welche prekäre Sage namentlich die kleineren Bundesstaaten durch dieses Wechselverhältnis kommen, sieht man an dem Großherzogtum Hessen, zumal dieses Land sein Finanz- gebahren auf die schwankenden Erträgnisse der .Eisenbahn- gemeinschaft mit Preußen eingerichtet hat. Für das Großherzogtum ist ein ungedeckter Matrikularbeitrag von beinahe einer halben Million vorgesehen, und da gleichzeitig die Eisenbahnerträgnisse einen nicht unerheblichen Rückgang erfahren haben, so wirken beide Umstände, Verminderung der Eisenbahn reute und der Ueberweisungen von dem Reich, auf das hessische Budget um einen Betrag von 1,2 Millionen Mark verschlechternd. Hästttü pnchit die rein hessischen Einnahmen fast sämtlich erhöhte Beträge gebracht, so würde das neue hessische Budget von 1902/03 ein Defizit von 3,4 Millionen Mark aufweisen, da schon das laufende Budget mit einem nur aus Bermögensüberschüssen früherer Jahre zu deckenden Fehlbetrag von 2,2 Millionen abschloß. Befärrden sich nicht in der Hauptstaatskasse noch aus früheren Jahren Vernrögensüberschüsse, so wäre der hessische Staat entweder auf Schuldenmachen oder auf eine erhebliche Steuererhöhung angewiesen. Dan kdieser Ueberschüsse braucht nur ein Teil des Defizits durch höhere Zuschläge zur Vermögenssteuer gedeckt zu werden.
Beim hessischen Staat kumulieren sich also die Schwierigkeiten, weil er einerseits durch höhere Matrikularbeiträge belastet wird und andererseits die Staatseinnahmen durch den Rückgang der Eisenbahnerträgnisse, die in einem Jahr ungefähr eine Million hinter dem Etatsatz zurückgeblieben find, beeinflußt werden.
Wären Bismarcks Reformpläne auf finanzpolitischem Gebiete nicht auf so heftigen Widerstand gestoßen und wäre in erster Linie sein größtes und unendlich große finanzielle Perspektiven bietendes Finanzprojekt, das Tabaksmonopol, seiner Zeit nicht gescheitert, so wäre dem deutschen Reich! eine Finanzguelle von unerreichter Ergiebigkeit, die zudem Lei unserer rapiden Bevölkerungszunahme ständig steigende Reinerträge zu liefern versprach, eröffnet worden.
Fortsetzung folgt.
Aus Stadt und Kand.
(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nnr unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.)
Gießen, 22. Januar 1902.
**HessischeLandeslotterie. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, so wird uns aus Kollekteurkreisen geschrieben, daß diesmal der Absatz von Loosen zur 'Landeslotterie gerade unmittelbar vor der Schluß- Nasse, deren Ziehung am Freitag den 24. d. M. beginnt, ungewöhnlich gut ist. Die Gewinndotierung dieser Klasse ist allerdings auch besonders reichlich Kommen doch in ihr, abgesehen von den bekannten möglichen Hauptgewinnen von 700000, 600 000 und 500 000 Mark dann, wenn es nicht zum Zuschlag der Prämien auf die höchsten Gewinne fontnti, Gewinne von 300 000, 200 000, 100 000, siebenmal 50 000, sechsmal 40 000, 30 000, 20 000, zweimal 15000, zehnmal 10000 usw., zusammen soviel Gewinne »ur Ausspielung, daß demgegenüber die Gewinn aus sichten der Vortlassen ganz bedeutend zurücktreten. Das allein aber erklärt den jetzt in erheblichem Umfange bemerkbaren Ankauf der Lose mit der in diesem Falle erforderlichen Nachzahlung der Vorklasfen nicht genügend. Vielmehr beruht aller Wahrscheinlichkeit nach diese That- sache auch auf der Vorliebe des Publikums für eine rasche Entscheidung. In der That hat das einen besonderen Reiz, sonst würde der Absatz von Gelegenheitslosen, die nstcht entfernt die Gewinnaussichten der Landeslotterie bieten, überhaupt nicht möglich sein. Wer in einer solchen bei dem dort üblichen Gewinnverhältnis von oft nur 20 zu 1 drei Mark Einsatz daran wendet, handelt, falls ihm entsprechend größere Mittel zur Verfügung stehen, durchaus rationell, wenn er für den Erwerb eines Achtelloses zur SchlußNasse der Landeslotterie 21 Mark ausgiebt. 'Immerhin sollte man die erwähnte Thatsache nicht un- beachtet lassen und erwägen, ob es nicht ratsamer ist, die Landeslotterie fernerhin in nicht so lang ausgedehntem Zeitraum abzuspielen.
