Ausgabe 
29.9.1902 Zweites Blatt
 
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Parteien ist W? jetzt den bevorstehenden Wahlen in irgend einer Weise' näher getreten.

X Die letzte sechswöchentliche Reserve- stbung für Volksschullehrer wird am 2. Oktober in Gießen beginnen; die frühere militärische Sonderstellung der Lehrer, welche bekanntlich seit 1900 einjährig dienen, wird in den nächsten Jahren nach Ablauf der noch rück­ständigen vierwöchentlich en llebungen vollständig ihr Ende erreichen.

() Zur Fleischteuerung. Aus Mainz wird uns geschrieben: Der von sozialdemokratischer Seite in der letzten Sitzung der hiesigen Stadtverordnetenversamm­lung gestellte Antrag, mit Rücksicht auf die gegenwärtig hohen Fleischpreise vorübergehend von der Erhebung von Oetroi von Fleisch und Wurstwaren Ab­stand zu nehmen, beschäftigte am verflossenen Freitag den städtischen Finanzausschuß, der den Antrag ab l e h n t e. Die Mehrheit deS Finanzausschusses ging hierbei ausschließ­lich von finanziellen Erwägungen aus, wobei man, wie bereits in der Stadtveroronetenversammlung ge­schehen, hauptsächlich in Betracht gezogen hat, daß eine dauernde Beeinflussung des Fleischpreises nach unten durch eine Aufhebung des Octrois nicht möglich sei.

" ** Beamten-Derein. Gestern abend hatten sich Mitglieder des Beamtenvereins zur Einweihung des neu renovierten Sälchens im Caf6 Ebel zu einer gemütlichen Familien-Unterhaltung vereinigt. Jntendantursekretär L P. Setzer hielt zunächst einen Vortrag, der seine als Mitglied des Oberkommandos vom Ostasiatischen Expeditionskorps nach China im Jahre 1900 gemachte Reise behandelte. Redner schilderte die empfangenen Eindrücke über Land und Leute daselbst und gab einen kurzen Ueberblick über die krieger­ischen Unternehmungen der vereinigten Armeen zu Wasser und zu Lande. Es fehlte bei all diesen Erzählungen nicht an humoristischen Einschaltungen, welche die Würze des Abends bildeten. Nach Schluß des Vortrags wurde dem Redner lebhaft gedankt. Der weitere Abend wurde durch wohlgelungene Vorträge auf dem Piano, gemeinsame Ge­sänge und humoristische Vorträge ausgefüllt.

** Die hiesige Ortsgruppe des Deutsch­nationalen Handlungsgehrlfen-Verbandes feierte am Samstag im Cafe Leib ihr Stiftungsfest Wie immer, so war auch das diesmalige Vergnügen gut besucht und nahm einen recht schönen Verlauf. Von den Mitgliedern war Sorge getragen, allen Anwesenden einen fröhlichen Abend zu bereiten, und dies war ihnen auch wirklich gelungen. Prolog und Festrede (von Gymnasial­lehrer F. Werner aus Lauterbach) wurden sehr gut ge­sprochen, die Konzertstücke, ausgeführt von einem Teil der hiesigen Militärkapelle wurden in gewohnt flotter Weise gespielt und das «Theater klappte tadellos. Die Teil­nehmer blieben in fidelster Stimmung bis zum Morgen­grauen zusammen und war es bereits Heller Dag, als man seine Schritte nach Hause lenkte. Am Sonntagmittag fand der hier übliche Ausflug nach dem Windhof statt unö war auch dort die Beteiligung recht gut.

