Ausgabe 
22.5.1902 Erstes Blatt
 
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4. Wahl eines Mitgliedes in den Hess. Landwirtschaftsrat an Stelle des Herrn v. Oven. 5. Verwilligung eines Beitrags ;ur Errichtung eines Maerker-Denkmals. 6. Verwilligung eines Beitrags an die Vereinigung deutscher Schweinezüchter. 7. Verwilligung von Zuschüssen in Form von Stipendien an 6 Teilnehmer einer Studienreise nach der Provinz Sachsen. 8. Geschäftliches.

** Stenotachygraphen-Tag. In Nürnberg fand Pfingsten der 6. Deutsche Stenotachygraphen-Tag in Verbindung mit dem Bayerischen Stenotachygraphen-Tag statt. Ter Kongreß war von über 200 Teilnehmern aus ganz Deutschland besucht. Der Vorsitzende teilt mit, daß das System der Stenotachygraphie 520 Vereine mit 16 600 Mitgliedern zählt; sie ist also die drittgrößte stenographische Schule Deutschlands. Das kleine Zehnpfenniglehrbuch der Stenotachygraphie ist bereits in mehr als 150000 Exem­plaren verbreitet. Der Vorstand wurde beauftragt, die Er­teilung unentgeltlichen brieflichen Unterrichts in der Steno^ tachygraphte in die Wege zu leiten. In der Systemfrage stellte sich der Kongreß auf den Standpunkt, daß auf dem Wege von Einigungsverhandlungen zwischen den bestehen­den Systemen die Herbeiführung der stenographischenSystem- einheit nicht zu erwarten sei. Als Vorsitzender wurde Parla­mentsstenograph Dah m s-Berlin einstimmig wieder- gewählt. Der nächste Kongreß wird Pfingsten 1905 in Halle a. S. stattfinden.

** Ueber d i e jugendlichen Arbeiter im Großherzogtum Hessen entnehmen wir dem Jahres­bericht der Großh. Gewerbeinspektion für 1901 folgendes: |2oe Gesamtzahl der Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen des Großherzogtums, in denen jugendliche Ar­beiter beschäftigt werden, beträgt 1694, gegen 1633 im Vor­jahre, oder 35 Proz. aller gewerblichen Anlagen. Davon entfallen auf die Aussichtsbezirke Darmstadt 356, Offenbach 509, Gießen 307, Mainz 238 und Worms 204 Betriebe. Die Zahl der beschäftigten jungen" Leute beiderlei Ge­schlechts zwischen 14 und 16 Jahren ist 6802, gegen 7035 im Vorjahre, das sind 8,1 Proz. aller beschäftigten Arbeiter. Davon entfallen auf die Aussichtsbezirke Darmstadt 1549, Offenbach 1938, Gießen 1140, Mainz 951, Worms 1164 jugendliche Arbeiter. Davon sind 4432 urännliche und 2370 weibliche Arbeiter. Kinder unter 14 Jahren, die nicht mehr zum Besuch der Schule verpflichtet sind, wurden 48 gegen 90 im Vorjahre beschäftigt, und zwar 36 Knaben unb 12 Mädchen. Die Ursachen des Rückganges in der Zahl der beschäftigten jugendlichen Arbeiter, trotz 'der Vermehrung der Zahl der Betriebe, sind in der schärferen Handhabung der gesetzlichen Bestimnrungen zu suchen, ferner in dem Umstand, daß den jungen Leuten sich sonstwo lohnenderer Verdienst darbietet, namentlich im Baugewerbe, und schließ­lich in dem ungünstigen Geschäftsgang des Berichtsjahres. Auch die neuerdings eingeführte Verlegung des Fortbild­ungsschulunterrichts auf die Nachmittags-, bezw. Borabend­stunden mag zu dem Rückgang bcigetragen haben. Eine Zunahme an jugendlichen Arbeitern ist nur in einzelnen Industriezweigen wahrzunehmen, so in der Posamenten- und Cigarren-Jndustrie des Bezirks Offenbach, im Bau­gewerbe, im Bekleidungsgewerbe und in der Textilindustrie des Bezirks Mainz. In der C i g a r r e n - I n d u st r i e des Bezirks Gießen ist es auffällig, daß die Zahl der Knaben abnimmt, während die Zahl der Mädchen z u n i m m t. Es hat dies darin seinen Grund, daß die weib­lichen Arbeitskräfte nicht nur billiger, sondern auch leichter zu unterweisen und zu lenken sind. Die Arbeitsbücher haben sich jetzt überall eingebürgert. In einigen Ziegeleien wurden unerlaubterweise rtoxfb schulpflichtige Kinder be­schäftigt. In Betrieben, in denen die erwachsenen Arbeiter kürzere als halbstündige Früh- und Spätpausen haben, liegt die Versuchung nur zu nahe, den jugendlichen Arbeitern die ihnen gesetzlich zustehenden halbfründigen Pausen zu kürzen und denen der erwachsenen Arbeiter anzupassen. Es wollen auch ost die jugendlichen Arbeiter selbst von einer besonderen längeren Pause nichts wissen. Ueber die Lohn­zahlungsbücher für minderjährige Arbeiter ist man all­gemein der Ansicht, daß sie ihren Zweck verfehlen und auch von den Arbeitgebern meist als sehr lästig empfunden werden. Vielfach unterblieb die Führung ganz. In sehr vielen Fällen werden die Lohnzahlungsbücher den Eltern oder gesetzlichen Vertretern derselben von den minder­jährigen Arbeitern gar nicht vorgezeigt und die Lohn­zahlungsbücher verbleiben bei der Arbeitsstelle. Es ist kein Fall bekannt geworden, in dem die Eltern das Buch von dem Arbeitgeber verlangt hätten. In den Ziegeleien wer­den vielfach jetzt weniger jugendliche Arbeiter eingestellt, da den dort beschäftigten Akkordarbeitern die durch den Bundesrat aus Grund des § 139 a der Gewerbeordnung einegführten Beschränkungen der Arbeitszeit dieser jugend­lichen Arbeiter hinderlich sind und dieselben deshalb mög­lichst nur mit erwachsenen Hilfspersonen arbeiten wollen.

