derausfchusses zur Berichterstattung über den Antrag auf Errichtung einer Landwirtschaftskammer betr., zur Beratung und wird angenommen.
Sodann erhält als Berichterstatter Abg. Köhler- Tarmstadt (nl.) das Wort zu den Rückäußerungen der ersten Kammer. Bei Kap. 31: Gendarmerie, eirrpfiehlt der Ausschuß Beitritt zuin Beschlüsse des andern Hauses, auf Annahme der Regierungsvorlage, wofür auch Ministerialrat Breid er t spricht, der darauf hinweist, daß die Regierung eine Aenderung dieser Organisation plane. Nachdem Abg. Bähr (fr. w. V.) für Aufrechterhaltung des früheren Beschlusses gesprochen, und Staatsminister Rothe nochmals um Annahme der Vorlage gebeten, wird der Ausschußantrag auf Bewilligung des geforderten Betrags angenommen.
Bei Kap. 34: Arbeitsbaus Dieburg, hält das Haus seinen früheren Beschluß, diese Anstalt unter die Justizs- Verwaltung zu stellen, aufrecht.
Zu Kap. 36: Landesuniversität, Umwandlung der außerordentlichen Professur für Geographie in eine ordentliche, stellt der Ausschuß den Antrag, dem gestern in dem andern Hause genehmigten Antrag des Geh. Justizrats Prof. Dr. Schmidt nicht beizutreten.
Abg. Dr. Schmitt (Ztr.) spricht für Annahme dieses Beschlusses, die Umwandlung erst auf Befürwortung der Universität vorzunehmen.
Abg. Jöckel weist auf die Bedeutung dieses Lehrstuhls an der Universität hin und empfiehlt den Ausschußantrag. Derselbe, der dahin geht, die Umwandlung dieser Professur für das nächste Budget vorzusehen, wird angenommen.
Bei Kap. 36: Gymnasien, Realgymnasien und Realschule, tritt das Haus dem Beschlüsse der andern Slam nie r auf weitere staatliche Subventionierung der Vorschulen an diesen Anstalten wieder bei. Ebenso werden bei den Kapiteln „Hofbibliothek" und „Landesmuseum" die gestrichenen Summen von 2000 bezw. 8000 Mark in den Ausgaben nachträglich bewilligt, desgleichen die Ausgabe von 3000 Mark für die militärische Landesaufnahme bei Kap. 102: Kataster, wogegen sich Abg. Bähr aussprach.
Ter Antrag Diehl zu Kap. 114, betr. Einfuhr von Zuchtfohlen aus Nheinpreußen wird dem Beschlüsse der Ersten Kammer entgegen aufrecht erhalten.
Zu Kap. 123, betr. Verkauf von fiskalischem Gelände an die Postbehörde zu Bad-Ruruheim spricht Finanzminister Gnauth für Beibehaltung des von der Negierung festgesetzten Preises von 15 Mark pro Quadratmeter anstatt der von der Kammer angesetzten 20 Mark, da die Regierung der Ansicht sei, daß sie der Postbehörde dieses Entgegenkommen erzeigen könne.
Die Abgg. Dr. Schmitt, Jöckel und Ulrich sprechen gegen dieses Entgegenkommen, worauf der Ausschuß-Antrag zur Annahme gelangt.
Nach Erledigung des Budgets kommt zur Beratung die Regierungsvorlage: Entwurf eines Gesetzes, die Abänderung des Gesetzes, die Ausführung der Unfall- und Krankenversicherung der in land- und for st wirtschaftlich en Betrieben beschäftigten Personen betr. Die einzelnen Artikel dieses Gesetzes werden mit einigen Abänderungen des Wortlauts und Zusätzen in den Artikeln 6, 7, 13 und 19 dem Ausschußantrag genehmigt, ebenso wie die Ueberschrist Eingangs- und Schlußworte. Den zu dieser Vorlage gestellten Antrag Jöckel empfiehlt der Ausschuß für erledigt zu erklären, und stellt das Ersuchen an die Regierung, sich mit dem Vorstände der land- und forstwirtschaftlichen Genossenschaft über eine entschiedene Verbilligung der Kosten ins Benehmen zu setzen. Nachdem sich hier eine längere Debatte über die Kostenfrage entspannen, wird der Ausschußantrag angenommen.
Ebenfalls genehmigt wird der nachträglich auf die Tagesordnung gesetzte Voranschlag der zweiten Kammer für das Rechnungsjahr 1902/3.
Nach einer Pause findet die Wahl des erwähnten Sonderausschusses statt. In denselben werden mit Akklamation ohne Widerspruch gewählt die Wgg. Diehl, Schönberger, Erk, Dr. Heidenreich, v. Brentano, Dr. Frenay, Köhler- Langsdorf, Bähr und Dr. David.