** Die Festlichkeiten im Freien haben mit den in voriger Woche beendeten Kirmessen ihren Abschluß ge­sunden. Es sind nur noch Ausflüge zu verzeichnen, die aber mit Eintritt des Herbstes ebenfalls verschwinden. Der Einzelne findet sich leicht mit der Küylerstimmung der Witte­rung ab und der richtige Fußgänger kommt gerade jetzt aus seine Rechnung. Trockene Wege erleichtern die Wande­rung, klarer Sonnenschein begünstigt die Fernsicht, die Herostflora, die mannigfaltiger ist als sich maircher träumen üißt, erfreut daö Auge und der reiche Behang der Obst­bäume das Herz und manchmal einallerdingsstrengver­botener kühner Griff nach den Früchten auch den Magen. Mit dem gestrigen Sonntag hat das Theater wieder seine Pforten geöffnet, lieber den Verlauf der ersten Vor­stellung berichten wlr an anderer Stelle. Der Verein Concordia" hielt auf dem Felsenkeller einen Familien­abend, der gut besucht lvar. Der Deutsch-natio­nale Handlungsgehilfen - Verein beging die Nachfeier seines am Samstagabend im Caf6 Leib abge­haltenen Stiftungsfestes auf dem Winöhof, wo nochmals ausgiebig getanzt wurde. In Steins Garten feierte der Bäckerverein rühaus" sein 15. Stiftungsfest, und der Gießener Zitherklub veranstaltete einen ebenfalls stark besuchten Ausflug nach Textors Terrasse. Der Turnverein Gießen hielt Abturnen mit Konzert und Tanz in der Turnhalle. Im Schützenhause hatte sich der Bauersche Gesangverein eingefunden; herrliche Lieder der erprobten Sängerschar hielt die Anwesenden in fröhlicher Stimmung. Die große Tanzmusik auf dem Abend st ern hatte sich zu einer leibhaftigen Mrmes aus­gestaltet, zu der die umliegenden Landorte, aber auch die Stadt Gießen die Tanzlustigen in großer Zahl steltten. Auch dieLiebigs höher Kirmes" war stark be­sucht, von bencn, die noch einmal die Kirmesherrlichkeiten der letzten Wochen durchkosten wollten.

)( Krofdorf, 28. Sept- Die Pensionierung des Hauptlehrers Weil zieht insofern einen Wechsel im Lehrpersonal nach sich, als die drei folgenden Herren aufrücken. Die dadurch frei gewordene vierte Lehrerstelle hat die Königl. Regierung zu Coblenz dem seitherigen Hilfslehrere an der König!. Präparandcnschule zu Herborn, Kissel aus Laubuseschbach, Oberlahnkreis, übertragen. Der Lehrermangel macht sich schon seit einer Reihe von Jahren ganz besonders im Regierungsbezirk Coblenz fühl­bar und daher übernimmt die König!. Regierung mit Vor­liebe Lehrer aus fremden Bezirken, namentlich aus dem benachbarten Nassauer Land.

)(Friedberg, 28. Sept- Bei dem Feuer inOber- w öl Ist ad t brannte eine Scheuer nebst Stallungen voll­ständig nieder, die angrenzende Scheuer und eine Anzahl Lbstbäume wurden start beschädigt. Da die Scheunen hier aneinanderhängen und gefüllt sind, hätte leicht ein großer Brand entstehen können. Dieser Tage beginnt die hiesige Zuckerfabrik chre Thätigkeit wieder. Ter Stand der Rüben ist überaus günstig. Wenn dieselben auch nicht die Größe früherer Jahre erreichen, so ist ihr Zuckergehalt infolge des trocknen Sommers um so bedeutender.

Io. Büdingen, 28.Sept Das Scharfschießen am Galgenberg hat nach einer Berechnung von fachmännischer Seite 2 1/3 Millionen Mark gekostet. Den Hauptteil da­von trägt Krupp, weil auf seine Veranlaffuna eine Neuerung an den Geschützen anSprobirt werden sollte. Seither erlitt das Geschütz beim Schutz einen Rückstoß, der das Geschützrohr mitsamt der Laffette rückwärts bewegte. Jetzt geht bloS das Rohr zurück und von selbst wieder vor. Es befindet sich zu diesem Zwecke in einem Cylinderlager, das mit Glyzerin an- gefüllt ist.

Darmstadt, 28. Scpt Ter Großherzog em­pfing am 27. September u a. den Leutnant Kretschmer vom Jnfanterie-Negiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.)

Nr. 116, kommandiert zur Intendantur, und ferner den König!. Sächs. Oberhofmeister v. Malortie, den Ober­regierungsrat v. Nostiz vom Ministerium des Aeußeren und den Oberleutnant vom Garde-Retter-Regiment v. Hin­über, welche die Thronbesteigung des Königs Georg von Sachsen notifizierten. Zu Ehren der hier anwesenden Kgl. sächsischen Abordnung fand mit­tags im Weißen Saale des Residenzschlosses Galatafel zu ca. 30 Gedecken statt.

ed. Darmstadt, 28. Septbr. Am Freitag hat der Kassier Beil st ein, 35 Jahre alt, auS Groß-Bieberau, welcher Agent und Kassier verschiedener Todcsfall-Versiche- rungS-Gesellschasten war, seinem Leben durch Erhängen in der Nähe deS Glasberges ein Ende gemacht. Wie sich herausstellt, sollen sich bei der Abrechnung namhafte Fehl­beträge herausgeslellt haben. Bei der Fettigstellung der Turmmauer an der Technischen Hochschule dahier ist gestern Nachmittag 4 Uhr ein schwerer Unglücksfall passiert,- indem beim Abrüsten der öl Jahre alte Schlosser Joh. Fr. Beck aus Besiungen aus einer Höhe von 16 Dieter herabstürzte und sofott tot war.

