den letzten Jahrzehnten die Druttokosten für Me Land wirtschaft gestiegen. Nun ist auf England hingetviesen worden. Es ist gesagt worden: In England herrsche Zollfreiheit, gleichwohl gehe es oer englischen Lmidwirthschafi sehr gut. Ja, entweder verstehe ich gar nichts von der Landivirthschaft, oder bte Herren, die das behaupten, kennen die Verhältnisse nicht. Wer die Zustände auf englischen Gütern auch nur einmal in Augenschein genommen hat, der wird zugeben, in welch hohem Maste dort die Landwirthschaft nicht mehr Erwerbsquelle, sondern eigentlich Lurusgegenstand ist. Es Gehört dort zu einer gewissen sozialen Position, Grundbesitzer zu ein. Das Einkommen bezieht man aus ganz anderen Quellen. Wäre es wahr, daß die Zollfreiheit den bäuerlichen Besitz fördert, so hätte doch in England eine ungeheure Vermehrung des Bauernstandes eintreten müssen. Was sehen wir aber statt dessen? In keinem Lande der Welt hat sich die Latifundienwirthschast in so gefährlicher Weise entwickelt, wie in England. (Sehr wahrl rechts.) 2,8 Prozent sämmtlicher Grundeigcnthümer Englands besitzen die Hälfte der gejammten Oberfläche des Landes. Ein Drittel des ganzen englischen Landes befindet sich im Besitz von 710 Personen. In Northumberland gehört 44 Besitzern % des ganzen Besitzes. (Zuruf links: Das stammt ja noch aus der Zeit der Korn^olle!) Nein, die Bewegung, welche zu einer Vergrößerung des englischen Latifundienbesihcs fuhrt, datirt nicht nur aus der Zeit der Storni zölle, sondern sie hat sich auch nachher weiter entwickelt. Zustimmung rechts, Widerspruch bei den Soz.) Ich bedauere ja, daß ich Behauptungen aufstellcn muß, die sich nicht mit Ihren Anschauungen decken, aber ich muß mir das Recht Vorbehalten, meine auf Grund wissenschaftlicher Studien gewonnenen Ansichten zu entwickeln.
Nun zu Deutschlandl Es wäre ein Fortschritt für die östlichen Provinzen, wenn wir dort mehr Kleinbesitz hätten (sehr richtigl), und ich hoffe, daß einmal die Zeit kommt, wo cs politisch und finanziell möglich sein wird, auch in anderen Provinzen Ansiedelungs- kommissioncn wie in Westpreußen und Posen zu bilden. Das würde der Landwirthschaft zum größten Vortheil gereichen. Aber die Herren sind im Jrrthum, wenn sie glauben, daß unser Bauer eines geringeren Zollschutzcs bedarf als der Großgrundbesitzer. (Sehr richtig! rechts und im Centrum.) Aus einer Rede, die der badische Finanzminister gehalten hat, geht hervor, daß in Baden, wo doch der Bauernstand erheblich günstiger steht als im Osten, ein Bauernhof nach dem anderen vom Fiskus oder von städtischen Kapitalisten, die ihn als eine Art Sommeraufemhalt betrachten, angekauft wird. Es ist ein Jrrthum, anzunehmen, daß der Bauer, der in der Regel doch kapitalschwächer ist, leichter existiren kann unter dcm System der Zollfreiheit. Wir fönnen eines Zollschutzes nicht entbehren. :(Rufe links: Dänemark!) Dänemark können Sie mit Deutschland nicht vergleichen. Dänemark hat ein außerordentlich feuchtes Klima und es hat in Folge dessen unendlich viel günstigere Wiesenverhältnisse, die gar keiner ober sehr geringer Bearbeitung bedürfen. Es, eignet sich daher viel mehr als Deutschland zur Viehzucht. Versuchen Sie es doch einmal, auf dem märkischen Sand die gleichen Erfolge zu erzielen!
