Mittwoch 25. Juni 1003
152. Jahrgang
Zweites Blatt
BezngSpreiSr
/■wr n O monatlich 75V., viertes
Jteäpr V . jährlich Mr. 2.20; durch
Gietzener Anzeiger s
General-Anzeiger
Amis- und Anzeigeblatt für den Ms Gießen ZMZ
Qr geigenteil: Hans Beck.
Nr. 146
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Zamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der B r ü h l'schen Univers.-Buch- u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstratze 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
Fernsprechanschluß Nr. 51.
Are Heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Bekanntmachung.
Am Montag dem 14. Juli d. Js., vormittags 9 Uhr, wird eine Ortsschau für den Simmenthaler Rlndviehzuchtverein und Ziegenzuchtverein Lich auf dem Viehtummelplatz daselbst, und zwar für die Orte: Lich, Langsdorf, Bettenhausen, Birklar, Muschenheim, Albach, Ettingshausen und Nieder- Bessingen, abgehalten werden. Es kommen nur die zum Herdbuch angekörten Tiere der Zuchtoereine Lich und Langsdorf in Betracht. Bullen müffen mit Nasenring versehen sein. Ich lade die berechtigten Viehbesitzer zur Beschickung ein, ersuche aber, die aufzutreibenden Tiere möglichst früh vor der Schau bei der Großh. Bürgermeisterei Lich nach Gattung und Herdbuchnummer anzumelden. Es ist durchaus nötig, daß alle Vereinsmitglieder ihr angekörtes Vieh zur Schau bringen. Die Prämiierungsordnung gebe ich nachstehend bekannt. Die Großh. Bürgermeistereien der oben genannten Orte bitte ich, die betreffenden Viehbesitzer zu belehren.
Gießen, den 21. Juni 1902.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins.
v- Bechtold.
PrämiierungS-Ordnung
für die vom landw. Prooinzialoerein von Oberheffen abzuhaltenden Ortsschauen.
Ortsschauen sinden nach Bedürfnis, jedoch nur in solchen Orten statt, wo vom Provinzialverein anerkannte Zuchtoereinigungen bestehen. Der Preisbewerb erstreckt sich hierbei nur auf die angekörten, bezw. anzukörenden Tiere der Zuchtoereinigung des oder der Orte, für welche die Schau abgehalten wird. Die übrigen Bestimmungen der Allgemeinen Rindoiehschau-Ordnung, soweit sie hierfür anwendbar sind, gelten auch für die Ortsschauen.
Es werden folgende Preise ausgesetzt:
A. Simmenthaler Rindvieh:
I. Für Bullen:
Ein 1. Preis ...... 40 Mk.
Ein 2. Preis ...... 25 ,
Ein 3. Preis .... . . 15 „
80 Mk.
II. Für Kühe mit höchstens 2 Kälbern:
Ein 1. Preis ...... 30 Mk.
Zwei 2. Preise a 20 Mk. . . 40 ,
Zwei 3. Preise ä 10 „ . . . 20 ,
90 Mk.
III. Für Kühe mit 3 und 4 Kälbern:
Ein 1. Preis ...... 30 Mk.
Zwei 2. Preise ä 20 Mk. . . 40 ,
Zwei 3. Preise ä 10 „ . . . 20 ,
90 Mk.
IV. Kalbinnen, erkennbar tragend:
Ein 1. Preis ...... 25 Mk.
Drei 2. Preise ö, 15 Mk. ♦ ♦ 45 „
Drei 3. Preise ä, 10 Mk. . . 30 Mk.
100 Mk.
Außerdem können im Ganzen noch zehn Anerkennungen mit ä 5 Mk. Aufmunterungsprämie vergeben werden ........ 50 Mk.
Für sorgfältige Führung der Sprung- eegister (Verabreichung und Ausfüllung der Sprungscheine) an die Bullenhalter werden ausgesetzt:
Ein 1. Preis ...... 20 Mk.
Ein 2, Preis .... . • 10 „
30 Mk.
Summa 440 Mk.
B. Ziegen.
I. Für Böcke:
Ein 1. Preis ...... 15 Mk.
Ein 2. Preis ...... 10 ,
Zwei 3. Preise ä 5 Mk. . . . 10 „
35 Mk.
II. Für Ziegen:
Ein 1. Preis L 12 Mk. . . . 12 Mk.
Zwei 2. Preise ä 8 Mk. ... 16 „
Drei 3. Preise ä 5 Mk. . . . 15 „
Vier Anerkennungen ä 3 Mk. . 12 „
55 Mk.
IIL Für Ziegenlämmer:
Ein 1. Preis L 8 Mk. ... 8 Mk.