** Kronb au er'scher Quartettverein. Als am 7. Dezember der Verein sein 25sähriges Jubelfest feierte, wozu er seine vielen Freunde rn althergebrachter Weise eingeladen hatte, durfte mit Recht der Redner des Abends darauf Hinweisen, daß der schönste Lorbeer, den sich das Quartett in der langen Reihe von Jahren erworben, ter sei, stets da mitgewirkt und seine Dienste bereitwilligst zur Verfügung gestellt zu haben, wo es galt, Wohlthätig- keit zu üben. Wie wir von unterrichteter Seite heute hören, folgt das Quartett auch in diesem Jahre wiederum der Anregung der städtischen Verwaltung und veranstaltet ein Wohlrhätigkeits-Konzert am Samstag, den 2. Februar abends 5 Uhr im großen Saale des Gesellschafts-Vereins, dessen Reinertrag den weitaus größten Teil der Kosten decken soll, die durch Verabreichung warmen Frühstücks cm bedürftige Schulkinder entstehen, eine Einrichtung, die sich außerordentlich segensreich bewährt hat. Es steht zu hoffen, daß neben dem Bewußtsein an einer edlen That mitgewirkt zu haben, die Herren des Quartetts auch darin ihren Lohn finden werden, daß sie wiederum einen recht hohen Betrag dem genannten Fonds zuführen können.
** Alldeutscher Verb and — Ortsgruppe Gießen. Am Montagabend fand die ordentliche Jahreshauptversammlung der hiesigen Ortsgruppe statt. Der erste Vorsitzende gab in feinem Jahresbericht einen Ueber- blick über die Gesamtthättgkeit der Ortsgruppe im Jahre 1901. Daraus ging hervor, daß von der Gruppe zwei große öffentliche Volksversammlungen (die beiden Burenversamm- hmgen in Steins Garten), außerdem drei Vorträge, vier gesellige Vereinigungen und elf Vorstandssitzungen abge- hatten wurden. Der gesamte Kassenumsatz betrug 3 482.29 Mark. Von diesem Betrage wurden als außerordentliche Leistungen an die Burensammlung des alldeutschen Verbandes und die Burenzentrale in München 979.74 Mk., an •ten Betriebs- und Werbefchatz des alldeutschen Verbandes, der sich aus freiwilligen Beiträgen opferwilliger Mitglieder zusammensetzt, 105 Mark abgeliesert. Die Mitgliederzahl Lat sich um ein Drittel vermehrt. Nach dem Bericht wurde der Gesamtvorstand (Oberlehrer Altendorf, erster Vorsitzender, Fabrikant Adolf Noll, zweiter Vorsitzender, Gerichtsassessor L Prosch, erster Schriftführer, Lehrer Kling, zweiter Schriftführer, Hof- und Universitätsbuch- händler Aug. Frees, Kassenwart, Prof. Tr. Er. Jung, Fabrikant Ad. Bind ew ald und Geometer 1. Kl. Lin den- st r u t h, Beisitzer) einstimmig wiedergewählt. Ferner wurde beschlossen, künftighin zu allen Vorstandssitzungen auch die Vertreter der vier studentischen Korporationen, die der Ortsgruppe angehören, der beiden Burschenschaften, der Verbindung Chattia und des Vereins deutscher Studenten als Beisitzer hmzuzuziehen. Zum Schluß entspann sich eine leb
hafte Aussprache, in der über den Arbeitsplan für den Rest des Winters beraten wurde.
