Samstag SÄ. Februar 1008
15S Jahrgang
Drittes Blatt.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WWZ
V i KP zeigenteil: Hans Beck.
Nr. 45
Erscheint täglich außer Sonntags.
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Rotatwnsdruck u. Verlag der Brühl'schen Un werf.-Buch- u.Stein- drucke reilPietich Erben) Reiiafhon, Eroeditlon und Druckerei:
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GietzeiierAnzeiger
’'-F General-Anzeiger v
Kine ZlviverstLät in H'osen.
Ter Gedanke, in den deutschen Ostmarken eine Universität zu gründen, ist nicht neu. Wenn einmal eine allzu schroffe Herausforderung des Deutschtums durch die Polen, das nationale Gewissen schärft und, aus dem Schlafe emporfahrenü, der alte liebe Michel sich die Augen reibt, wenn er dann die Gefahr emporsteigen sieht, den mit Arbeit und Blut erkämpften Boden zu verlieren, dann wird auch „zur Hebung des geistigen Lebens" die Gründung von Hochschulen aller Arten vorgeschlagen, auch große Büchereien werden dann eingerichtet und Theater geschaffen. So fordert man jetzt eine landwirtschaftliche Schule für Bromberg und eine Universität für Posen.
Wie weit gerade der letzte und für die Zukunft entschieden bedeutungsvollste Plan, der Alma mater in der posenschen Provinzialhauptstadt eine neue Heimstätte zu gründen, schon gediehen ist, läßt sich allerdings noch kaum mit genügender Klaryeit erkennen. In der „Tägl. Rundsch." wird zlvar verkündet, daß der Gedanke vorläufig vollständig preisgegeben worden sei, doch ist man nach anderen Informationen noch immer mit der Absicht lebhaft beschäftigt, zunächst eine einzelne Fakultät, die philosophische, zu errichten, die gewissermaßen den Grundstock bilden soll für die Zukunft. Deshalb möchten wir die Bedenken, die einem Unternehmen solcher Art entgegenstehen, hervorheben. Es war zu Beginn der Regierung König Friedrich Wilhelms IV., als schon einmal die Begründung einer Universität in der Stadt Posen oder doch zunächst einer theologisch-philosophischen Fakultät gefordert wurde. Ties geschah im Provinziallandtag und es ist charakteristisch, daß die Vertreter dieses Planes nicht etwa der Oberpräsident war, sondern die extremsten polnischen Chauvinisten, die Poninski und Raczinski, die wohl auch, wie jetzt ihre Nachfolger im Reichstage, kaum eine Neigung fühlen, die „preußische Pest" in „ihrem" Vaterlanoe auszubreiten.
Aus den ersten Blick hat. ja die Gründung einer Universität in Posen etwas Bestechendes. Wird die Auswahl der Lehrkräfte sorgfältig betrieben, wird vielleicht im Hinblick auf den eigentlichen Zweck dafür gesorgt, daß national begeisterte, ihres Werbeberufes bewußte Männer auf den wissenschaftlichen Vorposten im Osten gestellt werden, so könnte man ja die Verstärkung unserer geistigen Truppen nur willkommen heißen. Aber wir haben es gar oft erlebt, daß nach dem ersten Anlauf die Kräfte erlahmten und daß man, statt bewußte Männer von germanisatori- fcher Kraft in den Osten zu senden, politisch gleichgiltitze Persönlichkeiten auswählte, die ihre Hauptaufgabe bann sahen, es mit niemandem zu verderben. Herren, die einen trefflichen Kommentar zu einem alten alexandrinischen Grammatiker zu schreiben wissen, mögen sehr würdig sein, aber sie sind doch für eine nationale Pionierarbeit nicht besonders tauglich. Die Polen haben denn auch ihrerseits als die Grundlage ihrer Werbepolitik nicht die Gelehrsamkeit gewählt, sondern eine wirtschaftliche Aktion, die