)( Marburg, 28. Sept- Zwei vPlizeibeamte über­raschten gestern nacht zwei Einbrecher, welche es auf den Geldschrank des Fabrikanten Haas abgesehen hatten. Bei Handgemenge entsprang ein Verbrecher und fuhr nach Gießen und von da mit einer hiesigenDame" nach Frankfurt. Ihm nachgesandte Beamte in Zivil konnten das Pärchen nicht mehr dingfest machen. Der festgenommene Verbrecher hatte sich wie ein Rasender gewehrt und auch einen geladenen Revolver gezogen. In seinen Taschen and sich ein vollständiges Liebeswertzeug. Man glaubt mit diesem Fang Einbrechern, welche dann und wann mit Erfolg hier Gastrollen gaben, auf die Spur gekommen zu sein.

Schwurgericht.

P. Gießen, 29. Sept.

Der Vorsitzende Landgerichtsrat Holzapfel eröffnete heute vormittag nach y210 Uhr die erste Sitzung der dies­maligen Schwurgerichtstagung. Als beisitzende Richter ungieren die Landgerichtsräte Müller und Wehner. Tie Anklage vertritt Ober-Staatsanwalt Theobald. Verhandelt wird gegen die Konrad Mölig Witwe wegen Körperverletz­ung mit tödlichem Erfolg, deren Verteidigung der Rechts­anwalt Weidig übernommen hat. Es sind neun Zeugen und ein medizinischer Sachverständiger in der Sache zu hören. Tie Geschworenenbank wird wie folgt gebildet. Land­wirt Aug. Becker-Griedel, Fabrikant Louis Hartmann-Gie- 3en, Kaufmann Arnold Steinhüuser-Butzbach, Landw. Jo- jannis Lrth-Nieder-Breitenbach, Landw. Heinttch Kratz II.» Ober-Seibertenrod, Landw. Karl Loth-Nieder-Ofleiden, Fa- rrikant Eugen Kauffmann-Gießen,Bürgermeister Aug.Schnei- )er-Utphe, Kaufmann Georg Weitzel-Lißberg, Kaufmann Jul. Schilling-Schlitz, Laiidwirt Kar! Heinrich Schmidt-Romrod, Landwirt Friedr. Aug. Jak. Schaub-Büdesheim. Der An­geklagten wird zur Last gelegt, daß sie den eigenen Ehe­mann am 13. Juni d. I. vorsätzlich körperlich mißhandelt hat, sodaß dadurch dessen Tod herbeigesührt wurde. Es ist cm trauriges Bild des Familienlebens, welches das GestäiidniS der Witwe Möhlig giebt und das von den Zeugen bestätigt wird> Der Glaser Mölig in Lauterbach hat im Jahre 1882 die Angeklagte geheiratet. Er war ein Trinker und mißhandelte oft seine Frau, besonders im trunkenen Zustande. Er war roh und zornig, bedrohte seine Frau und schlug dieselbe mehrfach. Am 13. Juni war Mölig gegen mittag nach Hause gekommen, er hatte wieder viel getrunken. Tie Angeklagte behauptet, ihr (Ebemann habe sie in der Werkstatt mit Totschlägen bedroht, uno da habe sie mit einem behobelten Stück Werkholz nach ihm geworfen; er hatte sich gerade herumgedreht; das Holz traf den Mann an den Hinterlopf. Der Getroffene hat sich >arauf, ohne daß die Angeklagte es gemerkt haben will, > dieser am Kopse blutete, in die Wohnung zu Bett begeben. Sie habe sich, dann gefürchtet, sich dem Verletzten zu nähern. Sie hat sich hierauf mehreren dtachbarn gegenüber geäußert, ihr Mann sei betrunken gewesen .und in diesem Zustande ine Treppe hinabgefallen, wooei er sich verletzt habe. Gegen abend ist die Angeklagte dann doch zu chrem Mann gegangen und hat einen Arzt .kommen lassen, der nur konstatieren konnte, daß der Verletzte infolge Ver­blutung nicht mehr lange leben könne. ,Jn der Nacht noch starb der Mann, der, ttotzdem er bis zum Ende bei voll­ständiger Besinnung war, niemandem mitgeteitt hat, wie er zu der Verletzung gekommen war. (Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Paris, 28. Sept. Auf der Station Arleux dec Nordbahn ereignete sich ein schwerer Unglücksfall. Der Expreßzug von Douai nach Cambrai, der die Station Arleux m voller Geschwindigkeit passierte, geriet infolge falscher Weichenstellung auf ein Nangiergeleise. Die Lokomotive ent­gleiste und die Wagen türmten sich aufeinander. Tie Zahl der Opfer beläuft sich auf 24 Tote und 60 70 Ver­wundete. Ein zwischen zwei Wagen eingeklemmter Passa- gier bat fortwährend, man möchte ihm die Beine abschneiden, damit er aus seiner fiirchtbaren Lage befreit würde. Eine Anzahl unverletzter Passagiere verließ unter dem Eindruck des furchtbaren Unglücks schleunigst die Unglücksstätte. 17 Tote wurden in einem Schuppen am Bahnhof unter­gebracht, wo im Beisein der Gerichtsbehörden photographische Aufnahmen gemacht werden. Vier Tote wurden nach dem Dorfe gebracht. Eine Anzahl Verwundeter fetzte mit dem nächsten Zuge die Reise fort. Zwei Hilfszüge, welche aus Douay angekommen waren, brachten 43 Verletzte nach dieser Stadt. Die Lokomotive und der Tender liegen längs der Geleise, und der Packwagen ist in den Tender eingedrungen.