Was die F l e i s ch n o t h betrifft, so ist hier das Fleisch- beschaugcsetz viel angegriffen worden. Man konnte ja darüber zweifelhaft fein, ob man ein Fleischbeschaugesetz erlassen sollte, oder nicht. Die gcsammte öffentliche Meinung war aus hygienischen Gründen dafür. (Sehr richtig! rechts.) Aber eins ist doch klar: wenn Sie für das deutsche Volk eine Fleischbeschau einsühren, die für den Besitzer und die mit Vieh handelnden Gewerbe eine erhebliche Belästigung und große Kosten mit sich bringt, so können Sie unmöglich das ausländische Fleisch ununtersucht hincinlassen. (Sehr richtig! rechts und im Ccntrum.) Lassen Sie das auslän- dische Fleisch Hinern, so muhten wir mindestens diejenigen Eautelen treffen, die nothwcndig sind, um über das cingeführte Fleisch wenigstens einigermaßen dasselbe hygienische Urtheil, wie über das einheimische zu gewinnen, indem wir einmal das lebende Thier und sodann das Produkt untersuchen. Vor allen Dingen aber mußten wir alle diejenigen Fleischwaaren ausschließen, bei denen eine Untersuchung absolut unmöglich ist. Sonst könnten wir unmöglich den Besitzern des inländischen Viehs zumuthen, ihr Vieh etner Fleischbeschau zu unterwerfen, die mit so großen Kosten verbunden ist. Es ist auf den Schaden hingcwiesen, der für die Ernährung des Volkes durch das Fleischbeschaugesetz erwächst und noch erwachsen Wird, aber die Einfuhrmenge des ausländischen Fleisches ist so minimal, daß dadurch unmöglich ein maßgebender Einfluß auf die Ernährung des Volkes ausgcübt werden kann. Nach den Ermittelungen eines Forschers, dessen Werk von allen Parteien anerkannt wird, ist die Versorgung der Bevölkerung mit inländischem Schlachtvieh jetzt keineswegs ungünstiger, sondern eher reicher als vor zehn bis zwanzig Jahren (hört, hört! rechts), natürlich unter der Voraussetzung, daß der Bedarf pro Kopf derselbe geolicben ist. Das aber ist ein entscheidender Punkt. Ich habe mich gefreut, daß von sozialdemokratischer Seite in einer der letzten Sitzungen anerkannt ist, daß sich der Ernährungszustand der unteren Bevölkerungsklassen unzweifelhaft gehoben hat. Früher bestritten das die Herren. Auch nach meiner Ansicht hebt sich der Fleischkonsum des Arbeiters und er muß sich heben. Die Aufgabe der deutschen Landwirthschaft ist es, diesem verstärkten Fleischkonsum, der sich aus dem steigenden Lebensstande der Bevölkerung ergicbt, durch ihre Produktion gerecht zu werden; aber aus dem Wege, den man hier wiederholt betont hat, wird es für den Landwirth unmöglich, gleichviel, ob er Bauer oder Großgrundbesitzer ist. Man kann bei dem Schutze unseres Viehs gegen Seuchen zwei ganz diametral entgegengesetzte Wege gehen. Erstens kann man die Grenzen absolut nicht freihalten, aber unter einer Voraussetzung daß dann rücksichtslos jedes Stück Vieh, das krank befunden wird, aetöDtet wird. Daraus folgt von selbst, daß man dem Besitzer, dessen Vieh man tobtet, eine Entschädigung giebt. Diese Entschädigung wird aber, wie es jetzt der Fall ist, von den Vieh- dcsitzern selbst aufgebracht. Oeffnen wir in dieser Weise die Grenzen der Einfuhr fremden Viehs, dann wird eine solche ungeheure Maste von Vieh getödtet werden müssen, daß die Entschädigungsbeiträge für die Besitzer vollständig unerschwinglich werden. Ich glaube, bann wird oas Fleisch wesentlich theurer werden, als jetzt (Sehr richtig! rechts.) und wir würben die ungeheuren Lasten ber Entschädigung tragen zu Gunsten der ausländischen Landwirthschaft. (Erneute Zustimmung rechts.) Diesen Weg wird keine Regierung betreten. Ich erinnere mich aus meiner Thätigkeit als Landeshauptmann der Provinz Pofen, daß dort oft die Pferdebestänbe ganzer
