Aus Statt uni) Land.
Gießen, den 29. Oktober 1902.
♦♦ Bei der Feldbereinigung auf dem rechten Laüufer ist der Umtausch von Gelände zwischen Gießen und Heuchelheim vorgesehen. Während seither die Gießener Gemarkung bis nahe an die letzten Häuser von Heuchelheim reichte, und sogar die Haltestelle zu Heuchelheim auf Gießener Gelände lag, wogegen Heuchelheim wieder Aecker nach Gießen zu besaß, sollen jetzt die Grenzen eine bedeutende Abrundung erhalten. Heuchelheim wird dadurch gutes Baugelände an der Straße nach Gießen erhalten. (Ter Geländeaustausch bezieht sich auf das Gebiet zwischen Rodheimerstraße und Lahn; die zukünftige Grenze wird vom gerade gelegten Landwehrgraben gebildet. Dte Fläche, welche Gießen erhält, ist wesentlich größer als die, welche es abgiebt. D. Red.)
**ZudenLandtagswahlen. Aus Worms wird gemeldet: Einen äußerst interessanten Verlauf nahm die Versammlung nationalliberaler Wähler. Tas Resultat der Versammlung war, daß Kommerzienrat Rein- hart einstimmig als alleiniger Kandidat der national- liberalen Partei proklamiert wurde.
** Tie Generalversammlung des Turn- vcreius am Montag war von etwa 60 Mitgliedern be- ,sucht. Ter erste Sprecher des Vereins erstattete in großen Zügen den Rechenschaftsbericht für das abgelausene Vereinsjahr vom 1. Oktober 1901 bis dahin 1902. Hiernach hat der Verein im letzten Jahre aus 687 Mitgliedern bestanden gegen 694 Mitglieder im Vorjahre. Tas im abgelaufenen Jahre abgehaltene 2. Dünsbergfest hat einen erfreulichen Verlauf genommen. Tie Teilnahme der Turner aus unserer Umgebung hatte sich bei dem letzten Fest gegen das im Borjahr vervierfacht; die Kosten des Festes wurden gedeckt, ein Ueberschuß aber nicht erzielt. Ter Gauturntag war von 6 Vertretern des Turnvereins besucht, während man zum Kreisturntag zwei Vertreter entsendet hatte. Tie veranstalteten Vereinsfestlichkeiten waren allgemein gut besucht, doch wurde beim Sommerfest im Philvsophentvald, trotz des überaus günstigen Wetters und tro£ des starken Besuches, bei den hohen Unkosten, die das Fest verursachte, ein Ueberschuß nicht erzielt. Ter Turner-Sänger-Chor hat sich bei den Festlichkeiten sehr gut bewährt. Eine Restschuld in Höhe von 800 Mk. vom Vergrößerungsbau der Turnhalle herrührend, über deren Teckung bereits in früheren Versammlungen beraten wurde, hat nur dadurch geordnet werden können, daß beim Banlhause Heichelheim ein in zchei Jahren rückzahlbares Darlehen in gleicher Höhe ausgenommen wurde. Man bösst durch Sparsamkeit jährlich 400 Mk. zur Tilgung dieses Darlehens aus den allgemeinen Einnahmen erübrigen zu können. Ein Freund unb langjähriges Mitglied des Vereins hat demselben einen Betrag von 100 Mk. geschenkt und ebenso drei Anteilscheine ä 25 Mk. zurückgegeben. Ter erste Sprecher verweist darauf, daß die Turner deS Vereins im abgeläu- fenen Jahre bei den verschiedenen Gelegenheiten außergewöhnlich viel Preise durch turnerische Leistungen errungen haben. Hierauf berichtet der Turnwart