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Nv. 249
Erscheint tSglich mit Ausnahme M Sonnt agS.
General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt fiit den Kreis Eiehen
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Die „6ief|eitet SamUknblätter“ werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „yesßsche Landwirt' erscheint monatlich einmal.
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Hafer von 7,50 Mk.) ist zurückgezogen.
Nach kurzen Ausführungen der Berichterstatter Mg. Speck
Parlamentarische Verhandlungen.
Hach druck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
gelbem Chrysanthemum.
Präsident Gras Ballestrem eröffnet die Sitzung mit folgenden Worten: Ich eröffne die 200. Sitzung. Die Herren Schriftführer haben aus Anlaß dieser Thatsache Gelegenheit genommen, den Präsidialsitz mit herrlichen Blumen zu schmücken, die trotz des Spätherbstes noch gediehen sind. Ich hoffe, daß dies eine gute Vorbedeutung sein wird. (Heiterkeit.) Möge der Spätherbst unserer Session noch schöne Blüthen und segensreiche Früchte zeitigen! (Erneute Heiterkeit.)
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Be- rathung des Zolltarif-Gesetzes beim § 1, Mindest- zolle für Getreide und Vieh, und zwar bei Position 3 und 4, Gerste und Hafer.
Die Regierung hatte für Gerste einen Mindestsatz von 8 Mk., für Hafer von 5 Mk. gefordert, während die Kommission beide Positionen auf 5, 5 0 M k. erhöht hat.
Mg. Dr. Heim (Centr.) beantragt für beide Positionen 6 Mk. Mindestzoll, während die Sozialdemokraten für beide Getreidearten Zollfreiheit beantragen.
Der Antrag Frhr. v. Wcmgcnherm (Mindestzoll für Gerste
(Bravo! rechts.) , . t
Der Herr Reichskanzler hat gestern betont, er fet dem Reichstag gegenüber stets zuvorkommend gewesen. In der Form gewiß! Mer in der Sache setzt er den Reichstag herab, wenn ihm nicht der gleiche Einfluß auf die Gestaltung der Gesetzgebung eingeräumt wird, wie der Regierung. (Sehr richtig! bei den Soz.) Nun meinte Graf Bülow, in der auswärtigen Politik muffe der Regierung die größere Autorität eingeräumt werden. Der Zolltarif habe Einfluß auf die internationalen Beziehungen. Nun, ich bin ein treuer Schüler des Fürsten Bismarck, der für die auswärtige Politik stets maßgebend bleiben wird, wie ja auch der Herr Mg. Richter oft anerkannt hat. Und Fürst Bismarck hat stets davor gewarnt, Politik und Wirthschaft mit einander zu vermischen. Man dürfe nicht politische Freundschaft durch wirth- schaftliche Geschenke erkaufen. Es scheint jetzt leider wieder eine Hinneigung zur Caprivischen Handelspolitik vorhanden zu sein. Nun, man weiß ja nicht, wie lang Graf Bülow Reichskanzler bleibt Die Prinzipien des Fürsten Bismarck werden ihn überdauern. Und ich wünschte, daß, welche Regierung wir auch immer haben werden, sie von der Bahn des Fürsten Bismarck mcht ab- weichen möge. (Beifall rechts.) ...
