Ausgabe 
27.11.1902 Viertes Blatt
 
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ISS. Jahrgang

Erstes Blatt.

Nr. 280

Grl-etnl täglich aubei Sonnlag».

Den» Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit den, Kesfilcheu Landwirt bie Lietzener Familien« blätter oiermal in der Woche beigelegt.

NolalionSdruck u. Ver­lag de, tJ t ü t) l'schen Univerf.-Buch- u.Slem» dr ud»ret (Vielsch Erden) tUbatuon, (trpcbuum and Druaereli

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen

KtKanntmachung.

Bett.: Rauschbrand zu Lich.

E4 wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß gns der Fürstlichen Gutsverwaltung zu Lich ein Schaf an Rauschbrand gefallen ist.

Gießen, 28. November 1902.

Großherzaaliches S'maamt Gießen-

Dr. Breidert.

Per Kass Krupp.

Der Kaiser hat Friedrich Alfred Krupp die letzte Ehre erroicfen; einer unter den tausenden von Leidtragenden ging deS Vaterlandes erster Mann Hinter der Bahre, um der Welt zu bekunden, daß em Ehren mann zur letzten Ruhe be­stattet wird. In seiner wuchtigen Rede warf sich Wilhelm II. mit der ihm eigenen leidenschaftlich raschen Impulsivität zum Schützer der persönlichen Ehre deS Heimgegangenen aus. Vor diesem Zeugnis allein müßten die infamen Ver­dächtigungen verstummen.

Von den schweren Bezichtigungen, die italienische Lokal­blätter gegen Krupp erhoben haben, wußte man in Deutsch­land an verschiedenen Stellen bereits, bevor derVor­wärts" sie wiedergab. Man hatte fie hier zu Lande so gut wie unbeachtet gelassen, da man hier sehr wohl wußte, daß es sich um einen systematischen Erpressungs- seldzug gegen Krupp handelte. Diese Erkenntnis der Verhältnisse machte natürlich auch die spateren Angaben desVorwärts" im höchsten Grade unglaubwürdig und ließ annehmen, daß das Blatt mit seinendirekten Informa­tionen" ebenso sehr seiner unverantwortlichen Leichtgläubig­keit wie seinem Haß gegen hervorstechende Vertreter des Kapitalismus zum Opfer gefallen war. Die trotz einiger Schärfen erschütternde Ansprache des Kaisers, der mit Krupp durch ein enges Freundschaftsverhältnis verbunden war und der dem toten Freunde die letzte Ehre zu erweisen unter diesen Umständen als eine besonders heilige Pflicht ansah, hat reinigend gewirkt wie ein Gewitter. Möge sie die beab- kichttgte gute Wirkung auf die Hörer nicht verfehlt haben'

Man entnimmt dem NeapelerMattino" folgende Einzelheiten über da« Capreser Leben des Verstorbenen. Seir einer Reihe von Jahren pflegte Krupp den Winter in Capri zuzubringen, wo er im Hotel Quisisana abstteg und in den Zimmern Nr. 9 bis Nr. 12Hof hielt". Unter Vermeidung jeder zeremoniellen Deußerlichkeit trat der reichste Mann Deutschlands als einfachster Tourist auf und verkehrte mit Vorliebe mti Künstlern, Musikern und der- gleichen, sowie mit den Eingeborenen der Sirenen-Jnsel. Interviewen ließ sich der Geheimrat um keinen Preis: ttotzdem brachten es gewisse Neapeler Zeitungen fertig, große politische Unterhaltungen mit ihm zu veröffentlichen, worauf jedesmal ein geharnischtes Dementi erfolgte. Was Krupp für Capri gethan, wie er eine prächtige Straße die Strada Krupp gebaut und das Gold mit vollen fanden unter die längst nicht mehr patriarchalisch naive Bevölkerung streute, wissen alle Besucher des glücklichen Hotel- und Sirenen-Eilandes.

