Nr. 252
Montag, 27. Oktober 1902
152 Jahrg.
Erscheint ISglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siebener Zamilienblatter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen
zu nehmen, als bloS agrarische, und so kommt Herr v. Podbielski diese Dorlag- Kamps und wieder Kampf, Kampf bis aufS Mcfser oft mit seinem agrarischen Herzen in Konflikt. Wenn er könnte, wie Kampf bis Sur Vernichtung Lebhafter Beifall der den ^ozrar er wollte dann würde er die Minimalzölle auf Dich sicher annehmen, demokraten. Dre Rede hat 3% Stunden gedauert^)
Sett 1898 h^ben in Rußland an der Grenze überhaupt keine Vieh- Minister v. Podbielski bemerkt zunächst gegenüber ein« l-uch-" m°h- «W SÄÄ M«
Brutto für Netto.
Durch Zusammentreffen einer Reihe von Umständen sind gewiß zeitweise in der Fleischversorgung Schwierigkeiten eingetreten, aber Herr Bebel gab an, ich hätte, gestützt auf die Erfahrungen des Oekonomieraths Ring, der der Konferenz mit der Stadtvertretung von Posen beigewohnt hätte, die bezüglichen Vorschläge gemacht. Ja, meine Herren, cs steht viel in den Zeitungen, so auch diese Angelegenheit. (Heiterkeit.) Ich glaube, die Betheiligten haben alle darüber gelacht. Da aber Herr Bebel von Neuem mir dieses vorhält, so kann ich ihm nur sagen: Die Konferenz batte mit den Vertretern der Stadt und mit dem Vertreter der Landwirthschaftskammer stattgcfunden. Den Vertreter der Vieh- centrale habe ich seit den Verhandlungen im Abgeordnetenhause nie wieder gesehen, ich habe ihn auch gar nicht bestellt, sondern es hat lediglich eine Unterhaltung in meinem Vorzimmer stattgefunden. Der Vertreter der Landwirthschaftskammer hatte tele- phonirt, der Ockonomierath Ring möge doch hinkommen, und wie ich sagte, meine Herren, ich kann nicht die Wünsche erfüllen, die Sie vorgcbracht haben, aber da die Stadtvertretung Sorge habe, daß Schwierigkeiten in der Fleischversorgung eintreten könnten
Parlamentarische Perhandlunizen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
203. Sitzung vom 25. Oktober. 1 Uhr.
Das HauS ist schwach besetzt.
Am Bundesrathstisch: Graf v. PosadowSkh, b. Pod -
®16 Auf'der Tagesordnung steht die F o r t s e tz u n g der zweiten ! Derathung des Zolltarif-Gesetzes (M-ndestzolle)
Die Regierungsvorlage hatte Mindestzolle für Vieh und Fleisch nicht vorgesehen, die Kommission dagegen hat folgende Mindestzölle angenommen: für Rin d tii e h, Schafe und Schweine je 14,40 Mk. für einen Doppelcentner, Fleisch frisch oder gefroren 36 Mk., einfach zuberertet 48 Mk., für den feineren Tafelgenutz 96 Mk. für den Doppelcentner
Abg Frhr. von Wangenheim (kons.) beantragt, für Rrndvreh, Schweine und Schafe 18 Mk. für den Doppelcentner, für Fleisch 45 bezw 60 und 120 Mk. für den Doppelcentner. Außerdem beantragt er einen Mindestzoll von 36 Mk. für S ch w e i n e s p c ck, für den die Kommission keinen Mindestzoll festgesetzt hat.
Referent Abg. Herold (Centr.) berichtet kurz über die Verhandlungen der Kommission.