Mg. Dr. Müller-Meimngen (fretf. 83p.): Die Debatte über den Zolltarif bringt allerhand interessante Episoden. Es ist klar: Wir stehen im Zeichen des politischen Katzenjammers. (Sehr gut! links.) Das komische Intermezzo zwischen dem Bunde der Land- wirthe und den süddeutschen Bauernvereinen wird allmalig zu einer schauerlichen Ballade. (Heiterkeit.) Die Freundschaft war Anfangs groß, aber „bald gav's Spähne, bald gabs Throne, und die Freundschaft war bald aus". (Heiterkeit.) Wenn ich daran denke, wie das in der ersten Lesung war. Da war das Gentrum und der Bund so eins. Allen voran Herr Dr. Heun, zu dem das Centrum sagte: „Hannemann, geh' Du voran. Du hast die langen Stiefel an!" (Heiterkeit.) Mer in der zweiten Lesung, da war er mit einem Wasserstiefel und einem Wadenstrumpf angethan (Heiterkeit). Er warnte den Bund der Landwirthe, ihrer Neigung zur Agitation zu sehr zu fröhnen. Herr Dr Heun als Erzieher ist schon gut, aber Herr Dr. Heim als Erzieher zur Mäßigkeit, das ist vollends neu! (Heiterkeit.) Herr Dr. Heim hat es freilich nöthig. Sein Muth ist nicht mehr so groß, und ihm wird bang und bänger. (Mg. Dr. H e i m : Sie müssen s ja wissen!) Ja. ich muß es wissen, denn ich kenne Sie ja aus der Nähe von Baiern her! (Heiterkeit.) Sie haben es nothig. von der Angst Anderer zu reden, sich über Herrn Dr. Sattler auszuhalten! (Lachen des Abg. Dr. Heim.) Regen Sie sich nur mcht so auf! Es braucht ja nicht Jeder zu sehen, wie wuthend Mc sich ärgern. (Lärm und Heiterkeit. Abg. Dr. Heim ruft etwas Unverständliches. Vicepräsident Graf Stolberg bittet, den Redner
gilt das auch vom Gerstenpreis. Würtemberg exportirt auch Hafer, insbesondere nach der Schweiz, wohin die Ausfuhr im letzten -Jahre ca. 90 000 Doppelcentner im Werthe von rund 1 Million Mark betrug. 45 Prozent der Bevölkerung ernähren sich in Würtemberg vcm Ackerbau, und es handelt sich hier zumeist um kleine Bauern. Herr Haußmann fragt: Ja, was verkaufen denn diese Heinen Bauern? Ich möchte ihn nun umgekehrt fragen: Woher hätten denn diese Leute das Geld für ihre Abgaben und sonstigen Lasten, wenn sie nichts verkauften? Diese Bauern, die, wie gesagt, das ungeheure GroL unserer landwirthschaftlichen Bevölkerung ausmachen, gehören nicht zu der vorn Vorredner erwähnten Kategorie von Leuten, die fortwährend Feste feiern, sondern sic sichren ein sehr mühseliges und sparsames Leben. Eine mäßige Erhöhung des Zolles auf Hafer und Gerste würde für die Lebensfähigkeit des würtembergischen Bauernstandes von ganz eminenter Bedeutung sein. Tas hat die Majorität unseres Landtages durchaus anerkannt, und sechs Mitglieder der deutschen Volkspartei haben mit ihr gestimmt (Hört, hört!) und sind lebhaft für die Erhöhung dieses Zolles eingetreten. Der erste Fraktionsredner der Volkspartei, Herr Stockmeher, hat ausdrücklich, erklärt, die Einführung eines höheren Zolles sei zu begrüßen. Ein anderer Redner, Herr Wagner, hob hervor, daß der mittlere und kleine Landwirth einen Nutzen von den Getreidezöllen habe und daß auch die kleinen Handwerker und Geschäftsleute sich für Zollerhöhungen ausgesprochen hätten, weil sie glauben, daß, wenn es dem Bauer gut geht, cs auch ihm gut geht. (Hört, hört!) Ein dritter Redner hat betont, er erachte im Interesse der Landwirthschaft eine Erhöhung der Ge- treidezölle für geboten. Es