In ähnlicher Weise berichten die größeren italienischen Blätter aller Patteien, daß Krupp auf Capri ein moralisch absolut tadelloses Leben führte. Wir erfahren, daß er auf

jenem Märcheneilande genau ebenso schlicht und einfach lebte, wie in seiner deutschen Heimat; dort wie hier streute er mit vollen Händen Wohlthaten auS; er unterstützte die Schwachen und Armen und versuchte auf das verlotterte Volk der Ca­preser, soviel es in seinen Kräften stand, ökonomisch und mo­ralisch erziehlich einzuwirken. Wenn sich eine Partei gegen ihn bilden konnte, so waren e5 diejenigen, die nicht genug bekamen und den anderen das, was sie erhielten, mißgönnten. Diese verluderten Nachkommen der edlen Römer* verfügen zwar über die Pose ihrergroßen Ahnen", aber Armut und Indolenz haben sie moralisch so herunter gebracht, daß sie in den gemeinsten Ehrabschneidereien nichts Anstößiges finden, wenn sie damit ihre Zwecke erreichen. Dies gilt natürlich nicht von allen Capresen, aber von jener entsetzlichen Bande, die dem NichtSthun, der Verleumdung und Rache lebt, der jedes Mittel recht ist, wenn es zu ihrem Vorteil aus­schlägt.

Ein Mord wurde begangen, sagte der Kaiser m seiner Essener Rede. Das Wort ist stark, ganz gewiß zu stark, und mächtiger als das empörte Gefühl über eine gemeine Ehr­abschneiderei, die einen gütigen und kranken Mann auf daS Totenlager warf, ist in Deutschland daS Recht, das den unanständigen Verleumdungsfeldzug mit aller Schärfe, aber nicht über daS Maß verurteilen wird. ES wird nicht ver­geßen werden, daß alle jene hetzerischen Reden, die da sagten, die Arbeiter hätten Krupps 25 Millionen verdient, eine kurzsichtige und widersinnige Thorheit, ja von gar vielen wider beffereS Wißen ausgesprochene Lüge war. Das Genie vom Großvater und Vater Krupp hat diese Anlagen ge­schaffen, die die Bewunderung der Welt erregen. Wenn diese beiden nicht mit ihrem höheren Verstand, ihrem unermüdlichen Fleiß, ihrer Erfindungskraft und ihrer Energie gewirkt hätten, dann hätten eben nicht Hunderttausende von Arbeitern, Be­amten 2C. schönen Verdienst und menschenwürdiges Dasein, die deutsche Volkswirtschaft hätte nicht Millionen und Millionen eingenommen. Von diesem großen Unverstand, daß die Arbeit der Handarbetter eS sei, die dieWerte" schafft, ist die Welt beherrscht.

Doch nur auf dem Wege eines gänzlich unbeein­flußten gerichtlichen Verfahrens, wie es gegen das sozial­demokratische Blatt eingeleitet und fortgeführt werden soll, wäre es möglich, die Wahrheit zu ergründen. Wenn der Kaiser, einer impulsiven Regung folgend, feierlich erklärte, daß er den Schild des deutschen Kaisers über dem Hause und dem Andenken des Verstorbenen zu halten nach Essen gekommen sei, so bekundete er damit die Vornehmheit seiner Gesinnung und die Ritterlichkeit seines Charakters. Mer er beschwor damit auch die Gefahr herauf, daß seine Worte einen dem Richter unbewußten Einfluß auf das eventuell zu erwartende gerichtliche Urteil ausüben könnten, an den der Kaiser gewiß nicht gedacht hat und den er ganz gewiß unter keinen Umständen wollen wird.

Im übrigen hat mit der unseligen Veröffentlichung imVorwärts" das deutscheVolk nichts zu thun. Gewiß, sie ist des deutschen Namens unwürdig, und das beweist, daß man denVorwärts" mit seiner Veröffentlichung und deren Verantwortung durchaus sich selbst überlassen muß.

Essen a. Ruhr, 27. Nov. Der Bürgermeister von Capri, Serena, telegraphierte anläßlich der Beisetzung Krupps an den hiesigen Oberbürgermeister: Ich erfülle meine Pflicht, indem ich Ihnen mitteile, daß unter dem Ausvicien der städtischen Behörden die gesamte Be» völkerung einmütig das Gedächtnis Ihres hoch­verdienten Ehrenbürgers Krupp feierte und mir den angenehmen Auftrag erteilte, dem Magistrat der Vater­stadt des illustren Toten ihre tiefe und nnauSlösch-! liche Trauer ausAudrücken.

