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24.6.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 145

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener ZamUien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Notationsdruck u. Ver­lag bc. Brü h l'sche- Univers. Buch-u.Stei. bruderri (Pietsch Erben) <kebafiiu. Expedition um Druckerei:

Schul st ratze 7.

Adresie für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Kernsprechanschluß Nr. 51.

Erstes Blatt.

152. Jahrgang

Dienstag 24. Juni 19OS

sietzenerAnzeiger

General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

Bezugspreis: monatlich 75 Pf., viertele jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für tue Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenprels: lokal!2Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Wittko; für Stadt und Land" und Gerichtssaal": Curt Plato; für den An- zeigenteil: Hans Beck.

Are Wohnungsfrage.

Auf dem internationalen Wohnungs­kongreß in Düsseldorf hat dieser Tage, wie wir bereits mehrfach meldeten, eine eingehende Erörterung der Woh­nungsfrage stattgefunden. Wenn auch naturgemäß auf diesem Kongreß ein Mittel zur alsbaldigen und gründ­lichen Lösung der Wohnungsfrage nicht gefunden worden ist, so haben die Verhandlungen doch zur Klärung der An­gelegenheit wesentlich beigetragen, und manche Anregungen, die auf dem Kongresse gegeben wurden, dürften sehr bald ihre praktische Erprobung erfahren.

So waren von besonderem Interesse die Ausführ­ungen des Grvßh. hessischen Ministerialrats Braun, des Schöpfers unseres neuen Wohnungsgesetzent- wurss. Der Redner erläuterte die Grundsätze, die in dem Entwurf zum Ausdruck kommen und sch-loß seine Aus­führungen mit dem Wunsche, daß dieser erste ehr- licheVersucheinesWohnungsgesetzes, der für sämtliche übrigen deutschen Staaten von einschneidender Be­deutung sein würde, gelingen möge. Diesem Wunsche wird man sich überall in unserem Lande gern anschfteßen. Wir wollen hoffen, daß das hessische Wohnungsgesetz besser ge- üngt als die Wahlrechtsreform, deren Aussichten wir für recht kläglich halten müssen. Wenn das Wohnungs­gesetz die erwarteten Erfolge zeitigt, so kann es, wie int)er Tenkrnalsschichgesetz und vieles andere noch, auch vorblldlich werden für die zukünftige Gestaltung der Wohnungsverhält- nisse im ganzen deutschen Vaterlande. An der zweckmäßigen Lösung der Wohnungsfrage sind nicht nur einzelne Gebiete, sondern fast alle Landesteile, sind nicht nur die großen Städte und Jndustriecentren, sondern auch die ländlichen Distrikte interessiert. Die Wohnungsnot tritt allerdings mehr in den größeren Städten hervor, aber mangelhafte Wohnunasv er Haltnisse sind nur zu oft auch auf dem Lande festzustellen. Der Zug nach den Städten wird dadurch er­heblich verstärkt, daß die Wohnungen der Dienstleute und Tagelöhner sich vielfach in schlechtem Zustande befinden und die Möglichkeit, ein eigenes Haus zu bauen, erschjwert wird.

Die Wohnungsfrage ist zunächst eine Bauthätigkeits- froge und damit sowohl eine BauLostenfrage als eine Bodensrage. In Deutschland ist sie außerdem eine Frage des Bebauungsplans und eine Bauordnungssrage, zuletzt, und vor allem aber ist sie eine Kreditfrage. Aufgabe der Wohnungspolitik von Staat und Gemeinde ist daher das wurde aus dem Düsseldorfer Kongreß in einem Vor­trage zus amm en fass end ausgeführt neben den aus direkte Beseitigung der WohnungsmißMnde gerichteten Mast­regeln einerseits Förderung der BauthLtigkeit zur De­hnung des Wohnungsmangels^ andererseits aus Besei­tigung oder doch Beschränkung der Boden-und Hausspekulation und zur Erreichung dieser Zwecke vor allem Reform des Hypothekenwesens und des städtischen Realkredits. Für eine planmäßige Selbst­hilfe der Wohnungsbedürftigen aus dem Gebiete des Woh­nungswesens trat in Düsseldorf der Anwalt der deutschen Genossenschaften Dr. Crüger ein, der seine Ausführungen dahin zusammenfaßte, daß die Wohnungsfrage allein durch die Genossenschaften nichjt gelöst werden würde; aber mittel­bar sei der Nutzen ganz hervorragend und deshalb ein weiteres Umsichgreifen der genossenschaftlichen Bauthätig- keit von ganzem Herzen zu wünschen.

