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Zweites Blatt. 152. Jahrgang
Donnerstag SL. August 1SVS
SiehenerAnzeiger
M General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Der österreichisch- der italienische Bot- Noten bei der Pforte türkischen Blättern anfremde, schon verzollte
vor- Zoll-
hoff- „mit
Konstantinopel, 20. Aug. ungarische, der englische und schafter haben durch gleichlautende Protest eingelegt gegen den von gekündigten 2prozentigen Zoll auf
licher Minister stattfinden solle, um etwa noch handene Meinungsverschiedenheiten in den
Zwei Strömungen.
Aus Berlin schreibt man uns unterm 20. August: Die „Deutsche Tagesztg." sagt, daß die Preßäußerungen über den vermutlichen Nachfolger des Vorsitzcrwen des „Bundes der Landwirte", Frhrn. v. W a n g e n h e i m , die „zuständigen" Bundesorgane „völlig kalt lassen". Tann wäre also die Stimmung im Vorstand des ,Mmdes^ eine andere als in den Kreisen der Mitglieder. Dort bringt man den Zeitungsmeldungen über die Entwickelung der Angelegenheit lebhaftes Interesse entgegen, und es wäre darnach der „Dsch Tagesztg.", dem führenden Blatt des „Bundes", nicht bekannt, daß unter den Mitgliedern der Wunsch an Boden gewinnt, es möchte zum Nachfolger des Frhrn. v. Wangenheim, kein Groß-, sondern ein mittlerer Grundbesitzer, und zwar aus „Westelbien", berufen werden. Man wünscht dies im Hinblick auf die allrnählich eingetretene Verschiebung in der Zusammensetzung des „Bundes", in dem jetzt der mittlere und kleine Grundbesitz des westlichen Deutschland den ostelbischen Großgrundbesitz überwiegt. Es bestehen also zwei Strömungen. Bei der Ersatzwahl für Frhrn. v. Wangenheim wird sich zeigen, welche von beiden die stärkere ist.
Vom ftanzösischeu Kulturkampf
liegen heute nur spärliche Nachrichten vor. In Saint Meen hat die Volksmenge das dem Grafen d'Estournelles gehörige Schloß Craans angegriffen. Tie Dienerschaft wurde gefesselt und das Innere des Schlosses verwüstet. Unter Vorsitz von Francois Coppee und der Baronin Reille faicd in Paris ein Protestmeeting statt. Am Schlüsse einer Ansprache forderte Coppee die zahlreich erschienenen Zuhörer aus, die Steuerzahlung zu verweigern. Ter Kabinettschcs hat ferner ein Schreiben des Grafen Ozhier erhalren, worin dieser mitteilt, daß auch, er entschlossen sei, keine Steuern mehr zu bezahlen und sich schlimmsten Falls mit der Waffe in der Hand verteidigen werde. Ter Präfekt von Brest hat dem Kabinettsches seinen amtlichen Bericht über die Vorgänge in St. Meen, Folgoöt und Ploudaniel zugesandt. Der Präfekt befürwortet darin die gerichtliche Verfolgung gegen eine Anzahl Royalisten wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Unter den Betreffenden befinden sich u. a. der Priester Talin und ein früherer Artillerie-Offizier.
Nach einer Meldung aus London besuchte die Königin mit dem König die französischen Benediktinerinnen, die sich in Cowes niedergelassen haben. Das Königspaar verweilte über eine halbe Stunde bei den Nonnen. Das sieht wie eine englische Herausforderung aus und wird in Paris ebenso verstimmen, wie die mitgeteilten Entschließungen des chweizerischcn Bundesrats dort erfreut haben.
Die Aurengenerale.
In Utrecht kamen am 20. d- M. die Burengeneräle an und wurden von einer großen Menschenmenge bejubelt, welche die Transvaalhymne anstimmte. Die Begrüßung geschah durch Professor de Louter namens der Südafrikanischen Vereinigung, durch Klaarmann vom christlich-nationalen Burenkomitee und de Beer für die israelitische Gemeinde von Utrecht. Die Gencräle fuhren zunächst ins Hotel und darauf zu Krüger, wo sie zwei Stunden verweilten. An der Konferenz nahmen noch teil: Wessels, Wolmarans, Fischer, Reitz, Dr. Leyds, Debruyn, Grobler und Feretra. Am Nachmittag fand eine weitere Konferenz statt, ohne Krüger. Wie verlautet, bildete die Besprechung der Schritte, welche die Generäle in England zu unternehmen gedenken, die Veranlassung zu den Konferenzen. Um 5 Uhr gingen die Generäle und die Deputation nach dem Haag zurück.