** Weinbau und Weinernte im Großh. Hessen im Jahre 1901. Der Kreis Mainz hatte einen Ertrag von 28,115 Hektolitern im Werte von 951,511 M., Alzey 64,483 Hekto­liter im Werte von 1,389,703 M., Bingen 68,086 Hekto­liter im Werte von 1,856.655 2)L, Oppenheim 131,099 Hektoliter im Werte von 3,842,034 M., Worms 70,418 Hektoliter im Werte von 1,672,551. Die Provinz Rhein­hessen hat insgesamt 11,976 Hektar im Ertrage stehende und 1388 Hektar nicht im Ertrag stehende Weinberge. Die gesamte Hektoliterzahl betrug 362,213 mit einem Werte von 9,712,454 Mk. Die Provinz Starkenburg besitzt 613 Hektar und nicht im Ertrag stehende 108 Hektar mit einem Ertrage von 16,860 Hektoliter und einem Werte von 410,076 M. Die Provinz Ob er Hess en 10,7 Hektar und 8,9 Hektar, die letzteren nicht im Ertrag stehend, mit einem Ertrage von 100 Hektoliter int Werte von 6000 M.

** Die Zahl der Eiukorumensteuerpflichtigen und die Höhe 6er Einkommensteuer im Großh. Hessen betrug im Jahr 1901/02: In Ma inz bei einer Bevölkerung von 84,251 in der 2. Ab­teilung 24,179 und in der 1. Abteilung 4257 Einkommen- steuerpflichtige ; davon entfielen auf die 2. Abteilung 329,883 Mark und auf die 1. Abteilung 1,132,316 M. Einkommen­steuer, zusammen 1,462,199 M. Auf Worms (tnit Aus­schluß der Vororte Hochheim, Neuhausen und Piffligheim) bei einer Bevölkerung von 35,684 auf die 2. Abt. 10,015 und "auf die 1. Abt. 1234 Einkommensteuerpflichtige mit 118,673 Mark in der 2. Abt. und 399,510 M. Einkommensteuer in der 1. Abt. Auf Bingen bei 9600 Einwohnern auf die 2. Abt. 2250 und auf die 1. Abt. 596 Eintommensteucr- pflichtige mit 32,801 M. in der 2. Abt und 98,735 M. Ein- konunensteucr in der 1. Abt. Auf Kastel bei 8098 Ein- wohnern auf die 2. Abt. 1939 und auf die 1. Abt. 157 Ein­kommensteuerpflichtige mit 22,773 M. in der 2. Abt. und 122,891 M. Einkommensteuer in der 1. Abt. Auf Darm­

