Nr. 254
Zweites Blatt. 152. Jahrgang
Mittwoch 2S. C hob er 1902
Erl-e»«1 täglich oußei Sonntag».
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Veraatwortlichr tüt den pellt. n. allgem. keil: P. Wiltko: tüe „Stadt und ßanb* und GerichlSsacU": Curl Plato; süt den Anzeigenteil r Han» veck.
Ausland.
London, 28. Dti. Unterhaus. Balfour erklärt, die Frage der allgemeinen Regelung der Verhältnisse in Südafrika und der Vorschläge der Regierung bezüglich der künftigen finanziellen Maßnahmen sei für eine Besprechung noch nicht reif. Cranborne verkündet, wenn die Verstärkungen im Somalilande angekommen seien, beziffern sich die dortigen englischen Streitkräfte auf 4920 Mann.
Paris, 28. Okt. Der Minister des Acußern, Delcassä, teilte im heutigen Ministerrate mit, die Regierungen Deutschlands, Englands und Frankreichs einerseits und die Regierung von Japan andererseits hätten vereinbart, die Auslegung der Bestimmungen über die immerwährenden Pachtverträge betr. bie Besitzungen der Ausländer in Japan Schiedsrichtern au unterbreiten., Tie Schiedsrichter sollen unter den Mitgliedern des Haager Schiedsgerichtes ausgewählt werden. Ueber den Kardinal Perraud wurde wegen seiner die Regierung beleidigenden Rede die Geh altssperre verhängt. Ministervräsident Combes teilte mit, daß der A u s st a n 5 befriedigend ruhig verläuft.
— „Figaro" schreibt über den Besuch des dänischen Kronprinzen beim deutschen Kaiser, der Besuch sei ein Beweis dafür, daß zwischen den Gegnern von 1864 keine Spannung mehr herrsche. Tas könne nur zur Festigung des allgemeinen europäischen Friedens beitragen.
Madrid, 28. Okt. In der Nähe von Karrnono entdeckte die Polizei ein Tepot von 35 Kilogramm Pulver und anderen Explosivstoffen. Man vermutet, daß es das Lager von Anarchisten sei.
Rom, 28. Okt- In eingeweihten Kreisen herrscht die Ansicht, dieAnschlägegegendenErzbischofGiani in Livorno seien mit dem letzten Bombenattentat noch nicht zu Ende. Tie Regierung hatte schon ost die Kirchen- behorde um die Versetzuna des Erzbischofs eriuckt. aber
Die heutige ’gtammer umfaßt 16 Seiten
Deutsches Keich.
Berlin, 28. Okt. Der Kaiser hörte heute die Vorträge des Chefs des Militärkabinets und des Chefs des Admiralstabes.
— Nach einer Meldung auS Sofia richtete Kaiser Wilhelm anläßlich des Empfanges, den Fürst Ferdinand in Varna dem Schiffe „Therapia" zu Teil werden ließ, sowie der dabei gehaltenen Rede, worin der Fürst der Entwickelung der Handelsbeziehungen mit Deutschland das Wort sprach, an denselben ein in schmeichelhaften Worten abgefaßtes
Danktelegramm.
— Die ,Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: In di. reichsdeutsche Preffe ist eine Erzählung der in Wien er. scheinenden „Alld. Korr." übergegangen, nach der währen! des Besuches des deutschen Kronprinzen am Wiene
Politische Tagesschau.
Zur Snglandfahtt be8 Kaiser«.
Man schreibt uns aus Berlin, 28. Oktober:
In den Kreisen der hiesigen englischen Kolonie beschäftigt man sich lebhaft mit der bevorstehenden Reise Kaiser Wilhelms nach England. Im Hinblick auf die freilich noch unverbürgte Meldung, Prinz Heinrich werde im nächsten Jahre abermals nach Amerika fahren, und auch ein Besuch des deutschen Kronprinzen in den Vereinigten Staaten stehe in Frage, wird es von den in Berlin lebenden Engländern mit Genugthuung empfunden, daß Kaiser Wilhelm „über den Kanal" geht. Es regt sich bei den Briten so etwas wie Eifersucht auf die andere englisch sprechende Nation wegen ihrer immer vertrauter werdenden Beziehungen zu Deutschland. Dieses Empfinden hüt auf die bekanntlich recht lebhafte Phantasie der „nüchternen" Engländer dem Anschein nach außerordentlich eingewirkt. Tenn nur daraus läßt sich erklären, daß man in jenen Kreisen dem Gedanken Raum gießt, Kaiser Wilhelm werde mit König Eduard Vereinbarungen treffen über einen Besuch des deutschen Kronprinzen in den britischen Kolonien. Es wird dabei völlig außer Acht gelassen, daß, wenn der Kronvrinz schon einmal über See gehen sollte, ein Besuch der deutschen Schutzgebiete wohl eher in Frage käme, wie ja auch d,er Prinz von Wales aus seiner vorjährigen Weltreise ausschließlich die englischen Kolonien besuchte. An eine Fahrt des deutschen Thronfolgers nach dem überseeischen England ist selbstverständlich^ebenso wenig zu denken wie an eine solche oes britischen Thronfolgers nach dem überseeischen Deutschland. Nach der letzteren ist aus deutscher Seite niemals Verlangen geäußert worden; daß erstere den Engländern erwünscht wäre, beweist mithin, daß ein gewisses Wohlwollen von feiten Deutschlands den Briten allgemach Beoürfnis geworden ist.