Zwei 2. Preise ä, 5 Mk. ... 10 r
Drei 3. Preise ä 3 Mk. . . . 9 „
27 Mk.
Summa 117 Mk.
Marmepläne.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt heute:
T-ie „Voss. Ztg." erblickt in der Einladung, die der Staatssekretär der Marine an eine Aarzahl Reichstags- Mitglieder nach Kiel ergehen ließ, die Einleitung zu einer größeren Marinevorlage und giebt sich damit zur Verbreitung müßiger Kombinationen her. Es ist allgemein
bekannt, daß bei den Verhandlungen gelegentlich des Flottengesetzes im Jahre 1900 ausdrücklich betont wurde, daß vom Jahre 1906 ab eine Vermehrung der Auslan dsflotte beabsichtigt sei. Tie gesetzliche Festlegung der Vermehrung wurde damals im Einverständnis mit den verbündeten Regierungen vertagt, und wird nach der Erklärung des Staatssekretärs der Marine in der Reichstagssitzung am 7. Februar 1902 voraussichtlich in der Session 1904/05 erneut beantragt. Ueber Die Art einer solchen Vorlage schon jetzt Mutmaßungen aufzustellen, ist nach unserer Ansicht recht überflüssig, da selbstverständlich nach dieser Richtung noch keinerlei Entschlüsse an maßgebenden Stellen gefaßt sein können.
Vor fünf Jahren war's, im schwarzwaldumrauschten St. Blasien. Dort in der Einsamkeit bereitete sich ein soeben aus dem Frontdienst in eine staatsmännische Stellung berufener, wetteren Kreisen bis dahin unbekannt gebliebener Offizier auf ein epochemachendes Werk vor: Kontreadmiral Tirpitz, der „Roon der Marine". Er sollte Deutschlands Seewehr reorganisieren, auf die der Stellung einer Großmacht entsprechende Höhe bringen. Nicht ohne Beklemmung mag der Admiral an diese Ausgabe herangetreten sein; mußte er sich doch gegenwärtig halten, daß sein Amtsvorgänger, Admiral Hollmann, bei der Aussichtslosigkeit, vom Reichstag nur wenige Kreuzerschiffe bewilligt zu bekommen, uim Rücktritt sich veranlaßt sah. Doch über Herrn Tirpitz' Wirken schwebte ein glücklicher Stern. Es gelang ihm, Lien Titel „Roon der Marine" sich zu erwerben, kurz nacheinander zwei Flottenvorlagen, Engagements von vielen Mttlionen Mark, zur Durchführung zu bringen, der Marine die Grundlage eines festen Schiffsbauprogramms zu geben.
Noch fehlt aber der „Schlußstein" des Reorgani- sationsgebändes. Seine Einführung vorzubereiten, hält die Marineverwaltung die Zeit für gekommen. Der persönlichen Verständigung mit den Bundesregierungen — 1897 hatte der Marinestaatssekretär Konferenzen speziell mit den leitenden süddeutsch en Staatsmännern —, solcher Verständigung über die „Schlußaktion" bedarf es nicht mehr, da über die Grundzüge des Ganzen schon damals ein Einvernehmen erzielt und die „Taktik" im Einzelnen der Zentralstelle in Berlin überlassen wurde. Es bleibt übrig, den anderen Faktor der Gesetzgebung, den Reichstag, von der Notwendigkeit der Einführung des ,/Schlußsteins" zu überzeugen, und zwar, die es zunächst angeht, die Mitglieder der Budgetkommission.
Man hat den Weg der Informationsreise an die Wasserkante gewählt. Schisfsbesichtigungen, Fahrten in See, Schießübungen, Werftbesuch — alles ist auf dem Programm vorgesehen. Und damit das Angenehme mit dem Nützlichen sich verbinde, soll schließlich ein Dampfer der Hamburg-Amerika-Lmie die Kommissionsmitglieder — auch ein Mitglied der Freisinnigen Volkspartei ist geladen, dagegen kein Sozialdemokrat — zur Teilnahme an der vorläufig vertagten Flottenparade nach Spithead führen. Das dort in Vertretung der deutschen Marine anwesende Panzerschiff wird beiläufig in Bezug auf Modernität von den Repräsentanten anderer Marinen übertroffen.