sta dt bei 72,381 Einwohnern auf die 2. Abt. 16,869 und auf die 1. Abt. 4323 Einkommensteuerpflichtige mit 337,507 Mark in der 2. Abt. und 1,019,055 M. Einkommensteuer in der 1. Abt. Auf Offenbach bei 50,463 Einwohnern auf die 2. Abt. 14,620 und auf die 1. Abt. 1647 Ein- kommcnsteuerpfltchtige mit 207,934 M. in der 2. Abt. und 560,549 M. Einkommensteuer in der 1. Abt. Auf Gießen bei 25,427 Einwohnern auf die 2. Abt. 5185 und auf die 1. Abt. 1407 Einkommensteuer-Pflichtige mit 73,625 M. in der 2. Abt. und 286,907 M. Einkommensteuer in der 1. Abt. Im Ganzen weisen die 7 Städte Hessens eine Bcvölkerungs- ziffer von 285,934 auf mit 75,057 Einkommensteuerpflichtigen der 2. und 13,621 der 1. Abt.; in der 2. Abt. beträgt die gesatnte Einkommcnsteäer 1,023,198 M. und in der 1. Abt. 3,619,963 M. In den höchsten Steuerklassen mit einem Einkommen von 101,000 bis 1,721,000 M. befinden sich in Mainz glückliche Steuerzahler 15, in Darmstadt 19. Offenbach 16, Worins 9, in Gießen 5 und in Kastel 5.

** Gewerkverein der deutschen Schuh­macher und Lederarbeiter.^ In Mainz trat die Generalversammlung des Gewerkvereins der deutschen Schuhmacher und Lederarbeiter zusammen. Anwesend waren Vertreter aus allen Teilen Deutschlands. Der Haupt­schriftführer L. Winter-Berlin erstattete den Geschäfts­bericht für die letzte dreijährige Verwaltungsperiode 1899/1901. Der Rechnungsabschluß weist eine Einnahme von 134 848.47 M!., eine Ausgabe von 123 613.57 Mk. und einen Vermögensbestand von 43 690.75 Mk. auf. Verausgabt wurden für Bildungszwecke und Fachunterricht 2357 Mk., Rechtsschutz 2599 Mr., Wanderunterstützung 4869 Mk., Um­zugsgelder 4243 Mk., Arbeitslosenunterstützung 24 699 Mk., Notlagcnunterstützung 2335 Mk., Agitation 2924 Mk. Tic Mitgliederzahl betrug 6315 in 135 Ortsvereinen. Im An­schluß an den Geschäftsbericht wurden nach längerer leb­hafter Besprechung folgende Resolutionen einstimmig angenommen:

1. Die in Mainz tagende Generalversammlung des Gewerkvereins der deutschen Schuhmacher und Leder­arbeiter spricht sich entschieden gegen die von der Reichstags-Zolltarifkommiision in erster Lesung angenom­mene siebenfach höhere Besteuerung des Que- brache Holzes und anderer ausländischer Gerbstoffe aus und erwartet mit Bestimmtheit, daß der Reichstag im Interesse der Tausenden in der Schuh- und Lederindustrie thätigen Arbeiter die Kommissions Be­schlüsse ablehnt, eventuell der Bundesrat die Genehmig­ung versagt. 2. Die Generalversammlung des mit über 6000 Mitgliedern über ganz Deutschland verbreiteten Ge­werkvereins der deutschen Schuhmacher und Lederarbeiter in Mainz verurteilt mit aller Entschiedenheit die von der Regierung und von den Agrariern darüber hinaus geplante Erhöhung der Getreidezölle, und er­wartet vom Reichstage, daß er diese, namentlich die Ar­beiterbevölkerung schwer bedrückende Steuer ablehnen wird. Weiter beschloß die Generalversammlung die Ein­führung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung für alle im Gewerkverein befindlichen Lohnarbeiter.