handelt sich also nicht um eine von außen hineingetragene Agitation. Wir treten auch nicht im einseitigen Interesse des Großgrundbesitzers für eine Erhöhung der Zölle ein, sondern wir thun Das durchaus im Interesse des mittleren und kleinen Bauern im Süden. Was wäre die Folge, wenn die Zölle nicht erhöht würden? Eine immer weitere Ausdehnung des Karroffelbaues auf Kosten des Getreidebaues, eine immer größere Abhängigkeit vom Ausland, eine Verschlechterung der Lage des kleinen Bauern. Tas würde weder dem Interesse der Gesammtheit, noch dem des Bauern, noch dem des Industriearbeiters entsprechen. (Sehr richtig!) Die Perspektive, die sich durch eine Ablehnung dieser Zölle für unsere würtembergische Landwirthschaft eröffnen würde, wäre also eine außerordentlich trübe, und ich stimme deshalb vollständig denjenigen Mitgliedern der Volkspartei zu, welche sich für eine Erhöhung der Zölle ausgesprochen haben. (Zuruf links: Wie hoch?) Für eine bestimmte Höhe haben sie sich nicht ausgesprochen, weil diese Frage im Landtag aarnicht zur Debatte stand. WaS die Höhe anbelangt, so glaube ich, daß die Sätze der Regierungsvorlage von unseren Bauern — mindestens für den Hafer — als genügend erachtet werden. Ich habe noch keine gegenteilige Stimme gehört. Eine solche Erhöhung kann sich sehen lassen. Auch die Erhöhung des Zolles für Gerste nach der Regierungsvorlage ist acceptabel. Ich glaube, der Weg, auf den uns die Regierungsvorlage weist, ist ein gangbarer, und ich bitte Sie, nicht im Interesse des Großgrundbesitzes, den wir nicht haben, sondern im Interesse der kleinen Bauern für diese Zölle einzutreten. (Beifall.)
Bairischer Ministerialdirektor Geiger: Der Minister Riedel kann zu seinem Bedauern der heutigen Sitzung nicht beiwohnen. Seine Ansicht über die zur Verhandlung stehende Frage hat er dem Hause erst vor einigen Tagen klipp und klar mitgetheilt. Er hat sich für eine wesentliche Erhöhung des Gerstenzolls ausgesprochen, und zwar betrachtet er als eine wesentliche Erhöhung die des Regierungsentwurfs. Er steht also auf dem Boden der Vorlage der verbündeten Regierungen. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Verwendung inländischer Gerste zu der Verwendung ausländischer kann ich dahin beantworten, daß im königl. HofbräuhauS im vorigen Jahre 20 Prozent ausländischer und 80 Prozent inländischer Gerste verwandt wurden. In diesem Jahre wird das Verhältnitz annähernd das Gleiche bleiben. Von einem Verzicht auf die ausländische Gerste kann keine Rede sein, denn wir sind au8 technischen Gründen, namentlich für das Exportbier, darauf angewiesen.
Abg. Hilpert sbair. Bauernbund): Ich will nicht den Ausführungen des Regierungsvertreters widersprechen, daß in Baiern auch ausländische Gerste verwandt wird, aber nöthig ist das nicht, da unsere inländische Gerste ebenso gut ist. Um sie zu schützen, ist eine Erhöhung der Gerstenzölle nothwendig. In Baiern bleibt heute die beste Gerste in Folge des ausländischen Wettbewerbs unverkäuflich. Daß die Herren auf der Linken anderer Meinung sind, als wir, nehme ich ihnen nicht übel, aber wer die Landwirthschaft erhalten will, der muß mit uns für einen höheren Zollschuh eintreten. Leider hat der Antrag Heim keine Aussicht auf Annahme; wir werden, falls er abgelehnt wird, für den Kommissionsvorschlag stimmen.
