Ausgabe 
24.3.1902 Zweites Blatt
 
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alle gleich lieb uirb wert seien. Wer aber das Bedürfnis! habe, von seinen verstorbnen Angehörigen das Odium der Beerdigung aus städtischen Mitteln zu nehmen, und die Mittel, der Pietät besonderen Ausdruck zu verleihen, der nehme einen oder mehrere Hundertmarkscheine und schicke sie dem Allgemeinen Verein für Armen- und Kranken­pflege, damit erfülle er einen Akt der Pietät von längerer Tauer als durch einen pompösen LeichenHug, oder kaufe einen möglichst schönen Begrävnisplatz und trage damit Ku den Kosten des Friedhofs bei. Redner faßte oie An­träge, mit denen die beteiligten Vereine an die Stadt heran­treten sollten, wie folgt zusammen: 1. Wahrung des Stand­punktes vollständiger Unentgeltlichkeit der Bestattungen; falls das vorerst nicht zu erreichen ist, 2. Unentgeltlichkeit mit Ausschluß des Sarges und, falls auch dies vorläufig nicht zu erreichen fei, 3. Gewährung unentgeltlicher Be­stattung an diejenigen, die darum einkommen. Die Ver­sammlung erklärt sich nach kurzer Debatte damit einver­standen.

**VolksbadundKrankenkassen. Im Anschluß an die Versammlung am Samstagabend im Eafü Leib wurde eine Mitteilung des Vorstandes des Gießener Volksbadesan die Krank en-undDoktorkassen zur Kenntnis gebracht, wonach die den Kassen bisher be­willigte Vergünstigung von 33V« Proz. aus Heil- und Wannenbäder in Wegfall komme, und nur Minder­bemittelten auf Grund ärztlicher Verordnung eine 50prvz. Ermäßigung gewährt werde. Den Grund zu dieser Maßregel hat die mißbräuchliche Verwendung der zu ermäßigten Preisen an die Vereine abgegebenen Karten durch Nicht­mitglieder gegeben. Stadtv. K rumm, der auch über diesen Gegenstand das Referat übernommen hatte, bezeichnet die Maßregel als antisozial. Es sei bei Gründung des Volks­bades die finanzielle Beteiligung der Stadt an dem Unter­nehmen deshalb mitbestimmend gewesen, daß man Minder­bemittelte der Wohlthat billigen Badens habe teilhaftig machen wollen, und vvrauszusehen gewesen, daß dabei fette Dividenden nicht herauskommen. Wenn man als Ersatz für die Vergünstigung die billigen Brausebäder bezeichne, so müsse er bemerken, daß diese nicht von allen Personen vertragen werden könnten; lediglich der wenigen Fälle von Mißbrauch mit den Vollbadekarten wegen die Vergünstig­ung zu entziehen, heiße wirklich das Kind mit dem Lade ausschütten; es fei z. B. noch niemandem eingefallen, die billigen Volksvorstellungen im Theater aufzuheben, weil sie sehr stark von Leuten besucht werden, die recht gut höhere Preise zahlen könnten. Es sei verständlich gewesen, wenn für die Zurücknahme der Vergünstigung geltend gemacht worden wäre, das Bad rentiere nicht, und dann eine Er­höhung der Badepreise für die Bäder der ersten Klasse beschlossen würde; das Defizit von etwa 4000 Mk. sesi nur zum vierten Teil durch die den Kassen gewährte Vergünstig­ung veranlaßt, die verbleibenden drei Teile famen auf die Badeklassen, die die Wohlhabenden benutzten; er könne nicht annehmen, daß sich die Stadt mit 00 000 Mk. an dem Volksbad beteiligt hätte, wenn nicht die Absicht bestand, billige Bäder für die Minderbemittelten KU schaffen; die Stadt fei mit verantwortlich zu machen für den durch die Zurückziehung der Vergünstigungen gemachten Fehler. Zu der Debatte wurde u. a. bemerkt, daß Mißbrauch nicht nur bezüglich der den Doktorkassen gewährten Vergünstigung, sondern auch bezüglich der den Mitgliedern von anderen Kassen (Metzger) gewährten getrieben worden sei, daß ferner gut gestellte Beamte, die den Betriebskrankenkassen zu nied­rigen Preisen gewährten Bade karten benutzten, auch wurde gefordert, baß die Stadt sich ihren Kapitalanteil verzinsen lassen sollte, wenn die Den Minderbemittelten gewährte Vergünstigung aufgehoben würde, denn für die Wohlhaben­den sei ein Zuschuß aus städtischen Mitteln nicht nötig. Es wurde auf Antrag des Herrn krumm beschlossen, nochmals mit dem Vorstand des Volksbades bezw. dem Stadtvorstand in Verhandlung über die Weitergewährung der Vergünstig- ung zu treten.