in dem Erblühen der von ihnen begründeten Banken einen für uns nicht unbedenklichen Ausdruck findet. Wenn ein Posener Blatt dem deutschen Burschenmut ein Preislied singt, wenn es meint, daß das Beispiel der blondgelockten Jünglinge dem Deutschtum eine Bresche schlagen wird, so bezweifeln wir nicht, nur die Wirksamkeit der studentischen Gebräuche, der Farben und Bänder, des Salamanderreibens und der Mensur, in einem politischen Kampfe sondern wir bezweifeln auch, daß überhaupt nennenswerte Bruchteile deutscher Studenten ihren Auf
enthalt in Posen nehmen werden. Man kann ja mit Konvikten und Stipendien etwas thun, aber die Insassen von Kinvikten und die Inhaber von Stipendien und Freitischen sind im allgemeinen mehr geneigt, recht rasch zu Examen und Brod zu gelangen, als ihrem Jugendmut die Zügel schießen zu lasten. Und wer wird denn überhaupt nach Posen gehen. Die deutsche Jugend des Ostens hat es von jeher nach dem „Reich", nach dem Westen und dem Süden gezogen. Tie Frequenzzifser der östlichsten deutschen Univerfitäl, Königsberg, steht hinter Gießen ganz besonders zurück. Das Bedürfnis nach einer neuen Universität im Osten ist garuicht vorhanden, sonst wäre die Universität Königsberg besuchter. Wer aber in Ostdeutschland als eivis acabemiae einen leiblichen Wechsel zu verzehren hat, ber zieht bahin, wo Natur unb Kunst ihre Gaben streuen, oder wo die größte Zahl von Leuchten ber Wissenschaften vereinigt ist. Der ostdeutsche Mulus geht mit Vorliebe nach Berlin und Leipzig, allenfalls auch, um das Studentenleben in voller Ursprünglichkeit zu genießen, nach Jena oder Göttingen. Nach ber wenig lotfenben Warthestabt wirb er nur ungern gehen. Das -nun auch bramatisch so hoch gepriesene Alt-Heibelberg lockt ihn verwunderlicherweise weniger; ganz unb gar nicht aber locken kann bie triste, burch Festungsmauern eingezwängte Militär- stabt an ber Warthe. Wer sie kennt, ineibet sie! Es werben bie Polen fein, bie in Hellen Haufen nach Posen wanbern, bie dort in weit höherem Maße, als es jetzt in Berlin, Greifswalb unb Breslau der Fall ist, sich national zusammenschließen werden. Aus Schlesien, Westpreußen, Galizien werden die polnischen Brüder herbeiströmen, und was jüngst die „Alld. Blätter" schrieben, wird sich erfüllen: Die polnischen Studenten werden enge gesellschaftliche Beziehungen zur polnischen Bürgerschaft pflegen, die Universität wird ein Tummelplatz allpolnischer Verbrüderung werden. Wer wird da wohl noch zweifeln, daß es natürlich nur polnische Wirte und Quartierfrauen, polnische Schuster und Schneider usw. sind, die die polnischen Studenten in Nahrung setzen werden. Sie werden sich auch nicht lumpen lassen; ob Herr Kra- pulinski in Berlin nobel auftritt ober nicht, barunt schert sich kein Mensch; er braucht sich beshalb nicht in Schulben zu stürzen. In Posen aber wirb er sich bemühen, ben armen Schluckern von beutschen Kommilitonen zu zeigen, baß Polen noch nicht verloren ist: umsomehr, wenn biese, wie vorauszusehen, mit Glücksgütern nicht gesegnet sein werben.
Sehen bie Polen, wie Herr von Chrzanowsti versicherte, in ben beutschen Bestrebungen eine „preußische Pest", so soll man getrost bafür sorgen, baß bic polnische Jugend in die preußischen Pestlager hinübergeführt wird, ein wenig Ansteckung wird ihnen gar nicht schaden; aber man soll ihnen nicht noch ein eigenes Heim bauen, in dem sie von jeder Berührung mit dieser Seuche am leichtesten sich fern halten.