** Die Umtauschgebühr für Po st karten mit Antwort, die in den Händen des Publikums unbrauch­bar geworden sind, beträgt nach einer Entscheidung des Reichspoftamts 2 Pfg., da die Postkarten mit Antwort aus zwei besonderen, je mit dem Wertstempel versehenen Post­karten bestehen, Sie - nur zu einem bestimmten Zweck zu- sammenhängenS geliefert werden. Uebrigens ist es dem Käufer einer Postkarte mit Antwort, wenn er nur den ersten Teil verdorben hat, unbenommen, die Antwortkarte seinerseits zu benutzen und die Notwendigkeit des Um­tausches so zu vermeiden.

-n. Bisses, 21. Mai. Die hiesige Lehrerstellc wurde dem Schulamtskandidaten Bvückel aus Lich definitiv übertragen.

§ Glashütten, 21. Mai. Die hiesige Feld- und Wald- j a g d wurde gestern auf weitere 6 Jahre verpachtet. Meist­bietender blieb der Geh. Kommerzienrat Bud erus- Hirzen­hain mit 405 Mk. Pacht pr. Jahr. Eine Anzahl Herren aus Gießen und Frankfttrt war erschienen.

Klein-Felda, 21. Mai. Ein hiesiger Landwirt ist bei der Behörde vorstellig geworden um Vereinigung der beiden Orte Klein-Felda und Zeilbach zu einer politischen Gemeinde. Es sind nun die beiden in Betracht kommenden Bürgermeistereien vom Kreisamt Alsfeld zur Aeußerung darüber aufgefordert worden. Der Gemeinderat von Groß-Felda hat sich Sahin ausgesprochen, daß er gegen eine Loslösung Klein-Feldas nichts einzuwenSen hat, jedoch zu den eventuell entstehenden erheblichen Kosten keinen Beitrag leisten will, während der Gcmeinberat von Zeil­bach einstimmig die Einverleibung Klein-Feldas ab ge­lehnt hat. Demnach scheint aus der Sache nichts zu werden.

Vilbel, 20. Mai. Ter Gemeinderat sprach sich wegen des Elektrizitätswerks dahin aus, daß Ser Vertrag mit der betreffenden Gesellschaft nicht verlängert werden soll, da diese ihn nicht eingehalten habe. Es dürfte jedoch zunächst noch eine weitere Prüfung der Angelegenheit er­folgen, ehe eine endgiltige Entscheidung getroffen werden wird. Sollte ein Vertrag nicht geschlossen werden, so wirb derDarmst. Ztg." zufolge wohl der Frage der Errichtung einer Gasanstalt näher .getreten werden. Das vor etwa 3 Jahren begonnene, vom seitherigen Besitzer nicht voll­endete Ga st y a u s an d er K r e i s st r a ß e nach Frank­furt, das nahe dem Wald und der Kreisstraße nach Offen­bach günstig gelegen ist und mit dem zugehörigen Gelände zu einem Luftkurort bestimmt war, ist in den Besitz des Herrn L. A. Ger Häuser in Offenbach übergegangen, der es nunmehr ausbauen wird. TieDampfziegelwerke Wetter­au" (Gem. Massenheim), seither einer Gesellschaft m. b. H. gehörig, find von Herrn I. Peters jun. in Rieder-Erlen­bach käuflich erworben worSen.