Aus dem Reichstag.
Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt anterm 28. Oktober:
Zwischen gestern und heute ist von Fraktions wegen der Telegraph nach allen Richtungen der Windrose hin in Bewegung gesetzt worden. Nicht ohne Erfolg. Tas Signal „A bst i m m u n g über die W i e h z ö l l e in Sicht!" hat gar manchen „heimfrohen" Parlamentarier veranlaßt, den Koffer wieder zu packen und den Eilzug nach Berlin zu besteigen. Ter Gäste wartete eine Enttäuschung: nicht weniger als neun Redner hatten sich noch für die Biehzoll- debatte vormerken lassen. Wenn nicht ein „rettender" Antrag auf Schluß der Tiskussion einlief, war für heute keine Aussicht auf Entscheidung. Bald zog sich das Gros der Gesetzgeber in die Lesesäle und an die Fcaktionstisch^e in der Restauration zurück, um dort ungestörter den Verlauf der Tinge abzuwarten. Der nahezu leere Sitzungssaal hallte unterdessen wider von den tönenden Worten der unverzagt für und gegen höhere Zölle Kämpfenden. Ten MLord ui Bezug auf Länge der Rede erreichte heute das körperlich kleinste Mitglied des Reichstags, Abg. Segitz (Soz.), seines Zeichens Arbeitersekrelar in Fürth. Um die Kraft der Stimme könnte indessen mancher Hüne an Gestalt Herrn Segitz beneiden. Ter größere rednerische Erfolg gehörte jedoch dem Abg. Gras Kanitz (kons.). Tas gediegene Wissen dieses Parlamentariers, seine immer vornehm blei- benoe Art des Polemisierens nötigt auch dem politischen Gegner Achtung ab. Vom Regierungstisch griff Staatssekretär Graf Posadowsky in die Debatte ein. Im Nu füllte sich das Parkett. Ter Staatssekretär behandelte in fesselnden Ausführungen, gestützt auf persönliche Erfahrungen und Studien im In- und Auslande, die Frage der Wirkung von Getreide- und Viehzötlen, der Fleischs-Einfuhr njw. Besonderen Eindruck erzielte er, als er den Sozialdemokraten die Ausführungen des „Genossen" Abg. Schippe! über die Agrarzölle — aus dessen vielzitiertem Buch — cntgegenhielt. Abg. Schippel, der auf einem Platz der äußersten Linken völlig vereinsamt saß, hantierte nervös mit dem Bleistift; die Blicke, welche ihm seine politischen Freunde zuwarfen, bekundeten nichts weniger als Behagen und Befriedigung. Tie lange Rede des Grasen Posadowsky gipfelte in einem ernstesten Tones an die Mehrheitsparteien gerichteten Appell, der Regierung die neue handetspolitiiche Rüstung an Stelle des alten „Kuhfußes" nicht zu versagen, von unrealisierbaren Forderungen über die Regierungsvorlage hinaus Ab st and zu nehmen. „Tie warnende Schrift steht schon an der Wand. Man
braucht kein Daniel zu sein, um sie zu lesen und zu deuten." Tie Mehrheitsparteien scheinen aber noch immer nicht geneigt, der warnenden Schrift Beachtung zuzuwenden. Abg. Trimborn (Ztr.) wenigstens beharrte darauf, daß die Bindung der Viehzölle aufrecht zu erhalten sei. Und voller Zuversicht prophezeite Herr Trimborn in einem etwas kühnen Wortbilde, daß aus Neuwahlen unter der Parole „Zolltarif" — ,cher Zentrumsturm verjüngt und verschönt hervorgehen werde." Was aber wird aus dem neuen handelspolitischen Rüstzeug, um das die Regierung den Reichstag so dringend ersucht? Tie Antwort auf diese Frage blieb der Zentrumsredner schuldig .
ein mues „Zurück!"
