Ausgabe 
24.7.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 171 Zweites Blatt.

152. Jahrgang

Donnerstag S4. Jnli 1003

Erscheint täglich außer Sonntags.

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Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Wtttko: für Stadt und ßanb* und Gerichtssaal*: Curt Plato; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Aie heutige Kummer umfaßt 8 Seite«

Die Kermanistcruug der Wett.

Aus manchem Urteil kann man ersehen, daß man ftn Ausland den Fortschritten des Deutschtums in Brasilien und Australien mit einer getvissen Bangigkeit folgt. Die­selben Fortschritte aber zusammen gehalten mit dem, was Deutschland an bestem Menschenmaterial für die Ver­einigten Staaten, für Englmrd, Frankreich, Schweiz und Rußland geliefert hat, berechtigen beinahe von einerGer- manisierung der Welt" zu sprechen. Leider kann dies nicht in demselben Sinne gemeint sein, wie die Amerikanisie­rung. Die Yankees erhalten in der Zukunft politischen Zuwachs, die Deutschen nicht, und somit wird die Germani- sieruug der Welt nur im Sinne der kulturellen und ethno­logischen Beeinflussung, nicht aber in dem der politischen Führung weiter vor sich gehen. Die Deutschen werden weiter fortsahren, anderen Völkern wertvolles Blut zu­zuführen und unsere Rivalen und Feinde zu kräftigen. Eine Gegenkraft könnte nur dadurch ausgespielt werden, daß man den Geburtenüberschuß von nahezu einer Million Seelen alljährlich im Lande zu behalten suchte...Die Bureau- kratie hat uns in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine böse Suppe eingebrockt. Man lese die Lebenserinne- rungen hervorragender Gelehrter, wie die unseres Lands­mannes Karl Vogt, man'lese Max Müller und Jakob Moleschott, und man wird sehen, wie viele guten und tüch­tigen Männer aus ihrer deutschen Heimat vertrieben wur­den. Daß die Hervorragendsten am ehesten dem Unter­gang ausgesetzt waren, hat die damalige Zeit der Dema- gogenriecherei ganz im Gegensätze zur Lehre vonUeber­leben der Tauglichsten" bewiesen. Auch aus Friedrich List's Leben wissen wir, welche kernigen Leute, der Plackereien satt, den Staub der Heimat von den Füßen schüttelten. Die Bauern und Handwerker gingen nach Amerika, und ihre Söhne und Enkel machen uns heute Konkurrenz. Die Ge­lehrten aber, Dichter, Aerzte, 'Juristen usw., fanden in der Schweiz ein Unterkommen, oder gingen ebenfalls über das große Wasser. So verloren wir Gießener Karl Vogt, den Naturhistoriker, an die Schweiz, damals bereits der Wirkungsplatz vieler berühmter Deutschen, und Jakob Mo- leschott ging über Zürich nacb Turin und dann nach Rom. Wieviel deutsches Blut haben wir ferner aus dem Elsaß an Frankreichs abgegeben! Es hat alle Wahrscheinlichkeit iür sich, daß die Franzosen deshalb gerade auf den Besitz des Elsaß so erpicht sind, weil sie aus ihm ihr bestes Menschenmaterial bezogen. Mit dem Elsaß verlor Frank­reich eine starke Quelle seiner Kraft. Aber and} England erfreute sich fortwährend eines Zuflusses deutscher Ele­mente. Der englische gewesene Minister Goschen entstammt einer deutschen Familie, der große Oxforder Sprachforscher Max Müller war ein gebürtiger Deutscher, und dem Auf­schwung der deutschen Stahlindustrie durch Krupp hätten die Engländer fast ohnmächtig zuschauen müssen, wenn sie nicht einen ähnlich gewaltigen Stahlindustriellen in ihrer Mitte gehabt hätten, William Siemens, einen Deutschen von Geburt. Und blicken wir nach Osten, so zieht Rußland aus den baltischen Provinzen ebenfalls seine leitenden Kräfte; man denke nur an die russischen Minister und Militärs mit deutschen Namen. Neuere Historiker gehen übrigens so weit, daß sie die Blütezeit der romanischen Länder, Italiens, Spaniens und Frankreichs, durch den Zusatz germanischen Blutes erklären, den jene Länder durch die Völkerwanderung und die Kreuzzüge erfahren haben. Soviel aber .ist erwiesen, daß die Schweiz, Frankreichs England, Amerika und Rußland eines stetigen Zustroms deutscher Clemente sich erfreuten, und zum Teil noch heute erfreuen. Deutschland selbst erfährt in umgekehrter Rich­tung nicht die gleiche Wohlthat. Soll das aber in alle Zukunft so weiter gehen, daß die Deutschen denKultur- dünger" für andere Nationen bilden? Das ist eine Frage, die durch jede neue Auswanderungsstatistik angeregt wird. Weshalb gehen die Leute aus dem Laude? Dies klar und objektiv festzustellen bei einer gewissen Zahl von Aus­wanderern aus verschiedenen Bevölkerungsschichten, wird am ersten erkennen lassen, woran es fehlt und was zu thun ist._______________________________