Güter, welk der Rotz etngeristen war, getobtet werben mußten, ja oft brei bis vier Mal hintereinander. Auch wegen der Lungenseuche mußten wir ganze Viehbestände tobten Dann kamen Jahre, wo in ber ganzen Provinz nicht ein einziger Fall von Lungenseuche vorkam, wo ber Rotz nur in wahrhaft verschwindender Weise sich zeigte. Wenn Sie auch den Viehbejiser entschädigen, jeder praktische Landwirth wird mir beiiätigen, daß die Sperrung eines Gehöfts, die Tödtung ei^es Viehstandes eine Störung in jede geord- ncic Landwirthschaft hinenibringt, die geradezu perniciös für die Besitzer ist. Ich glaube also, wir sind verpflichtet, durchaus loyal alle Die Sicherheitsmaßregeln anzuwenden, die nothwendig sind, um in möglichst hohem Umfange, soweit die veterinärpolizeiliche Wisten- schaft das kann, unseren Schlachtvieh- und Pferdebcnand, ber einen Werth von über 7% Milliarden har, gegen Krankheiten zu schützen. Wie ist dieses Verbot entstanden? Die verbündeten Regierungen haben die wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen, den Reichsgesundheitsrolh und andere Körperschaften gehört, und sie alle haben erklärt, Borsäure ist schädlich für den menschlichen Organismus und must verboten werden. (Sehr richtig! rechts.) Nun sagt man, nur große Dosen feien fchädlich. Aber wie ist denn möglich, kleinere Tosen zu erlauben und größere zu verbieten? Andere Staaten sind ganz ähnlich vorgegangen, wie wir. Tas Verbot ber Borsäure besieht beispielsweise in Frankreich, und selbst einige amerikanische Staaten haben sic verboten. Natürlich giebt es immer Gelehrte, die anbercr Ansicht sind. Jahrzhntelang ist an der Theorie festgehalten worben, die Tuberkulose des Viehs sei identisch mit der des Menschen, könne daher auch vom Vieh auf den Menschen übertragen werden. Jetzt tritt ein sehr hervorragender Gelehrter auf und zieht diese Theorie in Zweifel. Tarin liegt ja gerade der Fortschritt ber Wissenschaft, baß man sich niemals bei einem Ergebniß beruhigt. Bis aber der Beweis für die neue Wahrheit erbracht ist, und zwar in unzweifelhafter Weise, müssen wir an dem festhalten, was fo hervorragende Körperschaften sagen. Wenn der Bundesrath warten wollte, bis alle Gelehrten einig sind, dann könnte er warten, bis Ostern auf Pfingsten fällt. (Heiterkeit und Zustimmung rechts.)
Es ist wiederholt behauptet worden, baß die Regierung und auch der Wirthschaftliche Ausschuß ursprünglich einen Doppeltarif gewünscht hätten. Beide Behauptungen sind irrig. Der Wirthschaftliche Ausschuß setzt sich zusammen aus einer großen Zahl von Sachverständigen der verschiedensten Richtung, und Majoritäts- beschlüsie können dort gar nicht gefaßt werden, aber für die verbündeten Regierungen war es Pflicht, die Gutachten des Wirth- schaftlichen Ausschusses einzuholen. In keinem Falle aber haben sich die Regieruiigen in den Verhandlungen des Wirthschaftlichen Ausschusses auf irgend ein Zollsystem festgelegt. Ein Doppeltarif kann unter Umständen ein sehr wichtiges handelspolitisches Instrument sein, aber man darf nicht in den Fehler verfallen, die Minimalsätze so hoch zu normiren, daß man sich sagen muß: Wenn man daran festhält, kommt man zu einem Zollkrieg mit aller Welt. Es wäre ein großer Optimismus, zu glauben, daß in diesem Hause ein allgemeiner Doppeltarif leichter verhandelt würde. Ich fürchte, daß die Minimalsätze, die wir hätten einsetzen können, noch viel mehr Anfechtung erfahren hätten, wie die jetzigen. Man hat ja überhaupt unsere Minimalsätze auf das Heftigste angegriffen. Für den Reichskanzler war es wichtig, von Anfang an zu zeigen, wie weit er geneigt sei, herunterzugehen, und hierbei das Einoerständniß der verbündeten Regierungen zu haben, die ja bei den Vertragsverhandlungen wenig in Funktion treten. Cs war aber auch aus dem Grunde richtig, für Getreide Minimalsätze einzu- sehen, weil man sofort zeigen konnte, wie weit man zu gehen entschlossen ist. Andererseits hätte sich die ganze Agitation nicht gegen die eventuellen Kompensationssätze gerichtet, sondern gegen die autonomen Sätze des Tarifs. Sie sehen ja, daß eine ganze Reihe von Sätzen lediglich Kompensationsobjekte sind, die sich sehr wahrscheinlich bei den Verhandlungen ändern. Und deshalb schweben auch alle die Berechnungen über die finanziellen Einnahmen für das Reich und über die Belastung der Familien in Folge der Zölle völlig in der Lust. Solche Berechnungen kann man aufstellen, aber praktischen Werth haben sie nicht.