Daß solche Informationsreisen nicht immer zum gewünschten Ziele führen, hat die Besichtigungsfahrt der Mitglieder der preußischen Kanalkommission in den rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk gezeigt. Der parlamentarischen Flottenschau denselben, also negativen, Erfolg vorherzusageiH wäre übereilt. Gleichwohl dürfte nicht gerade Vertrauensseligkeit auf feiten der Marineverwaltung, wie d er Verbündeten Regierungen überhaupt, obwalten. Es verlautete, daß die neue Marinevorlage ein Linienschiffsgeschwader für den Auslandsdienst fordern werde. Tie technische Sette der Sache, die insofern ein Novum darstellen würde, als Linienschiffe bisher nur ausnahmsweise über See — in China — Verwendung fanden, soll hier unerörtert bleiben. Wichtiger erscheint Die Angelegenheit in politisch^-parlamentarischer Hinsicht.
Tie „Nordd. Allg .Ztg." verkündet zwar, daß die Vermehrung der Auslandsflotte voraussichtlich erst in der übernächsten Reichstagssession (1904/05) beantragt werden wird. Trotzdem wird man mit der Möglichkeit einer früheren Einbringung rechnen müssen, denn die „Voraussicht" findet in diesem Falle eben ihre Schranke in etwa eintretenden politischen Ereignissen. Es wäre wohl auch nicht zweckentsprechend, jetzt eine parlamentarische Informationsreise zu veranstalten im Hinblick auf eine, wie es heißt, erst in zwei Jahren zu erwartende Vorlage. UebrigenA schrieb im Herbst 1899 ebenfalls die „Nordd. Allg .Ztg.", von einer Erweiterung des damaligen ersten Flottengejctzes könne keine Rede sein, und fast unmittelbar darauf erschien die Novelle zum Flottengesetz. Zudem ist auffällig, daß der „Reichsanzeiger" heute in dieser Angelegenheit schweigt. Toch wie dem auch sei — durch Die Jnsormationsfahrt der Mitglieder der Buogetkommission ist die „Flottenkampagne" eröffnet. Sie dürfte „in Permanenz" bleiben, bis die Vorlage selbst da ist.
Deutsches Keich.
Berlin, 24. Juni. Aus Brunsbüttelkoog wird gemeldet: Der Kaiser ist heute abend an Bord der Dacht „Meteor hier eingetroffen, begab sich sofort an Bord der „Hohenzollern", und setzte alsbald die Fahrt durch den Kaiser Wilhelm-Kanal fort
— Der Kaiser hat aus Anlaß seines kürzlichen Aufenthaltes in Mörs dem dortigen Krankenhause Bethanien aus seiner Privatschatulle 5000 Mark überweisen lassen.
— Gestern nachmittag hat eine vertrauliche Besprechung des preußischen Staatsministeriums stattgefunden.
Minister Budde wohnte derselben bei Die Angaben in der Presse, wonach Beschlüsse über die Ressort-Veränderungen des Bauwesens gefaßt sein sollen, hält die „Nat^ Ztg." für unbegründet. Soviel das Blatt weiß, wäre diese Frage, als der Rücktritt des Ministers von Thielen feststand, erörtert worden, worauf die damals erwähnte Annahme beruhe, daß die Absicht, die Wasserbau-Verwaltung mit dem landwirtschaftlichen Ministerium zu vereinigen, wieder ausgenommen sei. Tie „Nat.-Ztg." glaubt, daß gegen die verschiedenen in dieser Beziehung gemachten Vorschläge neue Bedenken entstanden seien, die noch nicht erledigt sind..
— Reichskanzler Graf Bülow empfing heute den Staatsminister v. Thielen zu längerem Besuche.
— Tie „Nat.-Ztg." hort, zum Präsidenten des preuß. Oberverwaltungsgerichts sei der Ministerialdirektor im Ministerium des Inneren Peters ernannt worden.