Franz Wigandt über den Turnbetrieb in 1901/02 wie folgt: Es wurde geturnt an 142 Menden von zusammen 7673 Turnern. Es entfallen auf Riegenadende 90 mit einem Gesamtbesuch von 5595 Turnern, d. h. im Durchschnitt an einem Riegenabend 60—65 Turner. Lluf das Kürturnen entfallen 52 Abende mit einer Gesamtbeteiligung von 2030 Turnern, d. h. durchschnittlich pro Mend 33—40 Turner. Ter beste Besuch beim Turnen war in den Monaten Mai bis August zu verzeichnen mit durchschnittlich 70—75 Teilnehmern, während ut den Monaten Januar bis April mit einer Beteiligung von 32—36 be&to. 49 Turnern cm einem Abend geturnt wurde. Ter Verein beteiligte sich im vergangenen Turnjahr an der Gauturnfahrt, von wo die Turner 8 Preise heimbrachten. Auf dem F-eldbergfest wurden 5 Preise, auf dem Gauturnfestc in Butzbach 12 Preise, auf dem Kreis- turufest in Worms 3 Preise und auf dem Tünsbergfest 20 Preise errungen, unter welchen sich im ganzen 3 erste Preise befinden. In Wiesbaden wurde beschlossen, die nächste Kreisvorturnerschule der freien vereinigten Vorturner schon im Frühjahr in H an au stattfinden zu lassen. Aus der alsdann vom zweiten Sprecher Alt Hof erstatteten Rechnungsablage geht hervor, daß die Rechnung in Einnahme und Ausgabe re. rund 7000 ML aufweist. An Beiträgen von den Mitgliedern hat der Verein 2657 ML, für Miete aus der Halle 1723 Mk. (von denen allerdings 400 Mk. für elek- trische Beleuchtung abgehen) vereinnahmt. Aus der Wirtschaft bei Festlichkeiten erübrigte der Verein ca. 900 ML Tie Einnahme des Vereins ist, wenn man das aufgenommene Kapital von 800 ML zur Tilgung der Restbaujchulden in Abzug bringt, um rtmd 1000 ML gegen das Vorjahr
erfolglos. Seit langem wird der Erzbischof von der Polizei bewacht, die schon einmal einen geplanten Mordversuch in der Kirche verhinderte. Ten meisten Haß zog sich Giani zu, weil er auf der Kanzel heftig Garibaldi schmähte. Der Urheber des Bombenattentats ist bereits arretiert worden Es ist ein gewisser Ettore (latent, ein Anarchist, der aus Buenos Ayres kam.
Wien, 28. Okt. Bei den heutigen Landtagswahlen in den Landgemeinden Nrederöfterreichs errangen die Christlichsozialen einen großen Sieg. Sie behaupteten ihre 14 Mandate und gewannen von den freiheitlichen Parteien sechs Mandate.
— Ter polnische Landsmannminister Pientak äußerte Demissionsabsichten, da ihm die Polen Vorwürfe wegen der Einstellung des Budgetpostens für das ruthenische Gymnasium in Stanislau machen
Sofia, 28. Okt. Tie ordentliche Session der So- dranje wurde heute mit einer Thronrede eröffnet, in der es heißt, daß das Fürstentum fortgesetzt die besten freundschaftlichen Beziehungen zu allen Staaten unterhalte. Ter Besuch des Großfürsten Nikolaus unb bet russischen Generale anläßlich bes 25. Jahrestages der Verteidigung des Schipkapasses, sowie der enthusiastische Empfang, den das bulgarische Volk ihnen bereitete, seien unoeftreitbare Beweise des hohen Wohlwollens des Kaisers von Rußland gegenüber Bulgarien.