Neben spaltenlangen Berichten über den rauschenden Empfang der Burengeneräle in England brachten dieser Tage Londoner Blätter auch einzelne kleine Züge von ihren Persönlichkeiten. Ta wird erzählt, daß General Louis Botha nach dem Kriege ein „merkwürdiges Erlebnis" hatte.
Waren, die von einem türkischen Hafen in einen anderen transportirt werden. Die übrigen Botschafter werden sich dem Proteste anschließen.
New-Port, 20. Aug. Der „New-Pork Herald* meldet aus Willemstad vom 19. August, Deutschland, England und Frankreich erhoben vereint gegen die Blokade der venezolanischen Häfen Einspruch. Venezuela wird morgen antworten.
Ausland.
London, 20. Aug. Der Schah von Persien ist nach Portsmoth abgereist. Er wurde dort vom Könige empfangen und begab sich sodann mit diesem an Bord der königlichen Pacht.
— Ein Telegramm aus Lissabon meldet: Die mit Lord Miln er gepflogenen Unterhandlungen umfassen angeblich den Abschluß des Zolltarifoerbandes zwischen den portugiesischen und den britischen Häfen in Südafrika, sowie die Abtretung eines ansehnlichen Landstriches für die projektierte Eisenbahn von der Swazilandgrenze nach der Küste.
fragen auszugleichen.
Diese Meldung wird von der „Kreuzztg." im nungsvollen Sinne aufgefaßt und dementiprechend Genugtuung begrüßt." Tas konservative Organ erwartet bei dieser Gelegenheit eine Revision des Standpunktes zu den landwirtschaftlichen Zöllen. Ohne Konzessionen der Regierungen sei der ganze Tarif für die konservative Partei unannehmbar, lieber die landwirtschaftlichen Zölle aber bedarf es bekanntlich keiner Aussprache der Minister mehr. Aus allen größeren Bundesstaaten ist ja doch die wiederholte, präzise Erklärung gekommen, daß die Mindestzölle des Tarifs unbedingt „die Grenze" der Zugeständnisse darstellen. Es kann und wird sich bei der neuen Ministerkonferenz wesentlich nur darum handeln, wieweit den Beschlüssen der Zollkommission auf Abänderung industrieller Tarispositionen ftattzugeben ist. All) glicherw eise wird auch hier das Festhalten am Regierungsentwurf vereinbart werden, damit die Landwirtschaft nicht über Zurücksetzung gegenüber der Industrie klagen kann.
Neue Steuern?
Tie Finanznot des Reiches ist durch die gestern von uns wiedergegebenen Mitteilungen des „Reichsanz." in grelle Beleuchtung gerückt worden. Ein Fehlbetrag von rund 48y2 Millionen Mark ist auch bei dem Riesenetat des Reiches keine Kleinigkeit, und es mindert den Schrecken nur wenig, daß ein noch größeres Defizit vom Schatzisekretär Frhrn. v. Thielmann in Aussicht gestellt "worden war. Prophezeiungen werden selten tragisch gen nommen; man hat geglaubt, daß Pessimismus die Schätz? ung beeinflusse, oder daß das Reichsschatzamt den Reichstag bei freigebigen Anwandlungen, wie gegenüber den Kriegsinvaliden, ernüchtern wollte, indem es immer wieder konstatierte, das Reich habe kein Geld, um generös zu sein. 9hin ist die ganze unerfreuliche Wahrheit am Tag. Ein bisweilen offiziöse Fühler ausstreckendes Berliner Blatt deutet an, daß zur Zollvorlage die Sorge für die Herstellung des Gleichgewichts im Etat komme, wo ein Ausgleich nur durch Einführung neuer oder erhöhter Steuern geschaffen werden könne. Steuern — das ist ja stets der Weisheit letzter Schluß. Aber wir möchten bezweifeln, daß dergleichen Pläne im Werke sind. Weder ist im Reichstag „Stimmung" vorhanden für eine Erhöhung bestehender Steuern — die Börsensteuer-Erhöhung hat, wie sich erweist, alle Kalkulationen vollständig enttäuscht — noch für die Erschließung neuer Steuerquellen. Graf Bülow hat die Kanalprojekte in Preußen vertagt, er wird auch die Steuerprojekte vertagen, um dem Zolltarif nicht noch mehr Hindernisse in die Quere zu legen. Auf andere Weise muß der Ausgleich zwischen dem Bedarf und den eigenen Mitteln des Reichs erzielt werden. Das Wie ist Sache der Sachverständigen, die sich nicht ungerne „Finanzkünstler" nennen hören. Wohlan, so mögen sie chre Zkunst zeigen.
