Ausgabe 
26.2.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 48

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Sesstschen Landwirt bte Siebener Zamttien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

-iotattonsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Unwers.-Buch- u.Siein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Echulstratze 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Sieben.

Kernsprkchanschluß Nr. 51.

Erstes Blatt. 153. Jahrgang Mittwoch 3«. Februar LS«S

GletzenerAnMger

General-Anzeiger **ä

v für den polit. u. allgem.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WW

v zeigenteil: Hans Beck.

Z>er Kampf um die Nalancierrrog des Etats.

s. In der Zweiten Kammer der hessischen Land stände wird eben ein Kampf um die Balanzier- ung des Etats geführt, dessen Ende nicht vorausMsehen ist. Mieder einmal wollen die Einnahmen an die von der Regierung für unbedingt notwendig erachteten Aus­gaben nicht heranreichen und &ur Erzielung des erforder­lichen Gleichgewichts schlägt die Regierung eine Erhöhung der Vermögenssteuer von 36 vier Elftel Prozent vor, d. h. eine Erhöhung von 55 Pfg. auf 75 Pfg. auf je 1000 Mark steuerbares Vermögen. Hessen ist nicht der einzige Staat des deutschen Reiches, dessen Finanzen zur Zeit in Un­ordnung geraten sind. Fast alle übrigen Staaten leiden unter demselben Druck, dlber das, was in Hessen die Lage als besonders schwierig, ja vielen als ver- « erscheinen läßt, jst der Umstand, daß der laufende eichfalls nur mit einem Defizit abgeschlossen werden konnte und zwar mit einem noch viel größeren von rund 2 Millionen Mark gegen 809 091 Mark des nächstjährigen Etats. Die Gründe des Fehlbetrags sind sattsam bekannt. Sie liegen, wie wir wiederholt ausführten, nicht in einer schlechten Finanzwirtschaft und verfehlten Wirtschaftspolitik, sondern allein in den er­heblichen Rückgängen der Einnahmen aus den Eisen- babnen und den Rückgängen der Ueberweisungen vom Reich. Der Reinertrag aus der hessisch-preu­ßischen Eisenbahngemeinschaft bedeutet für das künftige Jahr einen Ausfall von nahezu drei Viertel Millionen Mark. Dieser Weniger-Erlös in unserem verhältnismäßig'kleinen Etat .hat naturgemäß eine sehr starke Rückwirkung.

Hat die mißliche Finanzlage ihren Grund besonders in dem Rückgang der Eisenbahn-Einnahmen, so ift klar, daß nicht schlecht, sondern gut gewirtschaftet wurde und daß, wenn die allgemeine wirtschaftliche Konjunktur auf der Höhe früherer Jahre geblieben wäre, das Gleichgewicht im Etat nahezu hergcstellt wäre. Wir müssen sogar aner­kennen, daß unsere Finanzlage gegen früher bedeutend besser geworden ist, denn das Defizit deslaufen­den Etats von 2 Millionen ist auf etwasüber drei Viertel Millionen heruntergegangen. Wir brauchen daher trotz alledem keineswegs zu verzwei­feln und dürfen $uin Finanzminister, unserem früheren Stadtoberhauht, das Vertrauen haben, daß es ihm ge­lingen wird, das Gleichgewicht baldigst herzustellen. Freilich will Dr. Gnauth zur Erreichung dieses Zieles einen kräftigen Ruck in der Steuerschraube vornehmen, während der Finanzausschuß der Zweiten Kammer, dessen Bericht bekanntlich vor kurzem an die Landstände gelangt ist, von einer solchen Manipulation nichts wissen will.