Abg. Bebel (Soz.): Die Kommission hat unseren Antrag über diese wichtige Position, vor Allem über die Gründe der Minorität, einen schriftlichen Bericht abzulegen, abgelehnt. Statt dessen hat der Herr Referent in einer kleinen halben Stunde Alles zusam- mcngefaßt. (Zuruf rechts: Lang genugI) Ja, ich glaube, daß es Ihnen lang genug ist. Sie wünschen am liebsten, daß gar nicht gesprochen wird. Wir haben aber das Interesse, daß so wichtige Gegenstände möglichst gründlich behandelt werden.
Der Herr Reichskanzler hat vor einigen Tagen die Beschlüsse der Kommission für unannehmbar erklärt. Die Antwort des Reichstags bestand darin, daß er sie unverändert annahm Nun hatte der Reichskanzler nur die Möglichkeit, entweder sofort zum Kaiser zu gehen und die Auflösung des Reichstages zu erlangen, oder, falls diese von jener Stelle nicht verfügt wird, dem Kaiser sein Mandat vor die Füße zu legen. (Sehr richtig! links.) Tie verbündeten Regierungen haben aus nur unbekannten Gründen vcn diesem einzig korrekten Weg abgesehen. Wie kann man unS aber jetzt zumuthen, fortgesetzt weiter zu bcrathen, wenn diese Be- rathung doch ganz zwecklos ist. Der Reichstag, der doch aus Mannern besteht, sollte diese Arbeit ablehnen. Sie wäre za nur unnütz und eine Menschenquälerei sowohl für die, die die Reden halten, wie für die, die verdammt sind, sie anzuhören. (Heiterkeit.) Bürdet man uns diese Arbeit auf, so werden wir sie in unserer gründlichen Weise in Angriff nehmen. (Heiterkeit.) Wir treiben nicht, wie man wohl hier und da glaubt, Obstruktion. Wir werden unL streng an die Geschäftsordnung halten, aber wir werden dafür sorgen, daß jede Position des Tarifes gründlich berathen wird, und ferner, daß das Volk draußen erfährt, wie j e d e r Abgeordnete über jede Position denkt, was nur durch namentliche Abstimmungen erreicht werden kann. (Heiterkeit.) DaS ist ein ganz loyales Verhalten. Nur, wenn sie uns wieder mundtodt machen wollen, wie neulich, dann werden wir zu Akten der Nothwehr schreiten. Aber es wäre ein bitteres Unrecht, wenn man unser Vorgehen mit dem bösen Namen „Obstruktion" belegen wollte.
Wir erblicken in den Viehzöllen, sowohl in der Fassung der ( Kommission, wie in der der Regierungsvorlage, eine ungerecht- fertigte Begünstigung agrarischer Interessen. Nun will man diese | Begünstigung mit der Nothlage der Landwirthschast entschuldigen. Ich bestreite aber, daß es eine spezielle Nothlage der Landwirthschast gicbt. Viele Klassen der Gesellschaft leiden Noth, zumal mb er gegenwärtigen schweren Krise. Gerade der Landwirtschaft geht es in letzter Zeit nicht so schlecht; das sieht man z. B. daran, daß die Zahl der Zwangsverkäufe in den letzten Jahren beständig zuruck- gegangen ist. Die Landwirthschast ist daS Lieblingskind unserer Regierung, leider ein verzogenes Lieblingskind Wäre sie nicht so verzogen, dann hätte sie gar nicht gewagt, solch einen Widerstand der Regierung cntgegenzusetzen (Abg. Graf Kanitz ruft: Die Großindustrie ist das Lieblingskind IViceprasident Büsing bittet, die Zwiegespräche zu unterlaßen.) Nun, wir sind _ ja ebenso für Herabsetzung der Jndustriezolle und werden das beweyen, wenn wir überhaupt noch zur Berathung dersewcn kommen Vergessen wir nicht, daß schon der jetzige Zolltarif Zolle