Politische Tagesschau.

Der Kampf um die geistlichen Schulen in Frankreich wird mehr und mehr auf die Straße verpflanzt. Nachdem alle papierenen Proteste gegen das Vergehest der Regierung sich als wirkungslos erwiesen haben, soll eine Art Volks­bewegung ins Leben gerufen werden, um Herrn Combcs, dem früheren Abbe und jetzigen Ministerpräsidenten, die Lust zu weiteren Maßregeln gegen die geistlichen Genossen­schaften zu benehmen. In der Hauptstadt des Landes ist bereits, wie wir gestern meldeten, mit Straßenkundgeb- ungen begonnen worden. Während die nationallistischen Blatter die Szenen als den Beginn des Vürgerkrie- ges bezeichnen, erklären die radikalen Organe, es sei ausreichend dafür gesorgt, daß lärmende Kundgebungen dieser Art fortan rascher unterdrückt werden als bisher. Die Hauptführer Coppäe, Lerolle und Konsorten haben fid> vor dem Polizeigericyt zu verantworten. Schwerere Ver­letzungen sind bei dem Renkontre nicht vorgekommen. Charakteristisch ist, daß beide Parteien für sich, die Sym­pathien der Konfektionsdamen in Anspruch nehmen, die beim Verlassen des Ateliers den zum Bahnhof ziehenden Schwestern von Saint-Roche das Geleite gaben. Während die einen in den RufLiberte", in die nationalistische Losung, einstimmten, riefen andere parodistischLiberty", den Namen eines bekannten Seidenstofsgeschäftes. Das Publikum am Opera-Platze teilte sich gleichfalls in zwei Lager:Hie Aberts, hie Liberty!" Loubet empfing den

Deputierten Denys Cochin, der dringend bat, den Schwestern der Schule von Ponciaux einen Aufschub- zu bewilligen, weil diese 800 Damen genötigt wären, nach dem Elsaß auszuwandern. 'Der Ministerrat wird darüber Beschluß fassen.

Neber die gemeldeten Demonstrationen wird noch be­richtet: In der Nähe der Madeleinekirche herrschte den ganzen Abend über eine gewisse Bewegung, doch kam es nur zu unerheblichen Kundgebungen. Die Zahl der Ver­haftungen überstieg die Zahl 300. Man erwartet neue Kundgebungen. Die sozialistischen und radikalen Blätter fordern die Republikaner zu einer Gegenkundgebung auf. In vorgerückter Abendstunde, lange nach den Kundgeb­ungen vor dem Bahnhofe St. Lazare, wollte eine Schar Männer und Frauen durch die Rue Faubourg St. Horrors bis zum Elysse Vordringen, wurde aber in eine Seitenstraße abgedrängt. Von den Verhaftungen wurde nur eine ernzige aufredjt erhalten. Eine weitere Meldung lautet: Die Abreise einer Anzahl Schulschwestern gab vor einer Kirche den Anlaß zu Kundgebungen. Die Manifestanten, Frauen und junge Leute, leisteten der Polizei, als diese gegen sie vorging, Widerstand. Eistige Polizeibeamte wurden durch Stockschläge verletzt. Mehrere Personen wurden verhaftet, darunter die Deputierten Pugliesi Conti und Achdeacon, die aber bald wieder entlassen wurden.