Günstig sind die Lotterie-Einnahmen. Wie bekannt, hat die Regierung mit Oldenburg einen Staats­vertrag abgeschlossen, wonach das letztere Land ihre Gren­zen der hessischen Staatslotterie öffnet. Dadurch wird auf eine Mehreinnahme von 260 230 Mark gerechnet. Ganz besonders vorteilhaft hat sich die Steuerreform entwickelt. Zur Abschaffung der Realsteuern wurde eine anbere Art Einkomntenfteuer mit Progression und zur Ergänzung der­selben eine Vermögenssteuer eingeführt. Im laufenden Jahre kommen beide zum ersten Male zur Erhebung. Sie sind von der Regierung für das neue Etatsjahr veranschlagt zu 10,7 Mill. Mk., während die früheren Steuern zusammen einen Ertrag von nur 10,36 Mill. Mark lieferten, jetzt also durch die beiden Steuern schon ein Mehrerlös von 0,34 Mill. Mk. statthat. Die damals weiter vorgesehenen Ersatzposten liefern ebenfalls ein be­

deutendes Mehr und sind cutgesetzt: Stempelsteuer mit 2,92 Mill., Erbschaftssteuer mit 0,6 Mill., Hundesteuer mit 0,34 Mill., Lotterie mit 0,979 Mill., Eisenbahnen mit 0,67 Mill., zusammen 5,509 Mill. Dazu der Mehrerlös der beiden anderen Steuern mit 0,34 Mill, die in Summa 5,849 Mill, ergeben. Die Realsteuern ergaben 2,231 Mill., bleibt also ein Mehr gegen früher von 3,618 Mill. Mk.

Trotz dieser erheblichen Steigerung der Einnahmen ist ein bedeutender Fehlbetrag zwischen Einnahmen und Ausgaben vorhanden, den die Regierung durch Steuer-Erhöhung, der Finanzausschuß durch Kürzung der Ausgaben und Mehreinstellung in den Einnahmen decken will. Alle Kosten, die hierdurch alteriert werden, und zum Teil recht wesent­liche Veränderungen erfahren, anzuführen, würde hier an dieser Stelle zu weit führen. Vielleicht geben uns die Etats­beratungen Veranlassung, auf die wichtigeren noch beson-- ders einzugehen. Nur das sei hier erwähnt, daß man mit dieser Stellungnahme auch innerhalb des Aus­schusses auf Widerstand gestoßen ist, sowie der Ausschuß der Ersten Kammer mit den Posten, wie sie von der Re­gierung eingestellt sind, fast durchgängig einverstanden ist, man also auch hier vor einer Erhöhung der Steuer nicht zurückschreckt. Auch zeigen die Verhandlungen in der Zweiten Kammer, daß bie Majorität des Finanz - Aus­schusses keine sehr leichte Aufgabe haben wird, die bereits iugegeben hat, daß die Regierung bei der Aufstellung oes Etats sich großer Zurückhaltung bei den Ausgaben befleißigt habe. Der Kampf ist wichtig genug, um mit Interesse beachtet zu werden. Selbst wenn die von der Majorität des Ausschusses vorgenommene Aenderung des Etats in der Zweiten Kammer die Mehrheit erlangen wird, so bliebe noch eine Verständigung mit der Ersten Kammer zu erzielen, die der Regierung mehr zu willen zu sein scheint, als jene. Wie wird aber das Ende sein?

Tie Erhöhung der Vermögenssteuer ist vorgeschlagen. Nun ist aber diese Steuer in Hessen jetzt schon höher, als in Preußen, wo nur 50 Pf. auf je 1000 Mk. Vermögen erhoben werden gegen 55 Pf. in Hessen. Auch beginnt hier das steuerbare Vermögen schon bei 3000 Mark, in Preußen erst bei 6000 Mark. Eine Erhöhung aus 75 Pf. für je 1000 Mark wird um so schwerer empfun­den werden, als Preußen die Einkommen erst bei 900 Mark, Hessen aber schon bei 500 Mark heranzieht. Außer­dem hat die Fahrradsteuer nicht populär werden können. Ohne die indirekten Steuern hereinzuziehen, ist ersichtlich, daß die hessischen Staatsangehörrgen über Mangel an Steuer sich gerade nicht beklagen können. Aber doch haben wir, wie gesagt, keine Ursache, trübe aus­zuschauen. Tie Finanzlage hat sich nicht verschlechtert, sondern, wie oben nachgewiesen, sogar verbessert, und ziehen wir den durch die zur Zeit herrschende ungünstige wirtschaftliche Konjunktur Einnahmeausfall bei den Staats­bahnen, mit dem der neue Etat rechnen muß, in Betracht, so ist die Verbesserung gar nicht unbeträchtlich. Aber eine vorübergehende Erhöhung der Steuer wiisd sich kaum vermeiden lassen; ob in dem Umfange, wie die Regierung meint, darüber ließe sich vielleicht noch reden. Sie selber hat sich auch schon mit der Streichung einiger nicht unbedeutender Posten einverstanden erklärt.

