Nr. 145
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Kamiiien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Notationsdruck u. Verlag der B rüh l'fchen Unwerf.-Buch-u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstratze 7.
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Dienstag 584. Juni 1003
152. Jahrgang
Zweites Blatt.
Bezugspreis: monatlich 75 Pf., mertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePostMk.2—viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige» sür die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 Pf* auswärts 20 Pfg.
Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Wittko; für „Stadt und Land" und „Gerichtssaal": Eurt Plato; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Eiehener Anzeiger
’U' General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
reichste Verbreitung.
Die Redaktion des Gießener Anzeigers.
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Der bevorstehende Quartalswechsel giebt uns Veranlassung, zum Abonnement auf den täglich erscheinenden
Gieszene^ Anzeigen
M seinen Beiblättem „Gießener Familienblätter' und „Hessischer Landwirt" einzuladen und zu bitten, zur Vermeidung jeder Unterbrechung in der Zusendung die Bestellungen bei den Kaiser!. Postanstalten, den Briefträgern, in unserer Expedition oder unseren Zweigstellen möglichst umgehend anzumelden. nx k-
Unser Programm bleibt das bisher bewährte. Der Gieß. Anz. will ein Blatt sein für alle Kreise des Volkes in Stadt und Land; er will a^n öffentlichen Lebnes Rechnung tragen, allen gesunden Ideen den Weg bereiten helfen und durch eine sorgfältige Auswahl und Bearbeitung des Lesestoffes, du^> sachliche, ter ensch sE- lose Erörterung aller Tagesfragen sich Hausrecht suchen in allen Familien, die Interesse haben an der Gestaltung der Dinge un Reich, im Staat und m der Gemeinde.
Der Gießener Anzeiger wird demgemäß im politischen Teile wie bisher in selbständiger Arbeit und unterstützt durch Eigene Berliner und Darmst parlamentarische Mitarbeiter ein erschöpfendes Spiegelbild aller Ereignisse geben, die sich auf dem Gebiete der Landes-, Reichs- und Auslands-Politik absMen und hierdurch wie durch möglichste Ausnutzung aller Hilfsmittel der modernen Journalistik das Ansehen und die Stellung zu behaupten wisien, die er m der hessischen Presse m den letzten Jahren sich erworben hat und die seiner Stimme Beachtung im ganzen Lande gesichert haben. „ , , ’ 1tnh
Im lokalen nnd provinziellen Teile wird der Gießener Anzeiger fortfahren in vorurteilsfreier und unabhängiger sachgemäßer Erörterung aller Vorkommnisse, und auch gelegentlich seine Meinung rückhaltlos aussprechen, wo er es für geboten hält, wird auch weiter den weiten Vorrang vor allen oberhessischen Blattern behaupten, n er m der Schnelligkeit, Ausführlichkeit und Reichhaltigkeit auch der Berichterstattung aus Stadt und Land besitzt, und es sich angelegen sem lasten, nach> wre vor gemeinnützigen Bestrebungen nach Kräften Unterstützung und Förderung zu leihen. Eine große Anzahl ständiger Mitarbeiter m allen, größeren^Orten der Provas un umliegenden Landstriche sorgt für schnelle Uebermittelung aller Ereignisse, die Anspruch auf allgemeines Interesse haben Ueber den ganzen Dsttrlkt zwischen Kögelsberg, Taunus Odenwald und Westerwald verzweigt sich ein weites Netz von Korrespondenten, das eine so reichhaltige Ausgestaltung dieses veiles des Gieß. 2lnz. verbürgt, wie kem anderes ^latt m Wissenschaft und Litteratur haben im Gieß. Anz. längst eine besonders liebevolle Pflanz- und Pflegestätte gefunden. Sie werden auch ferner, ihrer Bedeutung