Mainz, 20. Mai. Eine U e b e rr a s ch u n,g wurde einer Herrschaft zu Teil, als sie von ihrer Pfingstreise zwei Tage früher, wip beabsichtigt, zurüakehrte, und ihr Dienst- mädchen, dem die Obhut der Wohnung anvertraut war, irrt Salon mit mehreren Freundinnett und einigen strammen Infanteristen bei einer Maibowle in frohester Stimm­ung versammelt fand. Tie Verblüffung derGaste" bei dem unerwarteten Erscheineit des Hausherrn war so groß, daß sie sämtlich nach allen Richtungen auseinanderstoben. Ta sich herausstcllte, daß der zur Bowle verwendete Wein aus dem Keller der Herrschaft stammte, so mußte das! Mädchen bald ihrenGästen" auf die Straße folgen. Am Pfingstsonntage wurde vom Wiesenwärter Roth an der Insel Lattgcnau die Leiche des vor drei Wochen bei einer Segelfahrt ertrunkenen Studenten aus Darmstadt ge- l ä n d e t.

Worm§, 21. Mai. Die Wechselfälschungen, die der hiesige Kaufmann Adolf Sinsheimer sich zu schulden

kommen ließ, sollen den Betrag von 240000 Mk. er- reichen, wovon allein auf ein Frankfurter Haus 174 000 Mark entfallen. Ein Bureaugehilfe soll sich der Mithilfe beim Fälschen der Unterschrift schuldig gemacht haben. Tie Wechselsälschungen wurden Surch die Reichs bank entdeckt, indem diese die Bezogenen der Wechsel durch Einschreibebrief benachrichtigte. Dadurch mußte der Konkurs angemeldet werden, zumal durch Gläubiger versucht wurde, in den letzten Tagen von dem flüchtigen Sinsheimer Sicher­heiten zu erlangen. Das Konkursverfahren über das Vermögen der Firma S. wurde heute vormittag er­öffnet, die Lager versiegelt. Der Buchhalter Pollack! unS der Magazinier Jakob sind verhaftet worden.

S ch i e r st e i n, 20. Mai. In der Nacht zum zweiten Pfingstseiertage fanden einige hiesige junge Leute einen sinnlos Betrunkenen aus der Straße fliegen. In einer Regung von Mitleid und namentlich weil einer der jungen Leute in dem Betrunkenen seinen Verwandten erkannte, hoben sie ihn auf, und bemühten sich, ihn nach Hausei zu schassen. Während des Transportes stach der Betrunkene den einen und zwar seinen Vetter derart in den Unterleib,, daß die Eingeweide heraustraten; der andere Träger erhielt einen 15 Ctm. langen Stich in den Arm. Der Messerheld wurde alsbald in polizeilichen Gewahrsam gebracht, mußte aber die ganze stacht hindurch bewacht werden, weil er sich zu erhängen versuchte. Der Schwerverletzte, an dessen Aufkommen gezweifelt wird, ist der einzige Sohn und die Stütze seiner Mutter.

1£. Jahresversammlung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft.

(Originalbericht desGieß. Anz.")

II.

h. Gießen, 22. Mai.

Gestern von 91 Uhr fand die 3. Sitzung der deut­schen zoologischen Gesellschaft im anatomischen Hörsaal statt. Zuerst erstattete Geheimrat E. Schulze aus Berlin seinen Bericht als Generalredakteur desTierreichs", des großen allgemeinen systematischen Werkes, dessen Herausgabe die deutsche zoologische Gesellschaft unternommen hat und das nun die Berliner Akademie der Wissenschaften weiterführen wird. Hierauf wurde als Versammlungsort des nächsten Jahres in erster Linie Würzburg gewählt, wohin Prof. B ov eri als Direktor des dortigen Institutes die Gesellschaft eingeladen hatte. In zweiter Linie wurde dann einer Ein­ladung Prof. Bloch mann entsprechend Tübingen als Versanunlungsort bestimmt, falls sich für Würzburg gewisse Schwierigkeiten einstellen sollten.