** Evangelischer Arbeiterverein Gießen. Der hiesige Ev. Arbeiterverein hielt am letzten Sonntag seine gut besuchte ordentliche Hauptversammlung ab. Aus dem von dem Vorsitzenden Pfarrer Dr. G r c i n erstatteten Jahresberichte sei folgendes hervorgehoben. Die Zahl der Mitglieder beträgt augenblicklich 314, die Einnahmen beliefen sich auf ca. 1700, die Ausgaben auf 1100 Mk. Die Sterbekasse des Vereins befinde sich in so erfreulichem Wachstum, daß demnächst an eine Erhöhung der Rente gedacht werden könne. Die Kohlenkasse hat sich auf dem Prinzip des Vorausbezahlens neu konstituiert. Die Unterstützungskasse in Fällen augenblicklicher Not hat selten, dann aber, ihrem immerhin noch bescheidenen Bestand entsprechend, kräftig geholfen. Der Gemischte Chor — aus 31 Mitgliedern bestehend — hat sich innerhalb des Vereins zur selbständigen Abteilung zusammengeschlossen und auf den allgem. Festlichkeiten des Vereins sowie in besonders veranstalteten Feiern unter der Leitung des Herrn Grüninger schöne Erfolge erzielt. Die Bau genossen schäft, die bis jetzt 32 H äu sch en errichtet hat, konnte neues Gelände ankaufen und wird demnächst mit weiteren Bauten beginnen. Die Gründung einer stehenden Sanitätskolonne ist, nachdem bereits ein Sanitätskursus durch Stabsarzt Dr. Schade abgehalten worden ist, im Anschluß an das „Rote Kreuz" in feste Aussicht genommen. Vorträge wurden im Laufe des Jahres 6 gehalten und zwar über allgemein belehrende z. T. soziale Themate; an jeden Vortrag schloß sich eine allgemeine Diskussion. Einen neuen Weg beschritt der Verein hurch Abhaltung zweier Volkskonzerte, ein Kammermusik- und ein Symphoniekonzert, ermöglicht durch die uneigennützige Mitwirkung und Opferwilligkeit hiesiger und auswättiger Herren. Die Konzette waren bei einem Eintrittsgeld von 20 Pfg. pro Person von 700 und 900 Personen besucht. An Festlichkeiten wurden veranstaltet: Kaisergebuttstagsfeier, Stiftungsfest, Weihnachtsfeier, sowie ein Sommerausflug. Der „Hessisch-Nassauische V o l ks b ot e", das Organ des Verbandes der mittelrheinischen Arbeitervereine, ist obligatorisch eingefühtt und bringt jedem Mitglied wöchentlich alles Wissenswette über hiesige und auswärtige Arbeiter-Vereinsangelegenheiten, in seinem Hauptteil behandelt es die den Arbeiterstand bewegenden Fragen. Der Vorstand, bestehend aus 15 Mitgliedern, hat in einer großen Anzahl Sitzungen die Geschäfte des Vereins geführt. Daneben hatten die einzelnen Zweige der Wohlfahttsbestrebungen ihre besonderen Kommissionssitzungen. — Nach Erstattung des Jahresberichtes fand durch den Rechner, Werkführer Schufst, Rechnungsablage statt. Seit Gründung des Vereins besorgt S. diese Geschäfte mit großer Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit; ihm wurde unter dem Ausdruck des Dankes Entlastung erteilt. Bei den nun folgenden Wahlen wurde der seitherige 1. Vorsitzende, Pfarrer Dr. Grein, durch Akklamation wiedergewählt; auch die seithettgen Vorstandsmttglieder, die auszuscheiden hatten und wiedergewählt wurden, nahmen die Wiederwahl an; nur Herr Kaufmann Wolff hatte gebeten, von seiner Person absehen zu wollen, so trat an seine Stelle Lackierer Phil. Wagner. — Ein Antrag bett. Wahlen zum Gewerbegettcht wurde für diesmal vettagt. — Endlich beschloß die Versammlung, daß das Fest des mittelrheinischen Verbandes evangelicher Arbeitervereine in diesem Jahre in Gießen abgehalten werden soll. Mit diesem Verbandsfeste wird zugleich die Fahnenweihe des hiesigen Arbeitervereines verbunden sein. Der Fahnenfonds hat eine solche Höhe erreicht, daß demnächst der Anschaffung der Fahne näher getreten wird. Der ev. Arbeiterverein ist nunmehr in das 10. Vereinsjahr eingetreten.