mif Futtermittel enthält, durch die die Viehpreise erheblich erhöht werden! Besonders schwer trifft die Zollbelastting die würtembergifche Landwirthschast, was auch auS der ersten Rede deS Ministers Pischek unzweideutig hervorging. Die jetzigen Zölle sind nicht nur völlig ausreichend, sondern sie können auch ohne jebe Gefahr für die Viehproduktion herabgesetzt werden. Die Statistik beweist daS deutlich. Der Hauptfleischkonsument ist die städtische Jndustricbevolkerung. Der Bedarf an Fleisch ist in den letzten Jahren bedeutend gestiegen, aber die Produttion konnte nicht gleichen Schritt halten Daraus folgt, daß eine Zollerhöhung in erster Linie daS industrielle Proletariat treffen würde. Weiter kommt in Betracht, daß die Bevölkerung jährlich um etwa 700 bis 800 000 Köpfe zunimmt. Die Einfuhr dagegen hat in den Jahren 1894—-1900 in Betreff der Rinder abgenommen um 165 000 und tn Betreff der Schweine im gleichen Zeitraum um 665 000 Stück. (Hört! Kört! links ) Es ist also klar, daß die LebenShaltting der arbeitenden Bevölkerung sich in dieser Zeit erheblich verschlechtert hat Wenn also die Zölle noch weiter erhöht werden, werden die schon durch die fetzigen Einfuhrbeschränkungen künstlich gesteigerten Fleischpreise ms Ungemessene wachsen. Dazu wird nun noch besonders beitragen daS Fleischbeschaugesetz und das Verbot der Einfuhr von Wursten und Büchsenfleisch. Das Büchsenfleisch wird verboten, weil es gesund- beitsschädlich sein soll, obwohl daS Ausland es ißt, ohne Bauch- arimmen zu bekommen und trotzdem die deuffche Marine eS aus dem KttW und sich s°h- «°hl dnbci befindet. Dn-ch das Verbot der Einfuhr von Lebern, Lungen und Herzen ist der deutschen Wurstfabrikation der schwerste Schlag beriefet worden. Das ganze Flcischbeschaugesetz wird nicht lm geiundheitlichen., sondern ?m agrarischen Jntcresie gehandhabt. Die famtaren Grunde, die man angiebt, sinb nur Vorwände, um die Agrarier zu be- zünsttgen (Widerspruch des Grafen Kanitz.) Behaupten Sie, was Sie wollen, ich behaupte das ^^enthe'l! (Heiterkeit.) Es wird ja auch offen zugestanden, daß die Diehzolle nur begatt so exorbitant werden sollen, weil man doch über kurz ^e* lang dw Grenzen werde öffnen müßen und dann naht mit aussimdischcm Fleisch überschwemmt werden wolle. _ G» handelt sich afto nur darum, durch die Zölle die Fleischpreise tm Jnttreffe der Agrarrer künstlich hoch zu halten. Hat mansimalsschonvongesund^^ schädlichen Wirkungen dcS ausländischen Fleische? gehört, daS bte Grenzanwohner in kleinen Stengen gur «S««n ®g?“Jung_tn3 Land hinein holen dürfen? Niemals sind ^lche Schaden hervor^ getreten DaS ist ein klarer Beweis, daß bie Behauptungen von der angeblichen Verseuchthett des Auslandes nur m ber leben. ° Ein Landwirthschaftsminister hat noch andere Rücksichten