Die übrige ganze Vormittagssitzung war entomologischen Vorträgen gewidmet. Der durch seine vorzüglichen morpho­logischen und biologischen Arbeiten über Ameisen und deren Gäste rühmlichst bekannte Pater E. Was mann (Luxem­burg) begann den Reigen mit einem VortrageDie Eon - vergenserscheinungen zwischen den Dosylinen- ® arten Afrikas und Südamerikas (mit Demonstra­tionen ausgewählter Typen der betr. Formen). Er brachte dabei eine Menge interessanter Mitteilungen von An­passungserscheinungen dieser Käfer an ihre Wirts­ameisen, wodurch es erfteren überhaupt erst möglich wurde, mit ihren Wirten zu leben, da diese gefähr-< liche Raubameisen sind. Die Anpassungen, wodurch die Käfer Schutz vor ihren Wirten finden, sind mannig­facher 2(rt; so ahmen eine Reihe derselben die Ameisen, mit denen sie zusammenleben, an Gestalt und Farbe nach, ändere nehmen dagegen einen sogenannten Trutztypus an. Wasmann zeigte nun ferner, wie sich in zwei ganz getrennten tiergeographischen Regionen in Afrika einerseits und ir Südamerika andrerseits Vertreter verschiedener systema­tischer Gruppen dieser Gastkäfer sich zu ganz ähnlichen, con- vergenten Anpassungsformen entwickelt haben.

Wasmann schloß gleich einen zweiten Vortrag an:Neue Bestätigungen der Lomechusa-Pseudogynen Theo­rie", bei dem es sich gleichfalls um eigenartige morphologisch­biologische Verhältnisse von Ameisen handelte.

Hierauf folgte ein Vortrag von Dr. von Buttel- Reepen (Jena) über:Die phylogenetische Ent­stehung des Bienenstaates", worin er nachzuweisen suchte, wie das hochorganisierte Staatenleben unserer Honig­biene von einfacherem sozialen Zusammenleben und schließlich von einzeln lebenden Formen der Gruppe der Bienen sich entwickelt habe.

Den Schluß der Morgensitzung bildeten die interessanten Mitteilungen von Prof. Vosseler (Stuttgart)Ueber An­passung und chemische Verteidigungsmittel bei vordafrikanischen Orthopteren", wobei es sich haupt­sächlich um Anpassungserscheinungen dieser Insekten, zu denen vor allem die Heuschrecken gehören, in Form und Farbe an ihre verschiedenen Aufenthaltsorte (Wüste, Oase re.) handelt.

In der Nachmittagssitzung brachte Prof. E. Ziegler (Jena) einen Vortrag überDie Mechanik der Zell­teilung" und Prof. Herze (Tübingen) teilte seine Unter­suchungenUeber die Retina des Gastropoden- auges" mit, wozu er nach der Sitzung seine sehr schönen mikroskopischen Präparats demonstrierte. Frl. Dr. Gräfin v. Linden (Bonn) beschloß dann die heutige Sitzung mit einer Mitteilung über eigenartige Sinneshaare, die sie bei verschiedenen Jnsektenpuppen gefunden hatte.

Um 3 Uhr fuhren die Teilnehmer der Versammlung nach Wetzlar, wo ein gemeinsamer Spaziergang auf die Garben­heimer Warte und durch die Stadt unternommen wurde, und landeten dann imHotel Herzogliches Haus", wohin sie als Gäste von Geh.-Rat Prof. Spengel und Prof. v. Wagner gebeten worden waren. Unter heiteren Reden und gemüt­licher Unterhaltung blieb man dort zusammen und kam erst gegen 12 Uhr per Bahn wieder in Gießen an.

Einnahme-Ausfall aus der Verlängerung der Gültig, keitsdauer der Rückfahrkarten.

In der neuesten Nummer derZeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen" wird in einer bemerkens-^ werten Berechnung über den Einnahmeaussall bei Einführ-. una des den Rückfahrkarten zu Grunde liegenden Emheits-. Preises, unter Hinweis auf die steigende Benutzung der Fahrkarten mit Fahrpreisermäßigung, der Annahme Aus^ druck gegeben, daß sich dieses Verhältnis infolge der Der- lungerten Giltigkeit der Rückfahrkarten noch ziemlich be- trächtlich steigern und damit eine S^e erreichen wird, bie