Einen hübschen Scherz leistet sich derFigaro". Er erzählt int Tone des Schwankpoeten: Herr Cvmbes, der Ministerpräsident, raucht nad} dem Essen, des Erfolges seiner Verordnungen froh, seine Zigarre. Da kommt die Köchin und sagt:Der Herr wird mir wohl erlauben, vier kleine eiserne Bettstellen im Speisesaale aufzuschlagen. Es wird allerdings etwas unbequem sein, aber der Herr! wird begreifen." . . ;Mas soll denn das heißen", rief der Ministerpräsident,Sie machen sich wohl über mich! lustig?"Nicht int geringsten, ich hatte meine vier Kinder bei den Nonnen in Jouy-en-Josart. Sie sind jetzt obdach­los, und man bringt sie mir jetzt zurück. Da werden Sie begreifen." . . .Schon gut, sck)jou gut", brummt Herr Combes. Kaum war die Köchin verschwunden, als die Stubenmagd eintrat:Der Herr wird so gütig sein, mir zu gestatten, drei Matratzen auf den Fußboden des Arbeitskabinetts zu legen."Was ist denn das für ein schlechter Witz?"Aber nein, es ist leider kein Witz; meine drei kleinen Mädchen waren im Waisenhause in Alenyon. Man hat die Schwestern an die Lust gesetzt; jetzt bringt man mir die Kinder; sie können doch nicht im Freien schlafen." Aergerlich wollte Herr Combes schlafen gehen. Als er aber die Decke aufhob, sah er drei kleine blonde Köpfe auf dem Polster.Das ist denn doch zu toll", rief er und klingelte. Der Kammerdiener setzte ihm aus­einander, es seien die Knirpse der Portiersfrafu. Sie sage, ihre (Portiers) Loge sei nicht so groß wie die (Frei­maurer) Loge des Herrn, und es sei nur billig, daß er die Last auf sich nehme. Da machte sich der Ministerpräsident auf und übernachtete im Hotel.

lieber den Verlauf des gestrigen Abends in Paris wird telegraphiert: Im Saale der Sociotes savantes hielten die Klerikalen eine Festversammlung, der zahlreiche Geist­liche beiwohnten. In der Umgebung besetzten unterdessen die Nationalisten den Boulevard, während die Sozialisten in geordneten, aber unzähligen Haufen heranzogen. Sämt­liche Trottoirs wurden von der Polizei und von Truppen besetzt. Tie Massen sangen bald die Marseillaise, bald die Carmagnole. Dazwischen schrien die Nationalisten: Hock} die Freiheit, nieder mit den Tyrannen! Die Sozialisten anttooteten: Nieder mit den Jesuiten, hoch die.Republik! Tie Sozialisten waren in überwältigender Mehrzahl. Tie Kundgebungen Verliesen dank der geschickten Taktik der Po­lizei ohne schweren Zwischenfall. Nach Beendigung der Ver­sammlung umzingelte berittene Garde die Teilnehmer und drängte ihre Masse nad} den südlichen Straßen, während, die Sozialisten ihren Abzug mit den Rufen a bas la calotte begleiteten. Schließlich blieben die sozialistischen Studenten und Arbeiter Herren des Terrains. Sie belagerten den Boulevard Saint-Germain und durchzogen in Trupps das Quartier, vor den Klöstern demonstrierend und revolu- tionäre Lieder singend.

Landftäudrfch-Statipisches.

Aus Anlaß des Schluffes des 31. Landtages des Groß­herzogtums Hessen dürften nachstehende statistische Aufzeich­nungen von Interesse sein.

Von den Abgeordneten dieses Landtags haben mit dem Schlüsse der Legislaturperiode die beigefügte Zeit land- ständischer Thätigkeit hinter sich:

* Möllinger, Pfeddersheim, 40 Jahre, Weith, Nieder-Wöll- stadt, 27 Jahre, * Jockel, Friedberg, 2b'/, Jahre, * Reinhart, Worms, und 4 Schönberger, Groß-Bieberau, je 24 Jahre, * Pennrich, Bingen, 23V. Jahre, Haas, Darmstadt, 21 Jahre, * Ulrich, Offen­bach, 17 * 2 Jahre, * Zmßer, Schlitz, 1b»/, Jahre, Erk, Nidda. und Gras v. Oriola (Büdesheim in Oberhessen) je 1b Jahre, * Schmal­bach, Crainfeld, 14 Jahre, * Gundrum, Alsfeld, 12 Jahre, * Schön­feld, Schotten, 10V, Jahre, Cramer, Darmstadt, Euler, Bensheim, Köhler, Langsdorf, Ripper, Pfaffen-Beerfurth, Schmitt-Mainz, * Heidenreich, Darmstadt, und Dr. »Gutslelsch, Gceßen, je 9 Jahre, Bahr, Herrnhag, 8V«Zahre, Horn, Selrgenstadt, 7^4 Jahre, * David, Mainz, * Frenay, Mainz, * Haas, Mainz, ^Joutz, Butzbach, * Ohl, Groß-Umstadt, * Rau, Mühlheim a. M., * Weidner, Herchen- Hain, und Brauer, Ober-Ofleiden, je 6 Jahre, v. Brentano, Offen­bach, und * Köhler, Worms, je 5V, Jahre, Pitthan, Wöllstein, 48Jahre, * Backes, Darmstadt, 4*/< Jchre, Häusel, Michelstadt, 3»/. Jahre, Molthan, Mainz, und Korell, Leusel, je 3'., Jahre, Berthold, Darmstadt, Diehl, Gau-Odern he,m, Noack, Darmstadt, Schill, Osthofen, Schlenger, Mainz, Wolf, Stadecken, * Seelinger, Lampertheim, und Seim, Großen-Lmden, 3 Jahre, * Koch, Oppen­heim, 2 Jahre, * Morneweg, Darmstadt, IV.^ahre, *Lang, Michel- stadt, IVi Jahre, Brenner, Beerfelden, 1 Jahr.

Die mit einem " bezeichneten Abgeordneten scheiden in diesem Jahre aus.

Nach dem Lebensalter rangieren die Abgeordneten dieses Landtags wie folgt:

1. Möllinger, geboren 1823, 2. Schlenger, geboren 1831, 3. Horn, geb. 1832, 4. Koch, geb. 1833, b. Schill, geb. 1834, 6. Jockel, geb. 1835, 7. Schönfeld, geb. 1836, 8. Backes und 9. Weith, geb. 1837, 10. Schönberger, und 11. Schmalbach, geb. 1838, 12. Haas-Darmstadt, geb. 1839, 13. Erk, geb. 1840, 14. Ohl und 15. Reinhart, geb. 1841, 16. Tr. Gutsleisch, geb. 1844, 17) Gundrum, geb. 1845, 18. Heidenreich, geb. 1846, 19. Euler und 20. Pitthan, geb. 1847, 21. Seelinger, geb. 1848, 22. Pennrich und 23. Zinßer, geb. 1849, 24. Ripper und 25. Joutz, geb. 1850, 26. Weidner, geb. 1850, 27. Häusel, 28. Morneweg und 29. Cramer, geb. 1851, 30. Ulrich, geb. 1853, 31. Haas-Mamz und 32. Gras v. Oriola, geb. 1854, 33. Leun, 34. Lang, 35. v. BreMano und 36. Schmitt, geb. 1855, 37. Berthold, geb. 1856, 38. Diehl und 39. Noack, geb. 1857, 40. Dr. Frenay und 41. Rau, geb. 1858, 42. Wolf, 43. Köhler-Langsdorf und 44. Köhler-Worms, geb. 1859, 45. Bräuer, geb. 1860, 46. Molthan, geb. 1862, 47. Äähr und 48. Dr. David, geb. 1863, 49. Breimer, geb. 1867, 50. Korell, geb. 1871.

Der Leipziger Bankprozetz.

XXVI.

Leipzig, 23. Juli.

Heute beschloß Rechtsanwalt Zeh irre die Dupttken der Verteidiger mit kurzen Ausführungen.

Darauf erklärte Exner, er habe nie eine Schädigung beabsichtigt, im Gegenteil, stets gekämpft, um alles zu halten, was irgend möglich war. Leider seien seine Kräfte und die Mittel der Bank nicht ausreichend gewesen. Wohl niemand sei vom Zusammenbruch der Bank tiefer nieder­gedrückt worden, wie er, wenn er auch äußerlich einen ruhigen und gefaßten Mndruck mache. Er erwarte mit vollem Vertrauen den Wahrsprud) der Geschworenen.

