Ausgabe 
25.11.1902 Erstes Blatt
 
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Dienstag 25, November

ISS. Jahrgang

Erstes Blatt.

ve»ag«pret»r monaluch7bP^ otertek jährlich Mk 2.20; durch Abhole- u. Hiueigfledm monatltd) 65 Pf.; durch diePost All 2. Dtertel* jährt. au6|d)L Beslellg, Annahme von Anzeige» für d»e lageemimmet bi6 oormitiags 10 Uhr, ßtllenpreifl; lokal I2Ps, aaflroänfl 20 Pfg.

veranlwortltchr für den poltl. u. allgem. Teil: P. Willko für Sladi und Land' und .Äerichlsfaal' tuet Plato; für den An- tetqenteil: Han« Beck.

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger M

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Nr. 277

»rfchetnt täglich aueei Sonntag«.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit den, Kefstfchen Landwirt die Gießener Kamillen. dliUter viermal In der Woche beigelegt.

Rotaiioii6brud u. Ver­lag der B r ü h l'fchen Univerf.-Buch- u.Slein- dructorei (Pieljch Erden)

-iedaktion, Exveduroa und Druckerei:

Echalstraße 7.

LdreNe für Deoejchenr Anzeiger «letzen.

Fernlprrktian><e'>nßAr 51

3b Grohherzog; Geburtrtag.

rNit dem heutigen Tage tritt unser gesiebter Landesfürst, Großherzog Ernst Ludwig, in das 35. Jahr seines Lebens. Das ist ein Tag herzlichster Freude für das ge­samte Großherzogliche Haus, für die hohen Geschwister und Anverwandten, die zum Teil in den letzteu Wochen in Darmstadt anwesend waren und noch sind und die zur Freude des Landes dem Großherzog alT die Liebe entgegengebracht haben, die, wie bekannt, die Glieder unseres angestammten Fürstenhauses aufs innigste umschlingt. Es ist aber auch ein Tag großer Freude und Dankbarkeit für das hessische Volk, das, wie kaum ein anderes, mit seinem Fürsten aufs engste verbunden ist und allezeit in unerschütterlicher Treue fest zu ihm steht. Des zum Zeichen finden allenthalben im Lande Kundgebungen statt, getragen von der Anhänglichkeit und Verehrung zum Fürsten. Das heffenvolk gedenkt heute in allen Schichten mit aufrichtiger Dankbarkeit des Tages, an dem vor 3$ Jahren dem hessischen Hause ein neues Glied, dem heffischen Lande aber ein Thronerbe geboren wurde.

Die beiden Eltern sanken früh ins Grab, wie tief diese in den Herzen ihrer Unterthanen gewohnt haben, davon geben der Nachwelt mit die beiden Denkmäler in Darmstadt Zeugnis, das vor wenig Jahren für Großherzog Ludwig IV., den tapferen Führer der hessischen Truppen, enthüllte, und das vor Kurzem dem Andenken der uner. setzlichen Großherzogin Alice geweihte, der treuen Gattin und fürsorglichen Mutter der eigenen Kindere wie der Armen und Notleidenden des ganzen Landes.

Zn jungen Jahren wurde Großherzog Ernst Ludwig zur Regierung berufen, wie unter seiner milden Hand alle Stände und Berufe gedeihen und sich entwickeln, handel und Verkehr blühen und ungünstige Zeitperioden überwinden können, hat das erste gedeihliche Dezennium feiner segensreichen Rezierungszeit dargetan, wir vertrauen, daß die weiteren von gleicher Wohlfahrt sein werden und daß das liebe Bild des Großherzogs Ernst Ludwig in den Herzen der Hessen wie jetzt, auch dereinst ebenso glänzen wird, wie das des erlauchten Llternpaares. Seine sozial gerichtete staatskluge Regierung, an deren Spitze Männer von vorurteilsloser, unbureaukratischer, selbständiger Gesinnung, von klarer Einsicht in die Bedürfnisse der Gesamtheit, von reichstem und reifstem Verständnis für das Allgemeinwohl stehen, leuchtet anderen voran durch verschiedene wohlbekannte wirtschaft, liche Maßnahmen von weit reichender Bedeutung, die unter allen Deutschen wir in Hessen durch die Initiative unseres Fürsten und seiner Regierung allein besitzen, wo, wie bei UNS in Hessen, Fürst und Volk in inniger Liebe einander zugethan sind, da waltet eben auf Land und Leuten göttlicher Segen. In dieser beiderseitigen Zuneigung, einer geheiligten Ordnung, siegen die einander erhaltenden Kräfte von Thron und Nation.