Mg. Roesicke (Dessau, b. k. P.): Die Debatte hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß es sich bei den Zöllen um die Erreichung materieller Vortheile handelt. Die Herren nehmen, waS sie kriegen können. Die Anträge auf einen 7,50 Mk.-Zoll dienten nur agitatorischen Zwecken, und die Antragsteller sind ja erfreulicher Weise von ihren eigenen Parteifreunden im Stich gelassen worden. Nun hat die Regierung die Kommissionsbeschlüsse, die jetzt vom Hause genehmigt wordemsind, für unannehmbar erflärt. Trotzdem zieht sie die Vorlage nicht zurück. Es scheint, als ob wir weiter tagen sollen, bis irgend eine Verständigung unter den Mehrheitsparteien erzielt ist. Wo soll denn das hinsühren? Herr von Kar- dorss, als „gelehriger Schüler des Fürsten Bismarck", verlangte, wir sollen auf das Ausland überhaupt keine Rücksicht nehmen. Nun, ich glaube, Herr von Kardorff sollte mit dem Grafen Bülow ganz zuftieden sein. Sein Meister Fürst Bismarck hätte eine solche konservative Fronde, wie wir sie heute haben, nie geduldet, während Graf Bülow sie sich ruhig gefallen läßt. Herr von Kardorff hob die Solidarität der Landwirthschaft rühmend hervor, lieber diese Solidarität kann man aber sehr verschieden denken. Wenn man sich gegenseitig unterstützt, um die eigenen Interessen lediglich wahrzunehmen, so wird gerade die Gesammtheit von dieser „Solidarität" geschädigt. Das zeigt sich so recht bei der Frage des Gerstenzolls.
Der Gerstenzoll ist volkswirthschaftlich schädlich, und für die Landwirthschaft ist er überflüssig. Das ist sellist von einem Mitglied des Landwirthschastsraths anerkannt worden. Tie Land» wirthschast selber braucht ja die ausländische Gerste. Die Verwendung derselben zu Brauzwecken ist in den letzten Jahren sich gleich geblieben, während die zu Futterzwecken beständig in die Höhe gegangen ist. Die Landwirthschaft ist also ein immer größerer Konsument der ausländischen Gerste. (Hört, hört!) Jedes Ländchen sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Im Norden und Osten Roggen und Weizen, in Würtemberg Hafer, in Baiern soll das Geschäft in Gerste gemacht werden. (Unruhe. Zuruf: Machen Sie denn nicht auch Geschäfte?) Ja, aber nicht im Reichstage und nicht auf Kosten der Allgemeinheit. (Beifall links.) Für das Braugewerbe ist die mährische Gerste unentbehrlich. Tie Vortheile der Großbrauerei liegen darin, daß sie in der Lage ist, sich die Rohprodukte auszusuchen, wie sie sie braucht. Jede Zollerhöhung erschwert also gerade die Lage der mittleren und kleinen Brauer. Wollte ich die eigenen Interessen meiner Brauerei hier vertreten, so müßte ich eigentlich für den 7,50 Mk.-Zoll stimmen.
nicht zu unterbrechen.) Obendrein waren Ihre Redewendungen übet das Agitationsbedürfniß noch besonders komisch, da ja doch am Tage vorher Ihr Kollege Herold gerade deshalb Ihnen einen Denkzettel gegeben hat. (Hefterkeit.) Sie waren freilich nicht da, aber gehört werden Sie es schon haben, das ganze Haus hat es ja gehört, wie Herr Herold Ihnen den Text las . . . (Mg. Dr. Heim ruft: Schad'! mir nix!) Freilich, es giebt so abgebrühte Menschen, die sich aus garnichts was machen! (Bicepräf. Graf Stolberg bittet unter allgemeiner Heiterkeit, den Redner nicht zu unterbrechen. In dem allgemeinen Lärm unverständlich, wechselt Mg. Dr. Heim mit dem Redner noch mehrere Zurufe und Repliken, bis Vicepräs. Graf Stolberg die Zwiegespräche zu unterlassen ersucht.) Herr Dr.Heim will den Rückzug des Centrums maskiren. Daher