Aus Stadt und Aalld.
Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.
Gießen, 22. Februar 1902.
" Lesehalle-Verein. In ber vorgestern abend abgehaltenen ordentlichen Mitglied er-Versammlung des Lesehalle- Vereins erstattete der Vorsitzende Bericht über das letzte Geschäftsjahr. Im letzten Jahre konnte ein etwas größerer Be
trag als in den zwei früheren für Neuanschaffungen verwandt werden. Doch sind noch große Lücken in der Technologie, der Geschichte, überhaupt der populärwissenschaftlichen Lltteratur und der besseren Belletristik auszufüllen, was bei der Knappheit der vorhandenen Mittel nur sehr langsam geschehen kann. Auch für die bessere Ausstattung des Lesezimmers wurde Sorge getragen, wo eine Reihe Zeitschriften und Zeitungen neu aufgelegt wurden. Die Benutzung der Bibliothek ist wieder in erfreulicher Weise gestiegen. Bisher haben 3892 Personen Bücher entliehen. Von den AuSleihabenden werden Freitag und Samstag gewählt. Oft wurden 180 Bände an einem Abend ausgegeben und ebensoviel zurück- genommen. Es ist nötig gewesen, die Zeit der Ausleihe an beiden Abenden um eine Stunde zu verlängern. Es ist zu bewundern, daß unsere ausgezeichnete Bibliothekarin, die sich so sehr um das Aufblühen unserer Lesehalle verdient gemacht hat, bisher ohne fremde Hilfe diese große Arbeit bewältigen konnte. — Die Vorbereitungen für den Druck des Katalogs sind soweit gediehen, daß zu erwarten ist, daß er bis zum Beginn des Winters im Druck vorliegen wird. Zweifellos wird sich dann die Benutzung noch erheblich steigern und manche wertvolle Sachen — belletristische wie wissenschaftliche und praktische —, von deren Dasein das Publikum bisher keine Kenntnis hat, werden dann erst ihre Leser finden. — An Stelle des ausscheidenden Vorsitzenden, Prof. Wetz, wurde Prof. Haupt gewählt. Außerdem wurde beschlossen, den Lesesaal probeweise an den Sonntagen von 11 Uhr morgens bis 10 Uhr abends offen zu halten.
** Dem deutschen Lehrerverein gehören gegenwärtig insgesamt 84 922 Mitglieder an, welche sich auf 2552 BezirkS- verbände verteilen. Der preußische Lehrerverein umfaßt 54 231, der sächsische 9761, der badische 3667, der württem- bergische 3050, der hessische 2733 Mitglieder re.
** Nene Postwertzeichen. Das Reichspostamt teilt uns mit: Nach einem zwischen ber Reichspostverwaltung und ber kgl. württembergischen Postverwaltung abgeschlossenen UebereinEommen werben vom 1. April ab für das Reich s- po st gebiet unb für Württemberg gemeinsame Postwertzeichen mit ber Inschrift „Deutsches Reich" eingefühwt. Mit bem Verkaufe ber neuen Postwertzeichen wirb am 20. März begonnen werben, jedoch sind bie neuen Postwertzeichen nicht vor bem 1. April zur Frankierung gültig. Die zur Zeit im Reichspostgebiet umlausssähigen Postwertzeichen mit ber Inschrift „Reichsvost", und zwar bic letzte Ausgabe mit bem heraldischen Adler unb bic laufenbe Ausgabe mit ber Germania, werden mit Enbe März außer Kurs gesetzt; biese Marken bürfen baher nach bem 31. Mfärz nicht mehr zur Frankierung von Postsenbungen ober Telegrammen benutzt werben. Es empfiehlt sich, beim Einlaufe von Freimarken, Postkarten rc. auf bie bevorstehende Einführung neuer Postwertzeichen Rücksicht zu nehmen unb nicht zu große Markenbe stäube vorrätig zu halten. Unverwenbet gebliebene Mengen ber zur Zeit im Reichspostaebiet gültigen Wertzeichen können in ber Zeit vom 20. März vis Enbe Juni bei ben Reichspostanstalten unb ben württembergischen Postanstalten gegen neue Postwertzeichen umgetauscht werben; auch tauschen bie Reichspostanstalten in berselben Zeit unverwenbet gebliebene württem- bergische Postwertzeichen gegen neue gemeinsame Wertzeichen um. Eine Einlösung alter Postwertzeichen gegen bar ist dagegen ausgeschlossen.