für das öffentliche Leben und den geistigen Fortschritt entsprechend, unter Mithilfe zahlreicher Kapazitäten berücksichtigt werden. budemhatder^Gwß. ^' stch auch hervorragende Mitarbeiter auf dem Gebiete der Unterhaltung gesichert, wie sie bte Gießener Familienblätter pflegen, die langst die beliebteste Famckren-^ekture m gang Oberhessen bUden^^ Landwirtschaft Oberhessens bemühen wir uns gleichfalls in ausgedehntem Maaße zu dienen. Wir dürfen uns gerade rn dieser Richtung der ständigen Mitarbeit der vorzüglichsten oberhessischen Fachmänner rühmen. Unsere Originalberichte von der Mannheimer Ausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgellschaft fanden lebhafte Anerkennung weit über die Grenzen unseres großen Verbreitungsgebietes hinaus
Der Handelsteil ist in der letzten Zeit wiederum um ein wesentliches umfang- und inhaltsreicher geworden. Er bemüht sich durch immer ausgebreitete Nachrichtendienst unausgesetzt nm die Pflege der Interessen von Handel, Verkehr und Gewerbe. Telegraphische Berichte aus Frankfurt orientieren täglich über die Dichügst^Kurse.^^ ^n oer hessisch-thüringischen Lotterie werden nach wie vor vollständig am Tage nach der Ziehung veröffentlichst
Der „Gießener Anzeiger" ist das Amtsblatt der Staats- und städtischen Behörden. Anzeigen jeder Art finden in ihm bte denkbar weiteste und erfolg*
Kam sächsischen Thronwechsel.
Dresden, 23. Juni. Kaiser Wilhelm und Kaiserin Auguste Viktoria sind heute um acht Uhr abends eingetroffen und auf dem Bahnhofe vom König Georg und dem Kronprinzenpaar empfangen worden. Vorher war hier der Kaiser Franz Josef bereits angelangt. Gr hatte vorher den König telegraphisch ersucht, von einem offiziellen Empfang abzusehen. König Georg hatte aber zurücktelegraphiert, daß er es sich nicht nehmen lassen wolle, den besten Freund seines verstorbenen Bruders persönlich zu empfangen. Vom Schloß aus begab sich der Kaiser in die Kirche, wo er einen prachtvollen Kranz niederlegte, der auf schwarzseidenen Schleifen in goldenen Buchstaben die Inschrift trug: „In Freundschaft. Franz Joses." Ferner trafen hier em die Großherzoge von Baden von Mecklenburg und Oldenburg, Erbprmz von Sachsen-Meiningen mit Gemahlin, Großfürst AleM von Rußland Prinz Paribatra von Siam, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, Prinz Heinrich der Niederlande, der Herzog von Schonen, Herzog Robert von Württemberg, Erzberzoa Leopold Ferdinand von Oesterreich-Toscana, Erbprinz Reuß i L. Heinrich XXVII., Herzog Adolf Friedrich zu MeÄenburg-StreliH, Marquis de Noailles als Vertreter er frcmzöftschen RepEik, Kapitän-Leutnant von Egidy als Vertte^r des Prinzen Heinrich von Preußen, der Chef der Marinestation der ittordsee Admiral von Thomsen als Vertreter der kaiserlichen Marine, ein Vertreter der Stadt Ham- bura eine Deputation des Bundesrats, an der Spche der ^Um^S Uhr ^ÄdE°Sgte^''dienliche Beisetzung fiPÄ ^wiaten Königs in der tatholijchen Hoftcrche. Zwischen bremwnden ^Kcuideladern und Wachsstöcken und Wachsfackeln wa? der mit rotem Sammt ausgefchlagene ^rg unter ^ ?^wa zen 'Baldachin aufgebahrt. Die Kirche war toroatü MägeUkg™- 3m Schiff der Nrche versammelten divlomaNjchL Korps und bte hier eingetroffenen fid) 00^1^ Gesandtschaften, ferner die Mitglieder des ÄäratÄe WWn ^inlfter, Hof- und Staats- und Offiziere, die Präsidenten und Mitglieder der eam - bie ^er eingetroffenen fremden
^irtersabordnungen der Regimenter des verewigten Was Vertret^ der Stadt Dresden und der Dresdener lÄetiW um 9 Uhr erschienen unter grotzem
in langem Zuge die Fürstlichkeiten, König Georg und bie^!ächsiichen^rnzen, der Kaiser und Karser Franz Joses von Werreich und die übrigen hier eingetrofsenen Mrst- lirbkeiten In zwei Logen innerhalb der Mtarnrsche nahmen hTÄÄU dL Kaiserin und die Prinzessinnen des k»niolicken faches Platz. Hosprediger Obertonsistorialrat R.endl» aab in Mngerer RLdi ein Lebensbild des Königs. Zer Kaiser und die Kaiserin, sowie Karser Franz Joses £ Oesterreich sind um 10 Uhr 40 Minuten wieder ab- ^"«s^ verlautet, daß im Ministerium der Erlaß einer otlaemeinen Amnestie des neuen Königs ausgear- beitä wird Tie Betanntgebung dersewen^ soll erst nach Ab aus d7r Laildestrauer ersolgem - Konlß Wert I-tzte letztwillig etwa IV- M i l l i o n e n L e g a t c sur Wohlthatig- kcits- und religiöse Zwecke au^>.