Die Wetterkatastrophe auf Sicilien. Nach den neuesten Meldungen au8 Syrakus beträgt die Zahl der durch den Wirbelsturm in Modica getöteten Personen 3 0 0. Die Leichen werden jetzt in den Kirchen medergelegt, da die Beerdigung derselben auf den Kirchhöfen des Schlammes wegen unmöglich ist. Bis jetzt sind 130 Leich­name aufgefunden worden. Nach einer Schätzung befinden sich noch etwa 66 Opfer unter den Trümmern ober sind ins Meer fottgeschwemmt. Die Räumung der Hauser, die emzu- slürzen drohen, wird fottgesetzt. Das Unwetter hält laut Nachrichten vom 28. d. M. noch an. Bei Pozallo spülte daS Meer noch zahlreiche Leichen an, welche die Flüsse ms Meer getragen hatten. Tas Meer ist bewegt. Infolge strö­menden, die letzte Nacht hindurch anhaltenden Regens steigen ute Flüsse weiter. Tie Felder sind überschwemmt. Die Bahnstrecke Ragusa-Diodica ist unterbrochen. Die Züge sind

durch Waffer gehindett, weiterzufahren. In Catania wurden auf Anordnung der Ingenieure mehrere Häuser geräumt, da sie einzustürzen drohen. Ein Weinberg steht unter Waffer. Im Hafen wurde der deutsche Dampfer,(£aprara* durch eine große Flutwelle zum Sinken gebracht. Die Umgebung deS Aetna litt stark. Der Aetna sandte eine starke Säule weißen Dampfes gen Montegroffo hin. Der Vulkan Stromboli bil­dete feit dem 14. September zwei neue Krateröffnungen. In Ccicly sind bisher 60 Leichen aufgefunden worden, größten­teils solche von Einwohnern Modicas, welche durch die Fluten weggespült worden sind. In Caffano wurden zwei Personen getötet, eine Person wird vermißt. Tie Weingärten sind vollständig ruiniert, die Ernte ist für lange Zeit dahin. Die Viehherden auf den Feldern sind mit ihren Hirten verschwunden, ganze Familien total auB- gerottet. Ueberall herrscht Totenstille. Die einst blühende Campagne ist ein wüstes Feld. Sehr gelobt wird der Eifer der Behörden bei dem Rettungswerk. Von allen Orten eilten Truppen herbei, deren Hülfe die Rettung Vieler zu danken ift

Wien, 28. Sept. Die Leiche des Teftaudanten Jellinek ist in der Donau bei Altenwötth in der 9kähe von Krems gefunden worden.

Gericht-Rial.

