läßt sich nicht verhehlen, daß in der Erschließung der Tschad- seegebiete die Franzosen und Engländer den Deutschen voraus sind, und ein Aufkommen Deutschlands erscheint nur möglich, wenn nach Nordtamerun einige Militärstationen gelegt werden. Zu deren Besetzung reicht aber die Schutztruppe in ihrer jetzigen Stärke — 100 weiße Chargierte und 900 farbige Mannschaften — nicht aus; eine Vermehrung erscheint unumgänglich und auch gerechtfertigt, wenn man berücksichtigt, daß Deutsch-Ostafrika heute schon eine stärkere Schutztruppe hat, obgleich die Eingeborenen dort eine weit friedlichere Haltung bekunden, als diejenigen Kameruns. Es wäre bedauerlich, wenn mangels ausreichender militärischer Sicherung die Erschließung Kameruns weitere Opfer an Menschenleben erforderte.
Aus Stad! und Sand.
Gießen, den 22. März 1902.
* * .F ü r st l i ch e Gäste. Am Charfreitag passierten früh 7.57 Uhr, mit dem D-Zuge von Kiel kommend, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen nebst Begleitung und Diene, chaft die hiesige Station und nahmen das vorher telegraphisch bestellte Frühstück im Salonwagen ein.
* * Auszeichnung. Der Großherzog hat dem katholischen Pfarrer Dexelrnann zu Westhofen, im Kreise Worms, das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
^Pensionierung. In den Ruhestand wurde versetzt der Bahnwärter bei der Main-Neckar-Eisenbahn Heinrich T r a s e r auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. April.
* * Post-Personalnachricht. Ter Postkassierer Olbricht in Gießen ist zum Postinspektor ernannt worden.
* * Militärdienst nachrichten. Frhr. v. Zedlitz u. Neukirch, Major und Bats.-Kommandeur im Füp-Regt. von Gersdorsf (.Kurhess.) Nr. 80 wurde unter Beförderung zum Oberftlt. zum Stabe des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 und Frhr. v. End e, Major aggreg. dem 6. Rhein. Jnf.-Negt. Nr. 68, als Bats.- Kommandeur in das Füs,-Regt. von Gersdorfs (Kurhess.) Nr. 80, — versetzt.
* * Osfene Stellen für Militäranwärter im Bereiche des 18. Armeekorps. Ehringshausen, Amtsgericht, ständiger Kanzlcigehilfe, 7 bis 10 Psg. Schreiblohn für die Seite, je nach der Leistung, voraussichtlicher Jahresverdienst 400 Mk., der Schreiblohn kann nach 18 Jahren auf 11 Psg. und nach 21 Jahren aus 12 Psg. für die Seite erhöht werden. — Nastätten, Magistrat, Pvlizeifergeant, jährlich 900 Mk.; Ausrüstungsstücke werden geliefert.
* * Pferde markt -Omnibusverb in düng. Wie uns der Vorstand der Omnibus-Gesellschaft mittcilt, hat er beschlossen, zu dem Mittwoch, den 3. April, stattfindenden Pferdemarkt eine regelmäßige Omnibusverbindung zwischen Rodheimerstraße und Bahnhof, und zwar zu allen vormittags ankommenden uno abgehenden Eisenbahnzügen, einzurichten. Der Wagen wird durch Fahnen kenntlich gemacht werden.