Warum sperrt man denn da die Grenze ? Daß irgendwo tm Lande i einmal eine Gegend verseucht ist, das kommt liberal!, auch bei uns : vor. Die Hauptsache für unS ist, daß die ausländischen Grenz- : gebiete seuchenfrei sind. Daß für die Grenzsperre wesentlich agrarische Gründe maßgebend gewesen sind, hat kein Anderer alber bairische Minister von Crailsheim zugestanden; er hat in einer agrarischen Versammlung der letzten Tage offen zugestanden, uafi die österreichische Grenze gesperrt sei, weil man tn Oesterreich billiger produsiren und daher zu nichtigeren Preisen das Vieh liefern könne, als wir. (Zuruf deS Abg. Graf Äanch: Dre Baiern tollten eben nicht Bescheid.) Ach, bie bummen Baiern, die dummen bairischen Minister! (Heiterkeit.) Man hat sich so sehr an bie Heuchelei gewöhnt, baß man einen ehrlichen Menschen, der bie Wahrheit sagt, für dumm erklärt. Die Fleischer schreien nach Schweinen, wie bet Hirsch nach frischem Wasier. (Heiterkeit.) In der Kommission ist zwar gesagt worben, ber ganze Fleischnothrummel jei eine künstliche Mache. Das zu sagen ist Angesichts ber offen Harliegenbcn That- sachen ein Unsinn. Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß die Verhandlungen ber stäbtischen Körperschaften von Hunderten Kommunen lediglich Mache seien. Sogar das heilige Köln hat die Fleischnoth anerkannt. Trimborn, dieser selbe Trunborn, der als Abgeordneter für bie höheren Mindestzölle eintritt, durm die das Pfund Fleisch um 15 Pfennig vertheuert wird, — dieser selbe Trimborn hat in Köln als Stadtverordneter für bte Resolution gestimmt, burch welche die Regierung um Milderung der Flenchnoth ersucht wird. (Hört, hört! links.) Wer in einem solchen Verhalten Konsequenz sähe, dem vermöchte ich nicht zu helfen. Herr Trimborn hat mich in Köln bireft für die Oeffnung der holländischen Grenze gesprochen. (Hört, hört!) Herrn Trimborn ist es in Folge dieser Ausführungen in Köln sehr schlecht gegangen. Man nannte ihn tn ber lanbwirthschastlicken Beilage ber .'Kölnischen Volkszeitung „einen gedankenlosen Feind der Landwirthschast . (Heiterkeit.) Ein agrarisches rheinisches Blatt hat sogar in Folge der von den Kölner Stadtvätern gefaßten Resolution an die Bauern die Aufforderung gerichtet, nach dem Grundsätze: haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden, in Köln überhaupt nichts mehr zu kaufen — Den stärksten Anlaß, gegen bie Viehzölle zu stimmen, hatte entschieden die sächsische Regierung, denn in Sachsen haben 63 Prozent der Bevölkerung ein Durchschnittseinkommen von nur 511 Mk. Alle diese armen Leute werden jetzt geradezu auf Hungerrationen gesetzt. Jetzt schon hat die Fleischnoth eine Rebellion der deutschen Bevölkerung hervorgerufen, wie sie noch niemals dagewesen tu- Da- Merkwürbige ist nun, baß, während an allen Ecken und Enden die Klagen über Fleischnoth ertönen und man sich aus Anlaß der großen : Manöver in Posen an den Landtoirthschastsmiinster mtt ber Bitte um Oeffnung der russischen Grenze wendet, dieser antwortet: „Bedauere, das kann ich Nicht. AVer wenden Sie sich an die Viehcentralel" Ja, wie kommt denn . ber Herr Landwirthschaftsminister dazu, die Geschäfte der Vieh- ' centrale zu besorgen? Marx unb Engels sagen im Kommunistischen , Manifest, unter den heutigen Staatsverhältnissen seien bte Regie- : rungen nicht Anberes, als bie Verwaltungsausschusse der besitzen- ' den Klassen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dieses
Wort kam mir lebhaft in Erinnerung, als Herr von PodbielSki sich zum Agenten ber Viehcenttale machte. (Sehr gut 1 bei den Sozialdemokraten.) Das Beispiel des preußischen Landwirthschafts- ministers hat bereits erzieherisch getoirft. Der Regierungsprajident von Dewitz in Erfurt ist seinen Spuren gefolgt.