Seine Königliche Hoheit tritt demnächst eine Reise nach dem fernsten Orient, nach dem Wunderlande Indien, dem Sonnenreiche, an. Unsere besten wünsche begleiten chn auf dieser Fahrt über die Meere zum blüten- und schätzereichen alten Kulturlands am Ganges und Indus, der mutmaßlichen wiege des Menschengeschlechts, und wir empfehlev die Perfon unseres innig geliebten und verehrten Großherzogs dem Schutze einer treuwaltenden göttlichen Vorsehung. Sie schütze und behüte sein teures Leben für und für !

Mitische Tagesschau.

Die Kommunalapothekm Hessens.

Wir lesen in derDtsch. Krankenkassen-Ztg.":

Hessen daraf sich nicht nur rühmen, die relativ beste Arzneitaxe zu heben, sondern es ist dort auch der Anfang mit »der Kommunalisierung des Apv- thekenwesens gemacht. In Nauheim z. B. ist die erste Apotheke seit 1887 im Besitz der Stadt; dieser ist letzthin eine zweite gefolgt. Die Apotheken werden kom­plett von der Stadt eingerichtet und an einen Apotheker in der Weise auf Lebenszeit verpachtet, daß dieser i/i seiner Bruttoeinnahme als Dacht zahlt; der Ertrag wird von fünf zu fünf Jahren festgestellt. Die erste Apotheke ent­richtete ab 1887 4250 Mk. jährlich, ab 1892 6250 Mk., 1897 9000 Mk., ab 1902 15000 Mk.! Der finanzielle Effekt ist für die Gemeinde an sich ja sehr er­freulich, und die vereinzelt im Gemeindebesitz befind­lichen Apotheken sind der Verkaufs-Spekulation entzogen, aber damit sind die Vorzüge des hessischen Systems auch erschöpft. Ein Kardinalfehler ist von vornherein die Be­stimmung, daß die Gemeindeapotheken verpachtet »werden müssen; das Einsetzen eines Verwalters, der gleich einem städtischen Beamten fest besoldet würde, ist nicht zulässig. Insofern wird also der auf Lebenszeit eingesetzte hessische Pächter, dem die Gemeinde nur Hegen gröblicher Ver­fehlungen kündigen kann, genau tote jeder freie Besitzer einer Apotheke sich gegen jede, sozial noch so berechtigte Forderung stemmen, wenn sie ihm den Verdienst zu schmälern droht. Er wird gegebenenfalls ebenso die Verbindung mit gut" verschreibenden Aerzten kultivieren, Kurpfuscherei be­günstigen, niedrige Gehälter zahlen rc. tote der Privat­besitzer. Zudem ist nicht zu übersehen, daß z. Z. noch in Hessen die Gemeindeapotheke die Ausnahme, der Privat­besitz die Regel bildet. Was speziell Nauheim betrifft, so ist aus dem jüngst bekannt gegebenen Pachtverträge ersichtlich, daß die Gemeinde sich lediglich das Recht auf Kontrolle sickert, daß ihr d«er Anteil richtig zukommt. Wir meinen, bet Vergebung einer so einträglichen Pachtstelle könnte die Gemeinde wenigstens etwas den unzulänglichen Gesetzes­vorschriften nachhelfen, ohne befürchten zu müssen, daß sie keine Reflektanten finde. Ein Mitbestimmungsrecht bezüglich auskömmlicher Besoldung des Per­sonals, betreffs der Gewährung von Vergünstigungen an Krankenkassen und Wohlthätigkeitsinstitute rc. sollte sich jede hessische Gemeinde schon aus taktischen Gründen sichern. Sie läuft andernfalls Gefahr, Ge­winn aus Erträgnissen zu ziehen, die nur durch rücksichts­lose Ausnutzung von Monopolrechten erzielt wurden.

Die AuslaudSlieferuagen der Firma Krupp.

Von besonderer Seite wird uns geschrieben:

Es ist allgemein bekannt, daß die Firma Krupp seit Jähren auch an ausländische Regierungen Kriegsmate­rial liefert. In der Flut von Erörterungen, die sich gegenwärtig an bien Namen Krupp knüpfen, ist nun dieser Auölandslieserungen int Zusammenhänge mitArbeiter - entlassungen auf den Kruvp'scheu Werken Erwähnung gethan worden. Es hieß, die Betriebseinschränkung sei er­folgt, weil es an hinreichenden Aufträgen besonders seitens ausländischer Regierungen fehle. Die Auffassung ist, wie auf Grund verläßlicher Informationen mitgetetlt werden kann, nicht unzutreffend. Der Berechtigung ent­behrt jedoch die Annahme, die Auslandsbestellungen hätten sich um deswillen vermindert, weil die letzten Lie­ferungen Krupp'schen Kriegsmaterials nicht zur Zufrie­denheit der Auftraggeber ausgefallen wären. Beanstan­dungen sind allerdings erfolgt bei nach Spanien ge­sandtem Geschützmaterial. Loch sie u *te i nicht in der Un- kulanglichkeit des Fabrikats, sondern 'n der mangel- La ften usbildung der spanischen Artilleristen be­