Man hat gesagt: Ja, wenn der Zolltarif nicht zu Stande kommt, so verlängern Sie doch gefälligst die Handelsverträge ober schließen Sie auf Grund des bisherigen Tarifs neue Verträge l Aber es kann doch keinerlei Zweifel darüber fein, daß unsere Situation jetzt wesentlich ungünstiger ist, als bei Aufstellung des geltenden Tarifs. 34 Staaten, mit denen wir im Vertragsverhältniß stehen, sei es in Tarif- oder Meistbegünstitzungsverträgen, haben seit Abschluß der Caprivischen Handelsverträge sehr wesentliche Erhöhungen für eine ganze Reihe von Gegenständen eintreten lasten. (Hört, hört! rechts.) Trotzdem sollen wir jetzt auf Grund des alten Tarifs neue Handelsverträge schließen? Mein verehrter stüherer Kollege, Freiherr von Marschall, der ja bei dem Abschluß der Caprivischen Handelsverträge eine große Rolle gespielt hat, hat bereits unmittelbar nach dem Zustandekommen des österreichischen Handelsvertrages erklärt, wir müssen einen neuen Zolltarif haben, und er hat wiederholt und dringend den damaligen Reichsschatz- felretär gebeten, sofort an die Ausarbeitung eines neuen Zolltarifs zu gehen. Wir dürfen noch Eins nicht vergeßen: Wenn Sie uns zwingen, auf Grund des alten Zolltarifs zu neuen Handelsverträgen zu kommen, dann ist die Gefahr von Zollkonflikt en viel größer, als wenn Sie uns einen neuen Zolltarif gewähren. Daß ich immer dafür eingetreten bin, schiedlich - stiedlich mit anderen Staaten auf handelspolitischem Gebiete auszukommen, daran wird kein ehrlicher Mann in diesem Hause zweifeln. Ich habe immer vor einem Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten gewarnt, ich habe drei Jahre hintereinander das Haus gebeten und beschworen, das Handelsprovisorium mit England zu erneuern. Daß ich jede Maß regel perhorreszire, die zu einem Zollkrieg führt, dessen können Sie versichert sein. Aber mögen Sie es glauben ober nicht, die Gefahr, daß wir handelspolitische Wirren bekommen, ist größer auf Grund des bestehenden, als auf Grund eines neuen Tarifs. Es ist das ein Gebiet, das man in einer parlamentarischen Versammlung nicht ganz entschleiern kann. Hier muß ein gewisser Glaube, ein gewißes Vertrauen Platzgreifen. Unser Zolltarif stammt aus dem Jahre 1878, und er ist seitdem nur ganz unwesentlich geändert. Wenn Sie uns jetzt zwingen, mit diesem alten Zolltarif in Vertragsverhandlungen mit anderen Staaten einzutreten, so ist das gerade so, als ob Sie unserer Armee zumuthen wollten, mit dcm alten Kuh
fuß gegen eine Armee zu kämpfen, die mtt den besten Dassen bet« sehen ist.