** Gärtnerlehrlinge. Der Vorstand der Verbandsgruppe Hessen und Hessen-Nassau des Verbandes
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Von der Hochbahn. — 50mal dasselbe Ragout. — Berliner ,Hausdichter". — Die Männer des Erfolges. — Theure Pausen.
— Fontanes Gattin f-
Nun fährt sie, bie neue Hochbahn, allerbings noch mit Premieren-Preisen, aber bas wirb nicht lange bauern, benn die Berliner sind im großen unb ganzen wie ihr verehrter Oberbürgermeister: sie können warten! Die s elbstv er stäub - lichen Ausnahmen, die das allererste Billet haben mußten, fehlen natürlich nicht. Ihre Namen waren gebrückt zu lesen; es sind ein paar Rentiers gewesen. Ihr Ehrgeiz ist also befriebigt worden. Tie erhoffte Geräuschlosigkeit hat Übrigens bic neue „Elektrische" nicht. Sie rasselt mit einem ganz anständigen Lärm auf ben Schienenwegen dahin, unb wer bas Glück hat, recht nahe an diesen zu wohnen, der wird nach einer gewissen Zeit ganz nett abgehärtet sein und sich vor keinem Kanonenbonner mehr fürchten. Aber elegant unb schmuck sehen bie flinken Züge aus; rote Wagen für bic zweite, gelbe für die dritte Klasse, die Anfang unb Ende ber Mette hüben. Da bie Züge nur allemal eine Viertelmiuute an ben Stationen hatten, so muß sich bas Publikum an eine gewisse Beweglichkeit gewöhnen, bie in ber ersten Zeit zweifellos noch manches zu wünschen übrig läßt. Haben boch bequeme Leute mit ber Stabtbahu ihre Not — und die hält jedesmal eine volle Minute.
Vielleicht giebt das unseren Berliner Posseudichtern, die nicht gerade über Jdeensülle klagen können, Stoff unb Anregung zu etwas Neuem. Es thut nämlich not. Fünfzig Mal hat man jetzt im Metropol-Theater in ber Dehrenstraße eine Ausstattungsposse gegeben, bei ber man sich über nichts mehr wunbert, als daß es Publikum genug giebt, biesem triften Machwerk „Ne feine Nummer" zu einer so feinen Nummer zu verhelfen. Natürlich erschien bei bieser Jubiläumsaufführung auch der Dichter, der Haus-
bichter dieses Theaters, Herr Freunb, vor ber Rampe und bankte mit ernsthaften Bücklingen für all den Beifall, ben feine Anleihen bei älteren Possendichtern, Humoristen unb Witzblättern gefüllten. Innerlich wird er geschmunzelt haben. Diese Hausdichter, deren es an verschiedenen haupt- stäb tisch en Theatern mehrere giebt, haben bas bcneibens- werte Talent, bas allerdings auch meist ihr einziges ist, die Rosinen aus anderer Leute Kuchen zu klauben und mit Gemütsruhe als ihre eigenen zu betrachten. Selbst erfinben, eigene Pointen suchen, gilt als thörichter Luxus. Dazu kommt, baß die Schauspieler bieser Bühnen bie Pointen, wenn sie nicht sehr bewahrt sinb, verschlucken. Thomas, einst Berlins bester Komiker, heute eine alte, bemitleibenswerte Ruine, verschluckt sogar bie bewährten. Seine Sprache ist total unverstänblich geworben. Nur sein Spiel wirkt noch. Aber auch barin ist er derartig schablonenhaft, baß man ihn nicht zum zweiten Male sehen mag. Trotzbcm hat er allabenblich, zusammen mit dem widerlichen Possenreißer Bender, ber nie ein wirklicher