Ein Teil der Berliner Blätter bespricht die Rede des Kaisers in Essen.

DieP o ft" sagt ut entern längeren Artikel: Die öffend­liche Schmähsucht habe seit der Beseittgung des ©ojialiflen* gesetzes an Umfang ungeheuer zugenommen. Der Miß­brauchten die Sozialdemokratie mit der Preßfreiheit treibe, schreie förmlich zum Himmel. Es sei die höchste Zeit, daß diesem Terrorismus endlich eine wirksame Schranke gesetzt wird.

TieT 5 gl. Runds ck au" meint, die Sozialdemokratie werde die Wirkung des vergifteten Brotes, das fie andern reichen wollte, am eigenen Leibe spüren. Man müßte an der Gesinnung der deutschen Arbeiterschaft verzweifeln, toemc sie das Verbrechen desVorwärts" als eigenes tragen, sich zu ihm bekennen wollte.

DieStaatsbürger-Ztg." billigt vollkommen b« Kaiserrede. Zutreffender als dies durch Die kaiserliche An­sprache geschehen, sei das Verhalten der Sozialdemokraten^ bisher nicht gebrandmarkt worden und werde auch nicht' gebrandmarkt werden.

DieGermania schreibt tt a.: Wenn der Kaiser die Hoffnung ausspreche, daß die sozialdemokratischen Ar­beiter sich nunmehr bewegt finden würden, das Tischtuch zwischen sich und der Sozialdemokratte zu zerschneiden, so dürste das doch eine zu o p t i m isti sch e Au s f a ssun g sein. Tas Gros der sozialistischen Arbeiter sei so tief verhetzt und so sehr an die KampfeSweise desVor­wärts" gewöhnt, daß die Stimme des Herzens mit edler menschlicher Empfindung kein Gehör mehr finde.

DerBörsen-Courier" glaubt darauf Hinweisen gix müssen, wie wirkungslos tmb eben deshalb tmzuträglich es sein könne, «daß der Kaiser gewissermaßen ein Lossagen der sozialisttschen Arbeiterschaft von ihrem Zentralorgan! fordere. Das Blatt fürchtet, in dieser Hinsicht werde auf, keine Erfolge zu rechnen sein, so schlechte Dienste her; Vorwärts" auch mit seinem Vorgehen der Partei geleistet habe.

DasBerl. Tageblatt vertritt die Ansicht, daF es vielleicht besser gewesen wäre, wenn sich in der Nnv- getung des Kaisers ein Mann gefunden hätte, der von.' einer Veröffentlichung des Wortlautes der Rede ebrlich gewarnt und sie so verhindert hätte. Jedenfalls aber Dürfe man die vom Kaiser gebrauchten Ausdrücke nicht auf bie Goldwage legen. Eine dauernde Wirkung kann sich baS Blatt von dieser Rede nicht versprechen. Tie Arbeiter folgten der Sozialdemokratte, weil fie bei ihr ihre Interessen ant besten vertreten zu sehen glaubten. Dieser Glaube werde schlechterdings auch durch den Appell des Kaisers kaum? in einem größeren Umfange erschüttert werden.

Die ,^8e r l. Z t g." steht nicht an, auszusprechen, datz

Cervantes mit dem Don Quixote, der Rosinante, der Tulcinea, dem Windmühlenkamps unb dem Ritter von der traurigen Gestalt, Moliöre mit den eingebildeten Kranken und dem Tartuffe, der Däne Holberg mit dem politischen Kannegießer und noch einige andere. Auch das wirkliche Leben schafft neue Gattungsbegriffe: wer bei den Alten ein Krösus war, ist bei uns ein Rothschild, Libungtschang hieß der Bismarck des Ostens, Panama ist der Gattungsbegriff der Bestechung geworden.