Wir haben in Preußen die sehr ernste Zeit gehabt, wo die Mehrheitsparteien der Regierung die Mittel versagten, die sie jum Schutze des Vaterlandes brauchte. Es ist das unsterbliche Verdienst eines Mannes von glühender Vaterlandsliebe und eisernem Charakter, des Fürsten Bismarck, daß er di>' ungeheure Vcranlworrung auf sich genommen bat. trotz aller Angriffe, nur allen Chancen des Gelingens und Mißlingens selber das Werk durchzuführen. (Zuruf des Äbg. Singer: Thun Sie cS dock!) Was wäre Deutschland, was wäre Preußen ohne die Leistungen des Fürsten Bismarck? (Lärm bei den Soz i Jetzt kommen wir und verlangen eine beßere handelspolinsche Rüstung. (Lachen rechts und bei den Soz.) Es ist ein kritischer Augenblick, in dem wir diese Forderung an Sie stellen. Ich kann den Mehrheitsparteien nur den dringenden Rath geben, um wenigstens ihrerseits Alles zu thun, um dieses Werk zu Stande zu bringen, von ihren weitergehenden Forderungen alsbald abzulaßen! (Ahal rechts und im Gentrum.) Sie sagen Ahal. Ich kann Ihnen nur sagen: Diese weilergehenden Forderungen sind nickt realisirbar. Wir können sie nicht realisiren aus den verschiedenslen Gründen und wir müssen hier für uns dieselbe Autorität in Anspruch nehmen, wie auf dem eben berührten Gebiete ber eiserne Kanzler. Wir können die Lage nicht nur bcurtbcilcn vom Standpunkte eines Berufes, sondern wir müssen die Jnteresten fämmtlui er Be- völkerungsklassen zu wahren suchen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Deshalb bitte ich Sie dringend, sich auf die Regierungsvorlage in diesem Falle zu beschränken. (Zuruf reckts: Ne!) Ta- Jahr 1902 wirb für die deutsche Landwirthschaft ein ernstes Jahr sein, ein kritisches Jahr. Ob dieser Zolltarif an der Scylla ober an ber Charybbis scheit rt, bas ist ganz egal; ich glaube aber, wenn bieses traurige Ereigniß eintreten sollte, bann wirb auf lange Zeit sich kein Zollschiff mehr in bie Nähe so gefährlicher Klippen wagen. (Zuruf des Abg. Singer : Gott sei Tank!) Die fast zweitausendjährige Geschichte des deutschen Volkes weist leider auf jeder Seite nach, wie oft unermeßliches Unglück über Deutschland gekommen ist, weil die Deutschen unter sich selbst sich nickst einigen konnten. Wenn bei dieser wichtigen Frage sick dieser Fall wiederholen sollte, dann, darauf verlassen Sie sich, wird das deutsche Volk um eine schwere Erfahrung reicher sein und die Mehrheitsparteien werben leider Gottes ihre Folgen zu tragen haben. Die warnende Schrift steht bereits an ber Wand, um man braucht kein Daniel zu fein, um sie lesen zu können. (Beifall bei den National-Liberalen, große Unruhe rechts und im Centrum.)
Abg. Trimborn (Centr.): Wir wollen die Grenzsperre so weit haben, als sie aus sanitären Gründen dringend nöthig ist. Das ist auch mein prinzipieller Standpunkt, mit dcm meine Haltung als Kölner Stadtverordneter nicht im Widerspruch steht. Ich bin nicht inkonsequent gewesen, wenn ich für Oeffnung der Grenze auf der einen Seite, soweit dies angängig ist, und auf ber anderen Seite für erhöhten Zoll eingetreten bin. Man muß doch mit ber Möglichkeit auch rechnen, daß bie Grenzsperre mehr unb mehr Wegfällen wird. Denn bie sanitären Verhältnisse in den