Gießen, 27. Sept. Strafkammer. Den Vorsitz führte Langerichlsdirektor Dr. Güngerich, die Slaatsanwaltschasl vertrat Staatsanwalt Neuß. Tie heutige Sitzung wird ausgefüllt von der Verhandlung gegen den Stadtrechner Wilhelm Schreiner von Laubach, der des Betrugs unb der Unterschlagung beschuldigt ist. Den Betrug erblickt die Anklage darin, baß der Beschuldigte in seiner Eigenschaft als Rechner der Spar- unb Leih­kasse einen gewissen Christian Batz aus Freieuseen bei Auszahlung eines Zinsbetrages um 10 Mk. dadurch geschädigt hat, daß er ihm verschwieg, daß seine Zinssorderuug 44,50 Mk. betrug und ihm nur 34,50 Alk. auszahlte. Ter Unterschlagung soll sich der Angeklagte dadurch schuldig gemacht haben, daß er Gelder, die ihm anoer­traut waren, sich rechtswidrig augeeignet habe. Der Angeklagte war seit 1888 Rechner der Stadtkasse in Laubach und mehrerer anderer Kassen. Als im Jahre 1899 eine Reihe von Gemembcn, die an dem Bahnbau LaubachMücke interessiert waren, sich zu einer Gemeinschaft zusammenschlossen und eine Gemeinschaftskaife ms Leben riesen, um die Kosten des Bahnbaues unb des Gelände- erwcrbs zu bestreiten, wurde der Angeklagte, der sich allgemeinen Vertrauens erfreute, auch zum Rechner dieser Stoffe gewählt. DaS aus vorläufigen Beiträgen der Gemeinden Laubach und Freienseen und aus einem Darlehen der Laubacher Spar- unb Leihkasse sich rekrutierende Vermögen der Gemeinschaftskasfe betrug 24 000 Alk. Der Angeklagte, dem auch die Auszahlung der Geländeerwerbs­kosten aus dieser Summe übertragen war, begab sich am 2. Mai d. I. nach Freienfeen und Stockhausen, um an 80 ©runbeigen- tümer, bereit Gelände für den Bahnbau benötigt worden war, die Entschädigungsfiimmen zu bezahlen. Hierbei soll er in 29 Fällen vorsätzlich Beträge in Höhe von 2180 Mk. zu wenig auSgezahlt, insgesamt 579,65 Mk. unterschlagen haben und zwar auf die Weise, daß er den Erschienenen jeweils nichtigere Entschädigungs­summen als die wirklich zugebilligten nannte und auszahlte, daß er aber die Geldempfänger, die im Vertrauen auf die Zuverlässig­keit des Angeklagten keine Kontrolle ausubten, über die in einem fortlaufenden Verzeichnis eingetragenen wirklichen Entschädigungs­summen am Rande quittieren ließ. Die Anklage behauptet sogar, daß der Beschuldigte m mehreren Fällen den Verkäufern die Prü- ung dadurch unmöglich gemacht habe, daß er mit der Hand oder dem Löschpapier die in dem Verzeichnis enthaltenen Zahlen über die richtigen Beträge verdeckt oder die Leute derart zum Vollzug der Unterschrift gedrängt habe, daß feine Zeit zur Prüfung übrig geblieben fei. Ter Angeklagte bestreitet entschieden, mit Wissen unb Willen zu wenig gezahlt zu haben, er giebt die Möglichkeit von Versehen unb Irrtümern zu unb entschulbigt diese mit dem Zustande geistiger Störung, in dem er sich schon längere Zeit vor der That befunden habe und der ihn z. Z. ihrer Begehung berart bebrüdt habe, baß feine Zurechnungsfähigkeit zeitweise aufgehoben gewesen fei. Zur Beobachtung des Geisteszustandes deS Angeklagten war der hiesige Kreisaffistenzarzt Herr Dr. Röntger zu heutigen Hauptverhanblung zilgezogen ivorden. Terfelbe gab fein Gutachten dahin ab, daß der Angeklagte zwar stack neurasthenifch, jedoch zu keiner Zeit berart psychisch erkrankt ge­wesen fei, baß er Sie Herrschaft über feinen Willen und ferne Handlungen verloren habe. Auch das Gettcht gelangte zu bief-tr Ueberzeugung, unb zwar auf gründ bet Art bet Begehung brr Strasihaten unb im Hinblick auf die Ruhe unb Sicherheit, mit btt der Angeklagte in der Hauptverhaudlung sich verteidigte. Die Ver­handlung, in deren Verlauf über 40 Zeugen vernommen wurden, bestätigte die Anklage-Behauptungen bis auf die Beschuldigung deS Betrugs zum Nachteil des Christian Heß. ES konnte nicht zweifels­frei die bettt'igensche Absicht deS Angellagten bei der Einbehaltung der 10 Mk. festgestettt werden, vielmehr blieb die Möglichkeit eine« Versehens nicht ausgeschlossen. Tie Staatsanwaltschaft enthielt sich daher betreffs dieses Punktes eines Antrags und das Gettcht sprach den Anklagten von dieser Beschuldigung frei. Bezüglich der Stock­hauser und Freienseener Vorgänge konnte noch festgesiellt werden, daß der Angeklagte überwiegend geschäftsungewandte und weib­liche Personen als Opfer feiner Betrügereien sich herausgesucht hat, daß er um den größten Betrag 130 Mk. gerade emen Mann betrogen hat, der, wie er wußte, seine Bttlle vergeßen und säst nichts lesen konnte, daß er durchweg runde Summen unb keine Pfenuigbeträge abgezogen hat, baß er den Leuten, die sich di« richtigen Beträge nachiräglich ausgerechnet und von ihm Einsicht der Berzeichniffe erbeten halten, diese Einsichtnahme verweigert und ihnen statt bellen erklärt hat, dieses Mal seien bie Beträge ab- gerunbet worden, der eine habe möglicherweise 10 Psg. zu wenig, der andere zuviel erhalten, das nächste Mal würden diese Diffe­renzen ausgeglichen werden. Dieses Verhalten bei »md nach Aus­führung des Betruges bestärkte, wie erwähnt, das Gericht in feiner Ansicht, daß der Angeklagte wohl überlegt, ,a raffiniert gehandelt habe unb daß der Umstand, daß er Neurastheniker fei, in keinem Zusammenhang mit der Strafthat stehe. Strafmildernd zog das Gericht die Unbestraftheit des Angeklagten in Betracht, wahrend zu Ungunsten desselben schwer ins Gewicht fiel der grobe V^trauens- mißbranch gegenüber Personen, die blindlings auf seine Ehrlichkeit gebaut hatten unb ber Umstand, baß er eine Reihe Heiner Veute um teilweise erhebliche Summen geschädigt Hatz ohne durch Not oder andere entschuldbare Umstände zu ber Strafthat getrieben worden zu fein. Entsprechend dem Antrag ber Staatsanwaltschaft bie Strafhöhe in Etwas abänbernb verurteilte ba« Gericht beit Angeklagten zu einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten und wegen der bewiesenen ehrlosen Gesinnung zum Verlust der bürger­lichen Ehrenrechte auf bie Tauer von 3 Jahren. Mit Rücksicht auf den Fluchtverdacht, der infolge der Verurteilung zu ber erheb­lichen Freiheitsstrafe begriinbet erschien, wurde ber Angeklagte so­fort in Haft genommen.