Zur Berichterstattung erhält dann das Wort Abg. Dr. G u t f l e i s ch über die Regierungsvorlagen, b-etr. Strafverfolgung des Abg. Haas-Marnz wegen Beleidigung von Mitgliedern der bewaffneten Macht (derselbe hatte die Truppen des Expeditionskorps nach China des ungestraften Mordens, Stehlens, Raubens und Plünderns beschuldigt), und betr. den Entwurf eines Gesetzes zur Abänderung des Gesetzes, die Ausführung der deutschen Straf^- pro zeßordnung betr., vom 9. Juni 1879. Der Ausschußantrag zu ersterer Vorlage wird angenommen, der Regierung die nachgesuchte Einwilligung zu den gegen den Abg. Haas in Aussicht stehenden Maßnahmen (für die Tauer der Sitzungsperiode) nicht zu erteilen. Ferner wurde der Gesetzentwurf mit einer kleinen Aenderung in Art. 3 (das Gesetz soll mit dem Erscheinen im RegierungÄblatt anstatt am 1. April in Kraft treten) einstimmig angenommen.
Tie Anfrage des Abg. Grafen Oriola, betr. Getreidezölle (ob die Regierung für eine Erhöhung der Minimalzölle eintreten würde) beantwortet Staatsminister
Rothe dahin, daß die Regierung es nach Mcaßgabe der Verhandlungen zwischen den verbündeten Regierungen und dem Reichstage nicht für angebracht halten tonne, jür eine Erhöhung der Zölle einzutreten.
Abg. Graf Oriola nimmt Bezug auf die im Reichstage abgegebenen Erklärungen des Grafen Posadowsky und des Schatzsekretärs v. Thielmann. Es frage sich, ob diese Erklärungen den Ansichten aller Bundesregierungen entsprächen, oder ob nicht einige im Plenum des Bundesrats überstimmt worden seien. Tie Antwort der Regierung habe ihm leider eine gewisse Klarheit gegeben. Er habe es für geboten erachtet, baß man den Interessen der Landwirtschaft noch weiter entgegenk)mmen müsse, als die Regierungsvorlage es thue. Denn die Leute, die ein Interesse an der Erhöhung der Minimalzölle hätten, das seien in unserem Lande nicht die Großgrundbesitzer, sondern gerade die Heinen Bauern. Hessen sei einer der deutschen Staaten, bei denen die Erhaltung der Landwirtschaft am allermeisten vonnöten sei. Namentlich komme für Hessen der Gerstenbau in Betracht, der hier am größten fei, dann komme nach Hessen Bayern, dessen Vauernstaiid über die niedrigen Zölle sehr erregt sei. Was der bayerische Abg. Heil neulich über die Verhältnisse in Bayern gesagt habe, träfe auch wörtlich auf Hessen zu. Von besonderer Bedeutung namentlich sei der Gerstenverkauf für die kleineren Landwirte, lieber die Brotwucheragitatioii wolle er sich nicht verbreiten, hier stehe er ganz ;a ui den Anschauung en der verbündeten Negierungen. Nachdem sich Redner noch des weiteren über die Meistvergünstigungsverträge mit den außereuropäischen Ländern verbreitet, deren Kündigung günstig auf einen gesunden Zolltarif einwirken würde, richtet er zum Schlüsse nochmals an die Negierung das dringende Ersuchen, für Erhöhung der Minimalzölle eintreten zu wollen. (Beifall.)
Tas Haus vertagt sich gegen V?2 llhr und wird Mittwoch, vormittags 9 Uhr, in oer Besprechung der Jnrer- peUation des Grafen Oriola fortfahren.
Aus Sludl und Kund.
Gießen, 26. März 1902.