anderen Ländern werden sich doch bessern. Tann treten die sanitären Rücksichten zurück, die Sperre wirb gemildert unb aufgehoben werden. Wenn also die Sperre aufgehoben wirb, tritt ber Zoll in bie Erscheinung, als wirksamer Faktor, um bie Landwirthschaft genügend zu schützen. In einer Versammlung von Landwirthcn wurde mir gesagt, an hohen Zöllen liegt uns nicht so viel, als an dauernden Verhältnissen. Deshalb gerade halten wir Minimalsätze für Vieh nickt für unberechtigt, weil sonst die Gefahr besteht, daß das Vieh als Kompensationsobjekt bei den Handelsverträgen dienen soll. Für die ärmere Bevölkerung ist ber Speck unb bas Schmalz von größerer Bebeutung als bas Fleisch. Da kann bie heimische Produktion den Bedarf nicht decken, da brauchen wir die Einfuhr, und deshalb haben wir auch für Speck und Schmalz keinen Minimalzoll festgesetzt. Die düsteren Prophezeiungen mit beit nächsten Wahlen schrecken unS nicht. Auch bei ben vorigen Wahlen drohte man uns, und doch ist das Centrum verjüngt und verschönert daraus hervorgegangen. (Große Heiterkeit.! Herr Bebel denkt einzig und allein an die Arbeiter, aber unsere Forderungen schädigen die Arbeiter nicht, während sie die Landwirthschaft schützen. Englische Zustände wollen wir nicht, ber Freihanbel ist ber Ruin ber Volkswirthschaft. Herr Bebel wird mit seiner Sonnabend-Rebe die Kölner nicht fasziniren. Ich weiß, baß Herr Bebel, ber im Schatten beS Kölner Domes geboren ist, feinen seligeren Wunsch kennt, als Köln zu erobern. Wenn er aber so vorgeht, wie in seiner Sonnabenb-Rede, so kann er lange warten, bis bie rothe Fahne auf dem Kölner Dom weht. (Heiterkeit und Beifall.)
Abg. Haase (SozÜ: Der Abg. Trimborn möge nur dafür sorgen, daß wir in Köln freies Versammlungsrecht bekommen, dann werden wir Köln schon erobern. Der Staatssekretär berief sich auf das Buch Schippels, aber dieser konstatirt nur die Thatsache, daß die billigen Frachten den Weltmarktpreis herabgesetzt haben. Der Staatssekretär kann doch nickt leugnen, daß das Getreide ohne den Zoll noch billiger wäre. Am Schluß seines Buches sagt Schippcl, daß der Gctreidezoll der gewissenloseste Brodlvucker ist. Redner verbreitet sich ausführlich über die Fleischnoth und Grenzsperre, unb bestreitet, baß ber Zwischenhanbel an bem Steigen ber Preise schulb sei. (Tas Haus, das während der Rede des Staatssekretär- sehr gut besetzt war, hat sich fast ganz geleert, es sind höchstens 30 Abgeordnete anwesend, die einen sehr gelangweilten Eindruck machen.)
Redner spricht weiter über landwirthsckaftliche Verhälkniße, Kontraktbruch der ländlichen Arbeiter, Koalitionsrecht u. s. w. unb streift auch zur Beleuchtung ber ländlichen Zustände den Trakehner Prozeß. Sodann polemisirt Redner gegen das Gentrum; vielc^Ar- beiter, die bisher dieser Partei gefolgt seien, hätten sich in Folge der Haltung des Centrums zur Zollsrage den Sozialdemokraten abgeschlossen. Lediglich der Sozialdemokratie sei es zu danken, wenn die verelendeten Arbeitermaßen sich nicht zu Gewaltthätigkeiten hin- reißen laßen. (Beifall bei den Soz.)
Hierauf vertagt das Haus die weitere Berathung auf Mittwoch 12 Uhr.
Schluß gegen 7 Uhr.
PMische Tagesschau.
„Gras Btilowö Rcchnungsrätc."