sein Gerstenzollantrag. Er weiß es doch auch, daß man im ganzen Hause bereits davon munkelt, das Gentrum würde in der Frage der Viehzölle umfallen. Und daher hat er seinen Gerstenzollantrag als Kompensationsobjekt eingebracht. (Lachen im Gentrum.) Ja, daß Herr Dr. Heim selber umfällt, glaube ich ja auch nicht. Denn dann wäre er in Baiern ein todter Mann (Lachen des Mg. Dr. Heim), aber seine politischen Freunde, die bringen das schon fertig. Jetzt soll nun erst unsere eigentliche Arbeit beginnen. Wer soll denn das monatelang aushalten? Es muß ja eine vollständige Versumpfung des Reichstages eintreten, denn ein beschlußfähiges Haus wird ja doch nicht lange versammelt fein. Deshalb wäre es wirklich die gegebene Zeit, daß der Reichskanzler den Entwurf zurückzöge. (Lachen rechts und im Centrum.) Natürlich der arme Staatssekretär des Innern (Heiterkeit) muß wieder die ganze Sache aus- baden. Der Reichskanzler ist schon heute schleunigst wieder in den Wolken des Olymps verschwunden (Heiterkeit) und wird sich sicher sobald nicht mehr sehen lassen. Der preußische Landwirthschafts- minister wird sich durch allzu viel Arbeit auch nicht vor den Bauch stoßen lassen. (Große Heiterkeit.) Nur der Schahsekretär hat es, immer abgesehen von dem Grafen Posadowsky, stellenweise vielleicht nicht so ganz leicht. Wenn es an die Gemüse- und Obstzölle geht, bann wird er natürlich den Vorwurf des Agententhums für das Ausland genügend auszukosten haben. Für das Centrum gilt nur noch die Parole: Ach wie ist's möglich bann, daß ich schön umfallen kann? (Rufe: Aul im Centt.) Nach ben jetzigen Erklärungen bes Reichskanzlers muß es Ihnen boch klar sein, baß bas Umfallen nicht mehr auf Seiten ber Regierungen, sondern nur noch auf Ihrer Seite liegen kann. (Lachen im Centrum.) Auf welches Wunder warten Sie denn? Wer soll die Vorlage, die so gründlich in den Sunchf gezogen ist, herausholen? Nun hat aber Herr Herold wiederholt in den letzten Tagen geschworen, daß er nicht umfaßen wird. Was soll denn also noch die weitere Berathungr Zieht die Regierung die Vorlage nicht zurück, dann müssen wir unsere Gegengründe gegen die einzelnen Positionen ausführlich darlegen.
Die Doktorfrage, ob die Mindestzölle nicht überhaupt gegen denArt. 11 der Reichsverfassung verstoßen, will ich hier nicht erörtern. Ich gehe daher gleich zur Sache selbst über. Es ist ganz unmöglich, daß wir ohne Gersteneinfuhr auskommen können. Deutschland hatte im Jahre 1900 nur eine Gerstenproduktion von 29 und 1901 von 30,2 Millionen Doppel-Centnern. Selbst bei der allerbesten Gerstenernte würde sich in Deutschland ein Mangel von 8—10 Millionen Doppel-Centern geltend machen. Die Nothwendigkeit der Gersteneinfuhr ist also klar erwiesen, und sie ergiebt sich aus der großen Entwickelung unserer Brauereien und aus der erfreulichen Zunahme der Viehzucht. Dazu kommt, daß die österreichische Gerste eine frühere Mälzerei ermöglicht und einen größeren Stärke-, aber geringeren Proteingehalt hat als die bairische; es kommt ferner hinzu, daß die bairische Gerste weniger gleichmäßig in der Qualität ist. Die meisten Klagen über die angebliche Unverkäuflichkeit der heimischen Gerste kommen gerade aus solchen Gegenden, wo alle Augenblicke Feste gefeiert werden: Schützenfeste, Radfahrerbälle, Sackhüpfen, Weiberrennen (Heiterkeit), kurz, wo ein Leben herrscht, als ob das ganze Jahr über Karneval wäre. Wenn die Baiern wirklich ihre Gerste nicht los werden, so tragen sie selbst