** Zur Konfirmation. Uufer Herr 6-. L-r. - Mitarbeiter schreibt: In diesen Tagen rüsten die evangelischen Gemeinden unserer Stadt, und in ihnen hunderte von Familien zur Konfirmation ihrer Kinder. Am zweiten Osterseiertag werden in der Staotkirche die Kinder aus der Matthäusgemeinde konfirmiert (93 Kinder, 46 Knaben und 47 Mädchen), in der Johanneskirche die Kinder aus der Johaiiiiesgemeinde (66 Kinder, 35 Knaben und 31 Mädchen), am Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti), dem fogenannlen weißen Sonntag, in dec Stadtrirche die Kinder aus der Ai ar ins- und Militärgemeinde (75 Kinder, 39 Knaben und 36 Mädchen), und in der Johanneskirche die der Lukasgemeinde (99 Kinder, 50 Knaben und 49 Mädchen), zusammen 333 Kinder (170 Knaben und 163 Mädchen). Noch gilt der Tag der Konfirmation bei uns in allen Streifen der Gemeinde als ein festlicher Tag von hoher Bedeutung. Und das mit Recht. Ruht doch die Zukunft unseres Volkes auf unserer Jugend. Es gießt für uns gar keine wichtigere Aufgabe, als sie im rechten Sinne zu erziehen, sie mit dem rechten Geist erfüllt in's Leben zu entlassen, sie zu wappnen gegen die Mächte des Verderbens, die sie in unserem modernen Leben auf allen Seiten bedrohen. Dem wird aber wahrlich nicht genügt durch bloße Aufklärung des Verstandes, durch Ausdehnung der Schulbildung und Hebung des Unterrichts. Was auf diesem Gebiet geschieht, namentlich auch zur Förderung der geringer Bemittelten, wollen wir freudig begrüßen. Aber das sittliche Leben stammt aus tieferer Quelle als aus dem weltlichen Wissen. Es giebt darum nur ein Mittel, das Herz der Menschen auf die rechten Ziele zu lenken und zum sittlichen Kampf zu erwecken: das ist die Gottesfurcht. Viele meinen freilich heutzutage, daß man ohne Gott weiter komme, als mit Gott. Aber das ist doch in den Augen jedes tiefer blickenden Menschen im bejicn Fall eine leere Schwärmerei, im schlimmsten sittliche Leichtfertigkeit. Echte christliche Gottesfurcht allein schafft freie und wahrhafte starke Charaktere. Wenn unsere Jugeno Gott vor Augen und im Herzen hat, dann können wir sie getrost hineintreten lassen in den Kampf des Lebens und seine Versuchungeii. Ihnen das mitzugeben dient vor allem die Zeit des Konfirman- denunterrichts und die ernste Feier der Konfirmation. Mir können und wollen ja niemanden zuin Glauben zwingen: aber wir wollen die jungen Seelen unseres Voltes Hinweisen auf das Eine, was ihnen helfeii kann, wir wollen ihnen das Bild des Erlösers vor Augen stellen, und es ihnen einprägen, daß sie zu Gotteskindem und zu Nachfolgern Jesu berufen sind. Hier hat aber nicht bloß, die Kircke eine große Aufgabe an unserer Jugend zu erfüllen, sondern auch das Elternhaus, alle die, die den Kindern nahe stehen, und später vor allem auch die, in deren Dienst und unter deren Leitung sie ihre Arbeit thun, und ihren Beruf üben werden. Mögen die Konfirmationsfeiern, die wir jetzt wieder in unseren Kirchen begehen, in allen Beteiligten das Gefühl der ernsten Verantwortung, die sie für unseres 'Volkes Jugend haben, beleben, und sie willig machen, mit über ihre Entwickelung zu wachen, sie zu behüten vor allem, was ihr inneres
Leben verkümmert, und ihr zu helfen, daß ein in Gotte--' furcht freies, fröhliches und starkes Geschlecht aus ihr erwachse!
** Von der Universität. Der Groß Herzog hat am 22. März den außerordentl. Professor bei der philosophischen Fakultät der Landesuniversität Dr. Haußner auf sein Nach- suchen mit Wirkung vom 1. April an aus dem Staatsdienste entlassen.
* " Vom D ü n S b e r g. Dank der Unterstützung weiter Kreise, besonders verdient dabei unser Nachbarsrädtcheu Wetzlar hervorgehoben zu werden, das zahlreiche Mitglieder zum Tünsbergverein stellt, sind die Schulden, die gemacht wurden, um den Berg mit einem massiven Aussichtsturm und mit einer Schutzhütte zu versehen, nicht nur in kurzer Zeit sämtlich bezahlt worden, sondern der über 300 Mitglieder zählende Verein verfügt zur Zeit noch über ein kleines Kapital. Bereits im vergangenen Jahre erhielt der Verein für den Gipfel des Dünsberges die Wirtschaftserlaubnis. Man schickt sich nunmehr an, auf der Höhe deS Dünsberges, gegenüber dem Aussichtsturm, an der nach Hohensolms hin gelegenen Seite, eine etwa 10 Meter lange und 3,50 Meter breite, nach dem Turm zu offene Sommer- Halle mit Tischen und Bänken einzurichten. Anschließend au diese Halle ist der Bau eines unterkellerten fogenannten Buffetraumes geplant, in dem der mit der Bewirtung der Gäste betraute Wirt größere Vorräte an Speisen und Getränken aufbewahren kann. Außerdem ist die Errichtung zweier Bedürfnisanstalten vorgesehen. Der Dünsbergverein, der für diese Einrichtungen weitere 1000—1200 Mark aufwendet, hofft dadurch der Bevölkerung der näheren und weiteren Umgebung und besonders den zahlreichen Vereinen Veranlassung zu geben, den so prächtig bewaldeten Düns- berg recht oft zu besuchen.