* * Umgestaltung des Unterrichts in den ländlichen Fort­bildungsschulen. Wie wir vor einiger Zeit mitteilten, war untcrm 16. Dezember 1901 seitens des Großh. Ministeriums Abt. für Schulangelegenheiten der Versuch genehmigt worden,die Durchführbarkeit des dem 'Antrag des Abg. Kühler-Langsdorf (Umgestaltung des Unterrichts indenländlichenFortbildungsfchulen betreffend) zu Grunde gelegten Entwurfs eines Lehrplans für den Unterricht in der Fortbild­ung schu le zu ermitteln, sowie festzustellen, in­wieweit es möglich fei, den landwirtschaftlichen Stoff zu bearbeiten ohne den durch den alten Lehrplan vorgeschriebenen Fächern zu schaden." Zu diesem Zwecke wurde seitens der Herren Lehrer Lei dich zu Langsdorf und Direktor Dr. v. Peter zu Friedberg im Winter 1901/02 das erste Jahrespensum, die Lehren vom Boden, vom Boden als Pflanzenerzeuger, von der Düngung und von den Fruchtfolgen um­fassend, in 14 Stunden des Lehrers Leidich und 10 Stunden des Direktors Dr. v. Peter bearbeitet. Nach Abschluß dieses Pensums fand nunmehr am Samstag, den 22. März die Schlußprüfung statt, an der folgende Herren teil­nahmen: Ministerialrat Dr. Eisenhuth von der Schul­abteilung, Ministerialrat Braun von der Abt. für Land­wirtschaft, Provinzialdirektor Geheimrat v. Bechtold, Kreisschulinspeklor Prof. Lu eins, der Vizepräsident des Hess. Landwirtschaftsrats Oekonomierat Schiente, der Generalsekretär der landwirtschaftlichen Vereine Oekonomierat Dr. Müller, der Obmann des Hess. Landeslehreroereins Abg. Baches, der Nedakteur desSchulboten für Hessen" Lehrer Nuppel- Düdelsheim, der Schulvorstand sowie die beiden Dozenten Dr. v. Peter und Lehrer Leidich. Die erschienenen Herren waren von den Leistungen der Schule aufs Beste befriedigt. Dementsprechend sollen nunmehr weitere Beratungen im Ministerium nachfolgen, von denen wir hoffen, daß auf Grund derselben dem ganzen Lande Hessen von nun an der Segen beruflichen, hier also in erster Uinie landwirtschaftlichen Unterrichts in den Fortbild­ungsschulen erwachsen möge, wie er unter der wohlwollen­den und förderlichen Leitung des Prof. L u e i u s im Kreise Gießen der Bauernbevölkerung nun zu einem guten Teile bereits zuteil wird.

* * Auszeichnung. Dem mit 1. April d. I. in ben Ruhestand tretenden llniversitätSforstgärtner Start T ü r m e r luuibc heute das ihm von Seiner königl. Hoheit in Anerkennung seiner langjährigen Dienste verliehene Silberne kreuz des Verdienstordens Philipps des Groß­mütigen vom Rektor überreicht.