Die „Rordd. Allg. Ztg." schreibt:
In einem von der „T rutschen Tagesztg." ab gedruckten Artikel, der sich „Graf Bülows Rechnungsräte" betitelt, werden die Zahlen bemängelt, welche der Reichskanzler am 21. d. M. über die Zollbelastung der land- wirtschaftlichen Erzeugnisse im Vergleiche zur Belastung der Jndustrieartikel im Reichstage mitteilte. Ten Angaben des Reichskanzlers liegt eine auf eingehender Berechnung benil)cnt>e Ausstellung über den Zollertrag der einzelnen Abschnitte des Entwurfs zugrunde, von welcher er derart Gebrauch machte, daß er dem Abschnitt 1 als landwirtschaftlichen die Abschnitte 2 dis 19 als industriellen gegenüberstellte. Tie thatsächlichen Unterlagen der Berechnungen dürften somit ieoec Bemängelung entrückt sein. Wenn jener Zeitungsartikel u anderen Schlußfolgerungen gelangt, so wollen wir davon absehen, das; er sich auf das statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich, mithin auf eine Berechnung der gegenwärtigen Zölle stützt, während der R legt. Ter ent sch e iden de Fehler ist, daß der Artikel ganz willkürlich -war d. Grupoen des Jahrbuches^ „Fabrikate" (1,< ' rungs- und Genutzmittel, Vieh" (1,90 .Milliarden
,'ichtigt, aber nicht d i e wichtigste und größte Gruppe „Rohstoffe für I n d u st r i e z w e ct e" mit 2,5 Milliarden. Tiefe sind keineswegs sämtlich zollfrei. Ferner aber, und das ist die Harrptsache, tritt der weitaus größte Teil der in die,e Kategorie fallenden Einfuhr mit der inländischen Produktion, insbesondere der Rohmetalle mit unserer Berg- und Hüttenindustrie in Wettbewerb. Deshalb ist bei der Ermittelung der durchschnittlichen Belastung der Zollertrag oder die Zollfreiheic der Rohstoffe, entweder der Landwirtschaft oder der Industrie, zuzurechnen, je nachdem diese oder jene beeinflußt wird. So sind Wolle, Flachs und Hanf, welche der Landwirtschaft >tonturrenz bereiten, dieser Gruppe zuzuweisen. Ties ist in der vom Reichskanzler aufgestellten Berechnung geschehen. Dabei ist sogar ein sehr großer Posten, nämlich die zollfreie Rohbaumwolle, zu Gunsten der Landwirtschaft eingesetzt worden. Darauf ha: der Reichskanzler ausdrücklich aufmerksam gemacht. In höchst charakteristischer Weise hat der Artilelschreiber gcrabc diesen Passus der Ausführungen des Reichskanzlers einfach f o r t gelassen, obwohl er den sonst von ihm abgedruckten Abschnitt der Rede als wörtliche Wiedergabe kennzeichnete. Hiernach erscheint es zweifellos, daß die Angaben des Reichskanzlers über die Belastung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit 17,2 Prozent und der nichtlandwirtschaftlichen mit 5,9 Prozent des Einfuhrwertes, wie sie rechnerisch
unanfechtbar sind, auch in sachlicher Beziehung cm durchaus zutreffendes Bild von dem Verhältnis des Zollschutzes für die Landwirtschaft zu dem für die Industrie . .i.
Auf zur Wahl!
Heute finden die Wahlmännerwahlen zum Hefti« »chen Landtage statt. Ter gemeinsame Kandidat der oürgcrlichcn Parteien in Gießen ist der Justizrat Tr. G u t s l e i s ch.
IhlU'lir £tU'UdUU|fU. Lriginaldraytmeldungcn des Gießener Anzeiger.
London, 29. £u- Zu seiner Südaf ri kareise tvählte Chamberlain den neuen Kreuzer „G o o d h o p e" aus. , .
Berlin, 29. Lkt. Tein „Lok.-Anz." zufolge soll den Professor v. Esmarch anläßlich seines 80jährigen Geburtstages am 19. Januar 1903 in seiner Vaterstadt Tönning ein Denkmal errichtet werden. Zn Berlin hat sich zu diesem Zweck ein Komitee gebildet.
* Paris, 28. Okl- „Petit Parisien" zufolge begabex sich Tetetlive nc Spanien, wo, wie verlautet, die Fami'.le H u m b c . i einem Kloster Unterkunft gefunden haben soll.
Air
fr»*6
b<m bit iiüki
Vtvdt« jtobitni unb
Ibitlle «»ret
Leb
3 Urbtn SRaffei an Ot
Achtel
r tvrisunk unter s
1.
-nmds
2. cung x
dieser tümtt von wert
6eti
8a
hirrh üchi von
Sa
Tie
Al
ich j eint wird in ei so ol Cta Hand diese, lichte &inb Aussl edette, kachn wir q, Wb öchhei
c?
kochte h|o ^ene
Ktler °ssnit lchey dertz 9e(ei( lche und in b( sehr kraft $eobi
tQ ö