nisse zurückgewiesen werden. Man könnte einigermaßen er- taunt sein, daß die betreffende Berechnung, deren Richtigkeit aurn von anderer Seite in Frage gestellt worden war, eine o eifrige und umständliche Verteidigung sindet. Sonst nimmt Graf Bülow die ziemlich regelmäßigen agrarischen Angriffe auf seine wirtschaftlichen Kenntnisse nicht gerade tragisch. Diese Abwehr scheint jedoch mehr der Form halber ich an das genannte Blatt zu richten und vor allem den Zweck zu haben, darauf vorzubereiten, daß die Reichsregierung nicht gesonnen ist, sich die von der Reichstagsmehrheit beabsichtigten Abstriche an den Jndustriezöllen gefallen zu lassen. Wenigstens nicht, oweit wichtige Zölle, wie diejenigen der Eisenindustrie, in Betracht kommen. Tie offiziöse Auslassung kündigt eine ergänzende Gegenüberstellung des Zollschutzcs für die einzelnen Haupterzeugnisse der Landwirtschaft und der Industrie an; hierfür „dürfte sich später noch hinreichend Gelegenheit bieten". Es ist also nichts mit dem „Ausgleich", den die mit den landwirtschaftlichen Zöllen Unzufriedenen durch „entsprechende" Herabsetzung der Jn- dustriezölle schaffen wollen; auch hier tönt ein „Zurück!" entgegen. Tie Regierung macht das Geschäft nickt. Wieder ein Strich durch Die fein ausgeklügelte Taktik der Mehrheitsparteien. Tas hatte man mit Sicherheit erwartet, daß die Regierung in den Jndustriezöllen kräftig zu streichen gestatten würde. Wie soll man nun mit Anstand einlenken? Tenn man will doch nicht auf das der Landwirtschaft Gebotene Verzicht leisten. Zu dem Entschluß ist man doch im Laufe der Zeit gekommen, das „Alles oder nichts" fallen zu lassen. __
Der Steckbrief gegen Kaiser Wilhelm und Anderes im österreichischen Parlament.
In der Dienstag-Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses erklärte Ministerpräsident v. Körber, er lehne die Beantwortung der Interpellation betreffend gewisse Vorkommnisse gelegentlich des d eu t sch en San gerbundesfestes in Graz mit der Bemerkung ab, daß kein Minister auf eine Frage Rede stehen könne, welche nur gestellt zu sein scheine, um die Immunität zu unqualifizier- baren Angriffen selbst, was ganz unerhört, gegen jene höchste Stelle im Staate benutzen zu können, vor der sich auch der leidenschaftlichste Politiker in Ehrfurcht beugt. In Beantwortung einer Interpellation des Abg. Schönerer betr. den im Prager Polizeianzeiger veröffentlichten Steckbrief gegen K a i s e r W i l h e l m erklärt der Ministerpräsident, daß auch die Regierung in dieser gefälschten Kundmachung eine unverantworrliche Verletzung des einem fremden Souverän gebührenden Respekts erblicke, welche im vorliegenden Falle um so schwerer in die Wag schale falle, als es sich um einen treuen Freund und verbündeten Monarchen handele. Der Hauptschuldige habe bisher nicht ermittelt werden können. Ministerpräsident v. Körber schließt seine Ausführungen über die Prager Steckbriefangelegenheit mit der Bemerkung, die Regierung verabsäume nicht, mit denjenigen, welche wegen Vernachlässigung ihrer Pflichten anzuklagen wären, entsprechend zu verfahren.
Taszynski begründete hierauf die Dringlichkeit seines Antrages betreffend den ostgalizischen Feldarbeiter- ausstand. Er schilderte unter heftigen Ausfällen gegen die polnische Schlachta die traurigen Verhältnisse der bäuerlichenBevolkerung Galiziens, welche von den Gutsbesitzern ausgew uchert, der Not und dem Elend preisgegeben und zur Auswanderung gezwungen werde, und warnt vor einer Entfachung des Chauvinismus im Bauernstände, sowie vor der beabsichtigten Heranziehung fremder Hilfsarbeiter für die Ernte, wodurch der Bauernstand zur Empörung gereizt würde. Redner tritt für die Entsendung einer parlamentarischen Kommission zur Prüfung der Verhältnisse in Galizien ein. Ter Ministerpräsident konstatiert, daß bei den Vorfällen in Galizien allerdings die Lohnfrage int Vordergründe gestanden hatte, jedoch die polnische Agllativn sich bemerkbar machte. Ter Ministerpräsident konstatiert, daß niemand getötet und die Zahl der Verwundungen sehr gering gewesen sei. Abraham o w i t s ch bestreitet, daß Not und Elend die Ursache des Streikes waren und bemerkt, Taszynski habe es sich zur Aufgabe gestellt, alle Gesellschaftsklassen hearbzuwür- digen, die seiner Umsturzarbeit entgegentreten. (Gninewosz ruft: Verräter!) Er und seine Parteigenossen würden gegen die Anträge stimmen, weil sie gegen die Staatsargani- jation gerichtet sind und weil sie die Gesamtregierung anklagen, daß sie bis jetzt den polnischen Großgrundbesitz noch nicht für vogelfrei erklärt habe.