Deutsches Keich.
Berlin, 20. Aug. Der in Krakau erscheinende „Csas* meldet, daß Kaiser Wilhelm demnächst in Jaworzimr eintreffen werde, um in den Karpathen auf Steinböcke zu jagen. Das Jagdgebiet ist Eigentum des Fürsten Hohenlohe.
— Zur persönlichen Sicherheit des Kaiserpaares während seiner Anwesenheit in Posen werden die weitestgehenden Vorkehrungen getroffen. Die Fremdenlisten der Hotels werden von Polizeibeamten einer regelmäßigen Revision unterzogen, wobei streng darauf geachtet wird, daß Fremde sich hinreichend legitimieren können.
— Der Kaiser sandte an die Witwe des verstorbenen sächsiscken Kriegsministers Edler v. d. Planitz ein in herzlichsten Worten gehaltenes Kondolenzschreiben.
— Der „Düsseld. Generalanz." erzählt, zum Besuch des Kaisers auf der Düsseldorfer Ausstellung seien die Worte „Freie Kun st" über dem Portal der Neuen Gemäldeausstellung entfernt und durch eine Guirlande ersetzt worden.
— Bei seinem Aufenthalt in Potsdam und Berlin wird der König von Italien auch das Mausoleum in Char- lottenburg und die Friedenskirche in Potsdam besuchen, um an den Ruhestätten Kaiser Wilhelms I. und Kaiser Friedrichs III. Kränze niederzulegen.
— Der „Post" wie einem belgischen Blatte zufolge bestätigt sich die Nachricht, wonach in dem Streit um den Besitz des Kiwusees eine Entscheidung zu Gunsten Deutschlands getroffen worden sein soll.
— Wie die „Tägl. Rundschau" aus angeblich sicherer Quelle erfährt, wird der Kriegsminister v.Goßler nach den Manövern zurücktreten. Ueber seinen Nach« folger ist noch nichts bekannt.
Fulda, 20. Aug. (Bischofskonferenz.) Ander episkopalen Eröffnungsandacht heute nahm in der Boni- fatiusgruft des Doms auch die Landgräfin von Hesse n, z. Z. auf Schloß Adolfseck, teil. Um 9 Uhr vereinigten sich die Bischöfe im Saale des Priesterseminars zur ersten Sitzung, welcher der Kardinal Fürstbischof Dr. Kopp aus Breslau präsidierte. Die Herren verhalten sich durchaus nicht abgeschlossen, sondern bewegen sich häufig in der Stadt. Das meiste Aufsehen erregt unser fiüherer Bischof Dr. Kopp in seinem roten Kardinalshut und roten Talar.
Stuttgart, 20. Aug. Die Fleischverteuerung veranlaßt auch unsere Stadtverwaltung zu Vorarbeiten behufs Untersuchung der Ursache der Erhöhung der Fleischpreise, sowie zur Prüfung von Gegenmaßnahmen. In nächster Zeit wird dem Gemeinderat zur weiteren Behandlung in seiner inneren Abteilung ein umfängliches Schriftmaterial über die Fleisch- Preise zugehen, das im Auftrage der Stadt Dr. Roessger vom Statistischen Amt auf einer dreiwöchentlichen Reise an den mit Stuttgart verglichenen Märkten wie München, Leipzig, Dresden, Chemnitz usw. gesammelt hat.
Politische Tagesschau.
Der Kaiser und die „öffenlliche Meinung".