** Opcrnvorstellungeu. In Ergänzung unserer gestrigen Notiz werden wir gebeten, darauf aufmerksam zu machen, daß das Zustandekommen des Unternehmens nur dann gesichert ist, wenn in den alle r nächsten Tagen zahlreiche Abonnements bestellt werden! Denn nur in diesem Falle kann der Theateroerein die verlangte hohe Garantiesumme zusagen. Sollte bis spätestens'Freitag Abend keine lebhaftere Beteiligung eintreten, als sich bis jetzt gezeigt hat, so wird der Vorstand des Theatervereins annehmen müssen, daß ein Bedürfnis nach Opernvorstellungen hier nicht besteht, und dem Unternehmen seine Unterstützung versagen!
* * Warnung vor dem Studium der Medizin. Vor kurzer Zeit ging durch die meisten hessischen Zeitungen eine Nachricht, worin unter genauen statistischen Angaben vor dem Studium der Jurisprudenz gewarnt wurde wegen der in diesem Fache zurzeit herrschenden Uederfüllung. Falls diese Warnung ihre Wirkung thut, wird naturgemäß der Andrang zu den übrigen Fakultäten dementsprechend zunehmen, und es dürfte daher allgemein interessieren, daß auch die Aussichten für das medizinische Studium keine günstigen sind. In Nr. 468 des „Aerztlichen Vereinsblattes" (erschienen Anfang März 1902), dem Organ des deutschen Aerztevereinsbundes, der die Mehrzahl aller deutschen Aerzte umfaßt, findet sich folgende Notiz, die allgemeine Verbreitung verdient und deren Hauptsätze hier wiedergegeben sein sollen. Sie betitelt sich: „Die Zukunft des deutschen Arztes auf Grund der Statistik. 1. 1880 kamen auf einen Arzt 3400, 1900: 2000 Seelen; 1906 wird das Verhältnis 1: zirka 1850 fein. 2. Die Zahl der Aerzte beträgt 28,174, darunter sind 6 Proz. staatlich beamtete Aerzte, die übrigen 94 Proz. haben keine Pension, keine Befreiung von Gemeindesteuer, und müssen meist teuer wohnen. 3. Bis 1906 sterben jährlich 500 Aerzte, dagegen kommt von den Universitäten ein Zuwachs von 1350, 'sodaß also die Zahl der Aerzte jährlich um 850 zunimmt. 4. Vorbedingung für das medizinische Studium ist das Zeugnis der Reife von einem Real- ober humanistischen Gymnasium. Das medizinische Studium selbst dauert von jetzt ab mindestens 6^ Jahr, durchschnittlich aber viel länger und kostet mehr als 12 000 Ml., sehr selten etwas weniger. 5. Eine Ermittelung des Einkommens der Aerzte ist im Gange, sodaß die Statistik darüber demnächst veröffentlicht werden kann; sicher ist schon jetzt, daß weit mehr als die Hälfte ein Einkommen aus der Praxis von weniger als 3000 Mk. versteuert. 1887—1896 betrug die Bevölkerungszunahme 11,5 Proz., die Zunahme der Aerzte 63,8 Proz.
* * Predigerseminar in Friedberg. Die Aufnahme neuer Mitglieder in das eoang. Predigerseminar zu Friedberg, sowie der Beginn des Sommersemesters 1902 soll Samstag den 19. April, vormittags 11 Uhr, im Seminargebäude stattfinden. Die Kandidaten, welche neu eintreten wollen, haben sich zeitig genug bei der Direktion schriftlich anzumelden, dabei ihre Befähigung zur Aufnahme, einschließlich der Erledigung ihrer Militärpflicht, statutengemäß nachzuweisen, sich Tags vor der Aufnahme persönlich vorzustellen und am oben genannten Tag einzufinden. Die Entlassungsfeier bei Schluß des Winterfemesters findet Dienstag den 1. April, vormittags 11 Uhr, im Festsaale des Predigerseminars statt.