Washington, 28. Okt- Bisher erließ das Staatsdepartement keine Einladungen zum Besuche der Ver. Staaten an fremde Staatsoberhäupter oder Würdenträger. Es wird jedoch zur Ausstellung in St- Louis eine Anzahl fürstlicher Besucher erwartet. Tie an der Ausstellung Beteiligten werden sich wahrscheinlich bemühen, einen Kongreßbeschluß zu erzielen, der dahin geht, daß diese Besucher als Gäste der Nation ausgenommen werden Tas Staatsdepartement kann nicht aus eigener Initiative mit einem solchen Vorschläge hervortreten. Tie Generale Corbin, Aoung und Wood luden während ihres Aufenthaltes in Europa Gäste zum Besuche Amerikas ein. Zweifellos veranlaßten diese Einladungen das Gerücht, die Negierung selbst habe Einladungen erlassen.
gestiegen Nach kurzer Tebatte wird zur Wahl des Vor- tanbes geschritten Seitens des Vorstandes wird erklärt, >aß man beschlossen habe, der Versammlung keine Vor- chläge zur Besetzung der Borstandsämter zu machen; man wolle es der Versammlung überlassen, Vorschläge zu machen Herr Pirr erklärt, daß er es überaus gern sehen würde, wenn man an feine Stelle zum ersten Sprecher einen andern Herrn wählen würde. Er bekleide dieses Amt seit 4 Jahren und sehe nicht ein, warum nicht ein anderer Turner auch das Amt belleiden könne. Herr Buch acker weist daraus hin, daß Herr Pirr jetzt gerade 10 Jahre dem Vorstände des Turnvereins angehöre, woraus die Versammlung dem Jubilar ein dreimaliges „Gut Heil!" ausbringt. Auch der &roeite Sprecher Althof bittet, an feine Stelle einen andern Herrn zu wählen Geschäftliche sowie gesundheitliche Verhältnisse seien die Veranlassung, weshalb er das Amt nicht wieder übernehmen könne. Lurch oorge- nommene Zettelwahl wurde der Vorstand wie folgt gewählt: Erster Sprecher: Ludwig Pirr, zweiter Sprecher: Althof, Schriftführer: Buchacker, Louis Noll und Ernst Jung. Tnrnwarte: Franz Wigandt und Ludwig Noll, Zeug- wart: Aug. Eger, Geg-'nschreiber: H. Marx, Turnälteste: Hengst, Ziegler, Weeg, Beisitzer: Friedrich, Bellos, Muhlert.
** Der Ankauf der meisten Aktien stellt sich fast immer als ein Glücksversuch dar. Denn ob insbesondere ein Aktienindustrieunternehmen ebenso tüchtige als ehrliche Leiter besitzt unb ob Umstände eintreten, die das Unternehmen fördern oder schädigen, alles dies ist für den Käufer mehr oder weniger Glückssache. Tie Vorkommnisse der letzten Zeit haben dies nur zu deutlich erkennen lassen. Gewiß, der Mensch ist in seinen Funktionen sehr wesentlich mit auf das Glück angewiesen. Man sollte jedoch das Glück nicht mit kostspieligen Anlagen an der Börse suchen. Wer sein anlagebedürfttges Kapital in solidester Weise sicher anlegt, und dem Glücke in Gestalt eines Lotterieloses nur ein beschränktes Risiko anvertraut, handelt unzweifelhaft mehr zu seinem Vortelle. — Wie gegenüber allen anderen Lotterien insbesondere aber gegenüber der bei hoher Hinterziehungsstrafe im Deutschen Reiche ftreng verbotenen Ungarischen Lotterie unsere Hessisch-Thüringische (Mitteldeutsche) Staatslotterie bei wettern die besten Gewinnaussichten bietet, ist schon früher nachgewiesen worden. — Von Interesse dürfte aber noch der Vergleich mit der bisherigen Thürinaisch-Anhaltischen Staatslotterie fein.