Ter Finanzminister schlägt eine allgemeine Er­höhung der Vermögenssteuer um 20 Pfg. auf je 1000 Mark Vermögen vor. Bei der Beurteilung des Gesetzes, das uns die Steuerreform gebracht hat, haben wir unsere Gedanken schon ausgesprochen. Auch jetzt noch befürworten wir eine stärkere Heranziehung der größeren Vermögen und reden einer progressiven Verl-

mögenssteuer das Wort. Warum sollte diese nicht möglich und durchführbar sein, und den vorhandenen Fehlbetrag nicht decken können? Oder wenn, um diesen ganz ver­schwinden zu lassen, die Progression in der Vermögens­steuer zu stark sein müßte, scheuen wir uns nicht, auch die Einkommensteuer noch mehr progressiv zu gestalten, obwohl die Progression um einige Zehntel bereits höher ist, als in Preußen. Die stärksten Schultern können auch am meisten tragen.

Eine ablehnende Stellung hat, wie mitgeteilt, der Ausschuß in seiner Majorität eingenommen gegen das von der Regierung beantragte Institut der Kreisgeo­meter, zu welchem Zwecke von derselben 224 500 Mk. in Einnahme und 229 500 Mk. in Ausgabe gestellt worden waren. Tas ergab eine Mehrbelastung des Etats, von nur 5400 Mk. Es ist für jeden Kreis die Anstellung von zwei .Geometern 1. Klasse und von 13 Assistenten als Hilfs­personal, die vorzugsweise aus den Geometern 2. Klasse entnommen werden sollen, in Aussicht genommen. Dieselben sollen Staatsbeamte sein und der Kreisverwaltung beige­geben werden. Die staatliche Anstellung wurde einer solchen durch den Kreis vorgezogen, weil dadurch die Möglichkeit der Versetzung in andere Kreise gegeben ist. In technischer Beziehung sollen sie von der oberen Katasterbehörde kon­trolliert werden. Ihre Thätigkeit zur Wiederherstellung der trigoirometrisch bestimmten Punkte und für die mate­rielle und formelle Prüfung der Meßbriefe soll für die Interessenten unentgeltlich sein, während für die Fort­führung der Ortsgrundbücher und Grundbuchskarten sowie der Jmmobiliarkataster und die Ausführung der im In­teresse der Kreise und Gemeinden vorzunehmcnden geo­metrischen Arbeiten Gebühren erhoben werden sollen, die so bemessen sind, daß aus der Einführung des neuen In­stituts eine allzu große Belastung oer Staatskasse nicht entstehen soll. Die Mehrheit des Ausschusses hat ein Bedürfnis nach Kreisgeometern nicht anerkannt und die Befürchtung ausgesprochen, daß durch Herabsetzung der Ge­bühren, die notwendigerweise eintreten muß, das Staats­budget eine dauernde Mehrbelastung erfahren würde; auch würde eine Verschlechterung der bisherigen Verhältnisse zu erwarten sein. Wir bedauern diese ablehnende Haltung der Ausschußmehrheit. Da die Wiederherstellung der tri­gonometrisch bestimmten Punkte unentgeltlich würde aus­geführt werden, würde dadurch eine starke Entlastung der ärmeren, in gebirgigen Gegenden liegenden Gemeinden herbeigeführt, bei denen die genannte Arbeit vermöge ihrer Lage, die bedeutend mehr trigonometrische Punkte für die Gemarkungen erfordert, als es in der. Ebene, wo die Ge­meinden wohlhabender sind, der Fall ist, viel Kosten ver­ursacht. Der Finanzausschuß der Ersten Kammer hat der Regierung zugestimmt, und es ist darum das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen, zumal die Mehrbelastung des Etats gering ist.