Redner geht hieraus auf die Einzelheiten der Belastung des Fleisches durch die Zölle ein; er nennt eS u. A. einen Skandal, daß das billige Fleisch, bas für bte ärmeren Klassen in Betracht komme, ebenso nach dem Gewicht besteuert werbe, wie das bessere. Er bringt eine Anzahl Zahlen vor, wird dabei wiederholt von Zurufen von rechts unterbrochen. (Der Präsident Graf Ballestrem untersagt Zwiegespräche. Hierauf geht Abg. Graf Kanitz nut einem aufgeklappten Buch auf die Tribüne zum Redner, legt das Buch schweigend vor den Redner auf das Pult hin und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle des aufgeschlagenen Blattes. Redner läßt sich dadurch nicht stören, klappt da? Buch zu und legt cs bei Sette, indem er sagt: Ich habe keine Zett, jetzt zu leien, ich habe noch allerhand zu sagen! Heiterkeit.) Es zeigt sich bei diesen gesetzgeberischen Dersiichen mit erschreckender Klarheit, daß wir in einem Klassenstaate leben. Graf Schwerin hat ja zugestanden, daß er als Sozialdemokrat anders sttmmen wurde. Also gesteht er zu, daß sein Standpuntt nur dem Klaffeninteresse entspringt. Die Agrarier untergraben die Gesundheit, die Moral, die Wehrfähigkeit der Bevölkerung, indem sie sie dauernd zur Unterernährung verdammen. Fleisch wird ein Luxusartikel Da müssen doch die armen Leute zum Haß aufgestachelt werden gegen den Staat, der eine derartige Wirthschaft begünstigt! Und bte, bte das bewirken, wollen sich staatserhaltend nennen! Das ist zum Lachen. Sie sind die eigentlichen Zerstörer unseres Staatswesens, sie vernichten jede? Gefühl für dasselbe. Ein Arbeiter, der Ihnen und Ihrem Tarif zusttmmt, der einen von Ihnen m den Reichstag schickt, wäre bireft ein Selbstmörder, etn Mörder seiner eigenen Familie, ein Mörder seiner Klaffe. Nun, das „sttophulose Gesindel", von dem Hcrr von Starborff sprach, wird bet den Wahlen schon dafür sorgen, baß Sie nicht wieder hineinkommen l Wo die Arbeiter das KoalttionSrccht haben, da ist es mtt Ihrer Herrschaft vorbei, da erhalten Sie den Platz, der Ihnen gebührt! Deshalb sorgen Sie so krampfhaft dafür, daß auf dem Lande den Arbeitern dieses elementarste Recht vorenthalten bleibt! Sie wissen ganz gut, daß nur die Entrechtung der Arbeiter das letzte Bollwerk ist für die Dertheidigung Ihrer Klaffeninteressen! .
Komisch ist eS, wenn Sie davon reden, daß auch bet den erhöhten Zöllen noch gute Handelsverträge möglich sind. Die wideren Staaten antworten doch auf unsere Erhöhungen sofort mtt Erhöhungen ihrer Tarffe. Und wenn bte Handelsverträge bann von dieser Höhe etwas abhandeln, so bleiben doch immer noch ungünstigere Bedingungen, als vordem. DaS ist so einfach, daß jedes Kind bas einschen muß. Durch ungünstigere Handels- verttäge geht unsere Industrie zurück, bie Arbeit nimmt ab Der Arbeiter hat also auf ber einen Seite verminderte Arbeitsgelegenheit, auf ber anderen erhöhte Lebensmittelpreise. Er wird al,o mit doppelten Ruthen gepeitscht. Es mußte ja ein vollendeter Dummkopf sein, wenn er sich daS gefallen ließe. (Sehr richttgl bei den Sozialdemokraten. Vereinzeltes Lachen rechts. Die Zolle werden eine kolossale Fleischtheuerung zur Folge haben, sie gewähren einem Theil der LandwirthschiFt auf Kosten der Gesamntt- heit Vortheile. Daß das Ccntnrm für höhere Zolle tft, ist begreiflich; es hat ttotz seines Versprechens die Flottenvorlage bewilligt und muß nun auch die Mittel zur Deckung des dadurch hervorgerufenen ReichSbesizits bewilligen. Dir dageaen stehen auf emem anderen StanbpunLe. Der von unS für diese Vorlage sttmmen würde, ber verbiente^daß ihn bte Parteigenossen mit Ruthen auS dem Hause hrnauspettschten. Für uns bedeutet