die Schuld daran, denn sie behandeln sie schlecht und lassen sie nicht ausreifen. Ein bairischer Amtshauptmann hat einmal direkt gesagt, man müßte die Bauern so lange einsperren, bis die Gerste reif sei (Heiterkeit), und bann erst die Thür aufmachen und sagen: Jetzt kummt raus und haut zu, was Ihr kunnt! (Heiterkeit.! Das Münchener Hof- bräuhaus braucht doch auch ausländische Gerste. Wollen Sie denn etwa behaupten, daß der bairische Finanzminister durch den Bezug dieser Gerste Staatsgelder verpraßt. Wenn er das thäte, dann würde ihm das berühmte bairische Streichquartett (Heiterkeit): Schädler, Pichler, Kohl und Gerstenberger, schön aufspielen. Im bairischen Landtage hat ja Herr Pichler schon jetzt darüber geklagt, daß der Export an bairischem Bier zurückgegangen sei. Wie würde es dann erst werden, wenn Sie den Gerstenzoll erhöhen? Dann würde das Ausland mit einem erhöhten Bierzoll antworten. Die Erhöhung des Gerstenzolles würde, da wir auf ausländische Gerste angewiesen sind, naturgemäß auch eine Vertheuerung des Bieres mit sich bringen, und diese Thatsache wiederum würde wieder eine Vergrößerung des Schnapskonsums zur Folge haben. Schnaps ist aber doch zweifellos voftsschädlicher als Bier. Auch der Bauer trinkt Bier. Durch den Gerstenzoll würde die Landwirthschaft allerdings 13'A Millionen Mehreinnahmen erzielen, aber sie würde 15 Millionen mehr für das Bier ausgeben. Sie würde also noch VA Millionen drauf zahlen. (Mg. Gerstenberger lacht laut auf.) Jetzt lacht Herr Gerstenberger. Denkt er denn gar nicht daran, daß diese Rechnung von dem bairischen Finanzminister aufgemacht ist? Und der ist doch der beste Bierkenner der ganzen Welt. (Heiterkeit.) Mer wir stimmen durchaus nicht einseitig im Interesse der Biertrinker gegen die Erhöhung des Gerstenzolls, sondern wir setzen an die erste Stelle das Interesse ber Landwirthschaft. (Lachen im Centrum.) Der Bauer braucht die Gerste zu Futterzwecken, das sagt sein Sprichwort: Ohne Gerschte keine Werschte! (Heiterkeit.) Das Futter macht das Vieh. Im Zolltarif läßt sich aber ein Unterschied zwischen Braugerste und Futtergerste nicht machen. Gerade aus ländlichen Kreisen haben wir eine Menge von Petitionen aus der Rheinprovinz, aus Hannover, Westfalen und anderen Gegenden gegen die Erhöhung des Gerstenzovs, und an einen Abschluß von Handelsverträgen mit Oesterreich und Rußland ist bei dem von Ihnen vorgeschlagenen Satze naturgemäß nicht zu denken. Sie haben ja Alles dem kleinen Landwirth vertheuert: die Sämereien, die Düngemittel, die Arbeitsgeräthe, die landwirthschaftlichen Maschinen, das Hemd und den Rock, und jetzt sollen auch noch die Futtermittel dazu kommen. Eine derartige Vertheuerungs- politik zum Schaden des deutschen Bauernstandes machen wir unter keinen Umständen mit, und deshalb stimmen wir gegen jebe Erhöhung der Futterzölle und gegen jede Vertheuerung des bäuerischen Haushaltes überhaupt. (Lebhafter Beifall links.)
Abg. Dr. Hieb er (nat.-lib.): Der Vorredner wird bei uns in Würtemberg kaum einen einzigen Landwirth finden, der nicht unmittelbar einen Vortheil für seinen wirthschastlichen Betrieb in der Erhöhung des Zolles erblickte. Das gut speziell vom Haserzcll. Die Haferfläche ist bei uns ungemein groß, sie ist fast ebenso groß, wie die Anbauftäche für Weizen, Roggen und Gerste zusammen. Es wird daher in Würtemberg besonders schwer empfunden, baß ber Preis für Hafer zurückgegangen ist, und in geringerem Umfange
Deutscher Reichstag.