Der sächsische Landtag wird erst am 3. Juli zu einer furzen außerorbentlichen Sitzung zusammeutreten, mu bte
Apanagen für ben König, ben Kronprinzen und bie Königin-Witwe zu bewilligen. Außerbem wirb die Ständeversammlung bie Urkunde annehmen, welche bie eidesstattliche Versicherung des Königs auf bie Verfassung enthält.
Tie Gesamtzahl ber schweren Unfälle während der drei Trauertagen beträgt lo7, darunter drei Tote.
Politische Tagesschau.
EiseubahN'Mmister Budde.
Generalmajor a D. Budde ist also, wie wir gestern nachmittag bereits durch Extrablatt bekannt gaben, Nachfolger des Herrn v. Thielen geworden. Ter Kaiser hat oie Ernennung dem demissionierenden Minister selbst mitgetcilt. Diesmal erfolgt eine Ausnahme von der Regel: Herr Budde war alsbald nach dem Auftauchen der Meldung von dem Personenwechsel im Ministerium der öffentlichen Arbeiten als der „kommende Mann" bezeichnet worden. Bisher aber war es in solchen Fällen fast immer ein anderer, auf ben die Wahl des Monarchen fiel, als ber „Kandidat der Presse". Der Kaiser liebt bekanntermaßen solche Voraussagen nicht. Die preußisch-hessische Gisenbahn- verwaltung wird hoffentlich mit dem neuen Chef gut fahren. Wir setzen weitreichende Hoffnungen auf ben Minister, bem ber Ruf rüstiger Thatkraft vorausaeht, und ber, soeben noch Leiter eines großen industriellen Betriebes, bie Interessen bes Publikums zu schützen haben wird. Buddes Berufung bietet übrigens eine gewisse Garantie dafür, daß die preußischen Kanalpläne nur aufgeschoben nicht aufgehoben sind.
Die alten und die jungen Offiziere.
Im preußischen Herrenhaus hat jüngst Graf v. Kospoth ersichert, daß in ben Offizierkorps jetzt bedeutend weniger getrunken werde als früher.