* * Justizdienst nachrichte n. Gerichtsassessor Hamburger in Butzbach ist als Hilfsrichter an das

Amtsgericht Offenbach versetzt worden; an seine Stelle tritt Gerichtsassessor Gläser, oer bisher am Amtsgericht Gießen verwendet wrude.

* * Militärdienstnachricht. Oberleutnant Balthasar im 1. Bataillon des 168. Jns.-Reg. in Butzbach wurde zum überzähligen Hauptmann befördert.

* * Befitzwechsel. Wie wir hören, ging das Haus Bleich­straße 6 heute durch Kauf in den Besitz der Firma Wallen­fels u. Sauer über.

* Die 50er kämen am Samstag Abend imPostkeller" zusammen, um über die gemeinsame Feier, die vom 21. bis 23. Juni stattsinden soll, zu beraten. Es wurde beschlossen, am 21. Juni in Steins Garten einen Kommers mit Abendessen zu veranstalten. Am 22. soll ebendaselbst ein Frühschoppen stattsinden. Die Feier findet ihren Abschluß am 23. durch einen Ausflug mit Familie nach dem Philosophenwald, bei dem ein Gruppenbild sämtlicher Teilnehmer aufgenommen werden soll. Da zufällig am Samstag einige Mitglieder ihren Geburtstag hatten, wurde die Stimmung bald eine recht feuchtfröhliche, und die Zeit war bereits sehr vorgerückt, als man auseinanderging.

* * Verhaftungen. Am Samstag wurde gegen Abend hier ein von der Polizeibehörde Dillenburg gesuchter Metzger­bursche, über dessen Personalien auf telephonischem Wege dem hiesigen Polizeiamt Mitteilung gemacht wurde, am Bahnhof festgenommen. Kurz vor seinem Weggange hatte er seinem Meister Fleisch- und Wurstwaren entwendet und auch noch einen Geldbetrag abgeschwindelt. Einen ziemlich großen Schinken, sieben Würste und zwei Flaschen Cognac fand man bei dem sauberen Früchtchen noch vor. Zwei in Frank­furt a. M. unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Frauen­zimmer, die sich am Samstag Abend in ungehöriger Weise in der Bahnhofstraße umhertrieben, wurden in Haft ge­nommen. Sie erklärten bei ihrer Vernehmung, daß sie von einem hiesigen Wirt in Frankfurt a. M. verleitet worden seien, nach Gießen zu kommen, um bei ihm als Kellnerinnen einzutreten.

* * Bubenstreich. In der Nacht von Samstag auf Sonn­tag wurde der an einem Hause der Schulstraße befindliche Postkartenautomat in frivoler Weise beschädigt.

* Sch lagere i. Gestern abend kam es auf dem Kirch enplatz hier zwischen ^wei hiesigen Handwerksgesellen zu einer Schlägerei, wobei Der eine derart am Stopfe verletzt wurde, daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Tie Sache wurde zur Anzeige gebracht.

* * Ruhestörer. In der Nacht vom Samstag aus Sonntag bekam ein in der Großen Mühlgasse wohnender Arbeiter mit seiner Ehefrau Streit, wodurch die Nachbar­schaft gestört wurde. Als die Frau um Hilfe rief, begaben sich einige Mitbewohner des Hauses in die Wohnung der Streitenden, um Ruhe zu stiften. Bei dieser Gelegenheit wurde der streitsüchtige Ehemann nicht unerheblich am Kopse verletzt, sodaß er sich in der Klinik verbinden lassen mußte. Auch in den Neuenbäuen und in der Weidew- gasse kam es in derselben Nacht zwischen einer Anzahl junger Leute zum Streit, der aber ein schnelles Ende nahm, als zwei Schutzleute hinzukamen, da die Streitenden das Hasenpanier ergriffen.