Nach den Spielplanen der betr. Sötterieen konnten bezw. können nämlich entfallen in:
Gewinne von
N
Thüringen-Anhalt « (6071. Los 3864. Los
Hessen - Thüringen Jo \
Mittteld. Staats- ( lotterte Sitz Darm- S j stadt ° f 5000. , 2041. , 55. , 20. ,
( §) Darmstadt, 29. Ott. (Eig. Dr ah t b er ich t.) EvangelischeLandessynode. Als Ersatzmitglied des 3. Ausschusses wurde Pfarrer Lehl, als Mitglied des Shnodalausschusses Rechtsanwalt Dr. Lucius, als Mtt- glled des Dtsziplinargerichtshofes Realschuldttektor Dr. Gerhard aus Michelstadt, und in den Lutherausschuß Professor Stamm-Gießen und Pfarrer Schlosser gewählt.
Frankfurt, 28. Ott. Im neuen Sch auspiel- b auf e wird Tag und 9tacht gearbeitet, um das Haus bis aur Eröffnungsvorstellung einigermaßen fertig* zustellcn. Von mancher Sette hört man übrigens, daß es praktischer märe, die Eröffnung noch einmal zu verschieben, weil sonst die Eröffnungsgäste leicht einen weniger günstigen Eindruck von dem unfertigen Hause mttnehmen könnten, als es wünschenswert und als der Bau an sich es verdiente.
' > "S ~ E c o- D = JO .'=• «
o u if.
|S*0«
—
Prozeß Titte.
Gießen, 29. Oktober.
Die Witwe des praki. Arztes Dr. Tille, früher in Nassau, jetzt in Bad-Nauheim wohnhaft, erschien gestern vor der htesigen S t r a s k a m m e r, angeflagt der schweren Urkunde nfälschung m Jdealkoncurrenz mit Betrugsver- s u ch in zwei Fällen und einer einsachen Urkundenfälschung. Auf Grund einer umfangreichen Beweisaufnahme wurde folgendes fest- geftellt Tie Angeklagte schuldete einer Nauheimer Firma für Jnstallationsarbeiten Mk. 96.50. Nachdem sie mehrmals erfolglos gemahnt worden war, behauptete sie, daß die Summe bezahlt sei und legte die quittierte Rechnung vor. Die Quittung wurde sofort als F ä 1 s ch u n g bezeichnet imd der Thatbestand der Staats- anwattschaft unterbreitet. Bei ihrer ersten Vernehmung — als Zeugin — vor dem Polizeiamt gab die Angeklagte an, sie habe ihrem Dienstmädchen den fraglichen Betrag ausgeha'ndigt, um die Rechnung zu begleichen. Diese Angabe widerrief die Angeklagte zwar bei ihrer Vernehmung vor dem Amtsgericht, um nun zu behaupten, daß der stellungsuchende Bruder einer früher bei ihr bedienstet gewesenen Stütze sich eines Tages vorübergehend bei ihr aufgehalten habe, von ihr zu der betregenben Nauheimer Firma zwecks Nachfrage nach einer Stelle geschickt worden sei unb bei biejer Gelegenheit 100 Mark zur Zahlung bes Rechnungsbetrages von chr erhalten habe. Tie Angeklagte, nach dem Namen dieser Stütze gefragt, verweigerte anfänglich die Auskunft — angeblich aus Rücksicht für deren Familie. Später gab sie an, sie heiße Helene von Hofmann. Sie bestritt, daß sie vor dem Amtsgericht Helene v. Hofmann als ihre frühere Stütze ausgegeben habe, em Mißverständnis des Richters behauptend, unb gab an, baß sie biese nur habet kenne, weil sie in ihrer, ber Angeklagten, früheren Pension in Nassau sich einmal längere Zeit ausgehalten habe, sie schreibe ihr manchmal, jeboch poftlagemb, über ihre Familie, über ihren Wohnort könne sie jeboch keine Angaben machen. In ber Folge behauptete sie auch, baß sie Helene von Hofmann von bem Verdacht ihrem Bruder gegenüber Mitteilung gemacht habe unb baß, offenbar auf Intervention derselben hin, v. Hofmann eines TageS bei ihr in Nauheim gewesen sei, sich als ben bezeichnet habe, ber bas Geld unterschlagen und die Quittung gefälscht habe, unb baß er 30 Mark abschlägig auf bie unterschlagene Summe gezahlt habe.
