Fabrik verliehen die Zuversicht, daß es gelingen werde, das Werih das der Tahingeschiedene 15 Jahre mit Liebe und Pfticht- gefühl geleitet, dessen Blüte ihm am Herzen gelegen und dem noch feine letzten Sorgen gegolten hätten, in feinem. Geiste weiterzuführen.
Wie aus Essen gemeldet wird, hegen die Krupp'schen Arbeiter die Absicht, dem Kaiser für seine Beteiligung» am Begräbnis und für feine dem verstorbenen Chef gewidmeten Worte durch eine besondere Kundgebung M danken. .
Tie großen wirtschaftlichen und technischen Vereine, die in Düsseldorf ihren Sitz haben, werden am 13. De-> zember in der städtischen Tonhalle eine große Trauer» feier veranstalten. Der Abgeordnete Dr. Beumer härt' die Gedächtnisrede.
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Politische Tagesschau.
Die Kritik der „Natioual-Zeitung*.
Man schreibt uns aus Berlin, 28. November:
Großes Aufsehen haben allenthalben in politischen Kreisen die Ausführungen der „Nationalztg." wegen der Mitunterzeichnung beS Antrages v. Kardorff durch die Abgg. Bassermann, Paasche und Dr. Sattler her- vorgerufen. Man kann ja verschiedener Meinung über die Zulässigkeit des Antrages, oder dessen Verträglichkeit mit dem Geist der Geschäftsordnung fein, und mehrere Nationalliberale, u. A. die Abgg. Büsing, Quentin, Dr. Esche werden als Gegner des Antrages genannt. Aber auch in der Erregung muß die Form gewahrt werden, die im politischen und im gesellschaftlichen Leben die übliche ist. Die Kritik der „National-Zeitung", daß sie „mit Em- pörun g" unter dem Antrag die erwähnten Namen erblicken, geht über diese Grenzen hinaus. Das sind Waffen, die selbst wider politische Gegner nur in seltenen Ausnahmefallen gebraucht werden dürfen, bann etwa, wenn eine bewußt frivole, gesinnungslose Handlung zu kennzeichen ist. Von einer solchen Handlungsweise kann aber hier keine Rede fein; Meinung steht hier gegen Meinung, und es wird doch wohl ohne weiteres die Aufrichtigkeit der Ueberzeugung vorausgesetzt werden? Es wäre richtig gewesen und es ist gewiß erwartet worden, daß das angesehene und sonst verhältnismäßig maßvoll urteilende Berliner Parteiorgan alsbald den in der Hitze des Gefechts gebrauchten. Ausdruck abgeschwächt hätte. Einstweilen ist dies nicht geschehen.
In einem längeren Artikel ihres Freitag-Abendblattes schreibt die „Nat. Ztg." unter Bezugnahme auf die vorgestrige Reichstagsntzung u. A. folgendes: Nach unserer Meinung haben die drei Präsidenten die Aufgabe, eine Vermittlung zu versuchen, einen Ausgang aus der kritischsten Lage zu schaffen, in welcher der deutsche Parlamentarismus sich jemals befunden hat. Eine solche Vermittlung müßte der Mehrheit, sofern diese anwesend bleiben will, das Recht wahren, über den Zolltarifentwurf zu entscheiden, aber der Minderheit daS Recht über ihn nach der Geschäftsordnung zu diskutieren. Allerdings, wenn die Mehrheit entschieden