ö. Ausbem Nidderthale, 20. Jan. Die überaus milde Witterung der letzten Wochen hat hier in günstig gelegenen Gärten sogar Pensees bereits zu neuem Leben erweckt. Die niedlichen Pflänzchen besitzen teils schon offene Blüten, teils zahlreiche Knospen, die dem Aufbrechen nahe sind.
Vermischtes.
* Flensburg, 20. Jan. Der Bahnmeisteraspirant Steinhauer wurde bei Wogens mit dem Bahndreirad vom Zuge erfaßt und getötet.
* Leipzig, 20. Jan. Der 31 jähr. Arzt Dr. Wilhelm Kleinschmidt, Inhaber einer Prioatklinik in Chemnitz, erschoß sich gestern nachmittag im Rosenthal. Das Motiv der That ist Schwermuth.
* Pforzheim, 18. Jan. Gestern Nacht wurde der in ber Bleichsttaße wohnhafte verheiratete Kaufmann und Agent Gleit wegen Unterschlagung von Mündelgeldern von der hiesigen Schutzmannschaft verhaftet und in das Amtsgefängnis verbracht. Um halb Uhr erfolgte die Verhaftung und um 12 Uhr heute Nacht fand man ihn tot in seiner Zelle liegen. Allem Anschein hat Glett sofott nach oder kurz vor seiner Verhaftung Gift genommen. Die Familie Glett wird hier allgemein bedauert.
* Eine Geschichte, unglaublich, aber doch wahr, wird gegenwättig in Bayern viel besprochen. Die Gemeinde Neukirch bei Schwandorf in Bayern hatte einen ca. 20 jährigen Idioten auf Gemeindekosten zu ernähren. Der arme Mensch, Max Graf mit Namen, war im dortigen Armen- hause in einem gepflasterten Gemache untergebracht. Sein Lager bestand in einem Haufen vermodertem Stroh, daß direkt auf dem Pflaster lag. Die Kost erhielt Graf abwechselnd bei den Gemeindemitgliedern, im Krankheitsfälle sollte sie ihm gebracht, werden. Doch dies geschah nicht und der arme Tropf ist nun thatsächlich verhungert. Kurz vor seinem Tode erinnerte man sich seiner, aber man fand ihn sterbend auf seinem Miste liegen. Die angewandten Mittel kamen nun zu spät. Die gerichtliche Untersuchung stellte fest, daß der arme Mansch schon 14 Tage ohne Nahrung war. In seinen Gedärmen fanden sich Kleiderfetzen, Stroh und von Hühnerfutter herrührende ungekochte Weizenkörner. Selbst die Aermel an seinen: Rocke hatte er bis zu den Ellenbogen aufgezehrt. Die Sache ist zur Anzeige gebracht.
Universitäts-Nachrichten.
. — Der in Berlin verstorbene Pros. Dr. Paul Scheffer- Bolchorst, der hervorragende Geschichtsforscher hatte noch nicht das o9. Lebensiahr erreicht; er wurde am 25. Mai 1843 zu Elber- feld geboren 1866 promovierte er in Leipzig, 1875 kam er zu uns lS aubcrorbcn^^er Broie"^ nach Gießen, sch-n in Jabre ba^
rauf aber wurde er Ordinarius in Straßburg, und feit 1890 wirkte er an der Universität Berlin. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich dort als Direktor des histottschen Seminars. Wissenschafllich hat der nun Verstorbene als scharf kritischer, exakter Quellenforscher auf dem Gebiete mittelalterlicher Geschichte Bedeutendes geleistet. Lebhaft beschäftigte ihn die Frage nach der Echthett histottscher Darstellungen des Mittelalters. Ihm glückte die Wiederherstellung der Pader'bonner Annalen, einer verlorenen, sehr wichttgen Quellenschrift des 12. Jahrhunderts. Andere Studien widmete er vielumstrittenen Dokumenten, die für das Verhältnis von Staat und Kirche von Bedeutung sind. Seine Florentiner Geschichtsstudien führten ihn auch den toskanischen Dichtern zu, Dante und Boccaccio, Scheffer-Boichorst war unvermählt.