** Omnibusgesellschaft. Die am Donnerstag Abend unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Grünewald im „Seife Vcwaria" abgehaltene Generalversammlung der hiesi- geu Omnibusgesellschäst war verhältnismäßig schlecht besucht. Der Geschäftsbericht erbrachte leider kein erfreuliches Resultat, indem trotz Wegfall der Schaffner und sonstiger Einschränk- kungen der Ausgaben eine Unterbilanz von Mark 2858,10 Psg. festgestellt wurde. Wenn auch der Personenverkehr innerhalb der Stadt nicht abgenommen, sondern sogar etwas zugenommen hat, sind trotzdem die Gesamteinnahmen namentlich auf den Linien C. D. (Wieseck-Schiffenbergerwald) erheblich zurückgegangen; auch die abnorm hohen Futter- und Strohpreise haben ungünstig auf die Ergebnisse eingewirkt. — Die Geschäftsanteile der Genossen (Mf. 100) betrugen zu Anfang des Jahres 1901 noch Mk. 39,01 Psg.- nach Abschreibung des obigen Fehlbetrages dürften dieselben noch einen Wert von ca. Mk. 26,44 Pfg. repräsentieren. Ein gemeinsamer Antrag. Les Vorstandes und des Aufsichtsrates, bei der Stadt darum .einzukommen, außer dem seitherigen Zuschuß auch noch die stlnterbilanz pro 1901 zu übernehmen bezw. aus städtischen Mitteln zu decken, wurde abgelehnt, dagegen ein nunmehriger Antrag des Stadtverordneten Kirch alsbald eine außerordentliche Generalversamnilung mit der Tagesordnung „Auflösung der Genossenschaft" zu berufen, einstimmig angenommen. Der seitherige Vorstand und Aufsichtsrat wurde durch Zuruf Iviedergewählt.
** Carlschulz-Abend. Wie wir bereits gestern mitteilten, veranstaltet Herr Carlschulz im Hotel „Einhorn" am 2. und tarn 3. Osterfciertage fein-humoristische Abende. Wir geben “in Folgendem noch eine Kritik der „Siegener Zeitung" vom 19. März wieder: Der von Herrn Opernsänger F. Carschulz- iRostock im Saale des Herrn Reuter gestern veranstaltete fein- “humoristische Abend nahm einen glänzenden Verlauf und wird Len Zuhörern sicher noch lange in angenehmer Erinnerung Dleiben. Sowohl die vorgetragenen Lieder, wie die mannigfachen munteren Gedichte wirkten in einer sehr belebenden und erheiternden Weise auf die Versammlung. Das Interesse an den Darbietungen steigerte sich fortschreitend mit jeder Nummer. Herr Carlschulz hat sich nicht allein als Sänger, sondern auch als Rezitator und Deklamator den vollsten Beifall erworben. Eine höchst schätzenswerte Zugabe wurde dem Publikum durch die wahrhaft virtuosen Klaviervorträge der Pianistin Fedora Petrowska geboten, bei denen die besten Meister der Vergangenheit und Gegenwart Berücksichtigung fanden. So haben sich Künstler und Künstlerin schnell die volle Gunst des Publikums erworben; wir rufen ihnen ein herzliches „Auf Wiedersehen!" zu.
** Die Opern-Vorstellungen des Dessauer Hof-Theaters werden leider nicht zu st an de ko mm en. Alles war schon aufs Beste geregelt. Ta ließ der Vorstand des Theater-Vereins, der die Leistung der verlangten Garantie in Höhe von etwa 3000 Mark zugesagt hatte, vorsichtshalber noch eine Liste bei seinen Mitgliedern herumgehen, und das Resultat war: — von 140 Mitgliedern, die befragt wurden, sagten ganze 18 die Abnahme von 10 Billets zu, 44 wollten sich die Sache überlegen, 56 lehnten ein Abonnement ab, 22 waren verreist. Nach diesem überraschenden Ergebnis wurde die Umfrage abgebrochen, da keine Aussicht vorhanden roar, auf die im ganzen ecu 4500 Mark betragenden Kosten zu kommen. T enn von Nichtmitgliedern des Theatervereins waren auch nur vier Abonnements bei Herrn Challier gezeichnet worden. — ,Tie letzten Opernvorstellungen haben hier vor neun Jahren Istattgefunden. Man hätte also glauben sollen, daß jetzt geradezu ein Bedürfnis nach solchen bestand. Zudem ist ch.ie. Dessauer Hofoper ausgezeichnet^ noch vor-- kurzem war
ein Teil derselben, sogar der ganze Theaterchor ans Wres- badener Hoftheater berufen, wo das Chorwerk „Judith" ihres ersten Kapellmeisters, des Dr. Klughardt, zur Aufführung kam. Und trotzdem diese geradezu beschämende Teilnahmlofigkeit unseres Publikums dem geplanten Gastspiel gegenüber!