Tiefe wiberspruchSvollen unb nicht sehr_glaubhaften Angaben in Verbindung mit ber Erwägung baß bie Schuldnerin, bie Frau Tr. Tille bas nächste Jntereffe an ber Fälschung habe, lenkten ben Verdacht ber Täterschaft alsbalb auf biese selcht. 6in__ von ber Staatsanwaltschaft um sein Gutachten angegangener Schreibsach- verltanbigcr äußerte sich in bestimmter Weise dahin, daß bie Angeklagte ben Qulttungsvermerk unter bie)er Rechnung geschrieben habe. Immerhin wäre es auf Grunb des bis zu dieser Zeit bei- gebrachten Beweismaterials schwerlich ;u einer Verurteilung ber unbescholtenen, sich bes besten Leunumbs erfreuenben Angeklagten gekommen. Im Verlaufe bet Untersuchung spielte jeboch bie Beschuldigte selcht ber Staatsanwaltschaft weitere und erhebliche Beweisstücke in die Haube. Zunächst gab sie einen an sie gelangten aus Lonbon datierten, in Paris au*gegebenen Brief zu den Akten, in dem Helene v. Hofmann wegen bes von ihrem Bruder an ber
Angeklagten begangenen Unrecht? um Verzeihung bittet, leitet überreichte sie einen aus Hamburg batierter. Postabschnitt, inhaltlich besten der angebliche Thäter o. Hofmans sich als ben etbui- bigen bezeichnete und ihr roeüere 2c Mk. einfckickte. Schließlich, im letzte- Stabium des Verfahrens, ist bei ber Unterfuchungs-Be- hörbe em Dries eingelaufen, in bem eine Schwester Johanna aus München über ein Schuldbekenntnis berichtet, das v. Hofmann auf seinem Sterbebett abgelegt habe. Nachdem von ber Angeklagten ber Verbacht in biefer Weise erneut auf v. Hofmann gelenkt war, mürben von ber Staatsanwaltschaft bie eingehenbsten Recherchen nach ber Existenz und bem Aufenthalt biefer Persönlichkeit angestellt — burchcms ohne Erfolg. Tie Angeklagte selbst komUe, trotzdem Helene v. Hofmann längere Zeit m ihrer Pension m Nassau geweilt haben soll, trotzdem |ie in Eorrespondenz mit derselben gestanden haben will, weder über ihre Herkunft noch ihren Wohnort bestimmte Angaben machen, sie vermutete lediglich, daß sie bie Tochter eines höheren Offiziers fei. Tiefe auffällige Thatfache in Verbindung mit der Ergebnislosigkeit ber Recherchen unb ben Wi- bersprüchen in ben eigenen Angaben ber Angeklagten, ließ nur ben Schluß zu, baß biefelbe eine fingierte Persönlichkeit vorgeschoben habe, um ben Verdacht von sich selbst abzuwälzen. In ber Folge würbe nicht nur bieS, jonbern auch bie Thatfache fesigestellt, baß die Angeklagte bie auf bie angebliche Helene von Hosinann hlnwelfenben Schriftstücke teils gefälscht, teils von Anberen hat fälschen lassen. Nach Erhebung von Schulheften ber Kmber der Angeklagten stellte sich bei ber ersten Vergleichung heraus, baß ber Brief aus Bonbon von ber Hartd chres breizehnjährigen Töchterchens herrührte. Die Angeklagte leugnet zwar noch heute, daß sie ben Brief burch ihr Kmb schreiben unb ihn von Lonbon-Pans nach Nauheim beförbem ließ; bie drei, zu ber Hauptverhanblung zugezogenen Sachoerstänbigeli bekunden jedoch übereinstimmend, daß das Kmd der Schreiber des Brieses sei. Weiter geben bie brei Sachoerstänbigen ihr übereinstimmenbes Gutachten über bie Urheberschaft ber Mitteilung auf bem Postabschnitt aus Hantburg dahin ab, daß die Angeklagte selbst diese angeblich von bem o. Hofmann herrührende Zeilen geschrieben hat. Unb schließlich gelangte bas Gericht auf Grunb ber ganzen Sachlage zu ber Ueberjeugung, baß auch ber Bries ber angeblichen Schwester Johanna von ber Angeklagten veranlaßt fei — zu bem Zwecke, um bie Angaben in den übrigen gefäljchten Schriftstücken glaubhafter zu machen. Auf Grund dieses erheblichen Belastungsmaterials und des übereinstimmenden unb überxeugenben Gutachtens ber Schreibsachoersian- bigen, erachtete bas Gericht bie Thälerschast ber Angeklagten bezüglich ber Fälschung ber Quittung über Alk. 96.50 für erwiesen.