Eine ganz andere Bewandtnis hat es unserer Ansicht nach mit der vorgeschlagenen Veränderung des Gerichts- vollzie Herinstituts. Bekanntlich haben wir in Hessen das sog. Gebührensystem, d. h. der Gerichtsvollzieher hat. einen rechtlichen Anspruch auf seine durch Reichsgesetz bestimmten Dienstgebühren, die seinen Gehalt darstellen. Bei Versetzung des Gerichtsvollziehers in den Ruhestand wird bei der Berechnung der Pension ein Einkommen von 2600 Mk. zu Grunde gelegt. Dieses Gebührensystem hat manche Unzuträglichkeit im Gefolge, besonders der gänzlich ungleichmäßigen Besoldungserträgnisse. Es haben denn auch unter den 72 Gerichtsvollziehern 12 ein Tiensteinkommen von unter 2000 Mk., 16 ein solches von 2000 bis 3000 Mk. und die übrigen über 3000 Mk. So sitzt der eine in der

Gießener Stadühcater.

Hamlet.

Tragödie in 5 Akten von William Shakespeare.

Am Dienstag spielte zu seinem Ehrenabend unser Charakterdarsteller Herr L mann seinen Haupttrumpf aus, um mit ihm das Spiel rühmlich zu gewinnen.

Shakespeare schilderte, als er die altnordische Sage dramatisch gestaltete, um sie seinen Zuschauern vorzuführen, nichts weniger als Nordlandsrecken, sondern seine Zeitgenossen, und er hat die Hofleute mit so wunderbarer Treue und An­schaulichkeit uns vorgeführt, daß wir mit Erstaunen bemerken, wie wenig die Kavaliere von damals von denen der heutigen Zeit verschieden sind. Die guten Lehren, die der alte Ober­kämmerer Polonius seinem nach Paris reisenden Sohne Laertes giebt, könnte ebenso ein weltkundiger guter Vater unserer Tage feinem Sohne geben, der die Universität beziehen oder in ein Regiment emtreten will. Und wie Laertes als voll­kommener Kavalier nach Hause kommt, so würde der Sohn des Oberkammerherrn und demnächstige Kammerjunker als schneidiger Saxoborusse aus Heidelberg oder als flotter Leib- Husar aus irgend einer feudalen Garnison der deutschen Armee zurückkehren. Daraus geht hervor, daß die darstellenden Künstler mit ganz besonderer Sorgfalt auf die goldenen Regeln, die Hamlet seinen Schauspielern erteilt, achten und jedes falsche Pathos vermeiden müssen, durch das die Personen uns entfremdet, anstatt nähergebracht werden.

Die Titelrolle imHamlet" ist für alle deutschmCharakter­spieler seit langen Jahren eine Art von unerläßlichem Probe- und Meisterstück. Herr Leßmann hat das seine gestern ab­gelegt. Die Hamlet-Auffassung unseres Herrn Leßmann machte den Eindruck überzeugender Klarheit. Nicht erst das schaurige Geschick seines Vaters hat ihn, so scheint es, zum