Entgegen den Mitteilungen der „Nationall. Korr." macht die „Elb. Ztg." folgende Angaben über die Art, wie sich der Kaiser über Die öffentliche Meinung unterrichte:
„Se. Majestät las in früheren Jahren regelmäßig mehrere Zeitungen, später nur noch gelegentlich, jetzt gar nicht mehr. Der Monarch wird jetzt über die öffenlliche Meinung fast ausschließlich durch Zeitungsausschnitte unterrichtet, die von einem gewissen einflußreichen Hofbeamten redigiert werden. Dabei ist es beispielsweise vorgekommen, daß Meinungsäußerungen des sozialdemokratischen „Äw- wärts", die in einem agrarischen Blatte unter deutlicher Quellenangabe zitiert wurden, als von dem agrarischen Blatt herrührend dem Kaiser vorgelegt wurden. Die einleitenden Worte der Notiz „Der „Vorwärts" schreibt" — waren weggeschnitten worden. Wie weit und ob hierbei eine gewisse Absicht vorlag, kann natürlich nicht fest- geftellt werden. Jedenfalls hat Frhr. v. Wangenheim wiederholt im Reichstage und in Bundesper sammlungen darüber gellagt, daß dem Kaiser von interessierter Seite Zeitungs- ausschnitte in die Hände gespielt würden, die die agrarische Bewegung dem Monarchin in ungünstigem Lichte schilderten. In letzter Zeit ist beispielsweise Se. Majestät der vielbesprochene Demagogen- arttkel des Herrn Schweinburg, der die Opposition des Bundes gegen die Regierung scharf kritisierte, als Ausschnitt des „Wehlauer Kveisplattes" nach Norwegen nachgesandt und dem Kaiser unterbreitet worden. Was die sogenannte „Fürstenkorrespondenz" anbelangt, so giebt diese nur solche Preßäußerungen toieber, die an den verschiedenen Höfen keinen Anstoß erregen können. Es fällt ihr gar nicht ein, etwa Bemerkungen aus sozialdemottatischen, freisinnigen oder süddeutsch-bauernbündlerischen Zeitungen abzudrucken. Gerade in diesen Organen aber ist das Kaisertelegramm an den Prinzregenten aus das schärfste kritisiert worden."
Graf Bülow und die Bundesstaate».
Unter dieser Überschrift giebt die „Münch. Allg. Ztg." eine Zuschrift wieder, in der es heW:
„Wie nachträglich bekannt wird, ift bei dem letzten Besuche des Reichskanzlers in Bayreuth auch die Politik nicht ganz fern geblieben. Graf Bülow ist in Bayreuth mit dem ihm befreundeten leitenden badischen Minister, Staatsminister v. B r a u e r zusammengetroffen. Zwischen den beiden Staatsinännern haben mehrfache Besprechungen stattgefunden, in denen nicht allein von Parsifal die Rede gewesen ist. Man geht in der Annahme nicht fehl, daß diese Besprechungen auf mehrere Vorgänge in der Zolltarif-Kommission ausgedehnt wurden, die damit vollständig beglichen worden sind. Aus den Worten des Reichskanzlers ging hervor, daß er, wie er stets ein vertrauensvolles Einvernehmen mit den Bundesstaaten gepflegt habe, auch bei der Weiterberatung der Zolltariffragen dieses Vertrauensverhältnis nicht aus den Augen verlieren werde."
Offenbar wird hier auf die Meinungsverschiedenheit des Grasen Posadowsky und des badischen Vertreters über den Zoll auf Ziegelsteine angespielt. Weiter heißt es, daß im Ottober eine erneute Konferenz bundesstaat
Die Ermordung des Dr. Ordenstein
in Paris, die besonders auch bei uns zu Lande großes Aufsehen erregte, sucht jetzt die französische nationalfftische Presse auf das politische Gebiet hinüberzuspielen. Wir haben bereits gemeldet, daß sie sich plötzlich mit der Unter- uchung wider d en Mörder des Arztes beschäftigt, die bereits abgeschlossen war, als der Mörder Chabaueix behauptete, Ordenstein gekannt zu haben und von diesem einen Brief zu besitzen. Die Nationalisttschen Blätter erklären daraufhin, der Botschafter Fürst Radolin habe den Untersuchstrngs- richter besucht, um auf ihn einzuwirken. In Wirklichkeit hatte die Botschaft sich nur um den Fall bekümmert, um auf Wunsch der Famllie Ordenstein die Auslieferung der Leiche zu erlangen. Tie Pariser Presse aber verlangt Aufklärung über die „Einmischung Rado lins". Ter Zweck ift offenbar, einen neuen Skandal anzuzetteln. Es wäre wünschenswert, daß die französische Regierung diesem sehr durchsichtigen Versuch der nattonallsttschen Hetzpresse energisch entgegenträte.
Die heutige Mmmer umfaßt 8 Seiten.
Die Hauptversammlung des zur Abstellung des Bettelns gegründeten Unterstützungsvereins (Armenvereins) in Gießen findet
Montag ben 25. August 1902,
vormittags 11*/, Uhr,
in dem Regierungsgebäude (Brandplatz), Zimmer Nr. 15, dahier statt und werden die Mttglieder hierzu eingeladen.
Tagesordnung.
1) Vorlage der Rechnung für 1901.
2) Feststellung des Voranschlags für 1902.
3) Beitrag zu den Kosten der Naturalverpflegungsstationen pro 1901/02 an die Kreiskasse.
4) Ergänzung des Ausschusses.
Gießen, den 20. August 1902.
Für den Ausschuß:
Mecum, Bürgermeister.