Dr. Gentzsch erklärt ebenfalls, nie eine böswillige Absicht gehabt zu haben. Es sei zu bedenken, daß er unter dem Zwange der Verhältnisse gehandelt habe. Den schweren Vorwurf, als ob er illoyale Geschäfte gutgeheißen habe, um sich seine Stellung zu erhalten, weise er ent­schieden zurück. Nachdem aud) die übrigen Angeklagten in persönlichen Ausführungen jedes Bewußtsein, sich im Sinne der Anklage vergangen zu haben in Abrede gestellt, wurde den Geschworenen die Rechtsbelehrung erteilt.

Hierauf zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Gegen 4.45 Uhr treten die Geschworenen wieder in den Saal. Unter größter Spannung im überfüllten Zu- hörerraum erklärt der Obmann der Geschworenen folgen­den Wahr sprach: Die Geschworenen haben die Frage wegen betrügerischen Ban kerotts betreffend Gx- ner bejah t; die Frage wegen Verschleierung des Ge­schäftsberichts und der Exposes ebenfalls bejaht, aber be­züglich des Kommuniques verneint; die Schuldfrage wegen Betruges gegen S. Bleichröder verneint, die Frage, oh dadurch eine Verschleierung begangen sei, bejaht, die Frage wegen Betruges gegen von der Heydt u. Co. und wegen Untreue gegen die Leipziger Hypothekenbank verneint und endlich die Frage nach mildernden Umständen ver­neint. Die Schuldfragen sind betreffs des Dr. Gentzsch in derselben Weise beantwortet worden, jedoch ist bei Gentzsd) als nicht erwiesen angenommen, daß er Handels­bücher verheimlicht habe, außerdem sind Gentzsch mil­dernde Umstände zugebilligt worden. Betreffs des Angeklagten D o d e l wurde die Frage wegen Untreue verneint, und die Frage wegen Verschleierung mit Aus­nahme des Geschäftsberichts, da der Angeklagte zur Zeit nicht in Leipzig war, bejaht. Betreffs aller übrigen Angeklagten haben die Geschworenen die Fragen mit Ausnahme der auf das Kommunique bezüglichen bejaht, jedoch allen mildernde Umstände zugebittigt.

Der Gerichtshof verurteilte: Exner zu fünf Jatzrett Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust, Dr. Gentzsch zu drei Jahren Gefängnis, beide unter Anrechnung siebenmonatlicher Untersuchungshaft; Do del zu 15000 Mark Geldstrafe, Schröder, Mayer und Wölker zu je 18000 Mk., Fiebig er zu 8000 Mark und SSör ft er und Wilkens zu je 5000 Mark Geldstrafe. Ten Angeklagten werden die Kosten des Verfahrens auferlegt.

Der Sttatsanwalt hatte gegen Exner langjährige Zuchthausstrafe, gegen Dr. Gentzsd) mehrjähriges Gefängnis und gegen die übrigen Angeklagten Geldstrafen beantragt.

In der Urteilsbegründung wird ausgeführt, Exner habe durd) schmählichen Mißbrauch des tu ihn/ gesetzten Vertrauens großes Unglück über Tausende herbei­geführt, und durd) sein Vorgehen hätten Treue und Glauben tm Handel und Verkehr tiefe Erschütterung erfahren. Wohl habe er nicht aus Habsucht, sondern aus Ehrgeiz gehan­delt, da er aber immerhin eine niedrige Gesinnung an den Tag gefegt habe, sei auch auf Ehrverlust er­kannt worden. Auch Gentzsch täuschte das in ihn gesetzte Vertrauen auf5 Aergste, stand aber vollständig unter Exncrs Einfluß und hatte wohl auch nicht das volle Bewußtsein der Strafbarkeit seiner Handlungsweise. Die übrigen Angeklagten hätten, obgleich aud) ihnen dieses Be­wußtsein fehlte, durch unverantwortlichste Pflichtverletzung zur Herbeiführung der Katastrophe beigetragen.

Vermischtes.

* Berlin, 23. Juli. TieKönigliche Seehandlung" teilt mit: Ter bei uns angestellte Kassendienejr Fr. Wagner, 1567 in Groß-Pilkallen geboren, ist gestern nach Unterschlagung amtlicher Gelder im Be­trage von 5 7 0 0 0 M a r k, welche er bei verschiedenen Bank­instituten ein^uta-fieren hatte, flüchtig geworden. Er wandee sich höchst wahrscheinlich nad) dem Auslande. Taß eine strafbare .Handlung vorliegt, geht unzweifelhaft auS dem Umstande hervor, daß Wagner un Laufe der gestrigen