** K u n st v e r e i n. Die Gemälde-Ausstellung im Turmhause am Brand hat diese Woche eine Aenderung erfahren, indem zu den seit 14 Tagen ausgestellten Gemälden wieder 18 hinzugekommen sind. Es sind nunmehr über 100 Bilder ausgestellt, die ihre Anziehungskraft auf unsere Kunstfreunde nicht verfehlen werden. Wir empfehlen den Besuch der Ausstellung umsomehr, als in der kommenden Woche ein Teil der seit kurzem ausgestellten Bilder wieder zur Weiter- sendung gelaugt. An ihrer Stelle wird dann eine Kollektion des Malers Gwilt Jolley in Paris zur Ausstellung kommen. Die Ausstellung ist an den Feiertagen von 11 bis 3 Uhr nachmittags ununterbrochen geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt an Sonn- und Feiertagen 20 Psg.
** J,m Kaiserpanorama finden wir vom ersten Feiertag ab eine Reihe von Bildern aus dem herrlichen Schwarzwald ausgestellt. In entsprechender Reihenfolge wechseln Ausnahmen von Städten mit solchen von großartigen Waldszenerien ab, dem Auge manch farbenschönes Bild zeigend. Wir besichtigen u. a. F r e i b u r g, das Höllenthal, Neustadt und den Titisee, das Falkenthal, Sankt Blasien, das Bernauthal mit Blösliug, Fürtwangen, den Feldberg (1500 Meter), Feldsee von Seevuck, das Gutach- thal re. Im ganzen 50 herrliche Aufnahmen. Das Panorama ist auch an den Feiertagen geöffnet.
** Vom Bahnhofsumbau. Auf dem oberhessischen Teil des Bahnhofs sind die alten unschönen Fachwertschuppen, die zur Aufnahme der oberhessischen Lokomotiven dienten, entfernt worden. Ter Bahnhof ist dadurch bedeutend größer geworden. Der gewonnene Raum wird zur Anlage von Aufstellungsgeleisen für Personenwagen hergerichtet. — Die Bauthätigkeit auf dem Bahnhof Gießen erstreckt sich gegenwärtig auf den Ausbau der Geleise, Weichen und Sicherungsanlagen auf dem Nordende und dem oberhessischen Teil des Bahnhofs. Auf dem Nordende gehen die Arbeiten ihrem Ende entgegen, auf dem oberhessischen Teil sind sie noch im Anfänge. Tas hier zu errichtende Stellwerk 14 wird in den nächsten Tagen in Angriff genommen werden. — Ter Bahnsteig für die Züge in der Richtung Gelnhausen nebst dem dazu gehörigen Tunnel ist übrigens entgegen der Meldung unseres Berichterstatters bereits am Donnerstag Vormittag in Betrieb genommen worden. Die Einrichtung dürfte, besonders bei dem gegenwärtig starken Andrang von Reisenden, wesentlich zur Erleichterung des Verkehrs beitragen. Der Tunnel wird in derselben Weise ausgestattet wie der auf der Main-Weser-Seite befindliche. Die Porzellanplättchen zur Verkleidung der Wände werden nach den Öfterfeiertagen eingesetzt werden. — Das Herausschaffen des Kerns des hinter diesem Teil liegenden Tunnelabschnittes geht rüstig von statten. Doch verursacht die Beseitigung des zum Teil außerordentlich harten Gesteins oft große Arbeit.
** Sicherungsanlageu im Eisenbahnverkehr. Die sämtlichen Geleise, Weichen und Sicherungsanlagen von der Klinikbrücke bis zum Klein-Lindener Einschnitt sind bereits fertiggestellt. — Die beiden vor dem großen Lokomotivschuppen liegenden Drehscheiben werden seit kurzem elektrisch betrieben. Während früher zum Drehen der Maschinen immer 4 Mann nötig waren, ist jetzt für diese Arbeit nur noch ein Mann erforderlich. Auch die schwersten Lokomotiven fahren auf die Drehscheiben. Es ist interessant zu sehen, mit welcher Leichtigkeit das Drehen der Maschinen jetzt bewerkstelligt wird. Sind sie auf der Drehscheibe zum Stehen gebracht, so genügt die Umdrehung eines Hebels, und der schwere Eisenkoloß setzt sich, ohne daß irgend eine weitere Anstrengung nötig wäre, in Bewegung.