* * Versteigerung. Morgen soll ein anscheinend wertvoller, schwarz und weiß gestreifter Spitzhund, der herrenlos umherlief, auf der Polizeiwache meistbietend ver­steigert werden.

"* Auch eine Versteigerung. Bei der Versteigerung der Hofraithe der Weidig'schen Erben, Große-Mühlgasse, die am Samstag vor dem Ortsgericht stattsinden sollte, wurde ein Gebot überhaupt nicht abgegeben, Die Eigentümer ver­langen für das Grundstück 30 000 Mark. Auf den ca. 600 Quadratmeter großen Garten am Allen Steg diesseits der Oberhess. Bahn, ebenfalls den Weidig'schen Erben ge­hörend, wurde ein Gebot von 1200 Mark abgegeben. Maurermeister Pfaff bot, nachdem der Zuschlag hierzu nicht erteilt worden war, für den Garten 2500 Mark, aber auch dieses Angebot wurde nicht angenommen. Eine der Weidig'schen Wiesen von 1300 Quadratmeter Flächeninhalt, wurde dem Höchstbietenden, Mühlenbesitzer Will). Möser, für 910 Mark zugeschlagen.

* * Ter Eierhandel auf unseren Wochenmärkten soll schärfer kontrolliert werden. Es soll dauernd die Anordnung wie wir erfahren, getroffen werden, daß die Händler mit frischen Landeiern, in Zukunkt vollständig gesondert von den­jenigen Ständen erhalten, auf denen nur Kisten- oder Kalk­eier feil gehalten werden. Man hofft, so dem Schwindel, der vielfach mit Erfolg getrieben wird, daß nämlich auslän­dische Eier für hiesige Landeier verkauft werden, wirksam zu begegnen. Der Geflügel- und Vogelzuchtverein Gießen hat übrigens Prämien ausgesetzt für die, welche solche Täuschungen zur Anzeige bringen, so daß Bestrafung er­folgen kann.

* * Prciswettbcwerb in Vetäubnngsapparaten für Kleinvieh. Unserem in der Samstagsnummer veröffentlichten Bericht über den Preiswettbewerb fügen wir noch folgende Einzel­heiten hinzu: Unter den von 195 Bewerbern eingelieferten Apparaten wurden nur 28 zur engeren Wahl zugelassen. Der 1. Preis von 5000 Mk. wurde geteilt, und zwar erhielten die Adler-Waffenwerte in Zella-St. Blasii den Preis la, 3000 Mk., und Waffenfabrikant Flesser in Hof den Preis 1b, 2000 Mk. Der 2. Preis, nicht der 3., siel auf den Liebe­schen Apparat, der, wie uns mitgeteilt wird, von Mechaniker A. Bauer, beschäftigt bei der Firma Wilhelm Spörhase in Gießen, nach den Angaben des Schlachthof­direktors Liebe hergestellt wurde resp. hergestellt wird. Er führte auch den Apparat in Leipzig praktisch vor. Außer diesen Preisen wurden noch Geldprämien von je 500 Mk. und lobende Anerkennungen verteilt. Wie selbst bedeutende Fachleute bei der Preisbewerbung in Leipzig erklärten, kann als einziger für den Großbetrieb geeigneter Apparat nur der Liebe'sche angesehen werden, und es war wohl nur die große Preisdifferenz, die den beiden vorerwähnten Apparaten den 1. Preis verschaffte. Es dürfte unsere Leser interessieren, daß Direktor Liebe seinen Apparat noch einmal hier praktisch vorführen will, um ihn durch hiesige Fachleute und geeignete Persönlichkeiten auf feine Verwendbarkeit im Großbetrieb prüfen zu lassen. Die Bewerber stammten nicht nur aus Deutschland; auch das Ausland war zahlreich vertreten, so Holland, Belgien. Italien, Oesterreich-Ungarn, die Schweiz und England.

n. Wiescck, 22. März. Heute wurde hier der Grundstein zu einem Fabrikgebäude gelegt, dessen Besitzer Zigarren-

fabrifant G. Günther, Teilhaber der FirmaMeyer u. Günther", wird.