— Aus Würzburg wird geschrieben: Der Professor für Chemie Tr. Wilhelm W i s l i e e n u s hat den an ihn ergangenen Ruf als Direktor an das Reichsgesundheitsamt in Berlin abgelehnt. — Aus Halle wird berichtet: Die Landwirtschaftskammer der Provinz Sachsen berief zu Nachfolgern des verstorbenen hervorragenden Fachmannes B. Märcker Dr. Scheidewind und Tr. Ludwig B u h r i n g hier beides langjährige Mitarbeiter Märckers.
— Als Nachfolger des Prof. Roethe in Göttingen, der nach Berlin geht, ist der Professor für deutsche Sprache und Litteratup und Litteratür E. S ch r ö d e r in Marburg in Aussicht genommen. Sollte Prof. Schröder Marburg verlassen wollen, so dürfte das dortige Ordinariat vermutlich dem bisherigen a.-o. Pro- fessor Max Noediger in Berlin angeboteu werden.
Gerichtssaal.
M. Gießen, 21. Jan. Strafkammer. Den Vorsiß führte Landgerichtsral Müller, die Anklagebehörde vertrat Gerichtsassessor Tr. Hetzel. — Die aus der Samstagsverhandlung wieder aufgenommene Privatklagesache, die unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit verhandelt wurde, wird in der heutigen Sitzung nach längerer Verhandlung vorläufig ausgesetzt, bis ein gegen den Hauptzeugen schwebendes Meineidsverfahren beendigt ist. — Der Maurer Karl Becker II. aus Nieder-Ohmen hat einem anderen im Verlaufe eines Streites, den er auf offener Landstraße mit demselben anfing, mehrere Stockhiebe versetzt und ihm eine blutende Wunde im Gesicht beigebracht. Die vorn Schöffengericht Grünberg gegen den Angeklagten verhängte zweimonatliche Gefängnisstrafe wurde mit Rücksicht auf die Unbestraftheit des Angeklagten aus einen Monat herabgesetzt. — Erne zweite Verhandlung wegen Körperverletzung, die in erster Instanz mit der Freisprechung des Angeklagten — des Karl Mickel ans Borsdorf — geendet hatte, führte infolge einer für den Angeklagten ungünstigeren Beweisaufnahme in zweiter Instanz zur Verurteilung desselben zu einer Geldstrafe von 20 Mk., eventuell 4 Tage Gefängnis. — Der Polizeidiener und Feldschütze Heinrich Schäfer II. aus Eulersdorf ist der Begünstigung int Amte, sowie der vollendeten und versuchten Erpressung angeklagt. Anzeigen wegen Feldfrevels, zu denen er verpflichtet war, hat er erstattet ober unterlassen, je nachdem die Betreffenden seiner Aufforderung nachkamen, Drescharbeiten zu feinen Gunsten unentgettlich aus- zusühren ober die Voranzeigung zu gewättigen. Ein Ortseinwohner hat unter der Einwirkung dieser Drohung einen Tag für den Angeklagten gearbeitet, ein anderer weigerte sich uno wurde vor- angezeigt. Die Anklagebehörde beantragte Verurteilung zn einer zweimonatlichen Gefängnisstrafe. Das Gericht vettagte die Verkündigung ber Entscheidung aus Dienstag den 28. Januar. — Die Ehefrau Port von Ober-Rosbach ist wegen Diebstahls von dem Schöffengericht Friedberg zu zwei Wochen Gefängnis verutteill worden; ihre Berufung gegen dieses Urteil wird verworfen, da nach wie vor festgestellt werden konnte, daß die Angeklagte gelegentlich eines Besuches bei einer Nachbarin den Geldbetrag von 11 Mk. aus, einer unverschlossenen Kommode entwendet hat. — Der Nachtwächter Konrgd Volkmar aus Vadenrod ist des Er- pressungsversuches angeklagt. Als er wegen einer Uebertretung einen Strafbefehl erhielt, suchte er einen Andern zu dessen Bezahlung zu nötigen