Ausgabe 
22.4.1902 Erstes Blatt
 
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einemder Verstand sofort drin stillsteht." Wer, was be­weisen Sie damit? Die 144649 ML 34 Pfg. Ausgaben Gießens für Volksschulzwecke zeigen doch eben nur, daß Gießens Lolksschulwesen ein ziemlich ausgedehntes ist (andere Städte Worms zahlen auf jeden Fall mehr), lins aber werden Sie doch dafür nicht verantwortlich machen wollen, das wäre unbillig, ja ungerecht. Gehalte und Wohnungsgeldzuschuß geben Sie ganz richtig an, wie es nack) Ihrer bewiesenen Sachkenntnis nicht anders zu erwarten war; Sie erzählen uns sogar, was uns selbst nicht geläufig war, wieviel Lehrpersonen sich in den einzelnen Gehalts­gruppen befinden. Wenn Sie aber bedenken, daß ein Lehrer erst mit 30 Tienstjahren in den Genuß des Höchstgehaltes kommt, also in einem Lebensalter, wo man bald an den Wschluß seiner Bücher denken muß; wenn Sie ferner be­denken, daß der Lehrer auch nach Einführung der Offenbach- Wormser diormen in einem Alter, da das Leben die meisten Anforderungen stellt, also vom 27. bis 40. Lebensjahre sich in den Gehaltsgrenzen (mit Wohnungsgeldzuschuß- von 2100 bis 2900 bewegen würde, so werden Sie wohl zugebcn, daß auch nach etwaiger Neuregulierung kein Lehrer von den Gehaltsbezügen allein zum reichen Atann würde. Gehen Sie doch einmal in eine Lehrerfamilie und sehen Sie, wie da gerechnet wird und werden muß. Wahrscheinlich sind Sie in der angenehmen Lage, mit anderen Ziffern rechnen zu können; denn wir vermuten in Ihnen einen Mann, den die Verhältnisse nicht zwingen, seine Kinder in die Volks­schule zu schicken, denn in diesen Kreisen finden wir im allgemeinen viel mehr Verständnis für unsere Lage als bei Ihnen, getreuer Eckhard! Wir empfehlen Ihnen aber auch zum vergleichenden Privatstudium die Gehaltssätze der­jenigen städtischen Beamten, denen wir nach unserer Vor­bildung etwa gleichstehen dürften. Dort finden Sie andere Anfangs- und Endgehälter; dort wird das Höch st gehalt nicht mit 30, sondern mit 20 Tienstjahren erreicht; dort finden Sie keine dreijährigen, sondern lauter einjährige Aufrückungsfristen, was thut das allein schon aus! Finden Sie diese Beamten nun überschwänglich hoch besoldet?Diese Beamten haben aber doch mehr Verant­wortung als ein Lehrer", hören wir Sie sagen. Wieso? Wird vielleicht von ihnen mehr verlangt als von uns, näm­lich Treue und Gewissenhaftigkeit im Amt? Und kennen Sie, g. E., eine höhere Verantwortung auf Erden, als die, Ihre Kinder zu tüchtigen Menschen heranzubilden? Wir Lehrer teilen uns mit dem Elternhaus in diese Verantwortung und nehmen sie sehr ernst. Wenn wir allerdings einmal soweit sind, daß alle Verantwortung mit der Elle gemessen unb nach dem Groschen abgeschätzt wird, dann ist es weit ge­kommen und schlimm, besonders für uns Lehrer, denn ziffernmäßig können wir unsere Verantwortung nicht nach­weisen, lund unsere Gewissenhaftigkeit im Amt kommt ja nur" den Kindern, sogarnur den Kindern der Minden- bemittelten" zu gute.

Wer beruhigen Sie sich, g. E., der Vergleich mit anderen Beamten schließt noch keine Forderung der Gleichstellung mit ihnen ein; in unserem Gesuche ist ja daher auch nur von Gleichstellung mit unseren Kollegen die Rede. Wer doch wollen wir noch betonen: Wenn Sie etwas beweisen wollten, hätten Sie beweisen müssen, daß es, ein Unding wäre, wollte

man einen Lehrer, der die Zeit bis zum 20. Jahre seines Lebens mit hohen pekuniären Opfern einzig und allein der Vorbereitung auf seinen Beruf gewidmet hat, auch nur an­nährend so bezahlen wie einen Beamten, der schon während seiner Ausbildung, manchmal schon vom 15. Jahre an, Be Zahlung erhalten hat.