Weihnachts -gSitf rafut*

In dem Verlage von C. Bertelsmann ht Gütersloh erschien soeben von Karl Barthels deutscher National- Htteratur der Neuzeit (zehnte Auflage, neu bear­beitet und fortgesetzt von Max Vorberg, weitergeführt und vollendet von Guido Burkhardt) die 7. (Schluß-)Lieferung (1.50 Mk.) Nach Ueberwindung mancher Schwierigkeiten, welche, «sich der Vollendung dieser neuen Bearbeitung, zu­mal durch den plötzlichen Heimgang des ersten Bearbeiters, entgegenstellten, ist es erfreulich, dieses treffliche Werk nun­mehr zum Abschluß gebracht zu sehen. Barthels National- litteratur hat sich Jahrzehnte hindurch bewährt als ein zuverlässiger und verständiger Ratgeber: auch von der Fortführung darf man sagen: is ist ein Pfadweiser auf dem Gebiete der neueren Dichtung, dem sich namentlich der getrost anvertrauen kann, der die Dichterwerke unseres Volkes nicht ausschließlich unter ästhetisch-künstlerischem Ge­sichtspunkt betrachtet, sondern dem es darauf ankommt, ethische Belehrung zu erhalten. Jede Seite dieses Werkes führt darauf hinaus, was geschehen ist, geschieht oder ge­schehen könnte zur Hebung und zum inneren Wachstum unseres Volkes durch das Mittel der schönen Litteratur, und so ernsthafte und herzenswarme als tief gehende Unter­suchungen werden darüber angestellt. Tas Buch verdient namentlich Eingang in Kreisen der protestantischen Kirch­lichkeit.rt

Von Velhagen L Klasings bekannter schöner und lehrreicher SammlungIllustrierte Monographien" er­schien soeben der 8. Band: Fr au e n s ch ö n h e i t im Wandel von Kunst und Geschmack von Professor Tr. Ed. Heyck (Preis 4 Mk.) Dies Buch ist, so lebhaft es das Interesse in Spannung hält und durch die wundervolle Auswahl .feiner opulenten Illustration die Augen ent­

Feuilleton.

Neber Schrifttrnrr und Sprachschatz hat Prof. Dr.Behaghel aus Gießen im Zweigverein Köln deS Allgemeinen deutschen Sprachvereins einen Vortrag gehalten, in dem nach der .Köln. Ztg/ folgende bemerkenswerte Einzelheiten vorkamen. In seinen Hlussuhrungen wies er nach, welche Einwirkungen der deutsche Sprachschatz, dessen Quelle der mündliche Verkehr und das Schrift­tum ist, einerseits durch die gestaltende Thätigkeit des einzelnen Schriftstellers, anderseits durch die Schaffung neuer Wörter, die der Masse des Volkes entstammen, erfahren hat. Meist find es die sog. geflügelten Worte, die Kunde geben von der Stärke, mit der einzelne Schriftwerke den Sprachschatz beeinflußen. Allen voran stehl die Bibel, aus der die meisten stammen. Sonst finden wir fast gar keine solche von deutschen Schriftstellern bis zur Zeit un­terer Klassiker. Die großen Kampfe des 16. Jahrhunderts haben 4,ns Wort .Dunkelmänner" geprägt, und a»5 derselben Zeit stammt der Enlenfpiegell. Das 17. Jahrhundert hat uns den _9tiirnbcr- aer Trichtert hinterlassen und das 18. den .Don Iuarrt und die Oeporellorolle . Lessing verdanken wir 20 geflügelte Worte, aus dem Faust stammen 111, aus Schiller dritthalbhundert. Shakespeare, der in der Uebersetzunq fast wie ein deutscher Klassiker roirfl, hat 60 öfter ungezogene Stellen. Vergil und Horaz haben mit 40 und 90 Worten stark auf die deutsche Sprache gewirkt. Werden btefe Worte meist ohne weiteres verstanden, so erfordern andere die Kenntnis ihrer Herstammung, eine geistige Arbeit. Wer z B. von einem .Tag von Damaskus- spricht, setzt bei dem Hörenden die Kenntnis der betreffenden Stelle der Apostelgeschichte voraus und die Fähig­keit, den Begriff sinngemäß zu übertragen. Solche Bilder werden zu lebendigen Gliedern unserer Sprache. Weitere Bereicherungen sind dieser aus dem Märch-n und der Fabel besonders der Griechen und Römer erwachsen. Ost wird auch ein Eigenname zum Ding» wort, indem man damit bestimmte Besonderheiten seines Tragers bezeichnet, z. B. ein Adonis, fein Homer sein. Andere Namen werden auch willkürlich gewählt, ohne daß sie em bestimmtes Bild geben und eine bestimmte Vorstellung fich damit verknüpfen laßt; in vielen Fällen freilich sind die Quellen dafür so veraltet, daß man sie nicht mehr kennt. Der Vortragende bemerkt, daß man z B. im 18. Jahrhundert einen aufgeblasenen Menschen piun§ ernannt habe, nach dem berühmten Scholastiker Duns ecotus. 2be dieser besondere Veranlassung zu einer^solchen Bezeichnung ge- geien habe, ist uns unbekannt. Für die sprach- und < udungs- geshichte ftnb die geflügelten Worte von großer Bedeutung,, fie aebn Kunde davon, wie stark die Schristiverke aui die Bolk^eele einaroirft Haden. Von ausländischen Schriststelleru haben außer Sharjpeare nur wenige den deutschen Sprachschatz beeinflußt, so