Grübler und Träumer gemacht; er war es wohl von Natur aus. In der 4. Szene des 1. Aufzugs, in der ihm der Geist seines Vaters erscheint, überhastete er sich anfangs der­maßen, daß er völlig unverständlich blieb; er wollte wohl darntt seine große Erregtheit über das ihm bevorstehende fragwürdige" Ereignis zum Ausdruck bringen. In Er­wartung der wunderbaren Dinge, die da kommen sollen, läßt er einen Sprudel von Worten, höchst nebensächliche Dinge, sich ergießen; er denkt nur an das kommende Wunder. Das ist jedenfalls mit Geist erdacht, verfehlt aber auf den Zu­schauer jede Wirkung. D:e Erscheinung modelt ihn ganz und gar um. Von nun ab ist er der mißtrauisch philosophirende, seintolles" Doppelspiel mit kaustischem Witz spielende tief- sinnige Pessimist, der unglückliche Gedankenweltzerstörer und Menschheitsverächter, der vor einer furchtbaren Rachethat, einer Henkerarbett, sich so mutlos als feinfühlig scheut und doch in seinem Zaudern immer nur Rachegedanken wägt, der trotz scharfen Sinnes und scharfen Blickes, trotz vollkommener geisttger und leiblicher Gesundheit doch geistig unheilbar, unrettbar verloren ist fürs Lebensglück, ein mora­lischer Diagnostiker, der in dem beständigen Karneval der menschlichen Gesellschaft die sozialen Masken durchschaut und durch sie hindurch die Gesichter erkennt, wie aufgeschlagene Bücher. Es giebt ja keine zweite Rolle in der Bühnenlttte- ratur, bei der es so schwer ist festzustellen, inwiewett der dar­stellende Künstler den Intentionen des Dichters in Auffassung des Charakters gerecht wird. Eines allerdings darf man von jedem ernst zu nehmenden Darsteller des Hamlet unbe­dingt verlangen, daß er seiner Auffassung der Rolle sei sie im Uebrigen wie fte will überall treu bleibe. In dieser Hinsicht ift Herrn Leßmann zunächst Anerkennung zu zollen. Man erhielt den Eindruck einer nach einheitlichem Plane geschaffenen Figur. Wenn ich recht gesehen habe ich konnte leider nur dem kleineren Teile der Aufführung bei­

wohnen bemühte sich Herr Leßmann, mit Aufwendung von alledem, was ihm an kalter, bittrer Ironie, an satirischer Denkkraft zur Verfügung steht, das immer noch gültige Goe- thesche WortHamlet sei der That nicht gewachsen" (das, m. E. fälschlich, der Königsberger Aesthetiker Prof. Baumgart in entwachsen" geändert wissen will), zu illustrieren. Interessant war die Behandlung der Shakespeareschen Verse durch Herrn Leßmann. Er löste sie eigentlich in volle Prosa auf. Wenn auch die Schönheit der bilderreichen Sprache darunter litt, so gewann dadurch die Verständlichkeit, und manche geistreiche Pointe hob Herr L. auf diese Weise ge­wissermaßen wie etwas Selbstverständliches aus dem an Rät­seln reichen Texte heraus, der ja unermeßliche Schätze in seinem Labyrinthe birgt und unzählige Deutungen zuläßt. Einige Betonungen dürften zu beanstanden sein. Wenn z. B. Po- lomus das Ansinnen, ein Fischhändler zu sein, ablehnt, so muß Hamlet antworten:So wünsche ich, daß Ihr ein ehr­licher Mann wäret"; die Ehrlichkeit ist nicht zu betonen, diese Spitze nimmt sich Polonius selbst heraus. Durch­aus ungezwungen und natürlich floß aber Herrn L. sonst die Rede aus dem Munde. 9tur selten, zum Beispiel in der zweiten Szene des 2. Aktes, gegen das Ende, im Gespräch mit Polonius, schien manches konventionell, niemals aber versiel er in hohle, nur klingende Deklamation, ins Pathos, in theatralische Jugendsünden. Im ganzen war sein Hamlet eine realsstische Leistung von vortrefflicher Wirkung. Seine Vorzüge sind lebendige Ausdrucksfähigkeit, klare Gedanken, ohne Nüancenjagd und Effekthascherei, richtige Empfindung, fast vollkommen fertige Gestaltungskraft. Nur selten, wie in dem Schlußmonolog des 2. Aktes, den er sonst ganz richtig nicht ins Publikum spricht, sondern als smen Gedankenprozeß gibt, der stürmisch das Hirn durchwühlt, ohm allen rhetorischen Aufwand, hat man doch den Eindruck des nicht ganz Ausgeglichenen; zumal sein Seufzen, sein Aus-