** Der Rhein-Main-Ga st wirte-Verband, der mit einer Gesellschaft einen überaus günstigen Vertrag zum Zwecke der Lieferung von Kohlensäure für Bierausschank und Mineralwas,erfabritation abgeschlossen hat, wendet sich in einem Fragebogen an alle Gastwirte seines Bezirks, um festzustellen, wie groß der Jahvesbedarf an Kohlensäure ist. Die Lieferung der flüssigen Kohlensäure erfolgt von Löhnbach bei Weilburg, wo ein größeres Eta- blisfement in Anlehnung an den dortigen Selterssprudel Augusta Viktoria in Errichtung begriffen ist.
** Internationale wissens cha ftliche Ballonfahrt. Die Internationale aeronautische Kommission giebt bekannt: Am 3. April findet in den Morgenstunden eine internationale wissenschaftliche Ballonfahrt statt. Es steigen bemannte und unbemannte Ballons auf in: Trappes, Paris, Straßburg, München, Wien, Krakau, Berlin, St. Petersburg, Moskau, Blue Hill Observatory bei Boston U. L. A. Der Finder eines jeden unbemannten Ballons erhält eine Belohnung, wenn er der jedem Ballon beigegebenen Instruktion gemäß den Ballon und die Instrumente sorgfältig birgt, und an die angegebene Adresse sofort telegraphisch Nachricht sendet. Auf eine vorsichtige Behandlung der Ballons und Instrumente wird besonders aufmerksam gemacht. Um Irrtümer zu vermeiden, wird daraus hingewiesen, daß für Hilfeleistungen beim Landen eines bemannten Ballons besondere Vergütungen bezahlt werden, deren Hohe jedesmal von dem Ballonführer fest- gestellt wird.
** Honi g. Die Osterzeit ist allgemein die Zeit des Honiggenufses. Wir wollen nicht verfehlen, erneut auf die heilsamen Wirkungen dieses Naturerzeugnisses hinzuweisen. Vor allen Dingen sollte der Honig niemals den Kindern vorenthalten werden. Ist doch der fleißige Honiggenuß die ficherste Grundlage für das fröhliche Gedeihen derselben. Nicht mit Zucker und Bonbons macht man die Kinder gesund und rotbackig, wohl aber mit Nektar aus den Blüten, d. i. mit reinem, unverfälschtem Honig. Er bedarf im menschlichen Magen keiner besonderen Verdauung, sondern geht, ohne Rückstände zu hinterlassen, direkt ins Blut über. Erfahrungsgemäß fühlen sich Bleichsüchtige, Brüst-, Nerven- und Magenleidende durch den anhaltenden Honiggenuß merklich gekräftigt, wie in allen Fällen der Rekonvaleszenz sein kräftiger, belebender Einfluß überaus wertvoll ist. Ein so miet)tiger Förderer der natürlichen Gesundheitspflege sollte daher in der Osterzeit auf keinem Frühstücks- oder Kaffeetische fehlen!
t Bermuthshain, 27. März. Gegen die kürzlich hier stattgehabte B ü r g e r m e i st e r w a h l ist Reklamation erhoben worden. Der erste Anfang von Parteiwesen in unserem Ort datiert von der Bürgermeisterwahl vor neun Jahren her. Die damals unterlegene Partei beruhigte sich die ganzen Jahre hindurch nicht und die Uneinigkeit ist immer großer geworden, was man bei der letzten Wahl deutlich sehen konnte.
he. Wustwillenroth, 28. März. In unserem ruhigen Ort ertönte gestern ein Feuersignal. Das ganze Dorf geriet in Aufregung. Als man sich nach dem Grunde erkundigte, da stellte sich heraus, daß ein junger Mann ein ähnliches Signal auf dem Horn des Schweinehirten geblasen hatte. Jedenfalls wird die Sache ein gerichtliches Nachspiel haben.
r. Stangenrod, 27. März. Bei der heutigen Bürger- meisterwahl wurde unser Bürgermeister Bock mit 62 Sd- einftimmig wiedergewählt.