200. Sitzung vom 22. Oktober.
12 Uhr. Das Haus ist gut besucht.
Arn Bundesrathstisch: Gras Posadowsky u. D.
Auf bem Tische des Präsidenten prangt zur Feier 200. Sitzung ein schöner Blumensttauß von gelben Dahlien
Donnerstag, 23. Oktober 1902
Gießener Anzeiger
Abg. Graf Schwerin erhält das Wort
Abg. Dr. Sübckum (Soz.): Der jetzige Zustand ist eigentlich _____ für die Journalisten erfreulich; sie brauchen sich nicht besonders anzusttengen, sondern können alle Artikel, die sic früher über den Grafen Taasse geschrieben Habeis, jetzt auf den Grafen Bülow zuschneiden. (Heiterkeit.) Die Regierung treibt die Politik des FortwurstclnS, sie legt anscheinend gar keinen Werth auf die Vorlage. Der Reichskanzler bekommt Ohrfeigen von rechts und links, aber er achtet nicht darauf, sondern redet sich ein, daß er sich deshalb auf ber mittleren Linie bewegt. (Heiterkeit.) Deutschland ist auf den Import von Gerste angewiesen, sowohl Die Brauereien als die Viehzüchter brauchen Gerste; em Zoll, wie ihn die Agrarier verlangen, würde den Ruin der deutschen Viehzucht bedeuten. Ganz besonders würden die Schichten dadurch geschädigt, die für den eigenen Gebrauch schlachten. Die Ernährung ber minber wohl- habcnden Klassen genügt schon jetzt nicht den Ansprüchen bet Physiologie. Durch die BrotvertheuerungS- und Zollpolitik wird eine chronische Unterernährung des Proletariats hervorgerufen. Das Interesse ber süddeutschen Gerstenbauern darf nicht im Vordergründe stehen, ihnen zu Liebe darf nicht das Volk geschädigt werden. Bedenken Sie, daß das Schwein die Sparkasse des armen Mannes ist, und daß derjenige, der hohe Futterzölle einführt, in diese Sparkasse hineingreift. Sowohl vom Standpunkte ber Viehhaltung aus, wie vom Standpunkt der Jndusttic aus ist der Gerstenzoll unbedingt zu beseitigen. (Zustimmung bei ben Soz.)
Abg. von Kardorff (Rp.): Aus ben Ausführungen des Vorredners entnehme ich das werthvolle Zugeständniß, daß ber ländliche Arbeiter besser ernährt ist, als ber stäbtische. Für gewöhnlich pflegt bas von ben Vertretern bes Industrialismus beftritten zu werden. Schon vor 50 Iahten hat diese Frage eine Rolle gespielt. Damals warf ein Vertreter ber rheinisch-westfälischen Industrie die Frage auf, wozu man denn überhaupt eine deutsche Landwirthschaft brauche. Damals antwortete ihm ein etwas derber Herr: «Aus bem einfachen Grunbe, weil Deutschland verloren wäre, wenn der Ersatz seiner Armee auf das skrophulöse Gesindel aus ben Industriestädten angewiesen sein sollte.' (Sehr gut! rechts.) Die Landwirthschaft hat mittlerweile ihre Interessen gut erkannt. Sie hat vor Allem unbedingte Solidarität gelernt. Deshalb treten die Agrarier aus dem Osten für ben Gersten- und Viehzoll, bie Bauern aus dem Westen für ben Weizcnzoll ein. Nicht Furcht vor der Agrardemagogic beherrscht bie Bauern, sondern das Gefühl ber Solidarität, bas hoffentlich nie wieder verloren geht.