jeben, der bis dahin vielleicht den Dichter noch mißverstand. Der junge König, der, vor wenigen Minuten noch über den Tod der Geliebten rasend, den Mördern unerbittliche Rache geschworen hat, wird angesichts der Leiche von einem eigenen Grauen gepackt. Die Tote flößt ihm geradezu Widerwillen ein; die brennende Liebe zur lebenden Geliebten wandelt sich in dem schnellen, schwankenden Jüngling fast in Haß gegen den reglosen toten Körper. Hier ersieht maus deutlich, daß es die Absicht des Dichters war, all den bösen Eigenschaften des Weibes die gleichen beim Manne gegenüberzustellen, und zu zeigen, daß diese Eigenschaften durch die grundverschiedene Erziehung zu verschiedenen Ergebnissen führen. Der Schluß der Dichtung ist im höchsten Sinne des Wortes realistisch, ober anbers gesagt: er enthält Wahrheit der Dichtung unb Wahrheit des Lebens. Die ganze Dichtung ist von der ersten bis zur letzten SzeiW von echtem, stark pulsirendem wahren Leben beseelt, sie ist erhaben in der Weisheit, hinreißend durch die Schönheit der Sprache und bewundernswert als dramatische Schilderung menschlicher Leidenschaften und menschlichen Wankelmuts. -Grade indem Kainz die dichterische Gestalt bei dem Wankelmut anpackte, indem er von vorn herein die stürmende, jähe und jähzornige Jugend das Stück erleben ließ, that er da§ einzig Rechte, unb ein ganz Großes der EharLkterisierungS- fkunst. Das war bic warme, blühende Natur des LeöenS-
lenzes, die der große Künstler bot — eine grandiose Leistung, der nur noch m. E. sein Hamlet gleichkommt. Dieser aber, der Hamlet, ist das Größte, was ich je darstellerische Kunst leisten sah.
Woher es kommt, daß große Künstler so gerne Rollen spielen, die in ihrer Natur nicht liegen, das ist eine Frage, die vielleicht aus der nämlichen Richtung ihre Antwort erwartet wie die, woher es kommt, daß mancher Dichter, mancher Tondichter grabe seine von dem Urteil der Welt als schwächstes Werk angesehene Leistung als die liebste schätzt und als die beste. Mit diesem Gedanken ging ich zur „Jüdin von Toledo" der Irene Tnesch, wie einst zu ihrer „Hedda Gabler". Nun, es ist staunenswert, was diese merkivürdige Künstlerin von der Rolle, die ihrem ganzen Wesen doch eigentlich fremd ist, mit ihrer Energie sich anzueignen weiß. Sie zwingt da etwas aus sich heraus, was man niemals in ihr vermutet hat, und kommt auch hier zu Momenten von ganz großer darstellerischer Schönheit. Aber ihr mangelt doch die Carmen-Art dieser Gestalt, die feurige Sinnenglut dieses südländischen Mädchens au§ niederem Volk, wozu hier noch voin feinsinnigen Poeten der unbewußte Reiz des frischen Naturlindes braufgegeben ist. Der Darstellerin große Kunst vermag diesen Fehl nur zu verhüllen, nicht auszugleichen. Auch das Kindische und Eitle ist nicht Art der Tnesch. Ihr gelangen darum naturgemäß weit mehr und häufiger, als der
Dichter es so meinte, die Momente des Leides und der tiefen, echten Klage. Kurzum, Frl. Triesch nahm, trotz aller ihrer gegenteiligen Bemühungen, die Rolle zu schwer, zu ernst.
Neben diesen beiden Hauptrollen weist das Stück nur mehr oder minder umfangreiche Episoden auf, die in Frankfurt nicht alle gleich gut besetzt waren. Frl. Boch, die sonst ivohl kaum je versagt, gab die sittig-kühle Tochter Albions so langweilig, daß der Kontrast zwischen ihr und der Jüdin für einen Blinden fühlbar gewesen wäre. Recht gut war Herr Diegelmann als Don Manriqpe. Mit der Rolle der Esther, die ziemlich überflüssig erscheint, mühte sich Frl. Klinkhammer ab, ohne es zu einer stärkeren Wirkung zu bringen, während Herr Hermann aus dem widerlichen Vater Isaak eine gut studierte, mit Recht durchaus ernst geratene Charge machte. Für den weiberfreudigen heldenhaften Don Gareeran hätte sich wohl ein geeigneterer Darsteller sinben lassen, als der weichliche Herr A. Meyer. — Die Regie hatte für ein gutes Zusammenspiel unb eine Ausstattung gesorgt, die zwar nicht glänzend genannt werden kann, aber doch einen würdigen dekorativen Rahmen für die schone Dichtung abgab. Uebersehen hatte sie, daß der Stönig un ersten Akte ausdrücklich von Gartenanlagen in eng» lis cher Manier sprach. P. W.