Aus Berlin, 28. Oktober, wird uns geschrieben: Es ist eine Darlegung von ungewöhnlicher Länge, womit
Bülow im Reichstag gegebenen Vergleich über die Zoll- den jüngeren Erzherzogen, vor allem den, Thronfolger, cm belastung landwirtschaftlicher und industrieller Erzeug- getreten wäre. Infolgedessen hallen wahrend Der jungitei
Kaisermanöoer in Ungarn der Kronprinz und Erzherzog Franz Ferdinand nicht miteinander verkehrt. Die Geschichte ist in allen Einzelheiten erfunden. Zwischen dem Kronprinzejn und dem Erzherzog Franz Ferdinand bestehen seit Jahren freundschaftliche Beziehungen, die nie durch irgend welchen Zwischenfall getrübt worden sind. Die beiden Reisen, die imfer Kronprinz nach Oesterreich und Ungarn unternommen hat, verliefen ohne jeden Mißklang.
— Der Kronprinz von Dänemark, der im Laufe des heutigen Vormittags den in Potsdam wohnenden Fürstlichkeiten Besuche abstattete, wird voraussichtlich bis morgen als Gast des Kaiserpaares im Reuen Palais verweilen und sich dann nach Kassel begeben zur Vorstellung des Offizier- korpS deS dort garnisonirenden Husarenregiments Nr. 14, dessen Chef der Kronprinz ist.
— Reichskanzler Graf Bülow empfing heute den bisherigen brasilianischen Gesandten, Baron Rio Branco, der infolge seiner Ernennung zum brasilianischen Minister des Aeußeren von Berlin scheidet.
— Wie ein Parlaments-Berichterstatter erfahren haben will, besteht innerhalb der Centrumsfraktion keine Neigung, zu einer Aenderung der GeschäftSord- nung des Reichstages irgendwie die Hand zu bieten. Von Vertretern der Reichspartei und der National- liberalen soll der vergebliche Versuch gemacht worden sein, die CentrumSkreise für ein solches Projekt zu gewinnen.
— Die „Dtsch. Tagesztg." stellt gegenüber der Erklärung deS Abg. Dr. Heim, daß ein Riitglied des Bundes der Landwirte in einem Brief den Ausdruck von der ^gräßlichen Flotte" gebraucht habe, heute abend fest, daß der Brief nicht von einem Mitglieds des engeren Vorstandes deS Bundes der Landwirte herrührt.
— Eine Massenversammlung der Berliner Polen be schloß, eine polnische kirchliche Gesamtorganisatton für die Reichshauptstadt und deren Umgebung ins Leben zu rufen. Verlangt wird eine Vermehrung der polnischen Geist- lichen in Berlin, polnische Predigten in allen katholischen Kirchen und Kapellen u. s. w.
Dresden, 28. Okt. Die heute hier tagende Generalversammlung des Verbandes sächsischerJndustrieller war stark besucht. Im Mittelpunkt stand ein Referat deS Verbandssyndikus Dr. Stresemann-Dresden über „Sächsische Steuergesetzgebung und Industrie." Im Anschluß an baS Referat wurde einstimmig eine Resolution gefaßt, welche sich entschieden gegen die von den Standen beschloffene Freilassung des landwirtschaftlichen Anlage- und Betriebskapitals von der Vermögenssteuer, sowie gegen eine etwa geplante Verweisung der Gemeinde auf die Gemeindegewerbesteuer aussprach. Ferner wurde die Vereinfachung der Steuereinschätzung für unerläßlich erklärt.
Stuttgart, 28. Okt. Bei der heuttgen Landtags« mahl in Vaihingen wurde Reichert (Blmdler), in Ravensburg Schlichte (Centrum) gewählt. — In Heilbronn (Land) hat zwischen Schäffler (Soz.) und Hegelmaier (B. d. Ldw.) Stichwahl stattzusinden.
Heer und Flotte.
Berlin, 28. Ott. Tas neue Infante ri ege wehr wird im Laufe des Herbstes an das 3., 4., ü. und 6. Armeekorps verabfolgt; es sind dann, einschließlich der Garde, im ganzen fünf Armeekorps mit der neuen Schußwaffe ausgerüstet.