Auf ber zweiten ihr zur Last gelegten Urkundenfälschung zum Nachteil eines Nauheimer (Särtners hielt das Gericht die Beschuldigte für überführt. In einem Zivilprozeffe, den der Gärtner gegen die Angeklagte wegen einer Forderung von ca. 7 Mk. angestrengt hatte, hatte die Angeklagte im ersten Termin eine Quittung über Zahlung dieses Betrages vorgelegt; Kläger hatte zwar den Empfang des Geldes bestritten, mit Rücksicht auf die ungünstige Prozeßlage jedoch die Klage zurückgezogen. Auch diese Quittung bat nach dem übereinstimmenden Gutachten der Sachverständigen bie Anaeklagte geschrieben. Im Laufe ber Untersuchung hatten noch menrere Nauheimer Geschäftsleute Beschulbigunaen gegen bie Angeklagte erhoben; ein sicherer Nachweis ihrer Richtigkeit war jedoch nicht zu erbringen. Tas Gericht begnügte sich daher, über die beiden Quittungsjälschungen sowie über bie Fälschung beS als bewelserhebliche Urfunbe angesehenen Postabschnitts zu erkennen.
Die Staatsanwaltschaft beantragte unter Zubilligung mil- bember Umstände eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten unter Ausrechnung von einem Aionat der früher erlittenen Untersuchungshaft und ErlaßHaftbefehls wegenFluchtverdachts,in ausführlicherTarlegungdie Manipulationen derAngeklagten aufdeckend, und das erdrückende Be- roei5matenalerörtemö. Das Gericht billigte der Angeklagten mit Rücksicht auf ihre bisherige Unbestrastheit mildernde Umstände zu. Zu ihren Ungunften kam in Betracht, daß sich in der Begehung mehrerer Fälschungen die Neigung auc Verübung strafbarer Handlungen dokumentiere, daß die Art ber Begehung ber Strafthaten großes Raffinement zeige, baß bie Angeklagte nicht etwa in einer Notlage — ihre Vermögensverhältniste sinb durchaus gute unb ge- orbnete — sondern aus gewöhnlicher Habsucht gehandelt habe und schließlich, daß der zuerst begangene Betrug eine erhebliche Summe zum Gegenstand habe. Aus diesen Gründen gelangte da» Gericht zur Verhängung einer Gefängnisstrafe von sechs M o n a t e ».abzüglich eines Monats ber Untersuchungshaft ; bem Antrag ber Staatsanwaltschaft entspreche«!», würbe bie Angcklagte wegen Fluchtverbachts sofort in Haft genommen.
Vermischtes.
* Wyk aufFöhr, 28. Okt. Unter Hinterlassung vieler Schulden ist der Buchhändler Bursian, Verleger des hier ersckjeinenden ,^Jnselboten", verschwunden. Auf Antrag der Gläubiger ist beretts das Konkursverfahren eröffnet worden. Heute vormittag wurde von der Staatsanwaltschaft in Flensburg ein (Stern»rief hinter dem Flüchtigen erlassen.