Bei aller Anerkennung der Notwendigkeit von Re­formen auf dem Gebiete des Wohnungswesens muß aber doch vor unbedachtem Experimentieren ge­warnt werden. Unzweckmäßige Maßnahmen können leicht das Uebel verschlimmern, anstatt es zu Hellen. Die Po­lizei erläßt Bauordnungen und beugt so der Entstehung neuer schlechter Wohnungen vor; in dringenden Fällen läßt sie bestehende Wohnungen, Häuser, Stadttelle räumen. Die nächste Wirkung aber der neuen Bauordnung ist Wohnungs­teuerung, Wohnungsmangel. Jede neue Bauordnung ver­ursacht zunächst Mißvergnügen; erst nach! Jahren erkennt man an, daß sie segensreich gewirkt hat, wenigstens in der Mehrzahl der Fälle. Bei allen Maßnahmen müssen die Grenzen des Erreichbaren von Anfang an schürf ins Auge gefaÜ werden, und vor allem must Klarhell darüber walten, ob in der That von der Zwangsthätigkell in Gemeinde, Reich und Staat mehr zu hoffen ist als von der freien Ent­faltung der wirtschaftlichen Kräfte.

AiHitischen^rönuugsfeierlichkeiLen.

L

London, 23. Juni.

Der König, die Königin und die Prinzessin Karl von Dänemark trafen heute mittag von LVindsor in London ein Am Buckinghampalast und in den angrenzenden Straßen bis zum Hydepark-Corner Halle sich eine ungeheure Menge angesammelt. Ueberhaupt war der ganze Weg vom Paddingtonbahnhofe bis zum Palast sell früher Atorgen- stunde sehr belebt. Der König trug trotz des warmen Wetters einen Ueberrock, schien sich aber der besten Ge­sundheit zu erfreuen. Tie Herrschaften fuhren in 3 offenen Vierspännern nach dem Palaste, wo sie heute abend ein Tiner gaben.

Prinz Heinrich von Preußen wurde bei der Landung in Portsmouth offiziell vom Admiral Charles H v t h a m mit dem Stabe der Marinewache empfangen und begab sich sodann mit Sonderzug nach London, wo er auf der Viktoriastation vom Prinzen von Wales begrüßt willde. Auf der Fahrt nach dem Wimbornehouse in der Arlmgjton- street, wo Prinzessin Heinrich schpn vorher einge­troffen war, wurde der Prinz, neben dem Prinzen von Wales sitzend, von der Menge mll brcmsenden Zurufen begrüßt. Um 2 Uhr nahm das prinzllche Paar an der Frühstückstapel im Buckinghampalast teu. Der Groß-

für st-Thronfolger von Rußland ist heute nach­mittag hier eingetroffen und vom Prinzen von Wales em­pfangen worden. Ferner sind hier eingetroffen der Groß- Herzog von Hessen, Herzog Albrecht von Württem­berg, Prinz Leopold von Bayern, Prinz Philipp von Sachsen-Coburg-Gotha und Graf Walders ee. Feld- marschall Roberts gab gestern abend zu Ehren des Feld­marschalls Grafen Waldersee und der hier eingettoffenen deutschen Offiziere ein Festmahl. Bei demselben brachte Graf Waldersee ein Hoch aus König Eduard aus und sagte:

Ich habe die Ehre für mich, an den gegenwärtigen Festlichkeiten zur Krönung Ihres allergnädigsten Könias teilzunehmen. Die Thatsache, daß ich das letzte Jahr die Ehre hatte, britische Truppen zu befehligen und deren Schulung und Tapferkeit selbst zu beobachten, erhöht meine Freude und Genugthuung, heute der Gast eines so ausge­zeichneten Oberbefehlshabers der britischen Armee, des stets siegreichen Feld marschalls meines Wirtes zu fein. Wir deutschen Soldaten wissen alle sehr wohl, wie schwer und mühsam die Aufgabe war, welche die britische A r m e e in Südafrika zu be­wältigen hatte, wir wissen auch, daß Offiziere und Mann­schaften ihres Heeres ihre Ausgabe mit der äußer st en Hingabe anihrLand, mitTapfer- keit und Menschlichkeit erfüllten.