§ Vuhbach, 23. März. Unser Stadtvorstand hat nun­mehr die Erbauung eines neuen Spritzenhauses beschlossen. Es wird auf dem freien Platz hinter der Viehmarkthalle längs der Korngasse errichtet werden und kommt nach dem Voranschlag auf etwa 10000 Mark.

st. Butzbach, 23. März. In die hiesige Volksschule sind über 60 Abc-Schützen aufgenommen worden. Am 5. und 6. Juli findet hier ein größeres Turnfest statt, zu dem unser Turnverein bereits jetzt die Vorbereitungen zu treffen beginnt.

t. Altenstadt, 22. März. Ein Mühlknecht aus Klein- Karben war hier damit beschäftigt, Frucht auf den Wagen zu laden. Beim Ausladen des letzten Sackes geriet die an der Seite des Wagens angelehnte Treppe ins Rutschen, und der Knecht siel dabei mit solcher Wucht auf das Pflaster, daß er eine klaffende Kopfwunde davontrug.

w. Nidda, 22. März. Der Kriegerverein Nidda beging gestern Abend den 7 0. Geburtstag seines Präsidenten Bechtold durch eine Feier in derTraube", wobei nach kurzer Begrüßung durch Kamerad Walter Oberamtsrichter Nömheld Herrn Bechtold ob feiner Treue und Gewissen­haftigkeit feierte, ihm noch einen fröhlichen Lebensabend wünschte und namens des Kriegervereins ein großes Gruppen­bild des Vereins überreichte. Bechtold dankte gerührt. Noch mancher schöne Trinkspruch wurde ausgebracht. Bechtold ist auch Präsident des GesangvereinsSängerkranz" und wurde vor einigen Jahren mit dem Silbernen Kreuz des Verdienst­ordens Philipps des Großmütigen dekoriert.

i. Laubach, 23. März. Wie der Reichsanzeiger meldet, erhielt der Leutnant Georg Reinhard Graf zu Solms- Laubach im Garde-Jägerbataillon das Ritterkreuz des kaiserl. österreichischen Franz-Josefsordens und das Ritter­kreuz des königl. niederländischen Ordens von Oranien- Nassau. Eine betreffs Aenderung der Ferien­ordnung am hiesigen Gymnasium hier zirkulierte Petition an das Ministerium hat bis jetzt keinen Erfolg gehabt; jeden­falls war es eine Versäumnis, daß die Ellern auswärtiger Schüler nicht um ihre Unterschrift ersucht worden waren.

Tarrn stad t, 23. März. Wir brachten kürzlich die Mitteilung, daß bei demparlamentarischen Abend" ein Unbekannter im Ständehaus in das Zimmer, in welchem sich der Großh erzog befand, eingedrungen sei unter der falschen Angabe, er wäre ein Korrespondent derKöln. Zeitung". (Thatsächlich gab er an, er sei ein Vertreter derKöln. Volkszeitung".) Ter Eindringling ist jetzt, nach denN. Hess. Volksbl.", in der Person eines Wein reisenden aus Frankfurt a. M. ermittelt, der aus Neugierde nach Mitternacht das Ständehaus betrat. Wie er selbst erzählte, sei er dort wohl für einen Abgeord­neten gehalten und mit Sekt reguliert worden, was ihm gefallen habe. Als er dann von berufener Seite barsch befragt wurde, was er hier suche, habe er in der Ver­legenheit die falsche Angabe gemacht. Das Ganze entpuppt sich also nunmehr als der Streich eines stark angeheiterten Reiseonkels".