?. Darmstadt, 26. Sept. Das Kriegsgericht verurteilte dieser Tage den im 5. Jahre dienenden Unteroffizier I. vom Bezicks- kommando Friedberg wegen Unterschlagung m mehreren Fallen zu fünf Monaten Festungshaft, Tegradierung und Ver- setzunq in die zweite Klaffe des eolbatcnftanbes. __

Mainz, 27. Sept. Ter Volksfchu Hehrer Aldett Wolf in Wolfshagen hatte sich vor ber Strafkammer wegen Wein- f a l f ch u ng zu verantworten. Seme Weine mieten emen hohen Kalk- unb Säuregehalt auf, auch hatten einige Stuck ben Essig» stich. Als Sachverstänbige wurden bie Herren Professor Tr. Meyer- böfer und Tr. Fresenius-Wiesbaden gehört. Ter Angeklagte wurde nicht wegen der Hetttellung, sondern wegen Verkaufs der Weine ju 150 Mk. Geldstrafe v e tur r e i 11. Auch verfügte das Bericht die Einziehung des efsigstichigen Weines.

Magdeburg, 27. Sept. Ter Kaufmann Albert Ehler von hier wurde von ber hiesigen Strafkammer wegen Herstellung und Verbreitung unzüchtiger Abbildungen zu 2 Jahr 2 Monate Zuchb-