Lord Roberts hieß in seiner Erwiderung den Grafen Waldersee herzlich willkommen als Offizier, der seinem Lande so ausgezeichnete Dienste geleistet habe, und unter welchem als Oberbefehlshaber zu dienen die verbündeten ^Streitkräfte in China und die britischen Truppen den Vor­zug genossen hätten. Er versicherte Waldersee, daß die brillschen Soldaten sehr empfänglich für die fteundliche Ge­sinnung seien, die ihn veranlaßt habe, von ihnen in so anerkennungsvollen Worten zu sprechen. Lord Roberts schloß mit einem Hoch auf den deutschen Kaiser und das große deutsche Heer.

Zu der Rede des Grafen Waldersee bemerkt derDaily Chroniole":Tie Anerkennung, die er der Menschlich­keit der britischen Truppen gezollt habe, sei zell­gemäß und großherzig und solle von Wirkung sein."Daily Graphik tziagt:Tie Rede werde im ganzen Lande mit lebhafter Genugthuung gelesen werden. Die dem Heere und Marschall Roberts gezollte Anerkennung fei ein weiterer Beweis dafür, daß der deutsche Soldat mit dem Kaiser eins ist in der Verurteilung des thö- richten Feldzuges gegen un s. Graf Waldersee ver­tritt sicherlich nicht allein die Gesinnungen seiner tapferen Kameraden, sondern auch den gesunden Verstand der großen Masse des deutschen Volkes. Tie Engländer können nunmehr wohl dazu übergehen, alle bitteren Polemiken der letzten zwei Jahre zu vergessen und zu vergeben. Sie haben es nicht nötig, irgend wem nachzulausen, aber sie sind zu sehr für die Bedeutung der vielen geschichtlichen Bande em­pfänglich, welche England und die deutsche Nation ver­knüpfen, als daß sie einen dauernden Bruch in den Be­ziehungen der zwei großen germanischen Völker wünschten. Wenn die Deutschen es wünschen, können die Beziehungen jederzell chren alten Charakter der Herzlichkeit wieder annehmen." DieSaint James-Gazette" schreibt: Der Willkommen grüß Lord Roberts an den Grafen Walder­see wird im ganzen Lande bereitwillige, aufrichtige Zu­stimmung ftnden, da Graf Waldersee einen heiklen Posten mit Geschick und Takt ausfüllte. Me wohlbedachte Aeuße- rung des Grafen Waldersee zeigt die Wertschätzung, welche die befugten Beurteller in Deutschland für das britische Heer hegen. Obgleich das britische Heer diese An­erkennung annehmen darf, wird es doch mit großem Vorteil b en Blick aus die deutsche Armee richten, um deren geschulter Intelligenz und Berufstüchtigkell willen.

Die zwischen den Feldmarschällen Grafen Walder­see und Lord Roberts gewechselten Trinksprüche sind mehr als höflich und verbindlich, sie sind überraschend herzlicher Art. Beide Toaste scheinen uns nicht vom Augen­blick eingegeben, sondern programmmäßige Kundgebungen. Wir glauben sogar, daß dieser Austausch von Erklärungen den Intentionen des deutschen Kaisers und des Königs Eduard entspricht. Es ist bekannt, daß die Herrscher den Wunsch hegen, die durch den südafrllanischen Krieg übrigens nicht durch diesen allein, auch durch brllische Ueber- grifse hervorgerusene Verstimmung in der deutschen Be­völkerung gegen England zu beheben. Nachdem der Krieg seinen Abschluß gefunden hat, greift in der That allmählich ein ruhigeres Urteil hüben wie drüben Platz.