lcbialich Werkzeuge der Agrarier wären und bescheinigten, waS diese wollten: Ter Abg. Bebel hat einen Berufsstand tn einer Weise verdächtigt, daß ich ihn unbedingt in Schutz nehmen mutz. muß seine Verdächtigung gegen bie Thierärzte zurückweisen (Beifall rechts.); ber Abg. Bebel wird keinen Beweis dafür beibringen können, und ich möchte ihn ersuchen, bei nächster Gelegenheit die Tribüne dieses Hauses zu benutzen, um zu erklären, daß dieses doch nicht zutreffend ist. Mir ist aus keiner Gerichtsverhandlung bekannt, baß irgend ein Thierarzt seine Pflicht vernachlässigt hat. Um auf die weiteren Ausführungen einzugehen, so werden die Herren, die ber Landwirthschast näher stehen, mir zugeben, daß bet erste Aufbau ber Rede des Herrn Bebel manches interessante Material brachte; nur litt eS an einem Fehler, er nahm immer Brutto für Netto. (Sehr richtig! rechts.) Im Uebrigcn vergißt er eins: in jedem Berufsstand wird cs Personen geben, denen es schlechter geht als den Anderen. (Heiterkeit und Lachen bei den Sozialdemokraten.) Gewiß! m. H. Aber Herr Bebel irrt meines Erachtens nach (Heiterkeit.), wenn er z. B. glaubt, daß heute die Rindviehzucht eine lukrative märe. Seit Jahren versuchen eme Menge Landwirthe ohne Vieh zu wirthschaften. Herr Bebel hat sich überhaupt die Statistik zurecht gemacht, tote sie ihm gerade paßte, rcsp. er hat sie nicht so durchgeführt, tote er es eigentlich hätte thun sollen. Ich will nur Hinweisen auf den einen Punkt, ber mir so ganz interessant in bie Augen schlug. (Heiterkeit.) Er hat vergessen, daß bei dem Großgrundbesitz alle diejenigen Thiere mitgezählt werden, bie bie Arbeiterbevöltcrung tn dem Grundbesitz mit hat, wodurch sich die Zahl vollständig verschiebt unb ein meines Erachtens nach (Heiterkeit) vollständig falsches Bild herauskommt. Ich kann die Rechnung von Herrn Bebel nicht verstehen. Tie Bewegung betreffs der Fleischnoth haben bie Verbündeten Regierungen auf das Ernsteste beobachtet, es sind Erhebungen eingeleitet. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Gewiß, eine Zählung ist nicht kurzer Hand zu erledigen, sic erfordert eine Menge Vorbereitungen. Das wird mir Jeder zugeben, der mtt Zählungen zu thun hat. Wir haben, so schnell es möglich war, die Sache in bie Wege geleitet. Die Aeußerung bes bam^cn Ministerpräsibcnten, auf bie Herr Bebel Bezug genommen hat, ist weder mir noch meinen Nachbarn bekannt. Ich kenne die Aeußerung nicht, glaube aber, daß sie aus dem Ziisammenhang herauS- geriffen ist. Alle Grenzsperrmaßregeln sind lediglich auSgegangen von veterinärpolizeilichen Grundsätzen. Die Regierung kann unmöglich zugeben, daß so toerthvolle Viehbestände, toie sie die deutsche Landwirthschaft hat, durch Vieh von außen verseucht unb infizirt wirb. Solche Maßregeln kann man auch nicht Plötzlich nach ber einen Richtung hin erlaßen, unb nach der anderen aufs heben. Tenn wie sollte die deutsche