Schauspieler gewesen ist, einen „Bombenerfolg", wie's in ben Zeitungen ausposaunt, von allen Litfaßsäulen ins Publikum geschrieen wirb. Aber ben Erfolg „machen" die Männer mit ben Schaufelhänben, für bie keine Handschuhnummer existiert, oben im Foyer- Rang, wo sie unter sicherer unb bewährter Leitung an allen ben Stellen mit ihrem „Beifall" einsetzen, wo das anzu- toärmenbe Publikum sich allzu ruhig verhält. Der Sinn für „gute Witze" ist eben gar zu bünit gesät bei den anspruchsvollen Berlinern. Einen bieser Claqueure habe ich unlängst mit besonberem Vergnügen beobachtet. Offenbar langweilte ihn bie 50. Wiederholung des Stuckes, bessen Premiere er, wie allen weiteren Ausführungen, beigewohnt haben mochte. Er stanb konsequent mit dem Rücken nach ber Bühne, um ben alten Unsinn nicht mehr sehen zu müssen. lAbcr an allen vermerkten Stellen that er seine Pflicht unb klatschte, baß bie Wände bebten und dem Hausdichtcr das Gewissen, notabene, wenn Hausbich ter eins haben! Im Foyer dieses Theaters giebt sich die Lebewelt häusig Rendezvous. Kokette Damen schwirren hier umher und werfen Blicke, daß es
ordentlich knistert vor Feuer. Unb wer ein leichtentzündliches Herz unb ein überflüssiges Zwanzigmarkstück hat, kann die kurze Theaterpause schnell bamit ausfüllen, solch einer immer burftigen Schönen Sekt zu krebenzen. Die Flasche kostet 18 Mark unb ben Rest läßt man der Buffetdame als Trinkgelb. Der sparsame Leser wird denken: so dumme Kerle giebt's ja gar nicht! Er mag sich beruhigen. Die junge Dame am Sekttisch machte fein schlechtes Geschäft in den Zwischenakten der 50. Ausführung! So spielt sich das Leben ab in Berlins schönstem Theaterbau. Es ist ein wirklicher Jammer, daß dieser vornehme unb babei intime Barockbau berartig entwürbigt wirb. Aber wer will's änbern? Das Konsortium schreit nach seiner Divibende. Unb „Kunst" bringt nicht genügenb ein!
„Der Egoismus, ber alte Bube, geht um mit Gebrüll", wie Theodor Fontane einmal gesagt hat, als er feiner Frau „Tüll zu Gardinen für seine Stube" als Geburtstagspräsent überreichte. Sie wirb in biefen nebligen Februartagen zu ihm gebettet werben, ben man vor vier Jahren an einem ber von ihm so geliebten Spätherbsttage auf bem französischen Kirchhof in ber Liesenstraße bie letzte Stätte bereitete. 77 Jahre ist bie treue unb tapfere Gefährtin bes Meisters geworden, der er vor mehr als breißia Jahren schon geschrieben: „Ja, ja, Geliebte, man wird alt — Trotz Filz unb Wolle hat man falt — Ach Sohlen und an Füßen!" Unb es war ein rechter Doriienweg, wie er Dichtern so oft beschieben, ben sie mit ihm gewandert ist. Als Witwe bezog sie vorn preußischen Staat ein Ehrengehalt von 3000 Mark. So war ihr Lebensabend vor materiellen Sorgen geschützt. Schate, daß man mit bieser Ehrung erst bes Dichters Witwe bebacht bat, bie sich übrigens testamentarisch revanchiert, indem sie den litterarischen Nachlaß ihres Gatten bem märkischen Museum zuweist. Sie war eine seltene Frau. Fontane hat sie sehr lieb gehabt. Unb les amis de tes amis font mes amis.