* Florenz, 28. DEL Wahrend der Abwesenheit Tommaso Salvinis drangen Diebe in seine Wohnung, richteten Verheerungen in dem Saale an, wo Salvini seine kostbaren Erinnerungen an seine künstlerische Laufbahn angv- sammelt hatte, stahlen die Medaillen und goldenen Kränze, ein goldenes Theeservice und viele andere kostbare Gegenstände. Von den Dieben fehll jede Spur. (Salvini ist einer oer größten Bühnenkünstler der Gegenwart und namenllich als Othello-Tarsteller berühmt. D Red. d. Gieß. Anz,-
Gerichtssaal.
M. Gießen, 28. Okt. Strafkammer. Den Vorsitz führte Landgenchtsbirektor Tr. Güngerich, bie Staatsanwaltschaft vertrat Gerichtsasseffor Dr. Hetzel. Ter Golbarbeiter Heinrich Huhn von Gießen ist wegen Körperverletzung — er hat etnem Andern mit einem Stock eine blutenbe Verletzung am Kopf beigebracht — vom Schöffengericht Gießen zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt worben. Seine Berufung gegen bies Urteil wirb kostensällig als unbe- grünbet verworfen. — Ter Taglöhner Sebastian Kaiser von Hartmannsham hak Berufung gegen ein Urteil bes Schöffengericht- Gießen eingelegt, wonach er wegen Unterschlagung eines gefun- benen golbenen Ringes unb einer gestorbenen Uhrkette zu einer breiwöchigen Gesängnissttase verurteilt worben ist. Tie Berufung wirb als unbegrünbet kostenfällig verworfen.
Berlin, 28. Okt. In ber heutigen Derhanblung bes ProzeffeS wegen Grünbung ber „H e l i o s - G e f e 11 s ch a f t" lehnte bet Vorsitzenbe bie Entgegennahme ber Erklärung bes VertetbigerS ab, baß bas Ergebnis ber gestrigen Hauptverhanblung nicht anerkannt werbe, unb erklärte, baß auch ber Protokollführer ohne Weisung bes Gerichtshofes nicht befugt fei, Schriftstücke zu Protokoll zu nehmen. Ter Vorsitzenbe teilte Johann mit, baß er, von ben Angeklagten gestern als Zeuge in diesem Prozesse gelaben, ber Labung feine Folge leisten werbe. Em Beisitzer gab gleiche Erklärungen ab. Angeklagter Hase erklärte, bie Ladung fei vorschriftsmäßig erfolgt unb beantragte, bie Weigerung ber Zeugen für ungerechtfertigt zu erklären, eoent biefelben zu veranlassen, bie Genehmigung ihrer vorgesetzten Behörden einzuholen, unb bic Verhanblung biS bahin auSznsetzen. Ter Antrag, bem ber Staatsanwalt widerspricht, wirb abgelehnt. Ter Vorsitzende teilt ferner mit, baß der Angeklagte Rieß gegen ihn eine Prioatklage wegen Beleibigung eingereicht habe. Der Vorsitzenbe hatte ben Angeklagten, ber sich Ingenieur nannte, gefragt, wo er als Ingenieur thättg gewesen sei, unb auf besten Erwibemng: u. A. bei Siemens u. Halske, aefagt „Wohl zum Snibenrememachen". Nach Erlebigung der Zwischenfälle wirb bie Anklage weiterverhandett.
Instcrbnra, 28. Okt. TaS „Cftpr. Tagebl." berichtet, baß int Trakehner LchuIprozeß beide Angeklagten bie Rechtsmittel ber Revision angemelbet haben.
Prag, 28. Oktober. Hier steht z. Zt. em sensationeller Prozeß zur Verhanblung, der bie HäNchung von öffentlichen Urfunben unb zahlreiche auf Gründ dieser Fälschungen erfolgte Verleihungen bei Abels zum Gegenstanbe hat. Zahlreiche Pettoueu. die mitten