— Zu der erstrebten Verdeutschung polnischer Familiennamen wird der kathol „Germ." aus Posen geschrieben: Es werden hier schon seit langen Jahren Gesuche um Namensänderung von Polen oder von Deutschen mit polnischen Namen mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit berücksichtigt. Wer d en amtlichen Regierungsanzeiger der östlichen Provinzen verfolgt, wird finden, daß jährlich viele Hunderte polnischer Namen in deutsche umgewandelt werden, und zwar — fteiwillig auf Antrag der Betreffenden, und das schon seit Jahrzehnten. Selbst die Gesuche vier- und sechsjähriger polnischer Kinder um deutsche Namensänderung werden außerordentlich schnell berücksichtigt. So beantragten im Oktober v. I. im Kreise Bromberg ein vierjähriger polnischer Knabe und seine Schwester, die bei einem deutschen Lehrer in Pflege waren, Namensänderung, die sofort gewährt wurde. Uebrigens muß man sich sehr wundern, daß sich Deutsche, wie der Mitredakteur der „Tägl. Rundschau" in Berlin, General v. Boguslawski, noch immer nicht Gottlob er, der Landwirtschaft^ minister v. P o d b i e l s k i nicht Unterweißer, der Oberlandesgerichtspräsident v. Gryezewski in Posen nicht Buchweizen, der Staatssekretär Posadowsky nicht Setzling nennen. Tie hohen Beamten sollten doch alle mit gutem Beispiel vorangehen. Der Oberbürgermeister von Posen, Witting, hat ja auch seinen polnischen Namen Wittkowski abgelegt
— Ter „Post" wird von maßgebender Sette bestätigt, daß die Schleifung der Festung Köln nie zur (£j> örterung gestanden hat, und daß der Gedanke an eine solche Möglichkeit sogar völlig ausgeschlossen erscheint Es handele sich in Wirklichkeit nur um Verhandlungen zwischen dem Militärfiskus und der Stadt betreffs des Verkaufes der Stadtumwallung an letztere, und diese Verhandlungen haben noch zu keinem Ergebnis geführt
Schleswig, 24. Juni. Bei Der heutigen Landtagsersatzwahl im Wahlbezirk 6 (Schleswig) wurde mit 114 von 212 abgegebenen Stimmen Land rat v. Atten in Schleswig gewählt Der Gegenkandidat, Amtsvorsteher Fintzen in Brelling erhielt 98 Stimmen.
Kiel, 24. Juni. Tie ReichstagSabgg. Graf Stolberg» Wernigerode, Graf Oriola, v. Thiede mann und Dr. Bachem sind hier eingetroffen und machten auf Einladung des Staatssekretärs v. Tirpitz eine kurze Fahrt an Bord des Kreuzers „Niobe" in See.
Düsseldorf, 24. Junt Heute fand die Schluß» sitzung des Internationalen Arbeiter-Versicherungskongresses unter Vorsitz des Staatsrats Steiger-Bern statt Unter anderem wurde die Erwetterung des permanenten Komitees beschlossen, sowie die nächste Tagung im Jahre 1905 in Wien abzuhalten.
Dresden, 24. Juni. Heute wurde in der katholischen Hofkirche zum Gedächtnis König Alberts ein feierliches Requiem abgehalten, dem der gesamte Hof und alle noch anwesenden fremden Fürstlichkeiten beiwohntem — Ferner fand heute in Gegenwart des Ministers des Königlichen Hauses die Eröffnung des Testaments des verstorbenen Königs statt Tas gesamte Privatvermögen bis zu bret Viertel, einschließlich der Schlösser, geht in den Besitz der Königin Car ola über. Zahlreiche letzte Liebesspenden an die Dienerschaft und die Königlichen Hvf- beamten in Höhe von 500 000 Mark sind vorgesehen. Tas Befinden der Königin Carola ist auch heute anhaltend unbefriedigend. Ter Landtag tritt am 7. Juli zu einer zehntägigen Tagung zusammen. — Präsident Graf Ballestrem hat gestern abend an der Bahre des Königs Albert einen Lorbeerkranz mit Edelweiß und folgender Widmung auf den in den deutschen Farben gehaltenen Bändern persönlich niedergelegt: „Dem hohen Bundesfürsten, dem letzten der siegreichen Heerführer aus großer Zeit, „Seiner Majestät dem König Aldert von Saaffen" in tiefster Verehrung und unauslöschlicher Tankbarkett im Namen des deutschen Volkes der Deutsche Reichstag."
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Ausland.
L on d on, 24. Juni. Nach Telegrammen aus Washingvon und Newyork vom 23. ds. ist der Friede in Columbten wiederhergestellt. Tie Friedensverträge sind seitens der Regierung vom Kriegsminister Cvncha, seitens der Aufständischen von Sota y Vargas Santos unterzeichnet. Tie Regierung erließ eine allgemeine Amnestie für politische Verbrechen.
Ter Senat nimmt heute die Beratung des Antrages Rolland betreffend die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, wieder auf. Vicomte de Montfort wendet sich gegen die Herabsetzung der Dienstzeit. Der Gedanke des Volkes in Waffen, sagt der Redner, lasse sich wohl in Deutschland verwirklichen, aber nicht in Frankreich. Ter Kriegsminister Andrä verteidigt die zweijährige Dienstzeit mit großem Nachdruck.