Gegen diese Aeußerung legt eine Zuschrift Verwahrung ein, die ein „alter Soldat und Offizier" aus Wiesbaden dem sozialdemokratischen „Vorwärts" (?) sendet. Er schreibt:
Darin liegt eine gröbliche Beleidigung aller älteren Offiziere. Denn es wird dadurch die Behauptung aufgestellt, daß wir älteren Offiziere, wir, die die siegreichen Feldzüge von 1864, 1666, 1870—71 bestanden, bedeutend mehr getrunken haben als die jetzige jüngere Generation. Was letztere in dieser Beziehung treibt, darüber dringt hin und wieder durch blutige Vorgänge bei „Liebesmahlen" etwas in die Oeffentlichkeit. Wenn behauptet wird, wir älteren hätten bedeutend mehr getrunken, so liegt darin ein Vorwurf, den wir nicht auf uns sitzen lassen können und gegen den ich mir un Namen vieler Kameraden zu protestieren erlaube. ________
Die Mommsenbewegung
hat in der Müncheuer Abgeordnetenkammer zu einer stürmischen Kulturkampfdebatte geführt. Ter Zeutrumsabg. Domkapitular Tr. Pichler eiferte gegen Mommsen und Hanrack, mehr aber noch gegen Luther. Aus diesem Teile feiner Rede heben wir einen Abschnitt hervor:
Sollen wir die Vielweiberei einführen, bie Dr. Mar- tinus Luther und acht seiner Gefährten dem Landgraf e n P h ilip P von He ssen gestattet haben? (Abg. Nißler: Gvoßprftg! Ruse rechts: Wer wahr!) Ist daA
nicht unbestreitbare, historische Thatsache? (Wg. Nißler: Wir berufen uns nicht auf Luther.) Am 4. Diärz 1540 ist ber Landgraf Philipp von Hessen mit Margarethe von der Saale unter Beistand des Hofpredigers Melander kirchlich getraut worden mit Luthers Dispens. Zu der lebenden Frau hat man chm gestattet, eine zweite zu nehmen. (Abg. Nißler: Petrus hat den Herrn auch dreimal verleugnet und ist doch im Himmel!) Es ist bekannt, welche Mühe sich» Luther gegeben hat, um bie Sache geheim zu halten, und wie unglücklich er war, daß bie Sache von Philipp offen gesagt würbe. Er hat PhilipP^ ben Rat gegeben und fein Bebauern barüber ausgesprochen, baß der Landgraf nicht eine starke Lüge thun könne, das fei ja nichts als eine NoMge, eine »tutzlüge usw., solche Lügen seien nicht wider Gott. (Dr. Cassel- mann: Windthorst! Lachen und Widerspruch rechts. Dr. v. Daller: Der ist auch kein Reformator gewesen. Große Heiterkeit rechts.)
Deutsches Mich.
Berlin, 23. Juni. Der Kaiser hat gestern den bisherigen Minister der öffentlichen Arbeiten v. Thielen empfangen und das A b s ch i e d s ge s u ch desselben unter Bekundung der lebhaften Anerkennung für die Amtsführung des Ministers genehmigt. Der Kaiser überreichte Herrn v. Thielen den Schwarzen -Adlerorden und teilte ihm zugleich mit, daß General-Major a. D Budde zu feinem Nachfolger bestimmt fei. Herr v. Thielen nahm daraus an der kaiserlichen Frühstückstafel teil. Zu der gestrigen Wendtasel beim Kaiserpaar waren an den Reichskanzler Grafen Bülow und den Minister Budde Einladungen ergangen.
— Das Kaiserpaarist heute nach Dresden abgereist. Wends lQi/t Uhr trat der Kaiser von Dresden aus die Reise nach Cuxhaven an ,währ end sich die Kaiserin zur selben Zeit zum Besuche der Prinzen nach Plön und int Anschlüsse hieran nach Kiel begab.
— Im Reichskanzlerpalais sand heute nachmittag unter Vorsitz des Reichskanzlers Grasen Bülow eine vertrauliche Ministerbesprechung statt.
Der „Reichsanz." veröffentlicht die Entlassung des Ministers v. Thielen aus dem Amt als Ches der Verwaltung der Reichseisenbahnen und die Ernennung des Generals Budde zum Nachfolger.
— Auf Einladung des Staatssekretärs des Reichs-Marineamtes hat sich heute eine größere Anzahl von Mitgliedern des Reichstages nach Kiel begeben, unt dort die kaiserliche Werst und bte Schiffsbauten ber kaiserlichen Marine zu besichtigen. Außerbem sind Kreuzerund Torpebofahrten in ber Ostsee in Aussicht genommen. Von Kiel aus werden sich bie Abgeordneten mit dem Schnelldampfer „Auguste Victoria" am 26. d. M. nach Southampton begeben, um der am 28. Juni ftattfinbenben Parade ber englischen Kriegsflotte beizuwohnen.
— Ein Verband ber Berliner Polen-Vereine ist an Stelle des bisherigen Vereins-Ausschusses ins Leben gerufen worden. Gleichzeitig ist auch ein unentgeltliches Jnformatioits-Bureau für alle polnischen Angelegenheiten in Berlin geschaffen worden.