Bingen, 23. März. Ein vor der Stadt am Fuße des Rochusberges belegenes Pul v errn ag azi n der Firma Bretz und H u f hier, ist heute ftüh kurz nach 4 Uhr unter donner­ähnlichem Knall in die Luft geflogen. Der durch die Explosion verursachte Luftdruck war so gewaltig, daß in dem dem Schauplatz der Katastrophe zunächst gelegenen Stadtteil, besonders in der Mainzerstraße und dem Bahnhof, fast kein Fenster ganz geblieben ist; einige Häuser haben außerdem noch Schaden genommen. Ob auch Personen verletzt wurden, ist noch nicht bekannt. Der Gesamtschaden ist jedenfalls sehr beträchtlich. Die Detonation, die auf 3 Stunden im Umkreise wahrgenommen wurde, sowie das gleichzeitige Klirren der zertrümmerten Fensterscheiben versetzte die aus dem Schlafe aufgeschreckten Einwohner in nicht geringe Auf­regung. Ein altes Ehepaar, dessen Haus in der Nähe des Pulverhäuschens steht, wurde förmlich in den Betten mit Glasscherben überschüttet. Auch in einigen Häusern der inneren Stadt sind die Fensterscheiben zertrümmert worden. Die Explosion ist mutmaßlich auf eine böswillige Thai zurück- zuführen. Verluste an Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu beklagen. Bei der Untersuchung des zweiten Pulverhäuschens stellte es sich heraus, daß die Angeln der Thür von böswilliger Hand gelockert waren, und zwar durch Lockern der Schrauben, welche die Schaniere hallen.______________________

Vermischtes.

* Posen, 22. März. Heute Nachmittag haben drei Schüler des hiesigen Mariengymnasiums auf der in der Nähe bei Posen gelegenen Lonczmühle Selbstmord versucht, vermutlich wegen schlechter Zeugnisse. Zwei davon, namens Bandurski und Sikorski, fanden ihren Tod; der Dritte, Driwenski, ist leicht verletzt.

"Straßburg i. Els., 23. März. Von den bei dem Postdiebstahl abhanden gekommenen 34 000 Mark wurden gestern 20000 Mark in einem Briefkasten am Haufe des Postamts 1 vorgefunden. Der Dieb ist gestern Abend in der Person eines Postbeamten vom Postamt I fest ge­nommen worden. Der Mann ist geständig. Das Geld ist vollständig wieder zur Stelle gebracht.

Brüffcl, 23. März. Der Direktor im Kriegsministerium Generalmajor Hennequin hat sich erschossen. '11 ....................... III '

Arbeiterbewegung.

Toulon, 23. März. Ein Teil der städtischen Arbeiter ist wegen Lohndifferenzen in den Ausstand getreten. Die Aus­ständigen drohen, die Arbeitswilligen an oer Arbeit zu ver­hindern; es werden aus diesem Grunde Milllärposten ausgestellt werden.

TifliS, 23. März. Die amtliche ZeitungKawkas" teilt mit: Nachrichten aus Batum zufolge stellten die Arbeiter der Roth- schi ld'schen Werke am 17. März die Arbeit ein, ba ihre völlig ungesetzlichen Forderungen abgelehnt wurden. Die Werke sind nun­mehr geschlossen. Am 21. März versammelten sich 300 Arbeiter vor dem Polizeiamt und verlangten die Freilassung der am 20. März verhafteten Rädelsführer der Bewegung. Die Ver­sammelten kamen der Aufforderung der Polizei, auseinanderzu­gehen, nicht nach. Mehrere Personen wurden verhaftet. Am 22. März versuchte die Menge, die Verhafteten zu befreien und griff die am Gefängnis aufgestellte Kompagnie an. Die Leute schossen und warfen Steine auf die Soldaten, die in der Not» wel)r feuerten. Ein Soldat wurde verwundet, 30 Ruhestörer sind getötet.