gründet. Was die Meldung betrifft, der Unterbau einer von Krupp an die schwedische Regierttng zu liefernden Anzahl Feldgeschütze sei zu leicht konstruiert und die Lieferung deshalb nickt abgenommen worden, so stehen ihr Zweifel schon deshalb entgegen, weil die Ingenieure der Firma Krupp tadellose Feldgeschütze konstruiert haben, in einen Fehler genannter Art also wohl kaum verfallen sein können. Wenn übrigens bei dieser Gelegenheit erwähnt wurde, daß Schweden seit geraumer Zeit keine Schiffsschnell- Öffchütze mehr von Krupp beziehe, so hat das seinen darin, daß neuerdings auch eine schwedische Firma Bofors in der Lage ist, der Regierung solche Ge­schütze zu liefern, und selbstverständlich wird der heimische Fabrikant zunächst berücksichtigt. Alles in allem: es liegt hauptsächlich in der Ungunst der Zeit die auch fremde Regierungen zur Sparsamkeit nötigt, wenn der Firma Krupp weniger Auslandsaufträge als ftüher zugehen. Der Ruf der Krupp'schen Erzeugnisse ist unerschüttert und wird es voraussichtlich unter der neuen Leitung dieses Riesen­etablissements bleiben.

Aus Stadt und Fand.

Gießen, den 25. November 1902.

** Gedenktage. Zu Neisse starb am 26. November 1857 der .letzte Ritter der Romantik*, Joseph Freiherr v. Eichendorfs. Das glänzende Leben im elterlichen Hause, die abtoechselungSvolle Heimat, das düstere väterliche Schloß warfen ihre Reflexe auf seine Werke. Schon in BreSlau auf dem Gymnasium regte sich sein poetischer Genius, der ihn oft ganze Nächte in der ungeheizten Schlafstube fesselte. Seine Gedichte sind Volkslieder geworden. Wie lustig läßt sichs mit Eichendorffs Lied wandern:Wem Gott will rechte Gunst erweisen", und wie wehmutig stimmt uns sein .zer­brochenes Ringelein". Von seinen Erzählungen wird heute noch viel gelesenDa§ Leben eines Taugenichts".

** Ans' dem Bureau des Stadttheaters. Am Mittwoch gelangt noch einmal die reizende vieraktige W. Mannstaedt'sche GesangsposseUnsere Marine" zur Aufführung und zwar als vol^tümliche Vorstellung.

** Zu den mannigfachen Anregungen, die angewendet werden, um in die Eintönigkeit des täglichen Lebens Abwechslung zu bringen, gehört unbestreitbar auch das Lotteriespiel. Tie sich dadurch eröffnende Möglichkeit eines Glücksfalles gewahrt eine Hoffnung und ist das Vor­handensein eines solchen bekanntlich eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die Erträglichkeit des Lebens m sehr zahlreichen Fällen. Wo es aber sonst an Hoffnung nicht fehlt, bildet die Möglichkeit eines Glücksfalles doch mindestens die Unterlage zur Ausführung dieses oder jenes Lieblings- wunscheS, also in jedem Falle den Anlaß zu allerhand angenehmem Phantasiespiel. Dies ist der Grund, weshalb die Lust zum Lotteriespiel gerade bei dem beutfcfyen mit einem reichen Gefühls- und Phantasieleben ausgestatteten Volke gleichsam unerschöpflich vorhanden ift Tie 100 000 Lose unserer neuen Hessisck-Thüringifchen Lotterie sind, wie uns mitgeteilt wird, von der Lotterieoirektton an die Kollek­teurschaft bereits ausverkauft worden. Sviellustige, die bisher versäumt haben, sick ein Los zu kaufen, können dies auch jetzt nach erfolgter Ziehung der ersten Klasse noch thun. Denn von dem als Gewinne zur Auszahlung gelangenden Gesamtspielkapital im Betrage von zwölf Mil­lionen und sechstausend Mark sind in erster Klasse nur 326 050 9)2L ausgespielt worden. Bezugsstellen brauchen wir nicht zu neunen, beinahe jede Nummer desGießener Anzeigers" pflegt bezügliche Offerten zu enthalten.