Nidda, 28. März. Am 5. April werden es 50 Jahre» daß in unserer Stadt der erste Totenwagien ange-- schafst wurde. Der Fuhrmann, welcher damals das Fahren der Leichen übernahm, versieht das Amt noch; es ist der 84 jährige Landwirt Christian Hofmann. Tie Krugsche Stiftung, welcher der Wagen gehört, hat dem Jubilar 25 Mark Remuneration bewilligt. Es ist interessant, von dem Alten zu Horen, wie hartnäckig sich damals manche Leute dagegen gewehrt haben, daß ihre Angehörigen gefahren werden sollten, statt auf der Schulter getragen zu. werden. Es mußte in einigen Fallen mit Gewalt gedroht werden. Uebrigens ist der damalige erste Wagen* vor etwa 6 Jahren außer Dienst gestellt, und ein neuer, den jetzigen Anforderungen entsprechender beschafft worden. Merkwürdig ist es, wie die „Darmst. Ztg." schreibt, auch, daß bis heute noch dem Fuhrmann die anfängliche Taxe von 2 Gulden (3,45 Mk.) bezahlt wird. Jedoch soll von nächstem Jahre an eine zeitgemäße Erhöhung vorgesehen werden. Ter Wagen dient nur den christlichen Konfessionsangehörigen.
Schotten, 28. März. Die Generalversammlung des Zweigvereins Schotten dev Vogelsberger Hohen- l l u b s beschloß u. a., im Laufe des Sommers folgende Ausflüge auszusühren: Sonntag, 20. April: Tour nach dem Reipperts—Salzhausen, zurück per Bahn; Sonntag, den 1 Juni: Tour nach der Schreinersmühle—Jägerhaus; Sonntag, 10. August: Tagestour Ulrichstein-—Hoherodskopf; 14, September: Burckhardser Schutzhütte.
r. Darmstadt, 28.' Marz. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen sind bald nach 10 Uhr ein- getroffen und vom Großherzog am Bahnhof herzlich begrüßt worden. Ein zahlreiches Publikum jubelte den Herrschaften zu.
D a r m st adt, 27. März. Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen sind heute mittag 12.58 Uhr zum Besuche am Großherzoglichen Hofe hier eingetroffen.
Drrnnschtes.
* Bremerhaven, 27. März. Der Dampfer „Dresden" mit Terlinden an Bord mußte gestern nach seinem Eintreffen wegen ungünstigen Wasserstanoes vor der Weser- mündung vor Anker gehen. Nach Mitternacht lief der Dampfer ein und langte im Hafen nach 2 Uhr an. Dann wurde Terlinden durch Hafen-Polizeibeamte an Bord ir Empfang genommen und per Droschke nach dem Polizei- gesängnis überführt. Von dort brachten ihn heute morgen zwei aus Hannover eingetroffene Kriminalbeamte nach dem Bahnhofe, von wo in einem abgesonderten Coups 3. Klasse seine Ueberfühmng nach Duisburg erfolgte. Terlinden, ein mittelgroßer, korpulenter Mann, sah sehr wohl aus,, war gut gekleidet und legte große Gleichmütigteit an den Tag.
* Wittenberg, 27. März. In dem benachbarten Derenburg wurde gestern abend ein Raubmord verübt. Der Kaufmann Runge wurde von drei Strolchen in seinem Laden überfallen, gewürgt und dann auf» gehängt. Geraubt wurden 385 Mart bares Geld sowie eine Menge Waren. Die Polizei ist den Thätern auf der Spur.
* Ein Gnadengesuch des Domänenpachters Falkenhagen, der den Landrat v. Bennigsen erschossen hat, ist abgelehnt worden.