Landwirthschaft ihre Viehzucht auf gewissen Grundsätzen aufbauen, wenn es anders wäre? Wie die Herren von der Industrie langfristige Handelsverträge haben wollen, so muß meines Erachtens nach (Heiterkeit) auch die Land- wirthschast stabile Verhältnisse haben. Herr Bebel hat behauptet, es habe sich gezeigt, daß das Vieh in Rußland vollständig gesund sei. Demgegenüber konstatirte ich, daß von Januar bis September dieses Jahres 54 400 Schweine eingcführt sind; von diesen waren 23 trichinös unb 876 mit Finnen behaftet. (Hört,
hört! rechts.) Also selbst unter den geschaffenen
Kautclen ist doch ein so erheblicher Prozentsatz kranken
Viehs zu uns gekommen. Und darüber kann kein Zweifel fein: würden wir diese Thiere weiter in das Land befördern, würden wir sie mehrere Tage leben lassen, so würde sich daraus eine Menge von Krankheitserscheinungen ergeben, die auch auf die heimische Viehzucht übertragen werden würden. Es ist schon im Oppelner Bezirk verschiedentlich Maul- und Klauenseuche konstatirt worden, die lediglich auf den erhöhten Verkehr mit dem Ausland zurückzu- sühren ist. Im asiatischen Rußland sind 1901 nicht weniger als 43 000 amtliche Fälle der Rinderpest (Heiterkeit) festgestellt worden, unb im europäischen Rußland sind im gleichen Jahre 4500 Fälle von Lungenseuche, 54 700 von Milzbraiid, 31 500 von Schweine- seuche, 36 000 Fälle von Rothlauf bei Schweinen konstatirt worden, Klauenseuche hatten 400 000 Stück. Meine Herren — Rindvieh — (Heiterkeit), das sind doch immerhin Zahlen, die beweisen, und ich glaube nicht, darin eine falsche Schlußfolgerung zu ziehen, daß diese Zahlen doch nur oberflächlich Nachricht geben über das, was in einem so großen Reiche wie in Rußland geschieht, weil dort doch alle die Kautclen lange nicht geschaffen sind, wie bei uns. Es ist höchstens ein halbes Jahr her, da haben wir Trichinose gehabt, die lediglich auf Einführung zurückzuführen war, unb jetzt haben wir in Jo- hannisburg Maul- und Klauenseuche zu beklagen, obwohl dort früher nirgend? welche getoefen ist. DaS liegt aber an der Grenze. ES zeigt sich, daß toir von Rußland her der Gefahr ausgesetzt sind, die Krankheit zu bekommen, und daß eS Pflicht ist, das heimische Vieh zu schützen. Wenn die Herren auch sagen, wir wollen nur eine bedingte Oeffnung der Grenze, — sowie der Verkehr größer wird, ist Niemand von uns in der Lage, — (mit erhobener Stimme), meines Erachten? nach (große Heiterkeit) dann unser Vieh zu schützen. Die Behauptung, daß nur wir die ausländischen Flcischprävarate ansschlössen, während die ganze übrige Welt sic genieße, trifft nicht zu. Verbote existiren nach dieser Richtung in Frankreich und ber Schweiz seit langer Zeit, und gerade in dem Ursprungslande dieses Büchsenfleisches ist eine ganze Bewegung im Gange, die gerade gegen die Präparirung dieses Fleisches mit Borsäure vorgeht. ES sind auch eine ganze Menge von Großschlächtern aus Hamburg und Berlin zu mir gekommen, die mir direkt sagten, durch die Borsäure findet lediglich eine Murnifizirung des Fleisches statt. UcbrigenS: um wieviel handelt cs sich denn bei diesem Büchsenfleisch? Der Konsum beträgt pro Kopf der Bevölkerung nur % Kilo, welches eine Achtel zweifellos auf die Ernährung unserer Bevölkerung unmöglich von Einfluß sein kann.