** Haftpflicht der Eltern für dieThaten ihrer Kinder. Zu der Haftpflichtfrage für den Fall, daß Kinder durch Spielen mit Schießgewehren Unhell anrichten, hat das

Reichsgericht nachfolgenden Nechtssatz aufgestellt.Wenn eit. Vater das Spielen seiner Kinder und deren Genossen, mit Schießgewehren duldet und nach seinem Bildungsgrad im Stande ist, die Gefährlichkeit des Schießen? für die im an­grenzenden Grundstück sich aufhaltenden Personen zu erkennen, so genügt er seiner Aufsichtspflicht nicht; eS ist nicht erforder­lich, daß er sich den Einttitt gerade aller derjenigen That- sachen uergegenroartigen konnte, die in Verbindung mit dem von ihm geduldeten Schießen den Unfall herbeigefühtt haben."

§§ Gedern, 23. Nov. ImBergwirtshause" veran­staltete der Bezirkslehrerverein zu Ehren des in den Ruhe­stand tretenden Lehrers Spitznagel eine Mbschiedsfeier, zu der sämtliche Mitglieder zumeist mit Damen, erschienen waren. Nach einer Ansprache überreichte der Obmann des Vereins, Lehrer Ludwig aus Ober-Lais, ein wertvolles Ge­schenk. Musifftücke, Sologesänge eines Mitgliedes, Tanz verschönerten wesentlich die Feier. Spitznagel stand 42 Jahre in dem Dienste der Schule und wirkte 27 Jahre in unserer Gemeinde.

f Ulrichstein, 23. Nov. Heute fand hier in Gegen­wart der Forstbehörde und deren Unterbeamten eine Ver­sammlung der Waldarbeiter statt. Dr. Bruch- Häuser hielt einen Vortrag über die Behandlung körper­licher Verletzungen vor Eintreffen fachmännischer Bechllfe. Tie aus der Nachbarschaft zahlreich erschienenen Arbeiter folgten dem Vorträge und den praktischen Anleitungen mit großer Aufmerffamkeit und es ist ein segensreicher Erfolg bei der Zuhörerschaft zu erwarten.

Frankfurt ,24. Nov. Ein Zwischenfall, der recht ernst aussah, aber in Heiterkeit endete, ereignete sich, demRh. C." zufolge, gestern In der Aufführung von SudermannsCs lebe das Leben" im neuen Schau­spielhause. Herr Bauer, der den Völkerlmgk spielte, sprach mit Frl. Boch, welche die Beate gab, als plötzlich ber schwere Kamin, an welchem sich der Künstler lehnte, ms Wanken geriet und auf die beiden herabzu stürzen drohte. Aus dem Saale scholl ein Schrei des Entsetzens, aber schon hatte Herr Bauer die Situation ersaßt; rasch ergriff er das schwankende Möbel, rückte es zurecht und sagte schlagfertig: ,Za, das sind so diese modernen Einrichtungen!" Der Schreck löste sich allenthalben in Heiterkeit auf, zumal der Marmor­block des Kamins offenbar nur aus Pappdeckel zu fein schien.

Frankfurt, 23. Nov. Ein u n angenehm es Polizei­abenteuer erlebte am Abend des Buß- und Bettages ein junger, hier zugereister Mann. Ich saß, so erzählt er seine Erlebnisse in derKl. Pr." im Fremdenzimmer des? Gewerkschaftshauses und dachte an nichts Böses, als plötz­lich die Thür aufging, zwei Männer in Begleitung zweier Schutzleute, denen bald zwei weitere Schutzleute und ein Kriminalbeamter folgten, auf der Bildfläche erschienen, sich etwas umsahen und dann auf mich zutraten mit der Be- schuldigung:Das ist der Raubmörder!" Noch ehe ich mein Erstaunen geäußert hatte, ergriffen mich auch schon zwei Polizisten und schleppten mich nach der Polizei­wache in der Hammelsgasse. Tie übrigen Beamten mit den beiden andern Männern bildeten die Sicherhettseskorte. Auf der Wache wurde ich vernommen und meiner Effekten, wie Uhr, Geld, Messer rc. entledigt; nachher wurde ich an jedem Arm gefesselt und, von zwei Polizisten geführt, unter Eskorte der zwei anderen Beamten nach dem Polizei­gefängnis transportiert, wo ich während der Nacht mehrere scharfe Verhöre zu bestehen hatte. Auch wurde an meine Heimatsbehörde in Sachsen telegraphiert und wegen meiner Personalien rc. angefragt. Lindern Tags gegen mittag kam in meine Zelle ein anderer Beamter, der mir mitteilte, daß ich voraussichtlich photographiert werden würde. Das geschah aber nicht, vielmehr wurde ich gegen 12 Uhr entlassen, da sich die schwere Verdächtigung als vollkommen grundlos erwiesen hatte. Wie idj