unter der Drohnng, daß er ihn sonst wegen eines angeblich von ihm begangenen Diebstahls anzeige. Da der Bürgermeister dem Angeklagten das Zeugnis eines besonnenen, verständigen Menschen ausstellte, zweisette das Gericht nicht, daß der Angeklagte — zudem ein verpflichteter Beamte — sich der Rechtswidrigkeit seiner Handlungsweise bewußt gewesen war. Es verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von zwei Wochen. — Der 15jährige Andreas Brendel aus Obererlenbach hat aus Mutwillen ein Brückengeländer in der Nähe von Obererlenbach teil- weise beschädigt. Mit Rücksicht auf seine Jugend wurde ber Angeklagte nur zur Strafe des gerichtlichen Verweises verurteilt. — Der Gewerkschaftsdiener Emil Freund zu Gießen hat sich ein Paar, dem früheren Bergwettsdirektor Patsch gehörige Jagdstiefel, die er in Besitz hatte, widerrechtlich angeeignet. Auf der Straße wurde er von dem Schuhmacher, der die Stiefel verfettigt hat, mit denselben betroffen und alsoalb angezeigt. Das Schöffengericht Gießen hatte ihn wegen Unterschlagung zu zwei Wochen Gefängnis vettitteilt. Dieses Urteil wirb von ber Berufungsinstanz ausrecht erhalten. — Auf eingelegte Berufung wird das Urteil 1. Instanz, das der Konrad L a ch m a n n aus Lauterbach wegen Diebstahls au vier Wochen Gefängnis verurteilt hat, dahin abgeänbert, baß die Strafe auf eine Woche herabgesetzt roirb.
Wiesbaden, 19. Jan. Eine höchst frivole Jntrigue hat die Wtttwe Amalie Blumner von hier gegen einen hiesigen Geschäftsmann gesponnen, mit dessen Familie sie befreundet war. Als bei der Familie Zwistigkeiten ausbrachen, schlug sie sich auf die Seite ber erwachsenen Söhne und gefiel sich nun darin, dem Vater fortgesetzt anonyme Postkarten des gemeinsten Inhalts zu schreiben. Den Gipfel barin gereichte am 8. Juli v. I., an welchem Tage sie ihrem Dienstmäbchen einen Brief voll der gröbsten Schmähungen diktierte, und sich den Brief dann selbst durch die Post zustellen ließ. Tann schickte sie diesen Brief ber Staatsanwaltschaft, bezeichnete den oben erwähnten Geschäftsmann als Schreiber und beantragte dessen Bestrafung. In ber heutigen Sitzung ber Strafkammer beantragte ber Staatsanwalt für diese „bodenlose Frivolität", zu der die Angeklagte von einem Sohne des sälschlich Angeschulbigten bestimmt worden sein will, 10 Monat Gefängnis. Die Strafkammer erkannte auf fünf Monate und sprach dem fälschlich Angeschuldigten die Befugnis zur Urteilspubli-' kation zu.
Sport.
Paris, 20. Jan. Ter Minister des Innern hctt den Bürgen meister von Nizza darauf aufmerksam gemacht, daß Au t o m o b il° Wettfahrten auf französischem Boden untersagt find. Infolgedessen darf die geplante Wettfahrt Nizza—Abbazia, die bereits von den italienischen Behörden gestattet worden war, nicht statt finden.
Meteorologische Beobachtungen
________der Station Gießen.
Januar
Barometer auf 0° reduziert
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Absolute Feuchtigkeit
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Windrichtung
Windstärke
Wetter
21.
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5,4
6,5
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Regen
21.
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+
5,5
6,5
97
W.
2
Bed. Himmel
22.
756,4
+
5,9
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