Gleichwohl wird manchem vielleicht einzelnes in dem Trinkspruch des Grafen Waldersee nicht zusagen, z. B. das der Menschlichkeit der britischen Armee gespendete Lob. Alles Mögliche kann anerkannt werden, wenn man den brillschen Truppen Ehre erzeigen will: die Hingabe an ihr Land, sogar die Tapferkeit, denn es sind immerhin Fälle von Mut und Entschlossenhell zu verzeichnen gewesen aber das Lob der Menschlichkeit hätte man wohl in dieser Ansprache gern vermißt. Übertriebene Schilderungen auf das richtige Maß zurückgeführt, bleibt immer noch genug übrig, um unschwer den Nachweis zu erbringen, daß die Humanität gerade in diesem Kriege sehr wenig zu Ehren gekommen ist. Dagegen kann man als ein Kompliment für die Buren ausfassen, daß Gras Waldersee die Aus­gabe der britischen Armee alsschwer und mühsam" be­zeichnete. Die brillschen Truppen hatten eben einen schwächeren, aber an Wert, an Heroismus, an Ausdauer überlegenen Gegner; dieser Unterschied machte die Aufgabe mühsam", ja verzweifelt schwierig. Lord Roberts ver­sichert, daß die brillschen Soldatentief empfänglich für die freundliche Gesinnung seien, die Gras Waldersee ge­trieben habe, von ihnen in [o anerkennungsvollen Worten

zu sprechen". Man kann hinzufügen: doppelt empfänglich, weil den Engländern aus der ganzen internationalen Zu­schauer-Korona während des Burenttieges selten und kärg­lich der Preis zuerkannt worden ist. In einer sympathischen Beleuchtung erblickt man auch noch nicht speziell oenstets siegreichen" Feldmarschall Lord Roberts.

Wir stehen auf dem Standpunkte, daß die Bestrebungen zweckmäßig und fördernswert sind, die auf Herstellung nor- meler, nicht von Bitterkeit beeinflußter Beziehungen zwischen dem deutschen und dem englischen Volke ausgehen. Aber es sollte dabei mll großer Behutsamkeit verfahren werden. Die öffentliche Meinung, wie sie hier Jahre hin- ourch mll imponierender Einmütigkell aufgetreten ist, voll­zieht nicht so rasch den Umschwung; was vor kurzem Gegen­stand der Antipathie war, kann nicht so bald als liebenA- wert erscheinen. Vorläufig ist es genug, wenn die nüchterne, man möchte sagen: geschäftliche Auffassung Boden gewinnt, daß bei dem gegenseitigenSchrauben" nichts heraus­kommt, da,tz vielmehr wertvolle Handelsverbindungen zwischen beiden Ländern durch den Zwist Schaden erleiden, und daß eine uns feindliche britische Politik eine Bedrohung des Weltfriedens bedeutet. Darüber hinaus zu gehen, liegt vorläufig keine Veranlassung vor. Die Worte des Beileids^ die s. Z. der Staatssekretär des Auswärtigen Frhr. von R i ch t h o f e n im preußischen Abgeordnetenhause dem ge­fangen genommenen Lord Methuen zollte, konnten un­möglich ein Echo im Deutschen Reiche toeaen. Ebenso würde eine mehr reservierte Form des Toasts des Grafen- Waldersee den überwiegenden Empfindungen entsprochen haben. WennDaily Graphic" meint,daß der deutsche Soldat mit dem Kaiser eins ist in der Verurteilung des thörichten Feld.zugs gegen uns", so ift das eine so ungehörige wie unzutteffende Bemerkung, die aber auch wieder zur Vorsicht mahnt.