* Im Semmering -Gebiete herrscht heftiger Schneefall. Die Berge find bis zur Thalsohle in Schnee gehüllt. Auch hier fällt zeitweise Schnee.____________________
Universitäts-Nachrichten.
— Man schreibt ans Düsseldorf: Atädemiedrrektor Professor Peter Janssen wird am 1. April das 25jährige Jubiläum seiner Thätigkeit als Lehrer an der hiesigen königl. Kunstakademie feiern. — Henri Erman in Lausanne, Professor des römischen RechtS, hat eine Berufung an die neu begründete Juristenfakultät zu Münster erhalten. — Aus Altenburg schreibt man: Im Alter von 85 Jahren ist hier Hofkapellmeister Dr. Wilh. Stade gestorben. Bis 1860 mar Stade Universitätsmusikdirektor m Jena, dann wurde er nach Altenburg berufen. Bei seinem Scheiden von Jena erhielt er von der philosophischen Fakultät den Ehrendoktor. Stade mar mit Liszt eng befreundet und galt schon während seines Jenenser Aufenthaltes als vorzüglicher Orgelspieler. Bon ihm ist das bekannte Studentenlied: „Auf den Bergen die Burgen, im Thale die Saale".
— Ter Univ.-Pros. Riehl zu Leipzig erhielt einen Ruf an die Klinik des verstorbenen Prof. Kaposi in Wien, dem er Folge leisten wird.
Camburg, 27. Märr. Im benachbarten Schieben verschied der Rittergutsbesitzer Karl Zeitschel im 92. Lebensjahre. Der Verstorbene war der älteste aller ehemaligen deutschen Eorpsstudenten und beteiligte sich als solcher trotz seines hohen Lebensalters bis zuletzt an den jährlichen Zusammenkünften auf der Rudelsburg, auf der er überhaupt ein öfter gesehener Gast war.
Gerichtssaal.
e. Gießen, 26. März. (G ew erb eg erich t.) Den Vorsitz fuhrt Beigeordneter Wolff. Der Taglohner Friedrich Müll hier verlangt von dem Fuhrunternehmer Heinrich Her^berger hier wegen unbefugter künbigungsloser Entlassung 30 Mk. Erstschädigung. Der Beklagte wendet ein, daß er mit dem Kläger vereinbart habe, daß die Kündigungsfrist ausgeschlossen sei. Der Kläger habe aber auch, nachdem er am 20. d. M. zwei und eine halbe Stunde gearbeitet, die Arbeit verlassen und sei erst am 24. d. M. wieder erschienen. Dies berechtige ihn, selbst wenn die Kündigungsfrist^ nicht ausgeschlossen sei, zur snfortigen Entlassung des Klägers. Der Kläger entgegnet, daß er vier Wochen krank gewesen und am 19. d. M. vom Arzte für gesund erklärt worden sei. Sim 20. März habe er bei Herzberger zu arbeiten wieder begonnen. Um 10 Uhr vormittags desselben Tages sei er zur Ortskrankenkasse gegangen, um sich das ihm noch zustehende Krankengeld zu holen. Da er im stnte Schmerzen verspürt, sei er nach Hause und nicht mehr zur Arbeit gegangen. In ärztliche Behandlung habe er sich nicht begeben, auch habe er nicht für nötig gehalten, dem Beklagten Mitteilung von seinem Unwohlsein zu machen. Daß die Kündigungsfrist ausgehoben sei, davon wisse er nichts. Die Parteien baten um Erlaß des Urteils ohne Zuziehung von Beisitzern. Tas Gericht wies die Klage, unter Verurteilung des Klägers ui die Kosten des Verfahres ab, mit der Begründung, daß es unentschieden bleiben könne, ob die gesetzliche Kündigungsfeist durch Vereinbariing ausgeschlossen worden sei. Die Entlassung des Klägers sei vielmehr schon deshalb gerechtfertigt gewesen, weil das Verhalten des Klägers ein unbesugles Verlassen der Arbeit — § 123 Pos. 3 der Gew.-Ord. — darstelle. — In einem weiteren Rechtsstreite war nur der Beklagte erschienen, welcher jedoch einen Antrag nicht vorbrachte.