zückt, doch aus ernsthaftester Absicht geschrieben. Es wird verdienstlich beitragen, ästhetische Probleme der Gegenwart durch seine geschmackgeschichtlichen Darlegungen klaren ml Helsen. Des Verfassers Weise bei kultur- und kunstgeschicht­lichen Auseinandersetzungen laßt sich dahin charakteri­sieren, daß er Verständnis erschließt, anstatt Beschreibungen und Anekdoten zu geben, imfo ldaß er allen Hahlen unb geschraubten Wendungen redlich aus dem Wege geht. SBir: sind der Ansicht, daß das Studium dieses Buches für ge­bildete Frauen wichtiger ist, wie das einer Moden­zeitung, und daß das Vergnügen daraus um vieles reiner, der Gewinn dauernder sein wird.

Heinrich Sohnreh. Hütte und Schloß, reich illustr. von, L. Burger (Berlin M. Warneck), 3 Mk. Wir freuen uns dieser neuen Gabe Sohnreys und sind über­zeugt, daß ,Lütte und Schloß" nebenF r i e d e s i n ch e n S Lebenslauf viele Freunde finden wird. Es ist inter­essant zu hören, was Professor Rich. M. Werner über Sohnrey sagt:Als ich den entzückend-schlichten Lebens­lauf Friedesinchens zum erstenmal las, überkam mich tiefe, Beschämung; das köstliche Buch ist bereits vor mehr aV einem Jahrzehnt erschienen und konnte mir vollständig un­bekannt bleiben! Ich erinnere mich nicht, jemals eine Be­sprechung gelesen zu haben, die auf diesen Schatz kerniger^ volkstümlicher und einfacher Poesie hinwies. Sind wir in Deutschland wirklich so überreich an Poesie, daß wir gleich einem früchtegebeugten Baum auf die einzelne Frucht keinen Wert mehr legen können? Diese Frage habe ich mir schon manchmal vorgelegt, we^n ich beobachtete, wie andere Nationen sich über die Leistungen ihrer Dichter freuen." Durch das ganze Buch geht ein Zug von Freudig­keit, der wohlthut und erfrischt. Diese Freudigkeit gemahnt an das Volkslied, das auch besondere Vorliebe für traurige Stoffe hat |U nd selbst das Glück nicht in lustigen Liedern aussprilbt. Freudigkeit ist Frohsinn, nicht Suftißfeit; ist nachdenksam, nicht spaßhaft: ist sinnig, nicht komisch Tie Verlagsbuchhandlung von Martin Warneck hat soeben eine illustrierte Broschüre über Sohnrey herausgegeben. Wir empfehlen, sich diese kommen zu lassen, sie ist umsonst zu haben.