Aie AoLtarifLommisstou

nahm am Montag Position 430, Gewebe, die nicht unter frühere Positionen fallen, nach der Vorlage an bei über 700 Gramm auf den Quadratmeter der Gewebefläche 135 Mari, bei einem Gewicht von 200 bis 700 Gramm 175 Mk., bei einem Gewicht bis 200 Gramm 220 Mk. Zoll, des­gleichen die Position 431, Wirkstoffe und Netzstosfe, 100 Mark, die Position 432, Unterkleider, geschnllteil 100 Mk., abgepaßt, gearbeitet 140 Mk., und Position 433, andere^ geschnitten oder abgepaßt, gearbeitete Wirk- und Netz­waren 140 Mk. nach der Vorlage. Hierauf wurde die vvu den Sozialdemokraten zu diesen Positionen beantragte Reso­lution, in Gefängnissen keine anderen als für das Reich bestimmte Arbeiten Herstellen zu lassen, mit 15 gegen 11 Stimmen abgelehnt. Die Kommission nahm toeiter Position 434, Spitzen stosse und Tüll, 350 Mk. nach der Vor­lage an, desgleichen Position 435, Posamenllerwaren 200 Mark, und begann die Beratung des Abschnittes Baum­wolle. Posllion 436, gefärbte und gekrempelte Baumwolle, wurde, wie in der Vorlage, zollfrei belassen, für gebleichte Baumwolle, für die der Entwurf einen Zollsatz von 4 ML verlangt, wurde Zollfreihell beschlossen, da dieser Aus­nahmezoll nur drei Fabriken zu gute komme. Zn Pos. 437, Banmwollgespinnste, wird unter Hinweis auf die geringe Einfuhr ein Antrag Münch-Ferber angenommen, wodurch' der Zoll für einfach oder zweifach gedrehte Vorgespinnfte von 10 aus 5 Mk., für mehrfach gedrehte von 20 auf 10 Mark ermäßigt wird. Position 433, Baumwollgarne, wird auf Antrag Müller-Fulda bis nach Erledigung der Pos. 44-3 zurückgestellt.

Aus Statt und Kund.

Gießen, den 24. Juni 1902»

** Auszeichnungen. Dem Stadtsekretär i. P. Kreuder in Butzbach, der über 40 Jahre in städtischen Diensten chätig gewesen ist, wurde das Ehrenzeichen für langjährige treue Dienste verliehen.

** Französische Vorträge und Rezitationen. Heute nachmittag 67 Uhr wird ßector Goetschy seinen zweiten Vottrag abhalten und das ThemaAlfred de Müsset, lhomme et le poete besprechen.

** Sommers Anfang! Mit der gewohnten tadel­losen Pünktlichkeit, an der schon sell Millionen von Jahren noch nie eine Sekunde fehlte, hat am Sonntag ftüh 10 Uhr die Sonne, da sie in das Zeichen des Krebses tritt, ihren; höchsten Stand erreicht, um bald schon ihre Rückwärtsbewe­gung wieder zu beginnen. Wir sind an der Sommersonnen­wende angelangt Wir haben dabei das Gesichl, als sei nun die Zell der aufsteigenden Hoffnung vorüber. Man sagt: Es geht wieder vergab! Die Erde, die von der Sonne befruchtet worden ist, beginnt nun erst, die Erwartungen zu erfüllen und die Menschen zu beglücken mll ihrem reichen Jruchtsegen. Nach der Durchwärmung des Erdbodens be­ginnt das Reifwerk einen immer größeren Umfang an» zunehmen. Wir haben jetzt die längsten Tage. Vom 25. Juni an geht die Sonne schon eine Minute später auf (3 Uhr 24 Minuten), während ihr Untergang noch gleich- stehend (8 Uhr 40 Min.) bleibt. Die Tageslänge ist jetzt 16 Stunden 35 Minuten. Sie wird bis zum Ende des Monats schon um drei Minuten kürzer. Das Wetter am heutigen Johannestag spielt auch im i^richwort eine Rolle. In manchen Gegenden heißt es:Tritt auf Johannis Regen ein, so wird der Nußwuchs nicht gedeih'n!^ undRegnet's am Johannis sehr, werden die Haselnüsse leer!" Da Johannis nach der Astronomie des Volkes als Tag der Sonnenwende gilt, so ist es leicht zu erklären, daß man diesen Tag auch überall für einen Wendetag der Witterung ansieht Darum sagt man:Vor Johannis beb um Regen, nach Johannis kommt er ungelegen", oder Regnet's am Johannistag, so regnet es noch vierzehn