Sie reiben arns ferner unseregenügend freie Zeit" unter die Nase. Glauben Sie nur, getr. E., unsere oberste Behörde läßt uns diese freie Zeit nur aus wohlerwogenen Gründen. Sie müssen nicht denken, daß, wer täglich acht Stunden aus dem Bureau oder Kontor thätig ist, auch im stände sei, bei den Ansorderungnen, die der heutige Unter­richt an Lehrer und Schüler stellt, auf die Dauer täglich ebenso lange in schlechter, verbrauchter Luft zu denken, zu beobachten, zu sprechen und der geistige Führer von 50, 60 und mehr Unmündigen zu sein. Um da urteilen zu können, müßten Sie den Unterricht selbst einmal kennen lernen mit all seinen täglichen und stündlichen, nervenzer­rüttenden Enttäuschungen, Aufregungen undVerbitterungen. Leider aber kennt die Welt die Sck)ulc nur im Sonntags­kleide von Festen und Prüfungen her; könnten die Eltern sehen, was hinter den Schulwänden oft an einem Tage, ja in einer Stunde an Lebensmut und Arbeitsfreude ge­knickt wird, wahrlich sie würden die Lehrer ihrer Kinder oft gerechter beurteilen, und wahrscheinlich auch Sie, getreuer Eckhard.

Noch ein Wort zu derwesentlichen Erhöhung des Ein­kommens durch private Unterrichtserteilung." Hören Sie: Keiner der hiesigen Lehrer erteilt wohl Privatunterricht zum bloßen Vertreib seiner vielen freien Zeit, sondern wohl aus anderenzwingenden Gründen", und das spricht eigentlich für unser Gesuch, denn der Staat ließ bei Normierung der Beamtengehälter den Grundsatz maßgebend sein, daß jeder Beamte so bezahlt werde, daß er nicht gezwungen ist, zur Ergänzung seines Einkommens noch Privatarbeiten zu übernehmen. Die Vergütung für den Förtbildungsunter- richt, den die Lehrer ja bekanntlich auf behördliche Anord- nuna hin zu erteilen haben, ermäßigt sich für die Einzel- stunoe ganz wesentlich, wenn Sie in Betracht ziehen, daß nicht wenig freie Zeit geopfert werden muß für Vorbereitung, Korrektur und Konferenzen. Und gar der Unterricht an der Kaufmännischen Fortbildungsschule, an dem 4 ganze Volksschullehrer beteiligt sind, wäre sicher nicht in Seren Hände gekommen, wenn andere geeignete Leute vorhanden wären, denen er so gar verlockend und einträglich erschiene. Doch über diewesentliche Erhöhung" der Lehrergehälter durchprivate Unterrichtserteilung" lassen Sie sich besser einmal von den wenigen direkt Beteiligten Aufichluß geben!

Zum Schluß aber, getreuer Eckhard, sagen auch wir Ihnen unfern verbindlichsten Dank für Ihre Wachsamkeit, dennzwei Seelen wohnen, ach! in unserer 93ruft", und auch wir sindSteuerzahler". Wir bitten Sie, unterstützt von Ihrer bewiesenen. Sachkenntnis in der nun einmal eingeschlagenen Richtung aucb für die Zukunft getreulich Ihres Amtes zu walten, aber nicht nur in Bezug auf die Lehrer; vielleicht giebt es einmal Gelegenheiten, bei denen es sich eher lohnt, Wache zu stehen, wie auch seither vielleicht schon Ihrer Thätigkeit manchmal ein weiteres Feld offen

gewesen sein dürfte . Und damit Gott besohlen, getreuer

Eckhard! '

Die Lehrer an den städt. Volksschulen zu Gießen.

MöihrMcht WerWdtt Todkssällk ia der Ltadt SikßkU.

14. Woche. Dom 6. bis 12. April 1902. Einwohnerzahl: angenommen zu 26 400 (inkl. 1600 Mann Militär). Sterblichkeusziffer: 22,08, nach Abzug von 5 Ortsfremden 12,O5°/ro.

Kinder

ES starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom

1. Lebensiahr: 2.15. Jahr

Scharlach Lungenschwindsucht

2

4 (2)

1

4 (2)

1

Lungenkatarrh

1

1

Nierenentzündung

1

1

Gehirnentzündung

2 (1)

2 (1)

V-

Krebs

1 (1)

1 (1)

6;ehirntuberkulose

1

1

Lebensschwäche

2 (2)

2 (2)

Schlagflutz

1 CD

1 (1)

**

Selbstmoro

1

1

Summa:

16 (7)

12 (5)

2 (2)

2

91 nm.: Die in

Klammern gesetzten Ziffern geben an,

wie viel

der Todessälle in der betreffenden Krankheit aid vo,r arrSwärtS nach

Gießen gebrachte Kranke fommen.

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

«ochste Temperatur am 20. bis 21. April 22,6° C.

üedrigste u 20. 21. 10,6" C.

April

Barometer aus 0° reduziert

t

der Lllft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

Windrichtung

Windstärke

Wetter

21.

2

751,4

19,0

6,9

42

NW.

4

Bew. Himmel

21.

9

750,4

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Klarer

22.

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748,1

7,9

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